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Heavenly Jade Pavilion

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~*~

 

Sie saßen auf den von der Sonne den ganzen trägen Nachmittag lang gewärmten Holzplanken des Balkons
und aßen Kirschen, von denen noch das Wasser perlte, aus einer kleinen weißen Schale die zwischen ihnen
stand. Touen, zwei Wochen noch siebzehn, mit einer schlichten Kurzhaarfrisur die die blonden Strähnen bändigte,
saß an der Kante und baumelte heftig mit den Beinen während er in den kleinen Zengarten hinunterblickte, der
sich wild und romantisch und wohlgepflegt vor ihnen erstreckte. Sobui, der älter war, aber ebenfalls noch sehr jung
aussah, das Gesicht ein wenig weicher, die Augen ein wenig heller, der Körper ein wenig ausgewachsener, genoss
auf die Seite gelümmelt, ein Bein aufgestellt und auf den Ellenbogen gestützt die laue Luft des Abends und zog mit
vernehmbarem Ploppen eine weitere süße, rote Frucht zwischen die schon vom Fruchtsaft gefärbten Lippen.
Sie sahen sich auf den ersten Blick ähnlich, Sobuis Haar war ein wenig länger aber sie hätten Brüder sein können,
und nur eine Tatsache trennte sie um Welten, denn während Touen mit der unsicheren Angespanntheit eines
ahnungslosen Heranwachsenden in den kleinen ruhigen Teich und auf die roten Ahornblätter spähte, lag Sobui
gelassen und in abgeklärter, zufriedener Ruhe da und genoss seine freien Stunden.

“Ich denke du solltest dir Harasaki aus dem Kopf schlagen.”, meinte letzterer, und ließ mit einem klingenden Geräusch
den Kern in das Glas fallen, das inzwischen halbvoll schon mit grünen Stilen und fruchtfleischnassen Kernen neben
der Schüssel stand.
Ein tiefes lautloses Seufzen ging durch den Jüngeren, und er kratzte mit den Fingernägeln am warmen Holz.
“Ich sage das nicht weil ich es nicht verstehe... ich kann verstehen wie du dich fühlst. Aber es hat keinen Sinn,
du verletzt euch beide damit. Er liebt dich, und das wird er auch immer tun, egal was du machst, zwing ihn nicht
körperlich zu werden. Es wäre für ihn als müsste er mit seinem eigenen Sohn schlafen. Er ist ein guter Mann-..”
“Ich weiß.”

Touen verzog etwas das Gesicht und zog ein Bein an den Körper, schlang die Arme darum für ein wenig Halt,
ohne den Blick von dem Garten unter ihnen zu nehmen, wo die Natur sich langsam, von einem warmen Spätsommer
besänftigt, darauf vorbereitete, sich dem Herbst zuzuwenden.
“Wie war dein erstes Mal?”, fragte er.

Sobui schnaufte belustigt.

Touens warf den Kopf zu ihm herum und große sturmblaue Augen blickten fragend. Die Unsicherheit dahinter
wuchs in letzter Zeit und würde auch bis in zwei Wochen nicht abnehmen. Die Uhr tickte.
“Du musst hier nicht bleiben, weißt du.”, meinte Sobui sanft und nahm eine neue Kirsche, seine Wange beulte
sich aus unter der süßen Frucht und seine Augen ruhten auf der friedlichen Natur.
“Harasaki würde dich mitnehmen...”

“Toll. Natürlich bleibe ich hier. Hier sind alle die ich kenne. Es ist schwer draußen Arbeit zu bekommen, und es ist
gefährlich, es sind noch zu viele Unruhen. Und Harasaki ist zu alt für jeden beliebigen Job...”, ungeduldig wippte
ein Paar schlanker Beine.
“Sag schon, wie war es bei dir.”

“Ich hatte Sorai. Du kennst ihn?”
“Ja...”, Touens Augen wurden groß. “Mit den dunklen Haaren? Der Große? Er sieht nicht aus wie ein Hustler...”

“Er hat oft jüngere Kunden. Wir sind ein bisschen befreundet. Er hat sich um mich gekümmert als ich herkam.”
“Er ist ein stiller Typ, oder? Er sitzt nie mit uns draußen...”
“Er hat seine Räume drüben auf der anderen Seite, im dritten Stock.”
“Und, wie war es?”
“Er hat viel Erfahrung. Er war sehr liebevoll.”
Sobui zuckte beiläufig eine Schulter.

“Und was war-...”
“Es hat trotzdem irgendwie weh getan...”, Sobui lächelte, “Ich war ein reines Nervenbündel als ich hier ankam,
völlig verängstigt. Er ist gut..! Es hat ungefähr zwanzig... fünfundzwanzig Mal gebraucht bis ich bereit war,
Kunden zu empfangen. Ah, du gewöhnst dich daran!”

Touen, der Junge mit den schmaleren Gliedern sah besorgt zu ihm hin und wischte sich dann eine träge
umhertanzende Mücke aus dem Gesicht.
Langsam wandte sich sein Kopf wieder dem Garten zu.
“Ich weiß einfach nicht was ich tun soll.”, flüsterte er. “Die Zeit wird immer knapper, aber je mehr ich mich
entscheiden muss desdo weniger kann ich es...”

“Du bist nur aufgeregt... es gibt viele liebe Hustler im Garden... gibt es niemandem dem du ein bisschen vertraust..?”

Touen blickte auf seine Zehenspitzen.

 

“Was ist mit Ginchou? Er nimmt sich sicher Zeit für dich. Geh zu ihm und rede mit ihm...”

“Ich möchte ihm nicht zur Last fallen...”

“Touen. Du fällst ihm zur Last wenn deine hübsche Hinterpforte länger als geplant verschlossen bleibt und du
keine Gäste empfangen kannst weil du lieber ein Kind bleiben willst. Es ist sein Job. Geh und rede mit ihm,
er hört dir zu. Er weiß wie es ist.”

Der Junge im Yukata warf noch einen Blick hinüber zu den Kirschen, dann erhob er sich und ging mit festen
Schritten zurück, schob die Tür auf und ging in der Kühle des Hauses unter.

Sobui blickte auf die Sonne und seufzte tief. Seine freie Zeit war bald vorbei. Er sollte besser ein heißes
Bad nehmen vorher. Und sich waschen. Besonders gründlich.

 

~*~