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Der Mann ohne Gesicht

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„Schaut mal! Endlich kommt die Sonne raus!” Peter deutete durch die Windschutzscheibe nach vorne. Das hätte er sich eigentlich sparen können, denn die tiefstehende Sonne brachte die regennasse Straße vor ihnen nun regelrecht zum Glühen, sodass Bob konzentriert die Augen zusammenkniff, um überhaupt noch etwas sehen und die Spur halten zu können. 

„Heißt wohl, dass der Sturm jetzt endgültig vorbei ist”, sagte er und zog etwas die Schultern hoch. „Hätte auch früher rauskommen können. Es war echt saukalt bei der ganzen Sache und der Nieselregen hat nicht wirklich geholfen.”

Er warf einen vielsagenden Blick in den Rückspiegel und starrte finster abwechselnd eine kleine Truhe an als müsste sie ihm gleich Rede und Antwort stehen - und Justus, der neben ihr saß und ganz unauffällig seinem Blick auswich. 

Peter ließ sich mit einem erschöpften Seufzen wieder zurück in seinen Sitz fallen.

„Ich bin nur froh, dass wir uns entschlossen haben Inspektor Cotta nicht anzurufen. Der hätte uns ausgelacht.”

„Naja, zu dem Zeitpunkt wussten wir ja noch nicht, dass das Ganze kein lang verschollener Schatz eines Piratenschiffes ist, sondern nur die Überreste eines Kindergeburtstages…”, murmelte Justus und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Spitzen seiner Ohren liefen leicht rosa an. Peinlich war es ihm jedenfalls auch. 

„Ich hätte aber gern dein Gesicht gesehen, wenn du vor Cottas Augen die Schatztruhe geöffnet hättest und darin nur Schokoladen-Dublonen und Plastikkronen gewesen wären”, kicherte Peter leise und Justus sank noch etwas tiefer in seinem Sitz zusammen. 

„Ist ja nicht meine Schuld, dass dieser Sturm uns erst die Pläne fürs Wochenende davon wirbelt und wir heute zum ersten Mal wieder das Haus verlassen können. Meine Fantasie ist eben etwas mit mir durchgegangen”, verteidigte er sich schließlich. „Außerdem können wir uns glücklich schätzen. Cotta war beim letzten Mal nicht wirklich angetan von unserer Arbeit. Dieses Mal hätte er uns vermutlich sofort mit auf die Wache genommen und hätte uns noch eine Anzeige wegen Verschwendung von polizeilichen Ressourcen aufgedrückt…”

Bob nickte nur. Auch ihm kam die letzte Begegnung mit Cotta wieder ins Gedächtnis. Der Inspektor war mehr als kurz angebunden gewesen und hatte nicht wie sonst am Ende noch ein paar lobende Worte für sie übrig gehabt, nachdem er seiner Wut Luft gemacht hatte. Begründet hatte er es dieses Mal alles mit Stress, was nicht unüblich für ihn war, doch selbst dann fand er immer noch ein paar Reste seiner guten Laune, wenn er Justus, Peter und Bob wieder aus seinem Büro scheuchte. Davon war vor ein paar Wochen allerdings nichts mehr zu spüren gewesen.

„Also vielleicht umso besser für ihn, dass wir uns länger nicht mehr gesehen haben - ob er uns wohl mittlerweile vermisst?”, grinste Peter und Bob musste unwillkürlich lachen, verschluckte sich aber beinahe daran, als er auf der regennassen Straße fast von ihrer Spur abkam und Justus ordentlich durchgeschüttelt wurde.

Lautstark wurde sich von der Rückbank beschwert, doch Justus war zu sehr damit beschäftigt, den Inhalt der Schatztruhe wieder von sich herunter zurück in die Truhe zu befördern und sich dann, als er sich sicher war, dass niemand ihn beobachtete, einen von den Schokoladentalern in den Mund zu stecken. 

Seit dem ganz frühen Morgen waren sie auf den Beinen und zu der abgelegenen Bucht gefahren, an der sie am Wochenende eigentlich hatten campen wollen. Durch den Hurricane waren ihre Pläne allerdings zu einem einfachen, verregneten Tagesausflug geschrumpft, der in der abenteuerlichen Bergung der Schatztruhe gegipfelt hatte. Oder zumindest war sie so lange abenteuerlich gewesen, bis Justus leise seine Zweifel angebracht hatte, dass die Schatztruhe doch sehr billig aussah und er nach genauerem Hinsehen auch der Karte eine gewisse Ungenauigkeit nicht absprechen konnte.

Ihm war nicht nur kalt, er war auch noch nass und vor allen Dingen enttäuscht, dass sich seine Entdeckung nicht als spannender neuer Fall herausgestellt hatte. Denn eigentlich hatte er Tante Mathilda und Onkel Titus im Gebrauchtwarencenter helfen sollen, die Sturmschäden zu reparieren. 

Mit der Schlagzeile, er hätte einen richtigen, echten Schatz gefunden, hätte er sie vielleicht noch milde stimmen können, sich aus der Arbeit gemogelt zu haben, aber er bezweifelte, dass sie sich durch Schokolade und Plastikringe beschwichtigen lassen würden. 

Plötzlich riss er die Augen auf. 

„Bob, kannst du noch an einem Supermarkt halten, bevor du mich zuhause absetzt? Ich habe Tante Mathilda versprochen, dass ich auf jeden Fall noch Tomaten mitbringe! Und wenn ich das nicht zumindest schaffe, dann gute Nacht.” 

„Tomaten? Wozu braucht sie die denn?”, wollte Peter belustigt wissen. „Will sie dich an den Pranger stellen und damit bewerfen?”

Justus gab ein trockenes „Haha" von sich, das davon sprach, dass er die Vorstellung überhaupt nicht lustig fand und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Sie hat vor, heute Abend Lasagne zu kochen.” 

„Lasagne”, echoten Peter und Bob einstimmig, tauschten einen kurzen Blick miteinander und sahen in den Rückspiegel. „Glaubst du, sie hat noch Platz für zwei Gäste?” 



Gut gelaunt rollten sie eine Stunde später auf den Parkplatz vor Justus’ Haus, der sich etwas sicherer fühlte, nun, da er Peter und Bob an seiner Seite hatte, die hoffentlich Tante Mathildas Wut etwas besänftigen könnten. 

Lachend stiegen sie aus; Bob mit einer der Plastikkronen auf dem Kopf, die Peter ihm aufgesetzt hatte, und Justus mit der Tüte Tomate in den Händen - und erstarrten als die Tür sich öffnete und Mathilda auf der Veranda erschien. 

Anstatt, dass sich ihr Zorn jedoch wie ein wütendes Gewitter augenblicklich über ihnen entlud, bemerkte Justus sofort, dass etwas nicht stimmte. Ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf dem Gesicht seiner Tante und, als Bob vorsichtig nachfragte, ob alles in Ordnung sei, schüttelte sie nur den Kopf, schlug sich die Hand vor den Mund und winkte sie eilig herein. 

Die drei Fragezeichen warfen sich verwirrte Blicke zu, doch mit einem mulmigen Gefühl folgten sie ihr die Treppe hoch ins Haus. Mit Justus oder den Sturmschäden schien das alles überhaupt nichts zu tun zu haben, denn ansonsten würden sie nun mit beschämten Köpfen längst auf der Einfahrt stehen und wortlos alles erledigen, das Tante Mathilda ihnen aufgetragen würde. 

Vorsichtig lugte Justus um die Ecke. 

Onkel Titus saß am Küchentisch und starrte mit einer seltsamen Müdigkeit vor sich hin. Auf dem Tisch vor ihm lag ein geöffneter Brief und, als Justus’ Augen wie gewohnt auf Suche nach Details weiter schweiften, sah er die Packung Taschentücher, einen ungeöffneten Brief, der dem vor seinem Onkel glich, und konnte sehen, dass seine Tante einen neuen Termin in drei Tagen in den Kalender an der Wand eingetragen und umrundet hatte. Auf die Entfernung konnte er jedoch nicht lesen, was es war. 

Doch die Stimmung im Raum war derart bedrückend und schwer, dass Justus ein Mal schlucken musste, bevor er die Sachen auf der Küchenzeile abstellte und leise fragte:

„Was ist denn los?”

Seiner Tante versagte die Stimme. Mit einem unterdrückten Schluchzen deutete sie auf den ungeöffneten Brief, der, wie Justus nun las, an ihn adressiert war. 

Noch bevor er ihn in die Hand nehmen konnte, fand Onkel Titus nach einem tiefen Räuspern endlich seine Sprache wieder. 

„Inspektor Cotta ist am Freitag gestorben. Das ist die Einladung zu seiner Beerdigung”, sagte er leise. 

Stille.

Erdrückende, erstickende Stille kroch über Justus' Ohren als hätte ihm jemand Watte hineingestopft und es gleichzeitig auch noch geschafft, die Zeit anzuhalten. 

Bevor er sich sicher sein konnte, was genau er fühlte - denn da war viel zu viel in ihm, zu schwer, zu beklemmend und taub - spürte er, wie sich Mathildas Arme von hinten um ihn schlangen und ihn in eine Umarmung zogen. Dumpf hörte er, wie Peter ein kaum wahrnehmbares „Oh Gott” entfuhr, während Bob hörbar die Luft einsog. 

Und mit einer beängstigenden Verspätung wurde Justus klar, dass das, was gerade geschah, echt war. Wirklich passierte.

Es war - 

Seine Gedanken kreischten; er wusste nicht einmal, was er dachte, da war einfach zu viel in seinem Kopf und über das Rauschen in seinen Ohren konnte er es ohnehin nicht verstehen; hörte kaum Mathildas leises „Justus, warte-” als er sich aus ihren Armen zog und den Brief vom Tisch in die Hand nahm. 

Taub fühlte er sich, mental wie körperlich, während er beobachtete, wie seine zitternden Finger es irgendwie schafften den Brief zu öffnen, der, wie ihm mit einiger Verzögerung auffiel, von Caroline Cotta verschickt worden war. Unfokussiert überflogen seine Augen den Text, sahen nicht einmal das schlichte Design der Karte- nahmen nicht einmal wahr, dass es sich um eine Trauerkarte handelte - und blieben bei einem Satz stehen, als könnten sie sich nicht mehr von ihm lösen. 

„In stiller Trauer verabschieden wir uns…-” 

In stiller Trauer. 

Inspektor Cotta. 

Tot. 

Normalerweise hätte er wohl niemals in Gegenwart von Peter oder Bob geweint, doch diese kindischen Sorgen waren mit einem Mal egal. Er hätte auch nicht gewusst, wie er es hätte aufhalten sollen, denn mit einem Mal spürte er, wie er zu zittern begann. Tränen liefen seine Wagen herab als er sich umdrehte und den Brief an seine Freunde weiterreichte. An Bob, dem die Tränen noch in den Augen standen und an Peter, bei dem sie bereits sein Kinn erreicht hatten. 

„Es tut mir so leid, Jungs.”

Die Stimme seiner Tante kam ihm so unendlich fern vor. Vielleicht lag es daran, dass Justus noch immer das Gefühl hatte, irgendwo neben der Realität zu schweben. 



Wie sie es schafften, sich in ihre Zentrale zurückzuziehen, konnte er hinterher gar nicht mehr sagen. Auch, wie es drei Tassen heißer Kakao und der Brief hierher geschafft hatten, entzog sich seiner Erinnerung. 

Als er das erste Mal wieder so richtig das Gefühl bekam, in der Gegenwart anzukommen, saß er mit hochgezogenen Beinen im Sessel und presste die warme Tasse in seine kalten Hände. Langsam wandte er den Kopf zuerst zur rechten Seite. 

Peter saß auf dem kleinen Sofa, hatte sich in die Decke eingewickelt und starrte mit roten Augen auf einen unbestimmten Punkt gegenüber von sich. 

Mit ungewöhnlicher Anstrengung wandte Justus seinen Kopf nach links. 

Bob hatte sich gegen die winzige Küchenzeile gelehnt und war nach unten gerutscht. Auf dem Boden sitzend hatte auch er die Beine angezogen und seine Augen überflogen immer wieder den Brief, obwohl Justus sich recht sicher war, dass er vermutlich nicht viel davon mitbekam. Ihm selbst wollten die Zeilen nicht aus dem Kopf gehen. Als hätten sie sich in sein Gedächtnis gebrannt, spulten sie sich immer wieder in seiner Erinnerung ab und langsam glaubte er zumindest, sie wirklich zu verstehen.

Inspektor Cotta war am Freitagabend gestorben.

Zu der Zeit hatte der Hurricane gerade angefangen zu wüten und die ersten Warnungen waren an die Bewohner herausgegangen, ihre Häuser nur im äußersten Notfall zu verlassen.

Zugestellt worden war der Brief heute morgen.

Obwohl er wusste, dass der Gedanke naiv und dumm war, musste Justus daran denken, dass sie den Briefträger sogar noch gesehen hatten als sie losgefahren waren. Hätte er gleich heute morgen den Brief gelesen, dann... dann hätte er auch nichts mehr ausrichten können. Doch mit einem Mal fühlte er sich schrecklich, den ganzen Tag am Strand verbracht zu haben. Der Gedanke, dass Cotta zu dem Zeitpunkt längst tot gewesen war, jagte ihm einen Schauer nach dem anderen den Rücken herunter.

Mit einem lautlosen Seufzen ließ er den Kopf gegen die Lehne fallen und schloss die Augen. Am liebsten würde er überhaupt nicht nachdenken im Moment, doch es war erschreckend schwierig an irgendetwas anderes zu denken. Vor allem, wenn eine besonders laute Stimme seines Verstandes einfach nicht einsehen wollte, dass... der Inspektor tot war. Eine vehemente Stimme - Justus nannte sie auch gerne die realistische Stimme seiner Vernunft - machte ihm allerdings unmissverständlich klar, dass er einfach nur versuchte die Nachricht in einer unsinnigen Art und Weise zu verarbeiten.

Genau wie er lange geglaubt hatte, dass seine Eltern ebenfalls nicht tot sein konnten. Dass sie es irgendwie geschafft hatten zu überleben. Er hatte sich zahllose Erklärungen dafür ausgedacht, weshalb sie ihn dann dennoch nicht kontaktiert hatten - Gedächtnisverlust, die Flucht vor internationalen Verbrecherbanden und Verbindungen zum CIA waren allesamt seiner Vorstellung entsprungen.

Mittlerweile wusste er, dass sie tot waren.

Der Gedanke, sie wären es nicht, sondern nur auf einer abenteurlichen Flucht, war nichts anderes als ein Trostgesuch, in das er sich von Zeit zu Zeit flüchtete.

Und es passierte gerade schon wieder.

Denn es konnte nicht stimmen.

Irgendetwas musste dahinter stecken. Ein schlechter Scherz vielleicht? Vielleicht wollte sich jemand an Cotta rächen und hatte ihn für tot erklärt, gab sich als Caroline Cotta aus und schrieb in ihrem Namen Trauerkarten. Oder es handelte sich um einen anderen Cotta und es war ein Versehen gewesen. Vielleicht war Cotta untergetaucht. 

Justus’ Blick zuckte zu einem von zahllosen Zeitungsausschnitten, die an ihrer Wand hingen. Zielsicher fand er die Überschrift von vor zwei Jahren, in der verkündet worden war, Mortons Wagen sei über eine Klippe gestürzt. 

Ein feiner Funken Hoffnung entfachte sich in ihm.

„Kommt, Kollegen.” Vorsichtig stellte er seine Tasse auf dem Tisch ab und stand auf. 

Peter und Bob sahen ihn an als hätte er den Verstand verloren. 

„Wohin?” 

„Ins Polizeipräsidium.” 

Wenn die beiden Einwände oder Fragen gehabt hatten, so hatten sie sie nicht ausgesprochen, denn nur eine Viertelstunde später rollte Bobs Käfer auf den Parkplatz. Den Weg kannten sie mittlerweile im Schlaf- vom Besucherparkplatz aus durch den Haupteingang und direkt in das triste Treppenhaus zu ihrer Linken. Zwei Etagen hoch, bis sie die nichtssagende schwere Doppeltür erreichten, die sich zu einem langen, mit altem Teppichboden belegten Flur öffnete. 

Nur wenige Meter nach links und sie würden die Glastür finden, die zum Großraumbüro führte - heute jedoch schafften sie es nicht einmal bis zu ihr, denn ein bekanntes Gesicht trat gerade aus dem kleinen, dem Büro vorgelegten Aktenraum. 

Officer Goodween war den drei Fragezeichen normalerweise als immer gut gelaunter, offener Polizist bekannt gewesen, der sie stets mit überschwänglicher Freude begrüßt und sich ihren Anliegen gewissenhaft angenommen hatte (manchmal auch mit einem vielsagenden Augenzwinkern, wenn Cotta sie zuvor abgewiesen hatte).

Heute jedoch sah der Officer müde aus, geradezu erschöpft. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen und Justus fiel sofort auf, dass der sonst so gepflegte Bartschatten seit ein paar Tagen nicht mehr rasiert worden war und die ansonsten akkurat sitzende Uniform ungewohnt zerknittert aussah. Als hätte Goodween seit einiger Zeit entweder sehr schlecht geschlafen oder generell sehr wenig Schlaf bekommen.

Auch breitete sich auf seinem Gesicht kein strahlendes Lächeln aus als er sie erkannte, sondern seine Augenbrauen zogen sich leidvoll zusammen, was Justus all die falschen Gedanken durch den Kopf schießen ließ.

„Hey, Jungs“, begrüßte sie Goodween ungewohnt gedämpft, legte die Akten, die er scheinbar gerade aus dem Raum hatte holen wollen wieder fahrig auf einen niedrigen Schrank und fuhr sich kurz über das Gesicht. „Wollen wir… - kommt doch mal kurz mit. Dann können wir woanders reden und nicht hier auf dem Flur.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, stieß er die Glastür zum Großraumbüro auf, hielt sie für sie offen, bis sie alle hindurch waren und führte sie schließlich durch den Mittelgang auf das zu, was wohl eine kleine Büroküche sein musste, wenn Justus die wahllos zusammengewürfelten Küchenstühle und das alte Sofa in der Ecke richtig aus der Entfernung deutete.

Mehrere Blicke hingen ihnen nach, während die den Raum durchquerten, alle mit einem gewissen Level an Mitleid und Anspannung in den Augen und Justus fühlte, wie sich sein Magen schmerzhaft zusammenkrampfte.

Kurz sah er nach links, wo Cottas Einzelbüro lag. Die Tür war geschlossen. Dahinter brannte kein Licht. Davor jedoch, am ersten Tisch gleich neben der Tür, saß Inspektor Donatelli.

Er war der Einzige, der nicht zu ihnen sah, sondern stattdessen mit einem leeren Blick auf ein Dokument auf seinem Bildschirm starrte, in das er noch nichts geschrieben hatte. Er sah noch erschöpfter aus als Goodween, obwohl Justus auch ihn als einen eher aufgeschlossenen und manchmal regelrecht witzigen Polizisten in Erinnerung hatte.

„Hier, setzt euch“, bat Goodween, nachdem er sie alle in die Küche geführt hatte und lehnte die Tür hinter ihnen an, um das geschäftigte Treiben aus dem Büro etwas auszublenden. „Ihr wollt doch bestimmt etwas zu trinken haben, oder? Wartet mal, ich glaube, wir haben auch etwas anderes als Kaffee da.“

Wie schon zuvor waren seine Bewegungen fahrig, seine Worte hastig, als wolle er lediglich die Stille füllen – oder verhindern, dass die drei Fragezeichen zu Wort kamen, dachte Justus, als er sich neben Bob auf einen Stuhl am Tisch setzte.

Für einen Moment fing er den Blick seiner Freunde auf. Obwohl keiner von ihnen etwas sagte (wie auch... wenn Justus schon das Gefühl hatte, ihm würde ein riesiger Kloß im Hals stecken – Und normalerweise war er es, der Probleme hatte, überhaupt den Mund zu halten), dachten sie alle das Gleiche.

Sie wussten genau, was Goodween ihnen sagen würde.

Da war sie wieder, diese Kälte, die Justus an den Schultern zu umklammern schien und den Raum für einen kleinen Moment aus dem Fokus brachte. Aber noch wollte er sich an diesen letzten kleinen Strohhalm Hoffnung klammern, den er hatte. Ansonsten wusste er nicht, was er sonst tun sollte.

Goodween produzierte aus einem winzigen Kühlschrank, der mit zahlreichen Zettelchen beklebt war, drei Dosen Cola, schenkte sie ihnen ein und stellte sie vor ihnen auf den Tisch. Da er damit nichts mehr hatte, um sich abzulenken, ließ er seufzend die Schultern hängen, nahm sich eine Tasse aus dem Schrank und setzte sich ebenfalls zu ihnen.

„Ich hatte irgendwie gewusst, dass ihr heute kommen würdet…“, murmelte er, während er sich aus einer Thermoskanne Kaffee einschenkte. In die Augen hatte er ihnen bisher noch nicht wieder gesehen. Nun hob er seufzend den Kopf und sah jedem von ihnen in die blassen Gesichter.

Als sein Blick Justus traf, fühlte es sich an als würde irgendetwas in Justus einfach zusammenbrechen.

„Officer Goodween - der Brief, ich meine, das kann nicht stimmen, Inspektor Cotta ist nicht-”, begann er ziellos und war erleichtert, als Goodween laut einatmete und ihn sanft unterbrach.

„Es stimmt leider. Cotta ist… tot.” Für ein paar Momente kämpfte der Officer sichtlich mit seinen Gefühlen, doch Justus, wie auch Peter und Bob, fühlten sich als hätte ihnen jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Zum zweiten Mal an diesem Tag.

Obwohl es keine schreckliche Überraschung mehr sein sollte, fühlte sich die Bestätigung genauso entsetzlich an wie bereits zuvor.

Für ein paar Momente blieb es still und Justus versuchte sich auf das Ticken der Uhr oder die Stimmen aus dem Großraumbüro zu konzentrieren, doch beides gelang ihm einfach nicht.

„...Aber… wie? Als wir ihn das letzte Mal gesehen haben, war er noch...”, fragte schließlich Peter mit erstickter Stimme und sprach das aus, was Justus schon die ganze Zeit durch den Kopf ging.

Cotta war gesund gewesen. Gestresst vielleicht und etwas übernächtigt, doch so hatten sie ihn quasi vor ein paar Jahren schon kennengelernt. Auch ansonsten hatte Cotta nicht gewirkt als hätte ihn irgendetwas gesundheitlich belastet. Aus zahlreichen Einsätzen wussten die drei Fragezeichen, dass der Inspektor im Gegensatz zu ein paar seiner Kollegen noch sportlich genug war, mit Verdächtigen mitzuhalten. Mehr als einmal hatten sie ihn und Goodween beim Joggen getroffen. Cotta war einfach kein Mann, der Probleme mit seiner Gesundheit gehabt zu haben schien... was Justus zu einem grauenhaften Schluss brachte, noch bevor Goodween weitersprach.

Dieses Mal verzog dieser sichtlich das Gesicht und wich ihrem Blick wieder aus. Ein paar Momente schwieg er, vielleicht dabei zu überlegen, was oder wie viel er ihnen erzählen sollte und Justus war dankbar, dass Bob vorsichtig, wenn auch mit zitternder Stimme einwarf, dass sie gut mit dem Inspektor befreundet gewesen waren.

Goodween seufzte erneut, nahm einen Schluck Kaffee und nickte schließlich.

„Ihr habt Recht“, sagte er leise und seine Mundwinkel zuckten kurz, selbst, wenn das Lachen nicht zu seinen Augen reichte. „Das wäre nicht fair euch gegenüber.“

Kurz dachte er noch nach, dann wandte sich sein Blick wieder in ihre Richtung.

„Cotta wurde im Dienst erschossen”, erzählte er düster und bestätigte Justus' dunkle Vermutung, der sich in diesem Moment noch nie so sehr gewünscht hatte, mit etwas falsch zu liegen. Überrascht fiel ihm mit einem Mal auf, dass er Goodween noch nie dabei gehört hatte, wie er das ‚Inspektor‘ vor Cottas Namen weggelassen hatte und ein tiefer Stich, dass nicht nur sie mit dem Inspektor befreundet gewesen waren, traf ihn irgendwo direkt in der Magengegend. „Er und Robert - Verzeihung, ich meine Inspektor Donatelli - Die beiden haben einen Einbrecher in eine Lagerhalle verfolgt und wollten ihn dort einkreisen. Donatelli wollte ihm von vorne entgegenkommen, Cotta sollte an ihm dran bleiben. - Er ging als Einziger rein und wurde überrascht... Donatelli konnte nur noch seinen Tod feststellen.”

Goodween war mit der Zeit immer leiser geworden. Nun glich seine Stimme nicht mehr als einem Flüstern als er die Augen zusammenkniff und sich wenig später mit der Hand müde über das Gesicht fuhr. 

Erdrückende Stille hatte sich über dem Tisch ausgebreitet, so schwer, dass Justus für ein paar quälend lange Momente das Gefühl hatte, nicht richtig atmen zu können. Selbst die sture Stimme in seinem Kopf, es musste sich um einen Fehler oder eine Täuschung handeln, war plötzlich verstummt.

Er stellte keine weiteren Fragen. Wollte nicht wissen, ob Goodween Cottas… Leiche wirklich gesehen hatte oder ob es Hinweise auf den Täter gab, wie er es vielleicht in einem anderen Fall sofort an Information gefordert hatte. 

In seinem Kopf gab es nur einen Gedanken, der sich starr und kalt immer weiter manifestierte, bis er ihn nicht mehr loswurde. 

Inspektor Cotta war tot. 

Justus konnte in Goodweens Gesicht ablesen, dass er sie nicht anlog. Dass das alles hier, trotz seiner Hoffnung, kein schrecklicher Scherz war, aus dem er gleich wieder erwachen würde. 

Ein paar Mal blinzelte er wütend, um die Tränen zu vertreiben, wischte sich jedoch schließlich einfach über die Augen und versuchte an irgendetwas zu denken. Irgendetwas außer an die Vorstellung wie der Inspektor in diese Lagerhalle gegangen und erschossen worden war.

„Ich kann nicht glauben, dass er einfach… weg sein soll”, murmelte Bob schließlich und mit einem hilfesuchenden Blick sah er zu Goodween.

Der seufzte, schwer und tief, und drehte seine Tasse gedankenverloren in seinen Händen. 

„Das ist das Risiko, zu dem wir uns verpflichtet haben."

Die Worte hörten sich einstudiert an. Als hätte Goodween sie sich selbst seit Freitag versucht einzureden oder als würde er dumpf die Erklärung abspulen, die er geben müsste, wenn er vor den Medien stand.

„Cotta wusste davon. Wir haben oft darüber gesprochen, was in anderen Staaten passiert und dass die Waffengesetze hier bei uns recht gut sind, aber eben nicht perfekt.”

Mit mehr Wut als Justus dem optimistischen Polizisten zugetraut hätte, sprach Goodween über die Situation und nicht zum ersten Mal, aber vielleicht das erste Mal wirklich bewusst, gingen ihm all die Vorfälle durch den Kopf, in denen sie bei einem Fall mit einer Waffe bedroht worden waren. Die Vehemenz, mit der Cotta ihnen danach versucht hatte, ins Gewissen zu reden vorsichtiger zu sein beim nächsten Mal und die Sorglosigkeit, mit der sie dann dennoch wieder einen neuen Fall angenommen hatten. 

„Wir gehen jeden Tag mit dem Gedanken aus dem Haus, dass wir im Einsatz vielleicht auf Waffengewalt treffen könnten”, redete Goodween weiter und lachte abfällig. „Wir waren erst letzten Monat auf einem Seminar zu dem Thema, aber das hier ist Rocky Beach und niemand von uns hat gedacht, dass…” 

Er brach wieder ab und schüttelte den Kopf. Gerade als Justus glaubte, er würde nicht weitersprechen, rang sich der Polizist dann doch ein paar weitere Worte ab. 

„Cotta hat von seiner Zeit in L.A. erzählt. Dass es dort natürlich ein bisschen anders ist in den wirklich schlechten Teilen der Stadt; man jeden Tag mit dem Gedanken spielen muss, selbst oder ein Kollege könnte erschossen werden. Dass es aber ausgerechnet Cotta…-”

Nun verstimmte Goodween tatsächlich. Die Knöchel seiner Hand waren blass geworden, dort, wo sie sich um seine Tasse klammerten und ein feines Zittern lief seinen Arm hinauf. 

„Hat man den Täter denn verhaften können?”, fragte Peter leise. 

Doch Goodween schüttelte zähneknirschend den Kopf.

„Nein, es gibt keinen Hinweis auf ihn. - Hört zu, Jungs, ihr solltet-”

In diesem Moment schwang die Tür zur Küche auf und knallte gegen die Wand dahinter. Zuerst dachte Justus, dass gerade ein Riese den Raum betreten hatte und jetzt endlich der Zeitpunkt gekommen war, in dem er in seinem Bett aufwachen und sich alles als schlimmer Albtraum herausstellen würde. Leider wartete er vergeblich.

Der Mann war ein Hüne, so groß, dass er den Kopf unter dem Türrahmen hindurch bücken musste, um sich in der Küche wieder zu seiner vollen Größe aufzurichten und sie alle vier mit einem finsteren Blick zu betrachten. 

Er musste um die fünfzig sein. Dunkles, zurückgehendes Haar und ein sorgsam gestutzter Bart, durch den sich beim genaueren Betrachten eine feine Narbe von seinem Kinn bis zu seinem Kieferknochen zog. 

„Was soll das hier werden, Goodween? Wer sind diese Kinder?”

Normalerweise hätte wohl jeder von ihnen reflexartig protestiert, dass sie mitnichten Kinder waren, sondern schon lange mit der Polizei zusammenarbeiteten, doch Justus war beim Klang der Stimme des Mannes unwillkürlich zusammengefahren. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Bob ein bisschen in seinem Stuhl nach unten rutschte und Peter wortlos der Mund offenstand. 

Ein unter eng zusammengezogenen Brauen und wütender Blick richtete sich auf Goodween und starrte ihn aus hellen, aber eiskalten Augen an.

Erst jetzt bemerkte Justus, dass Goodween aufgestanden war und sich ein Stück weit vor sie und den Tisch gestellt hatte. Ein unangenehmer Schauer fuhr Justus’ Rücken herab. Was auch immer von dem Hünen ausging - es war keine angenehme Ausstrahlung. Im Gegenteil. Etwas derart Kaltes strahlte von ihm aus, dass Justus sich unwillkürlich fragte, wie Goodween dem Mann offen ins Gesicht sehen konnte, ohne zu einer Statue zu erstarren.

„Es tut mir sehr leid, Kommissar Starling, das hier sind Freunde von Inspektor Cotta und-”

„Ist mir egal. - Sie haben auf dieser Etage nichts zu suchen. Schmeißen Sie sie raus.”

Mit einem weiteren abweisenden Blick in jeweils eines ihrer Gesichter, um zu sehen, ob seine Worte angekommen waren, drehte sich der Mann um, duckte sich unter der Tür hindurch und schritt zurück ins Büro. 

Dabei hinkte er ein wenig mit dem rechten Bein, fiel Justus auf. 

„Wer was das denn?”, fragte Peter entsetzt nachdem er über seinen Schreck hinweg gekommen war und Goodween ließ seufzend die Schultern hängen. 

„Hauptkommissar James Starling. Er ist Cottas Nachfolger, direkt aus L.A. hierher geschickt worden nach… dem Vorfall. Und… naja, ihr seht ja, wie er ist. Wir legen uns lieber nicht mit ihm an, ok?” 

Mit einem beruhigenden Lächeln, das niemanden von ihnen täuschte, drehte sich Goodween zu ihnen um, nahm ihre Gläser und stellte sie in die Spüle.

„Fahrt jetzt nach hause und schlaft eine Nacht darüber. Ich weiß, wie ihr euch im Moment fühlt und da müsst ihr euch nicht mit unseren internen Problemen auseinander setzen. Das könnt ihr getrost einmal uns Polizisten überlassen.”

„Ist Kommissar Starling angeschossen worden?”, fragte Justus unverwandt, der den Blick noch immer nicht von dem Mann lösen konnte, der über den Köpfen der anderen Polizisten aufragte. 

„Hm?” Goodween sah ihn verwirrt an, erinnerte sich jedoch wohl daran, dass Justus gern Fragen stellte, die ihn nichts angingen und nickte schließlich. „Ja. Vor vier Jahren ist er außerhalb des Dienstes angeschossen worden. Ins Bein und in die Schulter. Hat wie durch ein Wunder überlebt.”

„Und die Narbe?”

„Justus...”, warnte Peter ihn leise, aber Goodween schien sich nicht an der Frage zu stören, sondern lächelte milde.

„Die hatte er schon als er in den Dienst eingetreten ist, so sagen jedenfalls die Gerüchte.” Goodween bekam ein halbherziges Lachen zustande. „Er ist in unseren Kreisen für seine Harte Linie gegen Waffengewalt bekannt… und generell für seine harte Linie, was die Führung eines Kommissariats angeht.” 

„Justus, reicht es jetzt? Ich würde wirklich gern nach hause…”, murmelte Bob und Justus zwang sich endlich, seinen Blick von Starling abzuwenden. 

Der Ausdruck auf Peters und Bobs Gesichtern ließ ihn zusammenzucken. Mit einem Mal erinnerte er sich wieder daran, wo sie waren und weshalb und, dass seine Freunde nur auf seinen Wunsch hierher gekommen waren.

Als hätte sich ein Schalter umgelegt, war die kurze Ablenkung durch Starling vergessen. Stattdessen fingen altbekannte Schatten an, sich an die Ränder seiner Gedanken zu hängen und sie langsam zu zerfressen, bis die Taubheit wieder durch Justus’ Körper spukte.

Inspektor Cotta war tot - und Kommissar Starling wäre nicht hier, wenn Cotta noch leben würde. 

„Ja, lasst uns gehen", murmelte er.

Inspektor Donatelli saß noch unverändert an seinem Tisch als sie an ihm vorbei zur Tür gingen und wurde von Kommissar Starling zusammengestaucht, zu langsam zu arbeiten. Der leere Blick war geblieben, genau wie das noch immer schneeweiße Dokument vor ihm. 

Für einen Moment fing Justus seinen Blick auf. 

Donatelli sah ihn mit der gleichen Taubheit an, wie er sich fühlte.