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Wie der Wind in den Reisfeldern

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Kapitel 1

Es regnete.

Shichiroji hielt die Laterne hoch. Der matte Schein erhellte nur spärlich die Landkarte des Dorfes, die sie kürzlich angefertigt hatten. Vielleicht gab es noch Hoffnung für die Bauern. Die Chancen standen bisher relativ schlecht. Bauern ließen sich nicht über Nacht zu Soldaten ausbilden. Ihre Natur trugen sie nach außen hin, ihre Angst war ihr Mantel. Das war auch einer der Gründe, warum sie ein leichtes Ziel waren und sich ohne Gegenwehr ausnehmen ließen.

Die stete Angst um ihr eigenes Leben brannte sich von Geburt an in ihre Seele. Noch konnten sie jederzeit von einem Samurai - ehrbar oder nicht - auf offener Straße hingerichtet werden, sollten sie durch triviale Lappalien in Ungnade fallen.

Hinzu kam dann noch das Banditenproblem, der eigentliche Grund, warum sieben Samurai von den Dorfbewohnern selbst engagiert wurden.

Shichiroji und Kambei waren erfahrene Kriegsveteranen. Sie vertrauten einander blind, doch auch gegen eine nicht geeinte Dorfgemeinschaft waren sie machtlos. Die Probleme lagen hier nicht nur bei den Banditen.

Uneinigkeit und Eigennutzen bäumten sich gegeneinander auf.

Aber nach dem ersten gemeinsamen Kampf fingen sie an zu begreifen. Einen Kampf kann keiner als Einzelner gewinnen. Ein Kampf lässt sich nur als Einheit bewältigen.

Die Bauern waren zufrieden und beinahe glücklich über ihren kleinen Sieg. Zu glücklich.

Denn der Sieg war beinahe zu einfach.

Die Banditen bereiteten sich auf einen Hinterhalt vor. Sie würden diese Niederlage nicht einfach hinnehmen.

Shichiroji hielt den Schirm über der Karte etwas niedriger.

»Denkst Du nicht auch, dass wir besser reingehen sollten?«, fragte er Kambei, welcher abwesend an seiner Teeschale nippte.

»Du wirst doch nicht etwa bequem auf deine alten Tage?!« Kambei warf ihm einen leicht schelmischen Blick über den Schalenrand hinweg zu.

»Für deine puristische Veranlagung war ich schon immer zu bequem«, Shichiroji seufzte und ließ die Laterne sinken. Die silbernen Strähnen in Kambeis vollem Haar glitzerten verräterisch in ihrem matten Schein.

»Wenn du dich danach besser fühlst, können wir uns unter das Vordach zurückziehen«, schlug Kambei vor.

»Das ist besser als nichts«, entgegnete Shichi beinahe fröhlich.

Kambei rollte bedächtig die Karte zusammen und folgte seinem Freund zurück zu Rikchis Haus - dem Haus, das man ihnen als Quartier zugewiesen hatte.

Kambei ließ sich unter dem Vordach nieder. Shichiroji holte frischen, heißen Tee und gesellte sich zu ihm. Er goss ihm neuen Tee ein und schwieg. Normalerweise bedeutete Kambeis Schweigen für Shichiroji ein ungemein komfortables Zusammensein. Sie mussten sich nichts sagen, um im anderen lesen zu können. Doch heute haftete seinem Schweigen eine unergründliche Unruhe an. Kambeis Blick schweifte oft abwesend in die Ferne.

»Er wird sicher bald zurückkehren.« Obwohl Kambei schweigt, wusste Shichiroji, dass er genau den Nerv getroffen hatte. »Er ist ein wahrer Schwertkämpfer, wenn nicht der Talentierteste unter uns. Wenn er es nicht schafft, dann schafft es keiner von uns«, sprach er unbeirrt weiter.

Kambei strich sich nachdenklich über den Bart. »Talent ist nicht der einzige Aspekt, auf den sich ein Samurai stützen kann.« Er griff nach seiner Teeschale und wirkte resigniert als er über Rand seiner Schale blickte. »Ich werde zu alt für so was.«

Shichiroji lachte. Er lachte so laut, dass die Kinder auf der anderen Seite des Platzes zusammenschraken und sich in eins der Häuser verkrochen. »Ich vertraue dir, mein Freund, blind sogar, und ich glaube dir - sagen wir mal - fast jedes Wort, aber das glaube ich dir nicht!« Noch immer grinsend wischte er sich die Tränen aus den Augenwinkeln.

Der Regen hatte nachgelassen und durch den grauen Schleier brachen die letzten Sonnenstrahlen des Tages.

»Dann korrigiere ich mich. Ich werde müde. Der letzte Krieg hat mir alles abverlangt. Ich hatte mir geschworen, dem Krieg den Rücken zu kehren«, sagte Kambei mit der Schale an seine Lippen gesetzt. Seine tiefe Stimme versetzte seinen Tee in Unruhe. Kleine Wellen flohen kräuselnd von ihm weg, um am Rand der Schale zu branden.

In Shichirojis Blick spiegelte sich sanftes Mitleid wieder. »Und doch trägst du immer noch dein Schwert. Du kannst deine wahre Natur nicht leugnen.« Kambei sah zu ihm herüber. Shichiroji erkannte, dass Kambei sich gegen seine inneren Geister lehnte, aber wie er schon sagte: ein wahrer Samurai konnte sich nicht verstellen.

»Ich wurde überstimmt« sagte Kambei schließlich. Ein Lächeln zog an seinen Mundwinkeln. Es war ein trauriges Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.

»Du wirst nicht alt, du wirst einfach nur weich« sagte Shichiroji mit einem schelmischen Grinsen.

Kambei erwiderte die Geste, wenn auch nur halb so enthusiastisch. »Da bin ich hier nicht der Einzige.«

Shichiroji wusste durchaus, worauf Kambeis Anspielung zielte. »Yukino hat mich aufgelesen und gepflegt. Sie schickt mich nicht in den Krieg.« Er wandte den Blick von seinem Kameraden ab. Der Abend war noch jung und es gab so vieles zu sagen, das er nicht auszusprechen wagte. Shichiroji senkte den Blick. »Wie konntest du mich nur gegen meinen Willen in diese Kapsel sperren?«

Kambei schaute irritiert von seinem Tee auf. Diese Frage hatte er schon viel früher erwartet. »Du wärst gestorben, wenn ich dich da nicht rein gesetzt hätte...«

»Ich wäre lieber gestorben als mich von dir trennen zu lassen!« unterbrach Shichiroji ihn. Die Leichtigkeit und der Frohsinn, der ihn stets umgab, war wie weggewischt. Sein Blick war ernst und beinahe verbittert. Aus ihm sprachen Jahre des Unwissens und Verzweiflung.

Wenn seine Blicke etwas bei Kambei bewirkten, so ließ dieser es sich nicht anmerken. »Ich wollte deinen Tod nicht auf mich nehmen«, sagte dieser schließlich ohne dabei eine Mine zu ziehen. Man hätte meinen können, dass er über das Wetter spreche.

Eine unbequeme Stille umhüllte sie. Es hatte aufgehört zu regnen. Das Wasser tropfte vom Vordach und sammelte sich in matschigen Pfützen vor dem Haus.

»Es gibt Entscheidungen im Leben, die nicht in deiner Hand liegen und die es dir nicht zusteht, sie zu treffen«, sagte Shichiroji schließlich als er die Stille nicht mehr ertragen konnte. »Seit wann wusstest du über meinen Aufenthaltsort Bescheid?«

»Von Anfang an«, bekam Shichiroji prompt als Antwort. Der blonde Samurai zog hörbar die Luft ein. Alles hatte er erwartet, aber nicht das.

»Naja, nicht sofort von Anfang an«, fuhr Kambei fort. »Die ersten Wochen kann ich nicht rekonstruieren. Die Menschen, die mich fanden und gesund pflegten, sagten mir, dass ich hin und wieder aufgewacht sei und geredet hätte, aber der Fieberwahn hat alles davon geschwemmt. Es hat mich nach meiner Genesung vielleicht drei Wochen gekostet, dich zu finden.«

»Warum hast du dich nicht gemeldet?« fragte Shichiroji verbittert. Zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine tiefe Falte. Den Mund zu einer dünnen Linie zusammengepresst. Er beherrschte sich mühsam. Das Dorf war nicht der richtige Ort für diese Unterhaltung. Trotzdem musste er seine Antworten erfahren. »Fünf Jahre sind vergangen, Kambei...«

»Fünf Jahre, in denen du glücklich warst«, unterbrach Kambei ihn forsch.

»Dem Anschein nach!« Shichirojis Atem ging stoßweise als er seine Wut wieder herunterzuschlucken versuchte.

»Bist du nicht glücklich mit Yukino?«

Shichiroji schob die Augenbrauen zusammen. Er griff nach seiner Schale und schüttete den Tee mit einem Schluck herunter. »Du weißt genau, was ich meine.« So wie er es aussprach, wie seine Zunge jede einzelne Silbe umschmiegte als sei es das Letzte, das er jemals sagen würde - es klang trotz allem nicht wie ein Vorwurf.

Kambei schwieg. Mit zwei Fingern durchfuhr er seinen Bart. Der Duft des Regens wehte zwischen den Hütten und verkündete eine frühe Ernte. Die Luft war schwer trotz der frischen Brise. Die Ernte war nicht die einzige Botschaft, welche der Wind auf seinen Schwingen trug. Metall und Blut mischte sich bei, und wenn die Samurai scheiterten würde dieser Geruch lange an dem Dorf haften und die Ernte vergessen lassen.

Lange vergessene Schreie hallten auf den Wegen und hinter den Türen wider. Doch das waren nur die Geister, die Kambei seit jeher verfolgten. Er konnte die Erinnerungen in den Tiefen seines Bewusstseins verschließen, aber sie blieben immer ein Teil von ihm.

»Kannst du mir je wieder gegenübertreten ohne mir den Vorwurf zu machen, dich gerettet zu haben?« fragte er schließlich und verbannte die Schreie vom Kampffeld aus seinen Gedanken.

Shichiroji seufzte. »Ich kann dir nicht böse sein, nicht deswegen. Schließlich hast du mein Schicksal in Yukinos Arme geschickt«, sagte er schließlich resignierend.

Eine Weile verging. War dies die Gelegenheit über längst fällige Begebenheiten zu sprechen, so verstrich diese ungenutzt. Shichiroji schien damit weniger glücklich zu sein, aber schließlich hatte er ein Leben, zu dem er zurückkehren konnte, wenn dieser Kampf vorbei war. Wohin würde es Kambei ziehen, gesetzt den Fall, dass er die Schlacht überleben sollte?

Eine der Fragen, die er zu stellen unfähig war.

Sein Gegenüber hatte die Aufmerksamkeit längst wieder abschweifen lassen. Kambeis Blick war in die Ferne gerichtet, hinter den Wald, weit hinter der Schlucht.

»Was ist das für ein Schicksal, das dich an ihn bindet?« fragte Shichiroji und es war so eindeutig, dass er keinen Namen nennen musste.

»Bist du etwa eifersüchtig?« fragte Kambei mit einem neckischen Grinsen im Gesicht.

»Du weichst meiner Frage aus.« Shichiroji gab sein Bestes, empört zu sein, konnte aber seine Schamesröte nicht überspielen.

»Ich schulde ihm ein Duell.« Abwesend strich er über die Narbe, die er von ihrer ersten Begegnung davongetragen hatte.

Shichiroji fing an zu lachen, so laut und so beherzt, dass sich sein ganzer Körper darunter bog. »Du bist doch wohl nicht etwa des Lebens müde?« fragte er völlig außer Atem.

»Man könnte fast davon ausgehen.« Kambei warf seinem langjährigen Freund einen Seitenblick zu und zog eine Augenbraue hoch. »Aber ich habe nicht vor zu sterben - jedenfalls noch nicht.«

»Das könnte schwierig werden. Kyuuzou ist ein sehr geschickter Schwertkämpfer... und er ist dir um eine Klinge voraus«, wandte Shichiroji ein.

»Seine Technik ist nahezu perfekt und er ist schnell. Was sein Können betrifft, bin ich mir durchaus im Klaren, dass ich ihn nicht schlagen kann. Er weiß dies ebenfalls.« Kambei griff nach seiner Teeschale und goss nach. Der Tee war schon lange kalt geworden.

»Du wirst einen Sekundanten benötigen« sagte Shichiroji und lächelte wissend. Der Vorschlag war beinahe selbstverständlich. Shichiroji würde sich niemals diesen Kampf entgehen lassen wollen, auch wenn sein Freund jetzt schon schlechte Voraussagungen dazu machte.

»Darüber verschenke ich erst einen Gedanken, wenn dieser Krieg vorüber ist«, sagte Kambei und beide wussten, dass das keine Abweisung war.

Shichiroji legte den Kopf schief. »Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass euch mehr verbindet als du zuzugeben bereit bist.«

Kambei blieb ihm eine Antwort schuldig und richtete stattdessen seinen Blick wieder in die Ferne.

»Ich wusste, dass die Sache zwischen uns nicht ewig so weitergehen konnte«, sprach Shichiroji unbeirrt weiter. »Auch wenn ich dich immer noch liebe, weiß ich, dass du nicht mehr für mich sein kannst als mein Waffenbruder, der mir so oft den Arsch gerettet hat, dass ich es nicht mehr zählen kann.« Er unterbrach sich selbst und rieb sich verlegen das Kinn. Dabei versuchte er zu lächeln, auch wenn ihm danach sichtlich nicht zumute war. »Ich weiß, dass du mehr in dieses dünne Band legst als er es vielleicht von seiner Seite aus versteht. Du kannst dich nicht leugnen, denn deine Blicke verraten dich, mein Freund!«

Kambei schnaufte. »Dann muss ich mich wohl geschlagen geben!«

Shichiroji zeigte sich wenig überrascht, wenn auch die Erkenntnis zutiefst schmerzte. »Dann war meine Vermutung also berechtigt. Hast du es ihm gesagt?« fragte er und trank seinen Tee aus.

»Ja, das habe ich«, gab Kambei zu.

Shichiroji verschluckte sich daraufhin dermaßen, dass ein Überspielen seiner Reaktion unmöglich war. Das 'Nein!' kam mehr aus seiner Kehle gehustet. Was hatte Shichiroji auch anderes erwartet? Dass Kambei ein Leben wie ein Mönch führte?

»Als Ablenkungsmaneuver!« Kambei grinste, woraufhin Shichiroji fast erleichtert wirkte.

»Ich habe nichts anderes von dir erwartet!« Er fasste sich an die Stirn und fuhr sich mit der Hand verlegen in den Nacken. Dabei schüttelte er den Kopf wie jemand, der gerade ein Ammenmärchen gehört hatte.

»Er wirkte danach ziemlich verunsichert. Das war meine Chance, sonst würde ich heute nicht hier sitzen«, erklärte Kambei weiter.

»Du willst es also versuchen...?« Shichiroji wusste genau, dass er sich die Frage sparen konnte.

»Ich kann die Mission nicht gefährden!«

Sein blonder Waffenbruder warf die Hände gen Himmel in schierer Verzweiflung. »Ach, es ist doch immer dasselbe mit dir! Ich weiß, ich kann dir die Verantwortung nicht abnehmen, aber vergiss dabei nicht, den Moment zu leben! Du weißt, wie es im Krieg zugeht. Jede Stunde könnte deine letzte sein! Und unsere Chancen stehen mehr als schlecht...«

»Du gibst den Kampf auf, bevor er begonnen hat?« unterbrach Kambei ihn und kniff seine Augen zusammen.

»Du gibst dein Leben auf, bevor du es gelebt hast!« konterte Shichiroji. »Ist dir aufgefallen, dass er dich nicht anschaut, wenn er mit dir spricht? Er kehrt dir ganz bewusst den Rücken zu, obwohl der Rücken die verwundbarste Stelle eines Samurai ist. Vielleicht solltest du ihm demonstrieren, dass du seines Vertrauens würdig bist, denn er vertraut dir bedingungslos... Er weiß es nur noch nicht.«

»Hmm...«

Wenn Kambei mehr auf dem Herzen gehabt hätte, wäre er nicht mehr dazu gekommen es anzusprechen. Heihachi kam von seinem Posten zurück. Gut gelaunt wie eh und je, und vermutlich so hungrig wie ein Bär.

»Hier seid ihr also!« rief er von weitem herüber.

Kambeis Konzentration war sogleich wieder in eine einzige Richtung geleitet. Die Leichtigkeit des Gesprächs war wie weggewischt. So kannte Shichiroji seinen alten Kommandanten. Er beneidete und bedauerte ihn zugleich dafür.

»Wie sieht es aus?« wollte Kambei wissen. Er war aufgestanden und überragte Heihachi um anderthalb Kopflängen.

»Die Bauern sind zuversichtlich! Sie haben endlich verstanden, wozu sie imstande sein können, wenn sie alle an einem Strang gemeinsam ziehen!« Trotz seiner guten Laune wirkte Heihachi erschöpft. Außerdem war er patschnass, weil er die ganze Zeit im Regen gearbeitet hatte.

»Sehr gut. Nimm dir deine Ration und ruh dich aus.« Kambeis Tonfall klang nur noch halb so scharf wie eben.

Heihachi spielte mit dem Gedanken zu widersprechen, besann sich dann aber eines Besseren. Er gähnte ganz laut und streckte sich als er durch die Tür verschwand.

Shichiroji war neben Kambei getreten. Seine mechanische Hand lag kalt auf Kambeis Schulter. »Du solltest deinen Untergeordneten ein Vorbild sein und deinem eigenen Befehl Folge leisten. Sollte er noch diese Nacht zurückkehren, wirst du sowieso als Erster davon erfahren.« Als er daraufhin keine Reaktion bekam, setzte er grinsend hinzu: »Solltest du dich weigern, muss ich es in Betracht ziehen, dich deines Amtes zu entheben...!«

Kambei seufzte. »Du lässt ohnehin nicht locker... Ein paar Stunden Schlaf würden durchaus nicht schaden. Weck mich, wenn's was Neues gibt.«