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Gute Nacht

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A/N: I posted this fic on Ao3, and on Ao3 alone. If you read this on any other website or platform, please consider that I did not consent to this.


 

“Zwei Würstchen im selben Topf!“

„Im Schlafrock!“ Thiel nahm einen weiteren Schluck aus der Weinflasche, die der Herr Professor ihm spendiert hatte, und seufzte. „Sie sind mir echt eine Hilfe… frag mich sowieso, was ich hier überhaupt noch mache…“ Und er lehnte sich ein wenig an Boerne, um nicht vom Seziertisch zu fallen, denn so langsam wurde ihm ein wenig schwummrig von all dem Alkohol und dem Gelächter und…

„Da ich Ihnen im Moment fachlich und intellektuell gar nichts zu bieten haben, könnte es vielleicht sein, dass sie mich irgendwo in Ihrem kleinen Herzchen… am Ende sogar doch… mögen, hm?“

Boernes Finger piekste ihn in die rechte Brust, und Thiel starrte ein wenig verwirrt nach unten. Es half auch nicht gerade, dass er durch die Brille des Herrn Professor nur verschwommen sehen konnte. Ihm wurde langsam schlecht, oder was war das seltsame Kribbeln in seinem Oberbauch?

Ob er Boerne mochte?

„Könnten Se Recht haben,“ nuschelte er. Und dann, weil er sich diese Gelegenheit wirklich nicht entgehen lassen konnte, fügte er noch hinzu: „Aber mein Herz ist hier.“ Er versuchte, sich auf die linke Brust zu tippen, was mit der Weinflasche in der Hand gar nicht so einfach war.

„Hm? Ah so… na, is ja egal, wo es is.“ Boerne musste lachen, und er stimmte mit ein. Zumindest, bis ihm wieder schlecht wurde. Und Boerne ihn wieder so von der Seite ansah. So… besorgt?

Langsam ließ er sich wieder gegen Boerne sinken, und der ließ es kommentarlos geschehen. Thiel schloss seine Augen. Die Welt hörte langsam auf, zu schwanken. Boernes Schulter war warm und gemütlich und vielleicht, nur vielleicht kuschelte er sich noch ein wenig näher an ihn.

„… mal hier hin…“

„Hm?“ Die warme Stimme des Professors riss ihn aus seinem Dämmerzustand. „Ham Se was gesagt?“

„Ich sagte, jetzt legen Sie sich erst mal hier hin… und dann…“

Boerne rutschte ruckartig vom Seziertisch und Thiel, dem seine Stütze fehlt, knallte unsanft auf die kalte Metalloberfläche.

„Ahh… verdammt…“ Das würde Kopfschmerzen geben morgen…

„Bleim Se einfach da liegen, dann machen Se nix kaputt,“ scherzte Boerne, der auf einmal über ihm schwebte und ihm die halb volle Weinflasche aus den Fingern und die Brille vom Gesicht nahm. Sie hatten doch gleich viel getrunken, wie konnte Boerne so vergleichsweise nüchtern sein?

Aber Thiels Kopf war zu schwer und zu wattig, um sich noch viele Gedanken darüber zu machen, denn nach einer unbestimmten Zeit kam Boerne wieder, und er hatte seinen Mantel vom Garderobenständer geholt, und den breitete er jetzt über Thiel, der sich dankbar hineinkuschelte.

„Jetzt rutschen Se aber mal n Stück, ja?“

„Mhh…“ Er gab sich Mühe, aber er konnte nicht wirklich sagen, ob er sich tatsächlich vom Fleck bewegt hatte. Alles, was er wusste, war, dass Boerne auf einmal hinter ihm lag, auf einem Seziertisch, der für zwei Erwachsene dann vielleicht doch ein wenig schmal war. Vielleicht hätten sie doch auf dem Boden schlafen sollen. Was, wenn einer von ihnen vom Tisch fiel in der Nacht und sich eine Gehirnerschütterung holte?

Aber dann schlüpfte Boerne unter die Decke und den Mantel, mit dem er Thiel vorhin zugedeckt hatte, und trotz des kalten Metalls wurde ihm auf einmal ganz warm. Boerne war so nah bei ihm, so nah, dass er ihn berühren könnte, wenn er wollte. Und dann legte Boerne auch noch seinen Arm um Thiels Schultern.

„Gute Nacht, Thiel…“ Boernes Stimme war leiser geworden, fast nur noch ein Murmeln irgendwo zwischen Thiels Schulterblättern.

Und Thiel spürte, wie sein kleines Herzchen auf einmal ganz groß wurde.

„Gute Nacht, Boerne… Sagen Sie…“ Er versuchte, sich auf den Rücken zu drehen, um Boerne anzuschauen, aber dazu reichte der Platz auf dem Seziertisch wirklich nicht aus. „Boerne, wissen Sie…“

„Ja?“

„Wissen Sie…“ Er fühlte die plötzliche Anspannung in seinen Fingern, die sich an der Decke festhielten ebenso wie in Boernes Oberarm. Sein Herz klopfte so laut und aufgeregt, und die Trunkenheit von eben verflüchtigte sich langsam. Irgendwie hatte er ja doch gehofft, dass der Herr Professor direkt eingeschlafen wäre. Aber sein Herz war so groß und so schwer und so voll mit kribbeligen Gefühlen und es pochte so schnell, dass er wusste, er würde es sich nicht verzeihen, wenn er jetzt wieder einen Rückzieher machen würde. Wie er das schon so oft getan hatte.

„Wissen Sie, Herr Professor, eigentlich… bin ich mir ziemlich sicher, dass Sie Recht haben.“

„Ja, das habe ich für gewöhnlich, ja… oder was meinn Se jetzt?“

Thiel seufzte. „Nix, nich so wichtig.“

„Ach, geht es wieder um Ihr Herz?“ Er fühlte Boerne hinter sich nicken. „Wissen Se, Thiel… ich mag Sie nämlich… auch.“ Boerne tätschelte seine Brust, und diesmal erwischte er tatsächlich die linke Seite. „Wenn in Ihrem kleinen Herzchen… noch ein Platz für mich ist?“

„Für Sie?“ Thiel konnte sich das Lächeln, das sich auf seinem schläfrigen Gesicht ausbreitete, nicht verkneifen. „Für Sie wird da immer Platz sein. Und nur für Sie, da habe ich sogar einen ganz besonderen Platz. Wissen Sie?“

„Oh, ich glaube, ich weiß, was Sie meinen…“

Boerne bewegte sich hinter ihm, richtete sich halb auf, und Thiel nutzte den frei werdenden Raum, um sich etwas weiter in seine Richtung zu drehen, bis er zumindest die Decke sehen konnte. Oder hätte sehen können. Wenn sein gesamtes Blickfeld nicht mit dem vom Notausgangsschild grünlich beleuchteten Gesicht Boernes ausgefüllt wesen wäre.

Der folgende Kuss war umständlich und ein wenig unbeholfen, und Thiel fühlte sich unfreiwilligerweise an seinen ersten Kuss erinnert, bei dem er sich zu schnell nach unten gebeugt und dem armen Jungen beinahe die Nase gebrochen hatte. Sie waren sechzehn gewesen und wahrscheinlich ähnlich betrunken wie er und Boerne gerade. Aber Boernes Mund fühlten sich besser an. Sein Bart kratzte ein wenig, fast so, wie Thiel sich das immer vorgestellt hatte, doch seine Lippen waren ganz warm und weich und vorsichtig. Und Boerne war wenigstens langsam genug, um ihm nicht die Nase zu brechen.

Allzu lange hielten sie es in ihrer leicht verkrampften Position aber beide nicht aus. Als sich ihre Lippen wieder voneinander lösten, konnte Thiel das breite, glückliche Grinsen nicht länger zurückhalten. „Ja, genau das meine ich.“

„Gut. Dann wissen wir ja… wie wir das… also…“

So selbstbewusst, wie Boerne sich gerade eben noch gegeben hatte, so schüchtern war er jetzt, und Thiel streckte vorsichtig eine Hand nach oben, um ihm über die Wange zu streichen.

„Ich liebe dich…“

Fast hätte er mit einem ironischen Kommentar gerechnet, einem „Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen das Du angeboten zu haben“ oder „Für Sie immer noch ‚Herr Professor‘“, doch Boerne lächelte nur zurück.

„Ich dich auch…“

Während Boerne sich vorsichtig wieder hinter ihn legte und Thiel sich zurück auf die Seite drehte, versuchte er, sein müdes, leicht benebeltes Gehirn davon zu überzeugen, dass das gerade wirklich passiert war. Dass Boerne ihn geküsst hatte. Dass sie immer noch hier nebeneinander lagen.

Aber dann legte Boerne wieder seinen Arm um ihn, und diesmal traute Thiel sich sogar, sich etwas näher an ihn zu kuscheln. Mit einem glücklichen Seufzer schloss er die Augen. Nein, das hier musste wirklich sein. Sich mit Boerne in der Rechtsmedizin zu betrinken und auf dem Seziertisch zu knutschen könnte er sich niemals ausdenken. Das war zu schön und zu perfekt. Er griff nach Boernes Hand und drückte sie, wie um sich zu versichern, dass er tatsächlich da war.

„Gute Nacht, Frank.“

Das Lächeln in Boernes Stimme ließ Thiel noch ein kleines bisschen mehr schmelzen.

„Gute Nacht, Herr Professor.