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Alles, was uns bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, die nie wieder kehrt

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Kapitel 8

 

Den restlichen Abend war Joko nicht mehr von seiner Seite gewichen. Es war ein schönes Gefühl. So schön, dass Klaas sich wirklich dran gewöhnen könnte. Aber das war ein gefährliches Gefühl. Am nächsten Tag hatte Joko sich natürlich an nichts mehr erinnern können. Das war das Problem mit Party Joko. Er wurde zwar anhänglich, aber am nächsten Morgen war alles schon wieder vergessen. Das hatte Klaas anfangs wirklich in den Wahnsinn getrieben. Auch das war einer der Gründe gewesen, warum er nicht auf jeder Party gewesen war.

Als Klaas eines seiner Lieblingsbilder von ihnen fand, wurde ihm klar, dass es viele Ausnahmen von seinen Regeln gab. Zum Einen gab es den Gumball. Sieben Tage am Stück. Null Privatsphäre. Keine Chance dem Anderen zu entkommen. Da hatten sie viel mitbekommen. Viel durchgemacht. Viel gesehen.

Dann gab es noch die Zeiten bei Rock am Ring. Auch da hatten sie sich ein Zimmer geteilt. Doch bei ihrem letzten Mal dort war es anders gewesen.

Klaas nahm sein Handy in die Hand und suchte dort das Bild. Einige Sekunden starrte er es einfach nur an. Konnte das Lächeln nicht unterdrücken. Erinnerte sich an die schönen Momente in diesem Sommer. Schickte ohne drüber nachzudenken das Bild an Joko.

Geh gerade alte Bilder durch. Ist immer noch mein Lieblingsbild.

Lange musste er auf eine Antwort nicht warten.

Dabei haben wir seitdem so viel bessere Bilder gemacht.

Ich spreche von jugendfreien Fotos, Winti.

Spaßbremse.

Klaas lachte auf. War ja klar, dass Joko’s Gedanken wieder in eine völlig andere Richtung gingen. Schnell folgte jedoch die nächste Nachricht.

Aber du hast recht. Ich liebe das Bild auch. Weckt schöne Erinnerungen.

Das tat es allerdings. Wie sie beide da auf dem Kissen bei Rock am Ring lagen. Joko mit der CHG Cap und den verzogenen Lippen. Er selbst mit der Sonnenbrille und dem zufriedenen Gesichtsausdruck. Dort hatten sie das Lipsync Video zu Sia’s Song aufgenommen. Aber selbst nachdem die Dreharbeiten beendet waren, lagen sie noch dort. Sprachen über das letzte Mal Rock am Ring mit dem gesamten Team. Sprachen über ihre Pläne für den Rest des Sommers. Sprachen über Gott und die Welt. Genossen einfach die Gegenwart des Anderen.

 

Joko tippte irgendwas auf seinem Handy. Das Team um sie herum packte bereits alles für den Feierabend ein. Morgen würde der letzte Tag des Festivals für sie starten und somit ihr allerletzter Tag bei Rock am Ring mit Circus HalliGalli.

Klaas wurde nostalgisch. Er genoss diese Tage immer besonders. Die Stimmung der Menge. Überall spielte Musik. Reges Treiben an jeder Ecke. Normalerweise war er ein Mensch der Ruhe brauchte, aber hier in dieser Atmosphäre war es immer etwas Besonderes.

Er wurde hellhörig als Joko neben ihm lachte. Er runzelte die Stirn und blickte zu ihm rüber. Sah, dass er immer noch auf sein Handy fixiert war.

„Was machst du da?“

„Hab gerade unser Selfie hoch geladen. Die Leute lieben es. Nennen uns das süßeste Paar im deutschen Fernsehen.“

Klaas presste verlegen die Lippen aufeinander. Spürte wie seine Handflächen feucht wurden wegen dieser Bemerkung. Wandte den Kopf zur anderen Seite. In letzter Zeit machten viele solcher Kommentare die Runde. Wie gut sie zusammen passen würden. Wie verliebt sie sich manchmal ansahen.

Dabei war Klaas so vorsichtig gewesen. Hatte alles versucht seine Gefühle für Joko vor der Außenwelt zu verbergen. Anscheinend war er kläglich gescheitert. Er wusste nicht, ob es ihn panisch machen oder völlig egal sein sollte.

„Klausi. Du denkst schon wieder zu viel“, flüsterte Joko ihm zu, drehte sich auf die Seite und legte seine Hand an Klaas’ Wange. Zwang ihn dazu sich ihm wieder zu zuwenden. Sanft schob er die Sonnenbrille nach oben und blickte ihm in die Augen. „Kannst du nicht einmal deinen Kopf ausschalten?“

„Is nicht so einfach“, nuschelte Klaas und presste seine Handflächen aneinander.

„Dafür hast du ja mich. Ich bin dir gerne behilflich.“

Joko kam ihm noch näher. Legte eine Hand wieder an Klaas’ Wange. Legte sich selbst halb auf ihn drauf. Ließ ihn dabei nicht aus den Augen.

„Joko!“ Klaas riss die Augen auf und wollte sich ihm entziehen, doch Joko ließ das nicht zu. Holte sich entschlossen das, was er wollte. Seine Lippen pressten sich verlangend auf Klaas’, drückten ihn dabei noch tiefer in die Kissen und entlockten ihm ein aufgeregtes Keuchen. Diese Chance nutzte Joko und glitt mit seiner Zunge in Klaas Mund, erkundete ihn und neckte die Zunge des Anderen.

Er spürte Joko’s gesamten Körper an seinem. Seine Hand legte sich auf Klaas’ Hüfte, während dieser seine Hand in dessen Hemd vergrub. Ihre Beine waren ineinander verschlungen. Ihre Körper rieben sich aneinander, sodass nichts mehr zwischen sie passte.

Mittlerweile war die Anspannung aus Klaas’ Körper gewichen. Natürlich waren sie nicht alleine, aber es war ihm gerade egal, wer sie so sah. Wichtig war nur Joko, der sich langsam von ihm löst und seine Stirn gegen Klaas’ drückte.

„Hat’s geholfen?“, hauchte Joko gegen seine Lippen und verzog den Mund zu einem Grinsen. Als Klaas langsam die Augen öffnete und das Grinsen sah, konnte er gar nicht anders als zu lachen.

„Alter, noch auffälliger geht’s ja gar nicht. Stell dich doch gleich auf die Bühne und oute uns!“, sagte Klaas lachend und versuchte ihn an der Schulter von ihm weg zu drücken. Doch Joko wehrte ihn ab, in dem er ihre Hände miteinander verschränkte und sie in die Kissen drückte.

„Mega Idee! Lass mal machen! Dann kannste nicht mehr nein sagen.“

„Nein, blöde Idee! Ich will heute nicht mehr mit Tomaten beworfen werden.“

„Ach Klausi, das würde ich doch niemals zulassen.“

Der nächste sanfte Kuss landete auf seinen Lippen, ließ schon wieder alles andere in den Hintergrund rücken und sein Hirn zu Brei werden. Wenn es doch nur so einfach wäre ‚Nein‘ zu sagen, Joko einfach von sich zu stoßen und endlich etwas Abstand zwischen sie zu bringen. Doch Klaas war egoistisch und nahm alles, was Joko ihm gab.

„Es wäre alles einfacher, wenn du es mir nicht so schwer machen würdest.“

„Dann mach es mir nicht so leicht dich zu lieben.“

 

Klaas blinzelte verwirrt, als er mit Gewalt aus seiner Erinnerung gerissen wurde. Sein Handy. Es klingelte in seiner Hand.

„Joko.“ Selbst er konnte hören wie rau und atemlos seine Stimme klang, als er den Anruf annahm.

„Hase, alles gut?“

„Ja, ich…“ Klaas räusperte sich einmal, stand auf und ging ans Fenster. „Alles gut. Warum rufst du an?“

„Du hast mich neugierig gemacht. Warum guckst du dir alte Foto’s an?“

„Schmitti zwingt mich dazu meinen Computer auf Vordermann zu bringen. Das Scheiß Teil regt mich auf. Stürzt ständig ab oder friert ein. Deswegen sortier ich gerade die ganzen Dateien, während ich auf dich warte.“

„Wenn du dir wirklich alle Bilder anguckst, wirste aber ewig brauchen. Da reicht ein Nachmittag nicht.“

„Das ist mir bewusst. Zumindest jetzt. Dachte nicht, dass sich in all den Jahren so viel Schrott angesammelt hat“, sagte Klaas und rieb sich mit der Hand übers Kinn. Alleine die Stimme des Anderen zu hören, beruhigte ihn auf eine Art und Weise, wie es eine Zigarette niemals geschafft hatte. Für Joko hatte er das Rauchen damals aufgegeben.

Dessen Lachen drang nun an sein Ohr, welches auch ihm ein Grinsen aufs Gesicht zauberte.

„Bitte? Bezeichne unsere Vergangenheit mal nicht als Schrott oder es gibt zur Begrüßung direkt ’ne Ohrfeige!“

„Heiß! Wie lange dauert’s noch?“

„Sind gerade in Halle los gefahren. Also noch ’ne knappe Stunde bis zum Berliner Hauptbahnhof. Wer holt mich ab?“, fragte Joko, während man im Hintergrund eine undeutliche Stimme hören konnte. Irgendeine Durchsage. Klaas runzelte die Stirn.

„Wie wer holt dich ab? Woher soll ich das wissen? Bin ich dein Chauffeur? Habt ihr das nicht vorher abgesprochen?“

„Ich dachte, du holst mich ab. Wäre doch eine nette Geste.“

Klaas seufzte, wandte sich vom Fenster ab und steuerte die Tür an. Das war doch nicht sein Ernst? Joko plante doch sonst jedes Detail. Wenn er jetzt noch am Bahnhof auf ein Taxi warten musste, würde er doch nur die Leute auf sich aufmerksam machen. So viel Zeit hatten sie nicht.

„Alter, du machst mich fertig! So brauchst du doch ewig bis du hier bist. Ich frag mal rum, wer dich abholen kann“, sagte er und verließ sein Büro. Im Gehen raufte er sich die Haare und sah sich um. Hier und da öffnete er eine Tür, schaute nach, wer sich dahinter verbarg.

„Warum holst du mich nicht ab?“

„Vergiss es! So schaffen wir es niemals pünktlich zum Dreh.“

„Ach, Klaas. So macht es aber mehr Spaß.“

Klaas schüttelte nur grinsend den Kopf und ging entschlossen weiter. Im Pausenraum fand er Benni und Jakob, die aber beide den Kopf schüttelten. So langsam gingen ihm die Optionen aus.

Aber wenn er schon mal hier war, konnte er sich gleich noch einen Joghurt schnappen. Er schob Jakob zur Seite, öffnete den Kühlschrank und griff nach einem der großen Becher, die immer für ihn bereit standen. Jeder in der Firma wusste, dass sie besser nicht an seinen Vorrat gingen, wenn sie einen gut gelaunten Moderator haben wollten.

„Haust du dir jetzt noch den Bauch mit Joghurt voll?“, kam Joko’s amüsierte Stimme vom anderen Ende der Leitung. Er hatte wohl den zufallenden Kühlschrank gehört.

„Klappe, Winterscheidt! Sonst kannste laufen.“

„Versuch’s mal bei Basti im Schnittraum! Der sollte das einschieben können“, mischte Jakob sich ein, der schmunzelnd einen Schluck von seinem Kaffee nahm.

„Danke Jakob!“, rief Klaas über die Schulter, als er sich auch schon auf den Weg zum Schnittraum machte. Dort traf er tatsächlich auf Basti, der kein Problem damit hatte Joko abzuholen. „Problem gelöst! Basti holt dich ab.“

„Du bist der Beste. Danke Klausi!“

„Was würdest du nur ohne mich machen?“

„Das werd ich hoffentlich niemals herausfinden.“

„Dann hör auf ständig in allen möglichen Podcasts zu sagen, dass du aufhören willst. Glaub ja nicht, dass ich das nicht mitkriege.“

„Sollte ich mich jetzt geschmeichelt fühlen, dass du mich stalkst?“

„Haha, sehr witzig. Jetzt mal ernsthaft: Was redest du für einen Müll? Hast du schon wieder zu viel Zeit mit Matthias verbracht?“

„Bitte keinen Ehestreit, Jungs! Versaut uns nicht den Dreh!“, kam es von Thomas Martiens, der mit Jakob an seiner Seite an Klaas vorbei ging.

„Was seid ihr doch heute alle für Witzbolde!“, grummelte er leise und machte sich auf den Weg zurück in sein Büro. Dort ließ er sich wieder hinter den Schreibtisch sinken und öffnete den Joghurt. Grummelnd schob er sich einen Löffel in den Mund.

„Was bist du denn so schlecht drauf? Lass das doch nicht an unseren Mitarbeitern aus! Spar dir das lieber für den Dreh auf!“

„Du meinst, ich soll mir das lieber für dich aufsparen?“, fragte Klaas und konnte jetzt das Grinsen nicht unterdrücken. Was Joko natürlich an seiner Stimme hörte.

„Brauchst dich gar nicht so zu freuen. Ich hab schon so meine Methoden wie ich deine Laune bessern kann.“

„Wenn es eine von deinen komischen Überraschung ist, will ich es gar nicht wissen.“

„Jetzt sei mal nicht so! Ich kann mich an eine Zeit erinnern, als du meine Überraschungen genossen hast.“

„Von wegen. Darf ich dich an Nepal erinnern? Darauf hätte ich verzichten können.“

„Als ob deine Überraschungen besser waren. Ich erinner dich nur an den Longest Day. Da hab ich heute noch Albträume von“, warf Joko vorwurfsvoll ein. Klaas erinnerte sich noch zu gut an die Tage danach. Die Stunden danach. „Du weißt nie, wann du zu weit gehst.“

„Müssen wir das noch mal aufwärmen? Du weißt, wie leid mir das damals tat. 

Außerdem biste auch ein bisschen selber Schuld. Du hast damit angefangen. Wer mit dem Feuer spielt und die Hitze nicht verkraften und so, ne!“ Klaas zuckte mit den Schultern und löffelte nachdenklich seinen Joghurt.

 

„Ihr verfluchten Arschlöcher!“

„Ich hasse euch! Ich hasse dich!“ 

„Ihr seid das Allerletzte, wirklich! Ihr seid solche Wichser!“

„Alter, hau ab! Hau ab!“

„Du bist das größte Arschloch auf der Welt!“

Klaas sah dem schwarzen Van hinterher, der sich immer schneller vom Flugplatz entfernte. Joko war sauer. So richtig sauer. Da gab es keine Trennung mehr zwischen Show Joko und Privat Joko. Diese Wut war echt gewesen und das war nicht alles, was Klaas in den Augen des Anderen gesehen hatte.

Panik.

Fassungslosigkeit. 

Tiefe Verletzung.

Joko hatte nicht geglaubt, dass er so weit gehen würde. Klaas war sich bis zum Schluss selbst nicht sicher gewesen, ob er es durchziehen würde. Den ganzen Tag war er wegen des Finales unruhig gewesen. Er hatte versucht es mit Lachen zu überspielen und sich nichts anmerken zu lassen. Für die Kamera hatte er den zufriedenen Rivalen gespielt, dem ein Streich gelungen war. Aber Joko hatte natürlich nicht gewusst, was noch auf ihn zukommen würde.

Er hatte ihm vertraut. Klaas hatte das Vertrauen in Joko’s Augen gesehen, bevor sie in den Hubschrauber gestiegen waren. Er hatte darauf vertraut, dass Klaas ihn nicht anlog. Dass er sich auf ihn verlassen konnte. Es hatte weh getan. Der Stich ins Herz bei der Erinnerung an diesen Blick war unerträglich. Doch sie hatten es nicht mehr rückgängig machen können.

Die Stimme von Thomas war in seinem Ohr. Das es schon nicht so schlimm werden würde. Joko würde drüber hinweg kommen. Kurz fluchen und dann das Ganze mit einem Lachen abtun. Doch so war es nicht. Schmitti hatte ihn gewarnt. Jakob hatte ebenfalls besorgt ausgesehen. Aber niemand hatte es gestoppt.

Klaas zwang sich zu einem Grinsen für die Kamera, als sie das Schlussbild drehten. Wie er dem Van hinterher sah und dann grinsend in den Sonnenuntergang ging. Tolle Bilder… Am Arsch. Jetzt mussten sie auch noch seine Kommentare zu der ganzen Sache filmen. Dazu stand ihm überhaupt nicht der Sinn, doch wie hieß es so schön. The Show must go on.

Klaas fühlte sich mies, als er anschließend mit den Anderen in den zweiten Wagen stieg. Er saß vorne auf dem Beifahrersitz, während sich hinten alle rein quetschten, damit für alle Platz war. Das Handy in der Hand versuchte er immer wieder Joko zu erreichen. Doch ohne Erfolg. Ob er zurück ins Büro gefahren war? Klaas hoffte es. Er musste unbedingt mit ihm reden. Sich versichern, dass alles gut war zwischen ihnen.

Die Stille im Auto war bedrückend. Keiner wagte es etwas zu sagen. Jedem war klar, dass sie zu weit gegangen waren.

Er wartete nicht auf die Anderen. Als das Auto zum Stehen kam, schnallte er sich ab und sprang raus. Rannte zum Eingang. Rannte die Treppen rauf. Sah sich hektisch im Büro um. Achtete dabei kaum auf die Mitarbeiter, die ihn erschrocken ansahen, als er von einem Raum zum Nächsten hetzte.

„Er ist nicht mehr hier. Hat mir die Schlüssel auf den Schreibtisch geknallt, mich beschimpft und ist raus gestürmt. Der Dreh war also erfolgreich.“

Schmitti lehnte am Türrahmen seines Büros und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Gesichtsausdruck war neutral, doch noch deutlicher hätte ein ‚Ich hab’s dir ja gesagt‘ nicht sein können. Klaas raufte sich die Haare.

„Scheiße!“

„Er nimmt sich ein paar Tage frei. Will von niemandem gestört werden. Von niemandem.“

Klaas schluckte hart, presste die Lippen aufeinander und versuchte zu atmen. Versuchte Luft in seine Lungen zu bekommen. Doch das war nicht so einfach, wenn es sich anfühlte, als würde sein Herz jeden Moment aufhören zu schlagen.

„Das war keine Wut, Klaas. Damit hätte ich umgehen können“, sagte Schmitti ruhig. „Da steckte mehr dahinter. Was ist passiert?“

„Alles ist genau so gelaufen wie es geplant war.“ Klaas’ Stimme war leise, monoton, ohne jegliche Gefühle.

Schmitti nickte. „Das dachte ich mir. Vielleicht solltest du seinen Wunsch respektieren. Lass ihn in Ruhe! Lass ihn die ganze Sache verarbeiten!“

Das klang logisch. Vernünftig. Joko die Zeit geben, die er brauchte. Die er eingefordert hatte. Gras über die Sache wachsen lassen, damit sie am Montag eine gute Show machen konnten. Doch seine Gefühle waren gerade nicht logisch. Waren nicht rational. Es ging um Joko. Seinen Joko. Was hatte er nur getan?

„Das kann ich nicht.“

Sein Handy aus der Tasche ziehend, drehte er sich um, stürmte an Jakob und Frank vorbei, die gerade mit den ganzen Sachen rein kamen und ihm verwirrt hinterher sahen. Aber dafür hatte er jetzt keine Zeit. Erneut versuchte er Joko anzurufen. Das Handy war an, aber immer noch keine Reaktion. Also schickte er eine Nachricht.

Wo bist du? Ich will das nicht so stehen lassen.

Keine Antwort. Keine Reaktion. Kein blauer Haken.

Joko bitte! Antworte mir!

Ich mach mir Sorgen. Ehrlich. Sag mir wenigstens, dass es dir gut geht!

Mir egal, was du Thomas gesagt hast. Ich lass dich nicht in Ruhe.

Immer noch keine Reaktion. Klaas stand mitten im Treppenhaus. Den Fokus nur auf das Handy gerichtet. Spürte wie plötzlich seine ganze Welt ins Wanken geriet. Joko war seine Welt. War es immer gewesen. Würde es immer sein. 

Wie betäubt machte er sich auf den Weg zu seinem Auto. Stieg mechanisch ein und blieb regungslos sitzen. Was hatte er nur getan? Wie hatte er glauben können, dass diese Aktion ohne Folgen blieb? Dass Joko es einfach als Witz abtun und dann zur Tagesordnung übergehen würde? Wie hatte er so naiv sein können? Klaas vergrub das Gesicht in den Händen und ließ die Stirn ans Lenkrad sinken. Was sollte er tun? Würde es überhaupt etwas bringen jetzt zu ihm zu fahren?

Das Vibrieren seines Handys ließ ihn heftig zusammen zucken. Schnell griff er danach.

Mir geht’s gut. Ich will jetzt niemanden sehen.

Wieder versuchte er ihn anzurufen. Vergebens.

Bitte Joko! Lass uns reden!

Ich muss das erst verarbeiten. Heute hat mir die Augen geöffnet.

Was meinst du?

Keine Antwort. Natürlich nicht. Joko hatte deutlich gemacht, dass er nicht reden wollte. Aber Klaas konnte das nicht so stehen lassen.

„Scheiß drauf!“ Er warf das Handy auf den Beifahrersitz und startete den Motor. Scheiß drauf, was Joko sagte. Er konnte ihn jetzt nicht einfach in Ruhe lassen. Was wäre er dann für ein Freund, wenn er ihn in so einer Situation alleine ließ?

Nach einer ewig scheinenden Fahrt blieb er vor Joko’s Apartment stehen, parkte den Wagen und ging entschlossen zur Eingangstür. Nichts überraschte ihn mehr, als das nach dem Klingeln der Summer ertönte und er die Tür öffnen konnte. Wieder stürmte er die Treppen rauf. Sport konnte er wohl die nächsten Wochen von seinem Plan streichen, aber in ihm wallte das Verlangen nach einer Zigarette auf. Doch die musste warte.

Als er endlich oben angekommen war, stolperte er fast über die letzte Stufe. Lisa. Die hatte er vollkommen vergessen. Mit verschränkten Armen stand sie vor der Tür, sah ihn nicht gerade wohlwollend an. Nervös presste er die Handflächen aneinander, kam langsam vor ihr zum Stehen.

„Hey!“

„Hallo Klaas! Wie kann ich dir helfen?“ Als ob das nicht offensichtlich war, aber sie wollte es ihm anscheinend nicht leicht machen. Konnte er ihr irgendwie nicht mal verübeln.

„Ist Joko da? Kann ich mit ihm sprechen?“

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Er will dich jetzt nicht sehen. Hast du ihm heute nicht genug angetan? Ich hab gedacht, du wärst sein Freund. Bei allem was ihr durch gemacht habt. Sind dir Einschaltquoten so wichtig geworden, dass du dafür über Leichen gehst?“ Lisa stieß den Finger nur weiter in die Wunde. Sie warf ihm nichts an den Kopf, was er nicht selbst wusste.

„Lass mich einfach mit ihm sprechen! Ich kann das alles erklären.“

„Lass es einfach! Respektier nur einmal seinen Wunsch! Sei ihm einmal ein echter Freund!“, sagte sie abschließend und ging zurück in die Wohnung, ließ Klaas draußen auf dem Flur stehen.

Wie erstarrt stand er da. Wusste nicht mehr weiter. Wusste aber auch, dass er jetzt nicht so einfach gehen konnte. Entschlossen trat er auf die Haustür zu und klopfte an, stemmte die Hände zu beiden Seiten des Türrahmens ab.

„Joko! Ich weiß, dass du da bist. Ich werd jetzt nicht so einfach weg gehen. Lass uns reden! Ich will nicht, dass das zwischen uns steht.“

Stille.

„Ich will mich nur selbst davon überzeugen, dass es dir gut geht. Dann lass ich dich auch in Ruhe, wenn du das willst. Bitte, mach auf! Es war eine Scheiß Idee, okay?“

Leise Schritte hinter der Tür.

„Ich geb’s ja zu. Ich hab’s übertrieben. Ist es das, was du hören willst? Es war ’ne richtige Scheiß Idee und ich geb’s offen zu. Glückwunsch! Du hast mich so weit.“

Klaas presste seine Handfläche an die Tür.

„Schmitti und Jakob haben mich ja gewarnt, aber ich wollte nicht hören. Wie immer. Du kennst mich. Du weißt wie stur ich sein kann. Aber ich wollte dich nicht verletzen. Ich hab nicht nachgedacht. Hätte ich nur mal zwei Sekunden nicht nur an den Plan gedacht, dann hätte ich es nicht durch ziehen können. Ich… Du bist mir wichtig.“

Klaas schluckte hart. Räusperte sich.

„Wenn du über die Sache reden willst, dann weißt du wie du mich erreichen kannst. Ich sag den anderen auch noch mal, dass sie dich in Ruhe lassen sollen. Dann… Dann hast du bis Montag Zeit. Wir sehen uns doch Montag oder? Ich meine… wenn du mehr Zeit brauchst, dann kriegen wir das sicher auch hin. Es ist nur… Du weißt schon…“

Seine Stimme wurde brüchig. Gefühle übermannten ihn, die er verzweifelt versuchte zurück zu halten. Er ballte die Hand an der Tür zur Faust, drückte sie ein letztes Mal fest dagegen, bevor er sich abstieß und einen Schritt zurück trat.

„Tja, also… ich geh dann mal wieder. Lass dich in Ruhe und so!“ 

Mit einem letzten Blick auf die Tür, wandte er sich um und ging die Stufe nach unten. Fühlte sich besser und schlechter zugleich.

„Klaas…“

Wie erstarrt blieb er stehen, hatte nicht mehr damit gerechnet diese Stimme heute noch zu hören. Langsam wandte er sich um und sah Joko am Treppengeländer stehen. Er sah blass aus, seine Augen waren gerötet und die Haare standen ihm wild vom Kopf ab. Aber er hatte ein leichtes Lächeln im Gesicht, welches den Druck von Klaas’ Brust nahm.

„Wir sehen uns Montag!“

 

Klaas versuchte die Erinnerung abzuschütteln und damit die Gefühle, die ihm erneut die Luft zum Atmen nahmen. Es war vorbei. Joko hatte ihm verziehen. Sie waren gemeinsam darüber hinweg gekommen

„Ich glaube das Sprichwort geht anders, Klausi“, holte Joko ihn zurück in die Gegenwart. 

„Wie auch immer. Schaffst du es jetzt dich alleine zu beschäftigen? Nachdem ich alles für dich geregelt habe?“

„Ja, danke Papa!“, sagte Joko in dieser kindlichen Stimme und mit einem deutliche Grinsen in der Stimme. Klaas presste die Lippen aufeinander und spürte das Zucken um seine Mundwinkel. Manchmal war es wirklich lästig, wenn jemand einen so gut kannte. Aber Joko schaffte es immer wieder aufs Neue, dass er sich besser fühlte. Mit nur wenigen Worten.

„Und das kannste dir auch gleich abschminken. Du sitzt im Zug und ich muss jetzt weiter machen.“

Joko seufzte ergeben am anderen Ende und antwortete: „Du bist heute echt eine Spaßbremse. Das werd ich dir heute noch austreiben.“

„Viel Glück dabei! Und jetzt leg auf!“

„Ich will aber noch etwas deine Stimme hören.“

„Wir sehen uns doch gleich. Gibt bestimmt noch ein Start Up, das du bis dahin erobern musst!“

„Okay okay, hab’s ja verstanden. Ich halt dich nicht länger auf. Ich freu mich nur so auf dich, Hase.“

„Ich hab dich auch vermisst“, flüsterte Klaas nach einigen Momenten. Ein sanftes Lächeln lag auf seinen Lippen, während der Joghurtbecher vergessen auf dem Schreibtisch stand. „Bis gleich.“

„Küsschen!“