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Alles, was uns bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, die nie wieder kehrt

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Kapitel 4

 

„Joko, Alter!! Das muss ewig her sein.“

„Matti! Was freu ich mich dich zu sehen.“

„Was zum…“, grummelte Klaas und sah von seinem Laptop auf. Das Gebrüll war im ganzen Stockwerk zu hören. Was ging da draußen vor sich? War das der Schweighöfer? Was wollte der heute hier? Es waren keine zwei Stunden mehr bis zur Aufzeichnung. Die Proben waren gelaufen. Alles war bis ins kleinste Detail für den Staffelauftakt durchgeplant. Ablenkungen konnten sie jetzt nicht gebrauchen.

Klaas legte den Laptop beiseite und stand vom Sofa auf. Mit schnellen Schritten ging er zur Tür, riss sie auf und blickte raus in den Flur. Blickte nach Links. Blickte nach Rechts. Zu sehen war nichts. Er runzelte die Stirn.

„Endlich sind wir mal wieder beide in der gleichen Stadt. Das müssen wir ausnutzen.“

„Auf jeden Fall! Du und ich. Nach der Sendung. Ich ruf noch ein paar Kollegen an und wir machen die Stadt unsicher.“

„I’m in. Das wird mega.“

Klaas folgte dem Klang der Stimmen bis er vor Joko’s Garderobe stand, wo die Tür halb geöffnet war. Stirnrunzelnd blickte er auf das Bild vor sich. Joko und Matthias lagen sich fast schon in den Armen und unterhielten sich aufgeregt. Beide hatte ihn noch nicht bemerkt. Joko’s Hände lagen auf den Schultern des anderen Mannes und man sah die ehrliche Freude in seinen Augen. Die Freundschaft zwischen den beiden war schon immer ein großes Rätsel für Klaas gewesen. Sie kannten sich lange, länger als Klaas Joko kannte, was nicht einfach zu verdauen war in vielen Situationen. Abgesehen von ihrem gemeinsamen Modelabel und den verschiedenen Projekten hatte Klaas keine Ahnung, was sie wirklich miteinander verband.

„Ja, sehr gut. Du, wer kann mir denn sagen, wann ich dran bin? Hat mich echt gefreut so kurzfristig in eurer Show meinen neuen Film promoten zu können. Ein netter Nebeneffekt!“, riss Matthias ihn aus seinen Gedanken und ließ ihn noch mehr die Stirn runzeln. Bitte was?

„Ach, lass uns doch eben zu Jakob rüber gehen und..“

„Moment mal!“

Die beiden blickten überrascht auf, als sie Klaas’ Stimme hörten und ihn endlich zur Kenntnis nahmen.

„Klaas! Hey! Na, alles klar?“

„Ja ja, alles super. Joko, kann ich dich mal kurz sprechen?“ Er ignorierte die ausgestreckte Hand von Matthias, griff an ihm vorbei nach Joko und zog diesen auch schon hinter sich her. „Du weißt ja wo die Gäste Garderoben sind. Such dir eine aus!“

„Ok, danke. Werd ich machen“, hörte Klaas noch nebenbei die Antwort, doch das war ihm gerade herzlich egal. Joko protestierte zwar aufgrund von Klaas’ festem Griff um sein Handgelenk, aber auch das war ihm gerade egal. Vor seiner Garderobe angekommen, schubste er den Anderen kurzerhand rein und schloß die Türe hinter sich.

„Was macht der Schweighöfer hier?“, kam er direkt auf den Punkt.

„Sein neuer Film kommt doch bald raus und weil er gerade in der Stadt ist, dachten wir wäre eine gute Gelegenheit für Promo.“

„Wir? Wer ist wir?“

„Na, Matthias und ich.“

„Ach, Matthias und du? Das freut mich aber, dass ihr euch einig seid.“ Klaas konnte nicht verhindern, dass seine Stimme dabei lauter wurde. „Und wann soll das bitte sein? Hast du bei der Probe überhaupt aufgepasst? Warst du anwesend?“

„Was regst du dich denn so auf? Für den Gast ist doch genug Zeit eingeplant. Wir quatschen einfach ein bisschen und gut ist. Matthi weiß doch, wie das abläuft.“

Fassungslos starrte er Joko an. War das sein verdammter Ernst? Frustriert ballte er die Hände zu Fäusten und trat näher an Joko heran. Dieser blinzelte überrascht und schien wirklich nicht zu verstehen, was er da angerichtet hatte.

„Wir haben bereits einen Gast und der heißt nicht Matthias Schweighöfer. Hast du schon wieder gesoffen oder was? Kannst du deine Freunde nicht mehr auseinander halten? Jared Leto ist auf dem Weg hier hin. Dem werd ich bestimmt nicht weniger Zeit geben wegen deinem Matthias.“

„Ach, fuck! Ich dachte der ist nächste Woche da“, rief Joko erschrocken, zog die Kappe vom Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

„Nein, eben nicht. Die spielen morgen Abend hier in Berlin ein Konzert. Vielleicht solltest du mal weniger Party und mehr Arbeit für die Show machen.“

„Hey, jetzt mach mal halblang. Das ist doch kein Weltuntergang. Matthi wird das verstehen. Dann kommt der eben nächste Woche und macht Werbung für seinen Film. Der wird das verstehen.“

Klaas presste die Lippen aufeinander, nickte aber widerwillig. Es passte ihm gar nicht sich die Blöße vor dem Schauspieler zu geben, aber das war nun mal Joko’s Fehler. Mal wieder ein saudummer Fehler, aber das war in letzter Zeit auch keine Seltenheit. Viel zu oft war Joko unkonzentriert, völlig weg getreten mit seinen Gedanken oder verwechselte irgendwelche Termine. Klaas versuchte es zu ignorieren, versuchte sich die Sorge nicht anmerken zu lassen. Es war nicht mehr sein Problem. Solange es ihre Arbeit nicht zu sehr beeinflusste, war es ihm egal, was Joko trieb. Es musste ihm egal sein. Für seinen eigenen Seelenfrieden.

„Dann klär das mit ihm. Und sieh gefälligst zu, dass sowas nicht noch mal passiert. Ich hab keinen Bock, dass das die Runde macht.“

„Keine Sorge! Wird nicht noch mal vorkommen. Hab einfach die letzten Nächte schlecht geschlafen und Lisa hat…“

„Bitte, erspar’s mir! Klär das einfach!“

„Klaas..“, versuchte Joko seine Aufmerksamkeit wieder zu bekommen, denn dieser hatte sich bereits abgewandt und lief zur Tür. Die plötzlich aufgestoßen wurde und einen verwirrt dreinblickenden Jakob im Türrahmen enthüllte.

„Ach, hier seid ihr. Weiß jemand von euch warum Matthias mit einem Handy in der Hand durch die Flure läuft und ein Video für Instagram macht, in dem er verkündet, dass er heute bei HalliGalli auftritt?“

„Was??“ Klaas spürte seinen Blutdruck steigen und das Verlangen nach einer Zigarette. Mit verengten Augen drehte er sich zu Joko um, der nun endlich erkannte, in was für einer Scheiße sie steckten. „Na, ganz toll. Jetzt können wir das nicht mehr zurück nehmen. Dann schilder doch mal unserem lieben Jakob, was du und Matthi euch dabei gedacht habt.“

Den unüberhörbaren Sarkasmus in seiner Stimme konnte keinem von beiden entgehen. So zog Jakob auch überrascht die Augenbraue hoch und sah zwischen ihnen hin und her.

„Was hab ich verpasst?“

Joko seufzte laut und legte eine Hand in seinen Nacken, während er angestrengt versuchte überall hin zu schauen, nur nicht einem in die Augen. „Ich hab.. Naja.. Matthias ist in der Stadt und weil er doch einen neuen Film am Start hat, dachten wir er könnte etwas Promo in der Sendung machen.“

„Joko! Wie stellst du dir das vor? Mit dem Auftritt von Jared Leto, dem Aushalten und der Mein bester Feind MAZ ist die Sendezeit schon voll. Da ist eigentlich kein Platz für Matthias“, sagte Jakob und kratzte sich nachdenklich am Bart. Man konnte es in seinem Kopf arbeiten sehen. Alle Möglichkeiten im Kopf durch gehen. Hin und her überlegen.

Klaas hatte die Arme vor der Brust verschränkt und brodelte still vor sich hin. Das war gefährlich. Jeder, der ihn kannte, wusste das er in dieser Stimmung am Gefährlichsten war. Ein falsches Wort und der Vulkan würde explodieren.

„Ich weiß. Ich wollte noch mit ihm sprechen, aber jetzt ist es wohl zu spät. Tut mir leid. Ich hab nicht nachgedacht.“

Ein falsches Wort.

„Das tust du nie und irgendwann bricht es uns das Genick“, stieß Klaas aufgebracht hervor. „Wir sind gerade mal im zweiten Jahr. Nur weil wir jetzt fest bei ProSieben sind, können wir uns nicht alles erlauben.“

„Jetzt mach aber mal ’nen Punkt..“

„Von wegen. Ich fange gerade erst an. Ich bin es leid immer wieder deinen Scheiß ausbügeln zu müssen. Ich toleriere es, wenn du mal wieder unvorbereitet in die Sendung kommst. Wenn du mal wieder verkatert oder übermüdet vom letzten Abend bist. Aber wenn es die Sendung betrifft, reicht es irgendwann. Krieg es in den Griff oder steig aus!“

„Say what?? Das ist auch meine Sendung. Das hast du nicht alleine zu entscheiden und schon mal gar nicht das Recht sowas zu sagen.“

„Ich nehme mir aber das Recht. Sagt dir ja sonst keiner ins Gesicht. Es ist nur noch peinlich, was du hier abziehst.“

„Ich bin peinlich? Fass dir mal an die eigene Nase!“

„Ich bin hier der Einzige, der sich wie ein Chef benimmt. Das kann man von dir nicht behaupten.“

Beide Stimmen waren lauter geworden. Sie waren sich näher gekommen. Blickten sich wütend in die Augen. Ignorierten Jakob.

„Nur weil ich kein Problem damit habe Freundschaften zu schließen, bin ich noch lange kein schlechter Chef. Kann eben nicht jeder so ein Eisklotz sein wie du.“

„Ich muss bei der Arbeit nicht mit jedem Freundschaft schließen. Job ist Job und Privat ist Privat.“

„War der Kuss letztes Jahr dann Arbeit oder Privat?“

Klaas’ Herz setzte einen Schlag aus. Er ballte die Hände zu Fäusten und hätte Joko vermutlich die Faust ins Gesicht gerammt, wenn Jakob sich in diesem Moment nicht bemerkbar gemacht hätte. Nach dem Moment angespannter Stille räusperte er sich laut.

„Jungs, das bringt doch nichts. Ich sprech das eben mit den anderen durch und dann treffen wir uns in 20 Minuten noch mal. Irgendwie wird’s schon funktionieren“, sagte Jakob und klopfte Joko beruhigend auf die Schulter. „Keine Sorge! Wir kriegen das hin.“

Nach einem kurzen Blick auf Klaas, der innerlich brodelnd daneben gestanden hatte, verließ Jakob schnell die Garderobe und ließ sie in einem unangenehmen Schweigen zurück. In den letzten Jahren hatten sie versucht solche Situationen zu vermeiden. Situationen, in denen die Gefühle überhand nahmen und Dinge gesagt wurden, die keiner wieder zurück nehmen konnte.

Klaas war der Hitzkopf. Wollte alles bis ins kleinste Detail ausdiskutieren und die Dinge auf den Tisch bringen. Oft reinigte das die Luft. Machte es wieder leichter zu atmen. Aber manchmal war es selbst Klaas zu viel, weil es Gefühle hervorbrachte, die er niemandem zeigen wollte. Die ihn zu verletzlich machten.

Er wusste, dass Joko diese Diskussionen belasteten. Er war harmoniebedürftig. Wollte, dass es jedem gut ging und scheute jedes böse Wort. Mit den Jahren der Zusammenarbeit hatte Joko eingesehen, dass es sinnlos war Klaas in solchen Situationen zu entkommen. Manche Dinge mussten gesagt werden, damit sie nicht mehr schmerzten. Damit sie die Gedanken nicht mehr vergiften konnten.

„Klaas, es tut mir leid.“

„Lass es! Ich will deine hohlen Entschuldigungen nicht mehr hören. Ich sag’s dir noch mal: Krieg deinen Scheiß in den Griff!“

„Lass es mich doch wenigstens erklären!“

„Du bist mir keine Erklärung schuldig. Ich will sie auch nicht hören. Mach deine Arbeit und gut ist! Dann bekommen wir auch keine Probleme.“

„Ich will keine Probleme. Ich will, dass es wieder so wird wie vorher“, flüsterte Joko nach einigen Sekunden Stille. Er blickte Klaas an, der bei diesen Worten den Kopf hob. Ihre Blicke trafen sich. „Ich will diese Distanz zwischen uns nicht. Das.. das sind nicht wir. Nicht mehr.“

„Das war nicht meine Entscheidung. Ich bin nicht derjenige, der gegangen ist.“

„Klausi, bitte…“

„Ich habe deine Entscheidung akzeptiert. Jetzt akzeptiere meine.“ 

 

Natürlich hatte Joko sie nicht akzeptiert. Anfangs vielleicht. Für eine kurze Zeit hatte er Klaas in Ruhe gelassen. Hatte sich tatsächlich am Riemen gerissen und sich in die Arbeit gestürzt. Im Verlauf der Sendung war es zum Glück niemandem aufgefallen, wie angespannt die Stimmung zwischen ihnen gewesen war. Sie konnten locker scherzen, hatten das Problem mit Matthias kreativ gelöst und damit ein weiteres Highlight gesetzt. Im Nachhinein musste er Joko fast dankbar sein. Es hatte ihm unfassbar Spaß gemacht Matthias zu ärgern und ihn wütend zu machen. Eine kleine Retourkutsche für all die Momenten, in denen Klaas sich wie das dritte Rad am Wagen gefühlt hatte. Auch wenn wohl vieles übertrieben dargestellt war. Aber man erwartete auch nichts anderes von einem Schauspieler.

Vielleicht wäre der Tag anders verlaufen, wenn er Joko zugehört hätte. Wenn sie ruhig miteinander gesprochen und nicht die Gefühle Oberhand genommen hätten. Aber so war es zwischen ihnen. Hitzig und leidenschaftlich. Anders war es selten gewesen.

Joko und Matthias waren nach der Aufzeichnung direkt verschwunden. Hatten zu ihrem Wort gestanden und die Stadt unsicher gemacht. Während er alleine in seinem Bett gelegen und über den Tag nachgedacht hatte, war der Alkohol in Strömen geflossen. Joko hatte versucht ihn zu erreichen. Zu später Stunde waren einige Anrufe und am Ende sogar Nachrichten auf seinem Handy eingetroffen. Er hatte nicht reagiert. Zwang sich dazu die Sprachnachrichten direkt zu löschen. Dienstags war ihr freier Tag. Somit war er einer erneuten Konfrontation erstmal aus dem Weg gegangen. Danach hatten sie nie wieder über diesen Tag gesprochen.

Klaas seufzte laut, lehnte sich im Sessel zurück und blickte aus dem Fenster. Die Kombination aus Joko und Matthias hatte ihn schon immer zur Weißglut gebracht. Mit den Jahren lernte er mit dieser Freundschaft umzugehen. Sie zu akzeptieren. Joko sammelte Freunde wie andere Leute kitschigen Krimskrams. Er kannte niemanden, der herzlicher und offener war als Joko. Neue Freunde zu finden war für Joko so einfach wie atmen.

Ob es sich um einen internationalen Schauspieler, einen Fußballspieler oder ihre engsten Mitarbeiter handelte. Jeder wollte mit Joko befreundet sein und das machte es manchmal nicht leicht für Klaas. Manchmal gewann die Eifersucht überhand. Er würde niemals offen zugeben, dass er eifersüchtig war, aber sich selbst konnte er es eingestehen. Es gefiel ihm nicht, wie oft Joko andere Menschen umarmte. Wie offen er seine Gefühle aussprach.

Lächelnd schüttelte Klaas den Kopf und wandte sich wieder dem Computer zu. Auch mit dieser Eigenart kam er mittlerweile klar. Joko war Joko. Das würde er um keinen Preis der Welt ändern wollen.

Während Klaas nachdenklich auf den Bildschirm starrte und sich durch die Maßen an Bildern arbeitete, überlegte er ernsthaft einen eigenen Ordner für Joko zu erstellen. Es war ihm gar nicht aufgefallen, dass so viele verschiedene Bilder des Anderen auf seinem Computer gespeichert waren. Zum Einen die offiziellen Bilder von ihren Sendungen, Promobilder von Joko’s Shows oder die seltenen, gemeinsamen Fotoshootings. Zum Anderen die ganz privaten Bilder, die zum Teil niemals an die Öffentlichkeit gelangt oder aber auf Joko’s Instagram Account gelandet waren.

Richtig Gedanken musste man sich machen, wenn Joko und Paul zusammen trafen. Ihr ehemaliger HalliGalli Fotograf lebte mit seiner Familie in den USA und hatte dort den ein oder anderen Urlaub zusammen mit Joko verbracht.

Klaas fand mit wenigen Mausklicks das Foto, welches ihm sofort in den Kopf kam. Zusammen waren sie eine gefährliche Mischung. Die Foto’s, die bei diesen Treffen entstanden, hatten Klaas so manche schlaflose Nacht bereitetet. So hatte es sich Joko auch nicht nehmen lassen ein ganz spezielles Foto mit der ganzen Welt zu teilen.