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Alles, was uns bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, die nie wieder kehrt

Chapter Text

Prolog

Erinnerungen verfolgen dich.
Lassen dich nicht mehr los.
Brennen sich in deinen Gedanken fest.
Rauben dir den Atem.
Bringen dich um den Schlaf.
Können nicht ignoriert werden.
Bis sie deine einzige Realität sind.

-

Klaas konnte ein genervtes Grummeln nicht unterdrücken.
„Mach endlich mal Ordnung auf deinem PC! Kein Wunder, dass du nix wieder findest“, äffte er leise Thomas’ Stimme nach, die ihn mit den Worten zurück in sein Büro geschickt hatte, nachdem er zum tausendsten Mal fluchend durch die Flure gelaufen war. Dieser verdammte Computer wollte einfach nicht so wie er. Was konnte er denn bitte schön für diese verfluchte Kiste! Entweder war er langsam wie eine Schnecke oder stürzte direkt ab. Und einfach mal das finde, was er brauchte, war auch nicht drin. So konnte er nicht arbeiten.
„Nimm dir einfach mal die Zeit deinen ganzen Müll zu sortieren! Da würde ich auch den Überblick verlieren.“
Einfacher gesagt als getan, dachte Klaas, während er jetzt so durch die Ordner klickte. Es waren wirklich tausende Bilder und Dokumente, die teilweise nicht mal vernünftig beschriftet, geschweige denn sortiert waren. Weder nach Show noch nach Jahr. Und es hatte sich einiger Müll über die Jahre zusammen gesammelt. War immer wieder neu übertragen worden, von einem Pc auf den Nächsten. Ohne dabei zu kontrollieren, ob er es überhaupt noch gebrauchen konnte. Eher nicht, aber man wusste ja nie. Alte Bilder aus MTV Home Zeiten, NeoParadise Ausschnitte, Circus HalliGalli Momente, Duell um die Welt Reisefotos, Mein bester Feind Aufgabenlisten, Konzepte für Die beste Show der Welt, … Die Liste schien nach nur einem Kurzen Blick endlos zu sein.
Seufzend fuhr Klaas sich mit der Hand durch die Haare und lehnte sich zurück. Es würde Stunden dauern das alles zu sortieren und zu benennen. Dafür hatte er heute absolut keine Zeit. Joko war auf dem Weg nach Berlin für einen Dreh. Sie mussten heute noch eine Aufgabe für Joko und Klaas gegen Pro7 über sich ergehen lassen. Bis dahin hatte er eigentlich nichts besseres zu tun. Da musste er wohl in den sauren Apfel beißen.
Klaas stützte das Kinn auf seiner Hand ab und starrte auf den Bildschirm.
„Na, dann wollen wir mal..“

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Kapitel 1

 

„Na, dann wollen wir mal..“

Klaas wusste überhaupt nicht, wo er anfangen sollte. Was machte am meisten Sinn? Nach Shows sortieren? War zumindest mal ein Anfang. Wie viele Ordner mussten es dann sein? Circus HalliGalli, MTV Home, Late Night Berlin, NeoParadise, Duell um die Welt, Die Beste Show der Welt, Mein bester Feind, 

Die Liste schien wirklich endlos zu sein. Das sich in den wenigen Jahren so viel Müll angesammelt hatte, ließ Klaas den Kopf schütteln. Brauchte er das ganze Zeug überhaupt noch? Er presste die Lippen fest aufeinander bei dem Gedanken einfach alles in den Papierkorb zu verschieben. Das würde er am Ende ja doch nur bereuen.

Hier ein Foto, da eine Skizze, noch ein Songtext..

Klaas war nicht immun gegen die Reise in die Vergangenheit. Er ertappte sich dabei, wie er die Texte noch einmal durch ging, die Bilder noch einmal genauer betrachtete.

Erinnerungen flammten in ihm auf, als er seine Zeichnungen der Tattoos für Mein bester Feind in den entsprechenden Ordner schob. Die Idee zu dem Teil der Show war eher spontan entstanden. Wie die meisten Aktionen in ihren Shows. Dabei hütete er bis heute das Geheimnis des Babyelefanten auf dem Segway..

 

Das Telefon wollte heute überhaupt nicht mehr still stehen. Von einem Gespräch ins Nächste. Jeder wollte etwas von ihm. So kam es, dass Klaas die meiste Zeit des Vormittags in seinem Büro am Schreibtisch verbrachte. Richtig Multitaskingfähig war er noch nie gewesen, sodass neben dem telefonieren alles andere warten musste. Abwesend kritzelte er mit seinem Stift auf dem Zettel herum, während er versuchte seinem Gesprächspartner auf der anderen Seite der Leitung zu folgen.

„Ich bitte dich. Wie oft willst du mich noch fragen, ob das mein Ernst ist? Die Aufgabe ist doch wie geschaffen für den Winterscheidt. Und wenn ich es mal so sagen darf, verhältnismäßig ungefährlich für unsere Verhältnisse. Also mach mir die Idee nicht kaputt!“

„Mag ja sein, aber das kann doch nur böse enden.“

„Böse enden? Ist das jetzt dein Ernst? Wie war das letztes Jahr mit Finnland?“

Thomas seufzte am anderen Ende.

„Ich weiß, du willst deine Rache..“

„Oh, das ist noch untertrieben. Ich will, dass er leidet. Und das ist der leichteste Weg. Macht er es, wird’s peinlich! Macht er es nicht, Vorteil für mich!“

„Wie du willst. Kann dich ja eh nicht davon abbringen. Mit den Konsequenzen wirste aber selber zurecht kommen müssen.“

„Jaja, ich weiß.. Blabla saufen. Blabla endlich erwachsen werden. Erspars mir bitte!“, sagte Klaas und lehnte sich zurück. Ungeduldig klopfte er mit dem Stift auf den Schreibtisch. Sein Plan würde aufgehen. Die neuen Aufgaben für das Duell um die Welt mussten in diesem Jahr noch einen Schritt weiter gehen. Dabei würde er sich nicht mal mehr an Joko’s Höhenangst halten. Dieses Mal hatte er andere Pläne. Er musste einen Weg finden um so einfach wie möglich Joko die Punkte zu klauen.

Die heftige Niederlage aus Finnland würde ihm bis in alle Ewigkeiten nachhängen und obwohl er immer wieder die schöne Österreich MAZ rausholen konnte, war ihm das nicht genug. Die Leute hatten ja sogar Mitleid mit Joko, wie er da heulend in der Felswand hing. Das konnte er nun wirklich nicht gebrauchen.

„Ich kümmer mich um die Details“, stimmte Thomas dann schlussendlich seufzend zu. „Aber du solltest wirklich noch mal in dich gehen, ob es das wirklich wert ist.“

Klaas bekam nicht mehr die Gelegenheit zu antworten, bevor die Verbindung getrennt wurde. Nachdenklich legte er das Telefon zur Seite. Was hatte Schmitti damit schon wieder gemeint? Ob er Joko den gleichen Vortrag letztes Jahr gehalten hatte? Bestimmt nicht.

Grummelnd setzte er sich auf und starrte auf die Zettel, die überall auf seinem Schreibtisch verteilt waren. Sie waren in den letzten Vorbereitungen für die erste große Mein bester Feind Show, die sie in zwei Wochen aufzeichnen wollten. Thomas war dafür schon mal zum Berliner Tempelhof gefahren um die Aufbauarbeiten zu beaufsichtigen.

Er selber war erst vor wenigen Tagen noch mit zwei Kandidaten auf der Zugspitze gewesen, wo sie eine Aufgabe gedreht hatten. Eigentlich war dieses Format immer mehr Jokos Ding gewesen, aber jetzt mussten sie sich die Einspieler teilen. Es würde bestimmt nicht gut ankommen, wenn er die Aufgaben alle an Joko weiter reichte.

So schlimm wie er es befürchtet hatte, war es ja auch gar nicht gewesen. Aber mit fremden Menschen auf Tuchfühlung zu gehen, war auch nach all den Jahren nicht seine Lieblingsbeschäftigung.

Im Gegensatz zu Joko. Der nutze jede Gelegenheit für eine Umarmung. Ob er die Person nun 5 Jahre oder 5 Minuten kannte. Spielte für Joko keine Rolle. Er schaffte es binnen weniger Minuten eine Verbindung zu seinem Gegenüber aufzubauen, was Klaas selbst bei seinen engsten Mitarbeitern nicht zustande brachte. Manche nannten es kaltherzig, emotional verkrüppelt. Aber es gehörte einfach zu ihm. So wie niemand Joko’s Emotionalität in Frage stellte. Vielleicht waren sie deswegen so ein gutes Team. Gegensätze, die nicht gegensätzlicher sein konnten. Und doch…

Klaas stoppte in seinen Bewegungen. Stocksteif blickte er auf das Papier vor sich. So in seinen Gedanken vertieft hatte er nicht bemerkt, wie er den Stift über das Papier bewegt hatte. Wie langsam ein Bild entstanden war. Kein Kunstwerk. Keine detailgetreue Zeichnung. Das brachte er im Leben nicht zustande. Aber eine kleine Figur. Ein Elefant. Genauer gesagt ein Babyelefant. Mit Schutzhelm. Auf einem…

„Klausi!!“

Klaas zuckte beim Klang der Stimme heftig zusammen. Griff sich das erstbeste Blatt Papier und schob es über die Zeichnung. Schon im nächsten Moment öffnete sich seine Bürotür und Joko blickte ihn grinsend an.

„Klausi, ich hab gerade mit Thomas gesprochen. Scheint alles gut auszusehen da drüben. Jetzt müssen wir uns noch die letzten Aufgaben für den Parcour überlegen.“

Noch immer brachte Klaas keinen Ton raus. Sein Herz raste. Seine Hände fühlten sich schwer an. Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum. Sollten dort nicht sein. Hatten da schon lange nichts mehr zu suchen. Das war Vergangenheit. Geschichte. Längst abgehakt. 

Atme, befahl er sich selbst. Lass dir nichts anmerken!

„Klaas?“, hakte Joko leise nach, als er keine Antwort bekam. Fragend blickte er Klaas an, fast schon sorgenvoll.

Dieser zwang sich dazu zu reagieren, irgendwie zu reagieren und nicht einfach nur zu schweigen. Er räusperte sich und lehnte sich so lässig wie möglich in seinem Stuhl zurück. Blickkontakt. Auch dazu zwang er sich, sonst würde Joko nur noch skeptischer werden und nachfragen. Und einen neugierigen Winterscheidt konnte er gerade wirklich nicht gebrauchen.

„Ja, ich… ich hab auch gerade mit ihm gesprochen. Scheint alles nach Plan zu laufen.“

„Das wird so gut. Ich kann es kaum erwarten zu starten.“

Aufgeregt lief Joko vor seinem Schreibtisch auf und ab und rieb sich die Hände.

„Mit HP hab ich schon gesprochen. Der ist auf jeden Fall dabei. Sabine ist bei den lustigen Clips auch mit an Bord. Die Jungs gehen gerade mit ihr alle durch und treffen eine Auswahl.“ Er ließ seinen Blick über den Schreibtisch schweifen. So unauffällig wie möglich schob Klaas einige Blätter zusammen und räusperte sich noch mal.

„Prima! Dann steht doch das meiste schon.“

„Kann sein. Aber wir brauchen noch ein Highlight. So einen richtigen Knaller!“

Klaas atmete einige Male tief durch. Konzentration. Kopf einschalten. Darin war er gut. Das konnte er machen. Das würde er hinkriegen.

„Dann überleg doch mal. Was ist das schlimmste, was dir passieren könnte?“

„Du meinst außer irgendwo in die Höhe zu müssen?“

Das zauberte nun ein Grinsen auf sein Gesicht. „Ja, abgesehen von Höhe.“

Joko verzog nachdenklich das Gesicht, ließ sich auf einen Stuhl sinken und streckte die Beine von sich. Dabei faltete er die Hände über seinem Bauch und starrte an die Decke.

„Wo ist denn bei den meistens Menschen eine Grenze erreicht?“, murmelte er vor sich hin. „Wozu würde nicht jeder direkt Ja sagen?“

Jetzt, wo Joko so in Gedanken war und die Decke nicht aus den Augen ließ, bekam Klaas die Gelegenheit ihn anzusehen. Richtig anzusehen. Sein Blick wanderte über die lange Gestalt seines Kollegen. Über die mal wieder viel zu bunten Klamotten. Über die zusammengefalteten Hände. Über sein Gesicht mit der neuen Brille und dem für seine Verhältnisse viel zu langem Bart.

Plötzlich sprang Joko auf, stütze die Hände auf dem Schreibtisch ab und beugte sich zu Klaas, der erschrocken ein Stück nach hinten rutschte.

„Ein Tattoo!“

„Was?“

„Na, es geht doch um Zeit. Wir könnten doch sagen, dass sie einen Zeitvorteil bekommen, wenn sie sich tätowieren lassen. Oder noch besser: sie müssen das machen lassen, wenn sie überhaupt weiter kommen wollen. Schließlich gehts um einen Oldtimer. Da kann man doch was erwarten.“ 

Mit offenem Mund starrte Klaas ihn an. Sagte nichts. Blinzelte ein, zwei Mal. Je länger die Stille anhielt, desto unangenehmer wurde es Joko. Dessen Euphorie fiel immer weiter in sich zusammen. Er schluckte hart. Seine Schultern sanken nach unten. Er rieb sich nervös mit Hand den Nacken.

„Ich meine, müssen ja nicht. Dachte nur weil…“

„Mensch, Winti. Das ist genial!“

 „Wirklich?“

„Na sicher. Die Redaktion versucht doch schon seit Jahren uns zu einem Tattoo zu zwingen. Jetzt benutzen wir das ganze einfach mal anders. Wird bei einigen bestimmt gut ankommen.“

Stolz richtete Joko sich auf und schob sich die Brille zurecht. Das breite Lächeln auf seinem Gesicht konnte man gar nicht falsch deuten. Nach sechs Jahren Zusammenarbeit schaffte es selbst das kleinste Lob von Klaas ihn zum Strahlen zu bringen.

„Puh und ich dachte schon, du schmeißt mir gleich irgendwas an den Kopf.“

„Ach was. Hast ausnahmsweise mal was nützliches gesagt.“

„Witzig!“

„Jaja, ich weiß. Da du ja gerade so gute Ideen hast, überleg dir mal was für ein Motiv es sein soll. Muss ja was einfaches sein, was schnell geht und nicht ewig dauert“, sagte Klaas, stand auf und machte sich wieder daran das Chaos auf seinem Schreibtisch zu sortieren. Hauptsache in Bewegung bleiben. 

Stille.

„Ich hatte vielleicht da dran gedacht“, kam es nach einigen Sekunden leise von Joko.

Ein ziemlich zerknittertes Blatt Papier schob sich in sein Sichtfeld.

Zeichnungen. Seine Zeichnungen. Sein Gekritzel.

Klaas schluckte hart und nahm das Papier in die Hand. Ließ sich damit wieder auf seinen Stuhl sinken. Ein Esel auf einem Skateboard. Eine Taube mit Bierdose. Ein Kaninchen mit einem Kackhaufen. Und noch viel mehr unsinniges Zeug, welches er während irgendeines Meetings abwesend gekritzelt hatte. Wieso hatte Joko die aufbewahrt? Fragend hob er seinen Blick.

Doch sein Gegenüber zuckte nur mit den Schultern und steckte die Hände in die Hosentaschen. Fast schon verlegen.

„Du hast die mal auf dem Tisch liegen lassen. Dachte man kann die noch für irgendwas gebrauchen. Lag damit wohl nicht so falsch.“

Wieder war Klaas sprachlos. Normalerweise war er der Sprachgewandte. Der immer einen Spruch auf den Lippen hatte. Der für alles eine schlagfertige Antwort parat hatte. Doch wieder konnte er nur stumm auf das Papier vor sich blicken.

Bis Joko seine Hand ausstreckte, sie über den Papierhaufen auf dem Schreibtisch wandern ließ und ein Blatt heraus zog. Leicht lächelnd hielt er es in die Höhe und blickte Klaas direkt in die Augen.

„Ich denke, der wird gut bei den Mädels ankommen.“

Es zeigte den Babyelefanten auf dem Segway.

 

Klaas wurde aus seinen Gedanken gerissen, als es an der Tür klopfte. Immer noch geistesabwesend schüttelte er den Kopf und versuchte zurück in die Gegenwart zu finden.

„Ja?“

Benni steckte seinen Kopf durch die Tür und wedelte mit einem Zettel in der Hand. „Ich hab hier den Ablauf für die Show am Dienstag für dich. Jakob meinte, du sollst da noch mal drüber gucken.“

„Mach ich später. Legs mir auf den Tisch!“

Mit einer knappen Handbewegung deutete Klaas auf den Schreibtisch und wandte sich wieder seinem Computer zu ohne weiter auf Benni zu achten. Der schien den Wink verstanden zu haben, denn er sagte nichts, legte das Blatt auf den Schreibtisch und verließ schnell wieder das Büro. Ließ Klaas mit seinen Gedanken alleine.

Bis heute verstand er nicht wie Joko die Zeichnung gefunden hatte. Wie er es überhaupt bemerkt hatte. Niemand bekam die Zeichnungen zu Gesicht. Nicht vor der geplanten Aufzeichnung. Darauf hatte Klaas peinlichst genau geachtet. Doch vor Joko hatte er nichts verstecken können. 

Klaas setzte sich auf, rückte näher an den Bildschirm ran und machte sich auf die Suche nach einem bestimmten Bild. Es war albern. Fast schon beschämend. Das konnte er sich heute eingestehen. 

Zum allerersten Mal war ihm der Gedanke kurz nach den Aufzeichnungen vom Duell um die Welt gekommen. In dieser Folge war er der Herausforderer gewesen. Hatte neben Jeannine gestanden und auf Jokos Weltmeisterauftritt gewartet. Als es dann dunkel im Studio geworden war und er Joko auf diesem Ding sah, hatte sich das Bild in seinen Kopf geschlichen. Hatte sich dort festgesetzt und nicht mehr losgelassen bis Klaas es irgendwie verarbeiten konnte. Der Babyelefant auf dem Segway war das Ergebnis. Wieso es ein Babyelefant geworden war? Keine Ahnung. Darüber wollte Klaas lieber nicht so genau nachdenken.

Da fand er endlich das Bild. Joko in seiner Weltmeisteruniform. Den linken Arm zur Seite ausgestreckt. Auf dem Segway.

Stumm blickte Klaas auf den Bildschirm. Er sah sich selbst, wie er im Hintergrund das Geschehen vor ihm beobachtete. Erinnerte sich, wie er das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen hatte. Erinnerte sich, wie er und Jeannine laut lachen mussten, als Joko eine Kurve zu eng genommen hatte. Erinnerte sich an den darauf folgenden kurzen Blickkontakt mit Joko, der sein Herz hatte schneller schlagen lassen. Erinnerte sich nun ebenfalls an die scharfe Maßregelung an sich selbst Joko nicht mehr so anzustarren.

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Kapitel 2

 

Natürlich hatte Klaas auch in diesem Moment seine Gefühle gekonnt hinter sarkastischen Sprüchen versteckt. Anders wusste er sich nicht zu helfen. Ausgerechnet in dieser Folge hatte Joko sich auch noch verletzt in einem der Studiospiele.

Was er in diesem Moment gefühlt hatte, ließ sein Herz noch heute rasen. Die endlosen Minuten als Joko da in dem Sandbecken gelegen hatte und sich nicht bewegen konnte, waren mit die schlimmsten in seinem Leben gewesen. In dieser Phase durfte niemand von seinen Gefühle wissen. Vor allem nicht in den Duell Situationen. Beim ‚Duell um die Welt‘ ging es um ihre Rivalität. Der Konkurrenzkampf zwischen ihnen musste für die Zuschauer so glaubwürdig wie möglich rüber kommen.

Verlegen fuhr Klaas sich bei dem Gedanken über den Nacken. Das hatte ja super geklappt. Vor allem in den letzten Episoden. Da hatte sich keiner von ihnen so richtig Mühe gegeben irgendwas zu verbergen.

Die Gefühle. Die fehlende Bereitschaft den anderen leiden zu lassen. Der Spaß hatte im Vordergrund gestanden und den hatten sie zu genüge, wenn sie zusammen waren. Daran war auch die zwischenzeitliche Trennung schuld. Ohne HalliGalli sahen sie sich nicht mehr so häufig. Standen nicht mehr jede Woche zusammen vor der Kamera. So waren diese Studiomomente selten geworden. Besonders. Kostbar.

Schmunzelnd widmete er sich wieder den Dateien auf dem Bildschirm. All die Songtexte, die er über die Jahre geschrieben hatte, schob er zusammen in einen Ordner. Ob sie für Gloria waren, für Joko und das Spontan Wenn ich du wäre, die neue Prosieben Hymne, für Duell um die Welt.. Auch diese Liste schien endlos zu sein. Wenn man ihn gefragt hätte, wären ihm niemals alle eingefallen. Aber den ersten Text für die Sendung und vor allem Jokos Reaktion darauf, würde er wohl niemals vergessen.

 

Joko bekam sich gar nicht mehr ein. Sein weibisches Gekeife hallte durchs komplette Studio und ließ Klaas irritiert zurück. Er saß hinter seinem Schreibtisch. Joko wie in den letzten Folgen auf seinem Sofa. Zusammen mit Palina sahen sie sich Klaas’ Rap Video an. Seine Antwort auf Joko’s Raptext, den er mit KIZ verfasst hatte. Doch die Reaktion war natürlich überhaupt nicht so, wie man es erwartet hatte. Oder wie Klaas es erwartet hatte.

„So, meine Damen und Herren ja..“

„Ich danke dir“, rief Joko begeistert, sprang von seinem Sofa auf und drückte Klaas einen Kuss auf die Wange. „Das ist das schönste Geschenk, was mir je einer gemacht hat.“

Klaas wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Irritiert sah er sich um. Blickte zu Schmitti. Blickte die anderen Mitarbeiter an. Was war gerade passiert?

„Das ist äh.. Das ist der Schockmoment. Der wird schon noch merken, dass ich ihn beleidigt hab“, versuchte er deswegen professionell weiter zu machen und das ungewohnte Gefühl in seinem Inneren abzuschütteln. Seine Wange kribbelte. Seine Haut brannte, wo Joko ihn berührt hatte. Was passierte hier?

„Wie geil ist das denn?“

Joko lachte immer noch. Bekam sich gar nicht mehr ein. Klatschte in die Hände und saß nun auf dem Stuhl, der sonst für ihre Gäste gedacht war. Aufgeregt wie ein kleines Kind saß er da und strich sich seine viel zu lange Strähne hinters Ohr.

„Ich hab dich beleidigt. Warum weinst du denn nicht?“

Gut, dass die Sendung gleich vorbei war. Er musste nur noch wenige Minuten aushalten, bevor er sich zurück ziehen konnte. Durchatmen. Seine Gedanken sortieren. Weit weg von Joko.

Schnell brachte er die Abmoderation hinter sich, verabschiedete sich mit einem Winken von den Zuschauern, stand auf und richtete sein Jacket.

„Klaas, ich liebe dich.“ Joko blickte zu ihm hoch. Mit diesen treudoofen Augen. Einem seligen Grinsen auf den Lippen. Die Gefühle standen ihm ins Gesicht geschrieben.

„Ja, danke!“ Er musste weg hier. Ganz schnell. Während Joko sich zu Palina umdreht, mit ihr zusammen lachte und über die vielen Prominenten im Video sprach, rannte Klaas fast vom Set. Vorbei an Thomas, der ihn schweigend ansah. War auch besser so. Er brauchte jetzt keine dummen Sprüche. Was er brauchte, war frische Luft und eine Zigarette. Ganz dringend.

Als er endlich durch die letzte Tür stürmte und vor dem Studio ankam, atmete er tief ein, schloss kurz die Augen und griff mit einer Hand bereits nach den Zigaretten.

Eine gewisse Ruhe breitete sich erst wieder in ihm aus, als er Rauch in seine Lungen sog. Das frische Nikotin zurück in seinen Körper schoß und seine Nerven beruhigte.

Von Anfang an war ihm bewusst gewesen, dass es nicht einfach werden würde. Alles hatte er aufgegeben für diese Chance, für diese Sendung und letztendlich auch für Joko. Als man ihm die Möglichkeit eröffnet hatte von Viva zu MTV zu wechseln, eine neue Show zu moderieren mit einem Partner, hatte es in seinen Fingern gekribbelt.

Joko kannte er natürlich von einigen Veranstaltungen. Sporadisch waren sie sich über den Weg gelaufen, hatten aber nie viel miteinander zu tun gehabt. Von ihren Rollen bei ihren jeweiligen Sendern hatten sie sich nicht großartig unterschieden. Sie beide moderierten Musiksendungen. Waren die Vorzeigemoderatoren gewesen. 

Natürlich hatte Klaas sich bei seinen Kollegen erkundigt. Sarah und Mirjam hatten in einem Punkt absolut übereingestimmt: Joko war ein absoluter Bauchmensch, trug seine Gefühle offen zur Schau und hielt nicht viel von Vorbereitung. Eigentlich ein totaler Albtraum für Klaas, der das genaue Gegenteil war. Aber vielleicht war genau das der Schlüssel zu ihrem Erfolg. Gegensätze, die sich wunderbar ergänzen konnten. So war zumindest der Plan gewesen. Das Joko ihn mit seiner Gefühlsduselei aus der Fassung brachte, gehörte nicht dazu.

Klaas zog heftig an seiner Zigarette. Er war einige Meter vom Eingang weg gegangen. Unruhig lief er hin und her. Zündete sich die nächste Zigarette an. Lief weiter auf und ab.

Er war ein Kopfmensch. Durchdachte jeden Schritt dreimal, ging seine Texte immer wieder durch, setzte auf einen strickten Zeitplan, konnte nicht mal bei den Proben locker lassen. Wenn ihn dann etwas aus dem Konzept brachte, so wie heute Joko’s Reaktion, konnte er damit nicht umgehen. Wusste nicht, wie er auf so eine emotionale Situation reagieren sollte. Das musste er in den Griff kriegen. So etwas wie heute durfte nicht noch einmal passieren. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie das alles im Fernsehen wirken musste. Wie der letzte Trottel hatte er…

„Klaas?“

Erschrocken zuckte er zusammen, ließ dabei fast seine Zigarette fallen.

„Alles ok?“

Er drehte er sich um und blickte in Schmittis fragende Augen. Fragende und etwas sorgenvolle Augen. Augen, die zu viel wussten und schon zu viel gesehen hatten.

„Lass es!“, zischte Klaas ihn deswegen an. „Kein Wort!“

Thomas presste die Lippen aufeinander. Stumm sahen sie sich für einige Momente an. Klaas verengte die Augen, trat einen Schritt auf ihn zu.

„Ich will nix hören. Erspar es dir und mir! Wir werden nie wieder über das gerade reden. Verstanden?“

„Ich glaube nicht, dass das so einfach wird..“

„Ist mir egal. Keiner von den anderen hat etwas bemerkt. Nicht mal der Trottel da drin. Ich werd das in den Griff kriegen und fertig.“

Seufzend stimmte Thomas ihm also zu und griff nun seinerseits nach einer Zigarette. Eine wirkliche Wahl hatte Klaas ihm ja nicht gelassen. Schweigend standen sie also nebeneinander, zogen an ihren Zigaretten und versuchten das alles irgendwie aus dem Kopf zu bekommen.

 

Gott, diese erste, gedankenlos hingeworfene Liebeserklärung von Joko hatte ihn fertig gemacht. Und Thomas hatte es gewusst. Doch sie hatten danach nie wieder über diesen Moment gesprochen und dafür war er dem anderen dankbar. Wenn es jemanden neben Joko gab, der ihn wirklich kannte, dann war es Schmitti. Sie hatten viel durchgemacht, hatten zusammen bei Viva angefangen und waren anschließend bei MTV durchgestartet. Dann war Joko in sein Leben getreten, hatte alles auf den Kopf gestellt und nichts war mehr so wie vorher.

Klaas fuhr sich mit den Händen übers Gesicht und atmete tief durch. Wie verrückt diese Jahre gewesen waren und das nicht nur vor der Kamera. Richtig erwachsen waren sie bis heute nicht geworden, aber in den Jahren bei MTV sowie bei ZDF Neo hatten sie allen möglichen Quatsch gemacht. Manche Sachen aus dieser Zeit waren nur noch verschwommen in seinen Erinnerungen. Wie oft sie damals angetrunken oder sogar besoffen irgendwelche Drehs gemacht hatten, konnte er heute nicht mehr sagen.

In keine dieser Kategorien passte allerdings das Aushalten in Winterklamotten gegen Collien und Nadine bei MTV Home. Wenn er da doch nur besoffen gewesen wäre. Vielleicht hätte er sich dann nicht so furchtbar blamiert. Vielleicht hätte er sich einiges ersparen können.

Er konnte sich noch so gut an Joko’s schockierten Blick erinnern, als Klaas die Strafaufgabe einfach abgebrochen hatte. Oberkörperfrei und mit runtergelassener Hose hatte Joko da gehockt. Bereit gewesen alles über sich ergehen zu lassen. Doch für Klaas war das zu viel gewesen. Hatte sich einfach umgedreht und war aus der Szene geflohen. Fast schon gestürmt.

Er hatte es wirklich versucht. Niemand konnte ihm am Ende vorwerfen, dass er es nicht wenigstens versucht hatte, aber das war alles umsonst gewesen. Als auch noch irgendein Typ angefangen hatte das Ganze zu filmen, war Klaas endgültig ausgetickt.

 

Als ob es nicht schon schlimm genug war, dass er Joko vor laufender Kamera mit Sonnenöl einschmieren sollte. Wenn solche Bilder in der Öffentlichkeit landeten ohne irgendeinen Kontext… Damals war es die Horrorvorstellung für Klaas gewesen.

„Klaas! Klaas!“

Er hörte die aufgeregten Rufe hinter sich. Doch darauf konnte er jetzt nicht achten. Er musste weg. So weit weg wie möglich.

Noch immer klebte das Öl an seiner Hand. Hektisch versuchte er es an seiner Hose abzuschmieren. Doch natürlich war das nicht so einfach. An ihrem Auto angekommen, riss er die Türe auf, kramte in seiner Tasche nach einem Handtuch und startete einen erneuten Versuch das Öl los zu werden.

„Verdammte scheiße…“, fluchte Klaas leise vor sich hin und presste die Lippen fest aufeinander. Mit wütenden Bewegungen rieb er mit dem Tuch über seine Hand. Anschließend schmiss er es wütend in den Kofferraum.

Was hatte die Redaktion sich nur dabei gedacht? Wahrscheinlich nicht viel. Wie immer. Vermutlich hatten sie drauf spekuliert, dass die Mädels die Strafe zogen. Notgeile Arschlöcher! Einmal mit Profis arbeiten..

Klaas stützte sich mit den Händen oben am Auto ab, ließ den Kopf hängen und versuchte ruhig zu atmen. Seinen rasenden Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bekommen. Er schloss die Augen und versuchte zu vergessen.

Vergessen, wie sein Blick über Joko gewandert war, als er sich ausgezogen hatte. Vergessen, wie Joko sich vor gebeugt hatte.

Vergessen, wie sich seine Hände auf Joko’s Rücken angefühlt hatten.

Er musste es vergessen, denn das würde nie wieder passieren. Es durfte nie wieder passieren. Das konnte er nicht zulassen. Niemand durfte erfahren, was das in ihm auslöste.

„Rede mit ihm!“

Klaas öffnete die Augen, sah allerdings nicht auf.

„Vergiss es!“

„Klaas, das kann doch so nicht weiter gehen. Ich weiß, diese ganze Masche von wegen du magst keine fremden Menschen anfassen, zieht im Moment noch. Aber das wird irgendwann nicht mehr funktionieren“, sagte Thomas und lehnte sich neben ihm mit dem Rücken gegen das Auto. Er verschränkte die Arme vor der Brust und blickte zurück an den Strand, wo das Team noch etwas irritiert von dem plötzlichen Ende das Equipment zusammen packte. Er sah Joko am Strand hocken, ebenfalls mit hängendem Kopf.

„Ist mir egal.“

Thomas seufzte, hatte mit dieser sturen Antwort schon fast gerechnet.

„Du solltest Joko mittlerweile gut genug kennen, dass er das nicht so einfach hinnehmen wird. Der wird Fragen haben. Und nach dieser Aktion von dir ist das auch kein Wunder.“

„Verdammt Thomas…“ Wütend wandte Klaas sich ihm nun zu, ballte die Hände zu Fäusten und versuchte seine Stimme leise zu halten. „Wie stellst du dir das vor? Du, Joko, nichts für ungut. Ich hab Angst über dich herzufallen, wenn ich dich anfasse. Nimm’s nicht persönlich! Ich steh auf Männer. Ganz tolle Idee!“

„Glaubst du wirklich du kannst es ewig geheim halten? Ihr arbeitet so eng zusammen. Irgendwann wird er von alleine drauf kommen und das ist niemals gut.“

Klaas stieß ein humorloses Lachen aus. „Als ob der Trottel irgendwas mitbekommt. Dafür müsste er mal über seinen Tellerrand hinaus blicken.“

„Was ist mit dem Gumball?“

Das brachte ihn tatsächlich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Denn mit diesem Thema befasste er sich schon seit Wochen. Seitdem sie es zum ersten Mal in einem Meeting besprochen hatten.

MTV war der Sponsor für die diesjährige Rallye und da hatte man sich doch gleich mal überlegt Joko und Klaas mitfahren zu lassen. Die Idee allein war nicht schlimm. Acht Städte in sieben Tagen. Ein heißer Schlitten. Viele Partys. Ein paar Prominente.

Auch wenn die Partys jetzt keinen Reiz für Klaas hatten, war das nicht das Schlimmste an der Sache. Nein. Wohl eher die Tatsache, dass er Tag und Nacht mit Joko verbringen musste. Sie würden sich ein Auto teilen. Sie würden sich ein Zimmer teilen. Sie würden sich in manchen Städten sogar ein Doppelbett teilen.

„Das krieg ich hin.“

„Wem willst du hier was vor machen? Mir oder dir?“

„Herr Gott, Schmitti! Müssen wir das jetzt diskutieren? Ich werde das schon hinkriegen.“

„Wirst du eben nicht, wenn das heute schon so geendet ist. Und ich sag dir eins: Wir werden an den Plänen nichts ändern. Das ist eine einmalige Chance für uns. Joko ist schon ganz aus dem Häuschen wegen der ganzen Sache.“

„Ich weiß. Der spricht ja von nix anderem mehr“, gab Klaas seufzend zu und raufte sich die Haare. Thomas tat wirklich nichts dafür, damit er sich besser fühlte. Der Knote in seinem Bauch wurde nur größer. Unangenehmer. „Ich werd die Sache aus dem Kopf bekommen. Mich ablenken oder austoben. Keine Ahnung!“

„Das hab ich schon mal gehört. Rede einfach mit ihm!“

Nach einem letzten Blickkontakt und einem aufmunternden Schulterklopfen, wandte Thomas sich ab und ging zurück zum Team. Klaas sah ihm hinterher, sah wie er einige Anweisungen rief und die Ersten mit dem Equipment zum Auto kamen. Er presste erneut die Lippen fest aufeinander und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, griff einmal fest zu und grummelte frustriert. Was für ein scheiß Tag!

Klaas entfernte sich einige Schritte vom Auto, damit er den Anderen nicht in die Quere kam. Er ließ seinen Blick über den Strand wandern und entdeckte Joko immer noch hockend im Sand. Immer noch oberkörperfrei. Immer noch hing seine Hose auf halb acht. Ihm blieb aber auch nichts erspart.

„Ach, scheiß drauf“, murmelte er leise und machte sich auf den Weg. Wahrscheinlich waren das die schwierigsten Schritte, die er jemals gemacht hatte.

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Kapitel 3

 

Das Joko’s Reaktion ihn damals überrascht hatte, war noch untertrieben. Er war sich so sicher gewesen, dass er diskret gewesen war. Dass er sich nichts hatte anmerken lassen. Doch wie vom ersten Augenblick an hatte Joko es geschafft ihn zu verblüffen.

 

Jeder Schritte fühlte sich zentnerschwer an. Seine Körper rebellierte gegen jede Bewegung. Er wollte das nicht. Er wollte dieses Gespräch nicht mit seinem Kollegen führen. Im Grunde war das viel zu persönlich. Viel zu privat für das Verhältnis, welches sie aktuell hatten. Doch so ungerne er es auch zugab: Thomas hatte recht. Die bevorstehende Gumball Rallye würde Spannungen entstehen lassen, wenn sie nicht darüber sprachen. 

Joko hockte immer noch im Sand. Die Arme abgelegt auf seinen Knien und blickte hinaus aufs Wasser. Immer noch tummelten sich zahlreiche Menschen am Strand und genossen das warme Wetter. Der Typ mit dem Handy war zum Glück nirgends zu sehen. Was eher sein Glück war.

Langsam näherte Klaas sich dem Anderen. Schräg hinter ihm setze er sich in den Sand und streckte die Beine von sich. Joko warf einen kurz Blick über seine Schulter, blickte ihn an, wandte seinen Kopf aber direkt wieder dem Wasser zu.

„Ich kann nicht glauben, dass wir verloren haben.“

„Ich weiß. Tut mir leid..“

„So war das doch nicht gemeint. Das war ne scheiß Aktion. Ich kann verstehen, dass du es nicht machen wolltest“, beschwichtigte Joko ihn sofort und ließ sich ebenfalls nach hinten in den Sand sinken. „Ich meine.. Fuck.. Als dieser Typ da mit dem Handy ankam. Musste echt nicht sein.“

„Stimmt. Das war.. echt ne miese Nummer.“ Klaas sengte den Kopf und starrte auf den Sand zwischen seinen Beinen. „Ich wollte aber eigentlich über was anderes mit dir sprechen.“ Er räusperte sich. Presste die Handflächen aneinander. Biss sich auf die Unterlippe. Fand einfach nicht die richtigen Worte um anzufangen. „Es gibt einen Grund, warum mir das so unangenehm ist. Nicht nur bei fremden Menschen.. Ich meine, diese ganze Gefühlssache und so weiter ist nicht mein Ding. Hast du wahrscheinlich schon gemerkt.“ Nervös fuhr Klaas sich mit einer Hand durchs Haar. Ließ sie dort liegen. „Normalerweise gibt es für mich auch keinen Grund mich zu rechtfertigen, aber bei dieser Sache solltest du wahrscheinlich wissen…“

„Klaas!“

Er stockte und blickte Joko an, der sich alles schweigend angehört hatte. Dabei hatte er nicht mal bemerkt, dass er sich Klaas zugewandt hatte.

 

„Du musst mir nichts erklären. Ich.. Ich weiß es schon länger.“

Heute könnte er nicht mehr sagen, was er erwartet hatte. Aber das es am Ende tatsächlich raus war, tatsächlich nicht mehr zwischen ihnen stand, hatte ihm eine große Last von den Schultern genommen.

Die damaligen Drehs wären aus heutiger Sicht lächerlich einfach für sie. Zusammen konnten sie mittlerweile jede Aufgabe bewältigen. Schon lange war es nicht mehr Joko gegen Klaas. Egal, ob es ‚Duell um die Welt‘, ‚Die Beste Show der Welt‘ oder schlußendlich ‚Joko und Klaas gegen ProSieben‘ hieß. Sie waren ein Team. Es hatte lange gedauert, aber im Endeffekt konnte sich niemand zwischen sie drängen.

Ein schriller Alarmton riss Klaas aus seinen Gedanken. Er blickte neben sich aufs Handy. Eine neue Nachricht von Joko.

Stehen gerade in Nürnberg am Bahnhof. Noch 3 Stunden Fahrt. Was freu ich mich auf dein Gesicht, Hase.

Klaas konnte gar nicht anders, als breit zu lächeln. Es war viel zu lange her, dass sie sich persönlich gegenüber gestanden hatten. Immer nur Facetime war einfach keine gute Alternative zum realen Joko. Doch dieser musste sich natürlich von einem Projekt ins Nächste stürzen. Neue Aufgaben finden. Sich neue Ziele stecken. Da war nicht viel Platz für Klaas.

Wird aber auch mal wieder Zeit, dass du dein Gesicht in Berlin zeigst. Hoffe du bist bereit für die Aufgabe.

Bereit geboren. Die Aufgabe schaffen wir mit links.

Das will ich doch hoffen. Hauptsache du bist nicht zu abgelenkt von deinen ganzen Projekten.

Ach Klausi. Wie könnte ich an was anderes denken, wenn du bei mir bist?

Alter Schleimer.

Als Antwort bekam er ein rotes Herz von Joko.

Schmunzelnd schüttelte Klaas den Kopf und legte das Handy wieder beiseite. Noch 3 Stunden. Mit der Fahrt bis zum Büro würden wohl noch mal dreißig Minuten drauf kommen. Also genug Zeit noch ein bisschen an seinem Chaos zu arbeiten.

So viele Foto’s. Unzählige Foto’s tummelten sich auf seinem Desktop, in unterschiedlichen Ordnern. Teilweise beschriftet, teilweise mit irgendwelchen komischen Zahlenkombinationen. Er sah sich die Bilder also an, packte sie in den entsprechenden Ordner. Ohne sie neu zu beschriften. Das konnte er schließlich irgendwann anders mal machen.

Hier und da blieb er an einem Foto hängen. Sah es sich genauer an. Lächelte, verzog verschämt das Gesicht oder lachte laut auf. Manche Momente waren ihm entfallen. Waren über die Jahre in Vergessenheit geraten. Da musste er der Redaktion ja fast dankbar sein, dass sie alles mögliche festgehalten hatten.

Es war wohl keine Überraschung, dass die Momente aus ‚Joko und Klaas gegen ProSieben‘ ihm am ehesten im Gedächtnis geblieben waren. Und das bezog sich nicht nur auf die On Camera Momente.

Klaas spürte seine Ohren heiß werden, als er an eines der Spiel aus der ersten Staffel dachte. Rückenlose Anzüge und harte Gegenstände. Wer sich dieses Spiel ausgedacht hatte, hatte wohl nicht mit den Folgen gerechnet. Natürlich war es sowohl für ihn wie auch für Joko richtig hart gewesen. Die ersten Gegenstände waren ja noch human. Über den Crêpe mit Schoko konnte Joko sich auf jeden Fall nicht beschweren. Als Steven ihm allerdings den Klappstuhl reichte, wusste Klaas schon wie das Enden würde.

 

Joko war so richtig schlecht gelaunt. Konnte Klaas ihm nicht mal verübeln, aber was hatte der denn erwartet? Er wusste doch, wie das Spielchen lief. Die Leute wollten das sehen. Wie sie sich fertig machten. Auch wenn es Joko und Klaas hieß.

„Klappstuhl“, gab Joko schlussendlich die Antwort und entschied somit das Spiel für sie. Jubelnd hob er die Arme, strahlte übers ganze Gesicht und wandte sich dann an Klaas. Der ließ den Klappstuhl aus seiner Hand fallen, machte eine entschuldigende Geste in seine Richtung und fing passend zur Musik an zu tanzen. Breit grinste er Joko an und wusste, als dieser auf ihn zukam und seine Arme um ihn schlang, dass alles wieder ok war.

„Alles klar, Winti?“, fragte er trotzdem leise noch mal nach, als er sein Gesicht in Joko’s Halsbeuge vergrub. Er zwang sich dazu wieder einen Schritt zurück zutreten, als das Publikum um sie herum wild applaudierte. Seine Antwort bestand in einem leichten Lächeln und einem Nicken. Für mehr war jetzt keine Zeit.

Steven kündigte bereits das nächste Spiel an, holte ihre Gegner auf die Bühne, bevor eine kurze Umzieh und Umbau Pause eingeplant war. So richtig schien Joko allerdings mal wieder nicht zuzuhören. Er verzog das Gesicht aufgrund der Schokocreme, die ihm den Rücken runter lief. Schmunzelnd blickte Klaas immer wieder zu ihm, zwang sich dann aber Wigald Boning und Hugo Egon Balder zu begrüßen.

„20 Minuten Pause.“

Das war ihr Stichwort.

„Wir gehen uns dann mal umziehen“, rief er Steven noch zu, winkte noch kurz ins Publikum, bevor er nach Joko’s Handgelenk griff und ihn hinter sich her zog. Dieser grummelte leise vor sich, wackelte etwas mit dem Oberkörper und zog mit der freien Hand an seinem Jackett.

„Alter, das ist echt unangenehm mit der Sauce. Ich glaube, mir ist was in die Unterhose gelaufen.“

„Bin ja froh, dass du dich nur darüber beschwerst. Meine Taktik ist immerhin aufgegangen. Hat doch super funktioniert.“

„Nix da. Da reden wir noch drüber. Du kannst mir doch nicht einfach den Klappstuhl an den Rücken werfen. Weißt du wie weh das getan hat?“, beschwerte Joko sich laut, als sie durch die Gänge zur Garderobe gingen. Einige Mitarbeiter kamen ihnen grinsend entgegen und gratulierten ihnen zum gewonnenen Spiel, versuchten aber nicht sie aufzuhalten. Wenn die beiden erstmal warm liefen, wollte niemand von den anderen dazwischen gehen. Ihre Wortgefechte waren legendär in der Firma. Außer Schmitti und Jakob wussten alle den Mund zu halten.

Als Klaas schließlich die Tür öffnete, scheuchte er die Mädels mit einer knappen Handbewegung raus und ließ Joko erst los, als sie alleine waren. Dieser zupfte erneut an seinem Jackett und schaute sich im Standspiegel seinen Rücken an, bevor er nach einem Tuch griff.

„Ey, das ist echt ne Schweinerei. Warum musste Steven ausgerechnet das aussuchen?“

Klaas stand schweigend hinter ihm und beobachtete nur seine verzweifelten Versuche die Schokolade weg zu wischen. Die Hände hatte er dabei in seinen Hosentasche vergraben. Führte seinen eigenen inneren Monolog. Spürte den Zwiespalt in sich.

Joko schimpfte weiter vor sich hin, kam nicht richtig an die oberen Stellen ran und ließ schließlich seufzend das Handtuch sinken. Er blickte zu Klaas.

„Steh doch da nicht so rum. Wir haben nicht ewig Zeit. Hilf mir mal lieber!“, sprach er und warf Klaas das Handtuch zu. Dieser fing es erstmal auf, stand noch einige Sekunden still da, sah wie Joko sich mit dem Rücken zu ihm drehte und dabei in den Spiegel blickte. Damit war die Entscheidung wohl gefallen.

Das Handtuch fiel zu Boden.

„Ich glaube das nächste Spiel wird ein Klacks. Wir sind so oft verreist. Da kennen wir die Flaggen doch schon auswendig“, sagte Joko gelassen, löste die Fliege, öffnete die Manschettenknöpfe und machte sich daran sein Hemd aufzuknöpfen.

Klaas näherte sich ihm langsam.

„Was ProSieben sich dabei nur gedacht hat. Die wollen heute wohl unbedingt verlieren.“

Klaas stand nun direkt hinter ihm.

„Und das wir dann auch noch gegen Hugo und Wigald antreten. Wie lustig ist das denn?“

Klaas beugte sich vor und leckte ihm die Schokolade vom Rücken.

„Alter!“, rief dieser erschrocken, versuchte einen Schritt nach vorne zu machen, wurde von Klaas’ Händen an seinen Hüften allerdings daran gehindert. Er keuchte laut auf, als die Zunge erneut über eine Stelle leckte. Seine Hände suchten nach Halt, denn seine Knie waren gefährlich weich geworden. „Klaas…“

„Ruhe! Ich muss mich konzentrieren.“ Sein heißer Atem strich über Joko’s Haut, die feucht von seiner Zunge war. Er sah die Gänsehaut, spürte wie ein Zittern durch den Körper vor ihm ging und Joko den Kopf hängen ließ. Sie hatten nicht viel Zeit, aber die wollte er gründlich nutzen. „Du kannst mich nicht so in Versuchung führen.“ Wieder leckte er einen Fleck Schokolade weg.

Klaas Hände wanderten nach vorne, führte die Arbeit fort, zu der Joko nicht mehr imstande war. Er knöpfte das Hemd zu Ende auf, strich mit seinen Händen über den nun nackten Oberkörper, bevor er ihm Hemd und Jackett auszog. Achtlos warf er beides beiseite, bevor er seine Hände an Joko’s Taille platzierte.

„Ich muss Steven fast dankbar sein, dass er sich den Gegenstand ausgesucht hat. Sehr gute Wahl!“ Wieder strichen seine Lippen über Joko’s Haut. Leckten hier und da noch ein wenig Schokolade weg. „Meinst du nicht auch?“

„Verdammt, Klaas… Wir haben keine Zeit..“

„Dann nehmen wir uns die Zeit. Können sowieso nicht ohne uns weiter machen.“

Klaas trat ganz nah an Joko heran. Schlang seine Arme um den Größeren. Presste seine Lippen auf dessen Schulter. Blickte ihm über die Schulter im Spiegel in die Augen. 

„Klaas, ich…“, hauchte Joko atemlos, leckte sich über die Lippen. So sprachlos hatte Klaas ihn selten erlebt. Erlebte ihn so nur in ganz privaten Momenten zwischen ihnen.

„Wir waren uns einig, dass die Sachen vor der Kamera, die Spiele und die Aufgaben, nicht zwischen uns stehen werden. Das hast du mir versprochen. Das haben wir uns beide versprochen. Also fang nicht jetzt schon ein dein Versprechen zu brechen.“ Mit den Lippen strich er über die warme Haut, saugte hier und da an einer Stelle, ließ Joko nicht aus den Augen. „Du vergisst gerne, dass ich dich kenne. Nach 10 Jahren bist du wie ein offenes Buch für mich. Erinnerst du die Leute nicht gerne immer wieder selber daran?“

Joko lachte leise auf, ließ den Kopf schüttelnd sinken und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Ach man ey! Ich unterschätz das wirklich immer. Du bist ein viel zu guter Beobachter.“

„Ganz genau, also leugne es gar nicht erst.“ Klaas grinste ihn breit an und ließ zu, dass Joko sich zu umdrehte ohne einen Schritt zurück zu treten. Eine Hand wanderte in seinen Nacken, die andere um seine Taille und seine Stirn legte sich an Klaas Stirn. Ihre Blicke trafen sich.

„Ich hab’s nicht vergessen. Es ist nur manchmal so schwer für mich in alte Muster zu fallen. Ich will das nicht mehr, aber gleichzeitig weiß ich, dass wir keine andere Wahl haben.“ Joko schloss die Augen. Seine Stimme war leise, fast nicht zu hören, wenn Klaas ihm nicht so nah gewesen wäre. „Es war die richtige Entscheidung für’s Duell nicht mehr selber zu reisen. Es war die richtige Entscheidung endlich mal als Team aufzutreten. Ich will keine dieser Entscheidungen bereuen, weil mir das zwischen uns so unendlich wichtig ist. Ich will uns nicht verlieren.“

„Das wird nicht passieren, weil wir das nicht zulassen werden“, antwortete Klaas genauso leise. Er legte eine Hand an Joko’s Wange, wartete bis dieser endlich wieder seine Augen öffnete. Warmes Braun traf auf strahlendes Blau. „Du und ich. Gegen den Rest der Welt.“

Ihre Lippen fanden sich. Nicht zögerlich, nicht unsicher. Sanft und fordernd bewegten sie sich aneinander. Legten alle Gefühle in diesen einen Kuss, der sie gleichzeitig beruhigen und enger zusammen bringen sollte. Ihnen versichern sollte, dass sie sich niemals verlieren würden. Nichts zwischen sie kommen würde. Was auch immer passieren sollte.

Als sie sich atemlos voneinander lösten, trotzdem noch nah beieinander blieben, war die Spannung sichtlich aus Joko’s Körper gewichen. Er wirkte ruhiger, besänftigt, in sich ruhender. Außerdem war das breite Lächeln auf seinen Lippen ein weiteres Zeichen.

„Wir gegen den Rest der Welt.“

 

Klaas konnte das Prickeln jetzt noch spüren. Dieser Moment war so intensiv, so intim gewesen. Er dachte gerne an diesen Tag zurück, denn am Ende hatten sie die Show haushoch gewonnen. Waren so motiviert gewesen, wie schon lange nicht mehr. Natürlich hatten man ihnen angemerkt, dass irgendwas in der Pause passiert sein musste. Steven hatte sie wissend angegrinst, genauso wie die anderen Mitarbeiter um sie herum. Doch keiner hatte es gewagt sie in der Garderobe zu stören. Dieser intime Moment war nur für sie gewesen.

Doch leider war es nicht immer so zwischen ihnen gewesen. Ausgerechnet zu ‚Circus HalliGalli‘ Zeiten hatte es oft geknallt. Laute Wortgefechte waren fast an der Tagesordnung gewesen. Unangenehme Spannungen waren entstanden, die in manchen Wochen das Arbeiten wirklich erschwert hatten.

Klaas strich sich mit einer Hand über den Bart, als er wohl an den schlimmsten Streit dachte. Für alle Beteiligten war es unangenehm gewesen. Natürlich hatte man diese Spannungen während der Aufzeichnung kaum bemerkt. Sie waren so professionell wie möglich mit dieser Situation umgegangen. Hatten versucht es für die Leute lustig und amüsant zu gestalten. Am Ende war es eine gute Folge geworden, vielleicht sogar eine der Beste, aber wie es in Klaas am Ende des Tages ausgesehen hatte, war hoffentlich niemandem bewusst gewesen.

Es war der Auftakt für die dritte Staffel gewesen. Ein Jahr HalliGalli lag hinter ihnen. Sie waren gut rein gestartet. Die Leute hatten sie gut angenommen bei ProSieben. Dann war Joko dieser Fehler unterlaufen und hatte den ganzen Plan für den Staffelauftakt durcheinander gebracht.

Chapter Text

Kapitel 4

 

„Joko, Alter!! Das muss ewig her sein.“

„Matti! Was freu ich mich dich zu sehen.“

„Was zum…“, grummelte Klaas und sah von seinem Laptop auf. Das Gebrüll war im ganzen Stockwerk zu hören. Was ging da draußen vor sich? War das der Schweighöfer? Was wollte der heute hier? Es waren keine zwei Stunden mehr bis zur Aufzeichnung. Die Proben waren gelaufen. Alles war bis ins kleinste Detail für den Staffelauftakt durchgeplant. Ablenkungen konnten sie jetzt nicht gebrauchen.

Klaas legte den Laptop beiseite und stand vom Sofa auf. Mit schnellen Schritten ging er zur Tür, riss sie auf und blickte raus in den Flur. Blickte nach Links. Blickte nach Rechts. Zu sehen war nichts. Er runzelte die Stirn.

„Endlich sind wir mal wieder beide in der gleichen Stadt. Das müssen wir ausnutzen.“

„Auf jeden Fall! Du und ich. Nach der Sendung. Ich ruf noch ein paar Kollegen an und wir machen die Stadt unsicher.“

„I’m in. Das wird mega.“

Klaas folgte dem Klang der Stimmen bis er vor Joko’s Garderobe stand, wo die Tür halb geöffnet war. Stirnrunzelnd blickte er auf das Bild vor sich. Joko und Matthias lagen sich fast schon in den Armen und unterhielten sich aufgeregt. Beide hatte ihn noch nicht bemerkt. Joko’s Hände lagen auf den Schultern des anderen Mannes und man sah die ehrliche Freude in seinen Augen. Die Freundschaft zwischen den beiden war schon immer ein großes Rätsel für Klaas gewesen. Sie kannten sich lange, länger als Klaas Joko kannte, was nicht einfach zu verdauen war in vielen Situationen. Abgesehen von ihrem gemeinsamen Modelabel und den verschiedenen Projekten hatte Klaas keine Ahnung, was sie wirklich miteinander verband.

„Ja, sehr gut. Du, wer kann mir denn sagen, wann ich dran bin? Hat mich echt gefreut so kurzfristig in eurer Show meinen neuen Film promoten zu können. Ein netter Nebeneffekt!“, riss Matthias ihn aus seinen Gedanken und ließ ihn noch mehr die Stirn runzeln. Bitte was?

„Ach, lass uns doch eben zu Jakob rüber gehen und..“

„Moment mal!“

Die beiden blickten überrascht auf, als sie Klaas’ Stimme hörten und ihn endlich zur Kenntnis nahmen.

„Klaas! Hey! Na, alles klar?“

„Ja ja, alles super. Joko, kann ich dich mal kurz sprechen?“ Er ignorierte die ausgestreckte Hand von Matthias, griff an ihm vorbei nach Joko und zog diesen auch schon hinter sich her. „Du weißt ja wo die Gäste Garderoben sind. Such dir eine aus!“

„Ok, danke. Werd ich machen“, hörte Klaas noch nebenbei die Antwort, doch das war ihm gerade herzlich egal. Joko protestierte zwar aufgrund von Klaas’ festem Griff um sein Handgelenk, aber auch das war ihm gerade egal. Vor seiner Garderobe angekommen, schubste er den Anderen kurzerhand rein und schloß die Türe hinter sich.

„Was macht der Schweighöfer hier?“, kam er direkt auf den Punkt.

„Sein neuer Film kommt doch bald raus und weil er gerade in der Stadt ist, dachten wir wäre eine gute Gelegenheit für Promo.“

„Wir? Wer ist wir?“

„Na, Matthias und ich.“

„Ach, Matthias und du? Das freut mich aber, dass ihr euch einig seid.“ Klaas konnte nicht verhindern, dass seine Stimme dabei lauter wurde. „Und wann soll das bitte sein? Hast du bei der Probe überhaupt aufgepasst? Warst du anwesend?“

„Was regst du dich denn so auf? Für den Gast ist doch genug Zeit eingeplant. Wir quatschen einfach ein bisschen und gut ist. Matthi weiß doch, wie das abläuft.“

Fassungslos starrte er Joko an. War das sein verdammter Ernst? Frustriert ballte er die Hände zu Fäusten und trat näher an Joko heran. Dieser blinzelte überrascht und schien wirklich nicht zu verstehen, was er da angerichtet hatte.

„Wir haben bereits einen Gast und der heißt nicht Matthias Schweighöfer. Hast du schon wieder gesoffen oder was? Kannst du deine Freunde nicht mehr auseinander halten? Jared Leto ist auf dem Weg hier hin. Dem werd ich bestimmt nicht weniger Zeit geben wegen deinem Matthias.“

„Ach, fuck! Ich dachte der ist nächste Woche da“, rief Joko erschrocken, zog die Kappe vom Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

„Nein, eben nicht. Die spielen morgen Abend hier in Berlin ein Konzert. Vielleicht solltest du mal weniger Party und mehr Arbeit für die Show machen.“

„Hey, jetzt mach mal halblang. Das ist doch kein Weltuntergang. Matthi wird das verstehen. Dann kommt der eben nächste Woche und macht Werbung für seinen Film. Der wird das verstehen.“

Klaas presste die Lippen aufeinander, nickte aber widerwillig. Es passte ihm gar nicht sich die Blöße vor dem Schauspieler zu geben, aber das war nun mal Joko’s Fehler. Mal wieder ein saudummer Fehler, aber das war in letzter Zeit auch keine Seltenheit. Viel zu oft war Joko unkonzentriert, völlig weg getreten mit seinen Gedanken oder verwechselte irgendwelche Termine. Klaas versuchte es zu ignorieren, versuchte sich die Sorge nicht anmerken zu lassen. Es war nicht mehr sein Problem. Solange es ihre Arbeit nicht zu sehr beeinflusste, war es ihm egal, was Joko trieb. Es musste ihm egal sein. Für seinen eigenen Seelenfrieden.

„Dann klär das mit ihm. Und sieh gefälligst zu, dass sowas nicht noch mal passiert. Ich hab keinen Bock, dass das die Runde macht.“

„Keine Sorge! Wird nicht noch mal vorkommen. Hab einfach die letzten Nächte schlecht geschlafen und Lisa hat…“

„Bitte, erspar’s mir! Klär das einfach!“

„Klaas..“, versuchte Joko seine Aufmerksamkeit wieder zu bekommen, denn dieser hatte sich bereits abgewandt und lief zur Tür. Die plötzlich aufgestoßen wurde und einen verwirrt dreinblickenden Jakob im Türrahmen enthüllte.

„Ach, hier seid ihr. Weiß jemand von euch warum Matthias mit einem Handy in der Hand durch die Flure läuft und ein Video für Instagram macht, in dem er verkündet, dass er heute bei HalliGalli auftritt?“

„Was??“ Klaas spürte seinen Blutdruck steigen und das Verlangen nach einer Zigarette. Mit verengten Augen drehte er sich zu Joko um, der nun endlich erkannte, in was für einer Scheiße sie steckten. „Na, ganz toll. Jetzt können wir das nicht mehr zurück nehmen. Dann schilder doch mal unserem lieben Jakob, was du und Matthi euch dabei gedacht habt.“

Den unüberhörbaren Sarkasmus in seiner Stimme konnte keinem von beiden entgehen. So zog Jakob auch überrascht die Augenbraue hoch und sah zwischen ihnen hin und her.

„Was hab ich verpasst?“

Joko seufzte laut und legte eine Hand in seinen Nacken, während er angestrengt versuchte überall hin zu schauen, nur nicht einem in die Augen. „Ich hab.. Naja.. Matthias ist in der Stadt und weil er doch einen neuen Film am Start hat, dachten wir er könnte etwas Promo in der Sendung machen.“

„Joko! Wie stellst du dir das vor? Mit dem Auftritt von Jared Leto, dem Aushalten und der Mein bester Feind MAZ ist die Sendezeit schon voll. Da ist eigentlich kein Platz für Matthias“, sagte Jakob und kratzte sich nachdenklich am Bart. Man konnte es in seinem Kopf arbeiten sehen. Alle Möglichkeiten im Kopf durch gehen. Hin und her überlegen.

Klaas hatte die Arme vor der Brust verschränkt und brodelte still vor sich hin. Das war gefährlich. Jeder, der ihn kannte, wusste das er in dieser Stimmung am Gefährlichsten war. Ein falsches Wort und der Vulkan würde explodieren.

„Ich weiß. Ich wollte noch mit ihm sprechen, aber jetzt ist es wohl zu spät. Tut mir leid. Ich hab nicht nachgedacht.“

Ein falsches Wort.

„Das tust du nie und irgendwann bricht es uns das Genick“, stieß Klaas aufgebracht hervor. „Wir sind gerade mal im zweiten Jahr. Nur weil wir jetzt fest bei ProSieben sind, können wir uns nicht alles erlauben.“

„Jetzt mach aber mal ’nen Punkt..“

„Von wegen. Ich fange gerade erst an. Ich bin es leid immer wieder deinen Scheiß ausbügeln zu müssen. Ich toleriere es, wenn du mal wieder unvorbereitet in die Sendung kommst. Wenn du mal wieder verkatert oder übermüdet vom letzten Abend bist. Aber wenn es die Sendung betrifft, reicht es irgendwann. Krieg es in den Griff oder steig aus!“

„Say what?? Das ist auch meine Sendung. Das hast du nicht alleine zu entscheiden und schon mal gar nicht das Recht sowas zu sagen.“

„Ich nehme mir aber das Recht. Sagt dir ja sonst keiner ins Gesicht. Es ist nur noch peinlich, was du hier abziehst.“

„Ich bin peinlich? Fass dir mal an die eigene Nase!“

„Ich bin hier der Einzige, der sich wie ein Chef benimmt. Das kann man von dir nicht behaupten.“

Beide Stimmen waren lauter geworden. Sie waren sich näher gekommen. Blickten sich wütend in die Augen. Ignorierten Jakob.

„Nur weil ich kein Problem damit habe Freundschaften zu schließen, bin ich noch lange kein schlechter Chef. Kann eben nicht jeder so ein Eisklotz sein wie du.“

„Ich muss bei der Arbeit nicht mit jedem Freundschaft schließen. Job ist Job und Privat ist Privat.“

„War der Kuss letztes Jahr dann Arbeit oder Privat?“

Klaas’ Herz setzte einen Schlag aus. Er ballte die Hände zu Fäusten und hätte Joko vermutlich die Faust ins Gesicht gerammt, wenn Jakob sich in diesem Moment nicht bemerkbar gemacht hätte. Nach dem Moment angespannter Stille räusperte er sich laut.

„Jungs, das bringt doch nichts. Ich sprech das eben mit den anderen durch und dann treffen wir uns in 20 Minuten noch mal. Irgendwie wird’s schon funktionieren“, sagte Jakob und klopfte Joko beruhigend auf die Schulter. „Keine Sorge! Wir kriegen das hin.“

Nach einem kurzen Blick auf Klaas, der innerlich brodelnd daneben gestanden hatte, verließ Jakob schnell die Garderobe und ließ sie in einem unangenehmen Schweigen zurück. In den letzten Jahren hatten sie versucht solche Situationen zu vermeiden. Situationen, in denen die Gefühle überhand nahmen und Dinge gesagt wurden, die keiner wieder zurück nehmen konnte.

Klaas war der Hitzkopf. Wollte alles bis ins kleinste Detail ausdiskutieren und die Dinge auf den Tisch bringen. Oft reinigte das die Luft. Machte es wieder leichter zu atmen. Aber manchmal war es selbst Klaas zu viel, weil es Gefühle hervorbrachte, die er niemandem zeigen wollte. Die ihn zu verletzlich machten.

Er wusste, dass Joko diese Diskussionen belasteten. Er war harmoniebedürftig. Wollte, dass es jedem gut ging und scheute jedes böse Wort. Mit den Jahren der Zusammenarbeit hatte Joko eingesehen, dass es sinnlos war Klaas in solchen Situationen zu entkommen. Manche Dinge mussten gesagt werden, damit sie nicht mehr schmerzten. Damit sie die Gedanken nicht mehr vergiften konnten.

„Klaas, es tut mir leid.“

„Lass es! Ich will deine hohlen Entschuldigungen nicht mehr hören. Ich sag’s dir noch mal: Krieg deinen Scheiß in den Griff!“

„Lass es mich doch wenigstens erklären!“

„Du bist mir keine Erklärung schuldig. Ich will sie auch nicht hören. Mach deine Arbeit und gut ist! Dann bekommen wir auch keine Probleme.“

„Ich will keine Probleme. Ich will, dass es wieder so wird wie vorher“, flüsterte Joko nach einigen Sekunden Stille. Er blickte Klaas an, der bei diesen Worten den Kopf hob. Ihre Blicke trafen sich. „Ich will diese Distanz zwischen uns nicht. Das.. das sind nicht wir. Nicht mehr.“

„Das war nicht meine Entscheidung. Ich bin nicht derjenige, der gegangen ist.“

„Klausi, bitte…“

„Ich habe deine Entscheidung akzeptiert. Jetzt akzeptiere meine.“ 

 

Natürlich hatte Joko sie nicht akzeptiert. Anfangs vielleicht. Für eine kurze Zeit hatte er Klaas in Ruhe gelassen. Hatte sich tatsächlich am Riemen gerissen und sich in die Arbeit gestürzt. Im Verlauf der Sendung war es zum Glück niemandem aufgefallen, wie angespannt die Stimmung zwischen ihnen gewesen war. Sie konnten locker scherzen, hatten das Problem mit Matthias kreativ gelöst und damit ein weiteres Highlight gesetzt. Im Nachhinein musste er Joko fast dankbar sein. Es hatte ihm unfassbar Spaß gemacht Matthias zu ärgern und ihn wütend zu machen. Eine kleine Retourkutsche für all die Momenten, in denen Klaas sich wie das dritte Rad am Wagen gefühlt hatte. Auch wenn wohl vieles übertrieben dargestellt war. Aber man erwartete auch nichts anderes von einem Schauspieler.

Vielleicht wäre der Tag anders verlaufen, wenn er Joko zugehört hätte. Wenn sie ruhig miteinander gesprochen und nicht die Gefühle Oberhand genommen hätten. Aber so war es zwischen ihnen. Hitzig und leidenschaftlich. Anders war es selten gewesen.

Joko und Matthias waren nach der Aufzeichnung direkt verschwunden. Hatten zu ihrem Wort gestanden und die Stadt unsicher gemacht. Während er alleine in seinem Bett gelegen und über den Tag nachgedacht hatte, war der Alkohol in Strömen geflossen. Joko hatte versucht ihn zu erreichen. Zu später Stunde waren einige Anrufe und am Ende sogar Nachrichten auf seinem Handy eingetroffen. Er hatte nicht reagiert. Zwang sich dazu die Sprachnachrichten direkt zu löschen. Dienstags war ihr freier Tag. Somit war er einer erneuten Konfrontation erstmal aus dem Weg gegangen. Danach hatten sie nie wieder über diesen Tag gesprochen.

Klaas seufzte laut, lehnte sich im Sessel zurück und blickte aus dem Fenster. Die Kombination aus Joko und Matthias hatte ihn schon immer zur Weißglut gebracht. Mit den Jahren lernte er mit dieser Freundschaft umzugehen. Sie zu akzeptieren. Joko sammelte Freunde wie andere Leute kitschigen Krimskrams. Er kannte niemanden, der herzlicher und offener war als Joko. Neue Freunde zu finden war für Joko so einfach wie atmen.

Ob es sich um einen internationalen Schauspieler, einen Fußballspieler oder ihre engsten Mitarbeiter handelte. Jeder wollte mit Joko befreundet sein und das machte es manchmal nicht leicht für Klaas. Manchmal gewann die Eifersucht überhand. Er würde niemals offen zugeben, dass er eifersüchtig war, aber sich selbst konnte er es eingestehen. Es gefiel ihm nicht, wie oft Joko andere Menschen umarmte. Wie offen er seine Gefühle aussprach.

Lächelnd schüttelte Klaas den Kopf und wandte sich wieder dem Computer zu. Auch mit dieser Eigenart kam er mittlerweile klar. Joko war Joko. Das würde er um keinen Preis der Welt ändern wollen.

Während Klaas nachdenklich auf den Bildschirm starrte und sich durch die Maßen an Bildern arbeitete, überlegte er ernsthaft einen eigenen Ordner für Joko zu erstellen. Es war ihm gar nicht aufgefallen, dass so viele verschiedene Bilder des Anderen auf seinem Computer gespeichert waren. Zum Einen die offiziellen Bilder von ihren Sendungen, Promobilder von Joko’s Shows oder die seltenen, gemeinsamen Fotoshootings. Zum Anderen die ganz privaten Bilder, die zum Teil niemals an die Öffentlichkeit gelangt oder aber auf Joko’s Instagram Account gelandet waren.

Richtig Gedanken musste man sich machen, wenn Joko und Paul zusammen trafen. Ihr ehemaliger HalliGalli Fotograf lebte mit seiner Familie in den USA und hatte dort den ein oder anderen Urlaub zusammen mit Joko verbracht.

Klaas fand mit wenigen Mausklicks das Foto, welches ihm sofort in den Kopf kam. Zusammen waren sie eine gefährliche Mischung. Die Foto’s, die bei diesen Treffen entstanden, hatten Klaas so manche schlaflose Nacht bereitetet. So hatte es sich Joko auch nicht nehmen lassen ein ganz spezielles Foto mit der ganzen Welt zu teilen.

Chapter Text

Kapitel 5

 

Ich sehe schon wie Klaas sich anhand dieses Bildes ärgert nicht länger zusammen gearbeitet zuhaben

Das hängt hoffentlich bei Klaas über’m Bett im Schlafzimmer?

#drawmelikeoneofyourfrenchgirls

 

Das war nur eine Auswahl der Kommentare auf Joko’s Nacktbild im Bach. Natürlich hatte das ganze Internet spekuliert, ob es echt oder eine Fotomontage war. Es war gut bearbeitet worden. Das musste Klaas zugeben, aber etwas anderes hatte er von Paul nicht erwartet. Es war ein schmaler Grad zwischen Echt und Fake. Der Fotograf wusste, wie er die Leute auf trapp hielt.

Wie oft hatte er Joko gewarnt. Seit ihrem gemeinsamen Podcast waren sie enger zusammen gerückt. Schon zu HalliGalli Zeiten hatten sie ein enges Verhältnis, welches über reine Arbeitskollegen hinaus ging. Aber auch das war typisch Joko.

Aus diesem Grund war Klaas erst nicht begeistert gewesen, als Joko von seinem dreiwöchigem Urlaub in den USA erzählt hatte. Sie wollten ein bisschen ‚Quality Time‘ miteinander verbringen, wie Joko es ihm so schön erklärt hatte. Ein paar neue Podcast Folgen aufnehmen. Recherche für seine Zeitschrift betreiben. Das übliche eben. Klaas hatte nur mit den Augen gerollt.

 

„Ach, komm schon Klausi. Ich hab Paul so lange nicht besucht. Außerdem brauchen wir neue Foto’s für den Podcast.“

„Aber warum müssen es denn gleich drei Wochen sein?“

„Weil ich auch noch ein paar Termine für die JWD hab. Wenn ich schon mal drüben bin, will ich das auch ausnutzen“, sagte Joko und blickte zu Klaas, der grummelig auf dem Sofa in seinem Büro saß. Sie hatten eine anstrengende Woche hinter sich. Die Aufnahmen für ‚Die Beste Show der Welt‘ hatten Spaß gemacht, aber waren jedes Mal erneut eine Riesenaufgabe für das gesamte Team. Es wurde bis in die Nacht gedreht, weil es teilweise ewig dauerte ein neues Set aufzubauen. Doch Joko und Klaas liebten diese Show. Sie konnten kreativ sein und neue Showkonzepte ausprobieren ohne irgendwelche Einschränkungen. Der Traum eines jeden Moderatoren.

Thomas bekam bei diesen Gelegenheit regelmäßige Herzinfarkte. Selten konnten sie den Zeitplan einhalten und pünktlich die Dreharbeiten beenden. Irgendwelche Probleme traten immer auf und erinnerten das Team gerne daran, warum sie niemals mehr als drei Shows im Jahr produzierten.

Klaas stand kurz vor dem Ende der ersten Staffel ‚Late Night Berlin‘. Es war seltsam ohne Joko vor der Kamera zu stehen. Er hatte diese Late Night mehr als alles andere gewollt, doch es war schwierig das Publikum für sich zu gewinnen. Sie wollten HalliGalli. Wollten Joko. Konnten noch nicht akzeptieren, dass sie nun einzeln einen Weg im Fernsehen suchten. Natürlich hatten sie noch ihre großen Samstagabend Shows. Aber eine Show nach acht Jahren zu beenden, war für niemand einfach gewesen.

„Ich dachte, wir haben den Sommer für uns?“, machte Klaas seinem Unmut Luft.

„Haben wir doch auch. Ich fliege Anfang August rüber, wenn die Vorbereitung für LNB wieder starten. Dann wär' ich dir eh nur im Weg.“

Das ließ Klaas kurz auflachen. „Na sicher. Du bist ja auch der Typ, der einem nur am Bein hängt. Als du beim letzten Mal da warst, hast du das Handy doch kaum aus der Hand gelegt.“

Joko grinste ihn breit an, lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und verschränkte die Hände auf dem Bauch. Bis gerade hatte er noch versucht ein bisschen Arbeit am Computer zu erledigen. Aber Klaas wollte Aufmerksamkeit. Und ein anhänglicher Klaas bekam immer seinen Willen.

„Ich eigne mich eben nicht als hübsches Anhängsel.“

„Du bist so blöd, ey..“, sagte Klaas schmunzelnd und stand auf. Er ging um den Schreibtisch herum und blieb neben Joko stehen, der sich ihm nun zuwandte. Sie sahen sich an. Klaas neigte den Kopf leicht zur Seite, griff nach Joko’s Hand, die der Andere ihm entgegen streckte. Verschränkte ihre Hände miteinander. Lächelte ihn sanft an, während Joko leise lachte.

„Dafür liebst du mich doch.“ Mit diesen Worten zog Joko ihn auf seinen Schoß, schlang die Arme um Klaas’ Taille und legte seine Stirn an dessen Schläfe. Klaas spürte, wie er tief einatmete, die Arme fester um seinen Körper geschlungen wurden, sodass nichts mehr zwischen sie passte.

Er liebte diese Momente. Nur sie beide. Keine Kameras. Keine anderen Leute. Auch wenn es keinen Unterschied machte, ob ihre Mitarbeiter anwesend waren oder nicht. Wenn sie in einem Raum waren, waren sie wie zwei Magnete. Immer aufeinander fixiert. Immer aufeinander eingestellt. Sie hielten sich mit Zärtlichkeiten zurück, aber waren sie sich nah genug mussten sie sich berühren. Nach all den Jahren durfte er Joko endlich berühren, wann immer er wollte.

„Gerade deswegen solltest du dich etwas zurück nehmen. Du bist keine Zwanzig mehr. Mit fast 40 kannste nicht mehr die Nächte durch machen.“

„Hase, du machst dir mal wieder viel zu viele Gedanken. Du weißt, wie rastlos ich werde, wenn ich nicht ausgelastet bin.“

„Wie ein Welpe.“

„Witzig, Heufer Umlauf. Jetzt mal ernsthaft. Wir werden einen mega guten Sommer haben und danach wieder voll durchstarten.“

„Dein Wort in Gottes Ohren“, murmelte Klaas leise, ließ seine Hände durch Joko’s Haare gleiten, bevor er sie in seinen Nacken legte, die Augen schloss und die Lippen des Anderen suchte. Sanft ließ er seinen Mund über Joko’s Gesicht wandern. Spürte die harten Bartstoppeln bevor ihre Lippen sich fanden.

Es war bei weitem nicht ihr erster Kuss und doch überwältigte es Klaas jedes Mal aufs Neue. Das Gefühl ihrer vereinten Lippen würde er niemals als selbstverständlich ansehen. So viel hatten sie durchstehen müssen um an diesen Punkt zu kommen.

An den Punkt, wo es selbstverständlich war, dass ihre Zungen miteinander spielten und sich gegenseitig neckten. Wo es selbstverständlich war, dass Klaas' Hand sich erneut in den Haaren des Anderen vergrub und ihn näher an sich zog. Wo es selbstverständlich war, dass keiner von ihnen genug bekam.

„Ich liebe dich.“

„Joko..“ hauchte Klaas atemlos an seinen Lippen. Flatternd öffnete er seine Auge, blickte direkt in warmes Braun. Die Gefühle überwältigten ihn, ließen einen sanften Schauer über seinen Körper fahren bevor sich ihre Lippen erneut trafen. 

 

Joko war ein gefühlvoller Mensch. Es fiel ihm nicht schwer seine Gefühle in Worte zu fassen. Er benutzte die Worte ‚Ich liebe dich‘ öfter als jeder andere Mensch, den Klaas kannte. Aber zwischen ihnen war es etwas anderes. Es bedeutete etwas. In der Vergangenheit hatte es Klaas in Panik versetzt. Er hatte nicht gewusst, wie er mit diesen Gefühlen umgehen sollte, die diese Worte in ihm auslösten. Joko begreiflich zu machen, wie sensibel er auf solche Worte reagierte, hatte ihn einiges an Nerven gekostet. 

Klaas rieb sich mit dem Fingerknöchel über die Unterlippe. Während er auf die Bilder von Joko starrte, erinnerte er sich an die Anfangszeit. Was war das für ein Chaos gewesen? Es hatte einige Zeit gedauert bis sie aufeinander eingestellt waren. Bis sie wirklich als Team auftraten und niemand einen Keil zwischen sie treiben konnte. Denn das passiert noch viel zu häufig von alleine. Das erste Hindernis war wohl die Strip Paintball MAZ gewesen. Wer auf diese schwachsinnige Idee gekommen war, ließ sich im Nachhinein nicht genau sagen. Wahrscheinlich waren sie mal wieder viel zu besoffen gewesen. Mit Mitte Zwanzig war das schon fast ein Dauerzustand.

Es war witzig gewesen, natürlich zum größten Teil gestellt, aber das hatte damals noch niemand interessiert. Sie waren die neue hippe Sendung bei MTV, wurden von jungen Leuten geliebt und mit jeder Folge bekannter. Vor allem Joko nutzte das gerne aus. Benutzte seine Bekanntheit um sich und seine Kumpels auf alle möglichen Partys einzuschleusen. Und Frauen zu beeindrucken.

Klaas biss sich auf die Unterlippe. So oft hatte er Joko mit Frauen weg gehen sehen. Frauen, die sich ihm überall an den Hals warfen. Frauen, die er danach nie wieder gesehen hatte. Frauen, die ein Stück vom Fernsehstar Joko Winterscheidt abhaben wollten. Anfangs hatte er versucht es zu ignorieren. Sollte der Winterscheidt doch machen, was er wollte. Doch so einfach war es natürlich nicht gewesen. Thomas hatte ihn durchschaut. Hatte mal wieder hinter die Fassade geblickt und seine Lüge erkannt.

 

Die letzte Szene war im Kasten. Das Team packte bereits zusammen. Klar war es am Ende etwas dramatisch gewesen, aber das bot gute Bilder, machte etwas her. Thomas hatte wieder und wieder dazwischen gerufen. Wollte neu ansetzen. Einen anderen Blickwinkel einbringen. Verdammter Perfektionist! Der würde sie noch alle wahnsinnig machen.

Als ob es nicht schon schlimm genug war sich nur in Boxershorts mit Joko über den Boden zu rollen. Es wieder und wieder zu drehen, war die Hölle. Zumindest war es das für Klaas. Er hatte versucht den Anderen nicht mit solchen Augen zu sehen. Ihn am Besten überhaupt nicht anzusehen. Wenn er gewusst hätte, wie schwierig es wirklich werden würde, hätte er sich das mit dem Wechsel zu MTV doch noch mal genauer durch den Kopf gehen lassen.

Klaas’ Blick wanderte über den Parkplatz. Die Sonnenbrille auf der Nase, die Hände in der Jeanshose vergraben, lehnte er an ihrem Van und beobachtete Joko, der am anderen Ende des Parkplatzes nicht alleine stand. Natürlich nicht. Joko traf man selten alleine an. Er zog die Menschen an wie das Licht die Motte. Das hatte Klaas früh erkannt. Joko’s offene Art ließ ihn schnell Freunde finden und nicht nur das.

Stirnrunzelnd beobachtete er wie die drei Frauen auf Joko einredeten. Ihn zum Lachen brachten und ihn wenig subtil am Arm oder an der Brust berührten. Schüchtern waren sie jedenfalls nicht. Und Joko schien die Aufmerksamkeit zu genießen. Machte keine Anstalten eine von ihnen zurückzuweisen oder dem Ganzen ein Ende zu setzen.

„Alles klar?“

Thomas stellte den letzten Kamerakoffer ins Auto, während Frank den Kofferraum zufallen ließ. Das zweite Auto mit der restlichen Mannschaft fuhr bereits vom Parkplatz zurück ins Büro. Thomas’ Blick wanderte kurz zu Joko, bevor er sich neben Klaas stellte und ihn ansah, der den Blick nicht von der Szene nahm. 

„Ja, alles bestens.“

„Biste sicher? Ich könnte rüber gehen und…“

„Ich sagte: alles bestens“, sagte Klaas noch mal deutlicher, wandte sich nun Thomas zu und blickte ihn über den Rand seiner Sonnenbrille an. „Sind wir dann so weit? Können wir los?“

„Alles verpackt und verstaut. Von mir aus können wir los.“

„Hey Leute!“

Sie wandten sich Joko zu, der nun aufgeregt auf sie zu gerannt kam. Er trug immer noch das rote Poloshirt, welches er sich von Klaas für die letzte Szene hatte leihen müssen. Was das in ihm auslöste, wollte er lieber nicht genauer definieren. Es sollte nichts dabei sein. Es durfte nichts dabei sein.

„Die Mädels laden uns noch auf eine Party ein. Habt ihr Bock?“

Klaas presste die Lippen aufeinander und verschränkte die Arme vor der Brust. „Hast du schon vergessen, dass wir mit dem Team noch ein Bier trinken wollten?“

„Passt doch super. Zwei Fliegen mit einer Klappe“, sagte Joko begeistert und grinste breit.

„Alter, mit dem Team. Nicht mit irgendwelchen fremden Weibern. Außerdem sind die anderen schon vorgefahren. Die werden auf uns warten.“

„Jetzt hab dich doch nicht so. Wird bestimmt mega lustig. Die Lady’s sind gut drauf.“ Bei diesen Worte dreht er sich um und winkte den besagten Frauen zu, die die Geste kichernd erwiderten. Frank, der bereits im Van saß und nun den Kopf raus streckte, winkte ihnen ebenfalls zu. „Ich sag’s dir, da haben wir leichtes Spiel. Die haben jede Menge Freundinnen, die nur auf uns warten.“

„Vergiss es! Da bin ich raus. Aber tu dir keinen Zwang an“, sagte Klaas und stieg ins Auto, schob dabei Frank vom Eingang weg. Das musste er sich wirklich nicht antun.

„Spielverderber! Naja, mehr für mich. Dann sehen wir uns morgen.“

Joko hob die Hand zum Abschied und ging wieder zurück. Freudestrahlend wurde er dort empfangen und direkt von zwei Frauen in Beschlag genommen, die ihre Arme um seine Taille schlangen und sich an ihn drückten. Sogleich wurde die Geste von Joko erwidert, der die Arme um ihre Schultern legte.

Es war wie ein Autounfall. Klaas konnte den Blick nicht von der Szene wenden. Während Thomas sich ans Steuer setzte und den Motor startete, legte er die Stirn an die Scheibe und schlug leicht dagegen.

„Ich wär’ schon gerne mitgegangen“, kam es etwas niedergeschlagen von Frank, der auf der Rückbank mit Patrick saß und die Szene ebenfalls verfolgte.

„Halt einfach die Schnauze!“

 

Nicht das letzte Mal, dass er Joko mit irgendwelchen Frauen hatte weg gehen sehen. In der Anfangszeit war es sogar Standard gewesen, dass Joko nicht alleine irgendeine Party verließ. Zumindest was Klaas so mitbekommen hatte. Wenn er denn mal bis zum Schluss geblieben war, denn mit der Zeit hatte er es nicht mehr ertragen können. Als Lisa dann in Joko’s Leben getreten war, hatte Klaas gewusst, dass er aufhören musste einer Fantasie hinterher zu jagen.

Seufzend fuhr er sich mit den Händen durchs Gesicht. Er hätte niemals erwartete, dass es ihn so mitnehmen würde alte Bilder zu sehen. Alter Erinnerungen wieder aufleben zu lassen. Hätte ihm damals jemand gesagt, dass es mal anders zwischen ihnen werden würde, er hätte demjenigen nicht geglaubt.

Die dreiwöchige Trennung in besagtem Sommer war die Hölle gewesen. Vielleicht nicht für Joko, aber für ihn definitiv. Paul’s Foto’s waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen. Klaas hatte nicht fassen können, dass Joko dieses Bild wirklich geteilt hatte. Nach zwei Tagen hatte es bereits angefangen. Gerade mal zwei Tage war Joko drüben in den USA gewesen. Er hatte ihm jede Menge Foto’s geschickt. Wenn sie sich schon so lange nicht sahen, wollten sie trotzdem alles miteinander teilen.

Klaas hielt die Arbeiten am Set für Joko fest und dieser schickte ihm Bilder vom Strand, vom Wandern und vom fantastischen Essen, welches sie da drüben genossen. Neidisch sah er sich damals die Bilder an. Hatte sich gefühlt wie ein verliebter Trottel, weil es sich anfühlte, als würde er die drei Wochen ohne Joko niemals überstehen.

 

officiallyjoko hat gerade einen Beitrag erstellt.

Klaas saß gerade in einem Meeting, als sein Handydisplay aufleuchtete. Stirnrunzelnd sah er die Nachricht von Instagram. In LA musste es gerade mitten in der Nacht sein. Was trieb er jetzt schon wieder? Gestern Abend hatten sie noch telefoniert, als Klaas schon im Bett lag und die Jungs mit ihren Bike’s unterwegs waren. Bei einem kleinen Zwischenstopp hatte Joko die Gelegenheit genutzt und ihn angerufen. Dabei erwähnte er was von einer Party in Paul’s Haus, der alle möglichen Freunde und Bekannte zur Feier des Tages eingeladen hatte.

Jakob las gerade die Gäste für die ersten Sendungen vor, sowie die geplanten Spiele, als Klaas das Handy in die Hand nahm und seine Instagram App öffnete. Sogleich sprangen ihm gefühlt tausende Mitteilungen an. Kommentaren in denen er markiert war. Private Nachrichten von bekannten und unbekannten Leuten.

Sein Daumen scrollte durch seinen Feed bis er…

„Nein!“

Alle blickten ihn erschrocken, als er mit dem Handy in der Hand aufsprang und fassungslos auf den Bildschirm starrte. Jakob, der mitten im Satz unterbrochen worden war, blinzelte ein paar Mal perplex, bevor er sich räusperte.

„Is’ was nicht in Ordnung? Wir können den Ablauf auch ändern. Fynn hat bestimmt nichts dagegen…“

Doch Klaas hörte ihn gar. Achtete nicht mal auf seine Umgebung, als er aus dem Konferenzraum in Richtung seines Büro’s stürmte. Dort angekommen setzte er sich auf die Couch, stand Sekunden später wieder auf und hühnerte im Raum umher. Was dachte der Winterscheidt sich dabei dieses Foto zu posten? Nackt im Bach liegend. Nackt. Ohne irgendeinen Fetzen Stoff am Leib.

Klaas erkannte die Stelle auf dem Foto. Am Vortag hatte er bereits weniger auffällige Bilder von Joko bekommen, die eine ähnliche Umgebung zeigten. Anscheinend hatten die zwei Verrückten es sich nicht nehmen lassen ein wildes Fotoshooting zu veranstalten.

Zähneknirschend wischte er die App beiseite, ging zu seinen Kontakten und zögerte nicht Joko anzurufen. Während er nervös an seinem Zeigefinger knabberte, wartete er darauf das der Andere abnahm. Scheiß drauf, dass es mitten in der Nacht war. Wenn er Zeit fand so ein Foto zu posten, sollte er doch auch noch wach sein. War Klaas jetzt auch egal, ob er ihn weckte oder bei irgendwas anderem störte. Er wollte Antworten. Das konnte er nicht unkommentiert stehen lassen.

Doch niemand nahm ab. Endlos lang hörte er den stetigen Freizeichenton. Versuchte es noch mal. Drei mal. Fünf mal. Doch niemand antwortete am anderen Ende der Leitung.

Chapter Text

Kapitel 6

 

Verzweifelt blickte Klaas auf sein Handy. Wieso nahm Joko nicht ab? Es war doch erst wenige Minuten her, dass er das Bild online gestellt hatte. Quälte er ihn absichtlich? Der konnte was erleben, wenn er denn endlich mal zu erreichen war.

„Ist alles ok?“

Er blickte auf, als Jakob im Türrahmen erschien und ihn besorgt musterte. Jetzt wurde ihm auch wieder klar, dass er einfach so aus dem Meeting gestürmt war. Solch peinliche Aktionen waren sonst nicht sein Stil. Dieser verdammte Winterscheidt würde ihn noch wahnsinnig machen.

„Ich weiß nicht. Ich kann Joko nicht erreichen“, sagte Klaas schließlich und fuhr sich nervös durch die Haare.

„Oh. Ist denn was passiert? Ich dachte, der ist drüben bei Paul. Ist es da nicht mitten in der Nacht?“

„Ja schon, aber…Joko hat gerade dieses Bild gepostet und… ich… also… Ich muss mit ihm sprechen, ok?“

„Wir können 15 Minuten Pause machen, wenn dir das hilft. Ich bin sicher er meldet sich, wenn er gesehen hat, dass du angerufen hast“, versuchte Jakob ihn zu beruhigen, während er sich mit einer Hand über den Bart fuhr.

Stumm starrte Klaas auf sein Display. Wie oft er versucht hatte Joko zu erreichen, konnte er schon gar nicht mehr sagen. Aber ihm wurde klar, dass der Andere sich so schnell nicht zurück melden würde. Dass er so schnell keine Antwort erhalten würde.

„Gib mir 5 Minuten!“

Jakob nickte zustimmend, verließ den Raum und schloss die Tür um ihm einen Moment der Ruhe zu geben. Sobald diese sich geschlossen hatte, ließ er sich seufzend auf das Sofa sinken.

Klaas hatte gewusst, dass es eine scheiß Idee gewesen war. Sein Gefühl hatte ihn nicht getrügt. Er wollte Joko nicht kontrollieren. Das war das Letzte, was er wollte, aber eine kleine Unsicherheit blieb. So kannte er sich eigentlich nicht. Aber bei Joko’s Vergangenheit und alles, was er mit erlebt hatte, konnte man ihm das wirklich verübeln? Sie standen gerade mal am Anfang. Waren noch nicht so lange offiziell zusammen und ein Gefühl der Unsicherheit schlich sich immer häufiger in seine Gedanken.

Er warf das Handy neben sich, stützte seine Ellbogen auf den Oberschenkeln ab und raufte sich die Haare. Er wollte sich nicht so fühlen. Er wollte Joko keine bösen Absichten unterstellen, denn das lag einfach nicht in der Natur des Anderen. Er war locker, nahm die Dinge wie sie kamen und dachte manchmal nicht über die Konsequenzen nach.

Der Signalton des Handys riss ihn aus seiner Verzweiflung. Mit rasendem Herzen griff er danach und schaute aufs Display.

Doch es war nicht Joko.

Sag mal, Klausi, schon Ärger im Paradies? Was musste ich da auf Instagram sehen?

Jan. Klar, dass ausgerechnet der das Bild gesehen haben musste. Als einer der wenigen außerhalb ihrer Firma wusste Jan über sie bescheid. Jan war, wenn man es so wollte, das Gegenstück zu Matthias. Sie kannten sich seit ihrer gemeinsamen Zeit bei Harald Schmidt. Als Jan zum Team dazugekommen war, hatten sie schnell gemerkt, dass sie auf einer Wellenlänge lagen. Interessierten sich für die gleichen politischen Themen. Teilten die Leidenschaft fürs Singen. Teilten den gleichen Sinn für Humor. Jan kannte seine Geheimnisse. Die meisten zumindest. Klaas wusste, dass er ihm vertrauen konnte, auch wenn sie sich in letzter Zeit mehr und mehr aus den Augen verloren hatten. Sie telefonierten zwischendurch oder schrieben sich eben Nachrichten. So wie jetzt.

Klappe, Böhmermann. Joko macht Urlaub bei Paul. Wollte mich nicht bei den Vorbereitungen für LNB stören.

Und das stört dich nicht? Junge, Junge, wusste gar nicht, dass ihr so eine Beziehung führt.

Hast du heute einen Clown gefrühstückt? Kümmer dich um deinen Kram! Gibts aktuell keinen Politiker, den du nerven kannst?

Für mein Lieblingspärchen hab ich immer Zeit. Ruf an, wenn du reden willst!

Danke.

Klaas wusste die Geste zu schätzen. Sie waren beide nicht so die emotionalen Typen. Konnten nicht immer in Worte fassen, was sie bewegte. Aber sie waren füreinander da, wenn es kritisch wurde. Ein bisschen wie mit Joko, aber mit weniger Anziehungskraft.

Den Kugelschreiber in seiner Hand drehend, erinnerte Klaas sich daran, dass Joko sich an diesem Morgen natürlich nicht mehr gemeldet hatte. Am Abend telefonierten sie und das die Stimmung angespannt war, war noch bei weitem untertrieben. Joko musste seinen Rausch ausschlafen nach der harten Partynacht und rief ihn erst an, als Klaas gerade von der Arbeit nach Hause gekommen war. Seine Stimme klang müde und rau. Als wäre er gerade erst wach geworden.

„Verdammt, Klaas! Sag doch was!“, flehte Joko ihn schon fast an, als er einfach nur stumm seinen Erklärungen lauschte. Das er gar nicht so besoffen gewesen war. Das er es eine witzige Idee gefunden hatte, weil man ja gar nix sehen konnte auf dem Foto. Das er wegen der Radtour vergessen hatte sein Handy zu laden. Das er ihn direkt zurück gerufen hatte, als er nach dem Aufwachen seine Nachrichten gecheckt hatte.

Ein Signalton kündigte einen weiteren Anruf an. Klaas nahm das Handy vom Ohr und sah auf’s Display.

„Jan ruft gerade an. Wir können morgen telefonieren.“

„Fuck, nein. Du gehst da jetzt nicht dran. Wir klären das jetzt.“

„Ach, plötzlich willst du reden? Seit wann stehst du auf Diskussionen?“

„Hab ich von dir gelernt. Selber schuld. Ich hab keinen Bock auf Spannungen. Ich bin gerade erst hier angekommen. Ich will nicht, dass ein dummes Missverständnis..“

„Missverständnis? Du denkst, darum geht es hier?“, unterbrach Klaas ihn grob. Jan hatte es mittlerweile aufgegeben ihn zu erreichen.

„Ich.. keine Ahnung. Geht es dir nicht darum? Das ich das Bild gepostet habe?“

Klaas lachte humorlos auf und schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, ob er weinen oder fluchen sollte. Das Joko nicht mal wusste, wo das Problem an der ganzen Sache lag, schmerzte richtig. Wo war ihr Verständnis füreinander geblieben? Wo war ihre stumme Kommunikation? Kannten sie einander nicht in- und auswendig?

Er lief zur Küche und griff sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Nach einem großen Schluck aus der Flasche, atmete er tief durch.

„Klaas…“, kam es leise aus dem Hörer, denn Joko hatte mit Sicherheit gehört, wie er die Flasche geöffnet hatte.

„Es geht nicht darum, dass das verdammte Bild jetzt da draußen ist. Ich kenn dich. Scham ist für dich ein Fremdwort.“ Er nahm einen weiteren großen Schluck aus der Flasche. „Dir macht es nix aus, dass die Öffentlichkeit es sieht. Hast schon schlimmere Auftritte gehabt.“

Klaas biss die Zähne aufeinander. Sein Griff festigte sich um den Flaschenhals, als er die Augen schloss, den Kopf senkte und die Flaschenöffnung gegen seine Stirn drückte.

„Aber das du dich nackt vor Paul und wer weiß wem zeigst… Hast du auch nur eine Sekunde an mich gedacht, als ihr die Bilder gemacht habt?“

Leise war seine Stimme. Fast schon ruhig. Hätte nicht deutlicher sein können, wenn er laut geworden wäre.

„Das… Ich hab nicht gedacht, dass dir das was ausmacht. Ich…“ Joko räusperte sich. „Paul hat mich schon öfter nackt gesehen. Es war nichts dabei.“

Klaas stellte die Flasche auf dem Tisch ab und starrte aus dem Fenster. Die Sonne stand hell am blauen Himmel, obwohl es schon spät am Abend war.

„Siehst du! Das ist der Unterschied zwischen uns beiden. Ich nehme diese Beziehung ernst. Du bist noch nie…“

„Stopp! Nein! Sag’s nicht! Es hat nichts damit zu tun, dass ich noch nie mit einem Mann zusammen war. Hier geht es um uns und ich hab mal wieder nicht nachgedacht.“

„Wie oft soll ich diese Ausrede noch gelten lassen?“

„Das ist keine Ausrede! Ich weiß, dass ich manchmal zu locker bin und mir über viele Dinge nicht so die Gedanken mach. Ich musste mich vorher nie damit auseinander setzen wie ich mit anderen Männern umgehe. Das war nie ein Thema.“

„Zeigt doch nur, dass du noch nicht so weit bist!“

„Verdammt, jetzt hör doch mal auf damit! Ich liebe dich! Ich will mit dir zusammen sein. Stell doch nicht direkt alles in Frage!“

Klaas biss sich auf die Unterlippe. So fest, dass es schmerzte. So fest, dass es ihm die Tränen in die Augen schoss.

„Ich kann nicht anders…“

„Was? Warte!“ Rascheln und Gepolter auf der anderen Seite der Leitung. „Paul jetzt nicht!“, hörte er Joko’s Stimme von weiter weg. Ein weiterer Moment verging. Klaas spürte sein Herz rasen. Seine Hände zitterten. Er ging rüber ins Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa fallen. Nach einem weiteren großen Schluck aus der Flasche, legte er den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Klaas fühlte sich überfordert mit der Situation. Hilflos. Unbeholfen. Er wusste nicht, wie er mit diesen widersprüchlichen Gefühlen umgehen sollte.

„Hör zu! Es tut mir leid. Es tut mir mega leid, okay? Ich kann nicht in Worte fassen, wie scheiße ich mich gerade fühle, weil tausende Kilometer zwischen uns liegen und ich dich nicht in die Arme schließen kann. Weil ich dir mit Worten nicht klar machen kann, wie viel mir das zwischen uns bedeutet. Du hast keinen Grund unsicher zu sein. Du hast keinen Grund alles in Frage zu stellen. Ich gehöre dir. Zu eintausend Prozent!“

Verzweiflung. Reine Verzweiflung kam ihm übers Telefon entgegen. Er glaubte Joko. Er glaubte ihm jedes Wort. Er konnte gar nicht anders. Es änderte aber nichts an der Tatsache, dass er diese Gefühle hatte. Diese Unsicherheit. Diese… Eifersucht verspürte.

„Klausi. Ich liebe dich. Ich hab alles für dich aufgegeben. Das setz ich doch jetzt nicht so einfach aufs Spiel. Ganz so blöd bin ich dann doch nicht.“

Das brachte Klaas nun doch zum Lachen. 

„Was soll ich nur mit dir machen?“

„Liebe mich einfach!“

„Das tu ich“, flüsterte Klaas leise mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.

 

Nach diesem Telefonat hatte sich einiges geändert. Klaas konnte gar nicht mehr sagen, wie viele Nachrichten er danach aus dem Urlaub von Joko bekommen hatte. Er fühlte sich umworben. Geliebt. Auf jeden Fall war die Unsicherheit geschrumpft. Doch er war nicht der Einzige in dieser Beziehung, der manchmal einen Anflug von Eifersucht empfand.

Klaas erinnerte sich mit einem Schmunzeln an das Jahr 2016. Wieso er sich da so genau dran erinnerte? Er hatte Jan wohl einiges zu verdanken. Dieser hatte Joko Anfang des Jahres in seine Sendung eingeladen. Joko hatte sich darüber sogar gefreut. Hatte Klaas richtig begeistert von der Einladung nach Köln erzählt. Ob es im Nachhinein Fluch oder Segen war, hing wohl davon ab, wen man danach fragte.

 

„Hat jemand was von Joko gehört?“, fragte Klaas in die Runde, als er am Morgen die Redaktionsräume betrat und an den Schreibtischen vorbei zu seinem Büro ging. Allgemeines Kopfschütteln. Seltsam. Vielleicht hatte Thomas ja was gehört. Stirnrunzelnd änderte er die Richtung und machte sich auf den Weg zu dessen Büro. Ohne anzuklopfen öffnete er die Tür und wollte Thomas die gleiche Frage stellen, als er Jakob auf dessen Sofa erblickte. Der winkte ihm gut gelaunt zu.

„Morgen Klausi!“

„Morgen!“, antwortete er etwas verwirrt und wandte seinen Blick zu Thomas, der hinter dem Schreibtisch hockte und an einer Kaffeetasse nippte. „Hat sich…“

„Ob Joko sich gemeldet hat? Nein. Bei mir nicht. Jakob?“

Der Angesprochene schüttelte allerdings nur den Kopf, was Klaas ein Seufzen entlockte. Er machte sich keine Sorgen um Joko, aber das war normalerweise nicht seine Art. Nach jedem TV Auftritt, den sie getrennt machten, telefonierten sie oder schrieben sich zumindest ein paar Nachrichten. Aber gestern Abend: Funkstille. Jan hatte sich auch nur mit wenigen Worten bei ihm gemeldet. Genauso mysteriös wie Joko’s Schweigen.

Hättest mich ja mal vorwarnen können. So kenn ich den gar nicht.

Danach hatte Jan ihm nicht mehr geantwortet. Was wollte er ihm damit sagen? Was zum Teufel war denn passiert? Die Sendung würde leider erst heute Abend ausgestrahlt werden, sodass Klaas nicht den Hauch einer Ahnung hatte, was vorgefallen war.

Schweigend stand Klaas im Türrahmen. Das machte Thomas und Jakob so skeptisch, das sie einen schnellen Blick austauschten, ehe Jakob sich mit einem Räuspern bemerkbar machte.

„Sein Flug sollte gegen 10 Uhr landen. Ich bin sicher, er wird sich danach direkt auf den Weg hier her machen“, sagte Jakob und verbarg sein Schmunzeln hinter der Hand, während er über seinen Bart strich.

„Ja gut, dann… Ich geh dann mal in mein Büro.“

„Vergiss das Meeting um 11 nicht!“, erinnerte Thomas ihn.

„Jaja..“

Klaas schloss die Tür und blieb noch einige Sekunden mit der Klinke in der Hand stehen. Nachdenklich sah er auf den Boden. Was war gestern in Köln passiert, dass Joko sich nicht bei ihm gemeldet hatte? Und was hatte diese Nachricht von Jan zu bedeuten? Er kramte sein Handy aus der Tasche. Immer noch keine neue Nachricht. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es noch etwas länger als eine Stunde dauern würde bis er eine Antwort erwarten konnte.

Also machte er sich auf den Weg in sein Büro, blieb hier und da noch an einem Schreibtisch stehen um ein paar Dinge für die nächste Show zu besprechen. Das lenkte ihn ab. Ließ ihn nicht so viel nachdenken. Wenn er sich auf die Arbeit konzentrierte, hatte er keinen Zeit irgendeinen Schwachsinn in die Situation zu interpretieren. Oder sich über Joko’s Verhalten zu wundern.

Im Pausenraum holte Klaas sich noch einen Kaffee und einen Joghurt aus dem Kühlschrank, bevor er endlich sein Büro betrat. Den Rucksack warf er auf einen Stuhl, seine Jacke direkt darauf, schmiss sich mit Elan auf den Schreibtischstuhl und fuhr den Pc hoch. Er rieb die Hände aneinander, nahm einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse und ging die Termine für die nächsten Tage durch, während er den Joghurt löffelte.

Die MAZen für Montag standen. Er verzog das Gesicht, als er an die Doppelpass MAZ denken musste. Joko hatte seinen Spaß gehabt, als Klaas sich vor ganz Fußball Deutschland zum Horst gemacht hatte. Diesen Montag würde das komplette Video in ihrer Show laufen. Kein Moment, den Klaas herbeisehnte. Er würde im Boden versinken vor Scham.

Das Mitarbeiterportrait von Frank wollte er heute Nachmittag aufzeichnen. Dafür war bereits alles vorbereitet und ihr langjähriger Mitarbeiter auch schon eingeweiht.

Sabine’s unnötig, kompliziertes Interview mit Jack Black würden sie morgen Vormittag aufzeichnen. Der Schauspieler war in Berlin um einen Animationsfilm zu promoten.

Den Termin fürs Humorseminar musste er noch bestätigen. Auf diese Aktion freut er sich am Meisten. Das würde ein guter Tag werden.

Das Interview am Montag mit Sacha Baron Cohen würde wie üblich Joko führen. Seine lockere Art mit den internationale Gästen umzugehen hatte ihnen schon so manchen neuen Gast beschert. Es sprach sich in der Branche rum wie spontan und kreativ ihre Interviews waren. Leider nicht immer im positiven Sinne. Aber das war nun Mal Teil ihres Konzepts. Sie wollten nicht wie die Anderen sein. Keine 0-8-15 Fragen stellen. Damit gingen sie jedes Mal ein Risiko ein, aber meistens war es das wert. Stars wollten in ihre Show, gerade weil sie anders waren. Weil sie neue Wege suchten.

Gerade als Klaas aufstehen wollte, um sich einen neuen Kaffee zu holen, wurde seine Tür mit Schwung aufgerissen. Er zuckte heftig zusammen, ließ dabei fast die Tasse fallen und hielt sich am Schreibtisch fest. Sein Blick fiel auf einen alles andere als gut gelaunten Joko.

„Alter! Erschreck mich doch nicht so! Was ist denn mit dir los?“

„Was läuft da mit Jan?“

Klaas blinzelte verwirrt angesichts dieser Frage. Angesichts von Joko’s ernstem Tonfall.

„Was?“

Diese Reaktion schien den Anderen nur noch wütender zu machen. Mit nicht weniger Schwung als zuvor wurde die Tür zu geschlagen. Joko ging zwei große Schritte auf ihn zu, nahm ihm die Tasse aus der Hand und knallte sie auf den Tisch.

„Spiel keine Spielchen mit mir, Heufer Umlauf! Ich will wissen, was da läuft. Ihr seid doch nicht nur Freunde. Das kannste deiner Oma erzählen.“

„Was?“

Zu mehr war Klaas nicht imstande, denn diese ganze Situation war absurd. So absurd. Was war nur in Joko gefahren? Natürlich machte seine Verwunderung Joko nur noch ungehaltener.

„Ey, jetzt sag endlich was! Weißt du eigentlich, was ich gestern alles ertragen musste? Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet, wäre ich doch niemals da hin gefahren. Ständig ‚Klaas hat mir letztens erst das erzählt’ und ‚Klausi sieht das genauso wie ich‘ und ‚Klausi und ich müssen mal wieder zusammen auf Tour gehen‘. Also frag ich dich noch mal: Was läuft da mit ihm?“

Klaas glaubte zu träumen. Lag er noch Zuhause in seinem Bett? Würde sein Wecker jeden Moment klingeln? Oder hatte wer was in seinen Kaffee getan? War der Joghurt abgelaufen?

Nervös fuhr er sich mit der Hand durch die Haare, blickte überall hin nur nicht zu Joko, der direkt vor ihm stand und auf eine Antwort wartete.

„Ich weiß nicht, was du jetzt von mir hören willst. Und wenn es so ist? Jan und ich haben eine gemeinsame Vergangenheit. Das weißt du doch. Was machst du denn hier für einen Aufstand? Sind wir nicht stillschweigend übereingekommen, dass wir über private Sachen nicht mehr reden?“

„Wir…Was… Das… Nein! Wann haben wir das denn gesagt? Nur weil du jedes private Gespräch abblockst, werde ich das Thema sicher nicht tot schweigen.“

„Warum nicht? Hat doch bisher super geklappt.“

„Für dich vielleicht. Mich macht es kaputt. Ich kann nicht immer so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Denn das ist es nicht“, gab Joko leise zu und griff nach Klaas’ Hand, aber dieser entzog sich ihm direkt. Was Joko erneut wütend machte. „Und dann muss ich mir von Jan anhören, dass du mit deinen Problemen zu ihm rennst. Weißt du, wie ich mich da gefühlt hab?“

„Wo ist das Problem? Ist doch klar, dass ich damit zu Jan gehe. Der kennt mich eben besser als irgendwer sonst.“

Dieser Satz schien nun das Fass zum Überlaufen zu bringen. Joko knurrte wütend, griff erneut nach Klaas’ Händen und ließ dieses Mal nicht zu, dass er sich ihm entzog. Mit mehr Wucht, als er wahrscheinlich beabsichtigt hatte, drückte er Klaas an die Wand und stand wütend über ihm, nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt.

Das erste Mal seit Joko sein Büro betreten hatte, blickte Klaas ihm in die Augen. Müde sah er aus, als hätte er die halbe Nacht nicht geschlafen. So viele Emotionen flackerten in den braunen Augen, die Klaas’ Herz rasen ließen. Stumm stand er da und ließ sich von Joko an die Wand drücken.

„Niemand kennt dich besser als ich“, hauchte Joko gegen seine Lippen, bevor er seine Welt mit einem einzigen Kuss auf den Kopf stellte.

Chapter Text

Kapitel 7

 

„Joko…“

„Nicht. Halt einfach den Mund…“, flüsterte Joko an seinen Lippen und küsste ihn erneut. Zupfte an seiner Unterlippe. Leckte über seine Lippen. Bat um Einlass.

Jetzt war Klaas sich sicher, dass er träumte. Das konnte doch nicht wirklich passieren. Joko küsste ihn gerade nicht wirklich. Joko drückte sich gerade nicht wirklich an seinen Körper. Joko keuchte gerade nicht wirklich an seinen Lippen. Das musste er sich einbilden.

Doch als ihre Zungen sich berührten, ihre Körper sich aneinander rieben, wurde Klaas klar, dass es kein Traum sein konnte. Es fühlte sich viel zu real an. Viel zu gut. So unfassbar gut.

Klaas kam ihm nun entgegen, neigte den Kopf etwas zur Seite und intensivierte den Kuss. Er versuchte seine Hände zu bewegen, doch sie wurden immer noch von Joko fest gegen die Wand gedrückt. Erst als Klaas sie weiter bewegte, weiter versuchte sie los zu bekommen, ließ Joko ihn frei. Ließ zu, dass Klaas ihn endlich berühren konnte. Endlich seine Finger in Joko’s Haaren vergraben konnte.

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihrer Leidenschaft. Keuchend sahen sie sich an. Gerötet und völlig derangiert. Klaas räusperte sich, versuchte sich irgendwie wieder in den Griff zu kriegen, während Joko mit der Hand durch seine Haare fuhr, die Klaas ordentlich bearbeitet hatte. Dann wandte er sich ab, stand mit dem Rücken zur Tür. Einen Moment blickt Klaas ihn noch an, ehe er den ungebetenen Gast hinein bat.

„Schmitti schickt mich.“ Jakob steckte den Kopf durch die Tür, blickte überrascht zu Joko, ehe er Klaas wieder ansah. „Gut, dass ihr beide da seid. Das Meeting fängt gleich an. Wollte nur sicher gehen, dass du es nicht vergisst.“

„Ja, ich..“ Klaas räusperte sich, weil seine Stimme versagte. „Wir kommen gleich. Sag Schmitt, der soll sich mal nicht ins Hemd machen!“

Prüfend blickte Jakob ihn noch mal an, ehe sein Blick zu Joko wanderte, der immer noch mit dem Rücken zu ihm stand und nichts sagte. Ein kurzes Nicken und schon war er wieder weg.

Stille. Klaas wusste nicht, was er sagen sollte. Diese ganze Situation war so super absurd. Was war nur in Joko gefahren?

„Ich werde mich für den Kuss nicht entschuldigen“, riss Joko ihn aus seinen Gedanken. Klaas blickte auf, sah wie Joko sich zu ihm umdrehte und auf ihn zu kam. „Wir müssen über uns reden. So kann es nicht weiter gehen.“

„Wir haben jetzt dafür keine Zeit. Thomas wartet…“

Doch Joko ließ ihn nicht ausreden, ließ ihn nicht aus dieser Situation, in der er keine Kontrolle hatte. Nicht wusste, wie er sich verhalten sollte. Und keine Kontrolle zu haben, war Klaas nicht gewohnt.

„Ich hab mich von Lisa getrennt.“

Klaas musste sich verhört haben. Schon wieder machte der Winterscheidt ihn sprachlos. Warum erzählte er ihm das? Warum öffnete er eine Tür, die Klaas schon vor Jahren fest verschlossen hatte?

„Was? Nein…! Das… Warum erzählst du mir das? Warum…? Warum?“

„Du weißt warum. Wir sind schon länger getrennt, aber du hast mir ja nie die Gelegenheit gegeben etwas zu sagen. Ich hab’s ja versucht, aber du hast immer wieder abgeblockt. Mich von dir gestoßen“, sagte Joko verzweifelt, griff nach Klaas’ Oberarmen und schüttelte ihn leicht. „Aber ich halte diese Distanz zwischen uns nicht mehr aus. Ich will den alten Klaas zurück. Mit dem ich auch privat lockere Witzchen mache kann. Der in meiner Gegenwart entspannt ist.“

Klaas schluckte hart bei seinen Worten und presste die Lippen fest aufeinander. Obwohl er es so sehr wollte, konnte er seinen Blick nicht von Joko wenden.

„Aber ich will auch so viel mehr.“ Er ließ seine Hände an Klaas’ Armen herunter wandern, griff nach seinen Händen und verschränkte ihre Finger miteinander. „Ich will dich berühren, wann immer ich möchte. Ich will dich umarmen ohne das du zurück zuckst. Ich will dich neu kennen lernen.“

Klaas’ Herz raste. Sein Mund war staubtrocken. Seine Hände zitterten, obwohl Joko sie fest im Griff hatte.

„Joko…“

„Ich weiß, wir haben nicht viel Zeit. Lass uns später reden! Aber ich möchte, dass du darüber nachdenkst. Über die Möglichkeit. Von uns.“

Joko beugte sich vor und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Blieb einige Sekunden in dieser Position, sodass Klaas die Augen schließen und die Nähe zu Joko einfach genießen konnte. Nur sehr langsam ließ er von ihm ab, drückte ein letztes Mal seine Hände, bevor er einen Schritt von Klaas weg trat.

„Tu mir den Gefallen und denk drüber nach! Und du kannst mit mir über alles reden. Dafür brauchst du Jan nicht.“

Stumm und sprachlos blickte Klaas ihm hinterher, als er aus dem Büro ging und ihn mit wackligen Knien zurück ließ.

 

Doch Klaas hatte damals diese Gedanken nicht zulassen können. Die Gedanken von einer Beziehung. Viel zu groß war das Risiko gewesen. Es lief gut vor der Kamera zwischen ihnen. Circus HalliGalli lief gut. Ihre anderen Shows liefen gut. Das konnte er nicht aufs Spiel setzen für eine Möglichkeit, die furchtbar schief gehen konnten. Die sehr wahrscheinlich schief gehen würde.

Joko war sprunghaft. Joko war emotional. Joko war schnell gelangweilt. Wenn er ihm damals nachgegeben hätte, wie lange hätte es wohl gedauert bis er seine Entscheidung bereut hätte? Diese Frage hatte Klaas sich Tag und Nacht gestellt. War das Für und Wieder durch gegangen. Und am Ende zu dem Schluss gekommen, dass er zu feige war um den nächsten Schritt zu gehen. Um sein Herz aufs Spiel zu setzen. Heute wusste er, dass diese Sorgen mehr als unbegründet gewesen waren. 

Klaas fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Trotzdem hatte er sie beide durch die Hölle gejagt. Hatte sie beide unnötig gequält, weil Klaas einfach nicht den Schritt gehen wollte.

Das Jahr 2016 war für sie beide nicht leicht gewesen. Sie hatten ‚Die Beste Show der Welt‘ ins Leben gerufen, ‚Das Duell um die Geld‘ kam unglaublich gut bei den Leuten an und war ebenfalls eine weitere Last auf ihren Schultern, außerdem war Klaas im Herbst bei Jan in dessen Show zugast gewesen. Das es Joko nicht gefallen hatte, war wohl noch untertrieben. Nach ihrer Auseinandersetzung am Anfang des Jahres hatten sie das Thema Jan eher unter den Tisch fallen lassen. Nach Ausstrahlung der Folge war es aber schnell wieder hoch gekocht.

 

Wirklich Klausi? Musste das sein?

Kurz nach halb 9. Das musste ein Rekord sein. So schnell hatte Klaas nicht mit einer Reaktion gerechnet. Bedeutete also, dass Joko die Ausstrahlung im Fernsehen nicht hatte abwarten können.

Schon den ganzen Tag war er Klaas auf die Nerven gegangen. Seit er heute Morgen das Büro betreten hatte, war der Andere ihm kaum von der Seite gewichen. Hatte immer wieder nachgefragt, wie die Sendung verlaufen war. Über was sie geredet hatten. Welches Spiel sie gespielt hatten. Ob sie nach der Sendung noch ausgegangen waren. Dabei wusste Joko ganz genau, dass weder er noch Jan der Typ für Partys war. Und telefoniert hatten sie gestern Abend auch. Doch die wenigen Antworten, die er Joko gegeben hatte, waren ihm nicht genug gewesen.

Na, wenn dir das schon sauer aufstößt, dann guck dir lieber nicht die Online Sache an.

Klaas konnte gar nicht anders, als Joko ein bisschen zu ärgern. Jan und er hatten sich nicht anders benommen als sonst. Hatten rum gealbert und Blödsinn geredet. Es hatte sich gut angefühlt. Ihn an alte Zeiten erinnert, die ewig her schienen, aber doch erst wenige Jahre zurück lagen.

Alter, das ist nicht witzig! Der fummelt ständig an dir rum und du bist auch nicht besser. Musste es dieser Anzug sein?

Das olle Ding!? Wusste gar nicht, dass du dir komische Fetische in München angeeignet hast.

Liegt an dir. Du bist mein einziger Fetisch.

Klaas zog scharf die Luft ein. Er warf das Handy aufs Bett, fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und leckte sich nervös über die Lippen. Warum musste der Winterscheidt so hartnäckig sein? Seit fast sechs Monaten war er so verdammt ehrlich. Machte aus seinen Absichten kein Geheimnis mehr und zeigte das bei jeder Gelegenheit. Nicht unbedingt vor anderen Leuten, obwohl ihn das häufig auch nicht störte.

Während Klaas weiter seine Reisetasche auspackte, erinnerte er sich an die zweite Aufzeichnung für ‚Die Beste Show der Welt‘. Am Ende war er mit Joko im heißen Whirlpool gelandet, nachdem dieser die Schmach von Finnland für Klaas noch schlimmer gemacht hatte. Wieder hatte er es nicht geschafft durch eiskaltes Wasser zu tauchen, aber Joko hatte es getan. War in Anzughose durch dieses Becken geschwommen und hatte die Aufgabe bewältigt, die für Klaas unmöglich schien. Bei einem Versuch hatte Joko sich verletzt. War mit dem Kopf an einen großen Eisklumpen gestoßen.

Nachdem Joko seine Moderation beendet, zurück zu Jeannine ins Studio geschaltete hatte, war er wieder in den Whirlpool gesunken und hatte versucht zu Atem zu kommen. Klaas hatte gewusst, wie schlimm das Gefühl war. Keine Luft zu bekommen und das schmerzhafte Zusammenziehen der Lunge. Mitleidig hatte er Joko angesehen, bevor er zischend die Luft einzog und panisch das Blut an seiner Stirn entdeckt hatte. Ohne drüber nachzudenken, hatte er die Hand ausgestreckt und wollte ihm das Blut von der Stirn wischen.

„Du bist verletzt“, hatte Klaas panisch geflüstert und mit großen Augen die Wunde auf seiner Stirn begutachtet.

Joko hatte ihn erst mit großen Augen angesehen, ehe er Klaas’ Hand gepackt und sie sanft an seine nackte Brust gedrückt hatte. Das ließ Klaas’ Herz aus einem ganz anderen Grund rasen. Hektisch sah er sich um, aber niemand schien im Moment auf sie zu achten. Er versuchte seine Hand frei zu bekommen, doch Joko ließ ihn nicht los.

„Mir geht’s gut, Hase. Lass uns lieber noch ein bisschen hier bleiben!“

So hatte er sich still schweigend gefügt. Leicht gelächelt, den Kopf geschüttelt und mit einem geflüsterten „Du bist so blöd.“ war er etwas tiefer ins Becken gesunken. Joko hatte nur gelacht, ihn mit seinen braunen Augen angestrahlt und seine Hand immer noch nicht los gelassen. Erst Jakob’s aufgebrachte Stimme, dass sie keine Zeit hatten für traute Zweisamkeit, hatte sie aus dem Whirlpool vertreiben können.

Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen hatte Klaas ganz deutlich die Bilder vor Augen. Seine Schmutzwäsche warf er in den Wäschekorb, während er den Anzug in den Schrank hing. Es war damals ein schöner Moment zwischen ihnen gewesen. Locker und ausgelassen. Auch wenn er Joko in Gedanken mehr als einmal verflucht hatte, konnte er die Fassade nicht lange aufrecht erhalten. Er war machtlos gegen einen gut gelaunten Joko.

Klaas war gerade auf den Weg ins Badezimmer um seinen Kulturbeutel auszuräumen, als es an der Tür klopfte. Er runzelte die Stirn, während er den Beutel auf dem Waschbecken liegen ließ und in den Flur ging. Wer wollte denn jetzt noch was von ihm? Er versuchte etwas durch den Türspion zu sehen, doch außer dem leeren Flur konnte er nichts entdecken. Also öffnete er die Tür.

„Machst du immer um diese Uhrzeit einfach die Tür auf?“

Joko. Er war hier. Klaas blinzelte ihn überrascht an.

„Guck doch nicht so überrascht! Ich musste dich jetzt einfach sehen“, sagte Joko, trat einen großen Schritt auf ihn zu und schloss ihn fest in die Arme. Sein Gesicht vergrub er in Klaas’ Halsbeuge und atmete tief ein. „Schick mich nicht weg!“

Die leise gehauchten Worte lösten Klaas’ aus seiner Starre. Langsam hob er die Arme und schlang sie um Joko’s Taille, erwiderte die Umarmung genauso fest. Wollte nirgendwo anders sein als hier bei Joko. Noch ganz gefangen in den Gefühlen der Erinnerung. 

„Lass mich erstmal die Tür zu machen! Müssen den Nachbarn ja nicht gleich ne Show bieten.“ Doch Joko ließ ihn nicht los, schüttelte den Kopf und drückte sich nur enger an ihn. Das ließ Klaas schmunzeln. Also dreht er sie beide leicht zur Seite, streckte eine Hand aus und ließ die Tür ins Schloss fallen.

„Vielleicht sollte ich dir jetzt beichten, dass ich Jan in die nächste Sendung ‚Duell um die Geld‘ eingeladen habe.“ Das brachte Bewegung in Joko.

„Du hast WAS??“, fragte Joko laut, als er den Kopf von seiner Schulter hob und ihn ansah. „Das kann doch nicht dein Ernst sein. Ich brauch nach heute nicht auch noch ’ne Live Vorstellung.“

Klaas seufzte, trat einen Schritt zurück und stemmte die Hände in die Hüften. Wenn es um Jan ging, war Joko echt streitsüchtig.

„Nu übertreibt mal nicht. Muss ich dich an die vielen Male erinnern, als der Schweighöfer in unserer Sendung war? Das war auch kaum auszuhalten. Da wirste es ja wohl einmal aushalten.“

„Das ist doch was vollkommen anderes.“

„Wenn man es genau nimmt, ist es das nicht. Also gewöhn dich schon mal dran! Jan ist dabei und fertig“, sagte Klaas endgültig, wandte sich um und ging Richtung Wohnzimmer. Er schnappte sich seine Zigaretten vom Tisch und verdrückte sich auf die Terrasse. Joko war ihm natürlich dicht auf den Fersen. Gerade als er sich eine Zigarette anzünden wollte, wurde sie ihm aus dem Mund gerissen.

„Alter!“

„Jetzt wird nicht geraucht. Das solltest du dir echt mal abgewöhnen“, sagte Joko vorwurfsvoll und nahm ihm auch gleich das Feuerzeug aus der Hand. Beides warf er hinter sich auf den Tisch, bevor er sich Klaas wieder zuwandte. „Kriegste eben deinen Willen! Jan kann kommen, aber ich behalte euch im Auge. 

„Hätte auch nix anderes von dir erwartet,Winti.“

„Klugscheißer!“

Joko grinste ihn an, schien jetzt schon viel ruhiger als bei seiner Ankunft zu sein. Diesen Effekt hatten sie aufeinander, schon immer gehabt. War der Eine aufgebracht, brauchte es nur wenige Minuten miteinander, um sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Klaas liebte diese Verbindung zwischen ihnen. Wollte sie mit allem, was er hatte, beschützen. Deswegen fiel es ihm so schwer die letzten Barrieren einzureißen. Die letzten Hürden zu überwinden.

Joko hatte damit allerdings keine Probleme. Hatte ihm klar und deutlich zu verstehen gegeben, was er wollte. So auch jetzt. Er legte Klaas eine Hand in den Nacken, brachte sie wieder näher zueinander und sah ihm fest in die Augen. 

„Ich fliege morgen früh zurück nach München. Hab noch ein paar Termine, die ich bis Montag erledigen muss. Zur Aufzeichnung bin ich aber pünktlich da.“ Seine Stimme war leise, ging fast in den Geräuschen des Abends unter. „Ich musste dich heute Abend aber einfach noch mal sehen. Es hätte mich wahnsinnig gemacht dich erst Montag wieder zu sehen.“

Klaas leckte sich unbewusst über die Lippen, lenkte Joko’s Blick auf diese Bewegung, sah daraufhin das Flackern in den braunen Augen.

„Is’ ok. Kannst jederzeit vorbei kommen. Weißt du doch“, antwortete Klaas genauso leise, legte seine Hand auf Joko’s Brust, wo er sein wild schlagendes Herz spüren konnte.

„Ich bin wirklich froh das zu hören.“

Und dann küsste er Klaas einfach. Stellte seine Welt erneut auf den Kopf. Riss eine weitere Mauer ein. 

 

Joko war die Nacht über geblieben. Sie hatten die Sendung gemeinsam noch einmal im Fernsehen angeschaut. Sie hatten geredet. Sie hatten zusammen in seinem Bett geschlafen. Sie hatten am nächsten Morgen zusammen gefrühstückt, bevor Joko dann doch los musste. Sie hatten es bis auf die letzte Minute hinausgezögert und es war furchtbar ihn gehen zu lassen. Dabei waren sie nur Freunde gewesen. Hatten immer noch nicht definiert, was das zwischen ihnen sein sollte. Denn Joko hatte ein Leben in München

Im Jahr 2015 war er dort hin gezogen. Aus Liebe zu Lisa. Das es damals schon in der Beziehung gekriselt hatte, hatte Joko niemandem anvertraut. Es war ein letzter Versuch gewesen das Private vom Beruflichen zu trennen. Jedoch hatte es ihre Arbeit erheblich erschwert. Joko musste zwischen Berlin und München pendeln, wenn sie ‚Circus HalliGalli’ aufzeichneten. Er war müde. Immer auf dem Sprung. Gestresst. Klaas hatte es fertig gemacht, aber ihm waren die Hände gebunden. Er war nicht mutig genug gewesen einen Schritt auf den Anderen zu zu machen.

Klaas klickte sich weiter durch seine neuen Ordner. Aber es war nicht immer so zwischen ihnen gewesen. Vor dem Jahr 2016 hatte er die Distanz ganz häufig nicht aufrecht erhalten können. Im normalen Alltag war es kein Problem. Joko hielt sich genauso wie er zurück. Doch sobald es feucht fröhlich wurde, sah die Sache schon anders aus. Die verschiedenen Partybilder, die ihn und Joko in allen möglichen Stadien der Betrunkenheit zeigten, waren der eindeutige Beweis. Ganz schlimm war es bei ihrem Wechsel zu ProSieben verlaufen. Nicht nur, dass sie das Staffelfinale von ‚Neo Paradise‘ und die neue Sendung feierten, auch Joko‘s Geburtstag lag nur wenige Tage zurück.

 

Die Party war in vollem Gange.

„KLAUSI? KLAUSI? Hat jemand Klausi gesehen?“, halte Joko’s lallende Stimme durch die Bar. Alle ihre Mitarbeiter sowie Freunde und Bekannte der Sendungen waren gekommen um ihren großen Moment zu feiern. Endlich war ihnen der Sprung zu einem richtig großen Sender gelungen. Niemand hatte vor 4 Jahren erwartet, dass das irgendwann mal passieren würde.

„KLAUSI?“

Wieder ertönte Joko’s Stimme. Klaas seufzte leise in sein Bier. Er saß mit Olli und Palina an einem der hinteren Tische und malte Traumschlösser für die neue Sendung. Was sie alles erreichen wollten. Was sie alles umsetzen wollten. Der Abend war schon weit fortgeschritten, aber mit dem Alkohol hatte Klaas sich bis jetzt zurück gehalten. Im Gegensatz zu Joko.

„KLAUSI?“

„Ich glaube da sucht dich jemand“, sagte Olli schmunzelnd und deutete mit seiner Flasche hinter Klaas. Trotz der lauten Musik war es tatsächlich nicht zu überhören, dass Joko nicht so schnell von seiner Suche abzubringen war. Klaas setzte gerade zum Trinken an, als sich von hinten zwei Arme um seinen Hals legten.

„Da biste ja. Hab dich gesucht..“

Er konnte Joko nicht sehen, aber die Blicke von Palina und Olli sagten ihm alles. Klaas setzte die Flasche auf dem Tisch ab und versuchte über die Schulter den Anderen anzusehen. Er konnte spüren, wie Joko seine Arme fester um ihn legte und seine Wange auf seiner Schulter ablegte. Er spürte heißen Atem in seinem Nacken und versuchte keine Reaktion zu zeigen. Ein anhänglicher Joko war eine Katastrophe für seinen Seelenfrieden.

„Jetzt haste mich ja gefunden. Gibt’s ein Problem?“

„Nein, alles gut.“

Klaas zog eine Augenbraue hoch.

„Kannst du mich dann los lassen?“

„Nö!“, nuschelte Joko an seinem Nacken und fast wäre Klaas zusammen gezuckt, als er warme Lippen auf seiner Haut spürte. Oder hatte er sich das eingebildet?

„Wie nö? Alter, such dir einen anderen Ort zum Schlafen!“

„Bist aber so schön bequem.“

Klaas seufzte ergeben und gab es auf mit Joko in seinem Zustand diskutieren zu wollen. Sollte er halt seinen Willen haben. Als er sich wieder seinen Gesprächspartnern zu wandte, blickte er in grinsende Gesichter.

„Jaja, macht euch nur lustig!“

Chapter Text

Kapitel 8

 

Den restlichen Abend war Joko nicht mehr von seiner Seite gewichen. Es war ein schönes Gefühl. So schön, dass Klaas sich wirklich dran gewöhnen könnte. Aber das war ein gefährliches Gefühl. Am nächsten Tag hatte Joko sich natürlich an nichts mehr erinnern können. Das war das Problem mit Party Joko. Er wurde zwar anhänglich, aber am nächsten Morgen war alles schon wieder vergessen. Das hatte Klaas anfangs wirklich in den Wahnsinn getrieben. Auch das war einer der Gründe gewesen, warum er nicht auf jeder Party gewesen war.

Als Klaas eines seiner Lieblingsbilder von ihnen fand, wurde ihm klar, dass es viele Ausnahmen von seinen Regeln gab. Zum Einen gab es den Gumball. Sieben Tage am Stück. Null Privatsphäre. Keine Chance dem Anderen zu entkommen. Da hatten sie viel mitbekommen. Viel durchgemacht. Viel gesehen.

Dann gab es noch die Zeiten bei Rock am Ring. Auch da hatten sie sich ein Zimmer geteilt. Doch bei ihrem letzten Mal dort war es anders gewesen.

Klaas nahm sein Handy in die Hand und suchte dort das Bild. Einige Sekunden starrte er es einfach nur an. Konnte das Lächeln nicht unterdrücken. Erinnerte sich an die schönen Momente in diesem Sommer. Schickte ohne drüber nachzudenken das Bild an Joko.

Geh gerade alte Bilder durch. Ist immer noch mein Lieblingsbild.

Lange musste er auf eine Antwort nicht warten.

Dabei haben wir seitdem so viel bessere Bilder gemacht.

Ich spreche von jugendfreien Fotos, Winti.

Spaßbremse.

Klaas lachte auf. War ja klar, dass Joko’s Gedanken wieder in eine völlig andere Richtung gingen. Schnell folgte jedoch die nächste Nachricht.

Aber du hast recht. Ich liebe das Bild auch. Weckt schöne Erinnerungen.

Das tat es allerdings. Wie sie beide da auf dem Kissen bei Rock am Ring lagen. Joko mit der CHG Cap und den verzogenen Lippen. Er selbst mit der Sonnenbrille und dem zufriedenen Gesichtsausdruck. Dort hatten sie das Lipsync Video zu Sia’s Song aufgenommen. Aber selbst nachdem die Dreharbeiten beendet waren, lagen sie noch dort. Sprachen über das letzte Mal Rock am Ring mit dem gesamten Team. Sprachen über ihre Pläne für den Rest des Sommers. Sprachen über Gott und die Welt. Genossen einfach die Gegenwart des Anderen.

 

Joko tippte irgendwas auf seinem Handy. Das Team um sie herum packte bereits alles für den Feierabend ein. Morgen würde der letzte Tag des Festivals für sie starten und somit ihr allerletzter Tag bei Rock am Ring mit Circus HalliGalli.

Klaas wurde nostalgisch. Er genoss diese Tage immer besonders. Die Stimmung der Menge. Überall spielte Musik. Reges Treiben an jeder Ecke. Normalerweise war er ein Mensch der Ruhe brauchte, aber hier in dieser Atmosphäre war es immer etwas Besonderes.

Er wurde hellhörig als Joko neben ihm lachte. Er runzelte die Stirn und blickte zu ihm rüber. Sah, dass er immer noch auf sein Handy fixiert war.

„Was machst du da?“

„Hab gerade unser Selfie hoch geladen. Die Leute lieben es. Nennen uns das süßeste Paar im deutschen Fernsehen.“

Klaas presste verlegen die Lippen aufeinander. Spürte wie seine Handflächen feucht wurden wegen dieser Bemerkung. Wandte den Kopf zur anderen Seite. In letzter Zeit machten viele solcher Kommentare die Runde. Wie gut sie zusammen passen würden. Wie verliebt sie sich manchmal ansahen.

Dabei war Klaas so vorsichtig gewesen. Hatte alles versucht seine Gefühle für Joko vor der Außenwelt zu verbergen. Anscheinend war er kläglich gescheitert. Er wusste nicht, ob es ihn panisch machen oder völlig egal sein sollte.

„Klausi. Du denkst schon wieder zu viel“, flüsterte Joko ihm zu, drehte sich auf die Seite und legte seine Hand an Klaas’ Wange. Zwang ihn dazu sich ihm wieder zu zuwenden. Sanft schob er die Sonnenbrille nach oben und blickte ihm in die Augen. „Kannst du nicht einmal deinen Kopf ausschalten?“

„Is nicht so einfach“, nuschelte Klaas und presste seine Handflächen aneinander.

„Dafür hast du ja mich. Ich bin dir gerne behilflich.“

Joko kam ihm noch näher. Legte eine Hand wieder an Klaas’ Wange. Legte sich selbst halb auf ihn drauf. Ließ ihn dabei nicht aus den Augen.

„Joko!“ Klaas riss die Augen auf und wollte sich ihm entziehen, doch Joko ließ das nicht zu. Holte sich entschlossen das, was er wollte. Seine Lippen pressten sich verlangend auf Klaas’, drückten ihn dabei noch tiefer in die Kissen und entlockten ihm ein aufgeregtes Keuchen. Diese Chance nutzte Joko und glitt mit seiner Zunge in Klaas Mund, erkundete ihn und neckte die Zunge des Anderen.

Er spürte Joko’s gesamten Körper an seinem. Seine Hand legte sich auf Klaas’ Hüfte, während dieser seine Hand in dessen Hemd vergrub. Ihre Beine waren ineinander verschlungen. Ihre Körper rieben sich aneinander, sodass nichts mehr zwischen sie passte.

Mittlerweile war die Anspannung aus Klaas’ Körper gewichen. Natürlich waren sie nicht alleine, aber es war ihm gerade egal, wer sie so sah. Wichtig war nur Joko, der sich langsam von ihm löst und seine Stirn gegen Klaas’ drückte.

„Hat’s geholfen?“, hauchte Joko gegen seine Lippen und verzog den Mund zu einem Grinsen. Als Klaas langsam die Augen öffnete und das Grinsen sah, konnte er gar nicht anders als zu lachen.

„Alter, noch auffälliger geht’s ja gar nicht. Stell dich doch gleich auf die Bühne und oute uns!“, sagte Klaas lachend und versuchte ihn an der Schulter von ihm weg zu drücken. Doch Joko wehrte ihn ab, in dem er ihre Hände miteinander verschränkte und sie in die Kissen drückte.

„Mega Idee! Lass mal machen! Dann kannste nicht mehr nein sagen.“

„Nein, blöde Idee! Ich will heute nicht mehr mit Tomaten beworfen werden.“

„Ach Klausi, das würde ich doch niemals zulassen.“

Der nächste sanfte Kuss landete auf seinen Lippen, ließ schon wieder alles andere in den Hintergrund rücken und sein Hirn zu Brei werden. Wenn es doch nur so einfach wäre ‚Nein‘ zu sagen, Joko einfach von sich zu stoßen und endlich etwas Abstand zwischen sie zu bringen. Doch Klaas war egoistisch und nahm alles, was Joko ihm gab.

„Es wäre alles einfacher, wenn du es mir nicht so schwer machen würdest.“

„Dann mach es mir nicht so leicht dich zu lieben.“

 

Klaas blinzelte verwirrt, als er mit Gewalt aus seiner Erinnerung gerissen wurde. Sein Handy. Es klingelte in seiner Hand.

„Joko.“ Selbst er konnte hören wie rau und atemlos seine Stimme klang, als er den Anruf annahm.

„Hase, alles gut?“

„Ja, ich…“ Klaas räusperte sich einmal, stand auf und ging ans Fenster. „Alles gut. Warum rufst du an?“

„Du hast mich neugierig gemacht. Warum guckst du dir alte Foto’s an?“

„Schmitti zwingt mich dazu meinen Computer auf Vordermann zu bringen. Das Scheiß Teil regt mich auf. Stürzt ständig ab oder friert ein. Deswegen sortier ich gerade die ganzen Dateien, während ich auf dich warte.“

„Wenn du dir wirklich alle Bilder anguckst, wirste aber ewig brauchen. Da reicht ein Nachmittag nicht.“

„Das ist mir bewusst. Zumindest jetzt. Dachte nicht, dass sich in all den Jahren so viel Schrott angesammelt hat“, sagte Klaas und rieb sich mit der Hand übers Kinn. Alleine die Stimme des Anderen zu hören, beruhigte ihn auf eine Art und Weise, wie es eine Zigarette niemals geschafft hatte. Für Joko hatte er das Rauchen damals aufgegeben.

Dessen Lachen drang nun an sein Ohr, welches auch ihm ein Grinsen aufs Gesicht zauberte.

„Bitte? Bezeichne unsere Vergangenheit mal nicht als Schrott oder es gibt zur Begrüßung direkt ’ne Ohrfeige!“

„Heiß! Wie lange dauert’s noch?“

„Sind gerade in Halle los gefahren. Also noch ’ne knappe Stunde bis zum Berliner Hauptbahnhof. Wer holt mich ab?“, fragte Joko, während man im Hintergrund eine undeutliche Stimme hören konnte. Irgendeine Durchsage. Klaas runzelte die Stirn.

„Wie wer holt dich ab? Woher soll ich das wissen? Bin ich dein Chauffeur? Habt ihr das nicht vorher abgesprochen?“

„Ich dachte, du holst mich ab. Wäre doch eine nette Geste.“

Klaas seufzte, wandte sich vom Fenster ab und steuerte die Tür an. Das war doch nicht sein Ernst? Joko plante doch sonst jedes Detail. Wenn er jetzt noch am Bahnhof auf ein Taxi warten musste, würde er doch nur die Leute auf sich aufmerksam machen. So viel Zeit hatten sie nicht.

„Alter, du machst mich fertig! So brauchst du doch ewig bis du hier bist. Ich frag mal rum, wer dich abholen kann“, sagte er und verließ sein Büro. Im Gehen raufte er sich die Haare und sah sich um. Hier und da öffnete er eine Tür, schaute nach, wer sich dahinter verbarg.

„Warum holst du mich nicht ab?“

„Vergiss es! So schaffen wir es niemals pünktlich zum Dreh.“

„Ach, Klaas. So macht es aber mehr Spaß.“

Klaas schüttelte nur grinsend den Kopf und ging entschlossen weiter. Im Pausenraum fand er Benni und Jakob, die aber beide den Kopf schüttelten. So langsam gingen ihm die Optionen aus.

Aber wenn er schon mal hier war, konnte er sich gleich noch einen Joghurt schnappen. Er schob Jakob zur Seite, öffnete den Kühlschrank und griff nach einem der großen Becher, die immer für ihn bereit standen. Jeder in der Firma wusste, dass sie besser nicht an seinen Vorrat gingen, wenn sie einen gut gelaunten Moderator haben wollten.

„Haust du dir jetzt noch den Bauch mit Joghurt voll?“, kam Joko’s amüsierte Stimme vom anderen Ende der Leitung. Er hatte wohl den zufallenden Kühlschrank gehört.

„Klappe, Winterscheidt! Sonst kannste laufen.“

„Versuch’s mal bei Basti im Schnittraum! Der sollte das einschieben können“, mischte Jakob sich ein, der schmunzelnd einen Schluck von seinem Kaffee nahm.

„Danke Jakob!“, rief Klaas über die Schulter, als er sich auch schon auf den Weg zum Schnittraum machte. Dort traf er tatsächlich auf Basti, der kein Problem damit hatte Joko abzuholen. „Problem gelöst! Basti holt dich ab.“

„Du bist der Beste. Danke Klausi!“

„Was würdest du nur ohne mich machen?“

„Das werd ich hoffentlich niemals herausfinden.“

„Dann hör auf ständig in allen möglichen Podcasts zu sagen, dass du aufhören willst. Glaub ja nicht, dass ich das nicht mitkriege.“

„Sollte ich mich jetzt geschmeichelt fühlen, dass du mich stalkst?“

„Haha, sehr witzig. Jetzt mal ernsthaft: Was redest du für einen Müll? Hast du schon wieder zu viel Zeit mit Matthias verbracht?“

„Bitte keinen Ehestreit, Jungs! Versaut uns nicht den Dreh!“, kam es von Thomas Martiens, der mit Jakob an seiner Seite an Klaas vorbei ging.

„Was seid ihr doch heute alle für Witzbolde!“, grummelte er leise und machte sich auf den Weg zurück in sein Büro. Dort ließ er sich wieder hinter den Schreibtisch sinken und öffnete den Joghurt. Grummelnd schob er sich einen Löffel in den Mund.

„Was bist du denn so schlecht drauf? Lass das doch nicht an unseren Mitarbeitern aus! Spar dir das lieber für den Dreh auf!“

„Du meinst, ich soll mir das lieber für dich aufsparen?“, fragte Klaas und konnte jetzt das Grinsen nicht unterdrücken. Was Joko natürlich an seiner Stimme hörte.

„Brauchst dich gar nicht so zu freuen. Ich hab schon so meine Methoden wie ich deine Laune bessern kann.“

„Wenn es eine von deinen komischen Überraschung ist, will ich es gar nicht wissen.“

„Jetzt sei mal nicht so! Ich kann mich an eine Zeit erinnern, als du meine Überraschungen genossen hast.“

„Von wegen. Darf ich dich an Nepal erinnern? Darauf hätte ich verzichten können.“

„Als ob deine Überraschungen besser waren. Ich erinner dich nur an den Longest Day. Da hab ich heute noch Albträume von“, warf Joko vorwurfsvoll ein. Klaas erinnerte sich noch zu gut an die Tage danach. Die Stunden danach. „Du weißt nie, wann du zu weit gehst.“

„Müssen wir das noch mal aufwärmen? Du weißt, wie leid mir das damals tat. 

Außerdem biste auch ein bisschen selber Schuld. Du hast damit angefangen. Wer mit dem Feuer spielt und die Hitze nicht verkraften und so, ne!“ Klaas zuckte mit den Schultern und löffelte nachdenklich seinen Joghurt.

 

„Ihr verfluchten Arschlöcher!“

„Ich hasse euch! Ich hasse dich!“ 

„Ihr seid das Allerletzte, wirklich! Ihr seid solche Wichser!“

„Alter, hau ab! Hau ab!“

„Du bist das größte Arschloch auf der Welt!“

Klaas sah dem schwarzen Van hinterher, der sich immer schneller vom Flugplatz entfernte. Joko war sauer. So richtig sauer. Da gab es keine Trennung mehr zwischen Show Joko und Privat Joko. Diese Wut war echt gewesen und das war nicht alles, was Klaas in den Augen des Anderen gesehen hatte.

Panik.

Fassungslosigkeit. 

Tiefe Verletzung.

Joko hatte nicht geglaubt, dass er so weit gehen würde. Klaas war sich bis zum Schluss selbst nicht sicher gewesen, ob er es durchziehen würde. Den ganzen Tag war er wegen des Finales unruhig gewesen. Er hatte versucht es mit Lachen zu überspielen und sich nichts anmerken zu lassen. Für die Kamera hatte er den zufriedenen Rivalen gespielt, dem ein Streich gelungen war. Aber Joko hatte natürlich nicht gewusst, was noch auf ihn zukommen würde.

Er hatte ihm vertraut. Klaas hatte das Vertrauen in Joko’s Augen gesehen, bevor sie in den Hubschrauber gestiegen waren. Er hatte darauf vertraut, dass Klaas ihn nicht anlog. Dass er sich auf ihn verlassen konnte. Es hatte weh getan. Der Stich ins Herz bei der Erinnerung an diesen Blick war unerträglich. Doch sie hatten es nicht mehr rückgängig machen können.

Die Stimme von Thomas war in seinem Ohr. Das es schon nicht so schlimm werden würde. Joko würde drüber hinweg kommen. Kurz fluchen und dann das Ganze mit einem Lachen abtun. Doch so war es nicht. Schmitti hatte ihn gewarnt. Jakob hatte ebenfalls besorgt ausgesehen. Aber niemand hatte es gestoppt.

Klaas zwang sich zu einem Grinsen für die Kamera, als sie das Schlussbild drehten. Wie er dem Van hinterher sah und dann grinsend in den Sonnenuntergang ging. Tolle Bilder… Am Arsch. Jetzt mussten sie auch noch seine Kommentare zu der ganzen Sache filmen. Dazu stand ihm überhaupt nicht der Sinn, doch wie hieß es so schön. The Show must go on.

Klaas fühlte sich mies, als er anschließend mit den Anderen in den zweiten Wagen stieg. Er saß vorne auf dem Beifahrersitz, während sich hinten alle rein quetschten, damit für alle Platz war. Das Handy in der Hand versuchte er immer wieder Joko zu erreichen. Doch ohne Erfolg. Ob er zurück ins Büro gefahren war? Klaas hoffte es. Er musste unbedingt mit ihm reden. Sich versichern, dass alles gut war zwischen ihnen.

Die Stille im Auto war bedrückend. Keiner wagte es etwas zu sagen. Jedem war klar, dass sie zu weit gegangen waren.

Er wartete nicht auf die Anderen. Als das Auto zum Stehen kam, schnallte er sich ab und sprang raus. Rannte zum Eingang. Rannte die Treppen rauf. Sah sich hektisch im Büro um. Achtete dabei kaum auf die Mitarbeiter, die ihn erschrocken ansahen, als er von einem Raum zum Nächsten hetzte.

„Er ist nicht mehr hier. Hat mir die Schlüssel auf den Schreibtisch geknallt, mich beschimpft und ist raus gestürmt. Der Dreh war also erfolgreich.“

Schmitti lehnte am Türrahmen seines Büros und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Gesichtsausdruck war neutral, doch noch deutlicher hätte ein ‚Ich hab’s dir ja gesagt‘ nicht sein können. Klaas raufte sich die Haare.

„Scheiße!“

„Er nimmt sich ein paar Tage frei. Will von niemandem gestört werden. Von niemandem.“

Klaas schluckte hart, presste die Lippen aufeinander und versuchte zu atmen. Versuchte Luft in seine Lungen zu bekommen. Doch das war nicht so einfach, wenn es sich anfühlte, als würde sein Herz jeden Moment aufhören zu schlagen.

„Das war keine Wut, Klaas. Damit hätte ich umgehen können“, sagte Schmitti ruhig. „Da steckte mehr dahinter. Was ist passiert?“

„Alles ist genau so gelaufen wie es geplant war.“ Klaas’ Stimme war leise, monoton, ohne jegliche Gefühle.

Schmitti nickte. „Das dachte ich mir. Vielleicht solltest du seinen Wunsch respektieren. Lass ihn in Ruhe! Lass ihn die ganze Sache verarbeiten!“

Das klang logisch. Vernünftig. Joko die Zeit geben, die er brauchte. Die er eingefordert hatte. Gras über die Sache wachsen lassen, damit sie am Montag eine gute Show machen konnten. Doch seine Gefühle waren gerade nicht logisch. Waren nicht rational. Es ging um Joko. Seinen Joko. Was hatte er nur getan?

„Das kann ich nicht.“

Sein Handy aus der Tasche ziehend, drehte er sich um, stürmte an Jakob und Frank vorbei, die gerade mit den ganzen Sachen rein kamen und ihm verwirrt hinterher sahen. Aber dafür hatte er jetzt keine Zeit. Erneut versuchte er Joko anzurufen. Das Handy war an, aber immer noch keine Reaktion. Also schickte er eine Nachricht.

Wo bist du? Ich will das nicht so stehen lassen.

Keine Antwort. Keine Reaktion. Kein blauer Haken.

Joko bitte! Antworte mir!

Ich mach mir Sorgen. Ehrlich. Sag mir wenigstens, dass es dir gut geht!

Mir egal, was du Thomas gesagt hast. Ich lass dich nicht in Ruhe.

Immer noch keine Reaktion. Klaas stand mitten im Treppenhaus. Den Fokus nur auf das Handy gerichtet. Spürte wie plötzlich seine ganze Welt ins Wanken geriet. Joko war seine Welt. War es immer gewesen. Würde es immer sein. 

Wie betäubt machte er sich auf den Weg zu seinem Auto. Stieg mechanisch ein und blieb regungslos sitzen. Was hatte er nur getan? Wie hatte er glauben können, dass diese Aktion ohne Folgen blieb? Dass Joko es einfach als Witz abtun und dann zur Tagesordnung übergehen würde? Wie hatte er so naiv sein können? Klaas vergrub das Gesicht in den Händen und ließ die Stirn ans Lenkrad sinken. Was sollte er tun? Würde es überhaupt etwas bringen jetzt zu ihm zu fahren?

Das Vibrieren seines Handys ließ ihn heftig zusammen zucken. Schnell griff er danach.

Mir geht’s gut. Ich will jetzt niemanden sehen.

Wieder versuchte er ihn anzurufen. Vergebens.

Bitte Joko! Lass uns reden!

Ich muss das erst verarbeiten. Heute hat mir die Augen geöffnet.

Was meinst du?

Keine Antwort. Natürlich nicht. Joko hatte deutlich gemacht, dass er nicht reden wollte. Aber Klaas konnte das nicht so stehen lassen.

„Scheiß drauf!“ Er warf das Handy auf den Beifahrersitz und startete den Motor. Scheiß drauf, was Joko sagte. Er konnte ihn jetzt nicht einfach in Ruhe lassen. Was wäre er dann für ein Freund, wenn er ihn in so einer Situation alleine ließ?

Nach einer ewig scheinenden Fahrt blieb er vor Joko’s Apartment stehen, parkte den Wagen und ging entschlossen zur Eingangstür. Nichts überraschte ihn mehr, als das nach dem Klingeln der Summer ertönte und er die Tür öffnen konnte. Wieder stürmte er die Treppen rauf. Sport konnte er wohl die nächsten Wochen von seinem Plan streichen, aber in ihm wallte das Verlangen nach einer Zigarette auf. Doch die musste warte.

Als er endlich oben angekommen war, stolperte er fast über die letzte Stufe. Lisa. Die hatte er vollkommen vergessen. Mit verschränkten Armen stand sie vor der Tür, sah ihn nicht gerade wohlwollend an. Nervös presste er die Handflächen aneinander, kam langsam vor ihr zum Stehen.

„Hey!“

„Hallo Klaas! Wie kann ich dir helfen?“ Als ob das nicht offensichtlich war, aber sie wollte es ihm anscheinend nicht leicht machen. Konnte er ihr irgendwie nicht mal verübeln.

„Ist Joko da? Kann ich mit ihm sprechen?“

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Er will dich jetzt nicht sehen. Hast du ihm heute nicht genug angetan? Ich hab gedacht, du wärst sein Freund. Bei allem was ihr durch gemacht habt. Sind dir Einschaltquoten so wichtig geworden, dass du dafür über Leichen gehst?“ Lisa stieß den Finger nur weiter in die Wunde. Sie warf ihm nichts an den Kopf, was er nicht selbst wusste.

„Lass mich einfach mit ihm sprechen! Ich kann das alles erklären.“

„Lass es einfach! Respektier nur einmal seinen Wunsch! Sei ihm einmal ein echter Freund!“, sagte sie abschließend und ging zurück in die Wohnung, ließ Klaas draußen auf dem Flur stehen.

Wie erstarrt stand er da. Wusste nicht mehr weiter. Wusste aber auch, dass er jetzt nicht so einfach gehen konnte. Entschlossen trat er auf die Haustür zu und klopfte an, stemmte die Hände zu beiden Seiten des Türrahmens ab.

„Joko! Ich weiß, dass du da bist. Ich werd jetzt nicht so einfach weg gehen. Lass uns reden! Ich will nicht, dass das zwischen uns steht.“

Stille.

„Ich will mich nur selbst davon überzeugen, dass es dir gut geht. Dann lass ich dich auch in Ruhe, wenn du das willst. Bitte, mach auf! Es war eine Scheiß Idee, okay?“

Leise Schritte hinter der Tür.

„Ich geb’s ja zu. Ich hab’s übertrieben. Ist es das, was du hören willst? Es war ’ne richtige Scheiß Idee und ich geb’s offen zu. Glückwunsch! Du hast mich so weit.“

Klaas presste seine Handfläche an die Tür.

„Schmitti und Jakob haben mich ja gewarnt, aber ich wollte nicht hören. Wie immer. Du kennst mich. Du weißt wie stur ich sein kann. Aber ich wollte dich nicht verletzen. Ich hab nicht nachgedacht. Hätte ich nur mal zwei Sekunden nicht nur an den Plan gedacht, dann hätte ich es nicht durch ziehen können. Ich… Du bist mir wichtig.“

Klaas schluckte hart. Räusperte sich.

„Wenn du über die Sache reden willst, dann weißt du wie du mich erreichen kannst. Ich sag den anderen auch noch mal, dass sie dich in Ruhe lassen sollen. Dann… Dann hast du bis Montag Zeit. Wir sehen uns doch Montag oder? Ich meine… wenn du mehr Zeit brauchst, dann kriegen wir das sicher auch hin. Es ist nur… Du weißt schon…“

Seine Stimme wurde brüchig. Gefühle übermannten ihn, die er verzweifelt versuchte zurück zu halten. Er ballte die Hand an der Tür zur Faust, drückte sie ein letztes Mal fest dagegen, bevor er sich abstieß und einen Schritt zurück trat.

„Tja, also… ich geh dann mal wieder. Lass dich in Ruhe und so!“ 

Mit einem letzten Blick auf die Tür, wandte er sich um und ging die Stufe nach unten. Fühlte sich besser und schlechter zugleich.

„Klaas…“

Wie erstarrt blieb er stehen, hatte nicht mehr damit gerechnet diese Stimme heute noch zu hören. Langsam wandte er sich um und sah Joko am Treppengeländer stehen. Er sah blass aus, seine Augen waren gerötet und die Haare standen ihm wild vom Kopf ab. Aber er hatte ein leichtes Lächeln im Gesicht, welches den Druck von Klaas’ Brust nahm.

„Wir sehen uns Montag!“

 

Klaas versuchte die Erinnerung abzuschütteln und damit die Gefühle, die ihm erneut die Luft zum Atmen nahmen. Es war vorbei. Joko hatte ihm verziehen. Sie waren gemeinsam darüber hinweg gekommen

„Ich glaube das Sprichwort geht anders, Klausi“, holte Joko ihn zurück in die Gegenwart. 

„Wie auch immer. Schaffst du es jetzt dich alleine zu beschäftigen? Nachdem ich alles für dich geregelt habe?“

„Ja, danke Papa!“, sagte Joko in dieser kindlichen Stimme und mit einem deutliche Grinsen in der Stimme. Klaas presste die Lippen aufeinander und spürte das Zucken um seine Mundwinkel. Manchmal war es wirklich lästig, wenn jemand einen so gut kannte. Aber Joko schaffte es immer wieder aufs Neue, dass er sich besser fühlte. Mit nur wenigen Worten.

„Und das kannste dir auch gleich abschminken. Du sitzt im Zug und ich muss jetzt weiter machen.“

Joko seufzte ergeben am anderen Ende und antwortete: „Du bist heute echt eine Spaßbremse. Das werd ich dir heute noch austreiben.“

„Viel Glück dabei! Und jetzt leg auf!“

„Ich will aber noch etwas deine Stimme hören.“

„Wir sehen uns doch gleich. Gibt bestimmt noch ein Start Up, das du bis dahin erobern musst!“

„Okay okay, hab’s ja verstanden. Ich halt dich nicht länger auf. Ich freu mich nur so auf dich, Hase.“

„Ich hab dich auch vermisst“, flüsterte Klaas nach einigen Momenten. Ein sanftes Lächeln lag auf seinen Lippen, während der Joghurtbecher vergessen auf dem Schreibtisch stand. „Bis gleich.“

„Küsschen!“

Chapter Text

Kapitel 9

 

Nachdenklich drehte Klaas das Handy in seiner Hand. Wie nach jedem Telefonat mit Joko spürte er diese Leere in sich. Es war keine hohle Phrase gewesen. Er hatte Joko wirklich vermisst. Hatte nicht gedacht, dass es ihm nach all der Zeit immer noch schwer fallen würde so lange von ihm getrennt zu sein.

Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und schmiss das Handy auf den Schreibtisch. Wieder griff er nach seinem Joghurt. Steckte sich einen Löffel nach dem Anderen in den Mund, während er seinen Blick über den Bildschirm wandern ließ. Er hatte nicht mal die Hälfte der Bilder geschafft. Fühlte sich fast erschöpfter als nach einem Tag im Studio.

Wie konnten ihn Erinnerungen so fertig machen? Diese Reise in die Vergangenheit war alles andere als leicht für ihn. Erwartet hatte er das nicht. Ein Rückblick auf ihre Karriere sollte sein Herz nicht so in Zwei reißen. Sollte ihn nicht so nachdenklich machen.

Den Becher beiseite stellend, rutschte er näher an den Computer heran. Scrollte erneut durch Bilder und Texte. Sah alte Neo Paradise Bilder, noch ältere MTV Home Bilder, aber die Emotionalsten waren während Circus HalliGalli entstanden. Im Jahr 2015 war die Redaktion auf die glorreiche Idee gekommen Joko und ihn zu einer Paartherapie zu schicken. Paartherapie. Ausgerechnet sie beide.

Diese Sitzung war zu einer Zeit angesetzt worden, als die Stimmung zwischen ihnen mal wieder kaum auszuhalten war. Jeder bekam es mit. Keiner konnte sagen, dass er nichts gesehen hatte. Nicht irgendwann mal was mitbekommen hatte. Sie gaben sich nicht mal mehr Mühe ihren Streit zu verbergen. Natürlich nicht vor der Kamera. Da waren sie Profis. Aber hinter den Kulissen sprachen sie kaum ein Wort miteinander.

 

„Denkst du über Selbstmord nach?“

„Manchmal.“

„Ich war gewillt diese Beziehung zu retten.“

„Welche Beziehung, Alter? Es gibt gar keine Beziehung. Wir können doch nicht die ganze Zeit von etwas reden, das nicht ak.. das nicht existiert.“

„Das macht mich traurig."

Klaas hielt es nicht mehr aus. Er musste hier raus. Ließ Joko und Rauli und all die anderen einfach beim Interview sitzen. Sollten sie ihren Mist doch alleine zu Ende bringen. Er hatte den ganzen Spaß mit gemacht. Mehr konnten sie nicht von ihm verlangen. 

Er riss sich das Mikrofon vom Pullover, schnappte sich seine Jacke und lief so schnell er konnte aus der Halle. Warum konnten sie es nicht gut sein lassen? Klaas war gerade erst damit klar gekommen, dass Joko nach München gezogen war. Dass es wahrscheinlich bald kein Joko und Klaas mehr geben würde. Wieso mussten sie das Messer noch tiefer in die Wunde stecken mit so einer dämlichen Idee? 

Paartherapie! Ausgerechnet sie beide bei einer Paartherapie. Klaas schluckte hart, als er sich an die Situation mit dem Therapeuten erinnerte. Dieser dämliche Raumlauf!

„Mein Name ist Joko. Du hast schöne Lippen…“, äffte er leise den Anderen nach, vergrub seine Hände tief in den Jackentaschen. Dabei stieß er auf seine Zigarettenschachtel, aus der er sich direkt eine Zigarette schnappte und sie anzündete. Tief zog er den Rauch in seine Lunge. Spürte, wie er ruhiger wurde.

Es tat weh. Es tat scheiße weh, dass er immer wieder solche Situationen durchleben musste. Er liebte Joko. Liebte ihn wahrscheinlich schon seit der Zeit bei MTV Home. Doch egal wie oft sie sich geküsst hatten, egal wie oft sie in heikle Situationen gerieten. Sie waren kein Paar und sie würden niemals eines sein.

Also musste er sich ablenken. Musste die Gedanken an braune Augen und ansteckendes Lachen hinter sich lassen. So schwer es ihm auch fiel, für seinen Seelenfrieden war es die bessere Wahl.

Klaas griff nach seinem Handy, während er weiter an seiner Zigarette zog. Er ging seine Kontakte durch bis er den Passenden gefunden hatte. Wieder ein kurzes Zögern. Sein Herz protestierte gegen diese Sache. Wollte es nicht so weit kommen lassen. War noch nicht bereit los zu lassen. Aber es musste sein.

Steht dein Angebot für die Ablenkung noch? Muss den Kopf mal wieder frei bekommen.

Unruhig zog Klaas an der Zigarette und ließ seinen Blick über den Parkplatz wandern. Wieso war er nicht mit seinem eigenen Wagen gekommen? Jetzt musste er auch noch auf das Team warten. Er wusste allerdings nicht, ob er hoffen sollte, dass sie schnell fertig waren oder sich noch länger Zeit ließen. Klaas verzog das Gesicht. Diese ganze Gefühlsduselei war wirklich lästig.

Ein lauter Signalton kündigte eine neue Nachricht an.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass du mich als Ablenkung benutzt.

Ist das ein Nein?

Sehen uns heute Abend bei dir.

„Mit wem schreibst du?“

Klaas hatte die Schritte auf dem Kies gehört, deswegen überraschte ihn die Frage nicht. Allerdings wollte er Joko keine Antwort geben. Ein letzter Zug an seiner Zigarette, bevor er sie gekonnt von sich schnipste und es unkommentiert ließ, als Joko das Gesicht verzog. Fast schon die Standardreaktion, wenn er Klaas beim Rauchen sah. Er mochte es nicht. Hatte daraus auch nie ein Geheimnis gemacht. Aber es war das Einzige, was Klaas in solchen Situationen beruhigte. Ihm ein gewisses Gefühl der Kontrolle zurück gab.

„Seid ihr fertig? Können wir los?“, fragte er anstatt die Frage zu beantworten.

Alles, was Klaas daraufhin bekam, war ein Nicken. Er musterte seinen Gegenüber unauffällig. Joko hatte die Hände in den Jackentasche vergraben, die Kappe tief ins Gesicht gezogen und sah ebenfalls alles andere als glücklich aus hier zu sein. Da waren sie wenigstens mal einer Meinung. Klaas sah jetzt auch, wie das Team bereits alles wieder in den Wagen lud. Umso besser. Schnell weg von hier. Weg aus dieser Situation.

„Klaas bitte!“, hielt ihn Joko’s Stimme auf, als er sich bereits zum Wagen wandte. Er blieb stehen, sah ihn allerdings nicht an.

„Ich weiß nicht, was das Problem ist. Aber so kann es zwischen uns doch nicht weiter gehen. Dieses ständige Auf und Ab. Mal ist alles super und dann errichtest du wieder diese Mauer zwischen uns. Ich check’s nicht.“

Klaas hörte die Frustration in seiner Stimme. Er wusste, dass er sich wie ein Arschloch benahm. Es war nicht fair. Joko wusste nicht, was in ihm vorging. Hatte ihm auch niemals etwas vorgemacht. Ihn traf keine Schuld.

„Erklär’s mir! Normalerweise sind solche Dreh’s wie heute kein Problem für dich. Aber was war das da drin? Warum… was ist los? Rede mit mir!“

„Joko… lass es gut sein! Ich bin müde und will nur noch nach Hause.“

„Dann sag mir, wann wir darüber reden können. Ich will meinen alten Klausi zurück.“

Seit wann war der Winterscheidt so hartnäckig? Normalerweise ließ er sich mit wenigen Worten abspeisen. Zumindest konnte Klaas so einen gewissen Abstand zwischen ihnen schaffen. Aber das funktionierte plötzlich nicht mehr.

„Es gibt nichts zu bereden. Das bildest du dir ein. Sag mir nicht, dass du diese ganze Paartherapie wirklich sinnvoll fandest?!“

„Jedenfalls hab ich mich nicht so angestellt. Es hat dir doch sonst nichts ausgemacht, wenn uns jemand als Paar bezeichnet hat. Was hat sich geändert?“

„Alles!“, wollte er Joko entgegen schleudern, doch er hielt sich zurück. Das hier war weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt um darüber zu sprechen. Außerdem wusste Klaas sowieso nicht, was er sagen sollte. Wie erklärte man seinem langjährigen, hetero Arbeitskollegen, der fast alle seine dunkelsten Geheimnisse kannte und alles mit ihm geteilt hatte, dass man in ihn verliebt war? Gar nicht. Am Besten übergoss man diese Gefühle mit Benzin und zündete sie an.

„Ja komm, so langsam ist auch gut, ne? Als ob du es so gut findest. Bin mir sicher, dass Lisa da auch einiges zu zu sagen hat. Wir sollten da einfach nicht noch mehr Stoff liefern, okay.“

Klaas steckte nun ebenfalls die Hände in die Jackentaschen und blickte vorsichtig zu Joko. Er sah nachdenklich aus. Schien nach den richtigen Worten zu suchen. Gerade als er den Mund öffnen wollte, durchbrach ein Signalton die Stille zwischen ihnen. Klaas zog das Handy aus der Tasche und blickte auf den Bildschirm.

Ich werd schon dafür sorgen, dass du ihn vergisst.

„Wer hat dir geschrieben?“, kam erneut die leise Frage von Joko, der nun näher an ihn heran getreten war. Schnell schob Klaas das Handy wieder in die Tasche.

„Ich treffe mich heute Abend mit Arne“, beantwortete er schlussendlich doch die Frage und wollte es einfach nur hinter sich bringen. Schloss die letzte Tür zwischen ihnen endgültig. Klaas zwang sich dazu Joko in die Augen zu sehen. Ob es irgendeine Reaktion bei ihm auslöste. Und das tat es.

Er sah, wie es hinter Joko’s Stirn arbeitete. Wie er diese Information versuchte zu verarbeiten und einzuordnen. Als ihre Blicke sich trafen, wusste Klaas, dass Joko sich erinnerte.

An den Abend beim Echo. Sie waren ausgezeichnet worden mit dem Preis „Partner des Jahres“ für Circus HalliGalli. Joko war mit Lisa gekommen. Klaas war alleine. Viel Alkohol war geflossen. Daher war es ihm zu später Stunde egal gewesen, wer ihn sah. Wer ihn mit dem unbekannten Mann knutschen sah. Wenn er nicht so furchtbar besoffen gewesen wäre, wäre es ihm wahrscheinlich peinlich gewesen, gerade von Joko dabei erwischt zu werden. So hatte er einfach nur mit den Schultern gezuckt, Arne am Handgelenk gepackt und ihn am geschockten Joko vorbei gezogen.

Es war das erste Mal gewesen, dass Joko ihn mit einem Mann sah. Klaas hatte immer versucht sein Privatleben nicht vor dem Anderen auszuleben. Vielleicht war das falsch von ihm, aber er hielt es für die richtige Entscheidung.

In Joko’s Augen sah er die Erinnerung an ihm vorbei ziehen. Wie er die Lippen aufeinander presste. Wie er hart schluckte. Wie sein Brustkorb sich schneller hob und senkte. Wie er eins und eins zusammen zählte. Wie er sich zusammen reimte, wie der Abend für Klaas verlaufen würde. 

„Klaas…“

„Das Team wartet. Ich will einfach nur noch nach Hause.“

Klaas ließ sich nicht erneut aufhalten. Entschlossen wandte er sich von Joko ab und ging zielstrebig auf ihren Van zu. Hauptsache weg von Joko. Hauptsache weg von diesem verdammten Gefühlschaos.

 

Klaas fühlte sich mies bei dieser Erinnerung. Er hatte Joko verletzt. Unbewusst, aber er hatte es getan. Zu diesem Zeitpunkt hatte er keine Ahnung von der Trennung von Lisa gehabt und einfach nur irgendwie versucht mit seinen Gefühlen klar zu kommen.

Hatte Joko sich in dieser Situation so gefühlt, wie Klaas bei der Las Vegas Hochzeit von Joko und Frank? Vermutlich. Vielleicht. Sie hatten nie über diesen Moment gesprochen. Im Allgemeinen vermieden sie es über diesen Teil der Vergangenheit zu sprechen. Es brachte nicht immer das Beste zum Vorschein.

Was ihn damals zu dieser Duell um die Welt Aufgabe geritten hatte, konnte wohl nur die liebe Redaktion beantworten. Denn es war nicht seine Idee gewesen. Ein Fehler hatte dazu geführt, dass sie eine der Ersatzaufgaben nehmen mussten. Wenn man es so wollte, war es ein Lückenfüller gewesen. Klaas erinnerte sich noch daran, dass er nicht begeistert gewesen war. Nicht alle in ihrer Firma kannten seine Neigung. Sie hielten es einfach für eine witzige Idee gerade Mister Frauenversteher Winterscheidt in so eine Situation zu bringen.

Klaas wusste nicht, warum er die Bilder überhaupt auf dem Computer gespeichert hatte. Joko und Frank im Partybus. Joko und Frank vor dem falschen Elvis. Joko und Frank knutschend auf dem Boden. Joko und Frank anschließend im Cabrio. Es war eine Qual. 

Schmitti hatte die Sache auch nicht mehr verhindern können. Der war alles andere als begeistert, als er von dem Plan gehört hatte. Denn er war im Endeffekt derjenige, der einen schlecht gelaunten Klaas ertragen musste.

 

Endlich war diese Tortur vorbei. Klaas hatte Mr. Lio erfolgreich Zuhause abgeliefert und konnte aus diesem dämlichen Kostüm raus. Seine Nerven lagen blank. Der Typ und seine Knallerei hatten ihm den letzten Nerv geraubt. Joko wusste doch ganz genau wie schreckhaft er war. Der hatte sich ja schon am Telefon darüber lustig gemacht. Elender Penner!

„Ist alles im Kasten. Da hinten können wir noch ein paar Schnittbilder drehen. Dann ist auch fast schon Zeit für den Anruf bei Joko“, erklang Schmitti’s Stimme im Hintergrund. Klaas stand am Abhang und blickte runter auf den Fluss. Er war zwar gesichert gewesen, aber ein paar Mal wäre er fast weg gerutscht. Das Adrenalin hatte ihn wachsam gemacht. Hatte dafür gesorgt, dass er nicht unvorsichtig wurde und nicht von anderen Gedanken abgelenkt wurde. Jetzt stand allerdings nichts mehr zwischen ihm und dem nächsten Problem.

„Klaas? Wir sind gleich bereit für das Telefonat.“

Still beobachtete er das Wasser unten im Tal.

„Klaas? Hast du gehört? Wir sind soweit“, sprach Schmitti ihn erneut an.

„Nein.“

„Was?“

Klaas sah ihn an. Entschlossen und dennoch zwiegespalten.

„Ich kann diesen Anruf nicht machen. Ihr müsst euch was anderes ausdenken.“

„Ey, komm mir jetzt nicht so! Wir haben das bis jetzt immer so gemacht. Das wollen die Zuschauer sehen. Wie soll Joko denn sonst seine Aufgabe erfahren?“

„Mir doch scheiß egal. Ich werds nicht tun“, sagte Klaas nun noch deutlicher und fummelte aus seiner Tasche eine Zigarette. Wurde erst ruhiger, als er den grauen Rauch in seine Lunge zog. Er spürte Schmittis Blick, weigerte sich aber diesen zu erwidern. Er würde von seinem Standpunkt nicht abweichen. Das konnte er einfach nicht von ihm verlangen.

Die anderen Mitarbeiter sahen ebenfalls fragend zwischen ihnen hin und her. Wussten nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollten. Sie waren den Drehplan wieder und wieder in der Firma durchgegangen. Wann wer wen anrief und wann sie was drehen wollten. Da hatte Klaas noch nicht protestiert.

Doch je näher der Zeitpunkt gerückt war, je näher sie dieser verdammten Hochzeit kamen, desto klarer wurde ihm, dass er die Worte zu Joko nicht sagen konnte. Nicht seine Reaktion hören wollte. Das konnte Thomas nicht von ihm verlangen. Der zog ihn nun beiseite, damit sie niemand belauschen konnte.

„Ich weiß, dass es nicht einfach für dich ist. Aber du warst einverstanden, dass wir das hier machen. Den Zeitpunkt für einen Rückzug hast du verpasst. Jetzt zieh es auch durch.“

„Vergiss es! Ich weiß nicht, wie deutlich ich dir noch sagen soll, dass ich es nicht mache. Denk dir was anderes aus! Ruf du ihn halt an!“

„Meinst du nicht, dass Joko es komisch finden wird, wenn du dich nicht meldest?“

„Ach, der ist doch bestimmt schon viel zu besoffen um noch irgendwas mitzubekommen. War er doch vorhin schon.“

„Mag sein, aber morgen früh bei der Nachbesprechung wird es ihm wieder einfallen und dann wird er Fragen stellen. Ich hoffe das ist dir bewusst.“

„Damit werd ich schon klar kommen“, sagte Klaas und zog erneut an seiner Zigarette. Blickte dabei in den beginnenden Sonnenuntergang. Dachte dabei an Joko, der gerade wahrscheinlich die Nacht seines Lebens hatte.

„Nun gut. Wenn du es so willst.“

Schmitti wandte sich ab und besprach das weitere Vorgehen mit Michael, während Klaas versuchte seine Gedanken zu ordnen. Sich bewusst zu werden, was er sich hier eigentlich antat. Die Showaufzeichnung würde die Hölle werden. Wenn er im dunklen Studio stand und sich diese MAZ angucken musste. Wie Joko und Frank heirateten. Wenn Joko es überhaupt durchziehen würde, aber daran zweifelte er eigentlich nicht. Mit genügend Promille im Blut würde Joko alles tun.

Klaas trat die Zigarette unter seinem Schuh aus und setzte sich auf eine Bank in der Nähe der Gondelhütte. Seufzend legte er den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Lauschte dem Gespräch zwischen Thomas und Joko.

„Joko, Thomas hier. Planänderung. Tu einfach so, als würde Klaas anrufen und Jan soll einfach weiter filmen! Ich sag dir jetzt die Aufgabe.“

Einen Moment Stille. Wahrscheinlich musste Joko die Information in seinem besoffen Kopf erstmal erarbeiten.

„Du sollst heiraten. Aber nicht irgendwen, sondern Frank.“

Da war es raus. Klaas öffnete die Augen und blickte in den Himmel.

„Ja ,von mir aus. Macht das, wie ihr wollt. Hauptsache ihr zieht es durch.“

Damit war die Sache wohl erledigt. Joko wusste seine Aufgabe und Klaas würde die nächsten Stunden alle möglichen Szenarien im Kopf durchgehen. Er wollte keine Updates, wie es lief oder wie die Hochzeit ablaufen würde. Das wollte er sich wirklich ersparen.

Wieder verspürte er den Drang nach einer Zigarette. Keiner da, der ihn schuldbewusst ansah, also steckte er sich die Nächste in den Mund. Gerade als er sie anzünden wollte, ließen ihn Schmitti‘s Worte inne halten.

„Dem geht’s gut. Nur erschöpft vom Singen und Klettern. Konzentrier du dich jetzt lieber auf deine Aufgabe!"

Ihre Blicke trafen sich. Klaas spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Joko hatte nach ihm gefragt, obwohl er gerade wahrscheinlich andere Dinge im Sinn haben sollte. Wärme breitete sich in seinem Bauch aus. Solche Dinge sollten ihn nicht so lächerlich glücklich machen.

„Ich werd’s ihm ausrichten. Viel Spaß!“, sagte Thomas zum Abschluss und legte auf. Dann wandte er sich Rauli und Michael zu um wahrscheinlich letzte Details zu klären, bevor er auf Klaas zu trat. „Wenn du mich fragst, klang Joko ziemlich enttäuscht, dass du nicht angerufen hast. Er will, dass du dich morgen direkt bei ihm meldest.“

Klaas nickte nur und zündete die Zigarette an, was Thomas ein Seufzen entlockte.

„Ich krieg noch mal einen Herzinfarkt wegen euch.“

 

Joko’s Vegas Hochzeit mit Frank hing ihnen bis heute nach. Das Internet vergaß wirklich nichts, genauso wenig wie ihre Fans. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit, in der Frank auf Joko traf, wurde ihre Hochzeit erwähnt. Das Frank Joko’s Ehemann war. Klaas kam mittlerweile besser damit klar. Machte sich selbst darüber lustig. Denn jeder wusste, wer an Joko‘s Seite gehörte.

Das Duell um die Welt hatte für viele glorreiche Momente gesorgt. Dinge, die sie alle geprägt hatten. Nicht nur Joko und ihn, sondern auch das gesamte Team. Die Reisen waren anstrengend. Teilweise lebensgefährlich. Aber es verschlug sie auch an die unglaublichsten Plätze auf der gesamten Welt.

Klaas betrachtete verträumt die Bilder aus Bolivien, Vanuatu, Indien und China. Orte, die er sonst niemals gesehen hätte. Es war wirklich ein Geniestreich von ihm gewesen dieses Format vorzuschlagen. Es war ein Quotengarant, der aber auch viele Gefahren mit sich brachte. Deswegen hatte er mit einem lachenden und einem weinenden Auge zugestimmt die Reisen nicht mehr selbst anzutreten. Seine Entscheidung war es nicht gewesen. Die hatte Joko ihm nach den letzten Reisen im Sommer 2017 aus der Hand genommen.

 

„Ich hab keinen Bock mehr. Es tut wirklich gerade wahnsinnig weg. Ich schaff das nicht mehr. Kein Punkt. Fertig. Is eben so.“

Ihm tat alles weh. Die kleinen Steinchen gemischt mit der Asche steckten überall in seinem dämlichen Skianzug. Was war das für eine schwachsinnige Idee gewesen? Skifahren auf Asche. Wo hatte Joko so einen Blödsinn her?

Das Team um ihn herum sah ihn besorgt an, weil er sich immer noch nicht richtig bewegte.

„Film den Berg da noch mal und dann ist gut“, sagte Klaas ein letztes Mal in die Kamera, bevor er sich zurück sinken ließ. Ein scharfer Schmerz fuhr durch seinen Steiß und er konnte einen schmerzerfüllten Laut nicht unterdrücken.

„Scheiße! Bist du verletzt?“

„Vielleicht hättet ihr euch da vorher mal Gedanken drüber machen sollen. War ja wohl klar, dass ich mich auf die Schnauze lege“, zischte Klaas Thomas zu, der damit begann ihn von seiner Ausrüstung zu befreien. Erst die Skischuhe, dann den Helm und die dicke Jacke. Er ließ alles mit schmerzverzerrtem Gesicht über sich ergehen und achtete nicht auf das Treiben um ihn herum. Schwer atmend blickte er in den blauen Himmel über sich. Er wurde langsam zu alt für diesen Kram. „Höher, Schneller, Weiter“ funktionierte irgendwann nicht mehr. Für die nächste Staffel sollten sie sich wirklich leichtere Aufgaben überlegen.

„Kannst du aufstehen? Nicht weit von hier steht der Bus. Dann fahren wir ins nächste Krankenhaus.“

Klaas hatte es aufgegeben mit Schmitti über Krankenhausbesuche zu diskutieren. Egal, wie oft er sagte, dass es ihm gut ging, am Ende landete er doch wieder in einem Untersuchungsraum. Also würde er es auch dieses Mal über sich ergehen lassen. Aber mit weniger Gemecker.

Mit Hilfe der Anderen rappelte er sich langsam auf. Irgendeiner vom Team hatte ihm seine normalen Schuhe wieder angezogen, sodass er sich gleich viel leichter bewegen konnte. Doch immer noch schmerzte sein Körper bei jeder Bewegung. Das würde einige blaue Flecke geben.

Im Krankenhaus wurde das Ganze noch mal vom Arzt bestätigt. Viele Prellungen, eine angeknackste Rippe und eine leichte Gehirnerschütterung, die ihm eine Nacht im Krankenhaus bescherte. Michael und Schmitti brachten ihm die nötigsten Klamotten aus seinem Hotelzimmer und kümmerten sich um alle anderen Formalitäten. Eine Sorge weniger. Die Nachbesprechung würden sie dann auf Den nächsten Tag verlegen. Schmitti versprach am nächsten Morgen direkt zu den Besuchszeiten da zu sein. 

Ihm stand eine schlaflose Nacht bevor. Immer wieder sah die Nachtschwester nach ihm, stellte ihm Fragen und checkte seine Werte. Alles im grünen Bereich. Die Schmerzmittel machten alles einigermaßen erträglich. Ein paar Tage würde er auf das Zeug angewiesen sein, aber das kannte er bereits von anderen Aktionen. Die Rippe würde ihn wohl noch etwas länger beschäftigen.

Am nächsten Morgen fuhr Klaas sich mit einer Hand übers Gesicht. Wie froh er war, dass die Nacht endlich vorbei war. Er wollte einfach nur noch nach Hause. Zum Glück war es die letzte Station auf ihrer Weltreise gewesen, sodass er morgen Nachmittag endlich wieder in Berlin sein würde. Da Schmitti ihm das Handy mit den Worten „Du sollst dich ausruhen und deinen Dickkopf schonen“ abgenommen hatte, hatte er keine Möglichkeit Joko zu erreichen. Der wunderte sich bestimmt schon, warum Klaas sich nach der Aufgabe nicht bei ihm gemeldet hatte. Damit Joko nicht wieder durch drehte, sollte er sich gleich mal eine gute Ausrede einfallen lassen. Er machte sein Team immer halb wahnsinnig, wenn Klaas sich bei irgendeiner Aufgabe verletzte, denn meistens versuchte Joko es so zu einzurichten, dass man gar keine Gelegenheit hatte sich ernsthaft zu verletzen. Die Aufgaben waren zumindest so nicht ausgelegt. War es doch mal der Fall wurde alles bis ins kleinste Detail geplant und koordiniert. 

Klaas setzte sich im Bett auf, verzog das Gesicht und legte einen Arm um seinen Oberkörper. So ein Pech, dass gerade bei der letzten Aufgabe nicht alles nach Plan verlaufen war. Diese verdammte Rippe! Verdammter Vulkan! Verdammtes Italien! Er wollte einfach alles verfluchen.

So half es auch nicht, dass er heftig zusammen zuckte, als die Zimmertür aufgerissen wurde und ein heftig keuchender Joko im Türrahmen stand. Mit großen Augen blickte Klaas ihn an.

„Joko? Was machst du hier?“

Chapter Text

Kapitel 10

 

„Geht’s dir gut? Was machst du hier?“

„Ist das dein Ernst? Du fragst mich, ob es mir gut geht und was ich hier mache?“

Joko schloss die Tür hinter sich und trat ans Bett. Er machte Anstalten ihn zu umarmen, hielt sich aber im letzten Moment zurück. Besorgt wanderte sein Blick über Klaas, der ihn verwirrt ansah. Bildete er sich das ein? Halluzinierte er jetzt schon? Was hatten die ihm für Schmerzmittel gegeben? Das Zeug schien ganz schön rein zu hauen.

„Ja, klar. Solltest du nicht in Österreich sein? Was ist mit deiner Aufgabe?“

„Kannst du nicht mal im Krankenbett den Mund halten?“, fragte Joko aufgebracht und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Klaas sah, dass seine Hände zitterten und auch seine Klamotten sahen alles andere als ordentlich aus. „Ich muss von Thomas erfahren, dass du im Krankenhaus liegst und alles, was der mir sagt ist, dass es halb so wild ist. Als ob mir das reichen würde.“

„Joko! Joko, hey…“

Doch er fing gerade erst an.

„Dann hab ich versucht dich auf dem Handy zu erreichen, aber das war aus. Ich hab jedem aus deinem Team angerufen, damit mir irgendwer sagen kann in welchem Krankenhaus du bist. Aber vergebens. Alle sind zum Schweigen verdonnert worden. Wie dumm ist das bitte? Wer ist hier der Chef?“

„Jetzt beruhig dich doch…“

„Sag mir nicht, dass ich mich beruhigen soll! Damit ist Jakob mir schon auf die Nerven gegangen. Weil keiner mir irgendwas sagen wollte, hab ich gedroht mir einfach irgendein Auto zu leihen und runter zu fahren. Das hat endlich Bewegung in die Truppe gebracht. Jakob hat noch mal mit Thomas geredet und dann konnten wir uns endlich auf den Weg machen.“

Seine Stimme brach und wurde leiser. Klaas sah, wie er um Fassung rang.

„Joko…“

„Nichts hätte mich aufhalten können. Weißt du eigentlich, was ich mir ausgemalt habe? Ich bin deinetwegen um Jahre gealtert. Tu mir das nie wieder an!“

„Ich hab doch nicht…“

„Ich mein’s ernst. Ich hau dir eine rein, wenn du so ’ne Nummer noch mal abziehst.“

„Jetzt mach mal…“

„Das war’s. Das war der letzte Dreh für Duell um die Welt. Ich will sowas nicht noch mal durch machen. Ich kann dich nicht verlieren.“

„Joko!“, fuhr Klaas jetzt energisch dazwischen, griff nach Joko’s Händen und stoppte endlich dessen Redefluss. „Sieh mich mal an!“, sagte er ruhig und wartete darauf, dass er seiner Bitte nach kam. Tränen. Er sah Tränen, die in Joko’s Augen standen und drohten jeden Moment zu fließen. Dieser Anblick machte ihn fertig.

„Es geht mir gut. Ich bin nicht ernsthaft verletzt. In zwei, drei Wochen bin ich wieder ganz der Alte. Also hol mal tief Luft und beruhige dich, sonst landest du auch noch in einem Krankenbett.“

Sein Brustkorb hob und senkte sich schnell. Seine Hände zitterten. Erst bei Klaas’ leisen Worten holte Joko tief Luft und versuchte sich wieder in den Griff zu kriegen. Er biss sich auf die Unterlippe, schaffte es aber nicht die Tränen zurück zu halten.

Klaas lächelte leicht, zog eine Hand an seinen Mund und drückte einen sanften Kuss auf Joko’s Handinnenfläche. „Komm mal her! Du bist viel zu weit oben.“ Er zog ihn zu sich runter auf die Bettkante und legte eine Hand in den Nacken des Anderen.

„Guten Morgen, Winti!“, hauchte er leise. Entlockte Joko ein Lächeln. Strich mit seiner freien Hand über Joko’s nasse Wange.

„Das ist jetzt nicht…“

„Nein, nein. Wie beruhigen uns jetzt und fangen noch mal von vorne an. Guten Morgen!“

„Morgen, Klausi!“, kam die genuschelte Antwort von Joko.

„Ich hab dich vermisst. Wie war deine Reise?“

„Scheiße!“

„Ach wirklich? Kann mir gar nicht vorstellen wieso.“

„Bring mich jetzt nicht zum Lachen! Ich will wütend auf dich sein.“

„Warum das denn? So schlimm ist es doch gar nicht.“

„Für dich vielleicht. Ich fass es nicht, dass du…“, wollte Joko sich auch gleich wieder aufregen, als Klaas ihn erneut unterbrach.

„Ja, sach mal. So wird das nix. Ich frag noch mal: Wie war deine Reise?“

Klaas ließ nicht locker. Er mochte es nicht Joko so aufgelöst zu sehen. Es war ihm schon immer schwer gefallen, wenn Joko zu emotional wurde und vor lauter Gefühlen nicht mehr klar denken konnte. Immer dachte er an andere Menschen, bevor er an sich selbst dachte. Manchmal musste Klaas ihn vor sich selbst schützen. Joko schien das jetzt auch endlich eingesehen zu haben, denn er seufzte ergeben und ließ seinen Kopf auf Klaas’ Schulter sinken.

„Ich hasse dich.“

„Ich weiß. Kannste mir bei der nächsten Weltreise wieder heim zahlen. Hast doch bestimmt schon die schönsten Orte mit den schrecklichsten Hotels raus gesucht.“

„Es war mein Ernst. Feierabend. Ich mach das nicht mehr mit. Keine Reisen mehr fürs Duell.“

Klaas runzelte die Stirn. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie nie übers aufhören gesprochen. Wer sagte schon nein zu kostenlosen Reisen in alle Länder der Welt? Klar waren da noch die Aufgaben, aber das konnte man bestimmt anders lösen.

„Darüber sprechen wir noch mal in Ruhe, wenn wir wieder in Berlin sind.“

Joko hob den Kopf von seiner Schulter, blieb aber nah vor seinem Gesicht und sah ihm in die Augen. Eine Ernsthaftigkeit lag in diesem Blick, den Klaas nur sehr selten bei ihm sah.

„Klaas, ich will nicht eines Tages diesen einen Anruf bekommen. Der Gedanke macht mich fertig. Das halt ich nicht aus.“

Eine Garantie gab es nie. Dieses Risiko gingen sie bei jeder Weltreise ein. Doch in letzter Zeit war es schwieriger zu verkraften gewesen. In diesem einen Jahr Pause war viel passiert. War zwischen ihnen viel passiert, sodass es ihnen nicht mehr ganz so leicht fiel dem Anderen die schwierigsten und gefährlichsten Aufgaben zu stellen.

Klaas erwiderte seinen Blick. Sah die Emotionen über Joko’s Gesicht fliegen. Sein Widerstand schmolz dahin. Spürte wie die nächste Mauer eingerissen wurde. In diesem Moment wusste er nicht, was ihn davon abhielt den letzten Schritt auf Joko zu zugehen. 

„Das wird nicht passieren. Ich werd dir noch bis an dein Lebensende auf die Nerven gehen.“

„Versprochen?“, hauchte Joko gegen seine Lippen und legte eine Hand an Klaas’ Wange. Federleicht strich er mit dem Daumen über den Wangenknochen und biss sich auf die Unterlippe, als sein Blick auf Klaas’ Lippen fiel. Diese verzogen sich zu einem aufmunternden Schmunzeln.

„Nichts könnte mich davon abhalten.“

Es hatte ja doch keinen Sinn dagegen anzukämpfen. Klaas überbrückte die Distanz zwischen ihnen und küsste ihn. Küsste Joko so gefühlvoll, dass keine Zweifel an seinen Gefühlen bestanden.

 

Klaas hatte Joko niemals wieder so aufgelöst gesehen wie an diesem Tag. Er war ihm für den Rest des Tages nicht von der Seite gewichen. Keiner aus dem Team hatte versucht sie auseinander zu bringen, denn beim ersten Versuch hatten sie den passenden Spruch von Joko bekommen. Jakob hatte also nur mit den Schultern gezuckt, mit dem Rest des Teams, welches in Österreich geblieben war, telefoniert und Joko’s Aufgabe auf den nächsten Tag geschoben.

Danach war die Entscheidung gefallen nicht mehr selbst für das Duell zu reisen. Eine andere Lösung musste her, denn so einfach wollte ProSieben das Format nicht in den Schrank stellen.

Klaas sah sich die Bilder der anderen Weltreisen an. Jeannine in Norwegen. Charlotte in Russland. Steven in Japan. Jochen in den USA. Simon in Taiwan. Axel in Lichtenstein. Die Liste war endlos. An geeigneten Kandidaten für die neuen ‚Duell um die Welt‘ Folgen mangelte es ihnen nicht. Niemand war erleichterter als Joko, dass das neue Format so gut ankam. 

Stirnrunzelnd blickte Klaas auf das Bild, welches definitiv nicht zu den Weltreisen gehörte. Er schob es zurück in den Hauptordner und fuhr sich mit der Hand über den Mund. Sie beide waren darauf zu sehen und Klaas konnte sich noch genau an diesen Moment erinnern. Sie saßen zwischen den Zuschauern bei HalliGalli und sahen sich an. Hatten beide einen verlegenen Ausdruck im Gesicht. Joko’s Lippen zierte ein zurückhaltendes Lächeln.

Ein Moment, der zu ihrem ersten Kuss. Geführt hatte. Nicht vor der Kamera. Nicht ganz geplant. Ganz privat, nur zwischen ihnen beiden.

Palina’s Geschichtsstunde hatte Gefühle in Klaas losgelassen, die seit Jahren in ihm gebrodelt hatten. Dazu kam Joko’s penetrante Art Dinge nicht einfach mal gut sein zu lassen.

 

Küss mich! Ist das dein Ernst?“

„Was denn? War doch witzig!“

„Ja, super lustig! Biste jetzt auf den Geschmack gekommen oder was? Die Hochzeitsnacht mit Frank muss dir ja richtig gut gefallen haben“, setzte Klaas noch einen drauf und verdreht die Augen. Sie gingen durch die Studiofluren an unzähligen Mitarbeitern und Gästen vorbei.

„Die Geschichte hatte doch was. Warum bist du denn jetzt so schlecht drauf?“

„Ich bin überhaupt nicht schlecht drauf, aber du musst dem Ganzen ja nicht noch einen drauf setzen.“

„Als ob es das erste Mal ist. Bei Neo Paradise hat dich das nie gestört.“

„Seitdem hat sich eben einiges geändert und ich hab dir damals schon gesagt, du sollst mit diesem ‚ich liebe dich‘ Quatsch aufhören.“

„Klausi, das ist doch wirklich…“

Zum Glück wurde Klaas in dem Moment von Jakob gerettet, der Joko am Ärmel festhielt, als sie an ihm vorbei gehen wollten.

„Warte mal, Winti. Wir müssen noch mal über das Interview sprechen…“

Klaas nutzte die Chance und lief einfach weiter ohne einen Blick zurück zu werfen. Gerettet. Noch viel länger hätte er diese Diskussion auch nicht ausgehalten. Seine Hände waren schweißnass. Von seinen Hormonen, die verrückt spielten mal ganz zu schweigen.

Wer aus der Redaktion hatte die bescheuerte Idee gehabt Palina so eine Geschichte vorlesen zu lassen? Wenn nächstes Mal wieder nur Überraschung auf dem Programm stand, würde er jedes Veto einsetzen, was ihm zur Verfügung stand.

Klaas war froh, als er endlich in seiner Garderobe angekommen war. Türe schließen. Ein und aus atmen. Runter kommen. Keine Dummheit begehen.

So nah war er noch nie an einem Kontrollverlust gewesen. Diese Bilder, die Palina ihm da in den Kopf gesetzt hatte, wollten nicht mehr verschwinden.

Doch dieses Mal ist es nicht Klaas, welcher den Kuss vertieft. Neckisch stoße ich seine Lippen entzwei und dringe ungehalten mit meiner Zunge in seine Mundhöhle ein. Klaas greift mich etwas ruppig am Nacken und zieht mich näher an sich.

Joko, der seinen Kuss erwidern würde. Joko, der es genauso wollte wie Klaas. Das war eine Fantasie. Nichts weiter als eine alberne Fantasie. Joko stand nicht auf Männer und hatte eine Freundin. Eine Freundin, die er niemals für Klaas sitzen lassen würde. Diese Möglichkeit war so absurd, dass er laut auflachen musste. Alberne Gedanken. Zumindest kühlten sie ihn so weit ab, dass er seine Garderobe wieder verlassen konnte ohne sich zu blamieren.

Klaas raufte sich die Haare. Er schnappte sich seine Sachen, schaltete das Licht aus und trat zurück auf den Flur. Es war zur Tradition geworden, dass sie nach der Aufzeichnung noch ein Bier tranken. Alle Mitarbeiter sowie die eingeladenen Gäste. Er hob hier und da die Hand, wenn ihm jemand im Flur entgegen kam oder er an einer offenen Tür vorbei ging. Alles in allem war es eine gute Show gewesen, trotz der seltsamen Überraschung.

Noch bevor ich einen weiteren Gedanken verschwenden kann, hat Klaas mich an meinem Hemd schon an sich gezogen und drückt mir seine Lippen auf. Schlagartig beginnt mein Herz einen Marathonlauf. Greife nach Klaas' Hand, welche sich an der Knopfleiste meines Hemdes festkrallt. Gehe auf den Kuss ein. Lasse mich gegen Klaas fallen.

Wieso wollten ihm diese Worte nicht aus dem Kopf gehen? Wieso wollten diese Bilder nicht verschwinden? Das würde eine harte Nacht werden. Vielleicht sollte er es heute beim Alkohol mal ordentlich zu greifen. Wäre sicher ganz hilfreich beim Vergessen.

Als er das Studio wieder betrat, schienen die meisten bereits einen Vorsprung an der Flasche zu haben. Bier wurde rum gereicht. Flaschen klirrten aneinander. Die Stimmung war feuchtfröhlich. Klaas zog sich ebenfalls eine Flasche aus dem Kasten, als Basti damit an ihm vorbei lief. Nachdenklich ließ er seinen Blick über die Gruppe wandern. Versuchte die Worte zu vergessen.

„Meinst du, er hat etwas gemerkt?“ Klaas’ Stimme ist leicht vom Alkohol gezeichnet. Schaue zu ihm rüber. „Was soll er bitte gemerkt haben? So eindeutig war deine zweideutige Bemerkung nun auch wieder nicht.“

Schmitti, Rauli und Jakob saßen auf den Publikumsbänken in der ersten Reihe und unterhielten sich angeregt. Eine weitere Gruppe stand hinten bei der Bar und schien nicht weniger sparsam mit dem Alkohol zu sein. Die Stimmung war gut, angeheitert, übermütig, ausgelassen.

Und doch fühlte Klaas sich anders. Als hätte sich etwas verändert. Sein Blick wanderte zur Mitte des Studios, wo Joko auf dem Sofa saß. Neben ihm Frank und Olaf. Thomas hockte auf dem Tisch vor ihnen. Sogar Paul hatte sich zur Gruppe gesellt. Keiner von den anderen wagte es sich hinter seinen Schreibtisch zu setzen. Das war ein ungeschriebenes Gesetz.

Noch hatte ihn niemand bemerkt, sodass er die Möglichkeit bekam die Szene vor sich zu beobachten. Joko erzählte irgendeine Geschichte von der letzten Weltreise. Wie waren sie nur auf dieses Thema gekommen? Klaas hörte was von Äthiopien, Ritual und Rindern. Das Männlichkeitsritual.

„Leute, ich sags euch. Da fahren wir ewig durch die Savanne und dann sagt John auf einmal ich muss mich auch noch ausziehen. Ich hab gedacht ich hör nicht richtig.“

„Wir wussten ja, was kommt. Der Moment war Gold wert“, fiel Thomas lachend ein und trank aus der Flasche. Paul bekam sich kaum ein vor Lachen und schlug sich auf den Oberschenkel. Die meisten in der Runde kannten die Geschichte bereits, waren dabei gewesen oder hatten die fertige MAZ gesehen. Paul war einer der wenige, der noch nicht im Bilde war.

„Das glaub ich sofort. Joko nackt, der über diese Rinder springt. Das hätte ich gerne live erlebt. Ich glaube bei der nächsten Reise bin ich dabei. Das gibt unglaubliche Bilder.“

Klaas verzog das Gesicht. Nur über seine Leiche. Joko und Paul zusammen auf Weltreise. Nein. Auf gar keinen Fall. Er nahm einen großen Schluck von seinem Bier. Langsam trat er näher und ließ sich auf den Drehstuhl sinken. Das erregt die Aufmerksamkeit der Gruppe.

„Klaas! Erzähl uns wie es dazu kam! Ausgerechnet Joko ein Männlichkeitsritual machen zu lassen. Auf die Idee kannst auch nur du kommen.“

Einige Momente sagte er nichts, hielt nur seine Bierflasche in der Hand und drehte sich leicht hin und her auf dem Stuhl. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Warteten auf seine Antwort. Sein Blick landete auf Joko.

„Naja, guck ihn dir doch an! Vor der Hochzeit mit Frank musste doch irgendwie noch ein Mann aus ihm werden. War die einfachste Lösung“, antwortete er schulterzuckend und nahm noch einen Schluck aus der Flaschen. Einen großen Schluck. Die Hochzeit mit Frank war nicht von ihm geplant gewesen, passte aber eben in das Schema.

„Stimmt!“, rief Joko aufgeregt. „So hab ich das noch nie gesehen. Alter, du bist mit einem echten Mann verheiratet“, wandte er sich dann an Frank, der direkt neben ihm saß und stieß mit ihm an.

„Warst ein toller Ehemann!“

„Ach Frankie, du bist zu gut zu mir.“ Joko legte einen Arm um Frank’s Schulter und zog ihn an seine Seite. Natürlich ließ der es bereitwillig geschehen.

Klaas’ Brust zog sich bei dem Anblick zusammen. Unbewusst verzog er das Gesicht, bevor er seine Bierflasche leerte, sie auf den Schreibtisch stellte und seinen Blick erneut über die Gruppe wandern ließ. Sein Blick traf auf Paul’s, der ihn für seinen Geschmack viel zu wissend ansah. Er hatte schon immer mehr gesehen, als Klaas lieb war und hielt sich auch nicht mit entsprechenden Sprüchen zurück. Aber heute Abend nicht. Dafür war Klaas nicht in der Stimmung.

„Jaja, ganz toller Ehemann. Glückwunsch! Ich schick ’ne Karte zum Einjährigen“, sagte er und erhob sich vom Stuhl, schnappte sich die leere Flasche und stellte sie zurück in den Kasten. Plötzlich war ihm gar nicht mehr nach Alkohol und Geselligkeit. „Joko hat bestimmt noch mehr Geschichten dieser Art auf Lager. Viel Spaß noch! Der Letzte macht das Licht aus.“

„Klausi, jetzt warte doch!“

Die drei Redakteure blickten auf bei diesen Worten. Klaas hob kurz die Hand zum Abschied, wich Schmitti’s Blick dabei gekonnt aus. Er konnte sich denken, dass der wusste, was ihn gerade in die Flucht schlug. Doch er brauchte keine Erinnerung an diesen Tag. Es war wahrlich nicht sein bester Moment gewesen.

Ein kurzes Winken Richtung Bar und schon war er raus aus dem Studio. Gerade lief er durchs Foyer und sah den Ausgang schon vor sich, als Joko’s Stimme ihn aufhielt.

„Warum haust du denn schon ab? Wollten wir nicht noch über die Geschichte reden?“

Klaas schloss ergeben die Augen. Die Hand bereits am Türgriff, war er so kurz vor dem rettenden Ausgang gewesen. Seufzend ließ er die Hand wieder sinken und drehte sich zu Joko um.

„Wirklich? Was gibts da zu besprechen? Willste ’ne Fortsetzung schreiben oder was?“

Joko lachte amüsiert, trat näher an Klaas heran und steckte dabei die Hände in die Hosentaschen. „Gute Idee. Wäre doch eine neue Rubrik wert.“

„Bloß nicht. Als ob ich Bock hätte mir noch mehr kranke Fantasien anzuhören.“

„So krank fand ich die gar nicht.“

Klaas zog eine Augenbraue hoch. Was waren das für neue Töne?

„Hat die Hochzeit mit Frank irgendwelche Nebenwirkungen hinterlassen? Ausgerechnet der größte Weiberheld Berlins will mehr von solchen Geschichten?!“

„Ja, was denn? Als ob Frank der erste Mann ist, den ich geküsst hab.“

„Was sagt Lisa zu dieser Einstellung? Muss ja super ankommen.“

„Sie weiß, worauf sie sich eingelassen hat. Ist ja nicht so als würde ich durch die Stadt ziehen und alles aufreißen, was nicht schnell genug weg rennt. Sie ist da ziemlich locker“, gab Joko zu und sah auf Klaas runter. Er schluckte hart, als er den Blick erwiderte. Wieso machte Joko es ihm so schwer?

„Locker. Ah ja. Ist ja schön für dich.“

„Naja, sie kennt mich ja auch nicht erst seit Gestern. Aber jetzt lenk mal nicht ab!  Wieso können wir da keine Rubrik draus machen? Den Fans würde das sicher gefallen.“

Er konnte wirklich nicht locker lassen. Klaas Herz schlug schneller, als die Worte sich wieder in sein Bewusstsein drängten.

Noch bevor ich einen weiteren Gedanken verschwenden kann, hat Klaas mich an meinem Hemd schon an sich gezogen und drückt mir seine Lippen auf.

Klaas sah diese Szene so deutlich vor sich. So deutlich, dass Fantasie nicht mehr von Realität zu unterscheiden war. In einem Moment standen sie sich noch gegenüber, im Nächsten packte er Joko am Hemd, drückte ihn an den Nachbau der HalliGalli Studiotreppe und vereinte ihre Lippen zu einem Kuss.

Gewaltige Hitze machte sich in Klaas breit. Strömte von seinen Lippen in seinen gesamten Körper. Ließ ihn alles andere vergessen, außer diesem unglaublichen Gefühl Joko endlich zu küssen.

Dieser schien wie erstarrt und reagierte nicht. Was weder gut noch schlecht war. Er schob Klaas nicht von sich, aber erwiderte den Kuss auch nicht. Klaas nutzte den Moment um eine Hand in Joko’s Haar zu vergraben, ihn näher an sich zu ziehen, den Kuss intensiver werden zu lassen. Er saugte an seiner Unterlippe, zog sie zwischen seine Lippen und leckte mit der Zunge darüber.

Das schien Joko aus seiner Starre zu lösen. Hände legten sich auf Klaas’ Hüften, schoben ihn aber nicht weg, sondern noch näher an den warmen Körper heran. Klaas konnte ein überraschtes Keuchen nicht unterdrücken, als sein Kuss erwidert wurde. Genauso leidenschaftlich, genauso ausgehungert.

„Klaas…“, hauchte Joko gegen seine Lippen, als sie sich kurz voneinander lösten, doch direkt wieder übereinander herfielen. Die Luft wurde aus seinen Lunge gepresst, als Joko ihre Position wechselte und nun er gegen das Geländer gedrückt wurde. Ihre Zungen trafen sich. Ihre Hände gingen auf Wanderschaft.

Klaas’ Herz drohte zu explodieren. Was passierte hier?

Er drohte sich zu blamieren, denn der Druck hinter seinem Reißverschluss wurde unerträglich. Wie konnte ein einziger Kuss das in ihm auslösen? Als ihre Unterkörper sich trafen…

 

„Ich fahr dann jetzt zum Bahnhof und hol Joko ab. In zwanzig Minuten sollten wir wieder da sein.“

Unsanft wurde Klaas aus seiner Erinnerung gerissen. Mit großen Augen und Herzrasen wanderte sein Blick zur Tür. Basti. Joko. Abholen. Die Worte kamen bei ihm an, aber so richtig anwesend war er noch nicht.

Er schluckte hart, fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht und nickte knapp.

„Ja, alles klar. Bis gleich!“

Schon war Basti wieder verschwunden.

Klaas lehnte sich im Sessel zurück, lehnte seinen Kopf nach hinten und starrte an die Decke. Verdammte Erinnerungen!

Chapter Text

Kapitel 11

 

Leises Klopfen riss Klaas aus seinen Gedanken. Er blickte auf und sah Joko am Türrahmen lehnen. Ein leichtes Lächeln auf den Lippen.

„Sitzt du immer noch an den Bildern?“

Klaas ließ seinen Blick über ihn wandern. Joko trug noch seinen langen, schwarzen Mantel über dem hellgrünen Pullover. Dazu Jeans und seine unverzichtbaren weißen Sneaker. Selbst bei diesem eiskalten Januarwetter weigerte er sich strickt irgendwas anderes zu tragen. Die Haaren schienen seit ihrem letzten Wiedersehen auch schon wieder länger zu sein. Ein Anblick den Klaas mehr als genoss.

„Hab dir doch gesagt ist scheiß viel Arbeit.“

„Ja, aber hätte nicht gedacht, dass du da so viel Geduld für aufbringst. Schmitti meinte gerade du sitzt da schon seit heute Morgen dran“, sagte Joko lachend und schüttelte den Kopf. „Geduld ist nicht deine Stärke.“

„Vielen Dank auch!“

„Ja, was denn? Musst doch zugeben, dass es wahr ist.“

Doch Klaas antwortete ihm nicht. Wollte nicht zugeben, was ihm in den letzten Stunden durch den Kopf gegangen war. Welche Gefühle ihn beschäftigt hatten. Wahrscheinlich sah der Andere es ihm sowieso an. Es gab kaum etwas, was er Joko verschweigen konnte. Dieser überrascht ihn allerdings damit, dass er über Klaas’ Schweigen einfach hinwegsah.

„Hab mich im Zug übrigens drum gekümmert.“

„Hm?“ Klaas runzelte die Stirn.

„Um die Sache über die wir vor ein paar Wochen gesprochen haben.“

Joko’s Stimme war leise. Er lehnte immer noch am Türrahmen und sah ihn an, hatte den Kopf gegen das Holz gelehnt. Die Hände locker in seinen Manteltaschen vergraben. Sein Gesichtsausdruck war neutral, verriet nichts.

Klaas brauchte einige Momente um zu verstehen, was Joko ihm sagen wollte. Um was hatte er sich gekümmert? Was hätte er vom Zug aus… Er riss die Augen auf, als es ihm wieder einfiel. Der Anruf. Joko’s Versprechen. Sein Herz schien einen Schlag auszusetzen.

 

Klaas verließ gerade das Bad, als er Joko’s Stimme vernahm. Er runzelte die Stirn. Wer belästigte sie an ihrem freien Tag? Eigentlich gab es die strickte Anweisung sie nicht an ihren freien Tagen zu stören. Vor allem, wenn sie endlich mal in der gleichen Stadt waren und die verlorene Zeit aufholen wollten.

Wehe es war eines von Joko’s anderen Projekten. Die Regel galt für sie beide. Keine Störungen an ihren gemeinsamen Tagen. Egal, was es war. Wenn nicht gerade das Büro brannte, wollte er heute nichts von Arbeit hören.

Gerade Joko brauchte diese Tage, wo er einfach mal nichts entscheiden musste. Nichts dirigieren musste. Nichts auswählen musste. Der Stress tat ihm nicht gut. Klaas sah es ihm an, wenn sie eine Zeit lang nur telefonierten. In München gab es niemanden, der ihn mal aus seinem Arbeitswahn holte und ihn zu einer Pause zwang. Es belastete Klaas, war aber im Moment leider nicht zu ändern.

Aber mit wem telefonierte der Winterscheidt da? Als er in die Küche einbog und Joko’s Worte hörte, ploppten nur noch mehr Fragezeichen in seinem Kopf auf.

„… ist das Schönste, was es gibt, weil es ein Versprechen aneinander arbeiten ist und ein Versprechen füreinander und eigentlich bricht man dieses Versprechen nicht.“

Joko stand mit dem Rücken zu ihm und hatte ihn noch nicht bemerkt. Er blickte scheinbar gedankenverloren aus dem Fenster. 

„Er findet das total modern in Zeiten wie diesen wieder darüber nachzudenken, dass man eine Hochzeit als was ganz anderes versteht, als das, was es lange gewesen ist“, sagte Joko, strich sich über den Bart und legte den Kopf leicht auf die Seite. Klaas’ Herz schlug schneller. Was war hier los? Mit wem redete Joko da übers heiraten?

„Und ich finde, Frank, die Frage solltest du jetzt auch stellen. Willst du wirklich, dass wir ernsthaft darüber nachdenken, dass wir heiraten? Dann bin ich dafür offen, aber dann möchte ich auch, dass du dir darüber Gedanken machst, was das heißt. Das heißt ein Leben lang zusammen sein und aneinander arbeiten und damit mein ich nicht das, was du jetzt denkst, sondern wirklich die Fehler des anderen akzeptieren, so wie sie sind oder versuchen sie gemeinsam aus der Welt zu schaffen. Du weißt selber, wie problembehaftet mein Leben ist und ich weiß nicht, ob du da Lust für hast.“

„Was geht hier ab?“

Joko zuckte heftig zusammen, ließ dabei fast das Handy fallen und fasste sich mit einer Hand an die Brust. Mit weit aufgerissenen Augen dreht er sich zu Klaas um, dem die Wut förmlich aus den Ohren kam.

„Alter, mein Herz! Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Schleich dich doch nicht so an!“

„Wieso sprichst du mit Frank übers heiraten? Was hab ich bitte verpasst?“

„Ich weiß, wie dumm das jetzt klingt, aber es ist nicht so, wie es aussieht.“

Klaas verengte die Augen, trat einen großen Schritt auf ihn zu und riss Joko das Handy mit den Worten „Verarsch mich nicht! Gib mir das!“ aus der Hand. Wutentbrannt sah er ihn an, als er sich das Handy ans Ohr hielt. „Ich will jetzt eine verdammt gute Erklärung hören. Los!“

„Klausi, beruhig dich! Thomas hier. Wir nehmen gerade die neue Podcast Folge auf und wir hatten eine Frage an Joko. Nix dramatisches, also pack die Knarre wieder ein. Du musst Frank nicht erschießen.“

Klaas hörte die Worte, konnte sie aber aufgrund des kleinen, grünen Monsters auf seiner Schulter zuerst nicht richtig einordnen. Podcast. Es war kein privates Gespräch gewesen. Joko wollte Frank nicht wirklich heiraten. Er atmete tief durch und schloss die Augen.

„Sorry Klaas, war nur Spaß. Das war nicht wirklich ernst gemeint“, drang nun auch Frank’s Stimme an sein Ohr. Auch Basti redete auf ihn ein.

„Wir haben nur ein bisschen rumgealbert. Ob Joko Alimente zahlen muss, weil sie in Vegas noch verheiratet sind. Wegen der Duell Aufgabe. Tut uns leid, dass wir euch an eurem freien Tag stören“, fügte Thomas noch hinzu und klang wirklich zerknirscht.

Klaas brachte kein Wort heraus. Wusste auch nicht, was er dazu sagen sollte, dass er sich gerade vor seinen Mitarbeitern lächerlich gemacht hatte. Aber er konnte diese Gefühle nicht abstellen. Diese Eifersucht, wenn er befürchten musste, dass Joko ihm entglitt. Das ertrug er nicht.

Zwei warme Hände fuhren von hinten über seine Schultern, legten sich um seinen Hals und drückten ihn an einen warmen Körper. Versuchten die Kälte zu vertreiben, die sich in ihm breit machte.

„Alles gut, Klausi. Gib mir wieder das Handy!“, flüsterte Joko ihm zu und nahm das Telefon wieder an sich. „Thomas, schneidet den Teil mit Klaas raus! Alles andere kann von mir aus drin bleiben.“ Klaas hörte Thomas’ Antwort nicht, nur das irgendwas gesprochen wurde. „Ist ja kein Problem!“, fügte Joko noch hinzu, bevor er den Anruf beendete und das Handy weg legte.

Stille legte sich über sie beide. Joko schlang wieder beide Arme um ihn, drückte sich mit seinem gesamten Körper an ihn und legte seine Wange auf Klaas' Scheitel.

„Sprich mit mir, Klausi! Was geht in deinem Kopf vor?“

Doch Klaas schüttelte nur den Kopf, ballte die Hände zu Fäusten und drückte sie gegen seine Augen. Die Gedanken in seinem Kopf rasten. Einer nach dem Anderen flog vor seinem inneren Auge vorbei. Wollte sich festsetzen. Wollte ihn wahnsinnig machen.

„Kannst du bitte mit mir reden? Du machst mir Angst.“

„Ich hasse das!“, hauchte Klaas schließlich leise.

„Was?“

„Dass ihr geheiratet habt. Ich wollte das nicht. Das war damals nicht meine Idee. Reicht es nicht, dass ich mir immer wieder anhören muss, dass alle ihn als deinen Ehemann bezeichnen? Jetzt muss ich auch noch hören, dass ihr immer noch gültig verheiratet seid und ihr euch einen Spaß draus macht über die nächste Hochzeit zu reden. Du bist echt unmöglich!“

„Tut mir leid, das war doch nur dummes Gelaber. Du weißt doch, wie die Jungs sind. Die haben mich letztens schon während des Podcast’s angerufen. Das lockt die Leute an.“

„Trotzdem will ich mir sowas nicht anhören müssen“, sagte Klaas, griff nach Joko’s Armen und schob sie zur Seite. Wenn er wütend war, konnte er nicht still stehen. Er musste sich bewegen. Seiner Wut irgendwie Luft machen. So viel zu ihrem freien, ruhigen Tag. „Du weißt, dass ich das nicht leiden kann.“

Klaas ging rüber ins Wohnzimmer. Wieso hatte er mit dem Rauchen aufgehört? Der Drang nach einer Zigarette war gewaltig. Früher hätte er in solchen Situationen eine nach der Andere weg gequalmt. Heute brauchte er eine Ersatzbefriedigung. Er riss die Schranktür auf und griff nach einer neuen Tafel Jokolade. Ohne viel Raffinesse riss er das Papier auf, brach ein Stück ab und schob es sich in den Mund. Joko’s laute Lache hinderte ihn nicht daran ein zweites Stück zu essen.

„Ich bin ja froh, dass dir die neue Jokolade so gut schmeckt. Bist jetzt schon unser bester Kunde.“

„Sei lieber froh, dass ich keine Zigaretten im Haus hab. Im Büro sähe die Sache ganz anders aus“, grummelte Klaas leise und steckte sich das nächste Stück in den Mund.

„No way. Is nicht. Du hast mir versprochen die Dinger nie wieder anzufassen. Da nagel ich dich drauf fest.“

„Lass mich! Ich bin sauer auf dich."

„Ach Klausi. Sei doch nicht so! Wenn du richtig zugehört hast, dann weißt du doch, dass ich so eine Entscheidung nicht leicht nehme. Wir haben nie drüber gesprochen, aber ich glaube da sind wir beide uns sehr ähnlich. Wie eigentlich bei den meisten Dingen.“

Joko trat langsam auf ihn zu und stellte sich an seine Seite, lehnte seinen Oberkörper leicht an Klaas’ Schulter. Er nahm ihm die Tafel Jokolade ab und schmiss sie zurück in den Schrank.

„Auch wenn es nur dummes Gelaber war, hab ich es ernst gemeint. Ich fand’s sehr schön, was Kai in diesem Interview gesagt hat.“ Joko griff nach seiner Hand, schmunzelte leicht und leckte ihm etwas geschmolzene Jokolade vom Finger. „Du akzeptierst meine Fehler, wie ich die Deinen und wir arbeiten gemeinsam daran sie ganz verschwinden zu lassen. Wie dein Rauchen.“

„Wie dein Flirten mit anderen Personen?“

„Zum Beispiel“, sagte Joko lachend und legte eine Hand in Klaas’ Nacken. „Aber jetzt mal ernsthaft. Wir haben noch nie über die Hochzeit mit Frank gesprochen. Du hast doch selber immer Witze darüber gerissen. Das es dir so viel ausmacht, war mir nicht bewusst. Dabei hätte mir klar sein müssen, dass deine dummen Sprüche mal wieder nur was verbergen sollen.“

Klaas grummelte leise und rieb seine Handflächen aneinander.

„Manchmal bin ich echt blind. Geb ich zu! Don’t judge me! Deine Eifersucht ist schließlich allen bekannt.“

„Ich bin nicht eifersüchtig“, beschwerte Klaas sich sogleich. Er hasste dieses Wort. Eifersucht war so ein dämliches Wort für das, was er empfand. Er zweifelte nicht an Joko’s Gefühlen, trotzdem machte es ihn rasend, wenn andere ihm zu nahe kamen.

„Ich weiß, sorry. Das ist aber nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass ich mich schon viel früher um diese Angelegenheit hätte kümmern müssen. Werd ich im neuen Jahr direkt machen. Versprochen!“

Klaas blickte ihn bei diesen Worten an. Er sah zu ihm hoch, biss sich auf die Unterlippe. Er wusste, dass Joko niemals ein Versprechen auf die leichte Schulter nahm. Wenn er etwas versprach, hielt er es ein. Ohne Ausnahme. Klaas fühlte wie der Druck von seiner Brust verschwand. Er hatte gar nicht gemerkt, wie sehr ihn diese Sache angespannt hatte.

„Danke…“, nuschelte er leise und schlang seine Arme um Joko’s Taille. Er vergrub sein Gesicht in dessen Halsbeuge und schloss die Augen.

„Ach, Hase. Dir müsste doch mittlerweile klar sein, dass ich alles für dich tun würde. Ich will nicht mit dir streiten. Nicht wegen so was. Ich hasse es, wenn wir streiten.“

„Macht den Sex aber besser.“

„Stimmt, aber ist ja nicht so, als wäre der nicht immer gut.“

Klaas lachte auf, lehnte sich zurück und blickte in das grinsende Gesicht von Joko. 

„Gut? Das ist alles, was dir dazu einfällt? Wie charmant!“

„Was wäre dir denn lieber? Heiß? Außergewöhnlich? Orgasmisch?“

„Orgasmisch?“, wiederholte Klaas erneut lachend und trat einen Schritt zurück. „Du hast schon wieder zu viel Zeit mit Thomas verbracht. Lass dich nicht ständig in deren Podcast ziehen!“

Joko ließ ihn jedoch nicht entkommen, trat wieder einen Schritt auf ihn zu und ließ seine Hand in Klaas’ Gesäßtasche gleiten. Fest zupackend drückte er ihre Unterkörper aneinander. Überrascht stützt Klaas sich an seinem Oberkörper ab.

„Keine Sorge! Ich glaube die haben heute ihre Lektion gelernt. So schnell werden sie nicht noch einmal unangekündigt anrufen.“

„Besser wäre es für sie…“, nuschelte Klaas leise und verzog das Gesicht.

„Aber um zum Thema zurück zu kommen: Ich finde den Gedanken schön, dass man das Eheversprechen ernst nimmt und nur einmal heiratet.“

Klaas sah den nachdenklich Blick mit dem Joko ihn musterte. Sein Herz schlug schneller.

„Ich war nie der Typ, der viel übers Heiraten nach gedacht oder es überhaupt gewollt hat. Zumindest war es bei den Frauen mit denen ich zusammen war nie ein Thema.“ Joko griff mit seiner freien Hand nach Klaas’ Hand und verschränkte ihre Finger miteinander. „Konnte mir nie vorstellen den Rest meines Lebens mit ihnen zu verbringen. Dieses ein Leben lang zusammen sein schien mir nie aufregend genug.“

„Joko…“

„Wir kennen uns jetzt 11 Jahre und ich kann mir ein Leben ohne dich schon gar nicht mehr vorstellen. Ich liebe dich, was auch immer passiert. Ich werde dich immer lieben“, sagte Joko leise und führte ihre Hände an seinen Mund um einen sanften Kuss auf Klaas’ Finger zu hauchen.

Klaas wusste nicht wohin mit seinen Gefühlen. Das sie nach allem was sie zusammen durchgemacht hatten am Ende hier standen, hätte er niemals für möglich gehalten.

„Ich liebe dich. Ich will nicht mehr so lange von dir getrennt sein.“

„Denk nicht zu viel darüber nach! Jetzt genießen wir erst mal die Feiertage und kümmern uns um den Rest im neuen Jahr“, sagte Joko und küsste ihn sanft. Presste ihre Körper eng aneinander und sorgte dafür, dass Klaas alle Probleme hinter sich lassen konnte.

 

„Naja, Annullierung war nach so vielen Jahren nicht mehr möglich, aber zumindest wird die Hochzeit aus dem Eheregister in Nevada gestrichen. Frank weiß auch schon bescheid.“

Klaas lehnte sich in seinem Sessel zurück, versuchte ruhig zu bleiben und sich seine Aufregung nicht ansehen zu lassen. Joko hatte es wirklich getan. Er hatte sich um die Angelegenheit gekümmert, wie er es ihm kurz vor Weihnachten versprochen hatte. Konnte er diesen Mann noch mehr lieben?

Als schließlich ein breites Lächeln auf Joko’s Lippe erschien, konnte auch Klaas sich nicht mehr zurück halten. Er erwiderte das Lächeln genauso glücklich und lachte laut auf.

„Du bist so blöd, ey.“

„Sach ma, was ist das denn für eine Begrüßung? Da setz ich alle Hebel in Bewegung und das ist der Dank. Dann bleib ich doch lieber mit Frankie verheiratet.“

Joko wollte sich schon abwenden, als Bewegung in Klaas kam. Er sprang von seinem Stuhl auf und eilte hinter ihm her. Er griff nach Joko’s Arm und zog ihn zurück ins Zimmer.

„Du weißt doch, wie ich das meine. Komm her!“

Klaas schlang seine Arme um Joko’s Taille und drückte sich an ihn. Nach einer Trennung von drei Wochen, in denen sie nur telefoniert oder sich über einen Bildschirm gesehen hatten, war es ein unbeschreibliches Gefühl endlich wieder die Nähe des Anderen zu spüren. Wie sehr er es hasste, dass Joko immer noch Geschäfte in München zu erledigen hatte. Aber wie sie es schon einmal besprochen hatten: Ein Problem nach dem Anderen.

„Ich hab dich so vermisst, Hase. Die letzten Wochen haben sich wie eine Ewigkeit angefühlt.“

Joko legte seinen Kopf auf Klaas Scheitel und atmete tief ein.

„Dabei warst du so beschäftigt mit deiner neuen Show“, nuschelte Klaas gegen Joko’s Brust und schloss die Augen. Genoss das Gefühl von starken Armen, die sich um seinen Körper schlangen.

„Hör auf! Ich kann immer noch nicht fassen, wie gut das läuft.“

„Hab dir doch gesagt, die Idee ist gut. Wenn selbst Schmitti begeistert ist, kann es gar kein Flop werden.“

„Dann freu ich mich ja, dass wir die letzten beiden Folgen zusammen gucken. Die Nächste ist übrigens mit dir.“

„Weiß ich doch. Die Fans drehen schon durch. Bin tausendmal irgendwo markiert oder erwähnt worden“, sagte Klaas und hob seinen Kopf um Joko anzuschauen.

„Hab ich mir fast gedacht. Zusammen funktionieren wir eben immer noch am Besten.“

„Da kann ich dir ausnahmsweise mal zustimmen.“

„Ach, halt doch die Klappe und küss mich!“

Lachend griff er in Joko’s Haar, zog ihn zu sich herunter und presste ihre Lippen aufeinander. Saugte sehnsüchtig an dessen Unterlippe, bevor er mit der Zunge darüber fuhr.

„Jungs, wir müssen los! Ihr könnt den Wiedersehenssex auf später verschieben. Jetzt wird erstmal gearbeitet“, unterbrach Thomas die Begrüßung, schlug Joko einmal auf die Schulter und ging weiter den Flur entlang.

„Bist doch nur neidisch!“, rief Joko ihm hinterher, während er Klaas nicht los ließ, der schmunzelnd gegen ihn sank.

„Ich würd’s eher bevorzugen, wenn ich euch nicht ständig beim Knutschen erwischen würde. Too much Information sag ich da nur!“

Nun ließ Joko ihn doch los, um hinter Thomas Martiens her zu laufen und das mit ihm auszudiskutieren. Grinsend lehnte Klaas sich an den Türrahmen und sah ihnen hinterher. Er hatte diese Atmosphäre vermisst. Sobald Joko zurück in Berlin war, schien es sie alle in alte Zeiten zu versetzen. Als sie noch jung und unbeschwert waren. Als sie noch ungezwungenen Blödsinn produzierten und sich keine Sorgen um die Zukunft machten. Blödsinn machten sie immer noch, aber jetzt war es anders. Sie wollten Dinge ansprechen, Steine ins Rollen bringen und etwas bewirken.

Klaas warf einen Blick über seine Schulter zurück zum Computer. Die restlichen Dateien mussten warten. Jetzt hieß es erst einmal den nächsten Schritt in Richtung Zukunft beschreiten.

 

Ende