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Fünf Spiele gewonnen

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Sein Handy klingelte und träge blinzelte er.
Mit der linken Hand suchte Joko ohne hinzugucken nach dem Gerät, ohne Brille würde er es eh nicht finden, wozu also die Kraft ins Augenöffnen investieren. Mit einem lauten Stöhnen wischte er so lange auf dem Bildschirm herum, bis das Geräusch abriss. Die Gardinen waren zugezogen, so konnte er die Morgensonne noch einen Moment ignorieren und im Halbschlaf bleiben.
In diesem Moment überfluteten ihn seine Gedanken.
Seit dem Unfall vor anderthalb Tagen hatte er keine einzige wirklich ruhige Minute, in der er alleine war. Anfangs war das ja auch sicher gut gewesen. Ohne Thomas und später auch Jakob an seiner Seite hätte er das alles sicher nur halb so gut überstanden. Die beiden Freunde haben ihm immer symbolisch oder auch wörtlich die Hand gehalten, wenn die Sorgen wie eine Lawine über ihn zusammen gebrochen waren. Und dann war er lange bei Klaas gewesen. Das war befreiend, weil der Jüngere sichtbar auf dem Weg der Besserung war. Es war lustig, mit allen dort zu sitzen und sich Schwachsinn auszudenken. Aber es war immer bedrückend gewesen, weil über alles hinweg immer die Tatsache schwebte, dass es Klaas nicht gut ging, dass Joko ihm doch nur soweit helfen konnte, um ein Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern. Aber die Schmerzen und die Verletzungen blieben, da konnte niemand was machen. Auch die Ärzte hatten bis jetzt alles ihnen Mögliche getan und jetzt mussten sie abwarten, ob wirklich alles so gut verheilte wie gehofft.
Sie hatten gestern den ganzen Abend noch telefoniert. Mal hatten sie über die neue Show von Joko geredet, dessen ersten Aufnahmen auch bald anstanden, dann war ihr Gespräch zu der nächsten Urlaubsplanung geschweift, zu ihren Familien und den geplanten Weihnachtsfeiern. Zwischendurch sind auch beide ins Schweigen verfallen und haben nur dem Atem des anderen gelauscht, wie sie es auch gerne machten, wenn sie noch auf ihren Auftritt warten mussten und nebeneinander in einer ihrer Umkleide saßen. Das so vertraute Geräusch war eine der wenigen sicheren Methoden, Jokos Nerven zu beruhigen.
Jokos Arme fühlten sich so schwer an, seine Beine zogen ihn herunter und er hatte gerade keine Kraft, sich aus dem Bett zu rollen. Das große Doppelbett in seinem Hotelzimmer fühlte sich viel zu groß an, auch wenn er sonst auch immer alleine in so einem Bett lag. Aber nur der Gedanke, dass Klaas in einem viel schmaleren Bett in einem Krankenhaus lag und sie nicht gleich zusammen ins Studio fahren würden, um gemeinsam zu lachen und Spaß zu verbreiten, ließ alles zu viel erscheinen. Und nichts war ausreichend.
Er fühlte sich so verloren mit dem Gedanken, dass es da etwas gab, was seinen Freund so belastete, wobei er aber nicht helfen konnte.
Das Klopfen an seiner Tür war es schließlich, was ihn zum Aufstehen brauchte. Den Kopf kreisen lassend, sodass sein Nacken knackte, und an seinem Shirt zupfend, das schräg auf seinen Schultern hing und unangenehm an seinem Hals zog, tapste er über den weichen Teppich, der angenehm unter seinen Fußsohlen kitzelte und ihn ein Stück weiter aus der Trägheit zog.
Die schwere Holztür aufziehend blickte er in die abwartenden Augen der beiden Männer, die ihn gestern Abend an genau der gleichen Stelle abgesetzt und allein gelassen hatten, um auch mal wieder ein paar Minuten zu zweit zu haben.
„Morgen, Joko“, begrüßte Thomas ihn und nickte in das Zimmer hinein.
Den Wink mit dem Zaunpfahl aufgreifend schlurfte Joko zurück, vorbei an der angelehnten Tür zum Badezimmer, und ließ sich wieder auf sein Bett nieder. Aufrecht sitzen bleibend sah er stumm dabei zu, wie Thomas den Stuhl an dem Schreibtisch in Anspruch nahm und Jakob die mitgebrachte Papptüte auf dem kleinen Couchtisch abstellte. Der Jüngste setzte sich auf den dazu gehörenden Sessel und überschlug die Beine.
„Wie habt ihr geschlafen?“, erkundigte sich Joko und kratze sich verlegen im Nacken.
Die beiden waren definitiv schon länger auf den Beinen, gekleidet, fertig gemacht und scheinbar schon den ersten Weg zum Bäcker hinter sich.
„Besser als du scheinbar.“
„Habe noch lange mit Klaas telefoniert.“
Thomas schnaubte und schüttelte grinsend den Kopf. Jakob hingegen sah ihn skeptisch an.
„Ey, schau nicht so! Er ist irgendwann einfach eingeschlafen. Ich habe ihn nicht extra lange wach gehalten, aber…“
„Alles gut, niemand macht hier irgendwem einen Vorwurf!“, warf Thomas ein und blickte mahnend zu seinem Freund. „Wenn ihr so beide besser mit allem umgehen könnt, ist alles gut.“
„Wir wollten gleich los und was für eure erste Aushalten-Aufgabe besorgen. Wir würden dich dann in so einer dreiviertel Stunde hier einsammeln. Das Taxi zum Krankenhaus können wir uns ja teilen. Okay?“
Joko nickte dankbar und sah von dem einen zum anderen.
„Ihr wollt schon heute loslegen?“
„Klaas sah gestern Abend nicht mehr so aus, als würde ihn der nächste Windhauch umhauen. Und wir machen ja nichts körperlich forderndes oder so.“
„Gut, sonst wirft uns Frau Bläh noch raus.“
„Woher hast du eigentlich diesen Namen?“
„Kerim, der Pfleger in der Nachtschicht, hat sich verplappert und der Name passt wie die Faust aufs Auge“, antwortet Joko achselzuckend auf Jakobs Nachfrage.
„Pass bloß auf, dass du sie so nicht ansprichst. Sonst schmeißt sie dich samt Arschtritt höchstpersönlich raus.“
Alle Männer lachten kurz. Joko blieb sitzen, griff aber nach der Papiertüte, während die anderen beiden bereits aufstanden und Richtung Tür gingen.
„Bis gleich dann!“
„Verrätst du mir schon, welche Aufgabe für heute ansteht?“
„Nein“, antwortete Jakob knapp mit breitem Grinsen, „wir haben uns gestern einen finalen Plan ausgedacht. Ein paar Sachen sind noch dazu gekommen, also wart einfach ab.“
„Fies.“
„Sei nett zu mir, sonst mache ich dir das Leben später nur noch mehr zur Hölle.“
Die Arme hebend sah er dabei zu, wie Thomas einen Mundwinkel hochzog und den anderen Brillenträger sanft ansah, während er ihn an einem Handgelenk aus dem Hotelzimmer zog. Die beiden waren ein Team, das man lieber nicht gegen sich haben wollte.

Es war still im Taxi.
Thomas und Jakob hatten die Sitzreihe hinten eingenommen, zwischen ihnen zwei Stofftaschen vollgefüllt mit was auch immer. Das wollten sie immer noch nicht verraten. Joko saß vorne auf dem Beifahrersitz und konnte im Augenwinkel beobachten, wie der Taxifahrer immer wieder nervöse Blicke zu ihm rüber und in den Rückspiegel warf.
Ob das nun an der Stille lag, die langsam dicker und schwerer wurde, oder aber an dem Bekanntheitsgrad seiner drei Passagiere, da wollte sich Joko lieber nicht festlegen. Den ersten Grund würde er vollen Herzens unterschreiben und den zweiten Grund hatte er schon zu häufig erlebt, als dass er das ausschließen könnte.
Sie mussten nur noch ein paar Minuten aushalten, bis das gelbe Auto auf den Vorplatz des Krankenhauses fuhr und sich in der Reihe seiner Artgenossen einreihte.
„17,30€“, murmelte ihr Fahrer und Jakob reichte einen Zwanzig-Euro-Schein nach vorne. Joko sah das als sein Zeichen an, endlich aussteigen zu dürfen und wieder zu Klaas gehen zu können.
Gar nicht auf die beiden anderen wartend ging er zielstrebig durch die Schiebetüren, die sich fast schon zu langsam öffneten, so schnell kam er näher. Durch das Foyer, den Flur entlang. Sein Finger drückte gleich viermal auf den Knopf des Fahrstuhls. Damit kam der zwar nicht schneller, aber Jokos Körper vibrierte vor Anspannung.
„Atme mal bitte durch, ey. Bist ja aufgedrehter als nach dem Unfall.“
„Shhh“, zischte Joko, wollte gar nicht an die Nacht erinnert werden. Aber jetzt war er halt so angespannt, weil es wieder zu Klaas ging. Klaas, den er jetzt schon mehrere Stunden weder gesehen noch gesprochen hatte, dem es schlecht ging und den er eigentlich nicht alleine lassen wollte. Er wollte doch nur sicher gehen, dass es ihm bald besser ging und sie bald wieder ganz normal zusammen vor einer Kamera stehen, dumme Witze reißen und sich gegenseitig durch die Hölle schicken könnten. Oder eben gemeinsam.
Eigentlich immer gemeinsam.
Deswegen wollte er so schnell es ging wieder zu ihm.
Die Fahrstuhltüren hatten wohl endlich Erbarmen und sein Fuß stoppte sofort, hektisch auf dem Boden herum zu tippen, nur um die Bewegung gleich wieder aufzunehmen, als er in den Lift eingetreten war.
„Wenn die Ärztin wieder da ist, sagst du nichts und stellst dich nur in die Ecke, klar? Heute keine Streitereien mit ihr. Und besonders nicht vor Klaas, der muss sich schonen und sobald du mit jemanden streitest, echauffiert er sich gleich mit und denkt, er muss dich verteidigen wie so ein Prinz in Nöten“, ermahnte Jakob ihn scherzend, auch wenn der Gedanke dahinter sehr wohl berechtigt war.
„Keine Sorge“, meinte er mit einem Blick über die Schulter, „heute geht es nur um Klaas. Und um eure Aufgaben. Es soll bergauf gehen und diese Frau zieht mich nur runter. Positiv denken, dann wird schon alles.“
Damit klopfte er schwungvoll an die Tür an und öffnete sie, ohne auf eine Antwort zu warten.
Kerim stand zwischen Klaas‘ Bett und Fensterbank und hielt den Braunhaarigen an den Schultern fest, damit er nicht aus seiner seitlichen Lage, von der Tür weggedreht, wegrollte, während ein Mann, einer von Klaas‘ Ärzten wahrscheinlich, mit langsamen Bewegungen über seinen Rücken fuhr.
„Raus“, kam der klare Befehl des Pflegers, bevor irgendjemand der drei Besucher nur ein Wort äußern konnte. „Visite ist noch nicht vorbei.“
Joko spürte, wie eine Hand an seiner Schulter ihn zurück auf den Gang zog, doch sein Blick lag fest auf dem entblößten Rücken seines Freundes, der von blauen Flecken nur so übersät war.
Die Tür schob sich vor diesen Anblick und der Blonde schluckte schwer, während Thomas ihn weiter wegzog und gegen die gegenüberliegende Wand im Flur schob.
„Hey, tief einatmen, alles gut, nur ‘ne Untersuchung, alles Routine.“
„Hast du seinen Rücken gesehen?“
„Ja.“
„Scheiße ey, Klaas muss doch mega Schmerzen beim Liegen haben.“
Joko fuhr sich durch die Haare. Mit einem dumpfen und gleichzeitig klirrenden Ton stellte Thomas eine der beiden Tüten ab, um sich mit verschränkten Armen vor Joko aufzubauen.
„Ihm bleibt nur wahrscheinlich nichts anderes übrig“, begann Jakob an seiner Seite, eine Hand auf Thomas‘ Schulter legend. Die beiden bildeten mal wieder eine Einheit, um Joko aufrecht zu erhalten.
„Und er wird mit Schmerzmitteln vollgestopft“, sagte Thomas. „Hör bitte auf, dir solche Sorgen zu machen, das macht dich nur kaputt. Er wird wieder. Deswegen ist er doch hier, damit ihm geholfen wird. Wirst du schon sehen, gleich wenn wir rein dürfen, wird er dich umarmen und du wirst nicht von seiner Seite weichen und alles wird gut.“
„Ehrlich?“
„Ehrlich.“
„Plus! Wir haben ein gutes erstes Spiel, da werdet ihr schön leiden. Also natürlich krankenhaus- und verletzungskonform leiden. Und ihr werdet Spaß an diesem Leiden haben, also eben echtes Joko-und-Klaas-Leiden“, fuhr Jakob sofort fort und plapperte so vor sich hin, dass Jokos Lippen sich nicht mehr zurückhalten ließen und wieder zu einem Lächeln verzogen.