Actions

Work Header

Alles, was uns bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, die nie wieder kehrt

Chapter Text

Kapitel 9

 

Nachdenklich drehte Klaas das Handy in seiner Hand. Wie nach jedem Telefonat mit Joko spürte er diese Leere in sich. Es war keine hohle Phrase gewesen. Er hatte Joko wirklich vermisst. Hatte nicht gedacht, dass es ihm nach all der Zeit immer noch schwer fallen würde so lange von ihm getrennt zu sein.

Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und schmiss das Handy auf den Schreibtisch. Wieder griff er nach seinem Joghurt. Steckte sich einen Löffel nach dem Anderen in den Mund, während er seinen Blick über den Bildschirm wandern ließ. Er hatte nicht mal die Hälfte der Bilder geschafft. Fühlte sich fast erschöpfter als nach einem Tag im Studio.

Wie konnten ihn Erinnerungen so fertig machen? Diese Reise in die Vergangenheit war alles andere als leicht für ihn. Erwartet hatte er das nicht. Ein Rückblick auf ihre Karriere sollte sein Herz nicht so in Zwei reißen. Sollte ihn nicht so nachdenklich machen.

Den Becher beiseite stellend, rutschte er näher an den Computer heran. Scrollte erneut durch Bilder und Texte. Sah alte Neo Paradise Bilder, noch ältere MTV Home Bilder, aber die Emotionalsten waren während Circus HalliGalli entstanden. Im Jahr 2015 war die Redaktion auf die glorreiche Idee gekommen Joko und ihn zu einer Paartherapie zu schicken. Paartherapie. Ausgerechnet sie beide.

Diese Sitzung war zu einer Zeit angesetzt worden, als die Stimmung zwischen ihnen mal wieder kaum auszuhalten war. Jeder bekam es mit. Keiner konnte sagen, dass er nichts gesehen hatte. Nicht irgendwann mal was mitbekommen hatte. Sie gaben sich nicht mal mehr Mühe ihren Streit zu verbergen. Natürlich nicht vor der Kamera. Da waren sie Profis. Aber hinter den Kulissen sprachen sie kaum ein Wort miteinander.

 

„Denkst du über Selbstmord nach?“

„Manchmal.“

„Ich war gewillt diese Beziehung zu retten.“

„Welche Beziehung, Alter? Es gibt gar keine Beziehung. Wir können doch nicht die ganze Zeit von etwas reden, das nicht ak.. das nicht existiert.“

„Das macht mich traurig."

Klaas hielt es nicht mehr aus. Er musste hier raus. Ließ Joko und Rauli und all die anderen einfach beim Interview sitzen. Sollten sie ihren Mist doch alleine zu Ende bringen. Er hatte den ganzen Spaß mit gemacht. Mehr konnten sie nicht von ihm verlangen. 

Er riss sich das Mikrofon vom Pullover, schnappte sich seine Jacke und lief so schnell er konnte aus der Halle. Warum konnten sie es nicht gut sein lassen? Klaas war gerade erst damit klar gekommen, dass Joko nach München gezogen war. Dass es wahrscheinlich bald kein Joko und Klaas mehr geben würde. Wieso mussten sie das Messer noch tiefer in die Wunde stecken mit so einer dämlichen Idee? 

Paartherapie! Ausgerechnet sie beide bei einer Paartherapie. Klaas schluckte hart, als er sich an die Situation mit dem Therapeuten erinnerte. Dieser dämliche Raumlauf!

„Mein Name ist Joko. Du hast schöne Lippen…“, äffte er leise den Anderen nach, vergrub seine Hände tief in den Jackentaschen. Dabei stieß er auf seine Zigarettenschachtel, aus der er sich direkt eine Zigarette schnappte und sie anzündete. Tief zog er den Rauch in seine Lunge. Spürte, wie er ruhiger wurde.

Es tat weh. Es tat scheiße weh, dass er immer wieder solche Situationen durchleben musste. Er liebte Joko. Liebte ihn wahrscheinlich schon seit der Zeit bei MTV Home. Doch egal wie oft sie sich geküsst hatten, egal wie oft sie in heikle Situationen gerieten. Sie waren kein Paar und sie würden niemals eines sein.

Also musste er sich ablenken. Musste die Gedanken an braune Augen und ansteckendes Lachen hinter sich lassen. So schwer es ihm auch fiel, für seinen Seelenfrieden war es die bessere Wahl.

Klaas griff nach seinem Handy, während er weiter an seiner Zigarette zog. Er ging seine Kontakte durch bis er den Passenden gefunden hatte. Wieder ein kurzes Zögern. Sein Herz protestierte gegen diese Sache. Wollte es nicht so weit kommen lassen. War noch nicht bereit los zu lassen. Aber es musste sein.

Steht dein Angebot für die Ablenkung noch? Muss den Kopf mal wieder frei bekommen.

Unruhig zog Klaas an der Zigarette und ließ seinen Blick über den Parkplatz wandern. Wieso war er nicht mit seinem eigenen Wagen gekommen? Jetzt musste er auch noch auf das Team warten. Er wusste allerdings nicht, ob er hoffen sollte, dass sie schnell fertig waren oder sich noch länger Zeit ließen. Klaas verzog das Gesicht. Diese ganze Gefühlsduselei war wirklich lästig.

Ein lauter Signalton kündigte eine neue Nachricht an.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass du mich als Ablenkung benutzt.

Ist das ein Nein?

Sehen uns heute Abend bei dir.

„Mit wem schreibst du?“

Klaas hatte die Schritte auf dem Kies gehört, deswegen überraschte ihn die Frage nicht. Allerdings wollte er Joko keine Antwort geben. Ein letzter Zug an seiner Zigarette, bevor er sie gekonnt von sich schnipste und es unkommentiert ließ, als Joko das Gesicht verzog. Fast schon die Standardreaktion, wenn er Klaas beim Rauchen sah. Er mochte es nicht. Hatte daraus auch nie ein Geheimnis gemacht. Aber es war das Einzige, was Klaas in solchen Situationen beruhigte. Ihm ein gewisses Gefühl der Kontrolle zurück gab.

„Seid ihr fertig? Können wir los?“, fragte er anstatt die Frage zu beantworten.

Alles, was Klaas daraufhin bekam, war ein Nicken. Er musterte seinen Gegenüber unauffällig. Joko hatte die Hände in den Jackentasche vergraben, die Kappe tief ins Gesicht gezogen und sah ebenfalls alles andere als glücklich aus hier zu sein. Da waren sie wenigstens mal einer Meinung. Klaas sah jetzt auch, wie das Team bereits alles wieder in den Wagen lud. Umso besser. Schnell weg von hier. Weg aus dieser Situation.

„Klaas bitte!“, hielt ihn Joko’s Stimme auf, als er sich bereits zum Wagen wandte. Er blieb stehen, sah ihn allerdings nicht an.

„Ich weiß nicht, was das Problem ist. Aber so kann es zwischen uns doch nicht weiter gehen. Dieses ständige Auf und Ab. Mal ist alles super und dann errichtest du wieder diese Mauer zwischen uns. Ich check’s nicht.“

Klaas hörte die Frustration in seiner Stimme. Er wusste, dass er sich wie ein Arschloch benahm. Es war nicht fair. Joko wusste nicht, was in ihm vorging. Hatte ihm auch niemals etwas vorgemacht. Ihn traf keine Schuld.

„Erklär’s mir! Normalerweise sind solche Dreh’s wie heute kein Problem für dich. Aber was war das da drin? Warum… was ist los? Rede mit mir!“

„Joko… lass es gut sein! Ich bin müde und will nur noch nach Hause.“

„Dann sag mir, wann wir darüber reden können. Ich will meinen alten Klausi zurück.“

Seit wann war der Winterscheidt so hartnäckig? Normalerweise ließ er sich mit wenigen Worten abspeisen. Zumindest konnte Klaas so einen gewissen Abstand zwischen ihnen schaffen. Aber das funktionierte plötzlich nicht mehr.

„Es gibt nichts zu bereden. Das bildest du dir ein. Sag mir nicht, dass du diese ganze Paartherapie wirklich sinnvoll fandest?!“

„Jedenfalls hab ich mich nicht so angestellt. Es hat dir doch sonst nichts ausgemacht, wenn uns jemand als Paar bezeichnet hat. Was hat sich geändert?“

„Alles!“, wollte er Joko entgegen schleudern, doch er hielt sich zurück. Das hier war weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt um darüber zu sprechen. Außerdem wusste Klaas sowieso nicht, was er sagen sollte. Wie erklärte man seinem langjährigen, hetero Arbeitskollegen, der fast alle seine dunkelsten Geheimnisse kannte und alles mit ihm geteilt hatte, dass man in ihn verliebt war? Gar nicht. Am Besten übergoss man diese Gefühle mit Benzin und zündete sie an.

„Ja komm, so langsam ist auch gut, ne? Als ob du es so gut findest. Bin mir sicher, dass Lisa da auch einiges zu zu sagen hat. Wir sollten da einfach nicht noch mehr Stoff liefern, okay.“

Klaas steckte nun ebenfalls die Hände in die Jackentaschen und blickte vorsichtig zu Joko. Er sah nachdenklich aus. Schien nach den richtigen Worten zu suchen. Gerade als er den Mund öffnen wollte, durchbrach ein Signalton die Stille zwischen ihnen. Klaas zog das Handy aus der Tasche und blickte auf den Bildschirm.

Ich werd schon dafür sorgen, dass du ihn vergisst.

„Wer hat dir geschrieben?“, kam erneut die leise Frage von Joko, der nun näher an ihn heran getreten war. Schnell schob Klaas das Handy wieder in die Tasche.

„Ich treffe mich heute Abend mit Arne“, beantwortete er schlussendlich doch die Frage und wollte es einfach nur hinter sich bringen. Schloss die letzte Tür zwischen ihnen endgültig. Klaas zwang sich dazu Joko in die Augen zu sehen. Ob es irgendeine Reaktion bei ihm auslöste. Und das tat es.

Er sah, wie es hinter Joko’s Stirn arbeitete. Wie er diese Information versuchte zu verarbeiten und einzuordnen. Als ihre Blicke sich trafen, wusste Klaas, dass Joko sich erinnerte.

An den Abend beim Echo. Sie waren ausgezeichnet worden mit dem Preis „Partner des Jahres“ für Circus HalliGalli. Joko war mit Lisa gekommen. Klaas war alleine. Viel Alkohol war geflossen. Daher war es ihm zu später Stunde egal gewesen, wer ihn sah. Wer ihn mit dem unbekannten Mann knutschen sah. Wenn er nicht so furchtbar besoffen gewesen wäre, wäre es ihm wahrscheinlich peinlich gewesen, gerade von Joko dabei erwischt zu werden. So hatte er einfach nur mit den Schultern gezuckt, Arne am Handgelenk gepackt und ihn am geschockten Joko vorbei gezogen.

Es war das erste Mal gewesen, dass Joko ihn mit einem Mann sah. Klaas hatte immer versucht sein Privatleben nicht vor dem Anderen auszuleben. Vielleicht war das falsch von ihm, aber er hielt es für die richtige Entscheidung.

In Joko’s Augen sah er die Erinnerung an ihm vorbei ziehen. Wie er die Lippen aufeinander presste. Wie er hart schluckte. Wie sein Brustkorb sich schneller hob und senkte. Wie er eins und eins zusammen zählte. Wie er sich zusammen reimte, wie der Abend für Klaas verlaufen würde. 

„Klaas…“

„Das Team wartet. Ich will einfach nur noch nach Hause.“

Klaas ließ sich nicht erneut aufhalten. Entschlossen wandte er sich von Joko ab und ging zielstrebig auf ihren Van zu. Hauptsache weg von Joko. Hauptsache weg von diesem verdammten Gefühlschaos.

 

Klaas fühlte sich mies bei dieser Erinnerung. Er hatte Joko verletzt. Unbewusst, aber er hatte es getan. Zu diesem Zeitpunkt hatte er keine Ahnung von der Trennung von Lisa gehabt und einfach nur irgendwie versucht mit seinen Gefühlen klar zu kommen.

Hatte Joko sich in dieser Situation so gefühlt, wie Klaas bei der Las Vegas Hochzeit von Joko und Frank? Vermutlich. Vielleicht. Sie hatten nie über diesen Moment gesprochen. Im Allgemeinen vermieden sie es über diesen Teil der Vergangenheit zu sprechen. Es brachte nicht immer das Beste zum Vorschein.

Was ihn damals zu dieser Duell um die Welt Aufgabe geritten hatte, konnte wohl nur die liebe Redaktion beantworten. Denn es war nicht seine Idee gewesen. Ein Fehler hatte dazu geführt, dass sie eine der Ersatzaufgaben nehmen mussten. Wenn man es so wollte, war es ein Lückenfüller gewesen. Klaas erinnerte sich noch daran, dass er nicht begeistert gewesen war. Nicht alle in ihrer Firma kannten seine Neigung. Sie hielten es einfach für eine witzige Idee gerade Mister Frauenversteher Winterscheidt in so eine Situation zu bringen.

Klaas wusste nicht, warum er die Bilder überhaupt auf dem Computer gespeichert hatte. Joko und Frank im Partybus. Joko und Frank vor dem falschen Elvis. Joko und Frank knutschend auf dem Boden. Joko und Frank anschließend im Cabrio. Es war eine Qual. 

Schmitti hatte die Sache auch nicht mehr verhindern können. Der war alles andere als begeistert, als er von dem Plan gehört hatte. Denn er war im Endeffekt derjenige, der einen schlecht gelaunten Klaas ertragen musste.

 

Endlich war diese Tortur vorbei. Klaas hatte Mr. Lio erfolgreich Zuhause abgeliefert und konnte aus diesem dämlichen Kostüm raus. Seine Nerven lagen blank. Der Typ und seine Knallerei hatten ihm den letzten Nerv geraubt. Joko wusste doch ganz genau wie schreckhaft er war. Der hatte sich ja schon am Telefon darüber lustig gemacht. Elender Penner!

„Ist alles im Kasten. Da hinten können wir noch ein paar Schnittbilder drehen. Dann ist auch fast schon Zeit für den Anruf bei Joko“, erklang Schmitti’s Stimme im Hintergrund. Klaas stand am Abhang und blickte runter auf den Fluss. Er war zwar gesichert gewesen, aber ein paar Mal wäre er fast weg gerutscht. Das Adrenalin hatte ihn wachsam gemacht. Hatte dafür gesorgt, dass er nicht unvorsichtig wurde und nicht von anderen Gedanken abgelenkt wurde. Jetzt stand allerdings nichts mehr zwischen ihm und dem nächsten Problem.

„Klaas? Wir sind gleich bereit für das Telefonat.“

Still beobachtete er das Wasser unten im Tal.

„Klaas? Hast du gehört? Wir sind soweit“, sprach Schmitti ihn erneut an.

„Nein.“

„Was?“

Klaas sah ihn an. Entschlossen und dennoch zwiegespalten.

„Ich kann diesen Anruf nicht machen. Ihr müsst euch was anderes ausdenken.“

„Ey, komm mir jetzt nicht so! Wir haben das bis jetzt immer so gemacht. Das wollen die Zuschauer sehen. Wie soll Joko denn sonst seine Aufgabe erfahren?“

„Mir doch scheiß egal. Ich werds nicht tun“, sagte Klaas nun noch deutlicher und fummelte aus seiner Tasche eine Zigarette. Wurde erst ruhiger, als er den grauen Rauch in seine Lunge zog. Er spürte Schmittis Blick, weigerte sich aber diesen zu erwidern. Er würde von seinem Standpunkt nicht abweichen. Das konnte er einfach nicht von ihm verlangen.

Die anderen Mitarbeiter sahen ebenfalls fragend zwischen ihnen hin und her. Wussten nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollten. Sie waren den Drehplan wieder und wieder in der Firma durchgegangen. Wann wer wen anrief und wann sie was drehen wollten. Da hatte Klaas noch nicht protestiert.

Doch je näher der Zeitpunkt gerückt war, je näher sie dieser verdammten Hochzeit kamen, desto klarer wurde ihm, dass er die Worte zu Joko nicht sagen konnte. Nicht seine Reaktion hören wollte. Das konnte Thomas nicht von ihm verlangen. Der zog ihn nun beiseite, damit sie niemand belauschen konnte.

„Ich weiß, dass es nicht einfach für dich ist. Aber du warst einverstanden, dass wir das hier machen. Den Zeitpunkt für einen Rückzug hast du verpasst. Jetzt zieh es auch durch.“

„Vergiss es! Ich weiß nicht, wie deutlich ich dir noch sagen soll, dass ich es nicht mache. Denk dir was anderes aus! Ruf du ihn halt an!“

„Meinst du nicht, dass Joko es komisch finden wird, wenn du dich nicht meldest?“

„Ach, der ist doch bestimmt schon viel zu besoffen um noch irgendwas mitzubekommen. War er doch vorhin schon.“

„Mag sein, aber morgen früh bei der Nachbesprechung wird es ihm wieder einfallen und dann wird er Fragen stellen. Ich hoffe das ist dir bewusst.“

„Damit werd ich schon klar kommen“, sagte Klaas und zog erneut an seiner Zigarette. Blickte dabei in den beginnenden Sonnenuntergang. Dachte dabei an Joko, der gerade wahrscheinlich die Nacht seines Lebens hatte.

„Nun gut. Wenn du es so willst.“

Schmitti wandte sich ab und besprach das weitere Vorgehen mit Michael, während Klaas versuchte seine Gedanken zu ordnen. Sich bewusst zu werden, was er sich hier eigentlich antat. Die Showaufzeichnung würde die Hölle werden. Wenn er im dunklen Studio stand und sich diese MAZ angucken musste. Wie Joko und Frank heirateten. Wenn Joko es überhaupt durchziehen würde, aber daran zweifelte er eigentlich nicht. Mit genügend Promille im Blut würde Joko alles tun.

Klaas trat die Zigarette unter seinem Schuh aus und setzte sich auf eine Bank in der Nähe der Gondelhütte. Seufzend legte er den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Lauschte dem Gespräch zwischen Thomas und Joko.

„Joko, Thomas hier. Planänderung. Tu einfach so, als würde Klaas anrufen und Jan soll einfach weiter filmen! Ich sag dir jetzt die Aufgabe.“

Einen Moment Stille. Wahrscheinlich musste Joko die Information in seinem besoffen Kopf erstmal erarbeiten.

„Du sollst heiraten. Aber nicht irgendwen, sondern Frank.“

Da war es raus. Klaas öffnete die Augen und blickte in den Himmel.

„Ja ,von mir aus. Macht das, wie ihr wollt. Hauptsache ihr zieht es durch.“

Damit war die Sache wohl erledigt. Joko wusste seine Aufgabe und Klaas würde die nächsten Stunden alle möglichen Szenarien im Kopf durchgehen. Er wollte keine Updates, wie es lief oder wie die Hochzeit ablaufen würde. Das wollte er sich wirklich ersparen.

Wieder verspürte er den Drang nach einer Zigarette. Keiner da, der ihn schuldbewusst ansah, also steckte er sich die Nächste in den Mund. Gerade als er sie anzünden wollte, ließen ihn Schmitti‘s Worte inne halten.

„Dem geht’s gut. Nur erschöpft vom Singen und Klettern. Konzentrier du dich jetzt lieber auf deine Aufgabe!"

Ihre Blicke trafen sich. Klaas spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Joko hatte nach ihm gefragt, obwohl er gerade wahrscheinlich andere Dinge im Sinn haben sollte. Wärme breitete sich in seinem Bauch aus. Solche Dinge sollten ihn nicht so lächerlich glücklich machen.

„Ich werd’s ihm ausrichten. Viel Spaß!“, sagte Thomas zum Abschluss und legte auf. Dann wandte er sich Rauli und Michael zu um wahrscheinlich letzte Details zu klären, bevor er auf Klaas zu trat. „Wenn du mich fragst, klang Joko ziemlich enttäuscht, dass du nicht angerufen hast. Er will, dass du dich morgen direkt bei ihm meldest.“

Klaas nickte nur und zündete die Zigarette an, was Thomas ein Seufzen entlockte.

„Ich krieg noch mal einen Herzinfarkt wegen euch.“

 

Joko’s Vegas Hochzeit mit Frank hing ihnen bis heute nach. Das Internet vergaß wirklich nichts, genauso wenig wie ihre Fans. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit, in der Frank auf Joko traf, wurde ihre Hochzeit erwähnt. Das Frank Joko’s Ehemann war. Klaas kam mittlerweile besser damit klar. Machte sich selbst darüber lustig. Denn jeder wusste, wer an Joko‘s Seite gehörte.

Das Duell um die Welt hatte für viele glorreiche Momente gesorgt. Dinge, die sie alle geprägt hatten. Nicht nur Joko und ihn, sondern auch das gesamte Team. Die Reisen waren anstrengend. Teilweise lebensgefährlich. Aber es verschlug sie auch an die unglaublichsten Plätze auf der gesamten Welt.

Klaas betrachtete verträumt die Bilder aus Bolivien, Vanuatu, Indien und China. Orte, die er sonst niemals gesehen hätte. Es war wirklich ein Geniestreich von ihm gewesen dieses Format vorzuschlagen. Es war ein Quotengarant, der aber auch viele Gefahren mit sich brachte. Deswegen hatte er mit einem lachenden und einem weinenden Auge zugestimmt die Reisen nicht mehr selbst anzutreten. Seine Entscheidung war es nicht gewesen. Die hatte Joko ihm nach den letzten Reisen im Sommer 2017 aus der Hand genommen.

 

„Ich hab keinen Bock mehr. Es tut wirklich gerade wahnsinnig weg. Ich schaff das nicht mehr. Kein Punkt. Fertig. Is eben so.“

Ihm tat alles weh. Die kleinen Steinchen gemischt mit der Asche steckten überall in seinem dämlichen Skianzug. Was war das für eine schwachsinnige Idee gewesen? Skifahren auf Asche. Wo hatte Joko so einen Blödsinn her?

Das Team um ihn herum sah ihn besorgt an, weil er sich immer noch nicht richtig bewegte.

„Film den Berg da noch mal und dann ist gut“, sagte Klaas ein letztes Mal in die Kamera, bevor er sich zurück sinken ließ. Ein scharfer Schmerz fuhr durch seinen Steiß und er konnte einen schmerzerfüllten Laut nicht unterdrücken.

„Scheiße! Bist du verletzt?“

„Vielleicht hättet ihr euch da vorher mal Gedanken drüber machen sollen. War ja wohl klar, dass ich mich auf die Schnauze lege“, zischte Klaas Thomas zu, der damit begann ihn von seiner Ausrüstung zu befreien. Erst die Skischuhe, dann den Helm und die dicke Jacke. Er ließ alles mit schmerzverzerrtem Gesicht über sich ergehen und achtete nicht auf das Treiben um ihn herum. Schwer atmend blickte er in den blauen Himmel über sich. Er wurde langsam zu alt für diesen Kram. „Höher, Schneller, Weiter“ funktionierte irgendwann nicht mehr. Für die nächste Staffel sollten sie sich wirklich leichtere Aufgaben überlegen.

„Kannst du aufstehen? Nicht weit von hier steht der Bus. Dann fahren wir ins nächste Krankenhaus.“

Klaas hatte es aufgegeben mit Schmitti über Krankenhausbesuche zu diskutieren. Egal, wie oft er sagte, dass es ihm gut ging, am Ende landete er doch wieder in einem Untersuchungsraum. Also würde er es auch dieses Mal über sich ergehen lassen. Aber mit weniger Gemecker.

Mit Hilfe der Anderen rappelte er sich langsam auf. Irgendeiner vom Team hatte ihm seine normalen Schuhe wieder angezogen, sodass er sich gleich viel leichter bewegen konnte. Doch immer noch schmerzte sein Körper bei jeder Bewegung. Das würde einige blaue Flecke geben.

Im Krankenhaus wurde das Ganze noch mal vom Arzt bestätigt. Viele Prellungen, eine angeknackste Rippe und eine leichte Gehirnerschütterung, die ihm eine Nacht im Krankenhaus bescherte. Michael und Schmitti brachten ihm die nötigsten Klamotten aus seinem Hotelzimmer und kümmerten sich um alle anderen Formalitäten. Eine Sorge weniger. Die Nachbesprechung würden sie dann auf Den nächsten Tag verlegen. Schmitti versprach am nächsten Morgen direkt zu den Besuchszeiten da zu sein. 

Ihm stand eine schlaflose Nacht bevor. Immer wieder sah die Nachtschwester nach ihm, stellte ihm Fragen und checkte seine Werte. Alles im grünen Bereich. Die Schmerzmittel machten alles einigermaßen erträglich. Ein paar Tage würde er auf das Zeug angewiesen sein, aber das kannte er bereits von anderen Aktionen. Die Rippe würde ihn wohl noch etwas länger beschäftigen.

Am nächsten Morgen fuhr Klaas sich mit einer Hand übers Gesicht. Wie froh er war, dass die Nacht endlich vorbei war. Er wollte einfach nur noch nach Hause. Zum Glück war es die letzte Station auf ihrer Weltreise gewesen, sodass er morgen Nachmittag endlich wieder in Berlin sein würde. Da Schmitti ihm das Handy mit den Worten „Du sollst dich ausruhen und deinen Dickkopf schonen“ abgenommen hatte, hatte er keine Möglichkeit Joko zu erreichen. Der wunderte sich bestimmt schon, warum Klaas sich nach der Aufgabe nicht bei ihm gemeldet hatte. Damit Joko nicht wieder durch drehte, sollte er sich gleich mal eine gute Ausrede einfallen lassen. Er machte sein Team immer halb wahnsinnig, wenn Klaas sich bei irgendeiner Aufgabe verletzte, denn meistens versuchte Joko es so zu einzurichten, dass man gar keine Gelegenheit hatte sich ernsthaft zu verletzen. Die Aufgaben waren zumindest so nicht ausgelegt. War es doch mal der Fall wurde alles bis ins kleinste Detail geplant und koordiniert. 

Klaas setzte sich im Bett auf, verzog das Gesicht und legte einen Arm um seinen Oberkörper. So ein Pech, dass gerade bei der letzten Aufgabe nicht alles nach Plan verlaufen war. Diese verdammte Rippe! Verdammter Vulkan! Verdammtes Italien! Er wollte einfach alles verfluchen.

So half es auch nicht, dass er heftig zusammen zuckte, als die Zimmertür aufgerissen wurde und ein heftig keuchender Joko im Türrahmen stand. Mit großen Augen blickte Klaas ihn an.

„Joko? Was machst du hier?“