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Fünf Spiele gewonnen

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„Ich grüße euch! Und natürlich sagt auch das Monsterchen ‚Hallo‘!“
Das pinke Stoffwesen neben ihm wackelte erfreut mit den viel zu langen Armen und Matthias grinste breit, bevor er nach der einen Hand des Monsterchen griff und sich der Kamera zuwandte.
„Wir sind hier natürlich am Set von ‚The Masked Singer‘ und bereiten schon alles für unsere neuen Maskierten vor. Die Bodyguards stehen bereit, die Backstage-Räume werden ganz nach ihren Bedürfnissen angepasst und Indizien werden gesammelt, damit das große Raten ab dem 4. Dezember wieder losgehen kann!“
„Jaaaa!“, freute sich das Monsterchen und Klaas fragte sich, die Arme verschränkend und die Stirn kraus legend, ob sie irgendwann auch noch zu ihrer Aufgabe kommen würden oder ob es bei der Werbeshow bleiben sollte.
„Wir müssen also noch ein bisschen warten mit dem Raten. Bei euch fängt das aber schon ganz bald an. Und zwar jetzt bei eurem Spiel ‚The Masked Painter‘. Kleiner, aber feiner Unterschied. Ich weiß, Klaas würde wahrscheinlich lieber singen als malen, aber wir freuen uns sehr auf eure Kunstwerke. Viel Spaß und viel Erfolg.“
Damit winkten die beiden nochmal und der Bildschirm wurde schwarz, um den Schriftzug zum Spiel zu zeigen, von der Stimme von ‚Herrn ProSieben‘ begleitet.
„Sonderlich viel erklärt hat er jetzt nicht, ne“, beschwerte sich Klaas an Steven gewandt.
„Hatten wir nicht schon genug Malen an einem Abend mit dem Graffiti?“, hakte auch Joko nach und beide sahen erwartungsvoll zu ihrem Moderator, der nur leise lachte und den Kopf schüttelte.
„Könnte man meinen, aber jetzt wird das etwas aussehen. Bevor ich hier aber irgendwas erkläre, würde ich euch gerne eure Gegner für ‚The Masked Painter‘ vorstellen.“
Klaas legte den Kopf schief und dachte sich, dass, was auch immer in diesem Spiel auf sie wartete, nicht so schlimm werden könnte. Es hatte ganz offensichtlich was mit Malen zu tun und sie waren weiterhin im Studio, also kein körperliches Außenspiel. Er würde also weiter seine verletzte rechte Hand schonen können. Malen würde er ja definitiv mit links. Und sonderlich anstrengend konnte es auch nicht werden. Zumindest war das die Hoffnung. Allerdings, so wie er die Redaktion und seine Angestellten im Verlaufe dieses Showformats durch die von denen ausgedachten Aufgaben neu kennen gelernt hatte, konnte sich hinter einem noch so harmlosen Titel auch der ein oder andere miese Twist verstecken.
„Er ist extra für euch aus den USA eingereist – nicht wirklich, er hatte eh hier Arbeit, aber er hat sich bereit erklärt, bei seinem guten Freund und Podcast-Kumpanen vorbeizuschauen.“ Klaas wandte sich Joko zu, der überrascht die Augenbrauen hochzog. Mit diesem Besuch hatten nun beide nicht gerechnet. „Hoch angesehen als Fotograf im In- und Ausland bringt er das benötigte künstlerische Auge mit in diese Aufgabe. Und sie ist eine wunderbare Moderatorin und Freundin von euch beiden, die euch schon seit Jahren auf euren Reisen begleitet und unterstützt. Nun will sie sich nicht die Chance nehmen lassen, sich für die von euch gestellten Aufgaben zu revanchieren und euch den Punkt zu klauen, für den sie in eurem Namen noch vor kurzem gekämpft hat. Liebes Publikum, Joko, Klaas, begrüßt ganz herzlich mit mir: Paul Ripke und Jeannine Michaelsen!“
Um weiter seine Hand zu schonen und gleichzeitig nicht unfreundlich zu wirken, klatsche Klaas mit der linken Hand gegen den rechten Unterarm und nickte lächelnd zu den beiden, die gerade die Treppen herunter gelaufen kamen. Jeannine winkte zum Publikum, Paul tippte sich grüßend an die falsch herum aufgesetzte Kappe.
Klaas sah zu Joko, der schon mit aufgerissenen Armen und freudig glänzenden Augen auf seinen Freund zuging, und beobachtete, ohne sich zu rühren, wie sie sich lachend an den anderen drückten und sich kräftig auf den Rücken klopfend begrüßten. Die beiden hatten sich schon länger nicht gesehen, halt immer wieder nur über die Kamera beim Aufnehmen von AWFNR. Kurz schoss es Klaas durch den Kopf, dass Joko jetzt vielleicht gar nicht mehr heute Abend mit ihm reden wollte, sondern lieber die kurze Zeit, die Paul hier in Deutschland verbrachte, mit ihm verbringen wollte. Ein schweres Gefühl machte sich in seinem Magen breit und Klaas‘ Mundwinkel zuckten unruhig.
Jeannine war auch bei den Männern angekommen und hatte scheinbar schon Steven gedrückt, denn nun trat sie in Klaas‘ Sichtfeld, der nur eingefroren dastand und die beiden, sich immer noch umarmenden Männer ansah.
„Das ist aber eine freundliche Begrüßung, Herr Heufer-Umlauf“, spaßte sie, doch zog die Augenbrauen zusammen, als sie den niedergeschlagenen Gesichtsausdruck des kleineren Mannes sah.
Schnell setzte der ein Lächeln auf, das definitiv nicht in seinen Augen ankam, und hob den Arm, um sie an sich zu ziehen und ein Küsschen auf beide Wangen zu hauchen.
„Alles gut?“, flüsterte Jeannine, den Kopf nur so weit zurück gezogen, dass sie Klaas ins Gesicht sehen konnte.
Der zuckte nur mit den Schultern. Wusste er gerade auch nicht. Er hatte die letzte Stunde die Zähne zusammen gebissen, damit sie heute Abend endlich klären konnten, was da zwischen ihm und Joko war und jetzt war das scheinbar abgesagt, so sehr wie der Blonde sich freute, den lange nicht getroffenen Freund zu sehen.
„Muss ja“, nuschelte er also.
Zufrieden schien seine Moderationskollegin mit dieser Antwort nicht wirklich. Doch da drehte Joko die im Moment Dunkelhaarige an der Schulter herum, um auch sie zu begrüßen. Klaas richtete pflichtbewusst seine Aufmerksamkeit auf Paul, der ihn kurz in eine einarmige Umarmung zog. Damit war der Begrüßungsakt auch durch und Steven dirigierte alle in ihre entsprechenden Positionen, Joko und Klaas auf die eine, Jeannine und Paul auf die andere Seite.
Joko legte einen Arm um Klaas. Der Größere schien richtig versessen darauf zu sein, heute Körperkontakt zu halten. Wahrscheinlich um einfach sicher zu gehen, dass es Klaas gut ging und er nicht am Ende doch noch umkippte.
„Hallo, sehr schön euch zu sehen.“
„Hey!“
„Freut mich auch.“
„Paul, was hat dich nach Deutschland getrieben? Du hast es doch so schön in Kalifornien.“
„Ja“, lachte der Angesprochenem, „eigentlich war da so ein Festival und eine große Werbekampagne, auf denen ich shoote, so Kleinigkeiten eben. Aber als ich dann gehört habe, dass ich hier Joko und Klaas fertig machen darf, habe ich sofort den Hechtsprung ins Flugzeug gemacht.“
Alle lachten und Klaas war sich bewusst, dass auch er seine Mundwinkel hochziehen sollte, wenigstens ein amüsiertes Schnauben von sich geben sollte, doch der Gedanke, dass Paul ihm gerade den Abend und die Gesprächsmöglichkeit geklaut hatte, drückte schwer auf seine Schulter. Oder es war Jokos Arm, der wie ein Gewicht auf seinen Schultern ruhte. Einen halben Schritt tippelte Klaas zur Seite, sodass Jokos Finger abrutschten und sein Arm runterfiel.
Überrascht schoss Jokos Kopf zu ihm und in den braunen Augen, die ihn den ganzen Abend über schon besorgt und liebenswürdig und sanft ansahen, stand nun kurz wieder Sorge und dann Verwirrung, als er merkte, dass Klaas ganz bewusst und ohne Schwindelanfall oder so, der die Bewegung erklären konnte, von ihm weg gerutscht war. Die Frage, was denn los sei, wurde Klaas stumm gegen den Kopf geschmissen, so viel sah er im Augenwinkel, doch er blickte starr zu ihrem Moderator und den Gästen, die kurz weiter herum blödelten.
Jeannine zählte gerade auf, für was sie sich jetzt hier rächen würde, sowohl Duell-Aufgaben als auch Erlebnisse von Firmenfeiern sowie After-Show-Partys.
„Die Chance der Rache möchten wir dir natürlich gerne geben. Ich erkläre also einmal das Spiel. Jungs, hört zu“, band Steven nun die beiden Titelstars der Show wieder mit ein. Er hatte wohl auch gemerkt, dass sich beide fein säuberlich aus dem Willkommensgespräch raus gehalten hatten, wo normalerweise ein reger Schlagabtausch zwischen Gast und Moderatorenduo stattfand.
„Wir spielen ‚The Masked Painter‘, was stark an Montagsmaler angelehnt ist, nur dass ihr eine der Masken von ‚The Masked Singer‘ tragt und nichts seht. Damit ist auch quasi alles erklärt.“
„Klingt einfach“, antwortete Klaas mit angespannten Schultern.
„Mhh“, murrte Joko nur und der Dunkelhaarige war sich bewusst, dass der Blick seines Freundes immer noch verwirrt auf ihm lag.
„Jeder malt zweimal, wir haben also acht Runden. Es dürfen alle mitraten, also sowohl der eigene Teampartner als auch das Gegnerpaar. Wer zuerst den richtigen Begriff rein ruft, kriegt den Punkt. Kein Buzzer, kein warten, bis was fertig gemalt ist, einfach drauf los raten. Okay? Natürlich dürft ihr nichts schreiben, nichts sagen, nichts gestikulieren oder sonst was, es darf wirklich nur gemalt werden und anhand des blind angefertigten Kunstwerkes darf geraten werden. Wer am Ende die meisten Punkte hat, hat das Spiel gewonnen. Fragen?“
Klaas schüttelte den Kopf und studierte interessiert den Boden. Jetzt, mit Ausblick auf sein einsames Bett, auf das er sich vorhin eigentlich noch so gefreut hatte, hatte er irgendwie plötzlich so gar keine Lust mehr auf die Aufnahme. Das war doch beschissen. Eine Person, die Jokos Aufmerksamkeit auf sich zog, und schon ging es Klaas nur noch mieser. Fuck ey.
„Wir werfen kurz die Münze, wer beginnen darf. Die Seite mit ‚JK‘ für Joko und Klaas, die Seite mit ProSieben-Logo für Jeannine und Paul.“
Damit warf Steven die Plastikmünze in die Luft und ließ sie zu Boden fallen, mit den Buchstaben nach oben. Joko neben ihm stieß sieghaft und mit einem lauten „Yes!“ die Faust in die Höhe und Klaas sackten die Schultern nur noch weiter nach unten.
„Gut, Joko und Klaas fangen an, überlegt, wer anfängt mit Malen. Danach wechseln wir immer zwischen den Teams und jeweils im Team pro Runde. Nehmt doch bitte auf den Sofas Platz, macht es euch gemütlich und der erste Zeichner folgt mir zur Tafel.“
Als sich eine Hand auf seine Schulter schob, musste Klaas doch endlich den Kopf heben und blickte direkt in dunkle, unruhige Augen.
„Hey, was ist los? Geht‘s nicht mehr?“
„Nein, nein, passt schon. Ich fange an mit zeichnen.“
Sich schon halb umdrehend wurde er aber nochmal aufgehalten. Joko hob den Finger und deutete Steven über Klaas‘ Schulter hinweg, noch einen Moment zu warten.
„Nein, ernsthaft, was ist los? Was ist gerade passiert?“
„Nichts!“, antwortete Klaas nun etwas heftiger und schüttelte die Hand auf seiner Schulter ab, starrte auf die Schuhspitzen seines Gegenübers.
„Das kannst du mir nicht erzählen. Eben hattest du noch bessere Laune. Hey, das Spiel geht doch in Ordnung. Niemand kann sich hier verletzten und wir sitzen auf einer bequemen Couch.“
„Ja, alles ganz toll. Dann lass uns loslegen“, antwortete Klaas monoton und stiefelte nun wirklich los zu ihrem Freund, der sie mit skeptischem Blick beobachtete.
„Klaas! Komm schon… Wir reden da später drüber!“, rief Joko ihm fast schon hinterher und Klaas schüttelte fast bewegungslos den Kopf. Ja, wer das glaubte.
Sobald die Aufnahme vorbei war, würde Joko mit Paul irgendwo hocken und ein Bier trinken, über alles reden, was sie in der letzten Woche seit ihrer letzten gemeinsamen Aufnahme erlebt hatten, und genießen, sich dabei in die Augen blicken zu können. Das Gespräch mit Klaas könnte ja noch warten. Nur wie lange? Würde der Dunkelhaarige morgen noch den Mut haben, endlich der Wahrheit ins Gesicht zu blicken? Besonders an dem Folgetag, nachdem Joko lieber mit einem Kumpel quatschte als mit ihm über ihr Ding sprach. Vielleicht war es ihm dann ja nicht so wichtig, das zu klären und Klaas legte da zu viel Wert drauf, sah da mehr zwischen ihnen beiden als Joko. Ach scheiße, das zerriss ihn gerade und er wollte nichts mehr tun. Eigentlich wollte er nicht ins Bett, weil er da nicht mit Joko reden würde, aber gleichzeitig wollte er sich unter der Decke verstecken. Sein Kopf war hin und her gerissen und sein Körper war plötzlich wieder so schwer, dass er mehr zu Steven schlurfte als aufrecht zu gehen.
„Was ist denn?“, flüsterte nun auch Steven Klaas zu, als er bei ihm angekommen war.
Der schüttelte aber nur den Kopf und drehte sich um. Er stand nun mit dem Rücken zum linken Publikumsblock, neben ihm das Whiteboard, was sie schon für die Matheaufgabe beim Aushalten genutzt hatten. Nur ein paar Meter vor ihm standen zwei graue, wirklich sehr bequem ausschauende Couchs, da hatte Joko eben nicht gelogen. Auf der linken Couch saßen Paul und Jeannine, leise tuschelnd die Köpfe zusammen gesteckt, auf der rechten saß Joko alleine. Ein Bein auf das andere gelegt und das Knie leicht wippend, eine Hand am Kinn spielend und den anderen Arm auf der Sofalehne abgelegt waren seine Augen auf Klaas gerichtet und man sah an dem intensiven Blick, dass er versuchte, die letzten zwei Minuten zu verstehen, aber auf keine vernünftige Lösung kam.
Klaas seufzte und schüttelte nochmal den Kopf, bevor er Thomas zunickte, der ein Zeichen machte, dass es nun weiterging. Das kurze Gespräch, besser gesagt Jokos Worte an ihn, würden wohl rausgeschnitten werden müssen.
Sie brauchten nun wirklich nicht den nächsten Artikel in der BILD und in der Bunten, dass das Duo Joko und Klaas wohl im Streit lag, und in dem gemunkelt wurde, ob das nun ihr endgültiges Ende sei. Davon hatte es schon genug gegeben, seit sie diese Show begonnen hatten. Neben ihrem vorherrschenden Teamgeist flogen eben auch weiter Sprüche hin und her und ab und zu musste man auch seinem Ärger Luft machen. Aber es war ja trotzdem alles gut zwischen ihnen. Sehr gut meistens sogar. Nur würden sie scheinbar doch nicht mehr heute darüber reden.
Klaas‘ Lächeln verzog sich wieder und er musste sich wirklich konzentrieren, freudig-erregt für die Kamera zu Steven zu schauen.
Der holte sich noch ein letztes Kopfnicken, dass jetzt nicht der Zeitpunkt war, irgendwas zu klären. Das wusste Steven, das wusste Klaas und der hoffte, dass auch Joko es jetzt ruhen lassen würde und Klaas erst nach dem Finale damit konfrontieren würde, dass heute Abend doch ausfallen musste. Wenn er ihm das jetzt gleich irgendwie zwischendurch zuflüstern würde, dann wusste Klaas nicht, wie er dann weiter die gute Miene aufsetzen sollte.
„Klaas, sehr schön. Ich setze dir gleich diese Maske auf“, im geschäftig-lebendigen Ton machte Steven weiter mit der Show und Klaas atmete tief durch, während ihm der Kopf vom Chamäleon gezeigt wurde. „Die Masken wurden so präpariert, dass ihr nichts dadurch sehen könnt. Euer Wort kriegt ihr über den Knopf im Ohr angesagt.“
Damit wurde ihm das Gestell übers Gesicht gestülpt und der Stift in die Hand gedrückt – Steven hatte sogar dran gedacht, dass er Linkshänder war.
„So, Joko, Paul, Jeannine, jetzt aufpassen, jetzt geht es los. Klaas, du darfst loslegen.“
Die Augen zusammen pressend unterdrückte Klaas schnell das Brennen, was sich durch seine Kehle noch oben geschlichen hatte. Er würde jetzt nicht wegen diesem letzten Tropfen zusammen brechen. Er kämpfte weiter. Das hatte Joko gesagt, also würde er weiter machen. Auch wenn er mit Pauls Ankunft nicht mehr wirklich einen Grund hatte, diese Aufnahme durchzuhalten.
„Klaas, was ist los?“, hörte er Jakobs besorgte Stimme auf dem Ohr.
„Nichts, es ist nichts.“
„Das sah anders aus. Du warst bleich wie eine Leiche. Wenn du nicht mehr kannst, sag einfach Bescheid!“
„Junge, hör auf zu quatschen und gib mir das Wort.“
„Klaas, du kannst anfangen, ne“, klopfte Steven nochmal theatralisch gegen den aufgesetzten Kopf und das Publikum lachte. Verärgert zog er die Augenbrauen zusammen. Gerade wurde alles nur schlimmer und schlimmer. Und es wurde warm und stickig in diesem Kopf.
„Dein Wort ist Fernseher“, gab Jakob resigniert als Auskunft.
Damit hob Klaas den Stift und suchte kurz noch nach der Tafel, fing dann aber schnell an, grob ein Rechteck zu malen.
„Viereck!“
„Rechteck, Kiste, Haus.“
„Schokolade, Buch.“
„Handy, Tablet, Laptop.“
Sofort begannen die drei, loszuschreien. Klaas zuckte kurz zusammen. Konnten die nicht etwas leiser sein?!
Und tatsächlich sagte Joko gerade, dass sie leiser sein sollten. Verdammt, der Mann war zu gut für ihn. Vor allem jetzt gerade, wo Klaas sich so schlecht wegen ihm fühlte, war diese kleine Aufmerksamkeit wieder verantwortlich für das nächste Gedankenchaos.
Das Spiel musste aber weiter gehen, also richtete er den Stift neu aus, in der Hoffnung, halbwegs innerhalb des Rechtecks zu sein, und zeichnete ein etwas kleineres Rechteck. Noch zwei Striche als Antenne oben drauf und mehr konnte er jetzt nicht tun, blind konnte er keine weiteren Details hinzufügen. Vielleicht war ja eh schon alles komplett unzusammenhängend.
Aber sobald er den zweiten Strich der Antenne gezeichnet hatte, rief Paul laut „Fernseher!“, ohne sich an Jokos Erinnerung zu halten.
„Man ey, Joko!“, motzte Klaas und konnte kurz die Enttäuschung in Ärger umwandeln. Sich den Chamäleon-Kopf von den Schultern reißend drehte er sich zu seinem Freund um, der entschuldigend die Schultern hob.
„Ist doch nur der erste Punkt, komm her, Hase.“
Damit trottete Klaas stumm, ohne eine Antwort zu geben oder Joko noch eines Blickes zu würdigen zu ihrem Sofa. Jetzt war Paul mit Zeichnen dran und positionierte seinen Astronauten-Kopf.
„Klaasi.“
„Nein, nicht jetzt.“
„Sag mir, was los ist.“
„Nichts, wir spielen jetzt, dann ist die Aufnahme vorbei und ihr könnt reden.“
„Wieso ihr? Klaas…“
„Seid ihr beiden fertig, wir würden dann gerne weiter machen!“
„Ja!“, antwortete Klaas erleichtert über Stevens Unterbrechung.
Paul musste gar nicht lange zeichnen. Ein Rechteck mit Streifen, ein Dreieck oben drauf und schon warf Joko das Wort „Circus“ in den Raum, der ihnen den Ausgleich zum 1:1 bescherte. Damit war auch der Blonde selbst dran mit Montagsmaler spielen und konnte Klaas nicht mit irgendwelchen Erklärungen weiter runter ziehen, worum er gerade sehr froh war. Ausatmend ließ er sich nach hinten in die Kissen fallen.
Joko hatte den Kopf des Drachen bekommen und ohne es zu wollen, musste Klaas lachen.
„Wer hat das denn entschieden? Warum setzt man so einem Waschlappen wie Joko Winterscheidt denn bitte den gefährlichen Drachen auf den Kopf?“
„Passt doch! Du hast das Chamäleon bekommen, weil du so unscheinbar bist und untergehst“, gab Joko bissig zurück, doch der Scherz klang in seiner Stimme mit. Klaas war sich gerade trotzdem nicht sicher, ob er das so lustig fand. Joko begann schon zu zeichnen und so konzentrierte er sich lieber auf die entstehenden Linien.
„Kreis, Ball, Sonne, ehm, Kugel, Weltkugel, Duell um die Welt!“, begann er alles aufzuzählen, was ihm zu dem sogar ganz gut gezeichneten Kreis in den Kopf kam.
Eine ähnliche Aufzählung kam von der benachbarten Couch. Doch Steven neben der Tafel schüttelte nur den Kopf.
Da begann Joko aber noch etwas zweites zu zeichnen, neben dem Kreis. Ein Haken nach oben, dann den Strich weiter zur Seite führend, ein langer Haken nach oben, ein bisschen zurück und ein zweiter Haken.
„Was soll das denn sein?“, fragte Paul vorwerfend.
„Vielleicht eine Hand, ein Handzeichen?“, rätselte Jeannine, „Der Daumen, und so Ring- und kleiner Finger, so ein Rockersymbol?“
Klaas hatte kurz geschwiegen und den Ausführungen ihrer Freundin gelauscht, doch jetzt huschte ein breites Grinsen über sein Gesicht. Jetzt machte der Kreis sein.
„Gut Kick!“, sprang er vom Sofa auf und riss die Hand mit genau diesem Zeichen in die Luft.
Das Publikum gab stürmischen Applaus, Steven bestätigte die richtige Antwort und den Punktestand von 2:1, doch wichtig war Joko, der mit Kopf unter dem Arm auf ihn zugelaufen kam und ihn kurz umarmte.
Ja, Klaas war schlecht drauf, aber wenn sie gewannen, war das gut und er konnte sich kurz freuen. Die schlechte Laune würde er noch den restlichen Abend haben. Jetzt konnte er ja noch Jokos Nähe genießen. Der schien auch erleichtert, dass der Punktevorsprung Klaas‘ Gemüt gebessert hatte und ließ sich neben ihn auf die Polster fallen.
„Sehr gut, Klausi.“
„Gut gemalt, Winterscheidt.“
„Ja, ganz toll, das ist unfair, das ist so ein Insider zwischen denen.“
„Naja, ihr kennt sie lang genug, um das auch zu kennen, empfindet die Redaktion“, beschwichtigte Steven die Beschwerde von Jeannine.
„Trotzdem unfair.“
„Ihr könnt ja jetzt ausgleichen. Du bist dran“, damit hielt ihr Moderator der Dunkelhaarigen den Kopf des Dalmatiners entgegen.
„Ist das eigentlich ein schlechtes Omen für uns, dass der Astronaut als Gewinner von ‚The Masked Singer‘ unserem Gegner gegeben wurde?“, stellte Joko gerade nochmal die Verteilung der Verkleidungen in Frage.
„Das kommt jetzt ganz auf deine Sichtweise an. Vielleicht ist es auch als Ansporn gedacht, den Sieger zu besiegen“, antwortete Steven achselzuckend und deutete dann zu Jeannine, die den Stift zum Zeichnen bereits hoch in die Luft hielt. „Konzentrier‘ dich und finde es heraus.“
Die Fingerspitzen aneinander legend lehnte Joko sich nach vorne und Klaas konnte seinen Blick nicht vom Hinterkopf des Blonden abwenden. Wieso musste Paul gerade heute als Gast hier sein? Die ganze Zeit hatte Klaas die Aufmerksamkeit und Fürsorge seines Freundes für fast schon selbstverständlich genommen, genauso die logische Schlussfolgerung, dass nach all diesen gemeinsamen Erlebnissen und Kämpfen und besonders nach dieser Aufnahme Schluss mit dem Zwielicht war und sie Klarheit schaffen mussten. Wollten. Aber jetzt zweifelte er. Und das tat so sehr weh.
Er hatte dieses dringende Bedürfnis, Joko fast anzuflehen, sich heute die Zeit für ihn zu nehmen. Aber ihm schossen so viele andere Tage, Erlebnisse, Aufnahmen durch den Kopf, wo Klaas sich immer in den Vordergrund gespielt und Jokos Aufmerksamkeit verlangt hatte. Konnte er ihm heute das Treffen mit einem so guten Freund nach so langer Zeit wirklich verwehren? Klaas hatte doch gesehen, wie sehr sich Joko über das Wiedersehen gefreut hatte. Ihr Gespräch könnte warten. Auch wenn dieser Gedanke ein unangenehmes Ziehen in seiner Brust hervorrief. Er wollte nicht warten, aber Joko zurückhalten wollte er auch nicht. Klaas wollte ihn nicht zu diesem Gespräch zwingen, wenn er auch einen angenehmen Abend mit Paul verbringen konnte. Denn ihr Gespräch würde nicht angenehm werden. Es würde schwer und stockend und an einigen Stellen bestimmt schmerzhaft werden. Da war die Alternative für Joko deutlich angenehmer und Klaas wollte es ihm nicht vorwerfen, aber, doch, das tat er. Weil er sich fühlte, als ob er gerade zur Seite geworfen wurde.
Gott, war das ungerecht. Dieser Tag hasste ihn wohl und stellte ihm alles in den Weg, was nur möglich war…
„Erde an Klaas, mitraten!“
Steven war neben ihn getreten und hatte ihm auf die Schulter getippt. Erschrocken zuckte Klaas‘ Blick von Joko zu Steven, dann rasend schnell zu den Kameras und einem dunkel dreinschauenden Thomas Schmitt.
„Höhenangst!“, schrie Joko in diesem Moment und sprang von der Couch auf.
Immer noch im Schock, so geistesabwesend gewesen zu sein, blickte Klaas erst jetzt zu der Tafel, wo ein Strichmännchen auf der oberen Kante eines Rechtecks, eines Hochhauses, stand. Zumindest sollte es das wohl. Da Jeannine ja nicht sehen konnte, wo sie malte, war das Männchen eher halb schwebend im Dachgeschoss und nicht oben auf dem Dach gelandet. Daneben war noch ein weinender Smiley gezeichnet.
„Gutes Porträt von Joko“, warf Paul lachend ein und Joko streckte ihm dreckig gackernd beide Mittelfinger entgegen.
Klaas saß nur schweigend da und starrte in die Luft.
Verdammt, er musste sich jetzt wirklich am Riemen reißen. Das war es nun mal mit ihrem gemeinsamen abendlichen Klärungsgespräch. Sich selbst ausschimpfend schüttelte er den Kopf und tippte nervös mit dem Fuß auf dem Boden. Er musste sich einfach nur auf das Spiel konzentrieren.
Doch das Stechen im Kopf, dass die letzten Minuten wieder an Stärke gewonnen hatte, so viel wie er die Stirn runzelte, zusammen mit dem Zusammenziehen seiner ganzen Brust, weil er schlicht und ergreifend traurig um die verpasste Chance mit Joko war, ließ ihn nicht gerade glücklich in dieser Situation zurück.
Und trotzdem kämpfte er sich aus den Kissen hervor und tigerte zum Whiteboard. Er war wieder mit Zeichnen dran. Scheinbar waren auch alle dazu übergegangen, Klaas‘ kurzen Aussetzer einfach zu ignorieren und machten weiter im Programm.
„Es steht 3:1 für Joko und Klaas. Paul, Jeannine, strengt euch jetzt an.“
„Nein, ihr könnt ruhig weiter versagen“, unterbrach Joko Steven und winkte dessen Vorschlag ab.
Klaas hatte so gar keine Lust mehr, wollte gar nicht zusehen, wie gut es Joko doch ging, wo er gerade in seinem Kopf versank. Also versteckte er genau diesen im Chamäleon und spannte die Schultern, um sie anschließend ausschüttelnd wieder sinken zu lassen.
„Wir machen kurz Pause nach diesem Spiel und dann will ich mit dir reden, Klaas.“
Jakobs Stimme klang ernst und ließ keine Widerworte zu, also nickte Klaas nur ergeben. Was sollte er auch sonst machen. Jakob hat gerade eben noch im letzten Spiel neben ihm gestanden und alles war gut. War ja klar, dass er wieder dieser gute Freund sein musste und sich um ihn sorgen musste. Und dooferweise war er auch eine Person der ausführenden Gewalt in diesem Studio und konnte so eine Pause anweisen.
Na gut, vielleicht könnte Jakob es so drehen, dass Klaas nicht wie der begossene und ausgestoßene Pudel am Ende da stand. Der Redaktionsleiter könnte ihn nach Drehschluss für irgendetwas einspannen, sodass Joko nicht groß herumdrucksen musste, um ihm abzusagen. Ein bisschen den Kopf erhoben halten.
„Dein Wort ist Weltmeister.“
„Okay“, murmelte er noch und beschloss, so zu tun, als ob sein Stimmungsumschwung von 120° vollkommen normal war. Nicht 180°, er war ja eh schon nicht so gut drauf gewesen, aber nun zeigte sein Motivationskompass definitiv Richtung Süden.
Aber gut, Weltmeister, wie sollte er das zeichnen? Eine Weltkugel, okay, bedingt durch die Blindheit eben nur einen Kreis, das konnte man schon deuten. Und dann -meister… Eine Krone einfach? Mh, vielleicht war das genug. Und da ja alle Begriffe irgendwie mit ihnen beiden zusammen hingen, sollte Joko den Gedankensprung wohl hinbekommen. Den Pokal konnte er blind definitiv nicht malen.
Scheinbar waren seine Zeichnungen in dieser Form auch ausreichend genug, denn kurz nachdem die Krone fertig war, erklang auch schon das Lösungswort „Weltmeister!“ - aber leider nicht aus Jokos Mund, sondern von Jeannine verkündet. Somit hatte das Team ProSieben zu einem 3:2 aufgeholt.
Die Enttäuschung, dass Joko keine von seinen gezeichneten Runden für sie entscheiden konnte, versteckte er einfach unter der Enttäuschung, dass ihre Abendplanung wohl hinüber war. Für den Außenstehenden bestimmt kein Unterschied, denn Klaas legte einfach schweigend den Kopf des Chamäleons neben die Tafel auf den Boden und ging weiter wortlos zu ihrer Couch. Dort wollte Joko ihn an seine Seite ziehen, hatte schon die Arme für eine Umarmung gehoben, doch Klaas schlug die Augen nieder und setzte sich seitlich auf die Couch, die Beine vor ihm aufgestellt, dass er quasi dahinter abtauchen und Joko nicht ins Gesicht sehen musste. Den Rücken an die Armlehne gestützt, blickte er zu Steven, der sie ebenfalls schon beobachtete.
„Ey, Klaasi, kannst du bitte mit mir reden und mir verraten, welche Laus dir über die Leber gelaufen ist?“
Joko klang echt angefressen, doch das war egal. Klaas hatte wohl den besseren Grund, gerade nicht kommunizieren zu wollen.
„Den Ehestreit könnt ihr später ausfechten, jetzt spielen wir erstmal weiter. Ihr solltet aufpassen, sonst habt ihr gleich wieder den Ausgleich“, funkte Steven provisorisch dazwischen, bevor Klaas sich irgendwelche Worte zurecht legen konnte.
Er wollte nicht mit seiner zitternden Stimme verraten, wie sehr es ihn bewegte, dass Paul hier plötzlich aufgetaucht war und alles durcheinander brachte. Und wenn er das unterdrücken konnte, würde bestimmt die Wut über sich und diese Situation und über Joko herausbrechen. Also war Schweigen die beste Variante. Schweigen und alles in sich reinfressen. So wie sie es seit Monaten mit dieser Anspannung zwischen ihnen beiden getan hatten. Darin waren sie also Profis. Konnten sie also einfach so weitermachen.
Paul stand, blind durch seinen Astronautenkopf, vor der Tafel und hatte gerade das ProSieben-Logo angezeichnet. Genau das warfen Jeannine und Klaas gleichzeitig ein, doch Paul zeichnete weiter. Einen Strich, einen Kreis unten dran, eine Musiknote. Eine Musiknote und das ProSieben-Logo? Konnte in Verbindung mit Joko und Klaas nur ein bedeuten –
„We love to entertain you!“
Zwei Stimmen, ganz leicht versetzt und stöhnend warf Klaas den Kopf in den Nacken. Verdammt, Jeannine war die halbe Sekunde schneller gewesen und hatte damit wirklich zum 3:3 ausgeglichen.
„Ich hasse dich“, rief er zum benachbarten Sofa herüber, wo die Braunhaarige nur lachte und einen Luftkuss in seine Richtung warf. Den mit einer Hand abwinkend landete sein Blick auf Joko, dessen Gesichtsausdruck er eine Sekunde nicht richtig deuten konnte.
Abgelenkt vom Spiel war der auf jeden Fall gewesen. In dieser Runde war er nämlich derjenige gewesen, der nicht einen Pieps zum Raten beigetragen hatte. Aber dann war da Unverständnis und Ärger in seinen Augen. Wahrscheinlich, weil Klaas so abblockte. Das war etwas, was Joko immer auf die Palme brachte. Wenn er nicht die Fragen beantwortet bekam, auf die er dringend eine Antwort wissen wollte. Fast schon machte Klaas es Spaß, den Blonden so in der Luft hängen zu lassen.
„So, noch zwei Runden! Joko, komm her.“
Weiter in seiner eingemummelten Position bleibend sah er dabei zu, wie Joko seinen Kopf aufzog und den Stift bereit hielt.
„Was passiert eigentlich beim Gleichstand?“, erkundigte Jeannine sich in dieser Sekunde noch und Klaas warf einen Blick zu Steven, der mit einer ausholenden Geste auf sich selbst zeigte.
„Dann malt er was und wer da schneller ist“, riet der Braunhaarige. Inzwischen kannte er so die Mechanismen ihrer Studiospiele.
„Versucht bitte, es nicht dahin kommen zu lassen und schaut zu Joko“, lenkte der Moderator die Aufmerksamkeit wieder zum aktuellen Zeichner, der gerade die ersten Striche anfing.
Verwirrt legte er den Kopf zur Seite und auch vom Nachbarsofa kamen verständnislose Ausrufe. Was bitte zeichnete Joko da denn? Ein Rechteck unten, okay, das konnte halt viel bedeuten. Aber darüber entstanden gerade schräge Linien, dann noch zwei abgeknickte Linien wieder nach unten. Und zum Abschluss kam ein Kreis oben drauf.
Moment.
Die Beine vom Sofa hebend stand er auf und wippte mit dem Kopf von Seite zur Seite, sollte das eine Figur darstellen? Auf einem Podest…
„Oscar!“
„Der goldene Umberto!“
Pauls Idee war nah dran, aber eben nicht auf die Marke ‚Joko und Klaas‘ bezogen. Klaas klopfte sich erfreut auf den Unterschenkel, als Steven ihm recht gab, und ließ sich erleichtert ausatmend auf das Sofa fallen.
4:3, das konnten sie noch reißen.
Joko war neben ihm angekommen und lächelte ihn glücklich an. Da kamen wieder schöne Erinnerungen hoch. Besonders der große Circus HalliGalli-Badetag, wo sie einfach mal neben dem ganzen Drehstress auch ein paar Stunden herumtollen konnten. Klaas‘ Augen wanderten über Jokos Gesicht, dieses Lächeln mochte er so sehr. Wenn sie einfach unbeschwert an alle ihre gemeinsamen Momente denken konnten.
Doch dann landete sein Blick an Joko vorbei auf Paul, der die beiden mit einem schrägen Lächeln ansah, und Klaas‘ kurzer Moment, in dem alles wieder gut war, war vorbei.
Den Kopf wieder nach vorne drehend ignorierte er Jokos Hand, die sich auf seinen Oberschenkel legte.
„Was ist los?“, betonte er jedes Wort. „Ernsthaft…“
„Du hast selbst gesagt, wir klären das später.“
„Ja, aber ich habe den Eindruck, dass du in deinem Kopf gerade irgendetwas zerdenkst und am Ende irgendwas entscheidest, wozu es gar keinen Anlass gibt. Ich kenne dich.“
„Dann solltest du mich auch so gut kennen, dass ich jetzt dieses Spiel gewinnen will.“
Ungläubig schnaubte Joko, doch zog dann seine Hand weg, um sie hinter ihm auf der Rückenlehne abzulegen.
„Jeannine, du kannst loslegen.“
Hatten sie jetzt wirklich wieder nur darauf gewartet, dass sie beide fertig waren mit reden? Die Leute im Schnitt taten ihm heute etwas leid, so viel wie sie herum cutten mussten, damit das eine vorzeigbare Sendung werden würde.
Wie aufgefordert begann die Moderatorin, zu zeichnen, der übergroße Kopf war etwas im Blickfeld und Klaas lehnte sich leicht zur Seite, um besser auf die Tafel sehen zu können. Wie unbewusst legte sich Jokos Arm um seine Hüfte, um ihn festzuhalten, damit er nicht komplett umkippte. Klaas‘ Blick legte sich kurz auf die Finger, die sich in seine Haut bohrten und ihn stärker hielten als notwendig, um sofort wieder zurück zur Tafel zu streifen.
Das war die eine Sekunde Ablenkung, die nicht hätte sein dürfen.
Denn natürlich erkannte er, was da gezeichnet wurde. Das ProSieben-Logo. Aber Paul war halt schneller. Weil er keinen ablenkenden Mann neben sich hatte, mit dem er so gerne jetzt backstage verschwinden würde und ihm vor den Kopf werfen würde, dass er sowas nicht machen durfte, weil jede Berührung sich so gut anfühlte, dass er sich auf nichts anderes konzentrieren wollte und er nur ihn in seinen Arm und unter seinen Fingern spüren wollte.
Nein, Paul war halt professionell und mit vollem Fokus beim Spiel. Und hatte damit den verdammten Endstand von 4:4 erspielt.
Grummelnd streifte Klaas Jokos Handgelenk ab, das immer noch auf seiner Hüfte ruhte. Dieses Stechen mussten sie jetzt gewinnen, da durfte er sich nicht ablenken lassen. Weder von Joko noch von seinen Kopfschmerzen oder auch dem Gedanken, dass dieser Tag eindeutig in die Top Five der schlechtesten Tage seines Lebens gehörte.
„Okay, super. Also, ihr seid alle einfach gleich gut. Deswegen muss ich jetzt ran. Ich nehme mir mal Pauls Kopf. Wie Joko ja schon angemerkt hat, war das die Siegerfigur der letzten Staffel, also führt sie jetzt auch zum Sieg in diesem Spiel.“
„Joko, du hältst jetzt die Fresse, ich will diesen Punkt“, fuhr Klaas seinen Freund von der Seite an, ohne dass der irgendwas gesagt hatte. Dementsprechend perplex hob dieser abwehrend seine Hände und schüttelte verständnislos den Kopf.
„Du, das will ich auch. Du bist derjenige, der hier schlechte Stimmung verbreitet und uns am Siegen behindert.“
„Ach, jetzt bin ich Schuld, ja? Wer hat denn bitte in Spiel Eins leiden müssen? Ich glaube, das war ich. Ich finde, da kannst du jetzt dieses Spiel mal tragen. Außerdem weißt du sehr wohl, warum ich gerade nicht bei der Sache bin.“
Der letzte Satz war mehr rausgerutscht. Wenn Klaas sich einmal ehrlich in Rage geredet hatte – was im Fernsehen selten der Fall war, da war es meistens nur gespielt – dann gab es kein Halten mehr.
„Nein, weiß ich eben nicht. Weil bis eben noch alles gut war und jetzt kotzt du mich hier an, als ob ich für den Weltuntergang verantwortlich wäre. Wenn du also vielleicht einfach die Güte haben würdest, es mir zu erklären, wäre ich sehr glücklich darüber.“
„Ganz ehrlich, als ob ich hier darüber reden würde“, wedelte Klaas aufgebracht mit den Armen durchs Studio.
Joko und Klaas saßen sich schwer atmend gegenüber, einander zugewandt und die Augen fest verknotet. Beide waren am Ende der Nerven. Nur wenige Minuten dieser schlechten Anspannung und der Abend war gekippt.
„Hey, es reicht!“, fuhr Thomas laut dazwischen. Ihr Regisseur war hinter den Kameras hervorgetreten und hechtete noch mit Klemmbrett in der Hand auf ihr Sofa zu. Mit einem Wink an seinem Hals deutete er an, endlich die Mikros abzuschalten. Sobald Schmitti bei ihnen angekommen war, griff er beide Männer an den Schultern und sah mit strengem Blick zwischen den beiden hin und her.
„Reißt euch gefälligst zusammen. Ich weiß, ihr habt was zu klären. Ich weiß, ihr seid beide angespannt und ich weiß, wie wichtig das ist. Und ich hoffe, ihr kriegt das hin, weil verdammt, ihr gehört zusammen. Aber was auch immer jetzt gerade hier los ist, es gehört nicht in dieses Studio. Ihr seid gerade auf der Arbeit, ihr seid Moderatoren, ihr dient dieser Sendung als Kandidaten. Konzentriert euch bitte darauf. Wir können gerne gleich eine Pause machen, damit ihr euch kurz weiter anschreien könnt. Aber dieses Spiel zieht ihr noch durch, verabschiedet euch von Jeannine und Paul und dann lasse ich euch weiterstreiten. Aber jetzt erinnert ihr euch vielleicht wieder daran, was Professionalität bedeutet und ratet nochmal, was Steven gleich zeichnet. Haben wir uns verstanden?“
Gedemütigt nickte Klaas und schlug die Augen nieder.
„Ja“, gab Joko knatschig zurück und ließ sich mit verschränkten Armen nach hinten in die Polster fallen.
„Vielleicht ein bisschen freundlicher schauen, wenn‘s geht, ja?“
Damit drehte sich ein vor Wut dampfender Thomas um und stapfte zu den Kameras.
„Weiter geht‘s!“, schrie er noch einmal und Klaas straffte die Schultern. Zu so etwas war es noch nie gekommen, dass Schmitti sie während einer Aufnahme so zusammenstauchen und zur Vernunft rufen musste. Und seine ersten Worte waren ein Schlag ins Gesicht gewesen. Wie viel hatten ihre Freunde denn schon zwischen ihnen gesehen? Was sollte das bedeuten? Würde das irgendwas bedeuten?
„So, habe ich die Aufmerksamkeit aller? Ich möchte nicht gleich irgendwelche Beschwerden haben, weil ich angeblich nicht deutlich genug gesagt habe, dass ich jetzt gleich loslege mit Zeichnen.“
Stevens Stimme war auch etwas angespannt, auch wenn er es besser hinbekam, die letzten Vorkommnisse zu vertuschen. Oh nein, wie viel von dieser Szene würde durch Social Media aus dem Studio herausgetragen werden? Klaas schüttelte den Kopf, bevor er lautstark verkündete, dass Steven sich beeilen sollte, er wolle endlich den nächsten Vorteil auf ihrem Konto sehen.
„Träum weiter“, gab Jeannine als Kampfansage zurück und zum ersten Mal waren wirklich alle Kandidaten voll bei der Sache. Sie sahen ihrem Moderator zu, wie ein Strichmännchen entstand. Und daneben ein zweites, deutlich kleiner.
„Joko und ich!“
„Klaasi und ich!“
„Joko und Klaas!“
Klaas, Joko und Paul schrien um die Wette, nur Jeannine warf stumm die Hände in die Luft.
„Wer war da denn jetzt schneller?“
„Naja, an sich war ja die richtige Lösung ‚Joko und Klaas‘, oder? Und keiner von den Beiden hat das gesagt“, redete Paul schnell weiter, um den Punkt für sich zu gewinnen.
„Aber ‚ich‘ ist in dem Fall ja gleichbedeutend zum jeweiligen Namen bei uns beiden!“
„Und wir haben beide geantwortet, bei euch hatte Jeannine wohl einen kurzen Aussetzer.“
„Hey, hey, pass auf deine Worte auf, mein Freundchen!“
„Steven, sag jetzt!“
„Nicht meine Entscheidung, ich halte mich da raus“, wich Steven der direkten Entscheidungssituation aus und hob einen Finger zum Ohr, um der Regie zuzuhören. Was dieses Mal alle Verkabelten mithören konnten.
„Einfach um den Haussegen vorm kompletten Ruin zu bewahren, gib halt Joko und Klaas den Punkt“, entschied Jakob gerade und ließ somit Joko aufspringen.
„Es wurde entschieden, zwei Stimmen gegen eine, der Punkt geht an Joko und Klaas“, dichtete Steven sich noch schnell die Begründung zusammen, „und somit haben sie Spiel Vier, ‚The Masked Painter‘, gewonnen.“
Das Publikum klatschte, auch wenn etwas verhaltener, da sie die gerade erlebte Szene wohl nicht ganz einordnen konnten. Trotzdem stand nun auch Klaas auf und wandte sich Joko zu, die Arme erwartend gehoben. Ihm war klar, dass er für diese schlechte Stimmung verantwortlich war und hoffte in dieser Sekunde, dass Joko nicht zo nachtragend war, um ihm jetzt nicht den kurzen Siegesmoment zu gönnen. Doch eigentlich musste er sich da keine Sorgen machen, sie sprachen hier von Joko Ich-umarme-jeden-auf-der-Straße Winterscheidt. Und so sah er ein erleichtertes Glänzen in den braunen Augen, weil sein Freund wohl eher die Sorge gehabt hatte, dass sie sich jetzt nicht gemeinsam freuen würden. Die Arme um den anderen geschlungen blieben sie ein paar Sekunden in dieser Position und Jokos Finger streiften sanft über Klaas‘ Hinterkopf. Ein erstes Friedensangebot, auch wenn Joko gar nicht den Grund für die miese Stimmung kannte. Deswegen konnte Klaas das auch nicht wirklich annehmen. Das einzige, was er wollte, war ihr Gespräch heute Abend. Es war, als ob alles an Bedeutung verloren hatte, und nur dieses Gespräch, dass ihre gemeinsame Zukunft bestimmen würde, wichtig war, auch wenn er zu Beginn noch zögernd gewesen war. Dass ihm das jetzt wie Sand zwischen den Fingern entglitt, war nicht so einfach zu verkraften. Daher schob er sich auch schließlich von Joko weg und grinste gezwungen schief. Der Blonde schüttelte fragend den Kopf, doch beide hatten Schmittis Moralpredigt im Kopf und so drehten sie sich ihren Gegnern zu, die sich bereits neben Steven aufgestellt hatten.
„Glückwunsch an euch beide. Wir schauen auf die Grafik. Ach, das haben wir auch noch nie gesehen. Vier von vier Spielen gewonnen. Ihr habt einen Run heute, was?“
Joko stimmte lachend zu.
„Wir bedanken uns ganz herzlich bei euren Gegnern, Jeannine Michaelsen und Paul Ripke. Es war eine Freude, euch hier zu haben.“
Inzwischen wieder lockerer applaudierte das Publikum im angemessenen Ansturm, während Steven beide umarmte. Klaas lächelte beide entschuldigend an. Eigentlich wollte er nie so ausfallend werden, wenn sie Gäste hier hatten, seien es auch noch so gute Freunde. Doch dieser Tag raubte ihm die Nerven. Entsprechend kurz fiel auch die Verabschiedung von Paul aus. Jeannine hielt ihn einen Augenblick länger in ihren Armen.
„Klärt das bitte zwischen euch, deine Eifersucht hält ja keiner aus.“
Ihm leicht in die Seite knuffend löste sich die Brünette von ihm und zwinkerte spitzbübisch. Klaas blickte sie nur mit großen Augen an.
„Bier heute Abend?“, hörte er Paul neben sich flüstern und sofort zogen sich Klaas‘ Schultern nach oben, wollte Jokos Antwort gar nicht hören, wollte nicht hören, wie sein Abend in Scherben zu Boden fiel.
„Nee, ich habe schon eine Verabredung.“
Überrascht zog Klaas Luft ein und die Augenbrauen nach oben.
„Da bin ich schon mal in Deutschland…“, versuchte Paul ihn mit einem Grinsen zu überreden.
„Sorry, sonst gerne, aber heute geht es nicht. Wir müssen das klären“, antwortete Joko aber mit fester Stimme und einem Blick zu Klaas. Sofort trafen blaue Augen auf braune und das sanfte Lächeln auf Jokos Lippen ließ Klaas heftig schlucken.
Er hatte die ganze Situation falsch aufgenommen.
Joko ließ diese seltene Möglichkeit, mit Paul Zeit zu verbringen, sausen.
Für ihn. Für ihr Gespräch.
Verdammt, er hatte sich wie ein Arsch aufgeführt.
„Da stimme ich dir zu, Klaas war ja nicht auszuhalten gerade.“
Entschuldigend zuckte Klaas mit den Schultern und spürte, wie sich der Knoten in seinem Bauch mit einem Mal auflöste. Erleichtert stieß er nochmal Luft aus und konnte nicht an sich halten. Sich endlich wirklich freuen könnend zog er Joko an den Schultern zu sich runter und hielt ihn fest an sich gepresst.
„Dachtest du echt, ich würde dich sitzen lassen?“
„Man kann ja nie wissen“, flüsterte Klaas unsicher.
Joko schob ihn an der Hüfte so weit zurück, um in sein Gesicht zu sehen.
„Klaasi, du wirst immer meine erste Wahl sein.“
Das Publikum applaudierte weiter und die beiden mussten sich kurz lösen, um Paul und Jeannine endgültig zu verabschieden. Doch dann hörte er das Signal „Pause“ auf dem Ohr und sofort wandte Klaas sich wieder Joko zu, der ihn nur amüsiert angrinste.
„All das, nur weil du eifersüchtig auf Paul warst?“
„Halt die Klappe, du gehörst eben mir.“
„Schon immer.“
Wieder in seinen Armen liegend wurde Klaas von Joko ein Kuss auf die Schläfe gehaucht. Dem Dunkelhaarigen war es egal, wer das alles sah. Er war nur glücklich, genau das von Joko zu hören.
Sie würden reden heute Abend. Und es würde gut gehen.