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Alles, was uns bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, die nie wieder kehrt

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Kapitel 2

 

Natürlich hatte Klaas auch in diesem Moment seine Gefühle gekonnt hinter sarkastischen Sprüchen versteckt. Anders wusste er sich nicht zu helfen. Ausgerechnet in dieser Folge hatte Joko sich auch noch verletzt in einem der Studiospiele.

Was er in diesem Moment gefühlt hatte, ließ sein Herz noch heute rasen. Die endlosen Minuten als Joko da in dem Sandbecken gelegen hatte und sich nicht bewegen konnte, waren mit die schlimmsten in seinem Leben gewesen. In dieser Phase durfte niemand von seinen Gefühle wissen. Vor allem nicht in den Duell Situationen. Beim ‚Duell um die Welt‘ ging es um ihre Rivalität. Der Konkurrenzkampf zwischen ihnen musste für die Zuschauer so glaubwürdig wie möglich rüber kommen.

Verlegen fuhr Klaas sich bei dem Gedanken über den Nacken. Das hatte ja super geklappt. Vor allem in den letzten Episoden. Da hatte sich keiner von ihnen so richtig Mühe gegeben irgendwas zu verbergen.

Die Gefühle. Die fehlende Bereitschaft den anderen leiden zu lassen. Der Spaß hatte im Vordergrund gestanden und den hatten sie zu genüge, wenn sie zusammen waren. Daran war auch die zwischenzeitliche Trennung schuld. Ohne HalliGalli sahen sie sich nicht mehr so häufig. Standen nicht mehr jede Woche zusammen vor der Kamera. So waren diese Studiomomente selten geworden. Besonders. Kostbar.

Schmunzelnd widmete er sich wieder den Dateien auf dem Bildschirm. All die Songtexte, die er über die Jahre geschrieben hatte, schob er zusammen in einen Ordner. Ob sie für Gloria waren, für Joko und das Spontan Wenn ich du wäre, die neue Prosieben Hymne, für Duell um die Welt.. Auch diese Liste schien endlos zu sein. Wenn man ihn gefragt hätte, wären ihm niemals alle eingefallen. Aber den ersten Text für die Sendung und vor allem Jokos Reaktion darauf, würde er wohl niemals vergessen.

 

Joko bekam sich gar nicht mehr ein. Sein weibisches Gekeife hallte durchs komplette Studio und ließ Klaas irritiert zurück. Er saß hinter seinem Schreibtisch. Joko wie in den letzten Folgen auf seinem Sofa. Zusammen mit Palina sahen sie sich Klaas’ Rap Video an. Seine Antwort auf Joko’s Raptext, den er mit KIZ verfasst hatte. Doch die Reaktion war natürlich überhaupt nicht so, wie man es erwartet hatte. Oder wie Klaas es erwartet hatte.

„So, meine Damen und Herren ja..“

„Ich danke dir“, rief Joko begeistert, sprang von seinem Sofa auf und drückte Klaas einen Kuss auf die Wange. „Das ist das schönste Geschenk, was mir je einer gemacht hat.“

Klaas wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Irritiert sah er sich um. Blickte zu Schmitti. Blickte die anderen Mitarbeiter an. Was war gerade passiert?

„Das ist äh.. Das ist der Schockmoment. Der wird schon noch merken, dass ich ihn beleidigt hab“, versuchte er deswegen professionell weiter zu machen und das ungewohnte Gefühl in seinem Inneren abzuschütteln. Seine Wange kribbelte. Seine Haut brannte, wo Joko ihn berührt hatte. Was passierte hier?

„Wie geil ist das denn?“

Joko lachte immer noch. Bekam sich gar nicht mehr ein. Klatschte in die Hände und saß nun auf dem Stuhl, der sonst für ihre Gäste gedacht war. Aufgeregt wie ein kleines Kind saß er da und strich sich seine viel zu lange Strähne hinters Ohr.

„Ich hab dich beleidigt. Warum weinst du denn nicht?“

Gut, dass die Sendung gleich vorbei war. Er musste nur noch wenige Minuten aushalten, bevor er sich zurück ziehen konnte. Durchatmen. Seine Gedanken sortieren. Weit weg von Joko.

Schnell brachte er die Abmoderation hinter sich, verabschiedete sich mit einem Winken von den Zuschauern, stand auf und richtete sein Jacket.

„Klaas, ich liebe dich.“ Joko blickte zu ihm hoch. Mit diesen treudoofen Augen. Einem seligen Grinsen auf den Lippen. Die Gefühle standen ihm ins Gesicht geschrieben.

„Ja, danke!“ Er musste weg hier. Ganz schnell. Während Joko sich zu Palina umdreht, mit ihr zusammen lachte und über die vielen Prominenten im Video sprach, rannte Klaas fast vom Set. Vorbei an Thomas, der ihn schweigend ansah. War auch besser so. Er brauchte jetzt keine dummen Sprüche. Was er brauchte, war frische Luft und eine Zigarette. Ganz dringend.

Als er endlich durch die letzte Tür stürmte und vor dem Studio ankam, atmete er tief ein, schloss kurz die Augen und griff mit einer Hand bereits nach den Zigaretten.

Eine gewisse Ruhe breitete sich erst wieder in ihm aus, als er Rauch in seine Lungen sog. Das frische Nikotin zurück in seinen Körper schoß und seine Nerven beruhigte.

Von Anfang an war ihm bewusst gewesen, dass es nicht einfach werden würde. Alles hatte er aufgegeben für diese Chance, für diese Sendung und letztendlich auch für Joko. Als man ihm die Möglichkeit eröffnet hatte von Viva zu MTV zu wechseln, eine neue Show zu moderieren mit einem Partner, hatte es in seinen Fingern gekribbelt.

Joko kannte er natürlich von einigen Veranstaltungen. Sporadisch waren sie sich über den Weg gelaufen, hatten aber nie viel miteinander zu tun gehabt. Von ihren Rollen bei ihren jeweiligen Sendern hatten sie sich nicht großartig unterschieden. Sie beide moderierten Musiksendungen. Waren die Vorzeigemoderatoren gewesen. 

Natürlich hatte Klaas sich bei seinen Kollegen erkundigt. Sarah und Mirjam hatten in einem Punkt absolut übereingestimmt: Joko war ein absoluter Bauchmensch, trug seine Gefühle offen zur Schau und hielt nicht viel von Vorbereitung. Eigentlich ein totaler Albtraum für Klaas, der das genaue Gegenteil war. Aber vielleicht war genau das der Schlüssel zu ihrem Erfolg. Gegensätze, die sich wunderbar ergänzen konnten. So war zumindest der Plan gewesen. Das Joko ihn mit seiner Gefühlsduselei aus der Fassung brachte, gehörte nicht dazu.

Klaas zog heftig an seiner Zigarette. Er war einige Meter vom Eingang weg gegangen. Unruhig lief er hin und her. Zündete sich die nächste Zigarette an. Lief weiter auf und ab.

Er war ein Kopfmensch. Durchdachte jeden Schritt dreimal, ging seine Texte immer wieder durch, setzte auf einen strickten Zeitplan, konnte nicht mal bei den Proben locker lassen. Wenn ihn dann etwas aus dem Konzept brachte, so wie heute Joko’s Reaktion, konnte er damit nicht umgehen. Wusste nicht, wie er auf so eine emotionale Situation reagieren sollte. Das musste er in den Griff kriegen. So etwas wie heute durfte nicht noch einmal passieren. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie das alles im Fernsehen wirken musste. Wie der letzte Trottel hatte er…

„Klaas?“

Erschrocken zuckte er zusammen, ließ dabei fast seine Zigarette fallen.

„Alles ok?“

Er drehte er sich um und blickte in Schmittis fragende Augen. Fragende und etwas sorgenvolle Augen. Augen, die zu viel wussten und schon zu viel gesehen hatten.

„Lass es!“, zischte Klaas ihn deswegen an. „Kein Wort!“

Thomas presste die Lippen aufeinander. Stumm sahen sie sich für einige Momente an. Klaas verengte die Augen, trat einen Schritt auf ihn zu.

„Ich will nix hören. Erspar es dir und mir! Wir werden nie wieder über das gerade reden. Verstanden?“

„Ich glaube nicht, dass das so einfach wird..“

„Ist mir egal. Keiner von den anderen hat etwas bemerkt. Nicht mal der Trottel da drin. Ich werd das in den Griff kriegen und fertig.“

Seufzend stimmte Thomas ihm also zu und griff nun seinerseits nach einer Zigarette. Eine wirkliche Wahl hatte Klaas ihm ja nicht gelassen. Schweigend standen sie also nebeneinander, zogen an ihren Zigaretten und versuchten das alles irgendwie aus dem Kopf zu bekommen.

 

Gott, diese erste, gedankenlos hingeworfene Liebeserklärung von Joko hatte ihn fertig gemacht. Und Thomas hatte es gewusst. Doch sie hatten danach nie wieder über diesen Moment gesprochen und dafür war er dem anderen dankbar. Wenn es jemanden neben Joko gab, der ihn wirklich kannte, dann war es Schmitti. Sie hatten viel durchgemacht, hatten zusammen bei Viva angefangen und waren anschließend bei MTV durchgestartet. Dann war Joko in sein Leben getreten, hatte alles auf den Kopf gestellt und nichts war mehr so wie vorher.

Klaas fuhr sich mit den Händen übers Gesicht und atmete tief durch. Wie verrückt diese Jahre gewesen waren und das nicht nur vor der Kamera. Richtig erwachsen waren sie bis heute nicht geworden, aber in den Jahren bei MTV sowie bei ZDF Neo hatten sie allen möglichen Quatsch gemacht. Manche Sachen aus dieser Zeit waren nur noch verschwommen in seinen Erinnerungen. Wie oft sie damals angetrunken oder sogar besoffen irgendwelche Drehs gemacht hatten, konnte er heute nicht mehr sagen.

In keine dieser Kategorien passte allerdings das Aushalten in Winterklamotten gegen Collien und Nadine bei MTV Home. Wenn er da doch nur besoffen gewesen wäre. Vielleicht hätte er sich dann nicht so furchtbar blamiert. Vielleicht hätte er sich einiges ersparen können.

Er konnte sich noch so gut an Joko’s schockierten Blick erinnern, als Klaas die Strafaufgabe einfach abgebrochen hatte. Oberkörperfrei und mit runtergelassener Hose hatte Joko da gehockt. Bereit gewesen alles über sich ergehen zu lassen. Doch für Klaas war das zu viel gewesen. Hatte sich einfach umgedreht und war aus der Szene geflohen. Fast schon gestürmt.

Er hatte es wirklich versucht. Niemand konnte ihm am Ende vorwerfen, dass er es nicht wenigstens versucht hatte, aber das war alles umsonst gewesen. Als auch noch irgendein Typ angefangen hatte das Ganze zu filmen, war Klaas endgültig ausgetickt.

 

Als ob es nicht schon schlimm genug war, dass er Joko vor laufender Kamera mit Sonnenöl einschmieren sollte. Wenn solche Bilder in der Öffentlichkeit landeten ohne irgendeinen Kontext… Damals war es die Horrorvorstellung für Klaas gewesen.

„Klaas! Klaas!“

Er hörte die aufgeregten Rufe hinter sich. Doch darauf konnte er jetzt nicht achten. Er musste weg. So weit weg wie möglich.

Noch immer klebte das Öl an seiner Hand. Hektisch versuchte er es an seiner Hose abzuschmieren. Doch natürlich war das nicht so einfach. An ihrem Auto angekommen, riss er die Türe auf, kramte in seiner Tasche nach einem Handtuch und startete einen erneuten Versuch das Öl los zu werden.

„Verdammte scheiße…“, fluchte Klaas leise vor sich hin und presste die Lippen fest aufeinander. Mit wütenden Bewegungen rieb er mit dem Tuch über seine Hand. Anschließend schmiss er es wütend in den Kofferraum.

Was hatte die Redaktion sich nur dabei gedacht? Wahrscheinlich nicht viel. Wie immer. Vermutlich hatten sie drauf spekuliert, dass die Mädels die Strafe zogen. Notgeile Arschlöcher! Einmal mit Profis arbeiten..

Klaas stützte sich mit den Händen oben am Auto ab, ließ den Kopf hängen und versuchte ruhig zu atmen. Seinen rasenden Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bekommen. Er schloss die Augen und versuchte zu vergessen.

Vergessen, wie sein Blick über Joko gewandert war, als er sich ausgezogen hatte. Vergessen, wie Joko sich vor gebeugt hatte.

Vergessen, wie sich seine Hände auf Joko’s Rücken angefühlt hatten.

Er musste es vergessen, denn das würde nie wieder passieren. Es durfte nie wieder passieren. Das konnte er nicht zulassen. Niemand durfte erfahren, was das in ihm auslöste.

„Rede mit ihm!“

Klaas öffnete die Augen, sah allerdings nicht auf.

„Vergiss es!“

„Klaas, das kann doch so nicht weiter gehen. Ich weiß, diese ganze Masche von wegen du magst keine fremden Menschen anfassen, zieht im Moment noch. Aber das wird irgendwann nicht mehr funktionieren“, sagte Thomas und lehnte sich neben ihm mit dem Rücken gegen das Auto. Er verschränkte die Arme vor der Brust und blickte zurück an den Strand, wo das Team noch etwas irritiert von dem plötzlichen Ende das Equipment zusammen packte. Er sah Joko am Strand hocken, ebenfalls mit hängendem Kopf.

„Ist mir egal.“

Thomas seufzte, hatte mit dieser sturen Antwort schon fast gerechnet.

„Du solltest Joko mittlerweile gut genug kennen, dass er das nicht so einfach hinnehmen wird. Der wird Fragen haben. Und nach dieser Aktion von dir ist das auch kein Wunder.“

„Verdammt Thomas…“ Wütend wandte Klaas sich ihm nun zu, ballte die Hände zu Fäusten und versuchte seine Stimme leise zu halten. „Wie stellst du dir das vor? Du, Joko, nichts für ungut. Ich hab Angst über dich herzufallen, wenn ich dich anfasse. Nimm’s nicht persönlich! Ich steh auf Männer. Ganz tolle Idee!“

„Glaubst du wirklich du kannst es ewig geheim halten? Ihr arbeitet so eng zusammen. Irgendwann wird er von alleine drauf kommen und das ist niemals gut.“

Klaas stieß ein humorloses Lachen aus. „Als ob der Trottel irgendwas mitbekommt. Dafür müsste er mal über seinen Tellerrand hinaus blicken.“

„Was ist mit dem Gumball?“

Das brachte ihn tatsächlich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Denn mit diesem Thema befasste er sich schon seit Wochen. Seitdem sie es zum ersten Mal in einem Meeting besprochen hatten.

MTV war der Sponsor für die diesjährige Rallye und da hatte man sich doch gleich mal überlegt Joko und Klaas mitfahren zu lassen. Die Idee allein war nicht schlimm. Acht Städte in sieben Tagen. Ein heißer Schlitten. Viele Partys. Ein paar Prominente.

Auch wenn die Partys jetzt keinen Reiz für Klaas hatten, war das nicht das Schlimmste an der Sache. Nein. Wohl eher die Tatsache, dass er Tag und Nacht mit Joko verbringen musste. Sie würden sich ein Auto teilen. Sie würden sich ein Zimmer teilen. Sie würden sich in manchen Städten sogar ein Doppelbett teilen.

„Das krieg ich hin.“

„Wem willst du hier was vor machen? Mir oder dir?“

„Herr Gott, Schmitti! Müssen wir das jetzt diskutieren? Ich werde das schon hinkriegen.“

„Wirst du eben nicht, wenn das heute schon so geendet ist. Und ich sag dir eins: Wir werden an den Plänen nichts ändern. Das ist eine einmalige Chance für uns. Joko ist schon ganz aus dem Häuschen wegen der ganzen Sache.“

„Ich weiß. Der spricht ja von nix anderem mehr“, gab Klaas seufzend zu und raufte sich die Haare. Thomas tat wirklich nichts dafür, damit er sich besser fühlte. Der Knote in seinem Bauch wurde nur größer. Unangenehmer. „Ich werd die Sache aus dem Kopf bekommen. Mich ablenken oder austoben. Keine Ahnung!“

„Das hab ich schon mal gehört. Rede einfach mit ihm!“

Nach einem letzten Blickkontakt und einem aufmunternden Schulterklopfen, wandte Thomas sich ab und ging zurück zum Team. Klaas sah ihm hinterher, sah wie er einige Anweisungen rief und die Ersten mit dem Equipment zum Auto kamen. Er presste erneut die Lippen fest aufeinander und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, griff einmal fest zu und grummelte frustriert. Was für ein scheiß Tag!

Klaas entfernte sich einige Schritte vom Auto, damit er den Anderen nicht in die Quere kam. Er ließ seinen Blick über den Strand wandern und entdeckte Joko immer noch hockend im Sand. Immer noch oberkörperfrei. Immer noch hing seine Hose auf halb acht. Ihm blieb aber auch nichts erspart.

„Ach, scheiß drauf“, murmelte er leise und machte sich auf den Weg. Wahrscheinlich waren das die schwierigsten Schritte, die er jemals gemacht hatte.