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Alles, was uns bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, die nie wieder kehrt

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Kapitel 1

 

„Na, dann wollen wir mal..“

Klaas wusste überhaupt nicht, wo er anfangen sollte. Was machte am meisten Sinn? Nach Shows sortieren? War zumindest mal ein Anfang. Wie viele Ordner mussten es dann sein? Circus HalliGalli, MTV Home, Late Night Berlin, NeoParadise, Duell um die Welt, Die Beste Show der Welt, Mein bester Feind, 

Die Liste schien wirklich endlos zu sein. Das sich in den wenigen Jahren so viel Müll angesammelt hatte, ließ Klaas den Kopf schütteln. Brauchte er das ganze Zeug überhaupt noch? Er presste die Lippen fest aufeinander bei dem Gedanken einfach alles in den Papierkorb zu verschieben. Das würde er am Ende ja doch nur bereuen.

Hier ein Foto, da eine Skizze, noch ein Songtext..

Klaas war nicht immun gegen die Reise in die Vergangenheit. Er ertappte sich dabei, wie er die Texte noch einmal durch ging, die Bilder noch einmal genauer betrachtete.

Erinnerungen flammten in ihm auf, als er seine Zeichnungen der Tattoos für Mein bester Feind in den entsprechenden Ordner schob. Die Idee zu dem Teil der Show war eher spontan entstanden. Wie die meisten Aktionen in ihren Shows. Dabei hütete er bis heute das Geheimnis des Babyelefanten auf dem Segway..

 

Das Telefon wollte heute überhaupt nicht mehr still stehen. Von einem Gespräch ins Nächste. Jeder wollte etwas von ihm. So kam es, dass Klaas die meiste Zeit des Vormittags in seinem Büro am Schreibtisch verbrachte. Richtig Multitaskingfähig war er noch nie gewesen, sodass neben dem telefonieren alles andere warten musste. Abwesend kritzelte er mit seinem Stift auf dem Zettel herum, während er versuchte seinem Gesprächspartner auf der anderen Seite der Leitung zu folgen.

„Ich bitte dich. Wie oft willst du mich noch fragen, ob das mein Ernst ist? Die Aufgabe ist doch wie geschaffen für den Winterscheidt. Und wenn ich es mal so sagen darf, verhältnismäßig ungefährlich für unsere Verhältnisse. Also mach mir die Idee nicht kaputt!“

„Mag ja sein, aber das kann doch nur böse enden.“

„Böse enden? Ist das jetzt dein Ernst? Wie war das letztes Jahr mit Finnland?“

Thomas seufzte am anderen Ende.

„Ich weiß, du willst deine Rache..“

„Oh, das ist noch untertrieben. Ich will, dass er leidet. Und das ist der leichteste Weg. Macht er es, wird’s peinlich! Macht er es nicht, Vorteil für mich!“

„Wie du willst. Kann dich ja eh nicht davon abbringen. Mit den Konsequenzen wirste aber selber zurecht kommen müssen.“

„Jaja, ich weiß.. Blabla saufen. Blabla endlich erwachsen werden. Erspars mir bitte!“, sagte Klaas und lehnte sich zurück. Ungeduldig klopfte er mit dem Stift auf den Schreibtisch. Sein Plan würde aufgehen. Die neuen Aufgaben für das Duell um die Welt mussten in diesem Jahr noch einen Schritt weiter gehen. Dabei würde er sich nicht mal mehr an Joko’s Höhenangst halten. Dieses Mal hatte er andere Pläne. Er musste einen Weg finden um so einfach wie möglich Joko die Punkte zu klauen.

Die heftige Niederlage aus Finnland würde ihm bis in alle Ewigkeiten nachhängen und obwohl er immer wieder die schöne Österreich MAZ rausholen konnte, war ihm das nicht genug. Die Leute hatten ja sogar Mitleid mit Joko, wie er da heulend in der Felswand hing. Das konnte er nun wirklich nicht gebrauchen.

„Ich kümmer mich um die Details“, stimmte Thomas dann schlussendlich seufzend zu. „Aber du solltest wirklich noch mal in dich gehen, ob es das wirklich wert ist.“

Klaas bekam nicht mehr die Gelegenheit zu antworten, bevor die Verbindung getrennt wurde. Nachdenklich legte er das Telefon zur Seite. Was hatte Schmitti damit schon wieder gemeint? Ob er Joko den gleichen Vortrag letztes Jahr gehalten hatte? Bestimmt nicht.

Grummelnd setzte er sich auf und starrte auf die Zettel, die überall auf seinem Schreibtisch verteilt waren. Sie waren in den letzten Vorbereitungen für die erste große Mein bester Feind Show, die sie in zwei Wochen aufzeichnen wollten. Thomas war dafür schon mal zum Berliner Tempelhof gefahren um die Aufbauarbeiten zu beaufsichtigen.

Er selber war erst vor wenigen Tagen noch mit zwei Kandidaten auf der Zugspitze gewesen, wo sie eine Aufgabe gedreht hatten. Eigentlich war dieses Format immer mehr Jokos Ding gewesen, aber jetzt mussten sie sich die Einspieler teilen. Es würde bestimmt nicht gut ankommen, wenn er die Aufgaben alle an Joko weiter reichte.

So schlimm wie er es befürchtet hatte, war es ja auch gar nicht gewesen. Aber mit fremden Menschen auf Tuchfühlung zu gehen, war auch nach all den Jahren nicht seine Lieblingsbeschäftigung.

Im Gegensatz zu Joko. Der nutze jede Gelegenheit für eine Umarmung. Ob er die Person nun 5 Jahre oder 5 Minuten kannte. Spielte für Joko keine Rolle. Er schaffte es binnen weniger Minuten eine Verbindung zu seinem Gegenüber aufzubauen, was Klaas selbst bei seinen engsten Mitarbeitern nicht zustande brachte. Manche nannten es kaltherzig, emotional verkrüppelt. Aber es gehörte einfach zu ihm. So wie niemand Joko’s Emotionalität in Frage stellte. Vielleicht waren sie deswegen so ein gutes Team. Gegensätze, die nicht gegensätzlicher sein konnten. Und doch…

Klaas stoppte in seinen Bewegungen. Stocksteif blickte er auf das Papier vor sich. So in seinen Gedanken vertieft hatte er nicht bemerkt, wie er den Stift über das Papier bewegt hatte. Wie langsam ein Bild entstanden war. Kein Kunstwerk. Keine detailgetreue Zeichnung. Das brachte er im Leben nicht zustande. Aber eine kleine Figur. Ein Elefant. Genauer gesagt ein Babyelefant. Mit Schutzhelm. Auf einem…

„Klausi!!“

Klaas zuckte beim Klang der Stimme heftig zusammen. Griff sich das erstbeste Blatt Papier und schob es über die Zeichnung. Schon im nächsten Moment öffnete sich seine Bürotür und Joko blickte ihn grinsend an.

„Klausi, ich hab gerade mit Thomas gesprochen. Scheint alles gut auszusehen da drüben. Jetzt müssen wir uns noch die letzten Aufgaben für den Parcour überlegen.“

Noch immer brachte Klaas keinen Ton raus. Sein Herz raste. Seine Hände fühlten sich schwer an. Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum. Sollten dort nicht sein. Hatten da schon lange nichts mehr zu suchen. Das war Vergangenheit. Geschichte. Längst abgehakt. 

Atme, befahl er sich selbst. Lass dir nichts anmerken!

„Klaas?“, hakte Joko leise nach, als er keine Antwort bekam. Fragend blickte er Klaas an, fast schon sorgenvoll.

Dieser zwang sich dazu zu reagieren, irgendwie zu reagieren und nicht einfach nur zu schweigen. Er räusperte sich und lehnte sich so lässig wie möglich in seinem Stuhl zurück. Blickkontakt. Auch dazu zwang er sich, sonst würde Joko nur noch skeptischer werden und nachfragen. Und einen neugierigen Winterscheidt konnte er gerade wirklich nicht gebrauchen.

„Ja, ich… ich hab auch gerade mit ihm gesprochen. Scheint alles nach Plan zu laufen.“

„Das wird so gut. Ich kann es kaum erwarten zu starten.“

Aufgeregt lief Joko vor seinem Schreibtisch auf und ab und rieb sich die Hände.

„Mit HP hab ich schon gesprochen. Der ist auf jeden Fall dabei. Sabine ist bei den lustigen Clips auch mit an Bord. Die Jungs gehen gerade mit ihr alle durch und treffen eine Auswahl.“ Er ließ seinen Blick über den Schreibtisch schweifen. So unauffällig wie möglich schob Klaas einige Blätter zusammen und räusperte sich noch mal.

„Prima! Dann steht doch das meiste schon.“

„Kann sein. Aber wir brauchen noch ein Highlight. So einen richtigen Knaller!“

Klaas atmete einige Male tief durch. Konzentration. Kopf einschalten. Darin war er gut. Das konnte er machen. Das würde er hinkriegen.

„Dann überleg doch mal. Was ist das schlimmste, was dir passieren könnte?“

„Du meinst außer irgendwo in die Höhe zu müssen?“

Das zauberte nun ein Grinsen auf sein Gesicht. „Ja, abgesehen von Höhe.“

Joko verzog nachdenklich das Gesicht, ließ sich auf einen Stuhl sinken und streckte die Beine von sich. Dabei faltete er die Hände über seinem Bauch und starrte an die Decke.

„Wo ist denn bei den meistens Menschen eine Grenze erreicht?“, murmelte er vor sich hin. „Wozu würde nicht jeder direkt Ja sagen?“

Jetzt, wo Joko so in Gedanken war und die Decke nicht aus den Augen ließ, bekam Klaas die Gelegenheit ihn anzusehen. Richtig anzusehen. Sein Blick wanderte über die lange Gestalt seines Kollegen. Über die mal wieder viel zu bunten Klamotten. Über die zusammengefalteten Hände. Über sein Gesicht mit der neuen Brille und dem für seine Verhältnisse viel zu langem Bart.

Plötzlich sprang Joko auf, stütze die Hände auf dem Schreibtisch ab und beugte sich zu Klaas, der erschrocken ein Stück nach hinten rutschte.

„Ein Tattoo!“

„Was?“

„Na, es geht doch um Zeit. Wir könnten doch sagen, dass sie einen Zeitvorteil bekommen, wenn sie sich tätowieren lassen. Oder noch besser: sie müssen das machen lassen, wenn sie überhaupt weiter kommen wollen. Schließlich gehts um einen Oldtimer. Da kann man doch was erwarten.“ 

Mit offenem Mund starrte Klaas ihn an. Sagte nichts. Blinzelte ein, zwei Mal. Je länger die Stille anhielt, desto unangenehmer wurde es Joko. Dessen Euphorie fiel immer weiter in sich zusammen. Er schluckte hart. Seine Schultern sanken nach unten. Er rieb sich nervös mit Hand den Nacken.

„Ich meine, müssen ja nicht. Dachte nur weil…“

„Mensch, Winti. Das ist genial!“

 „Wirklich?“

„Na sicher. Die Redaktion versucht doch schon seit Jahren uns zu einem Tattoo zu zwingen. Jetzt benutzen wir das ganze einfach mal anders. Wird bei einigen bestimmt gut ankommen.“

Stolz richtete Joko sich auf und schob sich die Brille zurecht. Das breite Lächeln auf seinem Gesicht konnte man gar nicht falsch deuten. Nach sechs Jahren Zusammenarbeit schaffte es selbst das kleinste Lob von Klaas ihn zum Strahlen zu bringen.

„Puh und ich dachte schon, du schmeißt mir gleich irgendwas an den Kopf.“

„Ach was. Hast ausnahmsweise mal was nützliches gesagt.“

„Witzig!“

„Jaja, ich weiß. Da du ja gerade so gute Ideen hast, überleg dir mal was für ein Motiv es sein soll. Muss ja was einfaches sein, was schnell geht und nicht ewig dauert“, sagte Klaas, stand auf und machte sich wieder daran das Chaos auf seinem Schreibtisch zu sortieren. Hauptsache in Bewegung bleiben. 

Stille.

„Ich hatte vielleicht da dran gedacht“, kam es nach einigen Sekunden leise von Joko.

Ein ziemlich zerknittertes Blatt Papier schob sich in sein Sichtfeld.

Zeichnungen. Seine Zeichnungen. Sein Gekritzel.

Klaas schluckte hart und nahm das Papier in die Hand. Ließ sich damit wieder auf seinen Stuhl sinken. Ein Esel auf einem Skateboard. Eine Taube mit Bierdose. Ein Kaninchen mit einem Kackhaufen. Und noch viel mehr unsinniges Zeug, welches er während irgendeines Meetings abwesend gekritzelt hatte. Wieso hatte Joko die aufbewahrt? Fragend hob er seinen Blick.

Doch sein Gegenüber zuckte nur mit den Schultern und steckte die Hände in die Hosentaschen. Fast schon verlegen.

„Du hast die mal auf dem Tisch liegen lassen. Dachte man kann die noch für irgendwas gebrauchen. Lag damit wohl nicht so falsch.“

Wieder war Klaas sprachlos. Normalerweise war er der Sprachgewandte. Der immer einen Spruch auf den Lippen hatte. Der für alles eine schlagfertige Antwort parat hatte. Doch wieder konnte er nur stumm auf das Papier vor sich blicken.

Bis Joko seine Hand ausstreckte, sie über den Papierhaufen auf dem Schreibtisch wandern ließ und ein Blatt heraus zog. Leicht lächelnd hielt er es in die Höhe und blickte Klaas direkt in die Augen.

„Ich denke, der wird gut bei den Mädels ankommen.“

Es zeigte den Babyelefanten auf dem Segway.

 

Klaas wurde aus seinen Gedanken gerissen, als es an der Tür klopfte. Immer noch geistesabwesend schüttelte er den Kopf und versuchte zurück in die Gegenwart zu finden.

„Ja?“

Benni steckte seinen Kopf durch die Tür und wedelte mit einem Zettel in der Hand. „Ich hab hier den Ablauf für die Show am Dienstag für dich. Jakob meinte, du sollst da noch mal drüber gucken.“

„Mach ich später. Legs mir auf den Tisch!“

Mit einer knappen Handbewegung deutete Klaas auf den Schreibtisch und wandte sich wieder seinem Computer zu ohne weiter auf Benni zu achten. Der schien den Wink verstanden zu haben, denn er sagte nichts, legte das Blatt auf den Schreibtisch und verließ schnell wieder das Büro. Ließ Klaas mit seinen Gedanken alleine.

Bis heute verstand er nicht wie Joko die Zeichnung gefunden hatte. Wie er es überhaupt bemerkt hatte. Niemand bekam die Zeichnungen zu Gesicht. Nicht vor der geplanten Aufzeichnung. Darauf hatte Klaas peinlichst genau geachtet. Doch vor Joko hatte er nichts verstecken können. 

Klaas setzte sich auf, rückte näher an den Bildschirm ran und machte sich auf die Suche nach einem bestimmten Bild. Es war albern. Fast schon beschämend. Das konnte er sich heute eingestehen. 

Zum allerersten Mal war ihm der Gedanke kurz nach den Aufzeichnungen vom Duell um die Welt gekommen. In dieser Folge war er der Herausforderer gewesen. Hatte neben Jeannine gestanden und auf Jokos Weltmeisterauftritt gewartet. Als es dann dunkel im Studio geworden war und er Joko auf diesem Ding sah, hatte sich das Bild in seinen Kopf geschlichen. Hatte sich dort festgesetzt und nicht mehr losgelassen bis Klaas es irgendwie verarbeiten konnte. Der Babyelefant auf dem Segway war das Ergebnis. Wieso es ein Babyelefant geworden war? Keine Ahnung. Darüber wollte Klaas lieber nicht so genau nachdenken.

Da fand er endlich das Bild. Joko in seiner Weltmeisteruniform. Den linken Arm zur Seite ausgestreckt. Auf dem Segway.

Stumm blickte Klaas auf den Bildschirm. Er sah sich selbst, wie er im Hintergrund das Geschehen vor ihm beobachtete. Erinnerte sich, wie er das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen hatte. Erinnerte sich, wie er und Jeannine laut lachen mussten, als Joko eine Kurve zu eng genommen hatte. Erinnerte sich an den darauf folgenden kurzen Blickkontakt mit Joko, der sein Herz hatte schneller schlagen lassen. Erinnerte sich nun ebenfalls an die scharfe Maßregelung an sich selbst Joko nicht mehr so anzustarren.