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Alles, was uns bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, die nie wieder kehrt

Chapter Text

Kapitel 10

 

„Geht’s dir gut? Was machst du hier?“

„Ist das dein Ernst? Du fragst mich, ob es mir gut geht und was ich hier mache?“

Joko schloss die Tür hinter sich und trat ans Bett. Er machte Anstalten ihn zu umarmen, hielt sich aber im letzten Moment zurück. Besorgt wanderte sein Blick über Klaas, der ihn verwirrt ansah. Bildete er sich das ein? Halluzinierte er jetzt schon? Was hatten die ihm für Schmerzmittel gegeben? Das Zeug schien ganz schön rein zu hauen.

„Ja, klar. Solltest du nicht in Österreich sein? Was ist mit deiner Aufgabe?“

„Kannst du nicht mal im Krankenbett den Mund halten?“, fragte Joko aufgebracht und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Klaas sah, dass seine Hände zitterten und auch seine Klamotten sahen alles andere als ordentlich aus. „Ich muss von Thomas erfahren, dass du im Krankenhaus liegst und alles, was der mir sagt ist, dass es halb so wild ist. Als ob mir das reichen würde.“

„Joko! Joko, hey…“

Doch er fing gerade erst an.

„Dann hab ich versucht dich auf dem Handy zu erreichen, aber das war aus. Ich hab jedem aus deinem Team angerufen, damit mir irgendwer sagen kann in welchem Krankenhaus du bist. Aber vergebens. Alle sind zum Schweigen verdonnert worden. Wie dumm ist das bitte? Wer ist hier der Chef?“

„Jetzt beruhig dich doch…“

„Sag mir nicht, dass ich mich beruhigen soll! Damit ist Jakob mir schon auf die Nerven gegangen. Weil keiner mir irgendwas sagen wollte, hab ich gedroht mir einfach irgendein Auto zu leihen und runter zu fahren. Das hat endlich Bewegung in die Truppe gebracht. Jakob hat noch mal mit Thomas geredet und dann konnten wir uns endlich auf den Weg machen.“

Seine Stimme brach und wurde leiser. Klaas sah, wie er um Fassung rang.

„Joko…“

„Nichts hätte mich aufhalten können. Weißt du eigentlich, was ich mir ausgemalt habe? Ich bin deinetwegen um Jahre gealtert. Tu mir das nie wieder an!“

„Ich hab doch nicht…“

„Ich mein’s ernst. Ich hau dir eine rein, wenn du so ’ne Nummer noch mal abziehst.“

„Jetzt mach mal…“

„Das war’s. Das war der letzte Dreh für Duell um die Welt. Ich will sowas nicht noch mal durch machen. Ich kann dich nicht verlieren.“

„Joko!“, fuhr Klaas jetzt energisch dazwischen, griff nach Joko’s Händen und stoppte endlich dessen Redefluss. „Sieh mich mal an!“, sagte er ruhig und wartete darauf, dass er seiner Bitte nach kam. Tränen. Er sah Tränen, die in Joko’s Augen standen und drohten jeden Moment zu fließen. Dieser Anblick machte ihn fertig.

„Es geht mir gut. Ich bin nicht ernsthaft verletzt. In zwei, drei Wochen bin ich wieder ganz der Alte. Also hol mal tief Luft und beruhige dich, sonst landest du auch noch in einem Krankenbett.“

Sein Brustkorb hob und senkte sich schnell. Seine Hände zitterten. Erst bei Klaas’ leisen Worten holte Joko tief Luft und versuchte sich wieder in den Griff zu kriegen. Er biss sich auf die Unterlippe, schaffte es aber nicht die Tränen zurück zu halten.

Klaas lächelte leicht, zog eine Hand an seinen Mund und drückte einen sanften Kuss auf Joko’s Handinnenfläche. „Komm mal her! Du bist viel zu weit oben.“ Er zog ihn zu sich runter auf die Bettkante und legte eine Hand in den Nacken des Anderen.

„Guten Morgen, Winti!“, hauchte er leise. Entlockte Joko ein Lächeln. Strich mit seiner freien Hand über Joko’s nasse Wange.

„Das ist jetzt nicht…“

„Nein, nein. Wie beruhigen uns jetzt und fangen noch mal von vorne an. Guten Morgen!“

„Morgen, Klausi!“, kam die genuschelte Antwort von Joko.

„Ich hab dich vermisst. Wie war deine Reise?“

„Scheiße!“

„Ach wirklich? Kann mir gar nicht vorstellen wieso.“

„Bring mich jetzt nicht zum Lachen! Ich will wütend auf dich sein.“

„Warum das denn? So schlimm ist es doch gar nicht.“

„Für dich vielleicht. Ich fass es nicht, dass du…“, wollte Joko sich auch gleich wieder aufregen, als Klaas ihn erneut unterbrach.

„Ja, sach mal. So wird das nix. Ich frag noch mal: Wie war deine Reise?“

Klaas ließ nicht locker. Er mochte es nicht Joko so aufgelöst zu sehen. Es war ihm schon immer schwer gefallen, wenn Joko zu emotional wurde und vor lauter Gefühlen nicht mehr klar denken konnte. Immer dachte er an andere Menschen, bevor er an sich selbst dachte. Manchmal musste Klaas ihn vor sich selbst schützen. Joko schien das jetzt auch endlich eingesehen zu haben, denn er seufzte ergeben und ließ seinen Kopf auf Klaas’ Schulter sinken.

„Ich hasse dich.“

„Ich weiß. Kannste mir bei der nächsten Weltreise wieder heim zahlen. Hast doch bestimmt schon die schönsten Orte mit den schrecklichsten Hotels raus gesucht.“

„Es war mein Ernst. Feierabend. Ich mach das nicht mehr mit. Keine Reisen mehr fürs Duell.“

Klaas runzelte die Stirn. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie nie übers aufhören gesprochen. Wer sagte schon nein zu kostenlosen Reisen in alle Länder der Welt? Klar waren da noch die Aufgaben, aber das konnte man bestimmt anders lösen.

„Darüber sprechen wir noch mal in Ruhe, wenn wir wieder in Berlin sind.“

Joko hob den Kopf von seiner Schulter, blieb aber nah vor seinem Gesicht und sah ihm in die Augen. Eine Ernsthaftigkeit lag in diesem Blick, den Klaas nur sehr selten bei ihm sah.

„Klaas, ich will nicht eines Tages diesen einen Anruf bekommen. Der Gedanke macht mich fertig. Das halt ich nicht aus.“

Eine Garantie gab es nie. Dieses Risiko gingen sie bei jeder Weltreise ein. Doch in letzter Zeit war es schwieriger zu verkraften gewesen. In diesem einen Jahr Pause war viel passiert. War zwischen ihnen viel passiert, sodass es ihnen nicht mehr ganz so leicht fiel dem Anderen die schwierigsten und gefährlichsten Aufgaben zu stellen.

Klaas erwiderte seinen Blick. Sah die Emotionen über Joko’s Gesicht fliegen. Sein Widerstand schmolz dahin. Spürte wie die nächste Mauer eingerissen wurde. In diesem Moment wusste er nicht, was ihn davon abhielt den letzten Schritt auf Joko zu zugehen. 

„Das wird nicht passieren. Ich werd dir noch bis an dein Lebensende auf die Nerven gehen.“

„Versprochen?“, hauchte Joko gegen seine Lippen und legte eine Hand an Klaas’ Wange. Federleicht strich er mit dem Daumen über den Wangenknochen und biss sich auf die Unterlippe, als sein Blick auf Klaas’ Lippen fiel. Diese verzogen sich zu einem aufmunternden Schmunzeln.

„Nichts könnte mich davon abhalten.“

Es hatte ja doch keinen Sinn dagegen anzukämpfen. Klaas überbrückte die Distanz zwischen ihnen und küsste ihn. Küsste Joko so gefühlvoll, dass keine Zweifel an seinen Gefühlen bestanden.

 

Klaas hatte Joko niemals wieder so aufgelöst gesehen wie an diesem Tag. Er war ihm für den Rest des Tages nicht von der Seite gewichen. Keiner aus dem Team hatte versucht sie auseinander zu bringen, denn beim ersten Versuch hatten sie den passenden Spruch von Joko bekommen. Jakob hatte also nur mit den Schultern gezuckt, mit dem Rest des Teams, welches in Österreich geblieben war, telefoniert und Joko’s Aufgabe auf den nächsten Tag geschoben.

Danach war die Entscheidung gefallen nicht mehr selbst für das Duell zu reisen. Eine andere Lösung musste her, denn so einfach wollte ProSieben das Format nicht in den Schrank stellen.

Klaas sah sich die Bilder der anderen Weltreisen an. Jeannine in Norwegen. Charlotte in Russland. Steven in Japan. Jochen in den USA. Simon in Taiwan. Axel in Lichtenstein. Die Liste war endlos. An geeigneten Kandidaten für die neuen ‚Duell um die Welt‘ Folgen mangelte es ihnen nicht. Niemand war erleichterter als Joko, dass das neue Format so gut ankam. 

Stirnrunzelnd blickte Klaas auf das Bild, welches definitiv nicht zu den Weltreisen gehörte. Er schob es zurück in den Hauptordner und fuhr sich mit der Hand über den Mund. Sie beide waren darauf zu sehen und Klaas konnte sich noch genau an diesen Moment erinnern. Sie saßen zwischen den Zuschauern bei HalliGalli und sahen sich an. Hatten beide einen verlegenen Ausdruck im Gesicht. Joko’s Lippen zierte ein zurückhaltendes Lächeln.

Ein Moment, der zu ihrem ersten Kuss. Geführt hatte. Nicht vor der Kamera. Nicht ganz geplant. Ganz privat, nur zwischen ihnen beiden.

Palina’s Geschichtsstunde hatte Gefühle in Klaas losgelassen, die seit Jahren in ihm gebrodelt hatten. Dazu kam Joko’s penetrante Art Dinge nicht einfach mal gut sein zu lassen.

 

Küss mich! Ist das dein Ernst?“

„Was denn? War doch witzig!“

„Ja, super lustig! Biste jetzt auf den Geschmack gekommen oder was? Die Hochzeitsnacht mit Frank muss dir ja richtig gut gefallen haben“, setzte Klaas noch einen drauf und verdreht die Augen. Sie gingen durch die Studiofluren an unzähligen Mitarbeitern und Gästen vorbei.

„Die Geschichte hatte doch was. Warum bist du denn jetzt so schlecht drauf?“

„Ich bin überhaupt nicht schlecht drauf, aber du musst dem Ganzen ja nicht noch einen drauf setzen.“

„Als ob es das erste Mal ist. Bei Neo Paradise hat dich das nie gestört.“

„Seitdem hat sich eben einiges geändert und ich hab dir damals schon gesagt, du sollst mit diesem ‚ich liebe dich‘ Quatsch aufhören.“

„Klausi, das ist doch wirklich…“

Zum Glück wurde Klaas in dem Moment von Jakob gerettet, der Joko am Ärmel festhielt, als sie an ihm vorbei gehen wollten.

„Warte mal, Winti. Wir müssen noch mal über das Interview sprechen…“

Klaas nutzte die Chance und lief einfach weiter ohne einen Blick zurück zu werfen. Gerettet. Noch viel länger hätte er diese Diskussion auch nicht ausgehalten. Seine Hände waren schweißnass. Von seinen Hormonen, die verrückt spielten mal ganz zu schweigen.

Wer aus der Redaktion hatte die bescheuerte Idee gehabt Palina so eine Geschichte vorlesen zu lassen? Wenn nächstes Mal wieder nur Überraschung auf dem Programm stand, würde er jedes Veto einsetzen, was ihm zur Verfügung stand.

Klaas war froh, als er endlich in seiner Garderobe angekommen war. Türe schließen. Ein und aus atmen. Runter kommen. Keine Dummheit begehen.

So nah war er noch nie an einem Kontrollverlust gewesen. Diese Bilder, die Palina ihm da in den Kopf gesetzt hatte, wollten nicht mehr verschwinden.

Doch dieses Mal ist es nicht Klaas, welcher den Kuss vertieft. Neckisch stoße ich seine Lippen entzwei und dringe ungehalten mit meiner Zunge in seine Mundhöhle ein. Klaas greift mich etwas ruppig am Nacken und zieht mich näher an sich.

Joko, der seinen Kuss erwidern würde. Joko, der es genauso wollte wie Klaas. Das war eine Fantasie. Nichts weiter als eine alberne Fantasie. Joko stand nicht auf Männer und hatte eine Freundin. Eine Freundin, die er niemals für Klaas sitzen lassen würde. Diese Möglichkeit war so absurd, dass er laut auflachen musste. Alberne Gedanken. Zumindest kühlten sie ihn so weit ab, dass er seine Garderobe wieder verlassen konnte ohne sich zu blamieren.

Klaas raufte sich die Haare. Er schnappte sich seine Sachen, schaltete das Licht aus und trat zurück auf den Flur. Es war zur Tradition geworden, dass sie nach der Aufzeichnung noch ein Bier tranken. Alle Mitarbeiter sowie die eingeladenen Gäste. Er hob hier und da die Hand, wenn ihm jemand im Flur entgegen kam oder er an einer offenen Tür vorbei ging. Alles in allem war es eine gute Show gewesen, trotz der seltsamen Überraschung.

Noch bevor ich einen weiteren Gedanken verschwenden kann, hat Klaas mich an meinem Hemd schon an sich gezogen und drückt mir seine Lippen auf. Schlagartig beginnt mein Herz einen Marathonlauf. Greife nach Klaas' Hand, welche sich an der Knopfleiste meines Hemdes festkrallt. Gehe auf den Kuss ein. Lasse mich gegen Klaas fallen.

Wieso wollten ihm diese Worte nicht aus dem Kopf gehen? Wieso wollten diese Bilder nicht verschwinden? Das würde eine harte Nacht werden. Vielleicht sollte er es heute beim Alkohol mal ordentlich zu greifen. Wäre sicher ganz hilfreich beim Vergessen.

Als er das Studio wieder betrat, schienen die meisten bereits einen Vorsprung an der Flasche zu haben. Bier wurde rum gereicht. Flaschen klirrten aneinander. Die Stimmung war feuchtfröhlich. Klaas zog sich ebenfalls eine Flasche aus dem Kasten, als Basti damit an ihm vorbei lief. Nachdenklich ließ er seinen Blick über die Gruppe wandern. Versuchte die Worte zu vergessen.

„Meinst du, er hat etwas gemerkt?“ Klaas’ Stimme ist leicht vom Alkohol gezeichnet. Schaue zu ihm rüber. „Was soll er bitte gemerkt haben? So eindeutig war deine zweideutige Bemerkung nun auch wieder nicht.“

Schmitti, Rauli und Jakob saßen auf den Publikumsbänken in der ersten Reihe und unterhielten sich angeregt. Eine weitere Gruppe stand hinten bei der Bar und schien nicht weniger sparsam mit dem Alkohol zu sein. Die Stimmung war gut, angeheitert, übermütig, ausgelassen.

Und doch fühlte Klaas sich anders. Als hätte sich etwas verändert. Sein Blick wanderte zur Mitte des Studios, wo Joko auf dem Sofa saß. Neben ihm Frank und Olaf. Thomas hockte auf dem Tisch vor ihnen. Sogar Paul hatte sich zur Gruppe gesellt. Keiner von den anderen wagte es sich hinter seinen Schreibtisch zu setzen. Das war ein ungeschriebenes Gesetz.

Noch hatte ihn niemand bemerkt, sodass er die Möglichkeit bekam die Szene vor sich zu beobachten. Joko erzählte irgendeine Geschichte von der letzten Weltreise. Wie waren sie nur auf dieses Thema gekommen? Klaas hörte was von Äthiopien, Ritual und Rindern. Das Männlichkeitsritual.

„Leute, ich sags euch. Da fahren wir ewig durch die Savanne und dann sagt John auf einmal ich muss mich auch noch ausziehen. Ich hab gedacht ich hör nicht richtig.“

„Wir wussten ja, was kommt. Der Moment war Gold wert“, fiel Thomas lachend ein und trank aus der Flasche. Paul bekam sich kaum ein vor Lachen und schlug sich auf den Oberschenkel. Die meisten in der Runde kannten die Geschichte bereits, waren dabei gewesen oder hatten die fertige MAZ gesehen. Paul war einer der wenige, der noch nicht im Bilde war.

„Das glaub ich sofort. Joko nackt, der über diese Rinder springt. Das hätte ich gerne live erlebt. Ich glaube bei der nächsten Reise bin ich dabei. Das gibt unglaubliche Bilder.“

Klaas verzog das Gesicht. Nur über seine Leiche. Joko und Paul zusammen auf Weltreise. Nein. Auf gar keinen Fall. Er nahm einen großen Schluck von seinem Bier. Langsam trat er näher und ließ sich auf den Drehstuhl sinken. Das erregt die Aufmerksamkeit der Gruppe.

„Klaas! Erzähl uns wie es dazu kam! Ausgerechnet Joko ein Männlichkeitsritual machen zu lassen. Auf die Idee kannst auch nur du kommen.“

Einige Momente sagte er nichts, hielt nur seine Bierflasche in der Hand und drehte sich leicht hin und her auf dem Stuhl. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Warteten auf seine Antwort. Sein Blick landete auf Joko.

„Naja, guck ihn dir doch an! Vor der Hochzeit mit Frank musste doch irgendwie noch ein Mann aus ihm werden. War die einfachste Lösung“, antwortete er schulterzuckend und nahm noch einen Schluck aus der Flaschen. Einen großen Schluck. Die Hochzeit mit Frank war nicht von ihm geplant gewesen, passte aber eben in das Schema.

„Stimmt!“, rief Joko aufgeregt. „So hab ich das noch nie gesehen. Alter, du bist mit einem echten Mann verheiratet“, wandte er sich dann an Frank, der direkt neben ihm saß und stieß mit ihm an.

„Warst ein toller Ehemann!“

„Ach Frankie, du bist zu gut zu mir.“ Joko legte einen Arm um Frank’s Schulter und zog ihn an seine Seite. Natürlich ließ der es bereitwillig geschehen.

Klaas’ Brust zog sich bei dem Anblick zusammen. Unbewusst verzog er das Gesicht, bevor er seine Bierflasche leerte, sie auf den Schreibtisch stellte und seinen Blick erneut über die Gruppe wandern ließ. Sein Blick traf auf Paul’s, der ihn für seinen Geschmack viel zu wissend ansah. Er hatte schon immer mehr gesehen, als Klaas lieb war und hielt sich auch nicht mit entsprechenden Sprüchen zurück. Aber heute Abend nicht. Dafür war Klaas nicht in der Stimmung.

„Jaja, ganz toller Ehemann. Glückwunsch! Ich schick ’ne Karte zum Einjährigen“, sagte er und erhob sich vom Stuhl, schnappte sich die leere Flasche und stellte sie zurück in den Kasten. Plötzlich war ihm gar nicht mehr nach Alkohol und Geselligkeit. „Joko hat bestimmt noch mehr Geschichten dieser Art auf Lager. Viel Spaß noch! Der Letzte macht das Licht aus.“

„Klausi, jetzt warte doch!“

Die drei Redakteure blickten auf bei diesen Worten. Klaas hob kurz die Hand zum Abschied, wich Schmitti’s Blick dabei gekonnt aus. Er konnte sich denken, dass der wusste, was ihn gerade in die Flucht schlug. Doch er brauchte keine Erinnerung an diesen Tag. Es war wahrlich nicht sein bester Moment gewesen.

Ein kurzes Winken Richtung Bar und schon war er raus aus dem Studio. Gerade lief er durchs Foyer und sah den Ausgang schon vor sich, als Joko’s Stimme ihn aufhielt.

„Warum haust du denn schon ab? Wollten wir nicht noch über die Geschichte reden?“

Klaas schloss ergeben die Augen. Die Hand bereits am Türgriff, war er so kurz vor dem rettenden Ausgang gewesen. Seufzend ließ er die Hand wieder sinken und drehte sich zu Joko um.

„Wirklich? Was gibts da zu besprechen? Willste ’ne Fortsetzung schreiben oder was?“

Joko lachte amüsiert, trat näher an Klaas heran und steckte dabei die Hände in die Hosentaschen. „Gute Idee. Wäre doch eine neue Rubrik wert.“

„Bloß nicht. Als ob ich Bock hätte mir noch mehr kranke Fantasien anzuhören.“

„So krank fand ich die gar nicht.“

Klaas zog eine Augenbraue hoch. Was waren das für neue Töne?

„Hat die Hochzeit mit Frank irgendwelche Nebenwirkungen hinterlassen? Ausgerechnet der größte Weiberheld Berlins will mehr von solchen Geschichten?!“

„Ja, was denn? Als ob Frank der erste Mann ist, den ich geküsst hab.“

„Was sagt Lisa zu dieser Einstellung? Muss ja super ankommen.“

„Sie weiß, worauf sie sich eingelassen hat. Ist ja nicht so als würde ich durch die Stadt ziehen und alles aufreißen, was nicht schnell genug weg rennt. Sie ist da ziemlich locker“, gab Joko zu und sah auf Klaas runter. Er schluckte hart, als er den Blick erwiderte. Wieso machte Joko es ihm so schwer?

„Locker. Ah ja. Ist ja schön für dich.“

„Naja, sie kennt mich ja auch nicht erst seit Gestern. Aber jetzt lenk mal nicht ab!  Wieso können wir da keine Rubrik draus machen? Den Fans würde das sicher gefallen.“

Er konnte wirklich nicht locker lassen. Klaas Herz schlug schneller, als die Worte sich wieder in sein Bewusstsein drängten.

Noch bevor ich einen weiteren Gedanken verschwenden kann, hat Klaas mich an meinem Hemd schon an sich gezogen und drückt mir seine Lippen auf.

Klaas sah diese Szene so deutlich vor sich. So deutlich, dass Fantasie nicht mehr von Realität zu unterscheiden war. In einem Moment standen sie sich noch gegenüber, im Nächsten packte er Joko am Hemd, drückte ihn an den Nachbau der HalliGalli Studiotreppe und vereinte ihre Lippen zu einem Kuss.

Gewaltige Hitze machte sich in Klaas breit. Strömte von seinen Lippen in seinen gesamten Körper. Ließ ihn alles andere vergessen, außer diesem unglaublichen Gefühl Joko endlich zu küssen.

Dieser schien wie erstarrt und reagierte nicht. Was weder gut noch schlecht war. Er schob Klaas nicht von sich, aber erwiderte den Kuss auch nicht. Klaas nutzte den Moment um eine Hand in Joko’s Haar zu vergraben, ihn näher an sich zu ziehen, den Kuss intensiver werden zu lassen. Er saugte an seiner Unterlippe, zog sie zwischen seine Lippen und leckte mit der Zunge darüber.

Das schien Joko aus seiner Starre zu lösen. Hände legten sich auf Klaas’ Hüften, schoben ihn aber nicht weg, sondern noch näher an den warmen Körper heran. Klaas konnte ein überraschtes Keuchen nicht unterdrücken, als sein Kuss erwidert wurde. Genauso leidenschaftlich, genauso ausgehungert.

„Klaas…“, hauchte Joko gegen seine Lippen, als sie sich kurz voneinander lösten, doch direkt wieder übereinander herfielen. Die Luft wurde aus seinen Lunge gepresst, als Joko ihre Position wechselte und nun er gegen das Geländer gedrückt wurde. Ihre Zungen trafen sich. Ihre Hände gingen auf Wanderschaft.

Klaas’ Herz drohte zu explodieren. Was passierte hier?

Er drohte sich zu blamieren, denn der Druck hinter seinem Reißverschluss wurde unerträglich. Wie konnte ein einziger Kuss das in ihm auslösen? Als ihre Unterkörper sich trafen…

 

„Ich fahr dann jetzt zum Bahnhof und hol Joko ab. In zwanzig Minuten sollten wir wieder da sein.“

Unsanft wurde Klaas aus seiner Erinnerung gerissen. Mit großen Augen und Herzrasen wanderte sein Blick zur Tür. Basti. Joko. Abholen. Die Worte kamen bei ihm an, aber so richtig anwesend war er noch nicht.

Er schluckte hart, fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht und nickte knapp.

„Ja, alles klar. Bis gleich!“

Schon war Basti wieder verschwunden.

Klaas lehnte sich im Sessel zurück, lehnte seinen Kopf nach hinten und starrte an die Decke. Verdammte Erinnerungen!