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Bound in Blood and Shadow

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„Ist das wirklich nötig? Ich fühlte mich rundum fit und verstehe gar nicht, was du eigentlich von mir willst!“ knurrte James T. Kirk unwillig und folgte mit den Augen den Bewegungen seines besten Freundes und langjährigen Weggefährten Leonard „Pille“ McCoy, der ihm nun den Tricorder buchstäblich unter die Nase hielt und die Anzeigen studierte.

 

„Tja, mein Guter, das ist notwendig, da du dich kurz vor der Abreise vor den routinemäßigen Untersuchungen gedrückt hast. Also hole ich das jetzt – wo wir Zeit genug haben, nach. Und jetzt halte bitte noch einmal kurz still.“

 

„Pille, du weißt, ich hatte eine Menge zu tun. Die ganzen Sitzungen mit dem Kommando der Sternenflotte, die Besprechungen mit dem Wissenschaftsrat der Förderation und was sonst noch alles dazu kam, haben verdammt viel Zeit geschluckt. Außerdem hast du mich im vergangen Jahr mehrfach bis auf meine Knochen durchleuchtet, um ja nur sicher zu sein, dass ich wieder in Ordnung bin. Das müsste doch für den Rest meiner Lebenszeit reichen!“

 

„Das wohl kaum. Darf ich dich daran erinnern, dass du bereits klinisch tot warst und dein Leben nur dem Zusammentreffen einiger glücklicher Umstände und dem ganz besonderem Blut dieses Bastards Khan zu verdanken hast?“ erwiderte der Arzt bissig. „Ich musste mir sicher sein, dass die Behandlung keine Auswirkungen auf dich hat, obwohl ich mir bis heute nicht sicher bin, ob der Mistkerl nicht vielleicht doch auf dich abgefärbt hat. Außerdem war die letzte Untersuchung bereits einen Monat vor der Abreise und nicht erst in den Tagen davor!“, fügte er genervt über die Ausflüchte seines Captains hinzu. „Inzwischen sind wir bereits über vier Wochen im All unterwegs. Also habe ich als dein Arzt jetzt jedes Recht, dich durchzuchecken.“

 

„Du glaubst doch nicht wirklich, das irgendwelche Folgeschäden geblieben sind, oder?“, lachte Jim und bereute es im nächsten Moment.

 

„Physisch sicherlich nicht, das kann ich dir unter Eid attestieren, da läuft alles wie geschmiert. Aber wie sieht es eigentlich da drin aus?“ fragte McCoy mit einem schiefen Blick und tippte Kirk leicht gegen die Schläfe.

„Du weißt, die Auseinandersetzungen mit Admiral Marcus und Khan haben dich seelisch und geistig an deine Grenzen gebracht. Mit einer solchen Vorbelastung wächst natürlich auch das Risiko, einen Raumkoller zu bekommen.“ Seine Augen wurden schmaler. „Sag mal - hattest du in der letzten Zeit vielleicht Alpträume, in denen gewisse Vorkommnisse oder Personen eine unangenehme Rolle spielten?“

 

„Nein, überhaupt nicht“ kam prompt die Antwort. Für einen Moment verdüsterte sich die Miene von James Tiberius Kirk. Er presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, erinnerte sich plötzlich daran, dass genau auf dieser Untersuchungsliege vor etwas mehr als einem Jahr und vielleicht sogar an fast der selben Stelle ein Mann gesessen hatte, der ihnen allen fast den Tod ... und – wenn auch eher unfreiwillig - ihn selbst nur kurze Zeit später ins Leben zurück gebracht hatte.

 

„Du nimmst also an, ich soll dir das glauben?“, sein Freund zog eine Augenbraue hoch. „Ich bin nur Arzt, kein Seelenklempner, aber das sehe selbst ich ... du nagst immer noch an dem, was vor einem Jahr passiert ist.

 

„Unsinn. Das ist purer Blödsinn!“ Hastig überspielte der blonde Sternenflottenoffizier die aufkommenden Gefühle von Beklemmung, Hilflosigkeit und Verzweiflung mit einem jungenhaften Grinsen und wedelte abwehrend mit den Händen.

 

„Du denkst, du kommst bei mir damit durch? Jim, ich kenne dich besser als jeder andere hier auf dem Schiff. Verdammt noch mal, Nimm das jetzt nicht auf die leichte Schulter!“

 

„Pille, mir geht es wirklich gut“, verteidigte sich der Captain energisch.. Es ist alles vorbei – vergeben und vergessen. Ja, das damals es war eine bittere Lektion, aber ich habe sie verdammt noch mal gelernt“, erklärte er grob.

Mit einer schroffen Handbewegung in Höhe seines Halses fügte er hinzu: „Und nein, ich werde die Enterprise und ihre Crew nicht noch einmal in eine solche Gefahr bringen, sondern gleich kurzen Prozess machen, wenn uns wieder so ein genetisch aufgewerteter Bastard wie Khan über den Weg läuft und glaubt uns austricksen zu wollen!“

Er stützte die Hände auf die Liege, um sein wütendes Zittern zu unterdrücken und krallte dabei die Hände so fest um die Kante, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Etwas ruhiger fügte er hinzu, wohl wissend, dass er sich selbst belog ... „Jetzt denke ich nur noch an die Zukunft, an den unbekannten Raum, in den wir vorstoßen, die Zivilisationen, die wir kennen lernen und nicht zuletzt die Geheimnisse, die auf uns warten.“

 

Als er dann jedoch bemerkte, dass sein Freund weiterhin skeptisch blieb und etwas wie „Das glaubst du doch wohl selbst nicht“ murmelte, machte er eine weitere unwillige Kopfbewegung und sprang auf. „Bist du jetzt endlich fertig mit deinen Untersuchungen? Ich muss langsam wieder auf die Brücke zurück.“

 

McCoy zog eine Augenbraue hoch. „Halt, Jim. Ich habe Spock bereits informiert, dass du ihn etwas später als geplant ablösen wirst, weil ich dich zu einer gründlichen Untersuchung in die Krankenstation zitiert habe. Er hatte nichts dagegen, noch ein wenig länger auf dich zu warten. Also stehen wir nicht unter Zeitdruck“, meinte er mit einem bösen Grinsen. „Und vielleicht brauche ich sogar noch ein bisschen länger.“

 

„Darf ich dich daran erinnern, dass ich der Captain dieses Schiffes bin und hier etwas zu sagen habe?“, versuchte Jim nun seine Autorität auszuspielen, aber er sah schon an dem Gesicht des Mediziners, das er auf Granit beißen würde.

 

„Nicht hier. Laut irgendwelchen Statuen der Sternenflotte habe ich die Oberhoheit auf der Krankenstation, denn ich bin immer noch dein Arzt ... aber warte: Ah, die Analyse deiner Blutwerte und Vitalwerte gleich durch, dann kann ich mehr sagen.“

McCoy legte den Tricorder zur Seite und wandte sich dem Touchscreen neben dem Untersuchungsbett zu. Ein leises Signal erklang, als die entsprechenden Berechnungen beendet waren und abgerufen werden konnten, was er dann auch tat.

 

Jim runzelte die Stirn als die Sekunden verstrichen und zu Minuten wurden, während der Arzt von Datei zu Datei sprang und alles besonders aufmerksam und lange studierte. „Und? Bist du jetzt endlich zufrieden?“

Warum wurde er den Eindruck nicht los, dass sich sein Freund jetzt absichtlich noch mehr Zeit ließ und seinen Zwischenruf ignorierte?

 

Weitere Zeit verging. Als ihm der Geduldsfaden riss, knurrte der Captain ärgerlich und wechselte zu einem dienstlicheren Ton über:.„Doktor McCoy! Bin ich in Ordnung oder nicht? Vergeuden Sie bitte jetzt nicht meine kostbare Zeit.“

 

„Äh, Jim, hast du gerade eben etwas zu mir gesagt?“ Der Arzt gab auf und heuchelte nicht mehr länger vor, dass sich auf die Anzeigen konzentriert hatte.

Nun endlich drehte er den Kopf in seine Richtung. „Es ist so weit alles in Ordnung, aber du solltest, wenn du schon aus Langeweile wegen der Routine an Bord dem Essen zusprichst, zusehen, dass du etwas mehr Ausdauersport und Kampftraining in deiner Freizeit treibst, meinethalben auch in deinem Bett“, sagte er dann mit einem Schmunzeln. „Du hast nämlich derzeit etwas zuviel Speck auf den Rippen angesetzt und die Fettwerte in deinem Blut sind an der Grenze zum Bedenklichen!“

 

„Ist das alles? Ich werde mich drum kümmern und in der Sporthalle demnächst ein paar Runden mehr laufen, ein paar Gewichte mehr stemmen oder vielleicht gleich mit Chief Hendorff in den Ring steigen um die Fäuste fliegen zu lassen.“ Der Captain machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist doch die einfachste Übung von der Welt und in ein paar Tagen oder Wochen ist mit meinem Gewicht wieder alles in Ordnung.“

 

„Na, da bin ich aber mal gespannt. Ich werde mir beizeiten deine Trainingspläne und die Messwerte der Fitnessgeräte abrufen und dann nachsehen, ob du dich auch brav an meine Ermahnungen und Empfehlung hältst“, erklärte der Arzt todernst, wenngleich auch in seinen Augen der Schalk blitzte.

„Sonst werde ich dir eine knallharte Diät verordnen. Dann gibt es erst einmal keine Country Potatoes, keine Spare Ribs, Milchshakes und andere fetttriefende oder übermäßig zuckerhaltige Lebensmittel mehr, sondern nur noch Grünzeug. Du solltest dir an deinem ersten Offizier ein Beispiel nehmen, der weiß genau, wie ausgewogen er seine Ernährung gestalten muss.“

 

„Spock.“ James T. Kirk schnappte nach Luft und wollte zu einer ausführlicheren Erwiderung ansetzen, doch McCoy machte nur eine abwehrende Handbewegung und lachte amüsiert auf. „Und nun verschwinde!“, sagte er dann. „Ich habe nämlich noch ein paar Spezialisten mehr auf meiner Liste, die sich wie du bisher vor dem routinemäßigen Gesundheitsscheck gedrückt haben. Und die will ich mir höchstpersönlich vorknöpfen.“

 

„Okay, dann gebe ich dir hiermit die ausdrückliche Erlaubnis des Captains, diese säumigen Herren und Damen noch ein wenig mehr zu durchleuchten und quälen wie mich.“

 

„Als ob ich dafür deine Erlaubnis bräuchte!“ McCoy sah seinen Freund schief an, schmunzelte dann aber auch. „Ich mache bestimmt keine Unterschiede zwischen dir oder unbedeutenden Crewman, auch wenn die mehr Mitgefühl verdient haben als du...“

 

„Ach wirklich? Das nehme ich dir nicht ab.“ Jim schlenderte zur Tür, blieb dann aber trotzdem noch einmal in ihr stehen. „Ach so, bist du heute Abend in der großen Messe mit dabei. Ein paar Mädels aus der Crew haben einen orientalischen Abend organisiert. Du weißt schon ... exotisches Essen, hübsche Tänzerinnen, schwere Düfte ...“. grinste er.

 

„Ich denke nicht. Jemand muss in der Krankenstation die Stellung halten, falls auf dem Schiff wieder mal das Chaos ausbricht“, erwiderte McCoy. „Für meinen Geschmack ist die Reise bisher viel zu glatt und ereignislos verlaufen. Und immer wenn wir mal ein paar Wochen Ruhe hatten, ging es erst richtig los.“

 

„Pille, mal den Teufel nicht an die Wand“, erwiderte Jim, runzelte dabei aber die Stirn. Sein Freund sagte das alles nicht ohne Grund.

 

Er dachte unwillkürlich an ihre früheren Reisen, die immer dann, wenn sie es nicht erwartet hatten, eine unerwartete Wendung nahmen, so wie etwa die Beobachtung von Nibiru, die zunächst nur Routine bedeutet hatte, bei der sie dann aber vor eine schwere Prüfung gestellt worden waren, in der sie sich zwischen Gehorsam und Moral hatten entscheiden müssen – und das war nur der Beginn eines noch viel größeren Dramas gewesen, das sie alle so viel gekostet hatte ...

 

Dennoch war er nicht bereit, sich von Pilles Zynismus anstecken zu lassen. „Ich ziehe es lieber vor, positiv zu denken und weiterhin davon auszugehen, dass nichts passieren wird, so lange wir uns noch im Machtbereich der Förderation aufhalten“, erklärte er entschlossen. „Wir sind schließlich weit weg vom klingonischen Raum und ich wüsste nicht, wer im Moment noch eine Rechnung mit uns offen hätte ...“

 

„... außer einem durchgeknallten Übermenschen und seiner Crew, die irgendwo als Eiszapfen aufbewahrt werden und noch ein paar Leuten mehr, denen du auf den Schlips getreten hast“, behielt der Chefarzt der Enterprise wie immer das letzte Wort.

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Trommelklänge, ein 7/8-Takt, der in den Ohren der meisten westlich geprägten Sternenflottenangehörigen ungewohnt exotisch klang, und Instrumente, die eine ganz eigene fremdartige Harmonie besaßen begleiteten die Tänzerin auf der Bühne.

Sie selbst balancierte mit scheinbarer Leichtigkeit einen mehrarmigen, mit brennenden Kerzen bestückten, Leuchter auf dem Kopf und folgte dabei mit dem Rest des Körpers dem Rhythmus der aufpeitschenden Melodie.

 

Während James T. Kirk eher gelangweilt wirkte, weil die zierliche junge Frau von Kopf bis Fuß in seidig schimmernden Stoff gehüllt war und nur im Gesicht, an den Fußknöcheln und Händen blanke Haut zeigte, konnte Spock nicht seinen Blick von ihr wenden, studierte sehr genau jede ihrer Bewegungen.

Seinen vulkanischen Augen entgingen nicht, wie präzise die Gesten waren, welche Kraft hinter jedem Schritt, jeder Beugung der Glieder steckte. Was umhüllt von der Musik so leicht, verspielt und anmutig wirkte war in Wirklichkeit eine Meisterleistung an Körperbeherrschung, wie er sie sonst nur aus einigen vulkanischen Meditationstechniken kannte. Isolierte Bewegungen der Hände, der Füße und des Beckens fügten sich dabei zu einem harmonischen Ganzen zusammen.

 

Er war fasziniert, von der Tatsache, dass ein Mensch so etwas zustande brachte, und doch gleichzeitig auch noch Emotionen damit vermittelte. Die Leidenschaft und der Stolz der Tänzerin war bis zu ihm spürbar, berührte ihn auf eine seltsam unaufdringliche und doch sehr intensive Weise.

Die junge Frau erzählte ihren Zuschauern eine Geschichte von Ehrfurcht und Liebe gegenüber dem Licht und ruhte in diesem Moment doch ganz in sich selbst.

 

Er konnte nicht leugnen, dass ihn das in den Bann schlug und fesselte, wenn auch nicht auf eine erotische Art und Weise. Seine leidenschaftlichen Gefühle waren einer einzigen anderen vorbehalten: Nyota Uhura, die an seiner Seite saß und im Halbdunkel der Vorführung ihre Hand auf die seine gelegt hatte.

Durch die Finger spürte er ihre Anspannung und Aufmerksamkeit und blickte kurz zu ihr hin, versuchte das, was er durch die Berührung wahrnahm zu ergründen.

War sie eifersüchtig? Nein – die Darbietung schien sie eher mitzureißen, tatsächlich wirkte es eher so, als hätte sie ebenfalls Lust, sich auf die Bühne zu gesellen und sich dem Rhythmus hinzugeben.

 

Die Tänzerin hatte den Leuchter inzwischen mit einer eleganten Bewegung von Kopf genommen und einer ihrer Helferinnen übergeben.

 

Nun wechselte sie zu einem kraftvollen, wilden Schwerttanz über, zeigte mit schnellen gezielten Bewegung, dass aus der würdevollen Lichterkönigin auch eine wilde Kriegerin werden konnte - furchtlos und mutig, wild und unbezähmbar.

Dann doch wiederum verlockend, eine Quelle leidenschaftlicher Verheißungen, mit blitzenden Augen einem leicht geöffneten roten Mund und herausfordernd zurückgeschleudertem Haar.

Spock bemerkte, dass sich James T. Kirk an seiner Seite wieder interessiert aufsetzte und auf die lockenden Bewegungen der Tänzerin einzugehen schien, obwohl sie weiterhin Distanz wahrte und die Bühne nicht verließ.

 

Das war erneut sehr ... faszinierend!

 

Bisher hatte sein Captain beim weiblichen Geschlecht doch mehr auf offenkundige Reize reagiert, hübsche Gesichter mit vollen Lippen, wohlgerundete Körper und nicht zuletzt viel nackte Haut. Doch das war das erste Mal, dass James T. Kirk sich so von einer vollständig verhüllten Frau in den Bann schlagen ließ.

 

Spock nahm die Tänzerin auf der Bühne noch einmal genauer in Augenschein. Er zog eine Augenbraue hoch. Eigentlich passte sie mit ihrer Größe und der knabenhaften Statur nicht unbedingt in das Beuteschema Kirks.

 

Und das Gesicht ... war trotz des gezielt gesetzten Make-ups eher hart, wirkte lange nicht so ansprechend wie die Züge des grünhäutigen Mädchens vom Orion – wenn er sich recht erinnerte, Fähnrich Oa aus der botanischen Abteilung, dass seine sinnliche Schönheit bewusst ausgespielt hatte.

 

Und doch fesselte sie ihre Zuschauer, wie Spock nach einem kurzen Blick in die Runde bemerkte. Männer wie Frauen starrten gleichermaßen fasziniert auf die Bühne und verfolgten jeden Schritt, jede Geste, während die Musik ihre Schnelligkeit steigerte und auf den Höhepunkt, das Finale zusteuerte.

 

Lag es vielleicht an den Augen, die in einem goldenen Honigton schimmerten, wach und aufmerksam in die Runde blickten, jeden von ihnen einzeln anzusprechen schienen, wenn sich die Blicke trafen?

Oder an den Zügen, sich nicht ganz einordnen ließen, weil sie gleichzeitig asiatisch und kaukasisch wirkten, an dem seidig fließenden blauschwarzen Haar, das im Licht der Scheinwerfer glitzerte und wie ein natürlicher Schleier wirkte.

War es vielleicht sogar alles - das Zusammenspiel von Gestik und Mimik, die Kunst mit wenig doch so viel auszudrücken und die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen ohne es offensichtlich zu machen?

 

Die Augen des Vulkaniers wurden schmal, als ihn plötzlich eine Ahnung überfiel, die mit Logik nicht zu erklären war.

 

Es war etwas an dieser seltsamen Mischung, das ihn stutzig machte, auch als die Musik plötzlich endete und sich die Tänzerin mit einer letzten Verbeugung von der Bühne zurückzog, ohne den nach folgenden Applaus so lange zu genießen wie die Frauen vor ihr.

Es schien, als nähme sie die Aufmerksamkeit und Begeisterung der Zuschauer als selbstverständlich hin, schien ihrer aber nicht aber nicht wirklich zu bedürfen ...

Warum?

Spock legte den Kopf schief, als er sich wieder einmal von der reichhaltigen Palette menschlicher Emotionen überfordert fühlte und versuchte seine Wahrnehmung logisch zu ergründen. Mit der menschlichen Schwäche der Schüchternheit hatte dies sicherlich nichts zu tun.

 

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als das bisher eher gedämpfte Licht im Raum wieder heller wurde. Die tänzerischen Darbietungen waren wohl erst einmal zu Ende und nun war es an der Zeit, dass sich die Gäste erfrischen und kleine Häppchen zu sich nehmen konnten, wie er an den Massen bemerkte, die zum Buffet strömten.

 

„Das war einfach atemberaubend, fandest du nicht?“, sagte Nyota an seiner Seite und lenkte damit seine Aufmerksamkeit auf sich. „Ich glaube, ich sollte demnächst auch mal schauen, ob ich die Zeit finde, mich bei einem Tanzkurs von Yeoman Kazan einzuschreiben.“

 

„Tanzkurs?“

 

Auf seinen fragenden Blick hin ergänzte die dunkelhäutige Kommunikationsoffizierin und Linguistin: „Hast du nicht davon gehört, Spock? Um das Gemeinschaftsgefühl der Mannschaft auf einer so lange Reise zu stärken, haben unsere beiden Schiffscounselor die Idee angeregt, dass Mannschaftsmitglieder gefördert werden, die bereit dazu sind Kurse zu geben, wenn sie über künstlerische oder musische Fähigkeiten verfügen oder Lust darauf haben, besondere Sportarten zu unterrichten. Die Idee wurde wohl vor allem in letzterem Bereich aufgegriffen.

Aber bisher haben sich bisher nur wenige dazu überreden lassen, so etwas wie Musik- oder Tanzunterricht zu geben. Als es dann darum ging, noch mehr Leute zu ermutigen, sich den bestehenden Gruppen anzuschließen oder neue zu gründen, hat Fähnrich Oa wohl Yeoman Kazan so lange bearbeitet bis sie damit einverstanden war, mit ihren Frauen dieses Programm auf die Beine zu stellen. Und ich würde sagen, das der Abend war ein voller Erfolg: Mir hat es jedenfalls Lust gemacht, mich ihnen anzuschließen.“

 

„Es war tatsächlich faszinierend und ich muss zugeben, ich habe die Anregungen zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht weiterverfolgt. Vielleicht sollte ich das ändern.“, entgegnete Spock nachdenklich und kam dann zu dem Punkt der ihn eigentlich immer noch mehr beschäftigte: „Gehe ich recht in der Annahme, dass es sich bei der letzten Tänzerin um den Yeoman selbst handelte?“

 

Nyota nickte. „Ja, das war sie. So weit ich gehört habe, arbeitet Shirin Kazan bei einem der Sicherheitsteams, die für die Lagerräume verantwortlich sind ... eine Verschwendung, wenn du mich fragst. So wie ich die Leute gelegentlich in der Messe reden höre und was ich heute hier gesehen habe ... werde ich das Gefühl nicht los, sie kann viel mehr ...“

 

„Ich stimme dir zu, Nyota.“ Spock überlegte. Er war nicht nur der Leiter der wissenschaftlichen Abteilung. Als erstem Offizier oblag es ihm auch, in Kontakt mit den Teams der Sicherheit zu bleiben.

Die Chiefs der einzelnen Gruppe erstatteten ihm Bericht, besprachen mit ihm den Einsatz von Personen und Material, hielten ihm über Leistungen, Vergehen und Schwächen der Leute auf dem Laufenden. Gemeinsam lösten sie die alltäglichen Probleme mit denen der Captain nicht belastet werden musste.

 

In diesem Rahmen hatte er auch immer wieder einen Blick auf die Personalakten der Crewman und Yeoman geworfen. Shirin Kazan war der Gruppe S18 von Chief O’Hara zugeteilt, daran erinnerte er sich, aber an nicht mehr. Doch das würde sich schnell ändern lassen ...

 

Nyota berührte ihn kurz am Arm. „Spock, bitte“, sagte sie leise aber ermahnend. „Eigentlich sind wir hierher gekommen, um uns unterhalten zu lassen und einmal die Dienstroutine zu vergessen. Du hast jetzt eigentlich frei und solltest diese Stunden genießen. Ich denke das Schiff ist bei Lieutenant Sulu in den besten Händen.“

 

„Das weiß ich.“ Spock nickte ihr zu und ließ doch noch einmal seinen Blick schweifen, als sie sich von ihren Stühlen erhoben.

 

Wie erwartet hatte sich James T. Kirk bereits wieder zu einer Gruppe weiblicher Crewmitglieder gesellt und flirtete mit ihnen. Auch ein oder zwei der Tänzerinnen waren unter ihnen und genossen die Aufmerksamkeit, die er ihnen schenkte, schienen nicht abgeneigt darüber zu sein, ihrem Captain mehr als ein süßes Lächeln zu schenken.

Irgendwo an einem der Tische sah er Chefingeneur Scott, der wie immer mit seinem Kollegen Keenser ein unzertrennliches Gespann bildete. Doktor McCoy war nicht anwesend, dafür aber einige seiner Mitarbeiter, die am Buffet standen und miteinander diskutierten.

 

Die meisten Besatzungsmitglieder jedenfalls unterhielten sich zwanglos miteinander, einige mit Gläsern, andere mit Tellern in den Händen und genossen einfach nur das gesellige Beisammensein ...

 

Nicht so Shirin Kazan. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckte er sie auf dem Seitenrand der Bühne sitzend. Still und unnahbar wie eine Statue beobachtete sie die Anwesenden aus dem Schatten des Baldachins, der die Auftrittsfläche überspannt hatte. Zwar reagierte sie darauf, wenn jemand sie ansprach, machte aber keine Anstalten, den Kontakt von sich heraus zu halten oder gar aufzunehmen. Und dann erwiderte sie seinen Blick so selbstbewusst und verschlossen , dass er erneut stutzte.

Doch warum?

Was machte ihn an ihrem eigentlich unverfänglichen Verhalten so nachdenklich und ließ ihn doch gleichzeitig vor seiner Wahrnehmung zurückschrecken, weil Logik in diesem Fall keine Rolle spielte, sondern eine nur all zu menschliche Regung, die ihm ganz und gar nicht behagte?

Genug davon!

Informationen und Antworten konnte er erst später suchen, jetzt zählten andere Dinge, das hatten ihm die Erlebnisse vor einem Jahr deutlich vor Augen geführt. Manchmal musste er auch seiner menschlichen Seite nachgeben und nicht zuletzt...

 

Er wandte sich Nyota wieder zu, während er den Captain in den Augenwinkeln beobachtete. Bevor dessen Verhalten gegenüber den Damen zu Intim wurde , würde er ihn und natürlich auch seine Bewunderinnen an einige wichtige Paragraphen der Dienstvorschriften erinnern müssen, die sich auf den privaten Umgang miteinander bezogen...

 

„Du hast recht. Nach den faszinierenden Darbietungen der Tänzerinnen, sollten wir jetzt vielleicht auch von den Speisen kosten, um den Abend abzurunden“, sagte er dann etwas steif.

 

„So, wie du es sagst“, lachte Nyota, der sein Seitenblick auf Yeoman Kazan nicht entgangen war. „Und glaube mir, irgendwann werde ich auch mal einen afrikanischen Abend in Angriff nehmen. Da wirst du erst recht staunen ...“

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„Kein Schiff sollte ohne seinen Captain untergehen!“ James T. Kirk schreckte aus dem Alptraum hoch, als ihn das Licht und der leichte Entmaterialisierungschmerz des Beamens erfasste.

Er stellte fest, dass er aufrecht im Bett saß, schweißgebadet, fröstelnd. Und das alles nur wegen, dieser gnadenlose Stimme, deren eisige Resonanz er niemals vergessen würde. Sie hatte sich tiefer in seinen Geist eingebrannt als ihn lieb war.
„Khan!“, murmelte er, benutzte noch immer nur den Namen, des Mannes, den er zuerst aus dessen eigenen Mund erfahren hatte, obwohl er inzwischen mehr wusste.
Der Mann dessen voller Name eigentlich Khan Noonien Singh lautete. Der Opfer und Täter zugleich gewesen war. Ein skrupelloser Mörder, der zahllose Unschuldige in London und San Francisco getötet hatte und auf der anderen Seite dann doch nur ein aus seiner Zeit gerissener Mann, der aus seinem langen Schlaf geweckt worden war, um dann nur wieder benutzt zu werden. Eine lebende Waffe, ein genetisch verändertes Monster und dann doch nur ein Mensch, der verzweifelt um das Leben seiner Crew, seiner Familie und seiner Freunde gekämpft hatte.

Er atmete mehrfach tief ein und aus, um sein heftig schlagendes Herz zu beruhigen, rieb sich dann über das Gesicht. Admiral Marcus Verrat beschäftigte ihn nach diesem ganzen Jahr weniger als der Schatten des Mannes aus der Vergangenheit. Das verstand er nicht. Auch wenn er wusste, dass Khan, nachdem er körperlich wieder hergestellt und das Blut in seinen Adern den Zweck erfüllt hatte, ihm das Leben zu retten, wieder in Tiefschlaf versetzt worden war und zusammen mit den Überlebenden seiner Crew irgendwo auf der Erde in einem streng geheimen Hochsicherheitstrakt gebracht worden war, so fühlte er doch immer noch dessen Nähe.

„Nein ... nein“, murmelte er leise und unterdrückte einen Gedanken, dem er als aufgeklärter Mensch des dreiundzwanzigsten Jahrhunderts keinen Glauben schenken sollte. Es war ein Hirngespinst, dass mit dem Blut eines anderen Menschen auch ein Teil der Seele in den Empfangenden überging.
Das war hanebüchener Unsinn, ein Aberglauben, über den er lieber lachen sollte. Zumal Pille ihm versichert hatte, dass die Anpassungen an sein eigenes Blut es notwendig gemacht hatten, den Lebenssaft des Augments mehrfach zu filtern – schließlich war er kein Tribble, der alles vertrug.

Er sah unwillkürlich den Mann, der seinen Mentor und so viele andere umgebracht hatte vor so klar vor sich, als stünde er in Person vor ihm auch wenn er ihn nach seinem Erwachen nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.

Was vielleicht auch besser so war ... oder auch nicht.

Denn vielleicht hätte besser mit Khan abschließen können, wenn er dem Augment noch einmal Auge in Auge gegenüber gestanden hätte, um ihm ins Gesicht zu sagen, dass er ebenso bereit gewesen war, für seine Familie zu kämpfen und zu sterben, dass der Augment am Ende trotz seiner Überlegenheit doch verloren hatte ...

Stattdessen war ihm nur das Dossier geblieben, das Spock für ihn über den Mann aus der Vergangenheit zusammengestellt hatte. Denn schon kurz nach seinem Erwachen war in Jim das Verlangen erwacht, mehr über den Gegner und doch auch Lebensretter zu erfahren, der mit ihm wie einer Marionette gespielt hatte, um nicht noch einmal in seine solche Falle zu raten.
Sowohl der Vulkanier als auch Pille hatten ihn von diesem Wunsch abzubringen versucht, hatten ihn gewarnt, seine psychischen Wunden nicht noch mehr aufzureißen, doch als Jim hart geblieben war, nachgegeben und die Informationen, zusammengestellt, die ihnen zugänglich waren.
Vielleicht hätte er dies nicht tun sollen, denn die Informationen hatten ihm nicht geholfen, einen Schlussstrich zu ziehen und zu vergessen, sondern ihn noch mehr zum Nachdenken gebracht.

Denn Khan Noonien Singh hatte nicht gelogen, als er von seiner Vergangenheit als Instrument um den Kampf um die Vorherrschaft auf der Erde und zur Bewahrung oder Schaffung eines dauerhaften Frieden sprach.

Er war in einer Zeit erschaffen worden, in der zwei politische Weltanschauungen und die daraus resultierenden Machtblöcke um die Vorherrschaft auf der Erde gerungen hatten und dabei über Jahrzehnte misstrauisch belauerten.
Jim verstand bis heute nicht, warum die Menschen nach zwei kurz aufeinanderfolgenden Weltkriegen, den grausamen Taten mehrerer menschenverachtenden Diktaturen, den Millionen von Toten unter den Soldaten und vor allem der Zivilbevölkerung, nicht aus ihren Fehlern und Schwächen gelernt hatten, sondern sehenden Auges auf ihre vollständige Vernichtung zugesteuert waren.

Geist und Verstand hatten gerade in dieser Zeit den technischen Fortschritt vorangetrieben, das Atom gemeistert, doch wozu? Nur um wieder und wieder Leid und Tod zu bringen!

Zwar hatte es immer wieder Männer und Frauen gegeben, die sich mit dem Preis ihres Lebens für Frieden, Toleranz und gleichberechtigtes Miteinander und globales Verständnis der Weltanschauungen, Rassen und Völker eingesetzt hatten, vorausschauende Politiker, die alles dafür getan hatten, den schwelenden Konflikt nicht in eine offene Konfrontation ausarten zu lassen, doch es waren viel zu wenige gewesen und ihre Stimmen waren oft genug unterdrückt oder gar zum Verstummen gebracht worden.

Und da waren schließlich die Wissenschaftler gewesen, die durch neu entwickelte Techniken im Bereich der Humanmedizin auf die wahnwitzige Idee gekommen waren, der Welt eine neue Elite zu schenken, die den normalen Menschen überlegen waren und sie in eine bessere Zukunft führen konnten. Ein hehrer Gedanke ... mit üblen Folgen.
Das „Chrysalis-Projekt“ der indischen Wissenschaftlerin Sarina Kaur war zu einem Fluch für die Erde geworden, nachdem sich gleich mehrere Regierungen ihrer in den unterirdischen Genlaboren gezüchteten Kindern bemächtigt und die geheime Basis selbst durch einen Atomschlag zerstört hatten, um sie zu Werkzeugen ihres Willens zu machen.

Aufgewachsen in einer Welt ohne Familie, ohne die Liebe von Eltern und Geschwistern, war Khan einzig und allein dazu erzogen worden, seinen Zweck als gehorsamer Soldat zu erfüllen und denen zu dienen, die sich als seine unumschränkten Herren betrachteten.
Den Normalsterblichen in jedem Bereich körperlich und geistig überlegen, wurden er und seine Gefährten von diesen doch niemals als menschliche Wesen anerkannt, sondern nur als seelenloses Ding oder Kreatur betrachtet die man jederzeit zur Schlachtbank führen und mit denen man herumexperimentieren konnte wie mit Tieren.

Jim hatte sich bei den lückenhaften Berichten mehr, als einmal der Magen herumgedreht. Allein schon die nüchternen und sachlichen Anmerkungen über Vivisektionen an „Subjekten“, die physische „Defekte“ aufgewiesen hatten, die systematische Vergiftung und Infizierung der genetisch aufgewerteten Kinder, um zu sehen, ob sie das überleben konnten, die grausamen Strafen, die an denen vollstreckt wurden, die sich einer „wiederholten Insubordination schuldig gemacht hatten“, sprachen für sich.

Musste er sich dann noch darüber wundern, warum sich Khan so und nicht anders gehandelt hatte? Dass er nicht gezögert hatte, kaltblütig unschuldige Menschen umzubringen und sich nicht darum zu kümmern, was andere dadurch verloren, wenn er selbst niemals Menschlichkeit erlebt hatte?

Die Wissenschaftler und Militärs hatten dann jedoch die Intelligenz und den Freiheitswillen ihrer genetisch veränderten Sklaven unterschätzt. Sie waren von ihnen eines Tages unangenehm überrascht und schließlich überrannt worden. Innerhalb weniger Wochen hatte sich entschieden, wie kontrollierbar die einzelnen Übermenschen wirklich waren und was sie an Fähigkeiten entfesseln konnten, wenn man sie nicht mehr beherrschte. Halb Asien und Afrika, sogar Teile von Europa und Südamerika waren ihnen in die Hände gefallen. All die Krisenherde, in denen die Regierungen schwach und korrupt waren, und letztendlich nur das Recht des Stärkeren regierte.

In dieser Zeit, die man heute die „Eugenischen Kriege“ nannte, hatte sich ausgerechnet Khan Noonien Singh, das strategische und taktische Mastermind hinter dem Aufstand, als der menschlichste der Augments erwiesen, als der Mann, der Ordnung in das Chaos einer seit Jahrzehnten kriegsgeschüttelten Region in Mittelasiens gebracht hatte, der trotz aller Machtgier und Härte, doch so etwas wie Sorge und Loyalität gegenüber seinen Schutzbefohlenen gezeigt und sie fast bis zum Ende beschützt hatte.

Anders als viele seiner Artgenossen war er aber auch klug genug gewesen, die führenden Köpfe unter den Normalsterblichen nicht zu unterschätzen und sich selbst eine solide Basis an Anhängern zu schaffen.

Auch hier zeichneten einige Berichte trotz der unverhohlenen negativen Propaganda gegen den Augment ein ambivalentes Bild von „Diktator Singh und seinem überraschend stabilen und lebensfähigen Regime“ und sprachen immer wieder von seinen „fanatischen, schrecklich fehlgeleiteten menschlichen Gefolgsleuten“, die am Ende wohl seine Flucht von der Erde erst möglich gemacht hatten.

Und gerade letzteres sagte viel aus!

Wer bereit gewesen war, freiwillig Schutzschild zu spielen und dabei sein Leben zu opfern, hatte dies vermutlich nicht unbedingt aus Angst oder Furcht, sondern eher aus einer tiefen Überzeugung heraus getan.
Sicher gab es auch schon Beispiele aus dem gleichen Jahrhundert, in denen ganze Völker durch gezielte Indoktrination beeinflusst worden war – aber ob die wenigen Jahre ihrer Herrschaft für die Augments wirklich ausgereicht hatte, um sich so treue Diener heranzuziehen?

Obwohl Jim ihm den Tod seines Mentors und Freundes Christopher Pike niemals würde verzeihen konnte, fühlte er sich dem nun wieder auf Eis gelegten Mann aus der Vergangenheit erschreckend verbunden.
Er hatte sich schon mehrfach dabei ertappt, ihn als sein eigenes Spiegelbild zu sehen, als seinen dunklen Bruder ... oder besser noch: seinem persönlichen „Kobayashi Maru“-Test, seiner Reifeprüfung als Captain.
Khan Noonien Singh hatte ihm mehr als schmerzhaft seine persönlichen Schwächen und Fehler aufgezeigt, seine großen Unzulänglichkeiten. Er hatte in bis an die Grenzen seiner Kraft getrieben, und erkennen lassen, auf was es wirklich ankam, wenn man die Verantwortung über ein Sternenschiff übernahm.
Gerade in seiner dunkelsten Stunde war Jim bewusst geworden, wo seine Stärken lagen und das hatten nicht die aufmunternden Worte Christopher Pikes, bei ihrem letzten Gespräch bewirkt, sondern ausgerechnet sein Feind.

Dafür musste er dem Augment fast schon dankbar sein, dennoch hoffte er aus tiefstem Herzen, Khan nie mehr wiederzusehen und damit endlich auch seinen düsteren Schatten loszuwerden, der ihn immer wieder in seinen Träumen heimsuchte. Die Fünf-Jahres-Mission war die beste Chance dazu, den nötigen Abstand zu gewinnen.

Pille hatte mit seiner Äußerung leider voll ins Schwarze und ihn damit bis ins Mark getroffen, gestand er sich ein. Körperlich mochten vielleicht keine Narben oder anderen Schädigungen zurückgeblieben sein, aber seine Seele würde noch lange mit den bitteren Erfahrungen hadern, die er in diesen wenigen Tagen gemacht hatte.

Andererseits hatte er genug über diese Dinge gebrütet!

So stieß Jim zischend die Luft aus und versuchte stattdessen an etwas schöneres zu denken ... an den orientalischen Abend und die hübschen Tänzerinnen.
Er hatte gar nicht gewusst, dass noch mehr nette, gut gebaute und vor allem lebenslustige Damen in seiner Mannschaft waren, als die paar, die er schon auf der Brücke und in der Messe kennen gelernt hatte.

Zwar war es ihm letztendlich nicht gelungen, Oa, die junge Orionerin aus den biologischen Laboren der Enterprise zu einem kleinen unverfänglichen One-Night-Stand zu überreden, weil Spock auf seine direkte Art wieder einmal dienstliche Instanz gespielt und es nicht hatte lassen können, die Vorschriften zu zitieren.
Trotz aller Freundschaft musste der Vulkanier leider auch in der Freizeit sein erster Offizier bleiben und hatte ihm jeden Spaß genommen ... aber er war noch nicht bereit aufzugeben. Es ergab sich bestimmt noch einmal eine andere Gelegenheit, mit dem hübschen Fähnrich oder einer anderen Schönheit in Kontakt zu kommen.

Auf jeden Fall hatte es gut getan, sich zu entspannen, zu flirten und die Rangunterschiede wenigstens in diesen paar Stunden zu vergessen. Er sah es als Vorteil, seine Mannschaft auch einmal von einer anderen Seite kennen zu lernen, schließlich wusste man nie, wozu das eines Tages einmal gut sein würde ...

Er musste unwillkürlich grinsen. Selbst der sonst eher spröde und nüchterne Spock hatte der Aufführung mehr Aufmerksamkeit geschenkt als für ihn normalerweise üblich war. Gerade bei der letzten Tänzerin hatte der Halbvulkanier kaum die Augen von der Schwarzhaarigen lassen können.

Jim hatte sie eher gelangweilt – weil sie nicht unbedingt die Art von Darbietung gebracht, die er sich allgemein unter Bauchtanz vorstellte – und deshalb den ein oder anderen Seitenblick auf seinen ersten Offizier riskiert. Sonst wäre ihm Spocks erstaunliches Verhalten auch nicht aufgefallen. Schon interessant, das in dem kalten logischen Herzen auch so etwas wie Kunstverstand steckte ....

Er ließ sich wieder auf den Rücken fallen und atmete tief ein und aus. ... na ja, er musste Spock im Grunde nicht verstehen.

Das war letztendlich Nyota Uhuras Sache, wenn sie sich schon unbedingt mit diesem kalten grünblütigen Fisch hatte einlassen wollen. Andererseits traute er ihr durchaus zu, dass sie ihrem Freund die spitzen Ohren lang ziehen würde, wenn er auf Abwegen wandelte.

Denn so sehr er es für sich selbst in Bezug auf die hübsche Kommunikationsoffizierin bedauerte, dass sie sich ausgerechnet für Spock interessierte und nie auf ihn geflogen war, so zufrieden war er darüber, dass die dunkelhäutige Schönheit seinen ersten Offizier zusätzlich daran erinnerte, dass er auch zur Hälfte ein Mensch war. Das machte ihn seither ein wenig umgänglicher...

Jim gähnte ausgiebig. Wenigstens verschwanden mit der aufkommenden Müdigkeit endlich die letzten Fetzen seines unangenehmen Traums und machten den viel schöneren Bildern des orientalischen Abends Platz.

Merkwürdig nur, dass eine vollbekleidete Frau genau so voller sinnlicher Leidenschaft sein konnte, wie eine Orionerin, der die Erotik schon in die Wiege gelegt worden war. Er sollte vielleicht herausfinden, wie sie das anstellte ...

Chapter Text

“Shirin!” Oa ließ sich auf den freien Platz neben, die zierliche schwarzhaarige Frau fallen, die gerade so mit einem Datenpadd beschäftigt war, dass sie die Umgebung um sich herum ganz ausgeblendet hatte.
„Der Abend gestern war doch ein voller Erfolg, findet du nicht?“, sprach sie munter weiter und ignorierte, dass ihr Gegenüber den Kopf hob und dabei recht vorwurfsvoll dreinschaute. „Eigentlich muss ich noch ein paar wichtigen Berichte lesen, die nicht warten ...“

„Also ehrlich, du ziehst das trockene Zeug deiner besten Freundin vor?“ Entschlossen zog Oa das Padd aus den Händen der anderen und legte es außerhalb ihrer Reichweite auf den Tisch. „Hör mal Shirin. Du nimmst deine Pflichten manchmal einfach zu genau! Oder hat dein Dienst etwa schon angefangen?“

„Nein, das tut er erst in einer halben Stunde“, erwiderte die Angesprochene und legte die Hände an die Tischkante, ließ sich wie immer nicht anmerken, was sie wirklich dachte, sondern schien zu überlegen, wie sie sich das Padd zurückholen konnte.
Oa schob es daher noch ein Stück weiter weg. „Na siehst du? Zeit genug, um eine Runde mit einer guten Freundin zu plaudern, oder?“

„Nun ... wenn es ...“

Oa legte den Kopf schief und stöhnte genervt. „Manchmal bist du echt schräg drauf, Shirin. Sag mal, hast du wirklich kein Vulkanierblut in den Adern? Du bist manchmal genau so steif und begriffsstutzig wie unser Erster Offizier. Muss es denn immer einen wichtigen Grund geben, miteinander zu reden?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Na ja, wenn ich gekommen bin um gemeinsam ein Resümee über den vergangenen Abend zu ziehen, dann reicht das doch bestimmt schon aus, oder etwa nicht, eure Hoheit, Prinzessin Shirin?“

„Bitte lass diese Anrede“, zischte die Angesprochene erstaunlich gereizt, ja fast böse, versuchte dann wieder etwas sanfter zu klingen. „Ja, ich habe auch bemerkt, dass unseren Zuschauern die Aufführung gefallen hat!“

„Gefallen? Das ist nicht der richtige Ausdruck! Die Wirkung unserer Auftritte war phänomenal!“ Oa lachte hell auf. „Dem Captain sind jedenfalls fast die Augen aus dem Kopf gehüpft, als ich auf der Bühne stand. Und glaub mir, ich habe in diesem Moment nur für ihn getanzt, weil er seinen Blick nicht mehr von mir wenden konnte.“
Dann deutete sie verschmitzt auf ihr Gegenüber.
„Und ich glaube, du hast Commander Spock um den Finger gewickelt. Der hat dich nämlich die ganze Zeit so angestarrt, als wolle er dich mit seinem Blicken ausziehen ... obwohl ich mir das bei dem eigentlich nicht vorstellen kann.“
Sie holte tief Luft und sprach weiter wie ein Wasserfall. „Auf jeden Fall reden die anderen begeistert drüber und vor allem die Jungs aus dem Maschinenraum und den biologischen Abteilungen würden sich über eine baldige Wiederholung freuen. Sie trauen sich nur nicht, es dir zu sagen!“

„Warum? Haben sie Angst, dass ich ihnen etwas antue?“, erwiderte Shirin Kazan leise. Auch um ihre Lippen spielte nun ein amüsiertes Lächeln, doch Oa konnte nicht sagen, ob sie von ihrer Begeisterung mitgerissen worden war, oder nicht, denn die hellen Augen der Yeoman, die sich im einem Ton zwischen blau und grau bewegten, dabei auch noch mit grünen Sprengseln durchsetzt waren, blieben ernst.

Oa stutzte und schüttelte den Kopf. „Hör mal, ich kenne dich jetzt schon, seit wir zusammen auf die Enterprise gekommen bist, aber irgendwie hast du es immer noch nicht gelernt, dich einfach nur zu freuen und den Augenblick des Ruhms und der Anerkennung zu genießen.“ Sie sah die andere scharf an.
„Auf jeden Fall waren die braunen Kontaktlinsen eine gute Idee. Die warme Farbe steht dir viel besser als dieser durchdringende Eisblick, der ja selbst mich manchmal, erschauern lässt!“ Sie hob abwehrend die Hände. „He, jetzt lass das sofort sein. Du musst mich nicht so anstarren wie eine Schlange vor dem Zuschnappen!“

„Ich kann nichts dafür, mit dieser Augenfarbe geboren zu sein. Was das andere betrifft, es ist mir nicht so wichtig“, erwiderte die Frau, die das Haar zu einer strengen Frisur nach Dienstvorschrift hochgesteckt hatte. „Du weißt doch selbst, dass ich in erster Linie für mich selbst tanze und nicht um jemanden zu unterhalten oder gar zu verführen. Das habe ich dir von Anfang an klar gemacht. Seit wir diesen Kurs ins Leben gerufen haben.“

„Ach Shirin ...“, seufzte die Orionierin. Sie streckte impulsiv die Hand aus, als wolle sie diese auf die der anderen legen, überlegte es sich dann aber anders, denn auch das hatte sich die Freundin ausbedungen. Körperliche Kontakte schien sie so weit sie konnte, vermeiden zu wollen, warum auch immer ... das hatte sie bis heute nicht herausbekommen.
Denn auch wenn sie durch gemeinsame Schulungen, Quartiere im gleichen Deck und dann durch den Kurs einiges an Zeit miteinander verbrachten, konnte sie die zwei Jahre ältere Menschenfrau, die nur auf der Tanzfläche oder beim Spielen ihres sperrigen Instruments aus ihrem selbstgebastelten Kokon der Unnahbarkeit heraus kam, immer noch nicht richtig einschätzen.

Trotzdem mochte sie Shirin für ihre stoische Gelassenheit, die auch sie ruhiger machte, und die Tatsache, dass sie irgendwie auf ihre Art und Weise loyal war, Oa so akzeptierte wie sie war – mit allen Fehlern und Schwächen und auch in schwierigen Momenten zu ihr stand, so wie damals, als sie im hydroponischen Garten beinahe mit einem der hübschen Assistenten ein Stelldichein gehabt hatte, anstatt ihren Aufgaben nachzugehen.

So grinste sie der anderen nur zu. „ Ich denke unsere Gegensätze machen uns, zu einem verdammt guten Team, denn ich finde, jede hat der anderen schon eine Menge von sich gegeben“, meinte sie leichthin. “Auf jeden Fall haben mich gestern Abend und heute morgen beim Frühsport schon mal ein paar Frauen angesprochen. Sie wollen auf jeden Fall bei uns reinschnuppern.“

Shirin nickte. „Wenn nur ein oder zwei von ihnen bleiben, wäre das schon ein netter Zugewinn.“

„Ja, das finde ich auch. Die meisten verkennen, dass unsere Art zu tanzen hartes Training ist, für das man eine Menge Ausdauer braucht. Und auch verdammt viel Kraft. Bei deinem Leuchter gestern hätte ich mir jedenfalls fast einen Bruch gehoben. Wie schaffst du das nur, ihn so lange auf dem Kopf zu balancieren und dir dann den Nacken nicht zu verrenken?“

„Indem ich immer darauf achte, dass ich das Gewicht genau verteile, damit genau das nicht passiert. Aber das ist wirklich reine Übungssache, glaube mir. Ich habe eben schon in jungen Jahren damit angefangen und niemals wirklich mit dem Tanzen aufgehört“, erwiderte die Schwarzhaarige.

„Davon musst du mir irgendwann doch wirklich mal mehr erzählen“, erklärte Oa und wechselte dann das Thema, wusste sie doch genau, dass sie ein Thema berührte, bei dem Shirin grundsätzlich die Schotten dichtmachte.
Die Achtundzwanzigjährige sprach zwar ab und zu über ihre Zeit bei der Sternenflotte und die Stationierungen auf zwei Schiffen, Raumstationen und einer abgelegenen Basis, niemals aber über die Zeit, die davor gelegen hatte – Kindheit und Jugend. Die schienen in ihrem Fall irgendwie nicht existiert zu haben.

Der einzige Hinweis auf ihre Herkunft war ihr Lieblingsinstrument. Aber das wusste Oa nicht durch Shirin selbst, sondern erst durch die Recherche eines netten, ein bisschen tapsigen aber ansonsten leidenschaftlichen Lieutenants aus der kulturhistorischen Abteilung, der ihr erklärt hatte, dass Shirin eine Sitar spielte, ein in Nordindien seit Jahrhunderten gebräuchliches Musikinstrument.

„Schade nur, dass du dich gestern nicht zu uns gesellt hast. Das war ein riesiger Spaß, mal auf gleicher Ebene mit dem Captain zu sprechen, oder mit Doktor McCoy, der gestern mal nicht so mürrisch war wie sonst.“ Sie kicherte. „Und Mister Chekov wurde ganz rot, als ich ihn fragte, ob ihm meine Tanzkünste gefallen hätten und ein wenig um ihn herum tänzelte. Der ist wirklich noch ein feucht hinter den Ohren.“

„Ja, das habe ich beobachten können“, erwiderte Shirin. „Von der Bühne aus hatte ich einen guten Blick auf alles. Und es ist nicht so, dass ich mich nicht auch mit dem ein oder anderen unterhalten hätte.“

„Ja, du hast die Leute auf dich zukommen lassen, wie eine Prinzessin, die huldvoll Hofstaat hält“, neckte Oa sie frech. „Das ist mir aufgefallen ... und ich glaube auch noch ein paar anderen Leuten wie Commander Spock. Und dann bist du irgendwann einfach still und leise verschwunden.“

Shirin runzelte während ihrer letzten Äußerung die Stirn. „Ich war nach den ganzen Vorbereitungen und dem Auftritt müde und erschöpft. Außerdem bin ich nicht der Typ, der so viel Gesellschaft um sich haben muss ...“, entgegnete sie, blickte dann aber abgelenkt nach oben, an Oa vorbei. Die Orionerin spürte auch, das jemand neben sie trat.

„Lieutenant Uhura, kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“ Shirin setzte wieder eine höfliche aber undefinierbare Miene auf.

Die dunkelhäutige Kommunikationsoffizierin von der Brücke sah beide Frauen indessen freundlich an. „Ich habe Sie beide hier in der Messe gesehen und dachte mir, dass ich gleich mit Ihnen sprechen könnte, anstatt Ihnen eine Nachricht zu senden.“

Sie wirkte im nächsten Augenblick ein wenig irritiert, weil Shirin ihr direkt in die Augen sah und ruhig genau so ruhig wie vorher erwiderte: „Ich nehme an, Sie wollen sich bei unserem Tanzkurs anmelden. Wir planen eine Schnupperstunde für alle Interessentinnen, können aber noch nicht genau sagen, wann dies klappen wird. Aber ich setze Sie gerne auf die Liste und schicke Ihnen dann die Termine.“

„Ja, darüber würde ich mich sehr freuen.“ Lieutenant Uhura lächelte. „Sie beide waren gestern übrigens ausgezeichnet. Vor allem ihre Darbietung Miss Kazan hat mir sehr gefallen, weil sie so anders war. Tanzen sie schon lange?“

„Vielen Dank für das Lob und ja, ich trainiere seit meiner Kindheit. Das ist nun wirklich nichts Besonderes“, ging Shirin sachlich auf das Lob ein und blockierte durch die Art, wie sie das sagte weitere Nachfragen. Dann streckte sie auffordernd die Hand aus.

Oa wusste auch ohne Worte Bescheid, was sie von ihr wollte und schob schnell das Padd in die Richtung ihrer Freundin zurück, obwohl sie es ärgerte, dass Shirin, die Kommunikationsoffizierin so knapp abfertigte.
Da hatte man schon mal die Gelegenheit, jemanden zu sprechen, der auf der Brücke Dienst tat, und dann passierte das. „Ich notiere mir gleich Ihren Namen, Sie hören auf jeden Fall von uns.“

„Noch einmal danke.“ Lieutenant Uhura schien die Zeichen erkannt zu haben und verabschiedete sich freundlich, wenn auch ein wenig nachdenklich und wandte sich dann von ihnen ab. Auch Shirin erhob sich in diesem Moment, so als wollte sie die Gelegenheit nutzen, Oa gleich auch noch zu entkommen.

Die Orionerin klappte den Mund auf. „Das war jetzt aber nicht gerade diplomatisch! Warum hast du sie so kalt behandelt? Das war immerhin ...“

„Es tut mir leid!“, unterbrach sie Shirin.“Ich muss jetzt leider auch nach unten in die Einsatzzentrale zu meiner Teambesprechung. Vielleicht sehen wir uns ja noch im Laufe des Tages oder während der Arbeit. Ansonsten sprechen wir uns ja später in unserer Freizeit, koordinieren die Schnupperstunde und melden sie gleich bei den Verantwortlichen an.“

„Mach, was du willst“, Oa verzog die Mundwinkel. „Schade nur, dass du jetzt schon die Flucht ergreifst.“
„Dann schau mal auf die Uhr. Ich brauche zu den unteren Decks leider ein wenig länger als du zu deinen Labors.“
„Okay, du hast ja recht!“

Die Orionerin blickte der Menschenfrau nach und seufzte. Ja, damit konnte sie sich immer noch nicht so richtig abfinden. Auch wenn sie es jetzt nicht mehr wahrhaben wollte, noch vor achtzehn Monaten war sie der merkwürdigen „Neuen“ wie viele der anderen erst mal aus dem Weg gegangen und hatte nur das nötigste mit ihr geredet.

Wirklich kennen gelernt hatten sie sich aber erst in der schwersten Stunde der Enterprise, in der sie um ihr Leben hatten fürchten müssen. Damals, als die „Vengeance“, das schwarze Schiff von Admiral Marcus auf sie gefeuert hatte, als das Leben der Besatzung beim Absturz in Richtung Erde auf dem Spiel gestanden hatte.

Oa erinnerte sich noch gut daran, wie sie bei der panischen Flucht durch die hydroponischen Gärten mehrfach durch die Luft geschleudert worden war und schließlich zwischen ein paar Rohre des Kühlsystems. Dem Gefühl zerquetscht zu werden war ein brennender, bohrender Schmerz gefolgt, dann Qualen, die sie hatten schreien und schreien lassen ...

Irgendwann, als sich ihre Sinne für einen Moment wieder klärten, hatte sie sich in den Armen der ebenfalls blutüberströmten Shirin wiedergefunden, die beruhigend auf sie eingesprochen und sie davor bewahrt hatte in Schockstarre zu verfallen, obwohl ihr Gesicht selbst von Schmerz gezeichnet war.
Sie fühlte noch immer den festen Griff um ihre Hüfte, den sie der um ein paar Fingerbreit kleineren Frau in diesem Zustand gar nicht zugetraut hatte, die unbändige Kraft, mit der sie sie beide aus dem zerstörten Teil des Decks gebracht hatte obwohl es über all brannte, überall Rauch die Sicht vernebelt hatte und ...

Die Orionerin schüttelte sich und verdrängte die schrecklichen Bilder von Tod, Feuer und . Chaos. Sie dachte lieber daran, wie sie ihrer Lebensretterin nach der Entlassung aus der Krankenstation auf die Pelle gerückt war und sie in den kommenden Monaten dazu gebracht hatte, ein bisschen aus sich heraus zu kommen und ja nicht erst zu versuchen, sich auf einen anderen Posten zu bewerben, wie Shirin kurzfristig erwogen hatte.

Damals hatten sie ihre gemeinsame Liebe zum Tanz, leidenschaftlichen Klängen und exotischen Rhythmen entdeckt, auch wenn ihre Auffassungen über den Sinn und Zweck des Tanzens weit auseinander gingen.
Oa genoss es den Männern durch ihre lasziven Bewegungen zu gefallen und sie zu verführen, Shirin sah darin wohl eher eine Art von persönlicher Selbstverwirklichung und Stärkung des eigenen Willens.

Aber genau diese Gegensätze und ihre Diskussionen darüber machten die Leidenschaft für das gemeinsame Hobby fruchtbarer denn je, wie sich gestern, bei ihrem ersten großen Auftritt gezeigt hatte.

Schade nur, dass Shirin das die Anerkennung durch andere so wenig bedeutete und sie sich auch nicht über Lob zu freuen schien ... aber Oa hinterfragte das Verhalten der Freundin nicht mehr, so sehr sie es auch bedauerte.

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Spock aktivierte einen der ausfahren Bildschirme im Besprechungsraum. Wie immer, wenn er vorher dienstfrei hatte, war er ein paar Minuten früher als die andere Führungsoffiziere anwesend. Diesmal jedoch nutzte er die Zeit nicht, neu eingetroffene Berichte zu studieren oder zu meditieren. Sein Interesse galt viel mehr einer Personalakte.

Ausdruckslos studierte er die eingetragenen Informationen um – wie Doktor McCoy sicher spöttisch festgestellt hätte - einer nur all zu menschlichen Regung nachzugehen, einer sogenannten „düsteren Ahnung“, die er weder logisch begründen, noch an etwas festmachen konnte.

Shirin Kazans Geburtstag und -ort waren für seine Überlegungen erst einmal ebenso irrelevant wie die Dienstnummer.

Das erste, was ihm deutlich ins Auge fiel, war die Augenfarbe, die nicht wirklich mit dem überein stimmte, was er gestern gesehen hatte.– ein eisiges Graublau anstelle des warmen goldenen Honigtons. Andererseits war das etwas, was nach Belieben mit Kontaktlinsen oder entsprechenden anderen Mitteln geändert werden konnte.
Trotzdem passten gerade diese Augen nicht zur ethnischen Herkunft der jungen Frau, genau so andere Kleinigkeiten, die er schon einmal an anderer Stelle gesehen hatte, auch wenn er nicht wusste, wo.

Das genaue Studium ihrer Züge und vor allem der Augenpartie brachte ihn nur zu dem Schluss, dass es vielleicht sinnvoll war, den Computer in den nächsten Stunden mit einem Abgleich und einer Analyse zu beschäftigen, denn es genügte ihm nicht, allein seinem „Bauchgefühl“ zu folgen und einfach eine Ahnung ernst zu nehmen.
Er brachte mehr Daten, um seine Vermutungen zu verifizieren, vorher würde er auch keine Schlussfolgerungen ziehen können.

Der Werdegang, die Beurteilungen und Prüfungszeugnisse aus den zehn Jahren, in denen Shirin Kazan nun der Sterneflotte angehört hatte, waren durchweg unauffällig. Sie gehörte zwar schon während der ersten Schulungen zum guten Durchschnitt, hatte sich aber nicht für ein Stipendium für die Akademie der Sternenflotte beworben, wie ihr zwei der Ausbilder geraten hatte, sondern stattdessen lieber das Angebot einer Stationierung als einfacher Crewman auf einer der Raumbasen des Sonnensystems angenommen, um sich dabei auf das Lagerwesen zu spezialisieren.

Eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin, zwei mehrjährige Einsätze auf Frachtschiffen, die neue Kolonien belieferten, waren gefolgt, zuletzt ein mehrmonatiger Aufenthalt auf Enparos VII, wo sie die Versorgung und das Lagerwesen der dortigen Forschungsstation koordiniert hatte.
Ihr Einsatz auf der neu zu erschließenden Welt hatte allerdings ein jähes Ende gefunden, als dort eine unbekannte Abart des denebulanischen Fleckfiebers ausgebrochen und über die Hälfte des Personals hinweggerafft hatte, bevor es dem ansässigen Arzt Doktor Grissen gelungen war, ein Gegenmittel zu entwickeln.

Spock nutzte den Querverweis, um die Berichte zu diesem Zwischenfall in einem weiteren Fenster aufzurufen, studierte das Logbuch von Captain Jan Folkmers von der ‚U.S.S. Cross’ und seinem leitenden medizinischen Offizier, die damals die Rettungsaktion geleitet hatten und zog dabei eine Augenbraue hoch.

„... lobend erwähnen muss ich hier Yeoman Shirin Kazan, die uns tatkräftig bei der sicheren Evakuierung der Station unterstützte. Sie arbeitete nach Anweisung auf uns zu und ermöglichte so schnellen Zugriff auf die Station, ohne die Quarantäneprotokolle ganz außer Kraft zu setzen.
Es stellte sich bei einer genaueren medizinischen Untersuchung heraus, warum sie noch oder früher als die anderen einsatzfähig war. In ihrem Blut hatten sich dank des Serums von Doktor Grissen bereits Antikörper gegen die denebulanische Fleckseuche gebildet bekämpften die Krankheit erfolgreich.“

Unter anderem diese Empfehlung hatte ihr zusammen mit ihren anderen Referenzen geholfen, auf die Enterprise versetzt zu werden. Seitdem war sie ein Mitglied der Crew.

Faszinierend und in diesem Zusammenhang doch auch mehr als irritierend ...

Auf den ersten Blick und für die meisten Menschen auch auf den zweiten passte alles zusammen: Die Aussagen ihrer befehlshabenden Offiziere, der saubere Lebenslauf und die durchschnittliche Karriere, wie sie viele einfache Crewmitglieder durchliefen, die mit ihrer Stellung zufrieden waren und nicht nach Höherem strebten. Mit Leistungen, die im Rahmen waren, mit Beurteilungen, die weder in die eine noch in die andere Richtung auffielen ausuferten ...

Genau dieses Profil aber stimmte in keinem Fall mit der Person überein, die er gestern auf der Bühne gesehen hatte. Jemand, der so präzise tanzte, der seinen Körper so perfekt beherrschte, erbrachte keine durchschnittlichen Leistungen im Nahkampf- oder im Ausdauertraining. Er war auch kein schlechter Schütze. Noch waren seine Ergebnisse bei psychologischen und geistigen Reaktions-Tests so unauffälliges Mittelmaß.

Es sei denn, die Person wollte anderen diesen Eindruck vermitteln, um ihre tatsächlichen Fähigkeiten und Begabungen zu verschleiern. Das ließ nur eine Schlussfolgerung zu: Fiel Shirin Kazan in diese Kategorie von Menschen? Und wenn ja, was hatte sie dann vor der Sternenflotte zu verbergen?

Ihm kamen zehn Dienstvorschriften in den Sinn, die es ihm erlauben würden, den Unstimmigkeiten genauer nachzugehen, um die Sicherheit des Schiffes und der Crew nur auf einen Verdacht hin zu schützen, und zehn weitere Regeln der Sternenflotte, die dagegen sprachen, weil er damit sonst die Persönlichkeitsrechte Shirin Kazans verletzte. Immerhin hatte sie sich auf der Enterprise bisher nichts zuschulden kommen lassen. Eher im Gegenteil. Auch hier waren ihre Beurteilungen durch Chief O’Hara durchweg positiv.

In diesem Moment öffnete sich die Tür und eine Person trat in den Raum. Spock entschied sich dazu, die Klärung dieses moralischen Dilemmas erst einmal auf später zu verschieben und deaktivierte mit einer raschen Bewegung Personalakte und Bildschirm.

 

* * *

 

„Danke für die Zusammenstellung der Liste unserer Drückeberger, Schwester Reynolds.“ Leonard McCoy studierte mit finsterem Gesicht die Namen auf dem Datenpadd und schüttelte dann den Kopf.
Es war schon erstaunlich, wer sich alles dort eingefunden hatte, Männer und Frauen jeden Alters, angefangen mit Chefingenieur Scott bis hin zu irgendwelchen Frischlingen von der Akademie, die sie erst seit dem Beginn der Mission an Bord hatten.

Die grauhaarige Frau schmunzelte. „Soll ich den Leuten gleich auch eine Einladung zur Vereinbarung eines Termins schicken?“, sagte sie.

„Natürlich. Und notieren Sie sich auch diejenigen, die nach Ausflüchten suchen oder sich bis morgen Abend nicht gemeldet haben. Die werde ich mir nämlich persönlich vorknüpfen.“ Er begegnete dem wissenden Blick seiner ältesten und zuverlässigsten Kraft, die dort Ordnung zu schaffen wusste, wo es nötig war.

Er nickte ihr zu. Sie waren eben ein eingespieltes Team, und das war auch gut so. Dann klemmte er sich das Padd unter dem Arm. „Ich bin jetzt aber erst einmal in einer Besprechung. Rufen Sie mich bitte nur in dringenden Notfällen.“

„Ja natürlich, Sir.“ Das bedeutete mit anderen Worten, dass er vermutlich nichts von ihr hören würde.

Mit weitausholenden Schritten verließ er die Krankenstation und eilte zum nächsten Turbolift, wich kurz einer Gruppe von Technikern aus und betrat die Kabine, bemerkte allerdings erst zu spät, dass der Aufzug die unteren Decks ansteuerte.

„Na toll...“, grummelte er, während er trotzdem sein Deck eingab. „Aber was soll’s. Ich komme ohnehin schon zu spät, da machen ein paar Minuten mehr auch nichts aus.“ Durch diese Worte veranlasste er, die junge schwarzhaarige Frau, die bisher intensiv ein Datenpadd studierte hatte, aufzusehen. „Sir? Ist etwas nicht in Ordnung?“

„Es ist alles in bester Ordnung“, überspielte McCoy seinen Ärger und betrachtete seine Mitfahrerin genauer. „Yeoman ...“ Er hatte sie doch erst vor ein paar Stunden gesehen, da war er sich sicher. Der Name lag ihm auf der Zunge ...
„Kazan“, half sie ihm aus und ließ ihn stutzten. Den Namen hatte er doch gerade eben erst gelesen ... Moment, mal, stand sie nicht auch auf der schwarzen Liste?

Genau in dem Moment in dem er sein eigenes Padd wieder zur Hand nahm und die Liste aufrufen wollte, hielt der Fahrstuhl und die Türen öffneten sich.
Ehe er noch etwas sagen, oder sie aufhalten konnte, huschte die junge Frau mit einem „Entschuldigung, Sir“, an ihm vorbei und verschwand in einer Geschwindigkeit und Dynamik, die er einem solch zierlichem Persönchen nicht zugetraut hatte, im Gang.

Jetzt wusste er aber auch wieder woher er sie kannte – der wiegende Schritt war der einer Tänzerin. Sie war ihm noch in ihrem Kostüm entgegen gekommen, als er sich dann doch noch entschlossen hatte eine kurze Pause zumachen , und sich zumindest am Buffet des orientalischen Abend zu bedienen und so seinen Hunger zu stillen, aber auch, um einen Blick auf Jim zu werfen.
Zumindest hatte die Veranstaltung den Captain in eine bessere Stimmung als während seinem Untersuchungstermin gebracht, bis Spock ihm den Flirt mit einem jungen hübschen Fähnrich verhagelt hatte.

Auch wenn es keinen offensichtlichen Grund gab, so sorgte er sich doch ein wenig um seinen Freund. Dadurch, dass dieser seiner Frage nach nächtlichen Alpträumen ausgewichen war, hatte er bewiesen, dass da immer noch etwas in ihm wühlte und zu schaffen machte. Leonard beschloss für sich, das unbedingt im Auge zu behalten und Jim notfalls noch einmal bei einer günstigeren Gelegenheit auf den Zahn zu fühlen.

Dann aber seufzte er und blickte auf das Datenpadd, um das zu beenden, was er angefangen hatte, während der Turbolift wieder lautlos nach oben raste. Richtig, Miss Kazan stand auf der Liste. Nun, dann würde er die junge Dame ja spätestens in ein paar Tagen wiedersehen und konnte sie sich genauer vorknüpfen.

Der Rest des Weges verlief ohne Zwischenfälle, und so erreichte er endlich den Besprechungsraum des Captains. Dort stellte er fest, dass außer Spock noch niemand vom Führungspersonal anwesend war.
Der Vulkanier schien wieder einmal etwas gelesen zu haben, doch nun deaktivierte er den Bildschirm, ehe McCoy erkennen konnte, um was es sich genau handelte und ließ ihn wieder in die Tischplatte einfahren. Dann sah er auf. „Dr. Mc.Coy, gut dass Sie schon da sind. Ich wollte ohnehin mit Ihnen reden.“

„So? Worum geht es? Wenn es sich um den gesundheitlichen Zustand von Captain Kirk handelt, dann vergessen Sie es gleich. Es gibt schließlich auch so etwas wie eine ärztliche Schweigepflicht, von der mich der Patient erst persönlich entbinden muss, sofern nicht ein schwerwiegender Verdacht besteht, dass die Sicherheit des Schiffes gefährdet sein könnte. Muss ich die entsprechenden Paragraphen wirklich zitieren?“

„Mir ist sehr wohl bekannt, dass ...“, Spock zitierte in aller Seelenruhe, den entsprechenden Absatz, was McCoy dazu veranlasste, die Augen zu verdrehen, und fügte dann genau so sachlich hinzu. „Ich möchte Sie jedoch daran, dass ich als sein erster Offizier informiert werden sollte, wenn es ernsthafte Bedenken über seine Diensttauglichkeit gibt. Denn dass Sie mich gleich darauf angesprochen haben, zeigt doch, dass Sie etwas in dieser Richtung beschäftigt.“

Touché, das hatte gesessen. Das Spitzohr lernte dazu, aber der Arzt war nicht bereit, so schnell klein beizugeben und seinen Ärger über die eigene Dummheit zu zeigen. „Warum? Sind Sie jetzt etwa auf einmal wieder scharf auf den Posten?“, konnte er sich nicht verkneifen zu fragen. Viel zu gut erinnerte er sich wie alles vor ein paar Jahren erst angefangen hatte ...

„Natürlich nicht! Wie kommen Sie darauf?“ Das klang sogar schon etwas empört. „Als Vulkanier ist mir Ehrgeiz unbekannt, aber ich möchte auf der anderen Seite nur das Beste für das Schiff und die Crew. In ungefähr sechsundsiebzig Stunden erreichen wir die Sternenbasis 47, danach werden wir in völlig unbekannten Raum vorstoßen. Deshalb sollten wir bis dahin letzte Unstimmigkeiten klären, denn wenn wir Vanguard hinter uns lassen, sind wir weitestgehend auf uns allein gestellt.“

„Erinnern sie mich nicht daran“, McCoy schüttelte sich innerlich, als ihm wieder bewusst wurde, auf was er sich da eingelassen hatte. „Fünf Jahre ...“

„Genau genommen vier Jahre zehn Monate und einundzwanzig Tage ...“

„An was soll ich dich nicht erinnern, Pille?“ erklang da eine dritte Stimme. James T. Kirk war eingetreten und eilte auf seine lockere jungenhafte Art durch den Raum. Der Arzt musterte ihn sehr genau. Nichts deutete darauf hin, dass der Captain in der letzten Nacht schlecht geschlafen hatte. Ein gutes Zeichen ... oder der Einfluss des entspannten letzten Abends.

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„Die ist bei der Sicherheit? Das ist doch ein Witz!“ Shirins Mund umspielte ein leises Lächeln, als sie an den beiden Zivilisten vorüberging, Wissenschaftler, die erst vor kurzem an Bord gekommen waren, um an der großen Fünf-Jahres-Mission teilzunehmen und überall im Schiff herumschwirrten um die Gegebenheiten kennen zu lernen.

Sie hatte sich nie daran gestört, dass viele Menschen sie unterschätzten. Eher im Gegenteil, es war ihr auch lieber so. Unauffälligkeit verhinderte unangenehme Fragen. Und sicherte ihr Überleben in einer Welt, die vermutlich nicht freundlich reagieren würde, wenn man herausbekäme, was Besonderes an ihr war.

Nun waren die beiden Frachträume an der Außenhülle und in der Nähe der Shuttlelandebuchten ihr Ziel. Es gehörte seit dem Abflug zu ihren Aufgaben, sie wöchentlich mindestens einmal zu überprüfen. Eigentlich ein todlangweiliger Job ... aber er kam ihr aus mehr als einem Grund entgegen ...

Shirin gab den Code ein, der die Sperre der Tür deaktivierte und betrat die im Halbdunkel liegende Halle. Die Tür schloss sich zischend hinter ihr. Der große Raum war bis auf fünf am Boden verankerte Sicherheitscontainer leer.
Irgendwann einmal würde es hier anders aussehen, dieser Ort würde sich nach und nach mit Fundstücken, die sie auf der langen Mission aufsammeln würden, füllen, hier würde aber man auch Proben der Fauna, Flora und Mineralien noch unbekannter Welten und vermutlich auch Handelsobjekte einlagern. Doch das war noch Zukunftsmusik und so lange hatte sie hier alle Freiheiten den Raum ohne Störung zu nutzen.

Nur die Notbeleuchtung flammte auf – und dabei würde sie es erst einmal auch belassen, denn mit dem vollständigen Licht würde sie auch die Scanner und Kameras aktivieren. Dem Protokoll zufolge war sie auch nicht dazu verpflichtet, so zu handeln, es sei denn, es lag ein Grund dafür vor.
Der letzte gründliche Scan, ja sogar eine Reinigung, waren kurz vor dem Verlassen des Docks erfolgt, und seitdem hatte sich hier ihres Wissens nichts getan. Auch das Logbuch des Raumes bestätigte, dass sie die einzige war, die diesen Ort in den letzten vier Wochen betreten hatte.

Also reichte eine oberflächliche Kontrolle, wie sie jetzt eine vornehmen würde. Dennoch verharrte sie noch einen Moment vor dem Bildschirm, ehe sie ihn wieder abschaltete und über das „Was wäre wenn“ nachgrübelte.
Natürlich gab es mindestens fünf Wege, das Log zu manipulieren, wie sie auf Enparos VII durch ihren Chief gelernt hatte, auf der anderen Seite wollte sie nicht den Teufel an die Wand malen und sich dadurch verrückt machen. Im Moment waren alle Eventualitäten berücksichtigt ...

Sie nahm den Tricorder zur Hand und scannte die Stellen, die ihrer Erfahrung nach Schwachpunkte des Lagerraums bildeten, hob das Gerät auch in die Höhe, um nach Verunreinigungen zu suchen.
Aber da war nichts außer dem üblichen Staub, der sich mit der Zeit auf jedem Schiff ansammelte und einigen Partikeln die von ihr selbst stammen mussten. Auch die Verschlusscodes der Sicherheitscontainer waren wie immer unangetastet.

Shirin vergewisserte sich schließlich noch einmal, dass alle Überwachungsanlagen außer Betrieb waren, dann befestigte sie das Gerät an der Halterung ihres Gürtels und stellte sich mitten in den Raum, um die Arme sinken zu lassen und sich zu entspannen. Ihre Augen schlossen sich langsam, während tiefe Atemzüge ihre Brust hoben und senkten.
Die schwarzhaarige Frau faltete die Hände vor der Brust, so als wolle sie beten. Stattdessen berührte sie mit den Fingerspitzen Stirn, Augen, Mund und schließlich ihre Kehle.
Dabei murmelte sie beständig, aber tonlos ein Mantra in einer alten terranischen Sprache, die Linguisten als eine Mischung aus Hindi und Panjabi identifiziert hätten.

Die kurze aber intensive Meditation bewirkte, dass die Fesseln, die sie sich selbst auferlegt hatte, fielen. Nun endlich erlaubte sie ihrem wahren Selbst, sich zu entfalten wie ein Schmetterling und die körperliche Hülle auszufüllen.
Shirin setzte sich in Bewegung, erst langsam ... kurz darauf wurde sie schneller und schneller. Präzise wie ein Uhrwerk bewegten sich ihre Muskeln, pumpte ihr Herz Sauerstoff und Adrenalin in die Muskeln, entfaltete das volle Potential ihres Körpers.

In den Sporthallen der Enterprise hätte sie mit diesem Tempo nur Aufmerksamkeit erregt, wäre mit mehr als einer unangenehmen Fragen konfrontiert und vermutlich irgendwann zu einer genaueren medizinischen Untersuchung zitiert worden.
Deshalb genoss sie den Augenblick so gut sie konnte - die Freiheit, die sie für einen Moment vergessen ließ, was sie schon so lange vor allen anderen verbergen musste.

Aus dem Lauf heraus ging sie in eine Abfolge von weiten und hohen Sprüngen aber auch Saltos mit Drehungen über, schlug Räder und wechselte danach ohne Anstrengungen immer wieder in ihren schnellen Lauf zurück.
Ohne sonderlich außer Atem gekommen zu sein, verlangsamte Shirin nach ein paar Minuten ihr Tempo und blieb schließlich ganz stehen. Nachdenklich schob sie die Strähnen zurück, die sich aus ihren streng zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haar gelöst hatten, lockerte die Spange, um die Frisur zu korrigieren und seufzte dann leise.
„Ich sollte sie mir endlich schneiden lassen“, murmelte Shirin, schüttelte aber im nächsten Moment den Kopf, ließ die seidigen schwarzen Strähnen durch ihre Hände gleiten, wohl wissend, dass sie es wieder nicht tun würde.

Schon die Kürzung ihrer Mähne, die einst bis zu den Knien gereicht hatte, auf die Länge, die nach der Dienstvorschrift noch erlaubt war, hatte ihr im Herzen weh getan, denn es war ihr größter Stolz gewesen. Es war das einzige, was ihr von ihrem früheren Leben geblieben war, die letzte Bindung zu dem ihr seit ihrer Geburt vorherbestimmten Schicksal.
Und auch wenn sie letzteres so sehr verabscheut hatte, dass sie aus dem goldenen Palast ihres ersten Lebens und vor den Pflichten als Tochter ihres Clans geflohen war – es wäre falsch gewesen, ihre Herkunft und ihre Wurzeln ganz zu verleugnen, genauso wenig, wie sie es mit dem Blut tun konnte, das in ihren Adern floss.

Sie hob den rechten Arm und schob das rote Hemd hoch, um die Narbe zu betrachten, die sich dort nur noch als schwache Linie abzeichnete, berührte mit den Finger die feine Naht, die auch bald verblasst sein würde und erinnerte sich an die schwere Wunde, die dort einmal gewesen war.

Sie hatte die Zerstörung ihres Decks beim ersten Angriff der ‚U.S.S. Vengeance’ über der Erde nur überlebt, weil sie stark, geistesgegenwärtig und überlebensfähig genug gewesen war, um die Verletzung, die Strahlung und schließlich auch den Druckabfall zu überstehen.
Ihr Körper hatte kurz darauf auch noch die Kraft gehabt, die schweren Aufbauten von Oa zu heben und die heutige Freundin aus dem zerstörten Teil des Decks zu bringen, ehe die Konzentration an giftigen Gasen zu groß geworden wäre.
Den Schmerz ihres notdürftig verbundenen, bis zu den Knochen aufgeschlitzten Arms hatte sie dabei ganz ausgeblendet.

Das Chaos auf der Enterprise und später auch in San Francisco hatten sie davor geschützt genauer untersucht zu werden. Ein Yeoman, der sich selbst verarzten konnte, der trotz seiner eigenen Verletzungen erste Hilfe leistete, wo sie gebraucht wurde und dem medizinischen Dienst damit nicht zur Last fiel, wurde nicht beachtet, wenn es schlimmere Verletzte gab, die alle Aufmerksamkeit brauchten.
Bei den Nachuntersuchungen hatten sie ebenfalls nur Hilfskräfte durchgecheckt. Es war damals so gelaufen, wie sie gehofft hatte. Die Assistenzärztin, hatte ihr „gutes Heilfleisch“ attestiert, eine oberflächliche Untersuchung ihres Blutes vorgenommen und sie dann glücklicherweise in Ruhe gelassen.
So hatte sich Shirin bei denen einreihen können, die schon nach ein paar Tagen wieder dienstfähig geschrieben worden waren und war so aus dem Radar des medizinischen Dienstes verschwunden.

Sie atmete tief ein und aus. Dennoch hatten sich diese wenigen Stunden tief in ihren Geist eingebrannt, vor allem eines...

Durch ihren Geist hallten nun Fetzen eines Gesprächs zwischen Captain Kirk und Admiral Marcus, das schiffsweit übertragen worden war. Einige wenige Worten hatten sie dabei allerdings bis ins Mark erschüttert.

Shirin hob unwillkürlich die Hände zu den Ohren und ließ sie sofort wieder sinken. Das war eine dumme, kindische Geste. Diese Stimmen kamen aus ihrem Geist und würden sich auch jetzt nicht verbannen lassen. Nein, sie musste sie erst erneut anhören und sich dann wieder tief in sich vergraben. Damals waren nämlich nicht nur die Schatten der düsteren Vergangenheit der Erde zurückgekehrt, sondern mit der Nennung eines Namens auch die ihres eigenen Lebens.
Für einen Moment hatte sie nicht glauben können und wollen, was sie da hörte, hatte mit sich gehadert und sogar gezögert ihren Posten verlassen, um sich selbst von der Wahrheit der Worte zu überzeugen.

Als sie es dann doch getan hatte, weil der Drang IHN zu sehen, mit IHM zu sprechen. IHM zu Füßen zu fallen... zu übermächtig geworden war, wurde genau dieses Verlangen zu ihre Rettung, denn durch die paar Schritte in den Gang, durch das Schott, das sich schon hinter ihr geschlossen hatte, war sie nicht wie die anderen Mitglieder ihrer Arbeitsgruppe hinaus ins All gerissen worden.
Auch später noch, als sie blind vor Schmerzen, Verzweiflung und Angst durch die angeschlagenen Sektoren des Schiffes geeilt war, hatte sie immer wieder dem Ruf ihres Blutes – oder wie sie sich jetzt selbst eingestand - ihrer tief sitzenden Konditionierung folgen wollen.

Mit einer unwilligen Kopfbewegung verdrängte Shirin die Gedanken und Gefühle, die mit ihren Geheimnissen verbunden waren und rang um ihre Selbstkontrolle. „Nein! Nein! Und nochmals Nein! Ich bin Yeoman Shirin Kazan, Mitglied der Crew der ‚U.S.S. Enterprise’ und niemand anderes sonst!“, stieß sie gequält und gleichzeitig wütend hervor, ballte die Fäuste und wollte mit ihnen gegen die nächstgelegene Wand schlagen, besann sich aber nur Millimeter davor eines besseren.

Stattdessen setzte sie sich wieder in Bewegung und rannte erneut los, so als ginge es um ihr Leben. Nur so konnte sie die negative Energie, das Gemenge aus Wut, Hass und Verzweiflung, das jetzt in ihr brodelte loswerden.

Und ihr Körper reagierte dankbar, verlangte nach noch mehr Höchstleistungen wie ein Motor, um den Stress abzubauen. Shirin war bereit, ihm auch das zu geben und setzte aus dem Lauf heraus zu einem waghalsigen Sprung an, der sie höher hinauf trug, als es einem normalen Menschen ohne Hilfsmittel möglich gewesen wäre.
Der doppelt mannshohe Container war kein Problem für sie – eher die dann doch ein wenige zu niedrige Hallendecke, die sie dazu zwang, den Körper in die Waagrechte zu bringen. Doch auch das war etwas was sie zustande brachte, ohne sich abzubremsen. Kaum war sie über das Hindernis hinweg landete sie auch schon mit einer eleganten Drehung in die Vertikale auf dem Boden, fing sich federnd ab, ohne jedoch die Hände zu benutzen.

Einen Augenblick verharrte sie in der kauernden Stellung und richtete sich dann langsam wieder auf. Doch anstatt weiter zu laufen, wie sie es zuvor getan hatte, blieb sie stocksteif stehen und drehte sich dann langsam – erst den Kopf, dann den Körper.

Ihr Gesicht wirkte wie versteinert, dann griff sie mechanisch nach dem Tricorder, hob ihn in Höhe von Nase und Mund. Sie aktivierte das Gerät, obwohl sie seiner eigentlich nicht bedurft hätte. Das unangenehme Prickeln in Mund und Nase war bereits Warnung genug.

‚Unvorsichtig, närrisch und dumm! Verdammt, was hat du nur getan!’ Aber es war zu spät, sich zu verfluchen, denn die Unachtsamkeit war durch ihre eigene Schuld bereits passiert und zeigte nun spürbare Folgen, die sie selbst erstaunten und erschreckten..

Sie hätte nicht direkt über dem Container einatmen sollen. Das war ein großer ... verdammt großer Fehler ihrerseits gewesen ...

Chapter Text

„Wenn ich das melde, könnte es sein, dass ich alles verliere, was ich bisher für mich erreicht habe. Wenn ich es nicht tue, dann begehe ich einen ebenso großen Fehler“, murmelte Shirin. „Aber vielleicht ist ja doch noch alles zu retten.“

Sie machte auf dem Absatz kehrt und eilte zum Kontrollpanel des Lagerraums. Ihr Körper hatte längst angefangen, sich gegen die Mikroben zu wehren, die durch die Schleimhäute von Mund und Nase in ihn eingedrungen waren. Beides brannte inzwischen höllisch. Wellen von heißen und kalten Schauern rasten durch ihren Körper, während das Herz schneller schlug, um frisches Blut zu den infizierten Stellen zu bringen.
Das irritierte sie, denn normalerweise brauchte es länger, um ihren Körper in einen solchen Alarmzustand zu versetzen. Deshalb musste sie sich Gewissheit über das verschaffen, was die Beschwerden ausgelöst hatte ... so lange sie noch konnte. Sich Hoffnungen darauf zu machen, dass sie irgendetwas vertuschen konnte, wagte sie jetzt nicht mehr.

Sie aktivierte, Licht, Scanner und Kameras den Raums, fokussierte einige der beiden letzteren auf den kontaminierten Sicherheitscontainer. Sie untersuchte jeden Quadratmillimeter von dessen Decke in dem Bereich, den sie bei ihrem Sprung überquert hatte und fand schließlich, was sie suchte.
Die Verunreinigung war noch winzig, nicht mit dem Auge, sondern erst bei zwanzigfacher Vergrößerung sichtbar und doch wuchs sie bereits mit vermutlich steigender Geschwindigkeit. Grob geschätzt teilten sich die Mikroben alle paar Minuten, wenn sie das richtig einschätzte. musste sich die Kultur aus einem mikrofeinen Haarriss heraus entwickelt haben, der sich darunter befand.

„Verdammte Scheiße! Das hätte nicht sein dürften.“ Vermutlich hätte jetzt jeder andere Crewman jetzt seinen Chief kontaktiert, um ihm den Fund zu melden und auf weitere Anweisungen zu warten, aber Shirin zog die Hand wieder von der Taste zurück, mit der sie die Verbindung aktivieren konnte und schüttelte den Kopf.

Auf einem kleinen Außenposten wie Enparos VII hatte sie mit diesem Verhalten die medizinische Untersuchung umgehen können, weil dort niemand die Notfallprotokolle sonderlich ernst genommen hatte, vor allem nicht Doktor Grissen.
Hier auf dem modernsten Schiff der Sternenflotte würde sie sich bestimmt nicht vor der medizinischen Untersuchung drücken können. Und außerdem konnte sie ihren Zustand nicht mehr verheimlichen. Eine erste Fieberwelle durchpulste ihren Körper.
Shirin stützte sich kurz an der Wand ab ließ einen Hustenanfall zu. Ihre Augen begannen zu tränen, während sie tief ein und wieder ausatmete, um neue Kraft zu sammeln.

„Das ist wirklich nicht normal“, murmelte sie und presste die Lippen aufeinander, ließ ihre Finger über das Panel fliegen. ‚Wenn schon alles, was ich verheimlicht habe auffliegen sollte, dann will ich meine Arbeit auch richtig machen’, dachte sie und verdrängte die Gedanken an das Danach einfach . ‚Und damit vielleicht schlimmeres verhindern ... Ich muss schon allein für mich herausfinden, wie es dazu kommen konnte...’
Was auch immer in ihr wühlte, die Mikroben oder sollte sie besser sagen – Viren - hatten eine genauso verheerende Wirkung auf ihre Abwehrkräfte, wie der Erreger auf Enparos VII, der sie damals ein paar Tage lahm gelegt hatte.
Viele der normalen Menschen waren dagegen gestorben, weil ihre Organe dem Fieber nicht mehr hatten standhalten können. Sie würde es vermutlich auch jetzt wieder überleben, fragte sich aber zu welchem Preis ...

Shirin unterdrückte einen Schub von Schüttelfrost und erweiterte die Messtiefe des Scanners. Sie verfolgte den Haarriss geduldig weiter bis zu seinem Ursprung und stieß zischend die Luft aus, als sie zusätzlich zu den biologischen auch noch andere, sehr verräterische Teilchen entdeckte.

Eine Nanobombe!

Inaktiv, eingefasst in und geschützt durch das Metall war sie bei den letzten Scans natürlich nicht aufgefallen und natürlich auch der letzten gründlichen Reinigung des Lagerraums entgangen. Irgendwann in den letzten Wochen musste sie dann hoch gegangen sein, um ihr zerstörerisches Werk zu beginnen, unbemerkt von den Schiffssensoren, die eine – vermutlich auch noch kalte - Detonation in diesem Bereich im Normalbetrieb überhaupt nicht erfasst konnten.

Und wer sagte, dass sie die einzige dieses Typus war? Sie war keine Waffenspezialistin, derer es bedurft hätte, um den Typus der Bombe zu erkennen, wusste aber genug über Medizin, um die Gefährlichkeit der Viren schon anhand ihres der Wirkung auf ihren Metabolismus einzuschätzen.
Auch die grobe Form des Erregers, die sie in der größtmöglichen Auflösung gerade so erkennen konnte, gab ihr zu denken ... und da reichte Sicherheitsstufe 3, die normalerweise für solche Kontaminationen ausgerufen wurde, absolut nicht aus.

Nun endlich aktivierte sie die Sprechtaste und wartete geduldig, bis sich die Verbindung zu Chief Robert O’Hara, ihrem Teamleiter aufbaute. Das Gesicht des rothaarigen und sommersprossigen Iren erschien schon nach ein paar Sekunden auf dem Bildschirm neben dem Panel. Er blickte erstaunt drein. „Ja, Yeoman Kazan?“

„Bitte leiten Sie das Sicherheitsprotokoll der Stufe 5 für den Lagerraum D2-A-17.54011 ein. Einer der Sicherheitscontainer ist kontaminiert“, redete Shirin nicht erst lange um den heißen Brei herum, sondern sandte ihm ohne weitere Erklärung die Daten.
Die runden grünen Augen des Chiefs wurden einen Moment größer. „Meinen Sie, dass das nicht ein wenig übertrieben ist?“, fragte er dann erstaunt. „Es handelt sich hierbei immerhin um die höchste Sicherheitsstufe! Denken Mädchen, denken Sie daran, das bedeutet auf jeden Fall gelben Alarm. Wir kriegen ziemlichen Ärger, wenn das übertrieben ist.“
„Ich weiß, Sir. Aber ... ich habe ... meine Gründe, wie sie sehen ... können.“ Shirin stützte sich auf dem Kontrollpult ab, als sie ein weiterer Fieberschub erfasste. Diesmal kam auch noch ein Übelkeitsschub dazu, der sie würgen ließ. „Aber es ist ernst, denn hier wurde eine Bombe gezündet und ich bin mir nicht sicher, ob sie die einzige ist!“

„Wie bitte?“ Der Mann schnappte hörbar nach Luft, kniff aber dann die Augen zusammen, als er die Daten studierte, die ihm Shirin mit kurz zuvor übermittelt hatte. „Ja, das sieht wirklich übel aus, Yeoman. Ich leite alles Notwendige in die Wege.“
„Danke Sir. Haben Sie noch Anweisungen an mich?“
„Nur eine Mädchen. Sie haben jetzt verdammt noch mal nur noch eines zu tun, und das ist durchzuhalten. Ich will meine beste Frau nicht verlieren!“
„Ich werde mein Bestes versuchen, Sir“, lächelte Shirin müde und wandte sich dann von dem erlöschenden Bildschirm ab.

Sie setzte sich dann auf den Boden und zog die Knie an das Kinn, überließ ihren Körper den eigenen Heilkräften. Die Viren waren dabei noch ihr geringstes Problem. Damit würde ihr Blut über kurz oder lang schon fertig werden, so wie mit so vielen anderen Infektionen zuvor, auch wenn es schmerzhaft werden und sie bis an den Rand des Todes bringen konnte ...
Doch in diesem Moment wusste sie nicht, was sie denken und fühlen sollte, ob sie Verzweiflung und Angst vor dem empfinden sollte, was nun auf sie zukam oder aber vielleicht sogar Erleichterung, dass das Versteckspiel, die Vorsicht vor den normalen Menschen ein Ende hatte?

Und vor allem, wie würde nun ihre Zukunft aussehen? Sie konnte logisch gesehen alles einmal durchspielen, angefangen damit, dass sie das Schiff verlassen und sich einer Anhörung würde stellen müssen.
Aber machte das wirklich Sinn? Denn noch waren sie im Förderationsraum, noch gab es die Vanguard-Station auf ihrem Weg und damit jede Möglichkeit, sie nach Hause zurückzuschicken. Dem würde ein Rattenschwanz von Möglichkeiten folgen, eine unangenehmer als die andere und nur wenige – die unwahrscheinlichsten - von Hoffnung geprägt.

‚Hätte ich doch nur nicht ...’ Shirin seufzte leise und legte die Stirn auf die Knie. Es brachte nichts, wenn sie sich jetzt Vorwürfe machte und ihre Angst schürte. Was geschehen war, war nun einmal geschehen und sie würde mit den Konsequenzen leben müssen, wie auch immer die aussehen mochten.

 

* * *

 

„Die Tholianer verhalten sich ruhig, aber das ist natürlich kein Garant dafür, dass wir nicht mit Schwierigkeiten rechnen müssen, da sie sich aufgrund früherer Erfahrungen von Förderationsschiffen als extrem fremdenfeindlich erwiesen haben.
Deshalb werden wir ein paar Tage Zwischenhalt auf der Sternenbasis 47 machen, meine Herren und Dame, um die derzeitige Situation an dieser Grenze zu klären und ausführlich mit dem Stationsleiter, seinem Stab und den Personen unterhalten, die in der letzten Zeit in der Region operiert haben und die bereit sind, mit uns zu reden.
Sie können Ihren Untergebenen in dieser Zeit gerne Landurlaub erteilen, allerdings sollte dies nur in geordneten und überschaubaren Gruppen geschehen. Der normale Betrieb auf dem Schiff muss aufrecht erhalten“, beendete James T. Kirk seinen Monolog und blickte in die Runde.

Neben Spock und McCoy waren nun auch noch Chefingenieur Scott und zwei weitere Führungsoffiziere des Schiffes anwesend, die er über das letzte Gespräch mit Admiral Thompson vom des Sternenflottenkommando und über die weiteren Pläne und Wünsche für die Mission informiert hatte.

„Und da wir Ärger wie magisch anziehen, werden wir uns garantiert mit diesen Typen herumschlagen müssen“, folgte ein sarkastischer Einwurf von der Seite. „Irgend ein kleiner Funke bringt das Fass mit Sicherheit zum Überlaufen.“

Der Captain blickte zu seinem Chefarzt hin. „Doktor McCoy, müssen Sie gleich alles so negativ sehen?“, fragte er dann genervt. „Wir werden den tholianischen Raum nicht durchqueren, sondern nur ein paar Tage am Rand ihres Machtbereichs entlang fliegen. Vermutlich begegnen wir nicht einmal deren Schiffen.“

„Captain, ich denke da realistisch. Bisher haben wir es immer geschafft, Ärger anzuziehen. Fragen Sie einfach einmal Mr. Spock, welche Prozentchance er uns einräumt, einmal ohne Konflikte davon zu kommen!“
Der Vulkanier, der bisher nur schweigend zugehört hatte, fühlte sich angesprochen und öffnete den Mund , doch in diesem Moment durchdrang ein scharfer Signalton den Raum. Sie wurden von der Brücke gerufen.

Erleichtert über die Störung aktivierte Jim die Verbindung. „Captain“, meldete sich Lieutenant Uhura für alle hörbar zu Wort. „Die Sicherheit meldet einen Vorfall der Sicherheitsstufe 5 in einem der äußeren Lagerräume. Laut Chief O’Hara hat Yeoman Kazan bei einer Routineüberprüfung einen mit Mikroben kontaminierten Sicherheitscontainer eine Bombe entdeckt.“

„Verhängen Sie wie vorgeschrieben gelben Alarm über das Schiff!“, befahl Jim ohne lange nachzudenken, während er sich innerlich anspannte. „Sind bereits weitere Informationen über den Vorfall verfügbar? Und wo befindet sich der Yeoman jetzt?“

„Die Daten können Sie bereits abrufen Sir. Miss Kazan befindet sich leider noch im betroffenen Lagerraum. Sie ist bereits infiziert.“

„Danke. Veranlassen sie alles Notwendige.“ Jim presste einen Moment die Lippen aufeinander und fluchte innerlich.

Seine Gedanken rasten. Verdammt noch mal, musste er Pille diesmal recht geben? Standen die Enterprise und ihre Crew wirklich unter einem dunklen Stern und zogen Ärger wie magisch an?
Und letztendlich – was hieß eigentlich ‚eine Bombe’? Wie war die trotz aller Sicherheitsvorkehrungen an Bord gekommen? Und warum war das nicht schon früher irgendjemandem aufgefallen? Warum gerade zu diesem Zeitpunkt, der ungünstiger nicht hätte sein können? Wer wollte verhindern, dass sie in den tiefen Raum vorstießen?

Dann atmete der Captain tief aus und wieder ein. Er wusste, dass die Maßnahmen, die das Protokoll der Stufe 5 verlangte, bereits angelaufen waren und alles wie die Rädchen in einem Uhrwerk ineinander greifen würden.
Mehrere Teams waren bereits in Schutzanzügen auf dem Weg zu dem Lagerraum. Sie würden eine Quarantänezone aufbauen, sich um die Frau kümmern, die Lage sondieren und schließlich die notwendigen weiteren Vorkehrungen treffen, um eine Kontamination weiterer Crewmitglieder und des Schiffes zu verhindern.

Dann wandte er seinen Blick zu Spock, dessen Verhalten ihn jetzt ebenfalls irritierte. Zwar gehörte es zu seiner Natur Überraschung nicht offen zu zeigen, aber diesmal legte der erste Offizier eine Kaltblütigkeit an den Tag, die seinesgleichen suchte.
Schon bei der Nennung des Namens von Yeoman Shirin Kazan – war das nicht eine der Tänzerinnen vom vergangenen Abend? – hatte er eine Augenbraue hochgezogen und mit der nächsten Bewegung den Bildschirm vor seinem Platz ausfahren lassen. Aufmerksam studierte er den Datenwust. Hin und wieder neigte er aufmerksam den Kopf und murmelte schließlich: „Faszinierend.“

Jim runzelte die Stirn. „Was ist faszinierend daran, dass wir gelben Alarm haben, uns mit einer ungeklärten Bedrohung herumschlagen müssen und nun auch noch das Leben eines Besatzungsmitglieds auf Messers Schneide steht?“, fragte er dann scharf.

Spock sah ihn ruhig an. „Captain, Miss Kazan wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 95,8 Prozent überleben. Sie hat das Problem außerdem erstaunlich genau eingegrenzt und analysiert. Bemerkenswert ist jedoch vor allem, wo sie die Kontamination gefunden hat.“

Er spielte für alle sichtbar einen Umriss des betroffenen Containers ein. Die infizierte Stelle war rot leuchtend markiert. Jim schnappte nach Luft, aber es war der Freund an seiner Seite, der seine Gedanken laut aussprach. „Mitten auf der Decke? Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass die Dame bei ihrer Überprüfung auf dem Container herumgekraxelt ist?“, murmelte der Arzt. „Oder vielleicht drübergehüpft wie ein Gummiball?“

„Das sollten Sie Yeoman Kazan wohl selbst fragen... Ich schlage vor, Doktor McCoy, Sie persönlich übernehmen die Untersuchung der Frau“, entgegnete der Vulkanier viel zu ruhig und abgeklärt, so als würde er schon eine Antwort auf das Rätsel kennen. „Allerdings möchte ich mich noch nicht weiter dazu äußern, da mir noch nicht alle zur Verifizierung vorliegenden Informationen vorliegen.“

Jim spürte, wie sich ein mulmiges Gefühl in ihm ausbreitete, das er nur nicht so recht zuordnen konnte und sich in seinem Magen zentrierte. Da war eine unbestimmte Ahnung, die unangenehme Erinnerungen in eine Richtung wecken wollte, die er jetzt aber ganz und gar nicht brauchen konnte. Deshalb drängte er diese Gedanken erst einmal schnell beiseite und wandte sich dem Arzt zu: „Pille?“

Der grinste nur schief und erwiderte: „Kein Problem. Das werde ich mit Vergnügen tun, denn die Dame stand ohnehin auf meiner schwarzen Liste!“
„Liste?“ Der Captain war leicht irritiert, im nächsten Moment musste er aber trotz der ernsten Lage gleich doppelt grinsen, denn er erinnerte sich wieder, worum es sich dabei handelte.

McCoy ließ seinen Blick zudem in der Runde schweifen und fügte dann noch genüsslich hinzu: „Einer Liste, auf der Sie übrigens auch stehen, Chefingenieur Scott. Wenn der Zwischenfall geklärt und wieder Ruhe eingekehrt ist, würde ich Sie nämlich auch gerne einmal richtig auf ihren Gesundheitszustand überprüfen. Ah ja, dass trifft auch auf ihren Kollegen Keenser zu.“

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„Nein ... das ist nicht nötig“, Shirin wehrte den Injektor ab, den der Arzt im Schutzanzug an ihren Hals ansetzen wollte, nachdem er sie mit dem Tricorder gescannt hatte und versuchte die Hände des anderen zu packen.

Er war nur einer der vielen Leute, die plötzlich im Lagerraum herumwuselten, nachdem eine für sie unbestimmbare Zeit lang nichts passiert war. Wann und wie die Männer und Frauen aufgetaucht waren, hatte sie nicht einmal mehr richtig mitbekommen, da ihr Immunsystem nun alle Kräfte für sich beanspruchte und auch ihre Sinne auf ein Mindestmaß heruntergeschaltet hatte. Sie sah undeutlich und verschwommen, hörte nur wie durch einen dicken Wattebausch und schmeckte in diesem Moment gar nichts mehr.

„Stellen Sie sich nicht so an, Yeoman Kazan! Ihr Kreislauf steht kurz vor dem Kollaps!“, ließ sich der Arzt im Schutzanzug nicht beirren. Einer seiner Helfer hielt ihren Arm fest und versuchte auch den anderen zu erwischen, um sie zu fixieren.

„Wenn ich nichts dagegen unternehme, wird Ihr Herz, dann der Rest Ihrer Organe aussetzen! Halten Sie endlich still. Das ist ein Befehl!“
Der Mediziner versuchte nun erneut, den Injektor anzusetzen, aber Shirin sammelte noch einmal alle Kräfte, die ihr noch zur Verfügung standen. Sie drehte sich mit aller Gewalt von den beiden Männern weg, es gelang ihr sogar sich aus dem festen Griff zu lösen und zwei Schritt zur Seite zu robben, aber dann erfasste sie schon ein weiterer Fieberschub, gefolgt von einem Krampf.

„Bitte ... nicht ...“, stieß sie hervor, spürte, wie ihr Immunsystem zum letzten Schlag gegen den Virus ansetzte und fügte schwächer werdend hinzu. „Sie ... bringen ... mich ... damit ... um ...“

Ihr wurde schwarz vor Augen, während sie die Hand ein weiteres Mal hob, in der verzweifelten Hoffnung, man würde auf sie hören. Denn wenn sie ihr das Mittel genau jetzt injizierten, starb sie vielleicht wirklich.
Noch bevor sie jedoch in Erfahrung bringen konnte, ob man auf sie hörte, erfasste sie ein starker Sog und ihr Bewusstsein stürzte in bodenlose Dunkelheit. So wie sie es auf Enparos VII erlebt hatte.
Nur hatte sie sich damals noch rechtzeitig in ihrem Quartier einschließen können und die anderen Personen in der Forschungsstation hatten entweder selbst um ihr Leben gekämpft oder andere Sorgen gehabt, um ihr Fehlen zu bemerken ...

 

* * *

 

“Miss Kazan befindet sich in Intensivraum 2, Sir. Die höchsten Quarantäneprotokolle sind bereits aktiv ”, erklärte Schwester Reynolds, als Leonard McCoy die Krankenstation betrat. Er nickte nur und ging gleich in den hinteren Teil seines Wirkungsbereichs durch, in dem er normalerweise die schweren Fälle betreute, legte sein Padd auf den Arbeitsplatz und trat an die Scheibe aus transparentem Aluminium, die ihn von dem Geschehen trennten.

Doktor Gazetti, der den Einsatz im Lagerraum geleitet hatte, verfrachtete den leblos wirkenden Körper der jungen Frau zusammen mit einem Helfer gerade von der Trage, die mit einem Energiefeld umgeben gewesen war, auf das Biobett. Yeoman Kazan schien also nicht mehr bei Bewusstsein zu sein.

Sofort sprangen die Sensoren an, maßen Temperatur, Herzfrequenz, und andere Daten, die auf die Scheibe projiziert wurden. Als die beiden Männer zurücktraten schaltete sich ein Energiefeld an und bedeckte den Körper mit einem Raster aus grünen Strichen, um ihn komplett biometrisch zu erfassen. Auch dieses Bild war im nächsten Moment zu sehen.

McCoy runzelte die Stirn, als er diese genauer studierte. „Was ist denn das für ein Durcheinander?“, murmelte er.

Denn da passte ein Wert nicht wirklich zum anderen. Das Herz der jungen Frau schlug immer noch schnell, dafür hatten die anderen Organe ihre Arbeit auf ein Mindestmaß reduziert. Die Temperatur in den Gliedmaßen war drastisch gesunken, während sie in Kopf und Torso einen lebensbedrohlichen Wert erreicht hatte, etwas, was ganz und gar nicht normal war und eigentlich nicht sein durfte ...
Sie atmete flach aber schnell, als ob die Lungen die Sauerstoffzufuhr im Blut erhöhen müssten. Dazu wurde sie immer wieder von Krämpfen geschüttelt, die ihren Leib erzittern ließen.

„Sir, gut, dass Sie da sind. Yeoman Kazan ist in diesem Zustand, seit sie das Bewusstsein verloren hat. Bevor das geschah, wehrte sie sich vehement dagegen, dass ich ihr Dilphapham geben, um die Fieberschübe einzudämmen“, erklärte der junge Doktor aufgeregt.

„Haben Sie es ihr danach verabreicht, Gazetti?“

„Nein Sir, kurz bevor Yeoman Kazan ganz zusammenklappte, flehte sie mich an, es nicht zu tun, behauptete, es würde sie umbringen. Da sich die Werte danach etwas beruhigten, habe ich es sein gelassen“, folgte die verlegene Antwort.

„Das war vielleicht auch ganz gut so, denn es scheint, als habe sie nicht ganz unrecht mit ihrer Vermutung ...“, murmelte McCoy und rief weitere Daten ab, um seine Vermutung rückzuversichern.
Und ja, tatsächlich Das Medikament hätte den Körper der jungen Frau unnötig ausgebremst. Es sah so aus, als ob dieser selbst nur zu genau wusste, wie er sich gegen die Eindringlinge zu wehren hatte, die nun auch auf dem medizinischen Scanner sichtbar wurden. Das reichte aber noch nicht aus, um eine vollständige Diagnose zu stellen.

Deshalb gab er rasch weitere Anweisungen: „Verabreichen Sie Miss Kazan gar nichts, außer reinem Sauerstoff, Gazetti. Nehmen Sie ihr stattdessen Blut ab, damit wir genauer herausfinden können, was mit ihr eigentlich los ist und welcher Virus sie da in seinen Klauen hält, damit wir ihr vernünftig helfen können.“

 

* * *

 

‚Dein Körper funktioniert auch jetzt schon wie ein präzise arbeitendes Uhrwerk. Sollte er einmal kompromittiert werden, finden die Wächter in deinem Blut das Problem umgehend, werden es isolieren und bekämpfen.
In dieser Zeit bist du allerdings hilflos wie ein neugeborenes Kind, schwach und unkoordiniert, so gut wie blind und fast taub. Deshalb ist es wichtig, auf die ersten Alarmzeichen zu hören, um sich rechtzeitig zurückziehe, um deine Familie benachrichtigen zu können, wenn du in die Verlegenheit kommen solltest dich unter Normalsterblichen bewegen zu müssen“, erklärte eine ruhig wirkende Stimme kalt.
‚Um zu begreifen, wie immens wichtig, diese Schutzmaßnahme ist und damit du lernst, was zu tun ist, hast du mit dem Kuchen gerade eben auch Gift gegessen ...’

Shirin spürte wie damals als Dreijährige die Übelkeit, die sie dann plötzlich erfasste hatte, fühlte den gefühllosen Blick der Frau auf sich ruhen, die alles andere, nur kein Betteln und Flehen erwartete.

Trotzdem konnte das kleine Mädchen nicht anders als die Arme auszustrecken. ‚Manan? Manan?’- Eine Geste, die mit einem schmerzhaften Schlag auf ihre Wange quittiert und von der herzlosen Anweisung begleitet wurde: ‚Nein Shirin! Handle! Und lebe!’

Und das hatte sie damals unter Tränen auch getan, obwohl sie danach das Vertrauen zu ihrer eigenen Mutter verloren und diese danach nur noch gefürchtet hatte. Etwas, was die Sippenältesten bewusst forciert hatten, wie sie selbst später durch das Beispiel ihres jüngsten Bruders herausfinden sollte, weil sie die Stelle ihrer verstorbenen Lebensspenderin hatte einnehmen müssen, um ihn durch die erste Prüfung seines Lebens zu führen ...

Mit einem leisen Stöhnen kehrte Shirin aus der Welt ihrer Erinnerungen in die Realität zurück. Sie brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass sie sich nicht mehr im von kalten Winden umtosten Palast ihrer Sippe – fünfundzwanzig Jahre früher - sondern auf der Krankenstation der Enterprise befand. Die Geräuschkulisse, das Licht, auch der Geruch waren einfach zu unterschiedlich und erinnerte nicht im Entferntesten an die Stille und das Gemisch an unterschiedlichen aber angenehmen Düften, die in den großen Räumen des alterwürdigen Bauwerks vorgeherrscht hatte.

Ihre Hände ertasteten einen weichen, wabenartigen Stoff unter und neben sich. Eine leichte aber nichtsdestoweniger wärmende Decke. Fremdkörper an Schläfen, Pulsadern und über den Herzen.
Sie öffnete die Augen und stellte fest, dass ihre erste Ahnung richtig gewesen war. Sie lag also angeschlossen an die üblichen Sensoren in einem Biobett der Intensivstation, wie es die Dienstvorschriften in einem Fall wie dem ihren vorgaben.

Vorsichtig bewegte sie ihre Finger, hob vorsichtig die Hände zum Hals, um ihren den Puls zu spüren. Die kleinen Plättchen, die Herzrhythmus, Blutdruck und anderes maßen beließ sie jedoch an Ort und Stelle.
Mund und Nase fühlten sich trocken an, aber da waren kein Brennen, kein Schmerz mehr. Nur Benommenheit und Erschöpfung, wie damals in der Forschungsstation. Ob ihr Körper den Virus bereits besiegt hatte, wusste sie nicht ... aber das würde sie vermutlich bald erfahren.

Shirin setzte sich vorsichtig auf, als die erste Schwäche vorüber war, stützte sich mit den Händen ab und drehte dann ihren Kopf, um sich vorsichtig umzusehen.

Natürlich war die Scheibe aus transparentem Aluminium hochgefahren, die Schleuse als einziger Zugang fest verriegelt. Ein bitterer Zug spielte um ihren Mund, als ihr andere Gedanken in den Kopf kamen: ‚So kann ich mich schon einmal an diese Art von Quartier gewöhnen ...’

Dann beugte sie sich ein Stück vor und versuchte zu erkennen, wie viel Zeit seit ihrer Meldung an Chief O’Hara vergangen war. Eine Uhr war nicht zu sehen, aber es musste schon in der Gamma-Schicht sein, denn das Licht war gedämpft und sonst niemand zu sehen, bis auf den dunkelhaarigen Mann, der bei den Bildschirmen der gegenüberliegenden Wand saß und ganz in seine Arbeit vertieft war. Sonst hätte er vermutlich schon mitbekommen, dass seine Patientin wieder zu Bewusstsein gekommen war.

Vorsichtig streifte Shirin die Decke zurück, stellte fest, dass sie nur einen locker herunterhängenden und im Rücken von Bändern gehaltenen Kittel trug – welche sie rasch verknotete - und ließ die Füße von der Liege gleiten. Als sie ihr Gewicht auf die Beine verlagerte, erfasste sie erneut ein Anfall von Schwäche, doch der ging genau so schnell vorüber, wie er gekommen war.

Langsam tappte sie auf nackten Füßen zu der Scheibe, um besser zu erkennen, mit was sich der Chefarzt der Enterprise da eigentlich beschäftigte, was ihn so in den Bann schlug, dass er ihr Erwachen nicht bemerkt hatte. Bisher hatte er leicht vorgebeugt dagesessen, das Kinn auf die Hand gestützt, nun richtete er sich in Habachtstellung auf und öffnete ein weiteres Fenster auf dem Bildschirm.

Shirin taumelte leicht, als sie von einem leichten Schwindelgefühl erfasst wurde, da sie erkannte, um was es sich handelte. Sie verzichtete aber darauf, sich an der Scheibe abzustützen.

Statt dessen schlang sie die Arme um sich. Ihr wurde kalt, aber das lag nicht an der Temperatur des Raumes oder einem weiteren Fieberschub. Sie wusste genau, was er da gerade studierte und für was er den letzten Beweis suchte.

Diese Analysen waren einmal ein Teil ihres Lebens gewesen, und sie hatte sie bereits mit zehn Jahren so zu lesen gewusst wie andere Kinder ein normales Buch. Mit fünfzehn hätte sie an jeder Universität der Erde problemlos ihren Doktor in Medizin und Biogenetik machen können ...
Das eine Blutbild war das ihre. Das andere das ihres Stammvaters und zwar in weitaus besserer Qualität und detailreicher als sie je eines zuvor gesehen hatte. Sie wusste auch wieso: Der Doktor konnte ja schließlich auch auf Proben zurückgreifen, die nicht schon über zweihundertundfünfzig Jahre alt waren.

„Khan ...“,murmelte sie unwillkürlich.

In diesem Moment schreckte Doktor Leonard McCoy auf und drehte sich um, so als habe er ihre Stimme bemerkt. Seine Augen weiteten sich einen Moment, als habe er sie nicht außerhalb des Bettes erwartet, dann jedoch musterte er sie scharf.

Shirin wich seinem Blick nicht aus. ‚Ich habe schon einmal die Flucht nach vorne gewagt, indem ich aus meinem alten Leben ausgebrochen bin, nun sollte ich es ein weiteres mal tun und zu dem stehen was ich bin! Denn nur so kann ich steuern, was ich ihnen erzähle und was nicht’, entschied sie sich und antwortete auf die unausgesprochene Frage mit einem leisen „Ja!“

Chapter Text

Schon seit zwei Stunden studierte Leonard McCoy die Analysen und glich sie mit statistischen Durchschnittswerten, bereinigt durch die ethnische Herkunft seiner Patientin ab, auch wenn das nicht einmal nötig war.

Denn es gab für ihn keinen Zweifel mehr: Yeoman Shirin Kazan war im wahrsten Sinne des Wortes ‚außergewöhnlich’. Und auch ihre medizinische Krankenakte erwies sich in diesem Zusammenhang als Fundgrube von Hinweisen, die man nur richtig lesen musste, wenn man den entsprechenden Ansatz kannte.
Er würde sich mit einigen Punkten noch Tage beschäftigen können, weil sie ihm Rätsel aufgaben, so wie der Vorfall auf Enparos VII, bei dem einige Details einen Sinn annahmen, der das heutige Ereignis in einem ganz anderen Licht erscheinen ließ.

Bemerkenswert einfach war dagegen Shirin Kazans Ausweichtaktik in Bezug auf ihre routinemäßigen Gesundheitsüberprüfungen. Wahrscheinlich wäre sie auch diesmal wieder mit einem blauen Auge davongekommen, hatte sie doch das Geschick entwickelt, sich die unerfahrendsten Assistenzärzte dafür auszusuchen.

Er grinste fies. ‚Damit ist es jetzt wohl vorbei, Mädchen.’ Dennoch ärgerte er sich ein wenig darüber, dass er nicht schon früher auf ihre Andersartigkeit gekommen war, sondern erst Spock ihn darauf aufmerksam gemacht hatte. Aber woher und vor allem ab wann hatte der Vulkanier den richtigen Riecher gehabt?

Nun verstand er auch, was Spock damit gemeint hatte, als er ihm geraten hatte, Yeoman Kazan selbst zu fragen, wie sie die Kontaminierung entdeckt hatte.
Dem grünblütigen Spitzohr mussten bereits Unstimmigkeiten aufgefallen sein, bevor es diesen Vorfall im Lagerraum überhaupt gegeben hatte, sonst hätte er sie alle während der Besprechung nicht so schnell auf dieses kleine aber feine Detail mit dem Container hingewiesen.
War sie nun draufgeklettert oder drübergesprungen? Mittlerweile tippte McCoy auf letzteres. Die Scans der Struktur ihrer Muskeln und Knochen, die Funktionsfähigkeit ihrer Organe, die Zellregeneration hatten alle Zweifel ausgeräumt, nicht zuletzt auch allem die Analyse ihrer DNA.

Blieb nur noch das Blutbild, das ihm ebenfalls ein paar Überraschungen beschert hatte. Da waren diese ganz besonderen Blutkörperchen, die ihm auf einmal sattsam bekannt vorkamen – und auch hier genügten ein paar Handbewegungen, um die Bestätigung für den aufkeimenden Verdacht zu bekommen.

„Khan ...“

Nur ein heiseres Wispern, aber es reichte aus, um ihn aus seinen Gedankengängen zu reißen und seine Aufmerksamkeit wieder in die Wirklichkeit zurück zu lenken. Der Chefarzt der Enterprise drehte sich um und staunte nicht schlecht.

Shirin Kazan war also schon wieder auf den Beinen? Warum überraschte ihn das nicht sehr wie es hätte sollen?

Er blickte zu den Anzeigen, die ihre letzten Biodaten zeigte und dann wieder zu der jungen schwarzhaarigen Frau hinter der Scheibe aus transparenten Aluminium. Herzschlag, Blutdruck und andere Körperfunktionen waren auf ein normales Niveau zurückgekehrt. Aber der Kampf gegen die Infektion musste sie viel Kraft gekostet haben. Sie war blass und zitterte leicht, Zeichen tiefster Erschöpfung und Dehydration.

Aber wen wunderte das nach dem, was ihr Körper da in den letzten Stunden getrieben hatte? Es war faszinierend – er hasste es, dieses Wort in den Mund zu nehmen - gewesen, das Massaker unter dem Mikroskop zu beobachten.
Zwei aggressive Feinde waren hier aufeinander getroffen, ein unbekannter Virus und körpereigene Fresszellen, die ein Eigenleben zu besitzen schienen und erst zufrieden gewesen waren, als sie sich den neuen Gegebenheiten angepasst und ihr Territorium behauptet hatten.

Sein Blick kehrte zu Shirin Kazan zurück. In diesem Moment sah sie mit dem offenen Haar und in dem einfachen Operationshemd unschuldig und hilflos wie ein junges Mädchen im Teenageralter aus, ließ nun die Arme, die sie zuvor um sich geschlungen hatte, langsam sinken.

Aber ihre schmalen Augen waren scharf und klar. Genauso durchdringend wie die des Mannes, dem er vor etwas mehr als einem Jahr ebenfalls so nahe gekommen und nur durch ein Energiefeld getrennt gewesen war. Als sie den Mund öffnete sagte sie nur ein einziges Wort. „Ja!“

Er runzelte die Stirn. Was hieß hier eigentlich „Ja“? Ohne dass er es wollte, stieg Misstrauen in ihm auf und er kniff die Augen zusammen. Nein er würde nicht den Fehler begehen, diese junge Dame zu unterschätzen, so friedlich und kooperationsbereit sie sich im Moment auch geben mochte. Also beschloss er vorsichtig zu bleiben und in die Offensive zu gehen. „Sie wissen also was das hier ist, Miss Kazan?“, fragte er dann scharf.

„Ja Sir, es handelt sich um die biogenetische Analyse meines Blutbildes“, erwiderte sie ernst und fügte einige mit Fachworten durchsetzte Erklärungen hinzu, die nur ein Mediziner kannte, der diese Dinge studiert hatte. „... und als Referenz die Daten einer Person, welche genau die gleichen Abweichungen zum Blutaufbau eines normalen Menschen aufweist wie ich.“

Der Arzt neigte ein wenig den Kopf, erstaunt darüber, das sie so offen darüber sprach und sich nicht alles aus der Nase ziehen ließ wie andere Patienten, deren versteckte Sünden und düsteren Geheimnisse er in der letzten Zeit entdeckt hatte.
Zudem war sie noch einen Schritt weitergegangen und hatte eine neue Facette ihres Wesens preisgegeben. Sie verstand also etwas von Medizin und Genetik ... aber musste ihn das bei jemandem wie ihr wirklich wundern?

Deshalb stellte er nun endlich die entscheidende Frage und wartete neugierig auf die vermutlich ebenso interessante Antwort: „Sie geben also so einfach zu, dass Sie ein genetisch aufgewerteter Mensch sind, ein Augment?“

Die Schwarzhaarige holte tief Luft und nickte. „Warum sollte ich das Offensichtliche leugnen? Sie haben mich, während ich bewusstlos war, sicherlich von Kopf bis Fuß durchleuchtet und herausgefunden, dass mein Immunsystem die Eigenschaft hat, Fremdstoffe, die in meinen Körper eindringen zu neutralisieren oder assimilieren, ja sogar Antikörper zu bilden.
Sie wissen jetzt, dass meine DNA, meine Muskeln und Knochen ganz nicht ganz dem entsprechen, was für eine menschliche Frau meines Alters und meiner Herkunft normal ist, aber die Abweichungen so unauffällig sind, dass man schon genau wissen muss, wonach man zu suchen hat.“

„Das ist richtig Miss Kazan“, erwiderte Leonard McCoy. „Und Sie sind damit eine verdammt lange Zeit durchgekommen, wenn ich mir Ihre Krankenakte so ansehe.“ Er deutete auf ihren Arm, auf dem sich hell eine lange Narbe abzeichnete, die vom Ellenbogen bis fast an das Handgelenk reichte. „Das da war auch nicht nur ein oberflächlicher Kratzer, wie Sie bei der Behandlung angegeben haben, oder?“

Shirin hob den Arm und betrachtete ihn. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos, während sie antwortete: „Nein, es war ein Schnitt bis auf den Knochen, der glücklicherweise keine der wichtigen Blutgefäße traf. Ich wurde gegen eine scharfe Metallkante geschleudert, als die ‚Enterprise’ das erste Mal von der ‚Vengeance’ unter Beschuss genommen worden ist. Glücklicherweise wusste ich, wo ich das nächste Medi-Kit finden konnte, mit dem ich ihn notdürftig verarzten konnte.“

„Sie sind ziemlich hart im Nehmen, wie?“ Der Chefarzt schüttelte den Kopf, als er sich vorstellte, unter welchen Schmerzen das geschehen sein musste. „Haben Sie eigentlich einen Gedanken daran verschwendet, dass sich die Wunde durch Verunreinigungen hätte entzünden und eine Blutvergiftung hätte entstehen kön ...“, er hielt plötzlich inne, weil ihm bewusst wurde, mit was für einer Person er da sprach. „Nein, natürlich nicht. Warum sollten Sie auch?“
Dann runzelte er die Stirn und beschloss, das anzusprechen, was ihn eben erst beschäftigt hatte. „Wenn wir schon einmal dabei sind über die Vergangenheit und ihre Krankenakte zu reden, das ist nicht der erste Virus, den Ihr Körper so vehement bekämpft hat, richtig?“

„Sie denken jetzt an den Vorfall auf Enparos VII.“ Shirin Kazan trat einige Schritte zurück und setzte sich auf das Biobett. Ihre Augen waren immer noch auf ihn gerichtet, auch wenn sie jetzt ein wenig müder als vorher wirkten. „Mich hat das denebulanische Fleckfieber auch erwischt, Sir, aber ich habe es als eine der wenigen Besatzungsmitglieder dank der Hilfe von Doktor Grissen überstanden.“

„Ich habe eher das Gefühl, dass genau diese Aussage auch nicht ganz der Wahrheit entspricht, Miss Kazan.“ Leonard McCoy ließ sich ebenfalls auf seinen Stuhl nieder und rief einige andere Berichte auf, projizierte sie an die transparente Wand, damit auch seine Patientin alles klar erkennen konnte.

„Es stimmt zwar, dass der Virus zunächst dem des für Menschen zwar unangenehmen, aber nicht lebensgefährlichen Fleckfiebers ähnelt, aber in seinen Eigenschaften ist er grundverschieden. In den für die Öffentlichkeit zugänglichen Berichten wurde es bei dem Irrtum von Captain Folkmers und seinem Bordarzt belassen, um niemanden unruhig zu machen, aber ich habe aufgrund meiner Sicherheitsstufe Zugriff auf die richtigen Dossiers. Was dort wirklich unter den Leuten wütete, war uns bislang unbekannt und ist es auch bis zum heutigen Tage geblieben.“

Er lehnte sich zurück und betrachtete die junge schwarzhaarige Frau, deren Gesicht weiterhin nicht viel verriet. So sprach er weiter. „Ich bin Doktor Grissen vor ein paar Monaten auf einem medizinischen Kongress auf Andor begegnet, als ihn alle als den Helden von Enparos VII feierten. Doch wollte das was ich sah nicht mit dem zusammenpassen, was ich gehört habe.“
Um seinen Mund spielte ein bitteres Lächeln.
„Ich habe ein feines Gespür dafür, wenn jemand über viele Jahre von Medikamenten und Drogen abhängig ist und langsam aber sicher verfällt. Das war ihm in bestimmten Momenten anzusehen. Vielleicht ist er gut mit seinen Patienten ausgekommen, und war eine Seele von Heiler, aber die Forschung lag ihm nicht, das habe damals an seinem ungelenken, unzusammenhängenden Vortrag gemerkt.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Wer auch immer das Mitleid gehabt hat, ihn auf diese entlegene Station zu versetzen, damit er seine Altersbezüge als Sternenflottenoffizier behalten konnte, konnte allerdings auch nicht ahnen, dass er sich eines Tages einer solchen Herausforderung stellen müsste, die seinen Horizont weit übersteigt. Um so verwunderlicher ist es dann, dass ihm dann noch so ein Treffer gelungen ist...“

Eine bedeutungsschwere Pause folgte, die von seinem Gegenüber nur mit weiterem Schweigen quittiert wurde.

„Was ich damit sagen will ist, dass jemand für ihn in die Bresche gesprungen ist und die Entwicklung des Serums übernommen hat. Die geheimen Dossiers vermuten die Biologin, Doktor An’la Tevari dahinter, die kurz vor der Ankunft der ‚U.S.S. Cross’ verstarb, dahinter ... aber ich glaube, ich weiß es jetzt besser.“

Die Schwarzhaarige senkte den Blick. „Doktor Tevari suchte an einer ganz anderen Stelle, Sir. Es war Doktor Grissen selbst. Ich habe ihn nur ein wenig bei seinen Forschungen unterstützt, Hilfsarbeiten erledigt, das ist richtig“, beharrte sie auf der eindeutigen Lüge. „Doktor McCoy, Henry und ich hatten einen guten Draht zueinander, nachdem wir unsere gemeinsame Leidenschaft für Schach und Backgammon entdeckten. Hin und wieder, wenn ich Zeit hatte, half ich in der Krankenstation aus, vor allem als immer mehr Leute krank wurden und meine anderen Aufgaben an Relevanz verloren“, verteidigte sie sich.

„Falsch. Das stimmt so nicht ganz.“ Leonard McCoy erhob sich. Er trat an die Scheibe heran und tippte auf eine der Projektionen, ehe er weitersprach: „Sie haben ihr Blut benutzt, um das Serum herzustellen, das die restliche Besatzung der Station gerettet hat. Denn zu mehr als einer simplen Synthetisierung von Antikörpern reichten weder die dreißig Jahre alten Gerätschaften, die Doktor Grissen auf seiner Station zur Verfügung standen noch das, was in den anderen bio-chemischen Labors zu finden war, aus ...“

Seltsam, jetzt wo er es laut aussprach, fand er es gar nicht mehr so abwegig, vor allem nach den klaren, fachlich korrekten Aussagen, die Kazan erst vor kurzem gemacht hatte. „Sie haben den Virus überlebt und wussten verdammt genau, was sie dann tun mussten, um die heilenden Kräfte ihres Blutes auch anderen zur Verfügung zu stellen.“

Chapter Text

“Danke Scotty! Das sind wenigstens mal gute Nachrichten!” Jim deaktivierte die Verbindung und lehnte sich zurück, um dann herzhaft zu gähnen und sich die Augen zu reiben. Hier im Besprechungsraum konnte er sich das im Gegensatz zur Brücke erlauben, Die hatte er erst vor ein paar Minuten verlassen, um noch in Ruhe ein paar Dinge mit seinem ersten Offizier abzuklären, die er nicht vor der Brückencrew abklären wollte.

Immerhin - eine Sorge weniger gab es schon und würde die Hektik, die der Fund der Bombe ausgelöst hatte, dämpfen. Der gelbe Alarm konnte endlich aufgehoben werden, denn der Chefingenieur hatte ihm und Spock gerade mitgeteilt, dass der betroffene Container und seine vier Kollegen genauestens untersucht und die ganze Halle dann noch einmal zur Sicherheit komplett dekontaminiert worden waren.
Also erledigte er das mit einer kurzen Verbindung zum diensthabenden Brückenoffizier, ehe er das noch vergaß und lehnte sich dann gedankenversunken wieder zurück um das Gehörte zu verdauen.

Die Suchtrupps hatten drei weitere Nanobomben gefunden, die glücklicherweise noch nicht detoniert waren. Spezialisten unter der Leitung von Doktor Marcus hatten die Sprengkörper mit dem gefährlichen Inhalt erst isoliert und dann vorsichtig entfernt.
Allerdings würden sie zwei der Container auf Vanguard zurücklassen müssen, weil diese nun nicht mehr den zulässigen Sicherheitsstandards entsprachen. Ob sie für diese beiden auf der Sternenbasis jedoch noch gleichwertigen Ersatz finden würden, stand natürlich auf einem anderen Blatt.

Scott hatte zudem angedeutet, dass sich seine Teams in den nächsten Tagen auch noch die restlichen Lagerräume vornehmen würden, um allen Eventualitäten vorzubeugen. Damit war die direkte Gefahr für Schiff und Besatzung gebannt, auch wenn natürlich noch eine Menge Fragen über das Wie und Warum offen geblieben waren, so wie ...

Jim spürte, wie der Adrenalinspiegel in seinem Blut langsam sank und die Müdigkeit mit aller Macht an die Oberfläche drängte. Wie lange war er eigentlich schon wach? Zweiundzwanzig Stunden? Dennoch fühlte er sich zu aufgedreht, um wirklich Schluss zu machen und die weitere Aufklärung der Situation auf morgen zu vertagen.

„Captain? Als ihr erster Offizier halte ich es für ratsam, dass Sie sich jetzt zurückziehen sollten, um sich auszuruhen. In siebenundsechzig Stunden erreichen wir Sternenbasis 47 und dort warten wichtige Gespräche mit Commodore Reyes auf die Sie sich unbedingt noch vorbereiten sollten. Auch denke ich, dass wir im Moment, was das andere Problem betrifft, nur noch abwarten können. Untersuchungsergebnisse brauchen ihre Zeit“, meldete sich Spock zu Wort.

Jim zuckte zusammen und sah dann überrascht zu ihm hin. Lag da etwa ein Hauch von Besorgnis in der Stimme von Spock? Die Miene des Vulkaniers war allerdings so ausdruckslos und nichtssagend wie immer ... und jetzt zog er auch noch mahnend eine Augenbraue hoch.

„Ich weiß Spock, ich weiß“, antwortete er hastig und überspielte seine Erschöpfung mit einer lockeren Handbewegung. „Aber ich will vorher noch mit Pille sprechen, bevor ich mein Quartier aufsuche. So lange ich nicht weiß, was ein Mitglied meiner Crew so umhauen konnte, und wie es Miss Kazan geht, finde ich wirklich keine Ruhe.“

„Ich stimme Commander Spock ja ungern zu, aber er hat recht, was dich betrifft. Du siehst aus wie ein ausgekotztes Stück ... nein das sage ich lieber nicht. Damit machst du gegenüber deiner Crew und später auf Vanguard sicherlich keinen guten Eindruck.“
Der Chefarzt der Enterprise trat in sein Blickfeld und Jim runzelte die Stirn. Warum hatte er das charakteristische Zischen der Tür eben nicht gehört? War er durch seine Erschöpung bereits so unaufmerksam geworden? „Pille. Wenn man vom Teufel spricht...“

„... dann ist er auch schon zur Stelle.“ McCoy steckte sein Padd in eine Halterung des Tisches und aktiviertes es. „Ich habe deine letzten Worte mitbekommen und kann dich zumindest in einer Sache beruhigen, Jim: Miss Kazan geht es ausgesprochen gut. Sie war auch schon wieder auf den Beinen, obwohl ich das erst einmal nicht erwartet habe, bei dem, was sie durchgemacht hat.“ Dann wandte er den Kopf zu dem Vulkanier. „Aber das dürfte für Sie sicherlich keine besondere Überraschung sein, Spock, oder?“

„Wie kommen sie darauf, Doktor?“ Der erste Offizier neigte fragend den Kopf.

„Oh kommen Sie, tun Sie nicht so begriffsstutzig. Was war das denn vor ein paar Stunden für ein Hinweis?“ McCoy setzte ein böses Lächeln auf. „Sie wollten nur nicht zugeben, dass Sie einer Ahnung, einem Bauchgefühl nachgegangen sind.“

„Ich weiß immer noch nicht, was Sie meinen, Doktor. Vulkanier ...“

Jim blickte genervt zwischen seinen Führungsoffizieren hin und her. Normalerweise fand er das Geplänkel zwischen den beiden immer recht amüsant, aber heute ...
Deshalb schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch und zog die Aufmerksamkeit auf sich. „Könnte hier jetzt bitte einmal jemand Klartext reden und endlich zur Sache kommen? Ich bin müde und möchte, das hier gerne bald beenden. Also Pille? Was kannst du uns erzählen.“

Der Chefarzt hob entschuldigend die Hände und begann dann ihn aufzuklären: „Miss Kazan ist, wie ich schon sagte, über den Berg. Sie besitzt eine bemerkenswerte Konstitution, die dem Virus innerhalb weniger Stunden den Garaus gemacht hat, auch wenn das die Ressourcen ihres Körpers ziemlich angeknabbert hat. Aber das wird sich mit Bettruhe und ein paar Nährstoff-Infusionen schnell gegeben haben.“

Er sah wieder zu dem Vulkanier hin und schien die letzten Worte mit regelrechtem Genuss auszusprechen, blieb dabei jedoch relativ ernst. „Das ist allerdings nur möglich, weil sie genetisch aufgewertet ist, so wie unser inzwischen wieder tiefgekühlter „Freund“ Khan.“

„Was?“ James T. Kirk schnappte überrascht nach Luft und hatte im nächsten Moment das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Die Müdigkeit verschwand mit einem Male und machte neuer Anspannung Platz, begleitet mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube. Nur zu gut erinnerte er sich daran, was der eben erwähnte Mann der Erde, der Sternenflotte, seinem Schiff und ihm kaltlächelnd angetan hatte. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken.

Und nun war wieder so jemand an Bord seines Schiffes? Wut und ein Anflug von ... Furcht? ... brodelten in ihm hoch.

Nachdem der erste Schrecken über das Gehörte verklungen war, hatte er sich jedoch schnell wieder unter Kontrolle, auch wenn der Zorn durch Ernüchterung und so etwas wie bittere Enttäuschung ersetzt wurde.
Denn es ging hier und jetzt nicht um den illustren Mann aus der Vergangenheit, der auch noch schwere Verbrechen gegen die Sternenflotte begangen hatte – sondern um ein Mitglied seiner Crew, das bisher gänzlich unauffällig seiner Arbeit nachgegangen war und sie in dieser Zeit allesamt belogen hatte.
Etwas in ihm wollte einfach nicht wahr haben, was er da gerade eben gehört hatte. „Sag das bitte noch mal ganz langsam und in einfachen Worten, damit auch ein so müder Mann wie ich das verstehen kann, Pille.“

„Ja, Jim, es besteht kein Zweifel daran: Yeoman Kazan ist ein Augment.“

Der Captain schüttelte ungläubig den Kopf und kramte in seinem Geist die Erinnerung an die Personalakte hervor, die er in den letzten Stunden auch einmal überflogen hatte. „Sag mal, wie lange ist sie jetzt eigentlich schon bei der Sternenflotte, Zehn Jahre? Und es will in der ganzen Zeit niemandem aufgefallen sein, dass sie ... irgendwie anders, dass sie außergewöhnlich ist?“

„Genau genommen, zehn Jahre, zwei Monate und vier Tage“, warf Spock ein. „In dieser Zeit dürfte sie mehrere Überprüfungen ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit mitgemacht haben.“

„Oh, ja, das hat sie auch. Nur hat Miss Kazan dabei das bemerkenswerte Talent bewiesen, sich im Rahmen der Bestimmungen und Richtlinien immer dann durchzumogeln, wenn es eng wurde. Sie hat ihre Untersuchungen zwar brav hinter sich gebracht, aber diese grundsätzlich von nicht gerade erfahrenen Kräften durchführen lassen. Tja, sie ist aufgrund ihrer robusten Konstitution bisher sogar unter meinem Radar geblieben, und das will was heißen.“
Er verzog den Mund.
„Aber es kommt sogar noch besser, Jim. Sie hat es zwar nicht direkt zugegeben, aber es ist recht offensichtlich, dass sie mit dem mörderischen Bastard Khan verwandt ist. Ich kann dir nicht sagen wie nah, da müsste ich die DNA-Sequenzen der beiden noch ein bisschen länger miteinander vergleichen, um dir genaueres sagen zu können ...“ fügte McCoy hinzu und wurde dann etwas nachdenklicher.
„ ... aber vielleicht verrät sie es uns ja irgendwann auch selbst. Denn sie war vorhin erstaunlich kooperativ und hat mir ein paar interessante Dinge erzählt. Ich habe sie jetzt allerdings erst einmal schlafen geschickt, denn ich denke, du willst irgendwann auch noch mit ihr reden.“

„Eine Anhörung wird nicht ausbleiben“, erwiderte Jim bitter. „Du weißt, sie hat uns ein paar wesentliche Einzelheiten über sich verschwiegen.“ Er presste für einen Moment die Lippen zusammen und erinnerte sich an das, was er noch am gestrigen Tag gegenüber dem Chefarzt in der Krankenstation geäußert hatte. „Das gibt mir das Recht, sie unter Arrest zu stellen und von Sternenbasis 47 aus umgehend auf die Erde zurückzuschicken, damit dort über ihr weiteres Schicksal entschieden werden kann ...“

„Das müssten Sie sogar, Captain.“ Spock fügte eine Vorschrift der Förderation hinzu, die es genetisch aufgewerteten Personen, gleich weder Rasse und welchen Geschlechts untersagte, der Sternenflotte beizutreten und gab ihm damit das in die Hand was er als Captain brauchte, um mit dem Thema abzuschließen.
Jim war geneigt, das einfach anzunehmen. Doch dann hörte der erste Offizier zu seinem Erstaunen nicht auf zu sprechen. „Aber ich weiß, Sie bilden sich gerne erst einmal Ihre eigene Meinung über eine Person, ehe Sie ein Urteil über sie fällen.“

„Ja, so ist es Spock“, entgegnete er, runzelte dann aber die Stirn. Musste er das wirklich? Sollte er diesem neuen Augment eine Chance geben, nur um sich eine eigene Meinung zu einem eigentlich klaren Fall zu bilden?

Eine Stimme in ihm wisperte kalt, dass es eigentlich völlig unnötig war, sich überhaupt noch mit dieser Person zu beschäftigen, da sie durch ihre Anwesenheit als Mannschaftsmitglied der Enterprise gegen mehrere eindeutige Regeln der Sternenflotte verstoßen hatte und damit eine kriminelle Handlung begangen hatte, die Bestrafung forderte.

Eine andere aber verwehrte sich vehement gegen diese dunklen Gedanken und erinnerte ihn an den Grund für sein eigenes großes Opfer. Meldete sich jetzt etwa sein Gewissen, das ihn dazu gebracht hatte, „John Harrison“ zu verschonen und Khan zuzuhören, ihn sogar zu unterstützen?

‚Meine Crew ist meine Familie ...’, dachte er und presste unwillkürlich die Lippen zusammen, als ihm bewusst war, dass sein Mitgefühl, seine Skrupel und sein Gewissen in ihm wühlten und ihr gutes Recht forderten.
Nein, er war nicht wie Admiral Marcus, der um einer fanatischen Idee willen seine Menschlichkeit geopfert hatte. ‚Sie sind das, was zu mir gehört, wie dieses Schiff ... und ich kann nicht einfach jemanden aus der Gemeinschaft verstoßen, ohne ihn selbst gesehen und mit ihm gesprochen zu haben, da hat Spock recht.’

Er stieß zischend die Luft aus den Lungen und nickte dem Vulkanier dankend zu. „Auch wenn ich, was genetisch aufgewertete Personen betrifft, meine Lektion gelernt habe, so kann ich nicht einfach über ein Mitglied meiner Crew urteilen, ohne es wenigstens angehört zu haben“, sagte er dann nüchtern. „Ist das der Grund, warum Sie ihren Verdacht vorhin nicht direkt geäußert haben?“

„Ja, Captain. Ich hatte nicht genug Informationen um meine ersten Vermutungen verifizieren zu können und wollte daher erst einmal abwarten, was Doktor McCoy bei der Untersuchung von Miss Kazan feststellen würde.“

„Aber Spock, nachdem Sie mich erst einmal haben raten lassen: Wie zum Teufel sind Sie eigentlich darauf gekommen, dass mit Yeoman Kazan etwas nicht stimmt?“, warf McCoy neugierig ein. „Was hat denn Ihren Verdacht überhaupt erst ausgelöst?“

„Ich habe den Yeoman bei der Tanzveranstaltung genau beobachtet.“ Spock stutzte, als er bemerkte, dass er in eine Falle getappt war, ließ sich aber nicht anmerken, ob er sich über das zufriedene Grinsen des Chefarztes ärgerte. „Mir sind einige Verhaltensweisen der jungen Frau aufgefallen, die nicht zueinander passten.“

„Ha, Ich wusste es! Sie sind einem Gefühl nachgegangen, so ist es doch!“

Jim seufzte und gönnte Pille den Triumph über den Halb-Vulkanier, dann aber wandte er sich wieder an seinen ersten Offizier. „Seit wann ist Miss Kazan eigentlich an Bord der Enterprise?“

„Seit achtzehn Monaten und zwei Tagen, Captain.“

„Eineinhalb Jahre ...“ Jim schluckte. Also war sie schon an Bord gewesen, als Khan und Marcus ... Nun, das zählte jetzt nicht, sondern nur etwas anderes: „Und in dieser Zeit hat sie sich nichts zuschulden kommen lassen, was mir zu Ohren hätte kommen sollen, oder?“ Wieder suchte er Bestätigung bei Spock.

„Ihre Personalakte bei der Sternenflotte besitzt keine negativen Einträge und überwiegend gute und einige wenige ausgezeichnete Beurteilungen ihrer Vorgesetzten. Sie ist damit in jeder Hinsicht ein mustergültiges Crewmitglied“, erwiderte dieser ruhig.

Jim nickte und holte tief Luft. Sein Entschluss stand nun fest, er hoffte nur, dass er ihn nicht eines Tages bereuen würde. „Dann werde ich auf jeden Fall mit Yeoman Kazan sprechen, ehe ich eine Entscheidung über ihr weiteres Schicksal treffe“, murmelte er, rieb sich über die Stirn und drehte sich wieder zum Arzt hin, als er sich an dessen letzte Worte erinnerte. „Du sagtest eben, sie sei kooperationsbereit? In welcher Hinsicht?“

„Na ja, wie man es sehen will...“ McCoy zuckte mit den Schultern. „Sie ist ziemlich schnell damit herausgerückt, dass sie sich mit der Biologie des Menschen deutlich besser auskennt, als man es von jemandem mit einer einfachen Sanitäterausbildung erwarten sollte. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie eine vollausgebildete Medizinerin ist, Fachbereich Biogenetik denke ich, vermutlich sogar ... Eugenik.“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich frage mich zwar, wann und wie sie das vor ihrer Sternenflottenzeit alles gelernt haben will, aber nun gut, ihr Gehirn und seine Leistungsfähigkeit habe ich mir noch nicht genauer angeschaut und sie in dieser Richtung auseinander genommen ...“
Dann hielt er einen kurzen Moment inne und fügte hinzu. „Immerhin ist ihr kalendarisches Alter von achtundzwanzig Jahren korrekt, das habe ich auch gleich überprüft. Sie ist damit glücklicherweise kein Relikt aus vergangenen Zeiten, sondern tatsächlich ein Kind des dreiundzwanzigsten Jahrhunderts ...“

Als nächstes beugte er sich vor und holte andere Dateien auf den Bildschirm, Bilder von bizarren, fremdartigen Gebilde. „Viel interessanter ist in dem Zusammenhang allerdings, dass sie schon einmal einer solchen viralen Attacke ausgesetzt war. Sonst hätte ihr Körper nicht so heftig reagiert, sondern wäre vermutlich erst mit einer Inkubationszeit von wenigstens ein paar Tagen darauf angesprungen.“
Er deutete auf den Bildschirm.
„Das ist der Erreger, der fast die gesamte Besatzung der Forschungsstation auf Enparos VII ausgerottet hat. Nur ein Drittel der Leute überlebte, unter ihnen Shirin Kazan. Dieser fiese kleine Bastard hier wurde anfangs mit der denebulanischen Fleckseuche verwechselt, aber das konnten spätere Untersuchungen in besser ausgestatteten Forschungslaboren auf Raumstation 12 wiederlegen. Für die Öffentlichkeit wurde es jedoch bei dem Irrtum belassen, um keine Angst zu schüren.“

Jim blickte zwischen den Bildern und seinem Chefarzt hin und her. Der sprach jedoch schon weiter weiter. „Dank unserer großen Mission in unbekanntes Gebiet wurde meine Sicherheitsstufe in den letzten Monaten so erweitert, dass ich jetzt auch Zugriff auf die echten, übrigens streng geheimen, medizinischen Dossiers hatte. Interessant war, wer den Sperrvermerk angeordnet hatte.“

Jim biss sich auf die Lippen. „Ich nehme an, Admiral Marcus?“

McCoy nickte. „Der vor acht Monaten verstorbene Doktor Henry Grissen gilt zwar offiziell als der Entwickler des Serums, das die Überlebenden gerettet hat, aber die geheimen Dossiers bezweifeln von Anfang an seine Eignung. Sie ordneten die Entwicklung der Antikörper später Doktor An’la Tevari, einer kurz vor der Ankunft von Captain Folkmers auf der „U.S.S. Cross“ verstorbenen Biologin zu, die sich mit solchen Sachen beschäftigt hatte“, erzählte er ruhig weiter wurde, ließ dann aber einen gewissen Triumph mitschwingen. „Aber das stimmt, wie ich jetzt weiß, ebenfalls nicht.“

„Miss Kazan!“ Jim durchlief ein Frösteln, während Spock wenig überrascht schien.

„ Das ist ein logischer Schluss. Wie wir aus den abschließenden Berichten wissen. verfügte auch Khan über das Wissen, sein Blut zur Heilung normaler Menschen zu verwenden“, ergänzte der erste Offizier. „Vergessen Sie nicht, das ging unter anderem aus dem Geständnis von Mr. Harriman über den Preis für seinen Verrat an der Sternenflotte und den nachfolgenden Untersuchungen seiner überraschend von einer eigentlich unheilbaren Krankheit genesenen Tochter Lucille hervor.“

„Und ich habe dich mit dem Blut dieses Bastards von den Toten zurückholen können.“ Bestätigte der Chefarzt mit einem Nicken und ergänzte: „Shirin Kazan überstand den Angriff des Virus, der sie wohl für einige Zeit völlig ausgeknockt haben muss, und nutzte danach ihr eigenes Blut, um die noch lebenden Männer und Frauen vor dem Tod zu retten. Sie hat sich zwar ziemlich geziert, das zuzugeben ... aber ich habe sie am Ende doch mit den erdrückenden Beweisen erschlagen. Und da hat sie mir dann endlich erklärt, was sie damals eigentlich getan hat.“

„Hat sie dir auch gesagt, warum?“ fragte James T. Kirk aufmerksam. „Denn so wie das aussieht, hat sie sich bewusst im Hintergrund gehalten und den Ruhm jemand anderem zugeschoben.“

„Sie wusste, was für sie auf dem Spiel stand. Die logische Erklärung ist, dass Miss Kazan nicht als einzige Überlebende der Forschungsstation dastehen wollte. Denn das hätte eine Menge Fragen und vermutlich sehr gründliche medizinische Untersuchungen nach sich gezogen“, beantwortete Spock anstelle von McCoy seine Frage. „Es steht außer Frage, dass sonst damals bereits ans Licht gekommen wäre, was sie ist. So blieb sie ein unbedeutendes Crewmitglied, das zwar befragt, aber nicht länger als nötig untersucht wurde.“

„Richtig, so etwas hat sie mir gegenüber auch behauptet. Andererseits klang aus ihren Worten schon heraus, dass sie einen guten Draht zu Doktor Grissen und ein paar der anderen Besatzungsmitgliedern der Station gehabt zu haben scheint, die sie unbedingt retten wollte ... aber ich bin zu wenig Seelenklempner, um feststellen zu können, ob ich mit meiner Vermutung, dass sie es auch aus Freundschaft getan hat, richtig liege.
Aber wie dem auch gewesen ist und warum sie das getan hat – es war vielleicht ganz gut so, dass sie es tat und sich dabei aus der Affäre zog. Denn sonst wäre sie nicht an Bord der Enterprise gewesen, und hätte das hier – wenn auch unfreiwillig - rechtzeitig gefunden.“

Seine Hand wanderte zum nächsten Bild.

„Das hier stammt von Bord der Enterprise. Klein und unscheinbar, im ersten Stadium seiner Entwicklung, von den Bioscannern nur dann zu erfassen, wenn man sie im Abstand von ein paar Zentimetern darüber hält ... und verdammt aggressiv.
Bei der ersten Untersuchung hatte ich das Gefühl, das Ding da besitzt ein Eigenleben und suche regelrecht nach Biomasse, an der er sich festsetzen kann, um sich weiter zu entwickeln. Aber auch dass muss mir noch einmal ganz genau anschauen. Wichtig ist nur eines ... die beiden Viren sind so etwas wie Vater und Sohn.“

McCoy ließ den Arm wieder sinken und blickte ernst auf die beiden anderen Männer. „Die Ähnlichkeiten zwischen unserem neuen Freund hier und dem ursprünglichen Erreger von Enparos VII sind jedenfalls frappierend, wie es mit den Eigenschaften aussieht, wird sich noch zeigen.“

Er machte eine kurze nachdenkliche Pause und fügte dann hinzu: „Wäre Yeoman Kazan nicht auf die Idee gekommen, die Lagerhalle für ihre ganz persönlichen gymnastischen Übungen zu nutzen, um den biometrischen Sensoren in den Sporthallen zu entgehen, die ja doch gelegentlich schon einmal aktiv sind, hätte sie nicht aus irgend einem mir unverständlichen Grund diesen kleinen akrobatischen Sprung riskiert ... ich glaube, wir hätten spätestens in ein oder zwei Monaten eine böse Überraschung erlebt.“

Chapter Text

„Erläutern Sie das bitte näher, Doktor McCoy.“ Spock richtete nun seine ganze Aufmerksamkeit auf den Mediziner und hörte auf, die geöffneten Dossiers zu studieren. Schon der erste Teil der Besprechung hatte viele interessante Fragen aufgeworfen, doch diese Andeutung hier eröffnete neue Perspektiven auf die Bedrohung, die sie gerade erst auf dem Schiff entdeckt hatten. Er warf einen Seitenblick auf den Captain, der immer noch angespannt – viel zu angespannt! - neben ihm saß und nun mit heiserer Stimme fragte: „Was hätte uns dann erwartet, Pille?“

„Immer mehr Krankheitsfälle mit Todesfolge, deren Ursprung wir nicht sofort erkannt hätten, eine sich ausbreitende Epidemie. Vermutlich in etwa das gleiche Schicksal, welches die Forschungsstation erlitten hätte“, sagte der Arzt mit einem bitteren Unterton. „Selbst wenn wir schnell genug gewesen wären um das ganze aufzuhalten – einen Teil der Besatzung hätte es auf jeden Fall erwischt.“
Er holte tief Luft.
„Wie das erste Virus nach Enparos VII kam ist unbekannt, darüber schweigen sich die medizinischen Berichte aus. Vielleicht steht in anderen Unterlagen der Station mehr. Wie ich schon andeutete, es war unser verdammtes Glück, dass Yeoman Kazan sich damals dort schon infizierte und die entsprechenden Antikörper entwickelte.
Sonst hätte sich dieser neue Virus hier jetzt auch erst einmal in ihr festgesetzt und sich dort weiter langsamer entwickelt. So reagierten die Antikörper in ihrem Blut sofort als sie die übertragenden Mikroben eingeatmet hat, auch wenn ich noch nicht ganz herausgefunden habe, warum das so schnell gegeben.“ Er grinste. „Sie hat mir gegenüber zwar nicht zugegeben, dass sie Gummiball gespielt hat und über den Contaier gehüpft ist, aber das war dann doch zu offensichtlich.“

Spock nickte. Nein, das war für ihn nie eine Überraschung gewesen, seit er sich näher mit der Yeoman beschäftigt hatte, sondern die einzige Schlussfolgerung, die Sinn gemacht hatte. Aber das war nur ein unbedeutendes Detail.
Ihn beschäftigten jetzt eher andere Details des Vorfalls, die genauso rätselhaft waren und nur Fragen aufwarfen. Er rief stattdessen die von Chefingenieur Scott und Doktor Marcus übermittelten Daten auf und studierte sie aufmerksam. Die Analysen des Virus würden noch auf sich warten lassen, aber eines war relativ sicher.

„Meiner Einschätzung nach haben wir es mit einer Biowaffe zu tun, die jemand bewusst gegen uns einsetzen wollte“, sagte er dann. „Es besteht sonst kein anderer Grund, diesen Aufwand mit den kaltzündenden Nanobomben in den Sicherheitscontainern treiben. Die Wahl des Standortes war in jeder Hinsicht logisch, sind sie doch erst nachträglich hinzugefügte Fremdkörper, die nicht in die Struktur des Schiffes eingebunden sind und damit ständig überprüft, sondern nur nach Bedarf genutzt und geöffnet werden. So hätte die Kontamination auch an anderer Stelle beginnen und bis zu einem bestimmten Grad unbemerkt fortschreiten können.“

„Aber wer könnte einen Grund dafür haben, sich einen so perfiden Plan auszudenken und damit unsere Mission zum Scheitern zu bringen?“ James T. Kirk runzelte die Stirn und fuhr sich dann nervös mit einer Hand durchs Haar. „Immerhin ist unser Auftrag vom Förderationsrat und dem Oberkommando der Sternenflotte abgesegnet worden, beide Stellen haben uns bisher unterstützt und tun es immer noch!“ Er schüttelte fassungslos den Kopf. „Das sieht wirklich so aus, als wolle jemand persönliche Rache an uns nehmen ... Oder das alles ist Teil eines viel größeren Plans, an dem auch Yeoman Kazan ihren Anteil hat ...“, murmelte er. Sein Gesicht verfinsterte sich plötzlich.

„Die Informationen die wir zur Zeit haben, sind zu dürftig, Annahmen in der ein oder anderen Richtung zu verifizieren“, erklärte Spock mit sachlich-ruhiger Stimme, um James T. Kirks Gedankengänge zu unterbrechen und in eine andere Richtung zu lenken. „Aber folgt man – wie nannte der Doktor es doch gleich - dem Bauch‚gefühl’, dann können Ihre Überlegungen durchaus eine nachvollziehbare Antwort auf unsere Fragen sein. Allerdings rate ich zur Vorsicht, denn nicht immer sind die ersten vagen Annahmen richtig. Wir sollten die Angelegenheit deshalb erst einmal genauer untersuchen, bevor wir die entsprechenden Schlüsse ziehen.“

„Der Meinung bin ich auch“, schloss sich ihm Doktor McCoy überraschenderweise an. „Was wir bisher entdeckt haben sind zwei Vorfälle, die zufälligerweise durch eine einzelne Person in Zusammenhang miteinander stehen. Und diese Person ist leider auch nicht ganz, diejenige, die sie zu sein vorgab, aber wir kennen letztendlich doch nicht genug Details, um irgendwelchen klaren und eindeutigen Aussage treffen zu können. Nein, ich würde eher sagen, das ganze ist noch verwirrender und rätselhafter geworden. Außerdem ...“, er musterte den Captain streng, „... solltest du dich jetzt wirklich langsam ausruhen, Jim. Jetzt mitten in der Gammaschicht kommen wir ohnehin nicht weiter, weil sich die meisten Leute, die mit der Sache beschäftigt waren, inzwischen aufs Ohr gelegt haben – zu Recht, würde ich sagen..“

Spock zog eine Augenbraue hoch, als der Captain nicht direkt darauf antwortete, sondern erst einmal zu den Projektionen an den Wandbildschirmen blickte. In seinem Gesicht arbeitete es, als suche er dort noch einmal verzweifelt nach Antworten. Die Schultern sackten nach unten und machten deutlich, wie erschöpft er eigentlich war. Dann aber schien endlich er eine Entscheidung für sich zu treffen und erwiderte müde: „Sie haben beide recht, meine Herren. So kommen wir tatsächlich nicht weiter. Also gut, beenden wir die Sitzung und vertagen wir weitere Besprechungen auf morgen.“

Dann wandte er sich noch einmal an seinen Chefarzt und benutzte wieder die vertrautere Anrede, „Meinst du, Yeoman Kazan ist morgen schon fit genug, um uns Rede und Antwort zu stehen?“

„Diese Frage kann ich dir auch erst morgen beantworten. Wahrscheinlich ist sie munterer als du, wenn du so weiter machst.“

 

* * *

 

James T. Kirk wälzte sich unruhig in den Kissen herum. Die Nebel des Schlafes begannen sich zwar langsam zu lichten, und doch waren sie noch immer präsent, als er die Augen öffnete. Und dann wusste er auch, warum.

Er fühlte sich wieder in die Stunde versetzt, in der sich Khan Spock und ihm offenbart und den Verrat von Admiral Marcus enthüllt hatte. Der Augment stand aufrecht und stolz in der Arrestzelle, hielt mit sparsamen Gesten und eindringlicher Stimme, einen Monolog, der Spock und ihn unwillkürlich in den Bann schlug – und obwohl alle Alarmglocken in ihm klingelten, sich sein Verstand dagegen sperrte, es zuzulassen – dennoch logisch und so überzeugend klang, dass er ihm glauben wollte ...

Jim hielt die Luft an. Für einen Moment ließ der Mann aus der Vergangenheit seine bisher undurchdringliche Maske von Selbstsicherheit und Stärke fallen. Eine Träne, die über seine Wange perlte, ein Blick, der von Verzweiflung und Loyalität und Liebe sprach, dann folgten die Worte, die Jim noch heute bis ins Mark trafen: „Würden Sie nicht auch alles für ihre Familie tun?“

Diesmal unterbrach die Ankunft der Vengeance nicht diesen kostbaren Moment, in dem Khan und er für einen Moment zu Brüdern im Geiste wurden. Nein, stattdessen verschwamm die Umgebung. Der Augment stand ihm weiterhin gegenüber, an die Stelle von Spock trat jedoch Yeoman Kazan.

Die junge Frau war das hochgeschlossene Tanzgewand von der Veranstaltung gehüllt, ergänzt durch einen aufwendigen Kopfputz und Schleier, die von ihrem Gesicht nichts als die Augen sichtbar ließen.
Auch Khan trug nun nicht länger die schmucklose schwarze Borduniform sondern einen schwarzen Ledermantel, der offen um ihn flatterte, darunter einen einfachen Brustpanzer aus Plastistahl, der auch seinen Hals schützte.
Irgendwas sagte Jim zudem, dass die Stahlbänder um einen seiner Oberarme nicht nur zum Schutz diente und vermutlich auch keinen Schmuck darstellten, sondern Waffen waren. Hinter dem düster und bedrohlich wirkenden Feldherrn aus der Vergangenheit bildete sich langsam aber sicher eine Armee schattenhafter Gestalten aus, die bis zum Horizont zu reichen schien.

Aber auch Jim war nicht mehr allein. Spock und Pille traten an seine Seite, auch im Rücken fühlte er sich durch andere Mitglieder seiner Crew geschützt.

„Der Zeitpunkt für eine wichtige Entscheidung ist gekommen.“ Khan lächelte kalt und streckte nun die behandschuhte Rechte aus, während sich die Linke auf das Heft einer Klinge an seiner Seite legte. „Würdest du nicht auch alles für deine Familie tun, Shirin meine Tochter?“

Jim richtete seinen Blick auf die junge Frau, die sich erst nicht regte und dann doch den Kopf von einem zum anderen wandte.

Noch schwieg sie. Dann hoben sich ihre Hände mit einem Male langsam zu dem exotisch wirkenden Gebilde auf ihrem Kopf und lösten ihn dann mitsamt des Schleiers. Eine Flut schwarzen Haares fiel über die Schultern herab, während sie die Kopfbedeckung einfach zu Boden fallen ließ.
„Ja, das würde ich“, erwiderte sie mit dem gleichen stolzen und durchdringenden Blick wie ihr Ahnherr, musterte sie noch einmal beide mit ausdrucksloser Miene – und wandte sich Jim zu!

In den Händen hielt sie plötzlich einen Glasbehälter mit einer blau schimmernden Rosenblüte. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen - doch statt ihrer Stimme erklang nur ein schriller Ton ...

 

* * *

 

James T. Kirk schnappte nach Luft und schreckte hoch aus dem Traum hoch. Er fand sich noch benommen und verwirrt von den letzten Bildern auf seinem Bett wieder und brauchte einen Moment, um seine Sinne zu sortieren und festzustellen, dass ihn einzig und allein der Alarm seiner Uhr geweckt hatte. Das Blinken der Bordzeit ließ keinen Zweifel daran, dass er die letzten acht Stunden wie ein Stein geschlafen hatte.

Mit einem Stöhnen vergrub er das Gesicht in Händen. Im Moment fühlte er sich nicht besonders erholt, aber das mochte sich in ein paar Minuten, spätestens unter einem Strahl eiskalten Wassers geben.

„So langsam nimmt das mit den Träumen wirklich überhand“, murmelte er und rieb sich über das Gesicht. „Vielleicht sollte ich Pille ... nein, das nächste Mal.“
Denn diesmal konnte er sich eigentlich nicht über den Inhalt seiner nächtlichen Visionen beklagen, auch wenn er vermutlich nur der Gestalt gewordene Ausdruck seines Wunschdenkens war.

Die letzten Bilder verblassten als nun wieder alle Probleme des letzten Tages auf ihn einstürzten ... die baldige Ankunft auf Sternenbasis 47 und die zu erwartende Herausforderung, sich kniffliger Diplomatie zu stellen.
Auch wenn er sich bisher bei freundlichen Kontaktaufnahmen mit fremden Rassen nicht dumm angestellt hatten, so war er doch im Grunde mehr ein Mann der Tat und nicht der feinen, geschliffenen Worte. Er rechnete wie Pille inzwischen fest damit, dass sie nicht an den Tholianern vorbei kommen würden, ohne sich irgendwie mit ihnen auseinander setzen zu müssen. Und dieser Gedanke allein bereitete ihm schon seit ein paar Tagen ein ziemliches Grummeln im Bauch.

Der zweite Schlag in die Magengrube, der für ihn momentan schlimmer wog, war jedoch der unerwartete Fund des kontaminierten Containers gewesen - und die Lawine, die genau dieser unbedeutend scheinende Vorfall ins Rollen gebracht hatte ... angefangen mit der Erkenntnis, seit mehr als einem Jahr einen genetisch aufgewerteten Menschen unentdeckt unter der Mannschaft zu haben, bis hin zu der Tatsache, dass es jemandem gelungen war, eine Biowaffe an Bord der Enterprise zu schmuggeln ...

Das waren alles Gründe genug, die Decke wieder über den Kopf zu ziehen und sich vor diesem Berg an Sorgen zu verstecken. Andererseits war er nicht der Typ, der vor Konflikten und Ärger davonrannte, sondern sich ihnen stellte und eine Lösung suchte, auch wenn er damit sein eigenes Leben riskierte ...

Jim zog die Mundwinkel schief. Also schloss er daraus, dass es besser war, aufzustehen und die Probleme anzupacken.

Dann schälte er sich aus seiner Decke und gähnte noch einmal herzhaft. Als er die Beine aus dem Bett streckte, wusste er jedenfalls schon, was er nach einer Dusche und einem guten Frühstück als erstes tun würde ...

Chapter Text

Shirin streifte das Kleid über die Funktionsunterwäsche. Jemand hatte wohl einfach überhört, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen Frauen die Hosenvariante der Borduniform bevorzugte, denn sie fühlte sich darin wesentlich angezogener als in dem Einteiler, der ihr nur bis zur Mitte der Oberschenkel reichte und im Gegensatz zum doch eher locker fallenden Uniformhemd die Kontur ihres Körpers figurnah nachzeichnete.
Wenigstens konnte sie über den Ausschnitt nicht klagen, denn der spitz nach unten laufende Einsatz reichte wie ein Rollkragen bis zum Hals. Die zu dem Kleid gehörenden Strumpfhosen waren dagegen so dünn und leicht, dass sie das Gefühl nicht los wurde, ihre Haut sei direkt der Luft ausgesetzt.

Sie betrachtete sich im Spiegel der kleinen Kabine, drehte sich nach links und rechts, zupfte und strich dann die letzten Falten der Uniform glatt. Sie musste sich im Moment wohl damit abfinden, so herumzulaufen und sich zur Schau zu stellen. Wenn, dann wollte sie es wenigstens ordentlich tun.
Vielleicht bekam sie ja später die Gelegenheit, ihre persönlichen Sachen anzuziehen, die ein bisschen besser passten als das. Und wenn nicht ...
Sie seufzte leise, um den düsteren Gedankengang zu unterbrechen und fragte sich, wo ihre sonst so eiserne Selbstkontrolle eigentlich hin verschwunden war ... nun, es war noch nichts entschieden.

Ruhig fasste sie die nach der Dusche bereits getrockneten und gekämmten Haare im Nacken zusammen, um sie dann ein wenig zu drehen und zu einem Dutt zu schlingen, den sie mit einer Spange feststeckte. Dann bewegte sie den Kopf, um zu überprüfen, ob die Frisur auch fest genug saß.

Oa würde vermutlich ihrer Begeisterung, wie jung und weiblich Shirin jetzt wirkte, mit einem Jauchzen und vielen guten Ratschlägen, wie sie noch anziehender auf die Männer wirken könnte, Ausdruck geben.

Dieser Gedanke zauberte ein Lächeln auf Shirins Gesicht, das jedoch gleich wieder erlosch, als ihr der Ernst ihrer Lage bewusst wurde. Vor einer halben Stunde hatte Doktor McCoy die letzten gründlichen Untersuchungen an ihr durchgeführt und sie nach der Entnahme einer neuerlichen Blutprobe endlich aus der Quarantäne entlassen. Gesund oder gar diensttauglich geschrieben war sie dadurch noch lange nicht ...

Sie rieb sich die Stelle am Unterarm, an der in den letzten Stunden die Kanüle gesessen hatte, durch die man ihr Wasser, Nährstoffe und Mineralien zu geführt hatte, um ihren Körper und Kreislauf zu entlasten und stärken. Das Jucken begleitete die unermüdliche Arbeit ihrer Zellen, die Wunde komplett zu schließen. In ein paar Minuten würde auch das vorbei und nichts mehr zu sehen sein.

Natürlich – jetzt wo die Katze aus dem Sack war - hing ihr Schicksal in der Schwebe, oder besser, es lag in den Händen des Captains und seiner Führungsoffiziere und die hielten sich noch bedeckt.
Doktor McCoy zumindest hatte sich im Beisein seiner Mitarbeiter nicht mehr über ihre besondere Physiognomie geäußert, sondern sie nur gebeten, wenn sie fertig war, in seinen Arbeitsraum zu kommen.

„Das bin ich jetzt wohl“, murmelte sie und wandte sich der Tür der kleinen Umkleidekabine neben der Dusche zu. Wie von Geisterhand öffnete sich diese mit einem Zischen zu dem Gang, der direkt in die Krankenstation führte. Dort schien einiges los zu sein, denn sie hörte aufgeregte Stimmen. Eine davon klang sehr vertraut.

„... meine Freundin besuchen ... ich mache mir große Sorgen um sie, wissen Sie Schwester Reynolds!“, redete die Orionerin wild gestikulierend auf eine ältere Frau ein. „Ich muss sie unbedingt sofort sehen, damit ich weiß, dass es Shirin gut geht. Das können Sie mir nicht so einfach verbieten!“

„Oa ...“ Shirin nutzte das volle Volumen ihrer Stimme aus, um die Freundin zu rufen und fügte dann, als sie deren Aufmerksamkeit gewonnen hatte, sanfter hinzu. „Ich bin doch schon hier und mir geht es gut!“

Mit einem freudigen Aufschrei flog der temperamentvolle Fähnrich in der blauen Uniform der Wissenschaftsabteilung in ihre Arme und drückte sie erst einmal fest an sich. „Du ... du ... du hast mir so viele Sorgen bereitet!“
Shirin war selbst überrascht darüber, dass sie die Umarmung der anderen so einfach zuließ und nicht instinktiv zurückgewichen war, wie sie es sonst immer getan hatte. Nun spürte sie den warmen Körper der grünhäutigen Frau dicht an ihrem eigenen, die lockigen Haare kitzelten ihre Wange.

Ein Anflug von Rührung erfasste sie, das zu selten wahrgenommene und von ihr selbst geduldete Gefühl, zu erkennen, dass es Personen gab, die sich wirklich um sie sorgten, die sie ohne Hintergedanken ...

Oa sah mit großen Augen zu ihr hin und strich ihr dann über die Wange. „Was machst du nur für Sachen?“ fragte sie vorwurfsvoll. „Ich habe versucht dich zu erreichen und erst durch ein paar deiner Kollegen erfahren, dass du mit irgendeiner Vergiftung in der Krankenstation gelandet bist. Die Jungs haben auch nicht gerade beruhigend geklungen, als sie endlich mit der Sprache rausrückten. Aber glücklicherweise habe ich O’Haras düstere Andeutungen einfach nicht glauben wollen. Dafür war der liebe Giulio um so redseliger und hat mir erzählt, dass du schon auf dem Weg der Besserung bist...“, plapperte die Orionierin weiter.

Wenn Oa wüsste, das dem ganz und gar nicht so war. Shirin lachte mit der Freundin, denn sie konnte sich schon denken, wie diese es geschafft hatte Giulio Gazetti, den Assistenzarzt, der sie im Lagerraum versorgen wollte, zum Sprechen zu bringen. Scheinbar hatte er ihr genug berichtet – hoffentlich nicht alles.

Die Grünhäutige drückte sie nun noch einmal an sich und gleichzeitig glücklich ein Küsschen auf die Wange. „Ach, ich bin so froh, dass nichts passiert ist!“

Halt, diese letzte Geste von Zuneigung und Freude war dann doch irgendwie des Guten zuviel! Shirin legte ihre Hände auf die Schultern der Freundin und schob sie sanft aber bestimmt einen Schritt zurück. „Bitte, du weißt doch ...“

Oa grinste verlegen. „Oh, das tut mir schrecklich leid, ich weiß ja, du hast es ja nicht so mit Umarmungen und Küsschen, auch wenn ich nicht verstehen kann warum, aber es musste heute einfach mal sein.“

Sie trat selbst noch ein Stück weiter nach hinten und betrachtete die Schwarzhaarige dann aufmerksam von oben bis unten. „Gut siehst du aus. Du solltest das Uniformkleid öfters tragen. Das steht dir nämlich wirklich. Aber bei der Frisur müssen wir echt noch ein bisschen üben. Ich kenne da eine, die ist auch noch erlaubt, bringt aber den schönen Schwung deines Nacken besser zur Geltung als der langweilige Dutt ...“

Sie machte Anstalten wieder auf Shirin zuzugehen und hob die Hände, als wolle sie ihre Ankündigung in die Tat umsetzen. In diesem Moment schritt Schwester Reynolds, die das ganze mit einem wohlwollenden Schmunzeln beobachtet hatte, ein und rettete sie. „Miss Kazan, Doktor McCoy wartet bereits auf Sie“, gab sie mit der entsprechenden Geste zu verstehen.

Shirin verstand den Wink und legte der Freundin kurz die Hand auf den Arm. „Es tut mir leid, dass ich nicht mehr Zeit habe. Bestimmt können wir später noch ausführlicher miteinander reden“, sagte sie mit warmem Blick. „Aber ich freue mich wirklich , dass du gekommen bist, um nach mir zu sehen.“

Dann wandte sie ihr Gesicht in eine andere Richtung und wandte sich dem Arbeitsraum des Chefarztes zu. Der wartete auch schon auf sie, mit überkreuzten Armen lässig an den Türrahmen gelehnt.

 

* * *

 

„Was ist das denn schon wieder für ein Lärm hier?“ murmelte Leonard McCoy und hob den Kopf. Gerade noch hatte er die letzten Untersuchungsergebnisse Shirin Kazans unter die Lupe genommen. Sie würde zwar noch ein paar Tage ziemlich geschwächt sein, aber danach würden auch die letzten Spuren des Tanzes verschwunden sein, den ihr Körper gestern mit dem Tod aufgeführt hatte.

Nein, verbesserte er sich, nicht alle. Vor allem die speziellen Antikörper in ihrem Blut ließen ihn stutzen. Konnte es sein, dass sich diese den neuen Gegebenheiten angepasst hatten?
Er runzelte verärgert die Stirn als er wieder aus seinen Gedanken gerissen wurde. Mit wem stritt sich Schwester Reynolds da wieder herum und wer schaffte es, sich von ihr nicht einschüchtern zu lassen?

Schließlich reichte es ihm und er beschloss, mit seiner Autorität einzuschreiten. Doch an der Tür blieb er erst einmal stehen, beobachtete, überrascht wie eine junge grünhäutige Frau in blauem Uniformkleid vorsprang, um seine Patientin zu umarmen, die gerade erst aus dem Bereich mit den Duschen und Umkleidekabinen gekommen war. Besonders interessant war es, dabei die Reaktion Shirin Kazans zu beobachten.

Für einen Moment verschwand die Aura der Unnahbarkeit, die bisher über ihr gelegen hatte, ganz. Ja, es trat sogar etwas wie Wärme, Nähe und sogar Rührung in die Augen der schwarzhaarigen Frau. Andererseits schien sie es aber auch nicht gewohnt zu sein, so begrüßt zu werden und brauchte eine Weile, um wieder zu ihrem früheren Selbst zurückzufinden.

Schwester Reynolds sah fragend zu ihm hin. Er deutete wortlos an, die beiden jüngeren Frauen erst einmal gewähren zu lassen, kreuzte die Arme vor der Brust und lehnte sich an den Türrahmen.

Da, jetzt war es mit der Nähe auch schon wieder vorbei. Shirin Kazan schuf mit ihrer Geste nicht nur körperlich Distanz zwischen sich und der anderen, sondern auch geistige, als sie die andere von sich schob.
Sie nahm es der Orionerin aber offensichtlich nicht übel, dass sie sich so viel herausgenommen hatte, wie er an dem immer noch sanften Blick der Augment erkennen konnte. Das warf ein interessantes Licht auf sie, etwas, was er unbedingt im Auge behalten musste ...

Die Schwarzhaarige verabschiedete sich von ihrer Freundin und kam nun gemessenen Schrittes auf ihn zu. Sie setzte nun wieder die höfliche und unverbindliche Maske auf, die so vielen Mannschaftsmitgliedern zu eigen war, wenn sie mit ihren Führungsoffizieren sprachen. Das veranlasste ihn dazu, die Arme sinken zu lassen und den Weg in seinen Arbeitsraum frei zu machen.

Also sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, bot er ihr den Platz auf der anderen Seite des Schreibtisches an und setzte sich dann ebenfalls. „Wie Sie sich denken können, Miss Kazan, habe ich noch einige Fragen an Sie. Ich würde gerne das Gespräch von gestern Nacht wieder aufgreifen und zwar diesen Teil davon...“ Dabei drehte er den Bildschirm so, dass auch sie ihn sehen und bedienen konnte.

Shirin Kazan sah ihn erstaunt an, als sie die Dateiinformationen gelesen oder überflogen hatte. „Enparos VII?“

Sie schien wohl eher Fragen über sich erwartet zu haben. Doch das genaue Gegenteil war der Fall. Mehr über den Ursprung ihrer genetischen Aufwertung und der Verbindung zu Khan herauszufinden, mochte zwar auch interessant sein, eine Aufklärung dieses Sachverhalts konnte aber noch warten, denn auf dem Schiff würde sie wohl schwerlich davonlaufen können.
Das Geheimnis um die Biowaffe allerdings nicht. Der Virus hatte die Enterprise bedroht und warf inzwischen mehr Rätsel auf als alles andere. Und da sie mehr in der ganzen Sache drin steckte, als sie zugeben wollte, hielt er es für richtig, sie weiter mit einzubeziehen und so entgültig aus der Reserve zu locken, vielleicht erledigte sich dann ja auch der Rest.

„Ich weiß nicht, ob Sie ihn schon einmal in dieser Detailschärfe gesehen haben, aber das ist der Erreger von Enparos VII, den Sie so erfolgreich besiegt haben“, erklärte er und nahm sein Gegenüber in Augenschein, war gespannt darauf, wie sie reagieren würde ...

Die Schwarzhaarige warf ihm einen merkwürdigen Seitenblick zu, holte tief Luft und studierte dann aufmerksam den Bildschirm. In ihrem Gesicht arbeitete es, als schiene sie angestreckt zu überlegen.

Was beschäftigte sie in diesem Moment? Die Frage ob sie sich, ihr Wissen über die Biogenetik, weiter offenbaren sollte als sie es schon getan hatte? Oder versuchte sie Erinnerungen an den Vorfall in der Forschungsstation in ihr Gedächtnis und das, was sie dort getan hatte, zurückzurufen?

Er ließ sie jedenfalls erst einmal gewähren ohne etwas zu sagen, beobachtete sie nur ruhig weiter.

Ihre Lippen bewegten sich, als murmle sie in Gedanken etwas zu sich selbst. Verstehen konnte er jedoch nur Silben, die ganz nach einer altterranischen Sprache klangen, die ihm jedoch nicht geläufig war.

Kurze Zeit später streckte Yeoman Kazan die Hand aus, um sich den genetischen Aufbau genauer anzusehen. „Sie haben recht, so detailliert konnten die Geräte den Virus damals nicht darstellen“, sagte sie leise und runzelte die Stirn. „Ich bin am Anfang auch von einer Mutation des denebulanischen Fleckfiebers ausgegangen wie Doktor Grissen ... aber das hier ist weitaus komplexer als es sein dürfte.“

„Sehr gut erkannt.“

Sie zog den DNA-Strang in den Vordergrund und fuhr ihn mit dem Finger nach, zog dann noch einmal ein Teilstück heraus. Dabei biss sie sich auf die Lippen und wirkte sichtlich bestürzt, so als wisse sie genau, was das war. „Diese Sequenz haben sie vermutlich auch in meinem Blut gefunden.“

McCoy horchte auf und nickte dann bedächtig. „So ist es. Aber das ist mir auch eben erst aufgefallen, als ich ihr Blut noch einmal untersucht habe.“
Er holte eine weitere Datei an die Oberfläche. „Das sind die Antikörper, die sich nach der neuerlichen Attacke bei ihnen herausgebildet haben. Und jetzt wo sie es sagen – hier ist diese Sequenz ebenfalls zu finden und das einzige, was sich nicht verändert hat, dafür aber alles andere um sie herum. Ich vermute, sie ist eine Art unveränderlicher Basiscode, der die Grundlage für die Anpassungsfähigkeit ihres Blutes und ihrer Zellen gegenüber Krankheiten und Giften darstellt. Das Muster, das den optimalen Zustand ihres Körpers immer wieder herstellt“, murmelte er und musterte Shirin Kazan scharf.

Diese holte nur tief Luft und presste die Lippen aufeinander. Aha – dann konnte er also davon ausgehen, dass er mit seiner Vermutung voll ins Schwarze getroffen hatte! Deshalb also weiter im Text ...
„Gestern waren sie nämlich dem hier ausgesetzt. Deshalb haben sie gleich so heftig darauf reagiert.“ Mit einer Handbewegung rief er nun auch diese Datei auf.

Wieder starrte Shirin Kazan auf die Anzeigen. Der Arzt lehnte sich ein Stück zurück und registrierte jede noch so kleine Veränderungen in ihrem Verhalten. Ja ... jetzt hatte er entgültig den Beweis, dass sie eine Genetikerin war.

Konzentriert wie ein Jaguar auf Beutefang studierte sie die Aufzeichnungen über den neuen Virus und schaltete dann mit beeindruckender Schnelligkeit zwischen den verschiedenen Dateien hin und her, vergrößerte sich Details und schien diese miteinander zu vergleichen. Ihr Stirn legte sich immer mehr in Falten.

Schließlich vergrub sie für einen Moment das Gesicht in den Händen und rieb sich über die Augen. Dann hob sie wieder den Kopf, vermied es aber ihm in die Augen zu sehen und betrachtete viel lieber den Bildschirm.

„Das Virus ist in beiden Varianten künstlich geschaffen worden“, stellte sie ernüchtert fest, aber davon ging auch er aus. „Es sieht so aus ...“ Ihre Lippen zuckten, als könne sie sich nicht entscheiden, was sie als nächstes preisgeben wollte. Erst mit einigem Zögern fügte sie etwas leiser hinzu. „Enparos VII könnte ein erster Test für seine Wirksamkeit gewesen sein, ein Probelauf für eine Biowaffe ...“

„Moment Mal! Was soll das jetzt wieder heißen?“ Der Chefarzt der Enterprise setzte sich abrupt auf. Das war ein gänzlich neuer Aspekt, den er bisher noch gar nicht in Betracht gezogen hatte, auch gestern im Gespräch mit Jim und Kirk hatten sie nicht so weit gedacht, nicht einmal der Vulkanier. Andererseits war es durchaus auch eine weitere logische Schlussfolgerung.
„Eine Biowaffe?“ Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. „Wie kommen sie jetzt plötzlich darauf, Miss Kazan?“, fragte er. „Denn das ist aus den mir vorliegenden Unterlagen überhaupt nicht zu ersehen. Wissen Sie etwa mehr als ich?“

„Ich ... ich ... bin mir ehrlich gesagt selbst noch nicht ganz sicher, Sir.“

Da war wieder dieses Stocken, dieses hastige Ausweichen und Zögern, so als hätte Shirin Kazan einerseits mehr als nur eine bloße Ahnung, andererseits haderte sie aber mit sich, als wisse sie nicht, wie viel sie davon überhaupt preisgeben sollte. Würde sie sich damit vielleicht selbst ans Messer liefern?

„Wieso nicht?“ Er senkte die Augenbrauen.

Erneut Zögern, dann ein vorsichtiger Blick in seine Richtung. „Das ist nur eine erste ... Vermutung, Sir“, sagte vorsichtig. „Ich brauche mehr Zeit, um mir alles genau anzusehen, denn da sind noch ein paar Sachen, die ich nicht ganz verstehe.“

Leonard McCoy zog eine Augenbraue hoch und überlegte. Es war vielleicht ein Risiko ihr die Daten zu überlassen, aber auf der anderen Seite auch einen Versuch wert, Shirin Kazan diese auswerten zu lassen.
Vielleicht kamen dabei ja sogar ein paar neue Erkenntnisse und Ideen heraus, die er für seine eigenen Untersuchungen brauchen konnten. Schaden konnte es jedenfalls nicht und er würde sie damit in den nächsten Stunden auch beschäftigt halten.

So griff er kurzerhand nach einem der leeren Padds. „Dann sollten Sie dieser Vermutung vielleicht nachgehen, Yeoman Kazan.“ Kurzerhand zog er die entsprechenden Dateien darauf. „Beobachtungsraum 3 ist leer.“

Die Schwarzhaarige sah ruckartig auf. Als Mitglied der Sicherheit wusste sie natürlich, was dies bedeutete. „Sie stellen mich damit also unter Beobachtung ... und Arrest“, stellte sie leise fest.

„Das muss ich nach den Dienstvorschriften der Sternenflotte sogar, Miss Kazan, das wissen Sie. Immerhin haben Sie uns wichtige Details über sich verschwiegen und das wird leider eine Untersuchung nach sich ziehen, die über Ihren Verbleib an Bord dieses Schiffes und sogar die Aufnahme eines Strafverfahrens gegen Sie entscheiden wird“, erklärte der Arzt ernst. „Deshalb nutzen Sie gefälligst die Chance, die ich Ihnen jetzt gebe um ein paar Pluspunkte zu sammeln.“

„Ich verstehe.“ Shirin Kazan senkte den Kopf, nahm aber dennoch ohne Zögern das Padd an, dass er ihr entgegenhielt.

Chapter Text

Beobachtungsraum 3 wurde normalerweise dazu genutzt, um Gefangene zu behandeln, die aufgrund ihres Gesundheitszustandes nicht in den Arrestzellen verbleiben konnten. Kameras und Sensoren in den Wänden, die jede ihrer Bewegungen aufzeichneten ermöglichten eine vollständige Überwachung.
Im Moment befand sich nichts weiter als die mit allen grundlegenden Funktionen ausgestattete Liege in der weitestgehend nüchtern ausgestatteten Kammer, alles andere konnte nach Bedarf mittels Schwebewagen in den Raum gebracht werden.

Shirin drehte sich einmal um die eigene Achse, um alles genau in Augenschein zu nehmen und sich mit dem Gedanken abzufinden, dass sie nun hier festsaß. Dann schnappte sie jedoch überrascht nach Luft, denn das kleine Licht über der Tür glomm noch immer grün und nicht rot. Doktor McCoy hatte sie nicht oder besser noch nicht eingeschlossen, so wie es sein Recht und seine Pflicht gewesen wäre.

Das Datenpadd in ihren Händen erinnerte sie jedoch schnell wieder an den Preis für den Vertrauensbeweis. Die junge Frau biss sich auf die Lippen und starrte auf den kleinen Bildschirm und die Liste an Dateien, die ihr der Chefarzt der Enterprise zur Verfügung gestellt hatte.

Konnte sie das wirklich tun?

Konnte sie ihm tatsächlich entgegenarbeiten und damit noch mehr verraten als sie es schon getan hatte? Wenn sie sich jetzt weiter damit beschäftigte, dann würde sie Geheimnisse enthüllen, die sie geschworen hatte mit ihrem Blut und mit ihrem Leben zu beschützen ... und vermutlich auch das, was die echte Shirin ausmachte.

Vielleicht hatte sie ihre Vergangenheit in den letzten dreizehn Jahren in den hintersten Winkel ihres Bewusstsein schieben können, um die Maske aufrecht zu erhalten, die sie sich selbst geschaffen hatte, aber nun waren die Erinnerungen vollständig zurück und veränderten sie von Stunde zu Stunde.

Sie merkte das vor allem an einer Sache ... sie kam nicht mehr innerlich zur Ruhe, ihre Selbstbeherrschung war nicht mehr so perfekt wie noch vor dem Vorfall im Lagerraum. Immer wieder brodelten heftige, verwirrende Gefühle an die Oberfläche, die sie zu unvorsichtigen Handlungen wie eben verleiteten. Sicher, sie konnte manches davon auf die Erschöpfung schieben, die sie immer noch in den Klauen hielt, aber war diese wirklich alleine schuld?

Außerdem ... wollte sie nicht selbst wissen, was eigentlich los war, warum jemand die Container absichtlich kontaminiert hatte und dann auch noch ausgerechnet mit diesem heimtückischen Virus?

Den Vorfall auf Enparos VII vor fast drei Jahren hatte sie hingenommen und abgehakt, weil sie einfach nur froh gewesen war, weil sie alles so hatte hindrehen können, ohne dass ihre Tarnung aufgeflogen war. Aber mit denen neuen Informationen, die ihr Doktor McCoy gegeben hatte, war deutlich geworden, dass vermutlich viel mehr als nur ein dummer Zufall dahinter steckte ...

Ausgerechnet das Blut, das durch ihre Adern strömte war der Schlüssel zu allem, was ihr widerfahren war, nein, genaugenommen nur der winzige Teil, der sie von den Menschen unterschied. Und darum war es um so mehr ihre Aufgabe sich damit zu beschäftigen und auch für sich nachvollziehbare und glaubwürdige Antworten zu finden, obwohl sie letztere bereits zu kennen glaubte.

‚Nein! Ich sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen’, verbesserte sie sich dann. Die Zeit war zu kurz gewesen, um wirklich mehr als eine erste Ahnung zu bekommen. Im Moment hielt sie nur eine schlichte Vermutung in Händen und noch keine hundertprozentige Gewissheit!

Shirin setzte sich auf Liege und legte das Padd auf die Beine. Im Lotussitz und mit verschiedenen Atemübungen versuchte sie die innerliche Ruhe zu finden, die sie brauchte, um sich konzentriert den Informationen zu widmen, sie McCoy ihr überlassen hatte, und so endlich herauszufinden, ob ihr schrecklicher Verdacht sich bewahrheiten würde.

 

* * *

 

„Doktor McCoy, was kann ich für Sie tun?“ Die ruhige Stimme des Vulkaniers drang durch den Interkom.

„Ich bräuchte alle verfügbaren Unterlagen über die Forschungsstation auf Enparos VII, die Sie in den Datenbanken des Schiffes finden können“, erklärte der Chefarzt. „Ich denke, der Vorfall, der für ihre Schließung sorgte, hat mehr mit unseren jetzigen Ärger zu tun, als wir bisher vermutet haben. Yeoman Kazan hat nicht nur meinen Verdacht bestätigt, sondern auch eine interessante Vermutung aufgestellt ...“

„In welcher Hinsicht, Doktor?“ Die Stimme des ersten Offiziers hatte einen interessierten Klang angenommen, dann aber folgte gleich eine leise Mahnung. „Halten Sie es für klug, die Patientin selbst in Ihre Untersuchung einzubeziehen, nun da ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt ist. Ich rate Ihnen zur Vorsicht.“

„Spock, ich weiß, was ich tue. Keine Sorge, ich traue der Dame kein Stück. Aber vielleicht wirft sie ein paar interessante Erkenntnisse in den Raum, mit denen wir dann weiterarbeiten können.“ Der Chefarzt lächelte dünn. „Immerhin hatte sie keine Probleme damit, die medizinisch-biologischen Daten zu lesen und damit meine Vermutung bestätigt, dass sie sich mit dem ganzen Themenbereich verdammt gut auskennt.“

„Dann sollte ich den Captain ebenfalls informieren. Er sollte in dieser Angelegenheit auf dem Laufenden gehalten werden.“

„Nein, warten Sie besser noch damit. Jim hat im Moment zuviel um die Ohren und ich will ihn jetzt noch nicht mit ungelegten Eiern belasten. Es ist natürlich etwas anderes, wenn er vor mir steht und nachfragt, aber warten wir erst mal ab, was Miss Kazan uns zu sagen hat, dann können wir uns immer noch anders entscheiden.“

 

* * *

 

Wie viel Zeit war inzwischen vergangen? Shirin fand keine Uhr in dem Raum. Sie verzichtete allerdings auch darauf, nachzufragen, denn es war jetzt nicht von Bedeutung, ob fünf oder fünfzig Minuten verstrichen waren.

Stattdessen legte sie das Datentablett neben sich und schlang die Arme um die angewinkelten Beine, um sie enger an den Körper zu ziehen. Dann stützte sie ihre Stirn auf die Knie um ihr Gesicht zu verbergen, denn sie wollte sich nicht vor den Kameras entblößen, nicht verraten, was für ein heftiger Sturm in ihr tobte. Denn jetzt – nach zweimaliger Überprüfung der Daten gab keinen Zweifel mehr ... keine Ausflüchte ... keine falschen Hoffnungen, das sie sich vielleicht doch noch getäuscht hatte.

Sie presste die Lippen fest zusammen. Bei dem Virus handelte es sich nicht nur um eine heimtückische Biowaffe, die ganze Planetenbevölkerungen auslöschen konnte, wenn sie erst einmal voll ausgereift sein würde, sondern auch um ein Mittel, um poetisch gesagt: die Spreu vom Weizen zu trennen.

Gelang es eines Tages, den Virus weit genug zu entwickeln, mussten nämlich nicht alle Wesen, die ihrer Wirkung ausgesetzt sein würden, sterben. Diejenigen, deren Gene fähig dazu waren, sich mit dem ‚Schlüsselgenom’, der Sequenz, die sie Doktor McCoy gezeigt hatte, zu verbinden, würden diese Prüfung letztendlich überleben und bereit dazu sein, eine neue Welt zu erschaffen – eine Welt, die damit einfach eine Evolutionsstufe übersprungen haben würde.

‚Genug!’, schrie etwas in ihr auf. Der Schmerz einer tief in ihr vergrabenen Erinnerung durchbohrte ihre Eingeweide wie ein scharfes Messer. Sie krallte ihre Finger unwillkürlich in die Waden, als eine Welle von Übelkeit ihren Körper in Aufruhr brachte.

Aber die Bilder drängten weiter in ihren Geist.

Sie hatte es ihrem Ur-Urgroßvater zu verdanken, dass sie überhaupt davon wusste. Denn das „Projekt Genesis“ war ein Geheimnis, das die Ältesten des Clans selbst vor ihren Kindern und Kindeskindern eifersüchtig hüteten.
Nur wer sich in ihren Augen als würdig und reif genug erwiesen hatte, um in den Rat des Clans aufzusteigen, würde mehr erfahren als die vagen Mythen und Legenden über ein flammendes Schwert in den Händen Khans, dass die Unwürdigen eines Tages niedermähen sollten.

Shirin erinnerte sich noch gut daran, wie sie kurz nach ihrem eigenen bitteren Verlust dazu verpflichtet worden war, sich um den alten Mann zu kümmern, der in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen seinem Tod entgegendämmerte. Ihr Vater hatte das angeordnet, um sie auf andere Gedanken zu bringen, nicht ahnend, dass er sie damit noch wütender gemacht hatte.
Nur vier Tage hatte der Körper von Pradeep Singh, nach einem fast zweihundertjährigen Leben gebraucht, um seine Funktionen einzustellen, ein Schicksal oder eine Gnade, dass auch sie erwartete, wenn sie nicht durch äußere Einflüsse zu Tode kam, ihrem ...

Sie ballte nun die Fäuste und presste die Lippen fest aufeinander, brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen.

In diesen Stunden hatte sie den Erzählungen ihres Verwandten von der dunklen und manchmal auch traurigen Vergangenheit gelauscht, dann aber auch durch Zufall mehr über die Geheimnisse des Clans erfahren, die ihr bisher verborgen gewesen waren, weil sie noch lange nicht das Alter erreicht hatte, in dem man bereit gewesen wäre, ihr zu vertrauen. Und nichts, aber auch gar nichts davon, hatte wie das wirre Gefasel eines Sterbenden geklungen, eher wie das Geständnis eines Mannes, der sein ganzes Leben unter dem Wissen gelitten hatte.
Sein Zugangscode hatte es ihr nicht nur ermöglicht, die einzigen Kopien der Unterlagen über das geheime Projekt ihrer Ahnen einzusehen, die wie die stark angeschlagenen Originale in einem besonders gesicherten Tresor lagen und sonst in keiner Datenbank existierten, sondern auch mehr über etwas zu erfahren, was sie ganz persönlich betroffen hatte.

Shirin hob den Kopf und nahm noch einmal das Datenpadd zur Hand, um den Zorn und die Verzweiflung zu zügeln, der auch nach all den Jahren immer noch in ihr schwelte. Ja, es gab keinen Zweifel: Der Virus von Enparos VII entsprach in etwa der Entwicklung, die sie in den geheimen Aufzeichnungen gesehen hatte. Die Grundlage des ganzen Übels. Oder auch: Stufe Eins.

Der Erreger aber, der sie jetzt angegriffen hatte dagegen war schon deutlich mutiert, hatte sich in die zweite Phase weiterentwickelt, die damals noch nur ein theoretisches Konstrukt gewesen war, das jemand auf das vergilbte und brüchige Papier gekritzelt hatte.

Aber wie hatte er sich dann überhaupt weiter entwickeln können? Es bedurfte doch – wenn sie den Thesen, die dort standen, glaubte, eines Auslösers, eines weiteren ...

Shirin schloss die Augen. Es durchlief sie heiß und kalt.

Natürlich Durch ihre Intervention auf Enparos VII hatte sie den Personen, die den Virus eingesetzt hatten, unwissentlich in die Hände gespielt. Ihr Serum hatte genau die genetischen Informationen enthalten, die eine Weiterentwicklung der Biowaffe aus ‚Projekt Genesis’ erst ermöglichen konnten.

Sie krampfte ihre Hände um das Datentablett und starrte wieder auf den Bildschirm, unterdrückte den Wunsch, es einfach gegen die nächste Wand zu schleudern. Das Wissen, die allen vorliegenden Informationen würde sie damit nicht auslöschen können, nur weitere Fragen und weiteren Argwohn bei dem auslösen, der sie mit Sicherheit die ganze Zeit beobachtete.

So legte sie das Padd wieder beiseite und starrte in Richtung der Tür und kämpfte mit ihrer Wut und Verzweiflung. Dann versuchte sie die ganze Sache nüchterner anzugehen und mit dem Verstand zu betrachten.

Ja, es gab vielleicht nur eine Gruppe auf der Erde, die Informationen über den Virus besaß und auch eine der sehr seltenen aber notwendigen Zutaten hatte, um sie herzustellen ... aber steckten sie wirklich dahinter? Wenn ja, hätten sie mit dem Erhalt des Serums nicht die richtigen Schlüsse gezogen und dann die Jagd auf sie eröffnet?
Und vor allem? Hatte der Rat der ehrwürdigen Ältesten wirklich seine Meinung geändert, was ihr jetzt schon Jahrhunderte währendes Versteckspiel vor den normalen Menschen anging? Oder waren Sanjeev Khan und Anjali letztendlich von Rahul Sharma, der immer gefordert hatten, doch endlich das Wissen und die Macht, die sie besaßen, zum Vorteil des Clans zu nutzen, und seinen Parteigängern überstimmt worden? Mittlerweile musste ihr Lehrer doch auch das Alter erreicht haben, in dem es ihm zustand, ein Teil des Rates zu werden.

Sie wollte es einfach nicht glauben ... aber Zweifel blieben. Dann bestand natürlich noch die Möglichkeit, dass es mittlerweile einen anderen Abtrünnigen gab, vielleicht sogar ihren strengen Lehrer, der das Wissen um ‚Projekt Genesis’ mitgenommen, für sich genutzt und vielleicht sogar verkauft hatte. Oder ...

Ihre Augen weiteten sich, als ihr eine weitere und genau so logische Möglichkeit zu Bewusstsein kam, die sie in ihren Überlegungen bisher ausgeklammert hatte: Was war mit Khan, dem Ahnvater selbst ...

Doch ehe sie diesem Gedanken weiter folgen konnte, schreckte sie ein leises aber durchdringendes Geräusch aus ihren Überlegungen. Doch es war nicht die Türblockade, die sich eingeschaltet hatte, sondern das genaue Gegenteil.

 

* * *

 

„Faszinierend.“ Spock und McCoy beobachteten schon eine ganze Weile schweigend die Monitore, die aus allen Blickwinkeln die junge Frau auf der Liege zeigten und auch ihre Aktionen auf dem Datenpadd dokumentierten.

Nach der Anfrage des Arztes, hatte sich der Vulkanier nicht nur darauf beschränkt, die gewünschten Informationen an die Krankenstation zu überspielen, sondern auch dazu entschieden, selbst dort zu erscheinen.
Zusammengestellt hatte er sie schon, denn er war bereits nach der Besprechung am Vortag auf die Idee gekommen, sich den Vorfall genauer anzusehen und hatte sich gerade sogar damit beschäftigt. Seine Erkenntnisse mit denen des Doktors abzugleichen kam ihm daher gerade recht.

Auf der Brücke ging ohnehin alles seinen geordneten Gang, Mr. Sulu hielt die Stellung, während der Captain im Besprechungsraum gerade ein vertrauliches Gespräch mit dem Oberkommando der Sternenflotte führte.

Außerdem konnte er sich so gleich ein Bild von Shirin Kazans derzeitigem Zustand und Verhalten machen. Deshalb waren er und McCoy noch nicht zur Besprechung der Informationen gekommen, denn das, was sich in Beobachtungsraum 3 abspielte war viel aufschlussreicher und interessanter, auch für ihn.

Khan war selbstbewusst, stolz und fast so emotionslos wie ein Vulkanier aufgetreten. Er hatte sich zu keiner Zeit die Fäden aus den Händen nehmen lassen. Ja er hatte nicht einmal während des Kampfes, bei dem Nervengriff und nicht zuletzt und Spocks Versuch, den Geist mit ihm zu verschmelzen, die Kontrolle über sich verloren.
Dagegen zeigte der Yeoman in diesme Moment eine wesentlich breitere Palette von menschlichen Emotionen, die er zwar immer noch nicht ganz nachvollziehen konnte aber inzwischen besser verstand als noch vor einigen Jahren.

Überraschung ... Entsetzen ... dann Unglauben, der sie dazu veranlasste, die Daten noch einmal in rasender Geschwindigkeit durchzugehen. Dann Ernüchterung, Resignation ... und ... konnte das sogar Schmerz sein?

McCoy runzelte die Stirn. Er konnte, das was in der jungen Frau vorging offensichtlich besser deuten als er.
„Himmel. Das hätte ich jetzt wirklich nicht gedacht“, fasste er seine eigene Überraschung in Worte und tippte mit den Fingern auf den Tisch. „Verflucht noch mal, ich glaube, sie weiß ganz genau, mit was wir es schon die ganze Zeit zu tun haben!“

„Wie meinen Sie das, Doktor?“

„Spock, ehe ich hier zu langen Erklärungen ansetze ... “, entgegnete McCoy trotz seiner Aufregung mit einem zynischen Grinsen, „... fragen Sie Yeoman Kazan doch am besten selbst.“

Chapter Text

Shirin sprang auf, als Commander Spock durch die Tür trat, gefolgt von Doktor McCoy. Sie nahm unwillkürlich Haltung und eine unverbindliche Miene an, als sich die beiden Männer einige Schritte von ihr entfernt nebeneinander aufbauten. Hinter ihnen schloss sich die Tür mittlerweile wieder. „Sir? Doktor?“

Ihre Überraschung hielt sich in Grenzen. Natürlich war sie beobachtet und jeder Bewegungen dokumentiert worden. Hätte sie etwas anderes erwarten sollen? Nein!

Während der Vulkanier sie nur prüfend musterte, kam McCoy gleich zur Sache. „Miss Kazan“, sagte er trocken. „Lassen wir doch am besten jetzt einmal die Förmlichkeiten und Dienstvorschriften im Umgang miteinander beiseite. Es sieht so aus, als hätten Sie einiges über den Virus herausgefunden, was sie uns jetzt sicherlich mitteilen möchten, oder etwa nicht?“

Shirin hörte gleichzeitig Erwartung und Misstrauen in seiner Stimme und ahnte, was das bedeutete. Sie musste jetzt sehr vorsichtig sein. „Die Version, die mich auf der Enterprise erwischt hat ist eine Weiterentwicklung des Erregers von Enparos VII. Ich vermute, diejenigen, die ihn schon dort eingesetzt haben, haben die Forschungsergebnisse und das Serum verwendeten, um darauf aufzubauen“, erklärte sie.

Auch sie erlaubte es sich, argwöhnisch zu bleiben, denn das, was sie eben herausgefunden hatte, war zu frisch, um es schon einfach so mit anderen zu teilen.
Vor allem nicht ... ohne sich langsam vorangetastet und wenigstens ansatzweise herausgefunden zu haben, was der Chefarzt und der erste Offizier der Enterprise überhaupt über das ganze Thema wussten und wie sie dazu standen.
Wie lange sie diese Taktik durchhalten konnte, stand auf einem anderen Blatt, denn sie erkannte im nächsten Moment, dass die beiden Führungsoffiziere ganz und gar nicht mit ihrer Antwort zufrieden waren.

McCoy schnaubte. „So weit waren wir eben schon, Miss Kazan. Deshalb glaube ich nicht, dass diese Erkenntnis so ein großer Schock für Sie war. Kommen Sie Yeoman ... was wissen Sie noch?“, blieb er hartnäckig, während der Vulkanier nur eine Augenbraue hochzog und sie intensiver als zuvor musterte, als versuche er in ihren Geist zu schauen.

Also blieb ihr nichts anderes übrig, als ihnen ein Stück entgegen zu kommen und eine weitere Information zu geben, die damit verbunden war und genau so viel Hand und Fuß hatte wie ihre eigene Entdeckung und sie vielleicht ablenkte. „Wer auch immer für die Entwicklung des Virus verantwortlich war, er hat die Sequenzen eines ganz bestimmten Meta-Genoms dafür benutzt, das im späten zwanzigsten Jahrhundert erstmals im sogenannten „Chrysalis-Projekt“ zum Einsatz kam.“

„Wie bitte? Dieses legendäre Meta-Genom?“ McCoy schüttelte ungläubig den Kopf. „So weit ich weiß, gibt es keinerlei medizinische oder wissenschaftliche Unterlagen mehr über dieses Projekt, nur ein paar oberflächliche Zeitungsartikel oder Berichte und viele nicht haltbare Mutmaßungen.
Außerdem, wie soll der Umgang damit technisch überhaupt möglich gewesen sein? Die Gentechnik steckte in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert gerade einmal in den Kinderschuhen! Damals hat man mit Schlachtermessern gearbeitet anstatt mit Hochleistungs-Laserskalpellen!“

„Das „Chrysalis Projekt“ diente dazu, den Übermenschen Khan und seine Gefährten zu erschaffen, vergessen Sie das nicht, Doktor“, warf Spock ruhig ein und wandte sich dann wieder ihr zu. „Viel interessanter ist, dass Sie überhaupt davon Kenntnis besitzen, Miss Kazan, denn das Wissen darüber ist seit dem Jahr 2154 klassifiziert und ist nur einem kleinen Personenkreis zugänglich, zu dem Sie sicherlich nicht gehören können. Doch woher haben Sie dann diese Informationen?“

Shirin presste die Lippen zusammen und blickte zur Seite. Sie fühlte sich in diesem Moment die Enge getrieben und wusste, dass die Stunde der Wahrheit immer näher rückte, aber noch fühlte sie sich nicht bereit dazu.

„Ich bin bereit, Ihnen und dem Captain zur gegebenen Zeit Rede und Antwort über meine Vergangenheit zu stehen“, entschied sie sich dann dazu, weitere Zeit herauszuschinden und wieder zurück zum Wesentlichen zu kommen, zu der Frage, die die beiden Männer ihr eigentlich gestellt hatten. „Doch jetzt lassen Sie mich bitte weiter ausführen, was es mit dem Virus auf sich hat, denn das ist es doch, was Sie in erster Linie wissen wollen.“

„Das schafft nicht gerade mehr Vertrauen in Sie, Miss Kazan“, brummte McCoy grimmig. „Warum sollten wir dann gerade dann diesen Ausführungen Glauben schenken, wenn Sie sich bei anderen, genau so wichtigen Themen wieder in Schweigen hüllen? Ich erinnere mich noch daran, dass Sie vorhin davon sprachen, Enparos VII sei ein Test gewesen. So liegt die Vermutung jetzt ziemlich nahe, dass sie Ihre Finger mit im Spiel hatten.“

„Der Doktor hat nicht Unrecht, Miss Kazan. Wer sonst auf der Forschungsstation außer Ihnen könnte das Wissen und die Fähigkeiten gehabt haben, diesen Virus erst einzusetzen und dann wieder zu heilen?“, fügte Spock hinzu.

„Es waren vier Biologen und Doktor Grissen auf der Station, die eine entsprechende Ausbildung hatten, wenngleich auch zum Teil andere Fachgebiete“, konterte Shrin. Sie spürte, sie verlor Boden unter den Füßen, weil sie nun wieder nur auswich und nicht die Antworten gab, welche die beiden eigentlich hören wollten. Und doch war es nicht weniger als die Wahrheit, die sie nun eröffnete. „Aber es gab andere Umstände, die zum Ausbruch des Fiebers auf der Forschungsstation führten, als ein Eingriff von meiner Seite.“

„Dem Log von Commander Allison zufolge hatten sie in den letzten sieben Wochen vor der Quarantänemeldung keinen Kontakt mehr mit Schiffen der Förderation oder etwaigen anderen Besuchern.“

Der Vulkanier blickte zu dem Chefarzt, der die Stirn runzelte und ihn ergänzte: „Den medizinischen Gutachten zufolge hat das Virus allerdings gerade einmal eine Inkubationszeit von zehn, zwölf Tagen.“ Er legte den Kopf schief. „Es wäre natürlich möglich, dass man die selbe Methode wie hier angewendet hat.“

„Nanobomben in irgendwelchen Containern meinen Sie?“ Shirin überlegte und schüttelte dann entschieden den Kopf, während es ihr kalt den Rücken hinunterlief.
Der Vulkanier hatte ihr einen wichtigen Hinweis gegeben. Das Log des Stationsleiters ließ einen Vorfall aus, den er in ihrer und Doktor Grissens Anwesenheit in die Datenbank diktiert hatte? Das war mehr als seltsam! Konnte es sein, dass...

„Dann hätten es Crewman Tro’Kal, Chief Velasquez und ich als erste zu spüren bekommen, Commander, Doktor, denn kein anderer außer uns hatte die Codes und die Berechtigung die Lagerräume zu betreten, abgesehen von Commander Allison.
Der allerdings informierte uns nicht darüber, wann er was in den Lagerräumen trieb. Wir drei und vielleicht auch er, sind immer als erste in Kontakt mit den Gütern und ihren Behältnissen gekommen. Betroffen hat die Krankheit aber zunächst ganz andere Personen, wie Sie eigentlich aus den Logs ersehen müssten.“

„Das ist richtig. So weit ich mich erinnerte ist einer der Geologen als erster erkrankt und gestorben, dicht gefolgt von seiner Assistentin“, bestätigte McCoy ihre Aussage. Ließ er die Namen absichtlich oder zufällig aus?

Shirin atmete auf, denn die Männer schienen jetzt wieder mehr dazu bereit zu sein, ihr zuzuhören und fügte hinzu: „Es stimmt allerdings nicht, dass wir keinen Fremdkontakt hatten. Knapp zehn Tage bevor sie selbst Anzeichen des Fiebers zeigten, fanden Doktor Augur und seine Assistentin Ko’quaar bei einer Exkursion in den Bergen zu einer defekten Messstation einen stark fiebernden Mann.
Sie brachten ihn zwar auf schnellstem Wege zu Doktor Grissen, aber er hat auch nicht mehr viel für ihn tun können. Später erzählte er mir, dass der Sterbende nur noch wirres Zeug von einer Entführung, maskenhaften Gestalten und Folter gefaselt habe, ehe er in ein Koma fiel, aus dem er nicht mehr erwachte. Drei Tage später versagten seine Organe.“

Ein dunkler Schatten huschte über ihr Gesicht, als sie sich an die Ereignisse erinnerte als sei alles erst gestern geschehen. „Henry Grissen konnte damals keine äußerlichen Verletzungen feststellen und verzichtete auf eine genauere Obduktion. Er meinte später zu mir, er habe dem armen Teufel einfach nur seinen Frieden gönnen wollen.“

„Das entspricht nicht den Dienstvorschriften. Der Doktor hat damit eine schwerwiegende Nachlässigkeit begangen, wenn Sie die Wahrheit sagen“, blieb Commander Spock weiterhin skeptisch. „Nennen Sie mir einen guten Grund, warum er das getan haben sollte.“

Shirin zögerte. Sie verriet nicht gerne Geheimnisse eines der wenigen Menschen, mit denen sie so etwas wie Freundschaft geschlossen hatte. Andererseits war Henry inzwischen verstorben, wie sie durch Doktor McCoy wusste, und es würde ihm nicht mehr schaden können, wenn sie diese Frage wahrheitsgemäß beantwortete.
„Doktor Grissen war stark medikamentenabhängig. Die Mengen an Kesapropaneol, die er regelmäßig anforderte, hat er in erster Linie für komplett für sich benötigt. Bei der letzten Anforderung hatte er sich allerdings in der Menge verrechnet. Zu dem Zeitpunkt, in dem der Unbekannte in die Krankenstation kam, litt er bereits unter ersten Entzugserscheinungen.“

„Stationsleiter Allison ist das nicht aufgefallen?“

„Ich weiß es nicht und wenn, dann hat es ihn wohl nicht gekümmert. Ich hatte nicht viel Kontakt mit ihm, denn er pflegte in erster Linie Umgang mit den Wissenschaftlern und erteilte meinen Kollegen und mir nur Befehle.“
Shirin hielt einen Moment nachdenklich inne. „Es ist einiges auf dieser Station leider nicht so gelaufen, wie man es von einem Förderationsstützpunkt erwarten sollte, aber es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen.“

„Kesapropaneol ist ein Medikament gegen Angstzustände und Raumkoller, das nur in geringen Mengen und akuten Fällen gegeben werden darf, sonst macht es süchtig“, warf McCoy ernst ein. „Das war es also ... Ich hatte eigentlich ein anderes Mittel vermutet, als ich ihn damals auf dem Kongress gesehen habe, aber das erklärt natürlich seinen Zustand noch besser. Verfiel Doktor Grissen zu Beginn des Entzugs eigentlich in Panikattacken oder eher in Lethargie? Und was ist mit der Leiche des Unbekannten passiert?“

„Er war zu diesem Zeitpunkt völlig kraftlos und depressiv und schaffte es gerade noch einen belanglosen Bericht zu schreiben, der zumindest Commander Allison zufrieden stellte. Der Körper des Fremden wurde dann auf seine Anweidung hin nach Vorschrift eingeäschert“, entgegnete Shirin nachdenklich „Das geschah genau einen Tag bevor Ko’quaar und Doktor Augur über die ersten Beschwerden klagten. All das müsste eigentlich in den Logs der Station vermerkt sein. Ich habe den entsprechenden Eintrag gemäß der Dienstvorschriften natürlich auch noch von Doktor Grissen gegenzeichnen lassen.“

„Nun Yeoman Kazan. Sie müssen verstehen, dass wir ihre Aussagen erst einmal mit den Logs vergleichen müssen. Dazu benötigen wir möglichst genaue Zeitangaben von ihnen“, entgegnete Spock ruhig. „Die Überprüfung wird allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen.“

„Natürlich, Sir!“, entgegnete Shirin. Warum ihr noch kein Stein vom Herzen fallen wollte, wusste sie nicht.

 

* * *

 

„Was halten sie jetzt von Shirin Kazan?“ Leonard McCoy blickte wieder zu dem Bildschirm, der Beobachtungsraum 3 zeigte, als Spock und er sich in seinen Arbeitsraum zurückgezogen hatten. „Sagt sie die Wahrheit? Oder versucht sie mit nur uns zu spielen, so wie dieser Bastard Khan?“ Die Schwarzhaarige saß wieder auf der Liege, das Datenpadd auf den Knien und schien über etwas nachzudenken.

„Darüber erlaube ich mir noch kein Urteil, da mir noch nicht genug Informationen vorliegen, da wir gerade einmal wissen, dass sie ein genetisch aufgewerteter Mensch unserer Zeit ist, der über einige Dinge informiert zu sein scheint, zu denen Personen mit ihrem uns bekannten Hintergrund eigentlich keinen Zugang haben dürften“, erwiderte Spock und studierte weiterhin konzentriert die Logeinträge der Station. „Doktor, Sie sollten sich jetzt lieber auf ihren Teil der Arbeit konzentrieren, damit wir hier bald zu einem Ergebnis kommen können.“

„Ich habe die Daten bereits dreimal überprüft, aber ich konnte keine Hinweise finden, die ihre Aussage bestätigen. Es gibt weder medizinische Unterlagen über diesen geheimnisvollen Unbekannten, noch einen Totenschein. Auch die Gegenzeichnung für die Einäscherung ist in den Logs der Krankenstation nicht vorhanden“, erklärte der Chefarzt. „Ich finde hier nur Einträge über die Behandlung der beiden Geologen und den Versuch einer Therapie gegen das Fieber. Davor herrscht gähnende Leere, nicht einmal die üblichen Belanglosigkeiten sind drin, die man sonst normalerweise findet, wie Schnupfen, Schnittwunden oder umgeknickte Knöchel.“
Er legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Einerseits legt das den Verdacht nahe, dass uns Yeoman Kazan Blödsinn erzählt hat, um von sich abzulenken, andererseits bin ich trotzdem geneigt, ihr zu glauben, so wie sie davon gesprochen hat ...“ McCoy machte mit einem Schnauben seiner Verärgerung Luft. „Verdammt noch mal! Die ganze Sache wächst sich mittlerweile zu etwas aus, was mir ganz und gar nicht gefällt.“

„Mir gefallen unsere Erkenntnisse auch nicht, wenn auch unter anderen Gesichtspunkten, Doktor!“ McCoy sah den Vulkanier überrascht an, der jedoch weiterhin auf den Bildschirm blickte und seine Logs studierte. Nach einer kleinen Pause sprach er bedächtigt weiter. „Miss Kazans Äußerungen über das ‚Projekt Chrysalis’ lassen den logischen Schluss zu, dass das Vermächtnis Khan Noonien Singhs weitere Kreise gezogen hat, als wir dachten. Vergessen sie zudem nicht - der Vorfall auf Enparos VII wurde von Admiral Marcus selbst unter höchste Sicherheitsstufe gestellt, etwa sieben Monate und achtzehn Tage bevor Khan seinen Anschlag auf das Daystrom Institut ausführte ...“

„Sie meinen, das hängt irgendwie zusammen? Aber wie passt dann Miss Kazan in das ganze Spiel? Ihre Personalakte besteht seit über zehn Jahren“, grübelte McCoy.

„Das ist korrekt. Die Echtheit der Akte wurde durch mehrere Kreuzreferenzen bestätigt. Zu diesem Zeitpunkt kommandierte Admiral Marcus noch als Commodore ein Geschwader am Rande der Neutralen Zone zum Romulanischen Reich und wurde erst vier Monate später für seine Verdienste um den Frieden dort zum Vize-Admiral ernannt. Zu dem Zeitpunkt in dem Shirin Kazan Mitglied der Sternenflotte wurde, weilten weder er noch wichtige Mitarbeiter seines Stabes wie Chefingenieur Aldredge auf der Erde. Zudem hat die junge Frau niemals Positionen eingenommen, die Spionage oder Sabotage erlauben würden.“

„Also bliebe noch die Zeit vor Shirin Kazans Eintritt in die Sternenflotte. Sie war damals erst achtzehn, also blutjung ... auch wenn das bei jemandem mit ihrem Hintergrund nichts heißen muss“, grübelte der Arzt. „Wenn man den uns vorliegenden. Informationen glaubt, so behauptet sie das Kind zweier Bauern aus der Region Nordindien zu sein, ist mit acht Jahren verwaist, aufgewachsen in den Elendsvierteln von Kalkutta, mit vierzehn nahm sie an einem Förderprogramm teil, durch dass sie die Schule abschließen und drei Jahre später am Auswahlverfahren für die Sternenflotte teilnehmen konnte. Ein anrührender Lebensweg, wie ihn sicherlich einige unserer Besatzungsmitglieder genommen haben.“
Er deutete auf den Bildschirm mit den Überwachungskameras. „Andererseits hantiert sie mit den Daten wie eine erfahrene Biogenetikerin. Das hat sie sicherlich nicht in der Schule gelernt. Irgendwas passt da also nicht zusammen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Biogenetik in der Abendschule belegt hat.“ Er kniff die Augen zusammen. „Na, ich bin ja mal gespannt, was sie uns erzählen wird, wenn sie endlich mit der Wahrheit über ihr Leben vor der Sternenflotte herausrückt.“

„Das wird sie bald tun müssen, denn ich kann keine ihrer Aussagen verifizieren. Nirgendwo wurde der Vorfall, den sie erwähnt hat, verzeichnet. Weder in den Verwaltungslogbüchern, noch den persönlichen Aufzeichnungen des Stationsleiters. Auch in den Aussagen der Überlebenden ist nichts zu finden ... nicht einmal in ihrer eigenen Aussage vor der Untersuchungskommission.“ Spock sah ruhig auf. „Ich denke, es ist jetzt an der Zeit, den Captain einzuweihen.“

„Ja, ich denke, das können wir jetzt nicht weiter aufschieben. Da stinkt etwas ziemlich zum Himmel! Und nur Miss Kazan kann uns Antworten darauf geben“, stimmte ihm der Chefarzt zu.

Chapter Text

„Entschuldigt, dass ich aufgehalten wurde. Admiral Thompson wollte noch einmal mit mir persönlich sprechen.“ James T. Kirk betrat den Raum und setzte sich neben seinen ersten Offizier.

„Was gibt es so dringendes zu besprechen, dass ihr mich nicht einmal etwas essen lasst?“, fragte er im lockeren Plauderton, auch wenn ihm im Moment innerlich ganz anders zumute war.

Warum zum Teufel musste das Kommando der Sternenflotte aus einer eigentlich als friedlich angedachten Erkundungsmission plötzlich wieder ein Politikum machen? Da sie auf ihrem Weg ins Unbekannte auch die Taurus-Region kreuzten, hatte er die Anweisung erhalten, sich genauer mit Commodore Reyes über die Reisen ein paar privater Forschungsreisender und Händler aus dem Gebiet der Förderation in dem umstrittenen Gebiet zu unterhalten und notfalls entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um deren Aktionen und Umtriebe eventuell einzudämmen.
Auch sollte er herausfinden, ob die Gerüchte von der Sichtung klingonischer und romulanischer Schiffe dort der Wahrheit entsprechen. Denn je mehr es an der Grenze zum klingonischen Reich kriselte, um so weniger wollte man nun auch noch Ärger mit den Tholianern bekommen, die schon seit geraumer Zeit Anspruch auf die astronomisch und physikalisch zwar sehr interessante aber für Raumschiffe auch sehr gefährliche Sternenballung erhoben. Zudem sollte er herausfinden – wenn es die Möglichkeit dazu gab - ob sie ihre ablehnende, ja fast feindselige Meinung gegenüber fremden Rassen zu Ungunsten der Förderation geändert hatten.

So gesehen kam ihm die überraschende Ablenkung von diesem äußerst unangenehmen, weil komplexen Themenbereich eher recht. Auch wenn es hier wieder nur um eines seiner anderen Probleme ging. Aber das war um ein paar Klassen handfester und vielleicht auch schneller zu lösen.

„Captain, in der Angelegenheit vom gestrigen Tage haben sich neue Informationen ergeben, die sie sich unbedingt anhören sollten. Das Problem ist erster und weitreichender als wir bisher vermutet hatten!“ erklärte Spock ihm ernst. „Yeoman Kazan hat uns einige sehr interessante Hinweise gegeben, die die Kontamination der Container in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.“

„Ist das so?“ Jim stieß die Luft aus. ‚Oder auch nicht!’, dachte er frustriert und bemerkte erst jetzt, dass sich eine weitere dritte Person im Raum befand.

Überrascht, dann mit einem Lächeln ließ er seinen Blick über Yeoman Kazan gleiten. Das Uniformkleid stand der schwarzhaarigen Frau überraschend gut, schmeichelte es doch ihrer Figur und ihrer aufrechten Haltung. Sein Grinsen erstarb jedoch, als er in ihre ernsten blaugrauen Augen blickte und sich mit einem Schaudern wieder daran erinnerte, was er inzwischen über sie wusste.
So verzichtete er auf ein nettes Kompliment, das ihm sonst vermutlich sehr leicht über die Lippen gekommen wäre, und nickte ihr nur zu. „Nun, ich bin sehr gespannt auf Ihre Erläuterungen. Machen Sie weiter, Miss Kazan.“

„Ja Sir!“ Er wusste, dass Spock ihn ohnehin noch auf den neusten Stand der Dinge bringen würde, wenn sich Fragen ergaben. So blickte er erwartungsvoll auf die Schwarzhaarige, die sich nun wieder zu einem der Bildschirme gedreht hatte und ganz offensichtlich in einem Log suchte.
Sie bediente den Touchscreen einer Geschwindigkeit, die Spocks gleichkam, wenn nicht sogar überstieg. Dann hielt sie den Vorgang an und tippte auf eine ganz bestimmte Stelle. „Hier hätte mein Eintrag sein müssen, Sir. Es war der vorletzte an diesem Tag.“

„Wissen Sie noch den genauen Wortlaut?“, hakte Spock sofort nach. Die junge Frau schien sich einen Moment zu konzentrieren, als müsse sie ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen und antwortete ihm auf seine Frage. Dabei runzelte sie die Stirn. „Da Doktor Grissen dies gegengezeichnet hatte, müsste doch auch noch bei ihm ein Eintrag zu finden sein, oder? Ich habe ihn selbst gesehen.“

„Leider fehlen auch dort sämtliche Einträge die ihre Aussage bestätigen könnten. Wir haben also nur Ihr Wort, Yeoman und das ist wie Sie sich sicher denken können, nicht gerade vertrauenswürdig, so lange Sie weiterhin schweigen“, entgegnete der Vulkanier ruhig und ließ keinen Zweifel daran, wie skeptisch er war, bevor er zu Leonard McCoy hinüberblickte.

Der ergriff nun seinerseits das Wort und lenkte Jims Aufmerksamkeit auf sich. „Ich hatte ja schon gestern über die Ähnlichkeit unseres Virus zu dem von Enparos VII gesprochen, Captain. Sie erinnern sich? Vater und Sohn.“
Jim nickte.
„Nun, Miss Kazan hat meinen Verdacht mehr als bestätigen können und dabei einige sehr interessante Fragenaufgeworfen. Eine davon ist, wie der Virus auf die Forschungsstation gelangte, ein Punkt, der in den Dossiers bisher fehlte. Allerdings ist es uns bisher nicht gelungen, ihre Aussage, Geologen hätten einen fremden, Mann gefunden, der den Erreger vermutlich bereits in sich trug, zu verifizieren, was nur zwei Möglichkeiten zulässt – entweder lügt der Yeoman uns an ...“

„... oder jemand hat die Daten bewusst manipuliert“, murmelte Jim. Ein flaues Gefühl machte sich in seinem Magen breit, als sein Freund noch einmal ausholte und ihn auf den neusten Stand brachte.

Nein, das war nicht das erste Mal, dass er so etwas in den vergangenen Monaten gehört hatte. Angefangen von ‚John Harrisons’ Enthüllungen bei der Gefangennahme, über die Entdeckung der geheimen Werft beim Jupiter bis hin zu der Verschwörung, die die Sternenflotte bis ins Mark erschüttert hatte und nicht nur den Oberkommandierenden oder seinen engsten Stab betroffen hatte.
Bis zum heutigen Tage liefen noch Ermittlungsverfahren gegen mindestens einen Admiral, einen Captain und zwei Commander, die auf die ein oder andere Art und Weise in die Verschwörung verstrickt gewesen waren. Und so wie es aussah, hatten sie längst nicht alle gefunden.

Nachdenklich blickte er immer zu der Schwarzhaarigen. Obwohl ihre Züge relativ starr blieben, war doch zu bemerken, dass es in ihrem Gesicht arbeitete.
Inwieweit war sie in die ganze Sache verstrickt? Und was ging hinter ihrer Stirn vor, jetzt da sich die Schlinge um ihren Hals immer enger zog? Suchte sie nach weiteren Ausflüchten und Lügen, um das zu verschleiern, was immer offensichtlicher wurde und der Ansicht seiner besten Offiziere nach, ein wichtiger Schlüssel zur Lösung des Problems werden konnte?

Er gab Spock recht – im Moment war alles, was Yeoman Kazan zu sagen hatte, nur mit Vorsicht zu genießen. Sie mochte vielleicht achtundzwanzig Jahre alt sein, zwei oder drei Jahre jünger als er, aber was zählte das schon im Leben eines Augments?
Was hatte sie in den ersten achtzehn Jahren ihres Lebens – vor ihren Eintritt in die Sternenflotte - getrieben, wenn sie ... wie Pille sagte, mehr als nur Grundbegriffe der Biogenetik beherrschte?

Er fragte sich erneut, ob es nicht vielleicht besser war, streng nach den Vorschriften zu handeln und sie, auf Sternenbasis 47 nach Hause zurückzuschicken, damit andere weitaus fähigere Personen diesen Fall untersuchen konnten? Es seine Nerven schonte, wenn er sich nicht weiter mit dem Schicksal seines Mannschaftsmitglieds beschäftigen musste, sondern es schnell vergessen konnte.

Nein!

Sein Instinkt riet ihm energisch, es sich nicht so einfach zu machen, wie er es sich in diesem Augenblick vielleicht wünschte, denn irgendetwas wollte hier einfach nicht so sauber zusammenpassen, wie es normalerweise sollte. „Haben Sie etwas dazu zu sagen, Yeoman Kazan?“ fragte er deshalb ruhig und ließ sie nicht mehr aus den Augen.

Die Schwarzhaarige öffnete den Mund. „Es gibt vielleicht noch eine Möglichkeit, meine Aussagen bezüglich des Unbekannten zu beweisen“, antwortete sie ernst. „Es existiert ein Schattenlog zur Materialliste, das Chief Velasquez und ich angelegt haben, weil es in den letzten Monaten der Forschungsstation immer wieder zu Unstimmigkeiten im Warenbestand gekommen war. Er wollte herausfinden, warum es Differenzen gab und wer dafür verantwortlich war, um dies gegebenenfalls zu melden.
Und dort müssten Sie auch die Entnahme eines Leichensacks zu dem von mir mehrfach genannten Zeitpunkt finden. Sie können dieses verborgene Log unter folgenden Parametern im dritten Feld der Eingabemaske ansteuern: 37 18 F7.“

Jim zuckte mit einer Augenbraue und drehte sich zu dem Vulkanier. „Spock?“

Der Vulkanier gab dem Computer bereits die entsprechenden Anweisungen und tatsächlich. Eine weitere Materialliste in einer dunkleren Farbe unterlegt, erschien auf einem der beiden Bildschirme. Sie war seit ihrem Anlegen nicht mehr geöffnet oder bearbeitet worden, das bewiesen die ersten Anzeigen.
Zum besseren Vergleich ließ der erste Offizier die Daten parallel laufen und markierte die unstimmigen Einträge, die nach und nach ein immer interessantes Bild auf den Stationsleiter warfen. Doch das war jetzt nicht wirklich von Belang ...

Das Log wurde angehalten. Spock hob einen weiteren Eintrag hervor und holte ihn in den Vordergrund. „Hier ist der von Ihnen erwähnte Vermerk.“

„Ja Sir.Das ist er. Ich ...“ Shirin Kazan biss sich auf die Lippen. „... hoffe, sie können mir jetzt ein wenig mehr glauben. Der Unbekannte war auf der Station.“

Nun gab es zwar einen Beweis, dass die Daten der Station manipuliert worden waren, aber reichte das schon aus ihren Worten zu vertrauen? „Ob wir ihre Aussagen glauben können, ist noch nicht entschieden, Yeoman Kazan!“ Jim blieb ernst. „Wer sollte die Logs und Protokolle denn ihrer Meinung nach bearbeitet haben, um den Vorfall zu verschleiern?“

„Ich weiß es nicht, Sir. Captain Folkmers und seine Crew haben unsere Aussagen aufgenommen und auch die Daten der Station abgespeichert. Man brachte uns auf Sternenbasis 2, wo wir noch einmal gründlich untersucht und verhört wurden, ehe man uns zum Stillschweigen verpflichtete und zurück in den Dienst entließ. Ich weiß allerdings nicht, ob der Fall dann schon zu den Akten gelegt oder noch weiter behandelt wurde.“
Sie hielt einen Moment inne.
„Ich war damals einfach nur froh, so glimpflich davongekommen zu sein, dass ich mich nicht mehr mit dem Vorfall beschäftigt habe, sondern ihn einfach nur vergessen wollte. Kurze Zeit später wurde ich dann auf die Enterprise versetzt.“

Jim musterte sie ernst. Das klang im ersten Moment alles durchaus nachvollziehbar, doch war es wirklich glaubwürdig und die Wahrheit? Noch blieb er vorsichtig, fragte sich, ob sie ihm immer noch etwas vorspielte.. „Und wer erteilte die Anweisung, dass Sie über den Vorfall zu schweigen haben?“

„Commander Epps vom Sternenflottengeheimdienst, Sir.“ Yeoman Kazan suchte seinen Blick, wie Khan damals, als der Augment aus der Vergangenheit an seine Menschlichkeit appelliert hatte. Nur lag in den blaugrauen Augen diesmal ein wesentlich wärmerer Schimmer und so etwas wie Unsicherheit, Angst und Hoffnung.

Jim lehnte sich wieder zurück. In seinem Kopf fügten sich die einzelnen Mosaiksteine zu einem ersten Bild zusammen. Er führte die Gedanken weiter aus: Ja, Admiral Marcus hatte zu dieser Zeit nicht nur den Vorsitz der Admiralität inne gehabt, sondern auch den Sternenflottengeheimdienst geleitet. Auf ihn ging immerhin auch der Sperrvermerk für die echten Enparos-Daten zurück.
Commander Epps musste ihm damals direkt unterstellt gewesen sein. Fragen konnte den Mann allerdings niemand mehr, da er bei Khans Angriff auf das Daystrom-Institut getötet worden war.

Es bestand also die Möglichkeit, dass die Liste der Verbrechen des Admirals viel größer gewesen war, als angenommen. Die Vorstellung, dass Alexander Marcus bereit dazu gewesen war das Leben der Besatzung einer abgeschiedenen Forschungsstation zu opfern, um eine Biowaffe zu testen, entsetzte ihn.
Aber es lag durchaus im Bereich des Möglichen, wenn er Pilles weitere Ausführungen über die Unterschiede zwischen den Viren, die Erkenntnisse über die Genome, die in der ganzen Sache eine bedeutsame Rolle spielten und Miss Kazans weitere Andeutungen betrachtete. Und das führte natürlich auch zu weiteren Fragen ...

„Commander Epps kann ich leider nicht mehr kontaktieren und befragen, da er vor etwas mehr als einem Jahr während des Attentats auf das Daystrom-Institut getötet wurde“, erwiderte Jim. ‚Vielleicht hätte ich das auch nicht getan, wäre er noch am Leben’, fügte er dann für sich hinzu. „Aus diesem Grund bleiben wohl erst einmal ein paar Dinge ungeklärt.“ Er fühlte plötzlich Wut in sich aufsteigen, als er sich an den Vorfall erinnerte, weil ... hastig drängte er seine Gefühle wieder in zurück und zurück und konzentrierte sich auf die Punkte, auf die er eher eine Antwort erhalten konnte.

„Vielleicht können wir aber die Frage klären, warum Sie eigentlich so viel über diese Themen wissen, so dass Sie die Überlebenden einer Forschungsstation retten konnten und gestern unfreiwillig als lebender Bio-Detektor auftraten. Doktor McCoy hat klargestellt, dass sie nicht nur genetisch aufgewertet sind, sondern auch das Wissen einer Biogenetikerin ... oder so ähnlich ... besitzen.“

„Ja Sir, das ist richtig ...“ Shirin Kazan hob die Hände und rieb sich das Gesicht, ehe sie weitersprach. „Mit vierzehn Jahren hätte ich an vielen Universitäten der Erde als Doktor der Biochemie promovieren können.“

„Mit vierzehn? Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Sie seinen so eine Art Wunderkind wie Mr. Chekov, dem das in der Wiege zugeflogen sein muss?“ Leonard McCoy machte seiner Verblüffung mit diesem Ausruf Luft, Spock wirkte dagegen nur interessiert, sagte aber noch keinen Ton.

Und er, Jim Kirk, selbst? Wie dachte er? „Und was sind Sie dann?“, hakte er nach, wohl wissend, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen war, sie vor die Wahl zu stellen – endlich die Wahrheit zu sagen, oder die Konsequenzen für ihr Schweigen zu tragen.

„Sir, ich bin kein Wunderkind, nicht das, was Sie darunter verstehen mögen“, entgegnete Shirin Kazan leise. „Ich habe nur bereits mit zehn Jahren angefangen, dieses Fachgebiet zu studieren.“

„Mit zehn Jahren also ...“ Das war wieder eine butterweiche Aussage, so wie die davor – bestätigte zwar den Verdacht, sagte aber dennoch immer noch nichts über ihre Vergangenheit aus.
Jim betrachtete sie kritisch und beschloss etwas deutlicher zu werden. „Das rechtfertigt aber immer noch nicht Ihr Wissen über das ‚Chrysalis Projekt’. Die Informationen darüber wurden bereits klassifiziert, bevor überhaupt einer von uns oder gar unsere Großeltern geboren wurden.“
Seine Stimme wurde schärfer.
„Warum reden Sie eigentlich immer noch um den heißen Brei herum, Miss Kazan? Ich bin ehrlich gesagt, nicht geneigt, Ihnen in irgendeiner Form zu vertrauen, wenn Sie so weitermachen. Wäre es daher vielleicht nicht langsam an der Zeit, endlich die Karten auf den Tisch zu legen?“

„Sir, das ist keine offizielle Anhörung ...“, Shirin Kazan verstummte und biss sich auf die Lippen.

„Nein, aber ich kann dieses Gespräch hier zu einer machen, wenn Sie das möchten!“ Jim sah zu seinen beiden Freunden hin, um sich deren Bestätigung zu suchen. Wie immer sprang sein erster Offizier gleich darauf an.
„Laut Dienstvorschrift 22 Absatz 24 ...“

„Danke Mr. Spock wir haben verstanden“, unterbrach Jim den Vulkanier. „Sie sollten den Ernst Ihrer Lage nicht unterschätzen, Miss Kazan.“ Er erhob sich und ging langsam auf die Yeoman zu, die nur ihren Kopf zu ihm hob, aber nicht von der Stelle wich. „Ich rate Ihnen, es nicht dazu kommen zu lassen, denn eine Anhörung muss ich aufzeichnen lassen und beizeiten dem Kommando der Sternenflotte melden. Wollen Sie das wirklich?“

Yeoman Kazan schlug die Augen nieder. „Nein Sir.“

„Dann verdammt noch mal seien Sie ehrlich zu uns!“ Jim musterte sie scharf. „Schluss mit den Lügen und Ihrer Verschleierungstaktik. Das funktioniert nicht mehr.“

„Ich weiß, Sir.“ Sie blickte die Männer einen nach dem anderen an, ehe sie ihre Augen wieder abwandte. „Ja, ich habe Ihnen vieles verschwiegen, das ist richtig. Aber nicht, um irgendwem zu schaden, sondern ...“ Ihre Schultern sanken herab. „... um endlich frei von den Schatten meiner Vergangenheit zu sein. Unter den Sternen habe ich gehofft, die dunklen Erinnerungen hinter mir lassen und in Frieden weiterleben zu können.“
Sie biss sich auf die Lippen und wirkte plötzlich noch mutloser als je zuvor. „Aber das scheint wohl ein Trugschluss zu sein, denn das was ich war und bin holt mich immer wieder ein.“

„Wer sind Sie dann wirklich?“ fragte der Captain etwas sanfter. Für einen Moment huschten Bilder des verrückten Traums von letzter Nacht durch seinen Geist. Würde Yeoman Kazan nun tatsächlich den Schleier ablegen und auf seine Seite treten?

Chapter Text

Shirin unterdrückte ein Zittern. Die eiserne Selbstkontrolle war dahin und würde auch so schnell nicht mehr zurückkehren, das war ihr jetzt klar. Zudem war sie in eine Situation geraten, in der kalte Logik nicht mehr weiter half, sondern nur noch Offenheit.

Sie hatte mit dem Schattenlog zumindest schon einmal erreichen können – die Männer schienen nun eher geneigt zu sein ihr abzunehmen, dass ein Fremder die Seuche nach Enparos VII gebracht hatte. Aber auch ihr selbst war durch die Erkenntnis, dass jemand die Logs und Protokolle manipuliert hatte, durch einige der Äußerungen des Captains und seiner Führungsoffiziere klar geworden, dass viel mehr hinter allem steckte, als ihr lieb sein konnte.

Sie war genau so, wenn nicht noch mehr, in Gefahr wie die restliche Crew der Enterprise. Ja, der Captain hatte recht. Sie konnte und durfte nicht länger ausweichen und schweigen. Einmal war bereits zu viel ans Licht gekommen , um es noch länger zu verleugnen. Zum anderen brauchte sie jetzt mehr denn je Verbündete, die sich notfalls vor sie stellen würden.

James T. Kirk sah auf sie hinunter. „Wer sind Sie wirklich?“ fragte er zwar immer noch ernst aber etwas sanfter als vorher. Seine Augen suchten die ihren. Sie forderten Ehrlichkeit und Offenheit. Vielleicht war er dann im Gegenzug bereit ...

Es half nichts. Shirin umfasste ihre Unterarme mit den Händen, um ein erneutes Zittern zu unterdrücken, denn was sie jetzt tun würde, war der schlimmste Verrat, den sie an ihrer Familie begehen konnte. Schon allein der Gedanke daran galt als verachtenswert und Grund sich selbst das Leben zu nehmen. Deshalb hatte kein Außenstehender, schon gar kein normalsterblicher Mensch, bisher davon erfahren können.

“Ich könnte Ihnen eine bildgewaltig ausgeschmückte Geschichte erzählen, von dem unbesiegbaren Khan Noonien Singh, dem mächtigsten aller Erdenherrscher, der seit Dschingis Khan unter der Sonne gewandelt ist, seinen unzähligen Frauen und dem Vermächtnis, dass er ihnen mit auf den Weg gab, als er sie fortschickte, bevor er selbst ins Exil ging, weil die Gezeiten gegen ihn standen“, begann sie mit den Märchen, das ihre früheste Kindheit bestimmt hatte. „Er befahl ihnen, ihm eine Armee zu schaffen, die bei seiner ruhmreichen Rückkehr bereit stehen sollte, bestehend aus Kriegern seines Blutes, und den stolzen Mütter ihrer starken Söhne ...“

Auf ein Stirnrunzeln des Captains hin, brach sie diesen Vortrag jedoch ab und lächelte traurig. „Das ist eine Geschichte, die man mir als kleines Kind erzählt hat. Aber ich denke, Sie möchten jetzt sicherlich keine Märchen hören.“

Dabei drehte sie sich weg und richtete den Blick auf die Wand hinter den Sitzenden. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass James T. Kirk auf seinen Platz zurückkehrte. „Die Wahrheit ist einfach, brutal und schnörkellos: Als der Ansturm der alliierten Kräfte aus Ost und West nicht mehr aufzuhalten war, floh Khan Noonien Singh mit vierundachtzig seiner treuesten Gefolgsleute, seinem engsten Kreis, aus der Festung in die er Kabul verwandelt hatte. Kurz zuvor hatten sie das modernste Schiff der westlichen Hemisphäre entwendet und auf den Namen ‚Botany Bay’ getauft. Mit acht russischen Raketen startete das Schiff ins All und verschwand auf Nimmerwiedersehen.
In dem nun folgenden Chaos, ausgelöst durch die eindringenden Truppen, die sich mit den letzten verbliebenen genetisch aufgewerteten Kämpfern duellierten, retteten einige treue wenn auch rein menschliche Diener Khans ungefähr fünfundzwanzig Frauen aus der Festung , die allesamt von ihren genetisch aufgewerteten Herren schwanger geworden waren. Es gelang ihnen rechtzeitig über den Khyber-Pass zu entkommen, bevor die Stadt im Atombrand verglühte.
Nach einer entbehrungsreichen Flucht, erreichten die Überlebenden schließlich eine alte, abgelegene Festung im Karakorum-Gebirge, eines der fünf verborgenen Depots, die Khan in den Zeiten seiner Herrschaft angelegt hatte.“

Sie presste für einen Moment die Lippen aufeinander, und sprach dann um so bedächtiger weiter.

„Dort begannen sie ein ehrgeiziges Projekt, dass schon bald von drei Wissenschaftlern des ehemaligen Chrysalis-Projekts unterstützt wurden, die den Aufstand der Augments und die späteren Anfeindungen von ihresgleichen überlebt hatten. Da die beiden Männer und die Frau vor den Augen der Welt ebenfalls als Kriegsverbrecher galten und wie die letzten Übermenschen gejagt wurden, war das ihre einzige Zuflucht.
Ihre Ideen diesmal etwas anders und vor allem nicht so überhastet vorzugehen trag auf offene Ohren. Ein Langzeitplan wurde entworfen, ein Zuchtprogramm, bei dem die Kinder nur in Ausnahmefällen genetisch optimiert werden sollten, um die gleichen Probleme und Fehler wie beim den ersten Übermenschen zu vermeiden. Es blieb auch nicht aus, dass meine Vorfahren, diese erste Generation ihr Werk aufgriffen, fortsetzten und ihren Wünschen anpassten. Tatsächlich nahmen die Manipulationen von Generation zu Generation ab, wurde durch gezielte Auslese und Partnerwahl ersetzt. Bis zum heutigen Tag ist das so, und meine Generation diejenige, die ohne medizinische Eingriffe geboren wurde.“

Doktor McCoy murmelte etwas, was sie nicht verstehen konnte , aber es genügte, um sie aus ihren Gedanken zu reißen. Kirk wirkte nun weniger wütend und fordernd als zuvor, sondern einfach nur angespannt und aufmerksam. Mister Spock – was hinter der Stirn des Vulkaniers vorging - war so gut wie gar nicht zu erkennen.

„Diese Männer und Frauen schufen schon in der ersten Hälfte des einundzwanzigsten Jahrhunderts die abgeschiedene Welt, in die ich hineingeboren wurde und die bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr mein Leben bestimmen sollte“, fügte sie mit einem bitteren Klang in der Stimme hinzu. Und dann kam sie zum Kern des Ganzen, gab dem Captain die Antwort, die er schon so lange gefordert hatte ...

„Mein richtiger Name ist Shirin Kazane, Putri-Raja ... Prinzessin ... des hohen Hauses der Singh, und abstammend von Khan Noonien Singh in siebter Generation“, nannte sie ihren wahren Namen und Titel, auch wenn letztere an Bord dieses Schiffes nichts bedeuteten. „Damit ich, wenn ich meinem Clan einmal keine Kinder mehr schenken könnte, eine Wächterin über die Reinheit der genetischen Linien sein könnte, erhielt ich schon früh eine entsprechende medizinisch-naturwissenschaftliche Ausbildung.“

James T. Kirk schüttelte den Kopf, als wolle er das eben Gehörte nicht glauben. Er mahlte mit dem Kiefer, als er nachzuvollziehen versuchte, was sie da eben berichtet hatte. „Das ist einfach nur völlig verrückt! Wer kann bloß auf solche Ideen kommen“, murmelte er fassungslos.

„Oh glaub mir, Fanatiker können das und sind auch noch begeistert von ihren Ideen, weil sie sich für den Nabel der Welt halten!“, trug Doktor McCoy die Enthüllungen mit weitaus mehr Fassung. „Du findest auf der Erde noch genug von diesen Auswüchsen und manchmal leider auch an Orten, an denen du sie erst recht nicht erwartet hast.“
Er schien auf etwas anzuspielen, was der Captain sehr gut zu verstehen schien, denn dieser deutete an, jetzt besser den Mund zu halten, um Shirin nicht weiter zu unterbrechen.

Der Vukanier hingegen zeigte weiterhin keine Regung, sondern fragte nur interessiert. „Miss Kazan, wie ist es möglich, dass dies all die Jahrhunderte unentdeckt blieb?“, hakte er stattdessen nach. „Ein solches Zuchtprogramm erfordert Ressourcen, die nicht immer leicht zu beschaffen sind und gerade in Zeiten der Paranoia für Misstrauen gesorgt haben dürften.“

„Wie ich schon sagte, die Festung im Karakorum-Gebirge war auch ein Depot der Augments. Es enthielt Waffen, haltbare Lebensmittel, die eine Hundertschaft für zwei Jahre versorgen konnten, einiges an technischen Geräten, aber auch Gold und Edelsteine.
Laut den Erzählungen der Ältesten waren die ersten Jahrzehnte für meine Vorfahren dennoch nicht einfach und sie hatten wohl immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen, aber sie schafften es, sich nicht zu verraten, weil sie sich mit der Mentalität der Einheimischen auskannten und sich ihnen anpassten.
Sie lernten schnell, wie sie diese für sich gewinnen konnten. Obwohl Fremde achteten sie das Gastrecht und die Traditionen der Bergbewohner und brachten ihnen durch Handel einen gewissen Wohlstand.
Was jedoch hinter den Türen der Festung geschah, das interessierte die Bauern und Hirten nicht, denn sie wurden davon ja nicht behelligt“, antwortete Shirin ihm. „Zudem verschlossen den all zu Neugierigen nicht kalter Stahl sondern Gold und Edelsteine die Augen, Ohren und Münder, vor allem als meine Ahnen mit ihrer Hilfe auch noch die Vorräte aus zwei weiteren geheimen Depots in den Bergen von Ladakh und Kaschmir bargen.
In der Zeit des dritten den Globus umspannenden Krieges, verwischten sich die Spuren der Flüchtlinge dann endgültig. In dem Moment da die Datennetze der alten Welt zerstört wurden, fragte auch in den einstmals zivilisierten Ländern niemand mehr nach den eigentlichen Wurzeln seiner neuen Verbündeten.
Zudem war inzwischen die Generation verstorben, die Schrecken und Chaos der Eugenischen Kriege miterlebt hatten und diejenigen, die nun an der Macht waren ... ich muss ihnen vermutlich nicht sagen, welches deren Ziele waren, das hat die Geschichtsschreibung schon getan ... nutzten das, was sie bekamen.
So kam ein weiterer Aufschwung, durch den mein Clan finanzielle und wirtschaftliche Verbindungen zu verschiedensten Unternehmen in den orientalischen Republiken der Region und Indien knüpfen konnte. Sie schufen sich damit eine glaubwürdige Existenz und vor allem ein Netzwerk von Partnern, die ihnen Rückhalt boten und genau so wenig Fragen stellten, wie der Clan ihnen.“

„Eines verstehe ich nur nicht. Wie konnten ihre Leute ein rigoroses Zuchtprogramm durchziehen, wenn sie doch ganz normale soziale Kontakte pflegten?“, grübelte McCoy. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich da nicht die ein oder andere Beziehung zu Außenstehenden entwickelte. Gefühle lassen sich nicht unbedingt steuern. Oder wollen Sie etwa behaupten, dass es so zugegangen ist wie zur Zeiten des osmanischen Reiches? Als die Sultane und Emire ihre Frauen und Kinder in den Palastmauern einsperrten?“

Er sah überrascht drein, als Shirin nickte.

„Wenn Sie es so sehen wollen, Ja. Ich bin in einem Harem aufgewachsen, wie eine orientalische oder indische Prinzessin aus den alten Sagen und Märchen. Mir fehlte es an nichts, aber ich habe nur selten und wenn dann in nur in Begleitung männlicher Verwandter einen Fuß vor die Palasttore gesetzt.
Das fand jedoch ganz ein Ende als ich in das gebärfähige Alter kam. Danach war auch das für mich tabu. Erst wenn ich keine Kinder mehr bekommen können würde, hätte ich mit meinem Gemahl oder anderen Verwandten durch die Welt reisen dürfen“, sagte sie ruhig, wartete aber nicht die Reaktion des Doktors ab, sondern sprach gleich weiter.
„Das hat niemand von den Einheimischen jemals hinterfragt, denn damit haben wir nur die Tradition der Rajas und Maharajas fortgesetzt, die das Gebiet in der Vergangenheit beherrscht hatten. Und ich selbst ... nun es hat zwar Zeiten gegeben, in denen ich mich danach sehnte, die Welt zu sehen, die ich nur durch diverse Aufzeichnungen in schriftlicher und bildlicher Form erkunden konnte, aber ich habe es als gehorsame Tochter meines Clans hingenommen, dass sie mir in den nächsten sechzig bis siebzig Jahren verschlossen sein würde.“

Sie lächelte traurig, als sie an den traurigen Tag dachte, in dem ihr die ehrwürdige Älteste Anjali eröffnet hatte, dass sie mit der ersten Blutung auch die Pflichten und Gebote für die Frauen des Clans erwarteten und die Ausflüge mit den Brüdern, Vettern und Onkeln in die Berge des Karakorum und Himalaja oder die Besuche an den Stätten der Vergangenheit ein Ende hatten.

„Unsere Gäste und Geschäftspartner wurden nur in den Niederlassungen des Clans in den großen Städten Asiens wie etwa Mumbai, Shanghai, Tokio und Peking empfangen, weil man ihnen ersparen wollte in die Einöde zu reisen. In den Palast kam niemand, der nicht von unserem Blut oder dem unserer treuen Diener war ...“
Und wer es dennoch versucht hatte, um hinter das Geheimnis zu kommen ...
Shirin verdrängte die Gedanken an die beiden kaltblütigen Morde an all zu neugierigen als harmlosen Wanderern verkleideten Männer, die sie in ihrer Jugend miterlebt hatte und beschloss diesen Fakt zu verschweigen.
„Glauben sie mir, Fremde verirrten sich kaum in diese entlegene Region. Das Karakorum-Gebirge ist wie der angrenzende Himalaya und andere Teile Zentralasiens auch im dreiundzwanzigsten Jahrhundert eine immer noch wenig erschlossene Region mit einer geringen Bevölkerungsdichte. Es mag zwar einige Touristenorte bei den Basislagern für die wagemutigen Bergsteiger geben, aber die lagen weit genug entfernt von unserer Festung.“

„Schön und gut. Das war alles sehr interessant und erhellend – wenn es denn wahr ist.“ James T. Kirk musterte sie trotz seiner kritischen Worte längst nicht mehr so misstrauisch. „Und was hat Sie Miss Singh, dann dazu gebracht, ihre Familie zu verlassen? Was hat ausgereicht, mit den Traditionen zu brechen, in die Sie hineingeboren sind, nachdem Sie ja doch ganz gut damit zurechtgekommen zu sein scheinen?“

Shirin bemerkte, dass er sie mit ihrem richtigen Namen angesprochen hatte, wobei er besondere Schärfe in den Namen Singh gelegt hatte.
Nun kam also der Moment, vor dem es ihr die ganze Zeit gegraust hatte. Den sie selbst nur ungern wieder aus dem Winkel ihres Geistes hervorholte, in den sie ihn verbannt hatte. Ihre Stimme klang deshalb ziemlich heiser, als sie ihm antwortete: „Ein schwerer persönlicher Schicksalsschlag brachte mich kurz nach meinem fünfzehnten Geburtstag dazu, über Sinn und Zweck meines bisherigen Lebens nachzudenken und die Konsequenzen daraus zu ziehen.“

‚Nachdenken’ war untertrieben. Die Verzweiflung hatte sie in eine unbändige Wut gestürzt und Hass auf die Ältesten entfacht, der auch jetzt wieder aufflammte und in ihr brodelte. Sie musste sich dazu zwingen, die Fingernägel nicht in die Haut ihrer Arme zu drücken und sich selbst Kratzer zuzufügen, so wie damals, als sie aus dem Munde Deepraks die niederschmetternde Nachricht erfahren hatte.
Tränen der Trauer wie andere hatte sie danach jedoch niemals mehr geweint, sondern stattdessen geschwiegen und in den kommenden Monaten den Groll in ihrem Herzen gepflegt, vor allem als sie durch ihren Ur-Ur-Großvater auch noch Zugriff auf die Geheimnisse der Ältesten bekommen und die ganze Wahrheit über ihren Verlust erfahren hatte.

„Und um was handelt es sich bei diesem Schicksalsschlag?“, hakte Kirk unerbittlich nach.

Natürlich reichte eine vage Antwort nicht aus. Shirin schloss die Augen. Was hatte sie auch anderes erwartet? Und machte es jetzt noch etwas aus, das zu verschweigen? Sie hatte den Schleier um sich schon so weit gelöst, da konnte nun auch noch der letzte Rest fallen. Und so sprach sie aus, was sie niemals zuvor jemandem erzählt hatte.

„Die Ältesten entschieden, das mein erstgeborener Sohn kein Recht dazu habe, weiter zu leben, weil seine Gene nicht den Erwartungen entsprachen“, stieß sie mit all dem Zorn hervor, den sie immer noch in sich fühlte.
„Ich weiß, wie schwer es für Sie sein muss, das zu glauben, heute wo es zahllose Möglichkeiten gibt, nicht gewollten Kinder ein Leben in Liebe und Hoffnung zu ermöglichen, aber es ist die Wahrheit. Sie haben ihn umgebracht!“
Sie holte tief Luft.
Ihre Stimme zitterte, als sie dann hinzufügte: „Mein Kind war vielleicht ein genetischer Rückschlag zu den Anfängen des Zuchtprogramms, aber ansonsten kerngesund und mehr als lebensfähig. Als ich das herausfand, war es für ihn bereits zu spät - und da zerbrach etwas in mir!“

 

* * *

 

“Mein Gott, was sind das denn nur für barbarische Sitten! Das geht da ja zu wie auf einem Hinterwäldlerplaneten”, stieß Leonard McCoy sichtlich erzürnt und entsetzt hervor. „Wie ist das in unseren Zeiten nur möglich? Diese Leute sollte man...“

„Pille ...“ gebot Jim den Worten seines besten Freundes Einhalt. „Es ist jetzt nicht an uns, diese Taten zu beurteilen, auch wenn sie jede Charta der Menschlichkeit verstoßen.“ Der Arzt verschluckte seine letzten Worte und brummelte nur wütend etwas Unverständliches vor sich hin.

Auch ihn ließ die Offenbarung der schwarzhaarigen Frau nicht kalt. Obwohl er bei ihren vorherigen Ausführungen skeptisch geblieben war, weil die Vorstellung, dass das Erbe des größten Tyrannen der eugenischen Kriege doch noch irgendwie überlebt hatte, einfach zu phantastisch klang, bei diesen letzten Worten war er jedoch bereit ihr zu glauben.
Denn in diesem Moment war jede Maske gefallen und hatte die wahre Shirin Kazan – er verbesserte sich Shirin Kazane Singh - enthüllt. Solch ein Schmerz und diese tiefe Verzweiflung waren nicht gespielt. Konnten einfach nicht gespielt sein!
Sie mochte vielleicht genetisch aufgewertet sein ... aber er sah jetzt – sie war auch ein Mensch mit Gefühlen, tiefen Verletzungen und Wut. In gewisser Weise, wenn auch lange nicht so stark, konnte er den Zorn auf ihre Verwandten nachfühlen, wenn er an seinen Stiefvater zurückdachte.

Er riskierte einen Seitenblick zu Spock. Auch im Gesicht des ersten Offiziers arbeitete es, als er die Worte der Schwarzhaarigen zu verarbeiten suchte. Vulkanier mochten zwar logisch denken und ohne Emotionen handeln, aber sie waren nicht so kalt, dass sie Kinder ermordeten, die nicht ihren Erwartungen entsprachen.
Das hatte er im Ungang Spocks mit seinem Vater Sarek beobachten können. Die Zuneigung des älteren Mannes zu seinem Sprössling blieb zwar verhalten und dezent, aber sie war dennoch vorhanden.
Und die Vulkanier achteten das Leben zu sehr, um ihren eigenen Nachwuchs umzubringen, nur weil er ihren Vorstellungen vielleicht nicht entsprach, sondern versuchten ihn nach allen Kräften zu fördern. Spock musste das wissen, immerhin war er ein Mischling ... etwas, was das Volk seines Vaters eigentlich nicht gerne sah und was er auch von anderen wohl zu spüren bekommen hatte.

„Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt“, sprach Shirin Kazan dann überraschend weiter, als wolle sie die Erinnerungen verdrängen, die in ihr wühlten und dem Verhör endlich ein Ende machen. „Ich bereitete alles so gut ich konnte vor, floh bei Nacht und Nebel aus der Festung und wanderte alleine durch die Region Ladakh in das tibetische Hochland. In einem Kloster buddhistischer Nonnen fand ich liebevolle Aufnahme und irgendwann wieder Frieden in mir selbst.
Allerdings erkannte ich ein paar Monate später, dass ich nicht mein ganzes restliches Leben so verbringen wollte und konnte. Deshalb reiste ich nach Kalkutta und kaufte mir mit den verbliebenen Edelsteinen meiner Brautgabe eine falsche Identität, schlug mich eine Weile mit verschiedenen Gelegenheitsarbeiten als Bedienung und Reinigungskraft durch, ehe es mir gelang, in einem schulischen Förderkurs unterzukommen und dann an einem Auswahlprogramm der Sternenflotte teilzunehmen. Den Rest meines Lebenslaufs kennen sie aus meiner Personalakte.“

Die Schwarzhaarige straffte ihren Rücken und stand jetzt wieder kerzengerade da. Sie machte sich keine Mühe mehr, die übliche Maske aufzusetzen. In ihrem Gesicht und vor allem in den Augen zeichnete sich daher deutlich ihre seelische Erschöpfung ab. Egal, was er sagen würde, jetzt würde sie es vermutlich einfach hinnehmen.
Doch war das ein Wunder nach ihrem Geständnis? Jim sah sehr genau, wie viel sie das gekostet hatte ... und doch auch, dass sie auf der anderen Seite erstaunlich erleichtert wirkte, so als ob sie selbst nun froh darüber zu sein schien, sich endlich jemandem anvertraut zu haben.

Ihm als Captain oblag es nun, über ihr Schicksal zu entscheiden. Weise und klug zum Wohl des Schiffes zu handeln und doch das zu tun, was ihm Verstand und Herz sagten. Aber nicht jetzt, wo die Worte noch so frisch waren, dass sie in ihm nachhallten.
Er musste sie erst einmal sacken lassen, am besten eine Nacht darüber schlafen. Erst in etwas mehr als fünfzig Stunden würden sie Sternenbasis 47 – Vanguard - erreichen, und bis dahin war noch genug Zeit, um das Gehörte zu beurteilen.

„Ich danke Ihnen für ihre Offenheit und ihr Vertrauen, Miss Kazan“, entgegnete Jim deshalb sanft und ermutigend, zog aber dennoch eine klare Grenze. „Durch ihr Geständnis haben Sie es uns leichter gemacht, Sie und ihr Verhalten zu verstehen, auch wenn das natürlich nur der Anfang sein kann.“

„Ich verstehe, Sir.“ Die Schwarzhaarige sah zu Boden. „Wie lauten Ihre Befehle?“

„Doktor McCoy halten Sie es für ratsam Ihre Patientin noch weiter unter Beobachtung zu stellen?“, wandte sich Jim hochoffiziell an seinen Freund.
Der zuckte zusammen, schien er doch aus irgendwelchen Gedanken gerissen worden zu sein. „Auf jeden Fall. Die Untersuchungen von Miss Kazan sind noch nicht ganz abgeschlossen, und außerdem habe ich sie noch nicht wieder gesund und diensttauglich geschrieben“, entgegnete er trocken.

„Gut, dann würde ich vorschlagen, ziehen wir hier erst einmal einen Schlussstrich und vertagen die weitere Besprechung, auf einen anderen Zeitpunkt, da jetzt andere Pflichten auf mich warten“, entschied er kurzerhand.
„Meine Herren, meine Dame, Ihre Enthüllungen waren jedoch sehr aufschlussreich und bringen uns, was unser Problem auf der Enterprise betrifft, vielleicht endlich weiter“, sagte er als Captain und richtete dann seinen Blick auf die Schwarzhaarige, die unwillkürlich Haltung annahm. „Yeoman Kazan ich weise Sie an, mit dem Doktor in die Krankenstation zurückzukehren und dort seinen Anweisungen zu folgen, bis ich Sie wieder rufen lasse ...“

Chapter Text

Ein Crewman hatte sich beim Sport eine Sehne im rechten Bein gezerrt, ein anderer klagte über Bauchschmerzen, wollte aber nicht sagen, was er gegessen hatte, weil er sich entweder schämte oder Strafe fürchtete, weil er irgend etwas Verbotenes an Bord geschmuggelt hatte und nun die Quittung dafür zahlte.
Das waren aber alles Fälle die er erst einmal den anderen Ärzten überlassen konnte, weil sie zur täglichen Routine gehörten. So lange bis die Untersuchungen anderes ergaben ... auch wenn er das nicht hoffen wollte.

Leonard McCoy stützte den Arm auf den Tisch und starrte nachdenklich auf den Bildschirm vor sich. Das gab ihm die Zeit, sich noch einmal der Krankenakte von Shirin Kazan zu widmen und die Angaben zu überprüfen, die sie gemacht hatte.
Es gab untrügliche Zeichen, ob eine Frau schon einmal ein Kind geboren hatte, und diese besaß auch die junge schwarzhaarige Frau. Weitere Analysen der Mineralkonzentration in ihren Knochen bestätigten auch ihre regionale Herkunft. Die Werte ließen sich tatsächlich auf das Dach der Welt eingrenzen und erklärte nun einige andere Untersuchungsergebnisse. Denn auch Herz und die Lungen waren an ein Leben in größeren Höhen angepasst.

Er stützte sein Kinn auf eine Hand. Sie hatte tatsächlich nicht gelogen ... und das hatte er nach ihrer geistigen psychologischen Verfassung auch nicht mehr glauben wollen. Zwar war eine gesunde Portion Misstrauen geblieben – man hatte ja gesehen, wohin die Ehrlichkeit Khans geführt hatte, aber ...

Wut kochte in ihm hoch, als er an ihre Erzählung dachte. „Wenn ich die Bastarde in die Hände kriege, die ein unschuldiges Kind einfach sterben ließen oder gar selbst umgebracht haben, dann können die was erleben!“, grollte er leise, während sich bei dem Gedanken an die Tat alles in ihm sträubte.
Er nahm seinen hippokratischen Eid sehr ernst. Die Bewahrung des Lebens stand für ihn an erster Stelle und er verachtete die Subjekte ... Menschen mochte er nicht einmal mehr dazu sagen ... die nicht einmal vor Neugeborenen halt machten.

Es sprach für Shirin Kazan, dass sie sich trotz ihrer genetischen Aufwertung, nicht damit abgefunden und ihr Herz verhärtet hatte. Das zeigte, dass doch noch eine ordentliche Portion Menschlichkeit in ihr steckte.
Er grinste böse.
Niemand, nicht einmal eine ganze Horde allwissender Übermenschen hätte die Bindung einer Mutter zu ihrem Kind, das sie neun Monate in ihrem Leib getragen hatte, unterschätzen sollen, denn das hatte nicht nur etwas mit simpler Biochemie zu tun, sondern auch mit Psychologie, mit der komplexen Welt der Gefühle.
In seiner Zeit als Landarzt hatte er den einen oder anderen Fall erlebt, wo selbst gleichgültige junge Mütter, die ihre Kinder eigentlich schon zur Adoption hatten freigeben wollen, doch noch umgeschwenkt waren, nachdem sie das erste Mal ihren Nachwuchs in die Arme genommen hatte.
Da waren Stolz und Freude gewesen ... innige Liebe gegenüber dem neuen Leben, das sie nach der langen Zeit in den Armen hielten. Zwar waren diese Gefühle bei einigen nach ein paar Tagen wieder erloschen, aber längst nicht bei allen.

Nachdenklich schaltete er auf einen der Monitore in Beobachtungsraum 3 und seufzte zufrieden. Die schwarzhaarige Frau lag , eingehüllt in eine Decke, die sie eng um sich gewickelt hatte, auf dem Bett. Sie schien jetzt endlich zu schlafen, wenn er die Biowerte richtig deutete.
Das war auch gut so, denn das half zumindest ihrem Körper sich zu erholen und vielleicht auch ihrem Geist.. Es war wichtig, ihr erst einmal ihren Frieden zu lassen - nach dem heftigen Geständnis, das nicht nur ihr an die Nieren gegangen war ...

Er schüttelte wieder den Kopf, fassungslos über das, was er gehört hatte. Aber für ihn klang nicht abwegig, was sie über die Vergangenheit erzählt hatte. Ja, bis zu einem gewissen Grad war für ihn sogar nachvollziehbar, was die Wissenschaftler und Anhänger der Augments im Sinn gehabt hatten.

In der Geschichte der Menschheit hatte es immer Anstrengungen gegeben, die natürliche Evolution zu betrügen. Genozid, gezielte künstliche Befruchtung, die Manipulation von Genen – gerade das 20. und 21. Jahrhundert waren voll von Experimenten dieser Art, die moralische Grenzen in Fragen gestellt und oftmals überschritten hatten.

Auch wenn man es im Zusammenspiel mit anderen Rassen heute besser wusste, die ähnliche Forschungen betrieben und sich damit dem Untergang nahe gebracht hatte, die Unbelehrbaren gab es immer noch. Er wollte nicht wissen wie viele Ärzte heute noch gegen die Gesetze verstießen und sich das gut genug von den Eltern bezahlen ließen, damit diese ihre ‚perfekten’ kleinen Wunderkinder erhielten und nicht nur sicher sein konnten, dass diese nicht mehr unter Erbkrankheiten leiden würden.

Der menschliche Geist ging ohnehin seltsame Wege, wenn er von einer fixen Idee überzeugt war. Abstruse Sekten gab es in seiner Heimat, fernab der Metropolen weiß Gott noch immer genug, eine schlimmer als die andere, warum also nicht auch auf der anderen Seite der Welt, wo man die moralischen Grenzen immer noch weniger eng sah und durch die Traditionen nach ständiger Verbesserung und Überlegenheit strebte?

Die Menschheit mochte ja inzwischen das All erobert haben, aber ob sie sich wirklich schon so weit entwickelt hatte, wie es sich die Idealisten und Träumer unter ihnen wünschten, war zu bezweifeln. Die Ereignisse des letzten Jahres hatten wieder einmal vor Augen geführt, dass selbst diejenigen, die geschworen hatten, es besser als ihre Vorfahren zu machen, an deren Fehlern zu lernen, bereit dazu gewesen waren, für ihre Besessenheit von einer fixen Ideen alle möglichen Grenzen zu überschreiten.

Er fühlte plötzlich Sympathie für die junge Frau, die so mutig aus ihrem behüteten früheren Leben ausgebrochen war, obwohl sie die Gefahren, gekannt haben musste, die sie in der großen weiten Welt erwarteten.
Dabei dachte er nicht nur an die Flucht durch eine unwirtliche Region, nein, die letzten zehn, zwölf Jahre ... das Versteckspiel, kombiniert mit der Angst vor Entdeckung ... mussten nicht gerade einfach für sie gewesen sein.
Andererseits hatte sie aber auch gelernt, sich anzupassen und war damit vielleicht menschlicher geworden, als ihrem „Clan“ lieb sein würde. Für ihn war das jedenfalls kein genetischer Rückschlag, sondern eher der Beweis, das irgendjemand von den ganzen Genetikern doch etwas richtig gemacht hatte ...

Dann schaltete er das Bild wieder weg und widmete sich den biochemischen Analysen des zweiten Virus und der Antikörper aus dem Blut der schwarzhaarigen Frau, die er aus der Forschungsabteilung erhalten hatte.
Obwohl Shirin Kazan einer späteren Generation der Augments und nicht der allerersten wie Khan angehörte, unterschied sich ihr Blutbild nur in den üblichen Faktoren wie Blutgruppe und Rhesus Faktor von dem seinen, alles andere – vor allem die Teile, auf die es ankam - waren so gut wie identisch, was wohl an dem Zuchtprogramm lag.
Er wollte gar nicht wissen, wie viel Inzucht ihr Clan in den letzten Generationen betrieben haben musste, wenn sie – laut eigener Aussage – nicht mehr nachträglich behandelt worden war.

Die Analysen bestätigten allerdings auch seine Befürchtungen, was den Virus und seine verschiedenen Stadien der Mutation betraf.

Bei allen Auswertungen spielte die DNA-Sequenz, auf die ihn die junge Frau selbst hingewiesen hatte, eine wichtige Rolle. Gehörte sie vielleicht zu dem legendären Meta-Genom, das Shirin Kazan erwähnt hatte und als körperlich Betroffene wohl besser kennen musste als er und viele andere Wissenschaftler, die gerade einmal Thesen und Theorien der vergangenen dreihundert Jahre vom Hörensagen her kannten?
Ob sie noch mehr darüber wusste, als sie gegenüber ihm und Spock erwähnt hatte? Er war sich ziemlich sicher, dass sie noch etwas vor ihnen verheimlichte. Nun, es würde interessant und hoffentlich nicht zu anstrengend sein, das aus ihr heraus zu kitzeln.

Die biochemischen Analysen waren sich allerdings auch in einer anderen Sache einig, die ihm ebenfalls Kopfzerbrechen machte – vor allem nach dem Abgleich mit DNA von humanoiden Kolonisten höherer Generationen, die sich bereits ihrer Umwelt angepasst hatten, ja selbst die anderer nichtmenschlicher Spezies: Der „Muster-Strang“ war zu weit entwickelt, um einer der derzeit bekannten Völkers des Universums zu gehören.

Interessanterweise fehlte dieser Vermerk bei den Enparos-Daten. Entweder hatten die damaligen Biochemiker nicht genug Vergleichswerte herangezogen, das ganze einfach übersehen oder diese Erkenntnisse warne einfach entfernt worden ...
Er grübelte mit verkniffenen Gesicht weiter.
In den Datenbanken der Förderation hatten sich ohnehin nur wenige Hinweise finden lassen, selbst als er sie mit seinen persönlichen Autorisierungscode angefordert hatte. Wenngleich auch das nicht unbedingt etwas heißen musste, wie sie jetzt wussten ...

Nein, das machte sie Sache nur noch komplizierter, denn wenn die Grundlage allen Übels – dieses verdammte „Meta-Genom“ - bereits im 20. Jahrhundert für das „Chrysalis-Projekt“ verwendet worden war ... wie war es dann zum Teufel vor gut dreihundert Jahren auf die Erde gekommen und in die Hände von skrupellosen Wissenschaftlern geraten?
Wie hatten diese es mit ihrer primitiven, vorsintflutlichen Technik dann überhaupt schaffen können, es mit menschlichen Genen zu kombinieren, um Khan und seine Spießgesellen zu züchten?
Voller Grauen dachte er an die Museumsstücke des medizinischen Museums in New York – Scanner und Operationstische wie aus dem Gruselkabinett, Chemieküchen und Labore, in denen mit gefährlicher Strahlung, giftigen Stoffen und vor allem unzureichenden Schutzvorkehrungen munter drauflos experimentiert worden war, vor allem in der Zeit zwischen dem zweiten und dem dritten Weltkrieg als die Paranoia und der Hass dem Wahnsinn einiger Forscher Tür und Tor geöffnet hatten.

Nein, dass Rätsel wurde eher größer als kleiner und ließ sich immer wieder in die dunkelste Zeit der Menschheit zurückverfolgen!

Doch es brachte ihn vom Thema ab, wenn er das jetzt weiterverfolgte und sich da hinein verbiss, so faszinierend es auch sein mochte. Der Forscher in ihm bedauerte es, der Chefarzt der Enterprise wusste, dass er im Moment, an das Wesentliche zu denken hatte.

Dass hieß immer noch ...

Woher stammte der Virus der ersten Generation, der mit einem Unbekannten auf Enparos VII ausgesetzt worden war, um eine abgeschiedene Forschungsstation zu infizieren?
Weshalb waren später alle Indizien aus den offiziellen und geheimen Logs gelöscht worden, die auf ihn hätten hinweisen können?
Wieso befand sich eine neue Form des gleichen Virus gerade jetzt auf der Enterprise, der noch viel länger unentdeckt geblieben wäre, wenn nicht ausgerechnet die Person, die seine Fortentwicklung begünstigt hatte, ihn unwissentlich aufgespürt hätte?

Wie er schon Spock gegenüber gesagt hatte, bevor sie den Captain miteinbezogen hatten: Da stank etwas zum Himmel. Und zwar nicht unbedingt aus der Richtung von Yeoman Shirin Kazan, der er mittlerweile glaubte, was sie sagte ... auch wenn da immer noch ein Rest von Argwohn blieb.

Die fehlenden Informationen über die eigentlichen Drahtzieher hinter der Kontamination der Container waren das größte Problem und die Augment ein Schlüssel dazu, der immer noch im Schloss klemmte, aber andererseits konnte er auch keine Antworten aus ihr herauspressen, dann wäre er nicht besser als die Bastarde, die vermutlich hinter allem steckten. Was er vor allem im Umgang mit ihr brauchte, waren die Geduld und natürlich auch die Zeit, um auch die letzten Informationen aus ihr herauszukitzeln.

Die junge Frau mit der illustren Vergangenheit und den besonderen Genen erwies sich jedenfalls immer mehr als die Verbündete, die sie brauchten, um einem Rätsel auf die Spur zu kommen, das ungeahnte Gefahren in sich barg, welche er jetzt noch nicht einmal abzuschätzen wagte ...

Andererseits standen dem aber die Dienstvorschriften der Sternenflotte im Wege und die bestimmten in einem solchen Fall die Überstellung der Person an das Hauptquartier zur weiteren strafrechtlichen Untersuchung ...

 

* * *

 

„Nun Spock – was haben ihre Recherchen ergeben?“ Jim blickte über die Schulter seines ersten Offiziers und betrachtete das Wirrwarr an offenen Fenstern, während er an die letzten zwei Stunden zurückdachte, die einiges an neuen Informationen erbracht hatten.

Dank des Schattenlogs der Materialentnahmeliste war es Fähnrich Chekov nun auch in den anderen Logs und Protokollen möglich gewesen, die Signatur der Löschungen zu bestimmen und so mit der entsprechenden Suchmaske herauszufinden, wo und wann Daten entfernt worden waren, wenngleich auch keine der fehlenden Inhalte wiederhergestellt werden konnten.

Dazu hätte man direkt auf die physischen Originaldatenbanken und ihre Speicherkristalle zurückgreifen müssen ... Immerhin reichten die Informationen jetzt aus, um Yeoman Kazans Aussagen vom Zeitablauf her zu verifizieren. Und vor allem die Löschungen waren auf Sternenbasis 2 selbst vorgenommen worden. Commander Epps. Admiral Marcus. Wer sonst? Die Spur verdichtete sich immer mehr zu einer unangenehmen Wahrheit, vor der er nicht mehr die Augen verschließen konnte.

Spock hatte die delikatere Recherchen nach der Familie Shirin Kazans übernommen, um festzustellen, ob aktive Verbindungen zwischen diesen und dem ehemaligen Kreis um Admiral Marcus bestanden.

„Der Singh-Clan, agiert tatsächlich sehr zurückhaltend“, sagte der Vulkanier so leise, so dass nur der Captain es hören konnte. „Sie halten in vier Konzernen mit biochemischer und pharmazeutischer Ausprägung die Aktienmehrheit, in sieben weiteren aus verschiedenen anderen Industriebereichen und im Transportwesen sind sie zumindest mit großen Anteilen vertreten.
Insgesamt ziehen sie es aber vor, eher als stille Teilhaber und verdeckte Leiter der wissenschaftlichen Abteilungen zu agieren und treten nur dann in der Öffentlichkeit auf, wenn es sich nicht vermeiden lässt.
Das passt tatsächlich zu dem Bild, das Yeoman Kazan von ihrer Familie gezeichnet hat. Sie haben über Mittelsmänner und –firmen Verträge mit der Sternenflotte, liefern regelmäßig und ohne Beanstandungen wichtige Medikamente für die menschliche Besatzung.“

Er aktivierte die dreidimensionale Aufzeichnung eines gesellschaftlichen Ereignisses vor opulenter, japanisch gestylter Kulisse und zoomte dann auf eine kleine Gruppe von Figuren, die dezent im Hintergrund standen, vergrößerte sie entsprechend. „Das stammt von einer Gala in Tokio aus dem Jahr 2256. Dies hier ist Sanjeev Khan Singh, das offizielle Oberhaupt des Clans.“

„Khan ...“ Jim betrachtete sich das Gesicht des bärtigen Mannes genauer. Dessen Haut war erstaunlich dunkel, genau so wie seine Augen, aber auch er machte nicht wirklich den Eindruck, reinrassiger indischer Abstammung zu sein. Viel Ähnlichkeit zu seinem berüchtigten Vorfahren hatte er aber trotzdem nicht.
Kerzengerade, fast steif stand der Mann da und schien mit einem ruhigen Lächeln die Umgebung zu beobachten. Ein weißer Turban nach indischer Art und die dazu passende langärmlige Jacke, einzig durch einen bestickten Kragen und eine kostbare Edelsteinbrosche verziert, deutete an, woher er stammte und welchen gesellschaftlichen Rang er einnahm. Wie alt er eigentlich war, konnte man nicht einschätzen, aber das zerfurchte Gesicht ließ auf mindestens achtzig menschlicher Jahre schließen, auch wenn es durchaus einige mehr sein konnten.

„Neben ihm befindet sich Anjali Singh, mehrfach als wissenschaftliche Leiterin der Forschungsabteilung des Singh-Konsortiums in Mumbai bezeichnet.“

Die Frau, in einen reich aber geschmackvoll bestickten himmelsfarbenen Sari gehüllt, der ihren blaugrauen Augen und ihrer schlanken Gestalt schmeichelte, war nicht minder beeindruckend und würdevoll. Auch sie wirkte trotz ihres faltigen Gesichts und der silbergrauen Haare erstaunlich alterslos ... außerdem war da eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit zu Shirin Kazan, vor allem um die Augen und den Mund herum.

„Und das hier ist Deeprak Singh“, Spock deutete auf einen ernst wirkenden jungen Mann Ende Zwanzig, der verdeckt hinter den beiden älteren Personen und halb im Schatten stand, so dass man sein bartloses Gesicht kaum erkennen konnte. „Vermutlich ein jüngeres Familienmitglied und eine Art Leibwächter.“ Auch er trug einen Turban und eine weiße, allerdings eher ärmellose Jacke ohne auffällige Verzierungen ... sah man einmal von den drei seltsam geformten Armreifen ab, die an einem seiner nackten muskulösen Oberarme saßen.

Jim runzelte die Stirn. Er hatte diesen Schmuck schon einmal gesehen, nur wo und wann? „Was ist das da eigentlich?“ fragte er und deutete auf die ungewöhnliche Zierde des jungen Mannes, kreiste selbst den Punkt ab und forderte eine Analyse an.

„Bei den drei Armreifen handelt es sich jeweils um einen Chakram, wenngleich auch in modifizierter Form“, erwiderte Spock „Faszinierend. Diese Waffe wurde in der Vergangenheit nur von einer Gruppe von irdischen Kriegern geführt, den Sikh, Angehörigen der indischen Kriegerkaste. Es heißt, sie sei in den richtigen Händen sehr effektiv Mordwaffen gewesen.“

Jim biss sich auf die Lippen und erinnerte sich wieder. So wie in den Händen Khans ... nein des Khan, den er in seinem Traum gesehen hatte. „Weitere Bilder gibt es nicht?“, fragte er dann.

„Nicht viel mehr und wenn dann gleichen sie diesen, Captain.“ Spock zeigte ihm eine Reihe von Bildern, die ebenfalls von offiziellen Anlässen oder Kongressen stammten, selten aber mehr als drei oder vier Angehörige des Singh-Clans zeigten und vor allem niemals eine junge Frau in Shirin Kazans Alter.“

„Danke Mr. Spock“ Kirk rieb sich über das Kinn. Es waren nur Kleinigkeiten, aber sie machten das Geständnis der Yeoman noch glaubwürdiger. Dennoch ermahnte er sich auch weiterhin zur Vorsicht.
Sie konnte ... nein, ein Clan mit so rigider Tradition würde wohl kam eine ihrer potentiellen jungen Mütter auf ein Schiff der Sternenflotte einschleusen, sondern vermutlich eher einen ihrer jungen Männer, so jemanden wie diesen Deeprak ... verwarf er schnell einen kurz aufkeimenden Gedanken.

„Ich werde Ihnen die wichtigsten Informationen noch einmal zusammenfassen“, merkte Spock dann an und schloss die Dateien mit einem kurzen Befehl, um neue abzurufen. „Ich habe Chief O’Hara übrigens beauftragt, herauszufinden woher die Sicherheitscontainer, genauer ihre Einzelteile stammen. Er sollte dabei auf jede Ungereimtheit achten.“
„Und, was kam dabei heraus?“
„Einige sehr interessante Dinge“, erwiderte Spock. „Auf den ersten Blick ist alles normal verlaufen. Die Lieferwege und der Zusammenbau der Container erfolgten wie schon in den letzten zwanzig Jahren auf den üblichen Wegen. Nichts davon lässt sich jedoch auf Fabriken zurückführen, die mit dem Singh-Clan zu tun hatten.
Sie wurden fertiggestellt und bis auf Abruf in einem der beiden großen britischen Depots eingelagert. Allerdings gab es in dem Lager vor acht Monaten eine überraschende Sicherheitsüberprüfung des Sternenflottengeheimdienstes im Rahmen der Untersuchungen der terroristischen Aktivitäten von Commander John Harrison in und um London. Der Befehl zur Durchsuchung wurde übrigens von Lieutenant-Commander Ellen Willington abgezeichnet, ehemalige Stellvertreterin und derzeitige Nachfolgerin von Commander Epps auf Sternenbasis 2.“

Jim stieß zischend die Luft aus und sah seinen ersten Offizier an, der seinen Blick erst fragend erwiderte, dann aber mit einem Zucken der Augenbraue verstand. Und wieder ließen sich Verbindungen knüpfen, die vorher keinem aufgefallen waren und doch nur wieder Schlimmes erahnen ließen. „Der Zeitrahmen für eine mögliche Sabotage der Container ist zwar knapp bemessen, ist aber logisch betrachtet sehr wahrscheinlich, Captain.“

In diesem Moment wurden sie allerdings beide aus ihren Gedanken gerissen, denn Lieutenant Uhura tauchte neben ihnen auf und meldete sich zu Wort. Sie schenkte Spock kurz ein warmes Lächeln, dann wandte sie sich Jim zu und meldete: „Sir, Admiral Thompson möchte sie auf einem abgesicherten Kanal sprechen.“

Der Captain runzelte die Stirn. Schon wieder? Das war bereits das dritte Mal in vier Tagen ... und das machte ihm mittlerweile ziemliche Kopfschmerzen, denn das hatte wieder nichts gutes zu bedeuten ...
„Bitte legen Sie das Gespräch schon einmal in meinen Bereitschaftsraum. Ich bin gleich dort“, sagte er zu dem dunkelhäutigen Lieutnant und seufzte, als er sich auf den Weg machte, um heraus zu finden, welche neuen Hiobsbotschaften auf ihn warteten.

Chapter Text

„Kopf hoch, Kindchen! Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird!“ Shirin, die bisher still im Bett gelegen und nur die Wand angestarrt hatte, schreckte instinktiv hoch und stand, ehe sie sich versah abwehrbereit neben dem Bett, musste sich dann jedoch abstützen, weil sie ein Schwindelgefühle erfasste. Dabei glitt die Decke aus ihrem Griff und fiel zu Boden.

‚Das also zum Thema Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle!’, dachte sie ernüchtert und lehnte sich gegen die Liege, um erst einmal heraus zu finden, wer sie aus ihrer Lethargie geschreckt hatte.

In den letzten Stunden hatte sie zwar auch geschlafen, aber vermutlich genau so lange einfach nur dagelegen und über ihre Zukunft nachgedacht, den diese war immer noch völlig offen, ja sogar ungewiss.
Dazu kamen Scham, Selbstvorwürfe und Wut gegen sich selbst und die bittere Erkenntnis hatte sie erfasst, dass sie jetzt wo sie den Führungsoffizieren der Sternenflotte alles gestanden hatten, zur schlimmsten Verräterin in der Geschichte ihres Clans geworden war, die eigentlich nur noch eines verdiente den Tod.
Vielleicht zu recht, denn mit ihrem Geständnis hatte sie die auch die unschuldigen Mitglieder der Familie in Gefahr gebracht. Denn sie durfte nicht vergessen, dass die Führungsoffiziere der Enterprise dazu verpflichtet waren, auch das Wohl der Erde im Auge zu behalten, und jede Gefahr zu melden. Das würde eine genauere Überprüfung des Singh-Clans mit sich ziehen ... und damit würde das Schicksal aller besiegelt sein, selbst der Kinder, die ...

Dem aufgestauten Zorn, der sie dazu gebracht hatte, alles zu erzählen, war noch während der Rückkehr in die Krankenstation einer Ernüchterung gewichen, die ihr jegliche Kraft raubte und die Schuldgefühle um so mächtiger auf sie einhämmern ließen.

„O je... Was ist denn nur los?“ fragte Schwester Reynolds besorgt, riss sie damit aber wenigstens aus ihren Gedanken. „Ich glaube, ich sollte mit dem Doktor schimpfen. Es sieht ja ganz so aus, als hätte er Sie mit seiner ruppigen Art völlig verschreckt, Miss Kazan. War es denn etwas so Schlimmes, was er Ihnen mitgeteilt hat, dass Sie so verschreckt reagieren?“

„Ver ... schreckt?“, stammelte Shirin und beugte sich vorsichtig hinunter, um die Decke aufzuheben. Erst dann sah sie die ältere Frau an. Diese musste wohl schon so einiges mit ihren Patienten erlebt haben, dass es sie jetzt nicht mehr schockierte, wenn sich jemand innerhalb einer Sekunde in die Senkrechte und auf die Beine befördert hatte, obwohl er noch fest zu schlafen schien. Jeder andere hätte vermutlich aus Schreck das Tablett fallen gelassen, dass sie noch immer in den Händen hielt.

„Nein ... nein ... es ist schon in Ordnung“, wehrte Shirin verlegen ab und kletterte hastig in das Bett zurück. Erst als sie die Decke über sich gezogen hat, trat Schwester Reynolds näher und lächelte sie warmherzig an. „Ein nahrhaftes Frühstück füllt den Magen und besänftigt die Gedanken. Ich hoffe, ich habe Dinge angefordert, die sie gerne mögen“, erklärte sie freundlich.

Shirin nahm das Tablett entgegen und stellte es auf der Fläche ab, die die ältere Frau als behelfsmäßigen Tisch ausfahren ließ. Sie schnupperte. Zwar waren die Gefäße noch verschlossen, um das Aroma und die Wärme zu halten, aber sie nahm Düfte wahr, die sie schon lange nicht mehr so wahrgenommen hatte, eigentlich nicht mehr, seit sie ihre Heimat verlassen hatte ...

Vorsichtig nahm sie den Becher zur Hand und löste die Abdeckung. Chai! Das war echter Masala Chai und nicht nur die Version, die man hier aus den Automaten abrufen konnte und eher dem westlichen Geschmack angepasst war, sondern echter Chai.

„Ich dachte mir, ein unverfälschter Hauch von Heimat könnte gut tun. Und da ich Chandra Patel aus der Wäscherei recht gut kenne ...“, schmunzelte sie, „habe ich ihn einfach einmal gefragt, was man in Indien frühstückt. Den Chai hat er selbst zubereitet.“

Shirin sah die Schwester überrascht und gleichzeitig gerührt an, versuchte diesem Moment als das zu sehen, was es war – als nette Geste, die von Herzen kam, um sie aufzumuntern, als Hoffnung ... auf etwas, an das sie selbst im Moment nicht glauben wollte. Denn ihre Zukunft und das Schicksal ihres Clans hingen noch immer in der Schwebe, ihr Schicksal lag in den Händen dreier Männer, die selbst an Regeln gebunden waren.

 

* * *

 

„Admiral Thompson!“ Jim lehnte sich zurück und sah den Mann, der nach Alexander Marcus die Leitung der Sternenflotte übernommen hatte, fragend an.
Immerhin hatte sich der Grauhaarige mit den warmen dunkelgrauen Augen schon in seiner Zeit als Captain durch besonderes Fingerspitzengefühl, Toleranz und ein gutes Händchen für Diplomatie ausgezeichnet. Er galt als einer der Personen, die den Krieg nur als letztes Mittel sah.
So war zu hoffen, dass er nicht auf die gleichen irrsinnigen und den Prinzipien der Förderationen widersprechenden Ideen kam wie sein Vorgänger. „Ist etwas geschehen, weil sie sich innerhalb so kurzer Zeit ein weiteres Mal mit mir in Verbindung setzen? Gibt es wieder Ärger mit den Klingonen ...“

„Noch nicht, aber die Lage spitzt sich zu, James. An der neutralen Zone ist es noch ruhig auch wenn die Tiefenscanner der Relaisstationen vermehrte Schiffsbewegungen auf der anderen Seite der Grenze orten konnte. Vermutlich ziehen die Klingonen ihre Schiffe zu Flotten zusammen, aber noch ist nicht abzuschätzen, wann und wo sie vorstoßen, nur dass sie es tun werden ist wohl sicher.
Das diplomatische Korps hat seine Bemühungen jedenfalls verstärkt, um den Konflikt mit ihnen auf friedliche Weise zu lösen. Aber bisher gab es keine Reaktionen auf unsere Einladung zu einer Friedenskonferenz, stattdessen kamen Spott und Drohungen zurück, und man fordert immer noch die Herausgabe derjenigen, die auf Kronos eine ganze Einheit auslöschten“, erwiderte der Admiral ruhig. „Aber damit sollten sie sich jetzt nicht beschäftigen, Captain.“
Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und faltete die Hände. „Ihre Anweisungen bezüglich der Taurus-Region bleiben allerdings bestehen, zumal ich einerseits über den Geheimdienst einen weiteren Bericht erhalten habe, der Sie interessieren dürfte ...“ Er hielt einen Moment inne. „... und es zum anderen auch eine traurige oder bedenkliche Nachricht aus der Gegend gibt, die sie im Auge behalten sollten. Der direkte Kontakt mit der ‚U.S.S. Hope’, einen Forschungsschiff der „Reliant“-Klasse, das im Vexus-System nahe der Taurus-Region operiert hat, ist abgebrochen, nachdem diese eine Kontamination durch einen unbekannten Krankheitserreger gemeldet und Captain Smith die Quarantäne verhängt hatte. Nur noch die automatischen Systeme antworten.“

„Soll ich den Anflug auf Sternenbasis 47 abbrechen, Sir und der ‚Hope’ zur Hilfe eilen?“, horchte Jim auf. Ein kalter Schauer rann über seinen Rücken, auch wenn er im Moment nicht zuordnen konnte, warum dem so war.“

„Nein, Jim, das brauchen Sie nicht, denn es sind bereits zwei andere Schiffe auf dem Weg zur ‚Hope’. Ich hoffe, sie kommen noch rechtzeitig und können irgendjemanden retten, aber ich befürchte das Schlimmste. Vermutlich bleibt uns nur noch die reine Bergung.“, erklärte Thompson ernst. „Aber ich möchte sie bitten, die Rückkehr der ‚Savior’ und der ’Defiant’ abzuwarten und sich mit den beiden Captains und deren Offizieren zu besprechen. Auch hier erhalten sie die Informationen, die mir bisher vorliegen. Im Gegensatz zu ihrer anderen Order bitte ich sie diesmal nicht um Stillschweigen gegenüber ihren Führungsoffizieren.“

„Danke Sir! “ erwiderte Jim. Der Admiral registrierte seinen nachdenklichen Blick und lächelte dann dünn. „Sie sehen besorgt aus, Kirk. Ist etwas auf ihrem Schiff vorgefallen, was ich wissen sollte?“

Jim zuckte unmerklich zusammen, überspielte dies dann aber mit einer seiner typischen Gesten. „Nein Sir“, verschwieg er seinem obersten Vorgesetzen bewusst die letzten Ereignisse, weil er es plötzlich für angebracht hielt. „Nein ... auf der Enterprise läuft alles wie am Schnürchen. Nur die üblichen kleinen Probleme, die sich auf so langen Reisen immer ergeben. Ich habe mich nur gefragt, warum wir nicht wirklich zur Ruhe kommen ... die Klingonen, und nun die Taurus-Region ...“

„Nun, die Vision von einer vollkommen friedlichen Erkundung des Weltraums ist wohl nur etwas für Idealisten und Träumer“, der Blick des Admirals wurde wärmer.
„Und ich muss zugeben, ich würde mich auch freuen, wenn wir das endlich einmal uneingeschränkt könnten und nicht immer nur Enttäuschungen erleben müssten. Auch ich habe mich in jungen Jahren immer gefragt, warum die Schatten der Vergangenheit und nur all zu vertraute Konflikte zwischen den Sternen vorherrschen, jedoch nie eine Antwort gefunden, die mich wirklich zufrieden stellte. Sie werden das auch noch verstehen lernen, Kirk, aber ich rate ihnen eines ... lassen sie sich von all diesen negativen Erfahrungen nicht mitreißen und zerstören.“
Er legte die Rechte auf seine Brust. „Urteilen Sie auch weiterhin mit dem Herzen und ihren ureigenen menschlichen Instinkten, dann werden Sie immer einen Weg finden, Probleme auch ohne die Waffe in der Hand oder mit möglichst geringem Einsatz von Gewalt zu lösen. Sie haben das Zeug dazu, wie mir Christopher Pike mehrfach sagte ... und mittlerweile glaube ich das auch.“

 

* * *

 

„Denebulanisches Fl ... Was zum Teufel hat das jetzt schon wieder zu bedeuten?“ Leonard Mc Coy ließ sich mit dem Rücken gegen die Lehne seines Stuhls sinken und lachte spöttisch auf. Die ersten Zeilen des Berichtes kamen ihm seltsam vertraut vor. „Verdammt noch mal, wenn das nur ein dummer Zufall sein sollte, dann fresse ich einen Besen ...“

Erst vor halben Stunde hatte Jim ihm den Bericht des Captains der ‚U.S.S. Hope’ zukommen lassen und gebeten umgehend einen Blick auf die Daten, vor allem die medizinischen Informationen zu werfen.
Und die waren – ausgehend von den Ereignissen der letzten Tage und nüchtern betrachtet ... mehr als alarmierend, denn es gab deutliche Parallelen zu den Vorgängen, die er schon kannte.
Erwischt hatte das Fieber zunächst einen Crewman, der für die Sicherheit der Vorräte und Fracht inklusive der verantwortlichen Lagerräume verantwortlich gewesen war, dann hatten zwei seiner Kollegen unter den gleichen Symptomen geklagt, und schließlich auch das medizinische Personal und ...

Angespannt beugte er sich wieder vor und studierte genauer, was sein Kollege an Bord der ‚Hope’ in sein Dossier über die Entwicklung des Fiebers und geschrieben hatte.
Er hatte zuerst denebulanisches Fleckfieber diagnostiziert, dann aber, als die Therapien nicht wirkten, alles noch einmal genauer unter die Lupe genommen und so endlich den ihm unbekannten Erreger entdeckt. Daraufhin hatte er den Captain gebeten, die Quarantäne über das Schiff auszurufen. Den ersten Infizierten hatte das allerdings nicht mehr retten können – und vermutlich auch nicht den Rest der Crew.
Glücklicherweise hatte das Schiff in dieser Zeit wenigstens keine dokumentierten Kontakte zu anderen gehabt, wenn man von der Untersuchung eines Mondes mit allen Charakteristiken der Klasse M im Schatten eines Gasriesen absah.

„Computer ...“, sagte er dann nachdenklich. „Abgleich der hier vorliegenden Analysewerte mit denen von Probe SK-1a-21c.“ Die Antwort erschien nur wenige Sekunden später auf dem Bildschirm und wurde ebenfalls im Sprachmodus ausgegeben. „Die Analyse ergab eine Übereinstimmung von 98,61 % bei Berücksichtigung aller Parameter.“

„Sieh an ... sieh an ... Das habe ich mir doch schon fast gedacht“, murmelte er mit gerunzelter Stirn. Einem Vulkanier wie Spock hätte diese Genauigkeit vielleicht nicht ausgereicht, um nun offen eine Vermutung zu äußern, aber für ihn zementierte sich sein erster Verdacht nur noch mehr.

Er aktivierte den Interkom um eine Verbindung zum ersten Offizier herstellen zu lassen. „Mr. Spock haben sie sich bereits mit den vom Captain übermittelten Daten beschäftigt?“

„Gehe ich recht in der Annahme, dass sie sich erkundigen wollen, ob die ‚U.S.S. Hope’ Sicherheitscontainer an Bord hatte?“, erwiderte der erste Offizier ruhig, so als hätte er seine Gedanken gelesen. „Ich habe gerade eine entsprechende Frage an die Sternenflotte gestellt und erwarte nun die Antwort.“
McCoy verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. Dieses verfluchte Spitzohr war ihm doch immer einen Schritt voraus! Aber wenigstens ersparte ihm das all zu komplizierte Erklärungen und Diskussionen.
„Gut dann halten Sie mich auf dem Laufenden sobald sie die Antwort haben. McCoy Ende“, schaltete er die Verbindung wieder ab und stützte die Ellenbogen auf den Tisch.

Schließlich entschied er sich dazu, noch einmal von einer Datei zur anderen zu schalten und grübelte dabei darüber nach, ob er sich vielleicht eine weitere Meinung einholen sollte, die zwar niemals offiziell sein konnte, weil dieser jemand kein diplomierter Mediziner war, aber durchaus das nötige Wissen besaß, um die Werte richtig zu deuten. Außerdem bestand die Chance, dass sie nun endlich mit dem herausrückte, was sie zudem zu wissen schien.

 

* * *

 

Jim schaltete den Bildschirm ab, nachdem er den Bericht und die dazugehörige Alpha-Order noch einmal gelesen hatte und schüttelte dann den Kopf. Das unselige Erbe von Admiral Marcus überdauerte also noch immer dessen Tod und die Enthüllung seiner Machenschaften. Das bedeutete, der Befehl, die Sektoren an den Grenzen nach Ressourcen, Relikten und potentiellen Verbündeten zu durchsuchen, die in einem möglichen Krieg nützlich sein konnten, galt also weiterhin.

Die ‚U.S.S. Hope’ war eines der vier Schiffe gewesen, die immer wieder kleine Vorstöße in die Taurus-Region wagten und nach etwas suchten, was nicht klar definiert wurde. Dabei nahm man nicht nur für humanoide Wesen bewohnbare oder belebte Planeten in Augenschein, auch einfache Felsen, die durchs All trieben schienen von gewissem Interesse zu sein – und das nicht nur aus Sicht der Astronomen, die so die kosmischen Katastrophen in der Region nachzuvollziehen versuchten. Weitere Informationen waren leider nicht abrufbar – ob nicht vorhanden oder so hoch klassifiziert, dass er keinen auf sie Zugriff bekam, konnte er nicht einmal sagen.

Die ‚Hope’ und ihre Schwesterschiffe schienen nicht die einzigen zu sein, die dort nach etwas suchten. Die ‚U.S.S Reliant’ hatte erst vor ein paar Wochen die Signatur eines romulanischen Schiffes übermittelt, das in einem Sonnensystem mit komplett zertrümmerten Planeten in der Nähe der tholianischen Grenze nur kurz in Sensorenreichweite erschienen und dann wieder verschwunden war.
Zwei andere Schiffe ohne Kennung hatten sich ebenfalls schleunigst aus dem Staub gemacht – vermutlich weil es sich um umtriebige Händler oder Schmuggler handelte, die einer Begegnung mit Schiffen der Sternenflotte viel lieber aus dem Weg gingen.

Eine weitere Begegnung der ‚Reliant’ mit einem zivilen Schiff voller privater Forschungsreisender war wesentlich besser dokumentiert worden, und gerade diese hatte alle Alarmglocken in ihm klingeln lassen, waren dort doch einige Namen gefallen, die noch immer frisch in seinem Gedächtnis waren ...

Er hob den Kopf, als sich die Tür öffnete und sein erster Offizier den Raum betrat.
„Captain ...“ Der Vulkanier zog eine Augenbraue hoch. Jim ließ die Sorgenfalten auf seiner Stirn verschwinden und schloss das Dossier. „Ich hoffe, ich störe Sie nicht, bei etwas Wichtigem.“
„Nein, das tun Sie nicht, Spock“, entgegnete Jim lächelnd. „Sie halten mich eher vom Grübeln ab. Wie sieht es aus? Was haben ihre Anfragen ergeben?“

„Die ‚U.S.S Hope’ hatte einen Sicherheitscontainer an Bord, der aus dem gleichen Lager stammt wie die beiden kontaminierten, die wir gefunden haben.“ Er hielt inne. „Chief O’Hara untersucht derzeit mit Lieutnant Marcus und einigen Technikern einen weiteren Container aus dieser Lieferung, aber ich habe noch keine Nachricht darüber, ob sie etwas gefunden haben.“

„Das heißt also ... die ‚Hope’ hatte das gleiche Problem wie wir, nur nicht das Glück, das die Viren rechtzeitig entdeckt wurden ...“ Er presste die Lippen aufeinander. „Wie lange noch bis wir Sternenbasis 47 erreichen?“

„31 Stunden und 24 min, Mr. Chekovs letzten Berechnungen zufolge“, erfolgte die nüchterne Antwort und dann: „Captain ... Jim ... ich sehe, dass Sie noch ein anderes Problem sehr beschäftigt. Wenn Sie meinen Rat benötigen, dann stehe ich gerne zur Verfügung.“

„Ich weiß Spock ... und ich werde gerne auf ihr Angebot zurückkommen ... nein, das stimmt nicht: Ich weiß, ich muss bezüglich Yeoman Kazan bald eine Entscheidung treffen, ehe wir Vanguard erreichen, um weitere notwendige Maßnahmen in die Wege zu leiten, die in einem solchen Fall vorgeschrieben sind ... aber ...“

Er sah zu Spock hoch, der für einen Moment überrascht stutzte, sich dann aber wieder fing und die unausgesprochene Frage verstand. „In Anbetracht der Tatsache, dass Yeoman Kazan entscheidend zur Sicherheit des Schiffes beitrug, indem sie die Kontamination entdeckte ... wichtige Hinweise auf die Herkunft des Erregers lieferte ... und ein ausführliches Geständnis ablegte ... kann ich verstehen, dass Sie die Dienstvorschriften außer Acht lassen und sie an Bord behalten möchten“, sagte er dann ruhig. „Aber ich bitte auch zu bedenken, dass diese nicht ohne Grund so formuliert wurden und durchaus Sinn machen.“

„Ja, ich weiß, Spock ... und ich habe nicht vergessen, zu welchen Greueltaten Miss Kazans Vorfahr fähig war.“ Jim rieb sich über das Gesicht und spürte Khans Schläge auf seinem Körper, hörte das Knacken von Admiral Marcus Schädelknochen und Carol Marcus’ gellenden Schrei, als sei es gestern gewesen.
„Genau das aber macht die Entscheidung so schwer. Können wir uns sicher sein, dass sie – nun da die Katze aus dem Sack ist – weiterhin geistig und seelisch so stabil bleibt wie in den Jahren ihres Versteckspiels und nicht die gleichen Anwandlungen bekommt, wie ihr Stammvater Khan ...“