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Belauschen

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Boerne stand regungslos wie eine Statue da und wagte sich kaum zu atmen. Die Angst, dass Thiel merken könnte, dass er gerade heimlich belauscht wurde, hatte seinen Puls ordentlich in die Höhe getrieben. Schäbig kam er sich vor, und eigentlich wollte er sich rasch davon schleichen, aber er konnte nicht. Was er gerade zu hören bekam, hatte ihn vollkommen in den Bann gezogen.
Nein, er konnte nicht gehen, auch wenn das Risiko bestand, dass Thiel ihn erwischen würde.

Thiel grummelte so schrecklich oft etwas vor sich hin, schimpfte regelmäßig mit ihm, nicht selten schrie Thiel ihn auch mal an.
Auch wenn es unverwechselbar Thiels Stimme war, die er da eben hörte, die hätte er unter allen Stimmen dieser Welt heraus gehört, klang Thiel anders als sonst, ganz weich und sanft, beinahe zärtlich, ja, durchaus auch etwas rau, aber anders rau.

Fast hatte er vergessen, weshalb er sich ins Thiels Wohnung geschlichen hatte, obwohl das noch keine zwei Minuten her sein konnte.
Ach, richtig, er hatte nachschauen wollen, ob Thiel zufällig Eier da hatte, und wäre dies der Fall gewesen, hätte er sich eins geliehen, morgen selbstverständlich neue Eier besorgt, und eins davon Thiel gegeben.
Er bezweifelte jedoch stark, dass er heute noch ein Ei oder überhaupt irgendetwas runter bekommen würde, sein Hunger war jedenfalls wie weggeblasen. Nein, er brauchte kein Ei, gar nichts brauchte er, nur diese unfassbar schöne Stimme, die er sowieso immer liebte, seit etlichen Jahren, und jetzt ganz besonders.
Damals, ganz am Anfang, hatten sie mal zusammen ein Lied angestimmt, ganz kurz nur, ob Thiel sich auch noch daran erinnern konnte?

Er war gefesselt, von Thiels Gesang.

„ ... von Dir weht mich kein Sturm mehr fort ...“

Es schlich sich der Gedanke in seinen Kopf, dass er blitzschnell sein Handy holen, einen Teil des Gesanges aufnehmen und ihn sich so wieder und wieder anhören könnte, aber bis dahin wäre das Lied wahrscheinlich schon vorbei, außerdem wollte er keine einzige Sekunde davon verpassen.
Er schloss die Augen und lauschte weiterhin mit heftigem Herzklopfen und Bauchkribbeln, solange bis das Lied leider zu Ende war und Thiel verstummte. Kurz hatte er die Hoffnung, dass Thiel noch ein anderes Lied anstimmen würde, aber es blieb still. Schade.

Halb verzaubert wollte er die Flucht antreten.

„Na, Herr Professor, wie lange wollen Sie noch da stehenbleiben?“

Überrascht war er nicht. Mit Beinen so weich wie Pudding, ging er in Thiels Wohnzimmer.

 

Thiel saß auf seinem Sessel und guckte ihn fragend an. „Ich höre?“

Nach irgendwelchen Ausreden suchte er erst gar nicht. „Mein lieber, Thiel, natürlich ist es nicht richtig, was ich eben getan habe, aber ich möchte nicht behaupten, dass es mit leid tut, denn das tut es nicht.“

„Mutig, Boerne, mutig.“ Thiel grinste breit.

Oh je, von wegen mutig, es hätte ihn so ganz und gar nicht gewundert, wenn ihm gleich seine Beine den Dienst versagen würden. „Möchten Sie denn gar nicht wissen, warum es mir nicht leid tut?“

„Doch, klar, sagen Sie's.“ Thiel stand auf und baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf. „Dann kam ich mir ja immer noch überlegen, ob ich Ihnen den Arsch aufreiße oder nicht!“

Er ging einen Schritt zurück, sicherheitshalber. „Hätte ich mich nicht in Ihre Wohnung geschlichen, hätte ich vermutlich nie erfahren, wie wunderschön Sie singen können, und das fände ich äußerst bedauerlich.“

„Oh, das war aber ein ziemlich nettes Kompliment!“

„Und es kam von Herzen.“

Die blauen Augen wurden etwas größer. „Das haben Sie jetzt also nicht nur gesagt, um keinen Ärger zu bekommen?“

„Nein, Ehrenwort.“

„Okay, gut.“ Thiel deutete auf seinen Arm. „Ist das etwa meine Schuld?“

„Ja, ist es.“

„Find' ich schön.“ Thiels Stimme klang schon wieder anders als sonst.

Seine Gänsehaut wurde stärker, das Kribbeln und Herzrasen auch. Vorsichtig und schüchtern lächelte er.

Das Lächeln wurde erwidert, und Thiel Hand bewegte sich langsam auf seinen Arm zu. Thiels Fingerspitzen strichen kurz und zart über seine aufgerichteten Härchen.

Ihm wurde heiß. „Thiel?“, hauchte er.

„Ja?“

„Möchtest du jetzt noch mal was für mich singen? Ich würde mich unglaublich darüber freuen.“

„Gerne.“