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Fünf Spiele gewonnen

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„So, Runde 3 würde euch drei Punkte bringen. Dafür muss ich aber wieder jemanden hereinbitten. Ihr beide kennt sie schon, sie haben euch schon mal toll unterstützt bei Aushalten. Hier sind eure Zahnärzte des Vertrauens – oder auch nicht mehr danach – Dr. Marc Prothmann und Dr. Jens Fritz. Herzlich Willkommen.“
Klaas stieß einmal genervt Luft aus, bevor er schnell ein Lächeln auf die Lippen legte und den beiden weiß gekleideten Männern mit einer freundlichen Begrüßung die Hand schüttelte. Was etwas durcheinander geriet, weil seine rechte, die ja normal gewesen wäre, definitiv noch nicht so weit war, um weitere Berührungen auszuhalten. Hatte das Publikum wenigstens was zu lachen.
Als Joko und Klaas nun auf der einen Seite, die beiden Ärzte auf der anderen Seite von Steven zum Stehen kamen, legte Joko dem Kleineren eine Hand auf die Schulter, um stumm ihrem Moderator zuzuhören. Half jetzt nicht unbedingt, sich auf dessen Worte zu konzentrieren, wenn die Hand weh tat, der Kopf immer noch leicht schwankte und dann Joko noch näher stehen musste.
„Dieses Mal kein Lachgas“, witzelte Steven, worauf hin Joko nur „Ach schade!“ rief.
„Dieses Mal haben sie etwas anderes fieses mitgebracht. Erzählt doch mal, was ihr da in den Händen haltet.“
Dr. Prothmann hielt seine Hand hoch und zeigte ein normales, langes Wattestäbchen, mit denen Zahnärzte nun mal gerne im Mund rumstocherten. Dr. Fritz hingegen hielt eine kleine Dose hoch und Klaas‘ Magen zog sich zusammen.
„Das hier benutzen wir zur Pulpadiagnostik, auch Sensibilitätsprüfung genannt, und ist nichts weiter als Kältespray.“
„Wie kalt wird das?“, erkundigte Klaas sich sofort. „Ich meine, klar, wir haben das alle schon mal auf die Zähne bekommen, aber wie viel Grad hat das dann?“
„Etwa minus 40 Grad“, erklärte Dr. Prothmann mit entschuldigendem Lächeln.
„Na super…“, stöhnte Joko. Klaas sah zu ihm hoch und flehte innerlich, dass sie wirklich dabei blieben, dass der andere jetzt aushielt, so wie Joko es vorgeschlagen hatte. Eigentlich wollte er sich gerade darauf verlassen, immerhin war Joko derjenige, der so um Klaas besorgt war, aber trotzdem graute ihm davor, die Aufgabe zu hören, und damit einen Grund vor die Füße gelegt zu bekommen, dass er das Kältespray abbekam. Nicht noch mehr Kälte, sein Körper hasste Kälte.
„Ihr könnt es euch wahrscheinlich schon denken: Der Aushaltende kriegt Kältespray auf einen der Schneidezähne. So lange, wie er den Schmerz aushält, kann der andere damit verbringen, folgendes zu tun.“
Wieder kam Max, das Crew-Mitglied, hereingelaufen und hielt Steven einen Zettel hin, der ihn sofort ergriff und mit der Schrift zu sich an der Brust glattstrich.
„Dies ist ein Transkript von der neuesten Folge vom Podcast ‚Baywatch Berlin‘ von unseren werten Herren Klaas Heufer-Umlauf, Jakob Lundt und Thomas Schmitt.“
„Was habt ihr denn damit vor?“, verwirrt zog Klaas die Augenbrauen zusammen und wollte nach dem Papier greifen, doch Steven drehte sich schnell weg.
„Na na na, so geht das nicht, noch nicht drauf schauen. Es geht darum, zu zählen.“
„Wie viele ehms und ähs eingestreut sind?“
„Wie häufig Klaas dumme Sachen von sich gibt?“
„Na pass aber mal auf, mein lieber Freund“, drehte Klaas sich mit gespielt aufgeplusteter Brust zum Brillenträger um und grinste ihn an, als er das Lachen auf dessen Gesicht sah.
„Beides sehr gute Vorschläge, vor allem deiner, Joko, würde aber unsere Zeit hier sprengen. Also nein, wir wollen einfach nur wissen, wie viele E‘s auf dieser einen Seite stehen.“
„Was? Das ist ja einfach.“
„Glaubst du, Klaas, aber du kannst mir glauben, wir haben das mal einigen im Team in die Hand gedrückt und ein erschreckend kleiner Teil hat richtig gezählt. Man überliest halt doch gerne mal Wörter und Buchstaben. Also, anstrengen bitte!“
Die Arme verschränkend und damit die kalte, rechte Hand nochmal zwischen Oberarm und Brust einklemmend, damit sie irgendwie wieder warm wurde, drehte Klaas sich zu Joko und die beiden blickten einander für ein paar Sekunden an.
„Ich habe kein Problem damit, das Kältespray zu nehmen“, sagte Joko schließlich und ging bereits einen Schritt in Richtung der beiden Ärzte.
„Warte“, seufzte Klaas resigniert. „Steven, darf ich eine Frage stellen?“
„Fragen kannst du – mal schauen, ob ich antworte.“
„Haben Jakob und Thomas das auch probiert?“
„Natürlich, das war ja mit das Spannendste an den Proben.“
„Wie gut haben sie abgeschnitten?“
„Worauf willst du hinaus, Klausi?“, mischte Joko sich verwirrt ein und blickte zu Thomas hinter den Kameras, der nur entschuldigend mit den Schultern zuckte und unglücklich einen Mundwinkel runterzog.
„Sie lagen ziemlich weit daneben.“
„Ja, wahrscheinlich weil es noch schwieriger ist, sich auf jedes einzelne Wort zu konzentrieren, wenn du genau weißt, was als nächstes kommt. Ich meine, ich habe mit an dem Skript geschrieben und den Podcast ich weiß nicht wie oft gehört im Schnitt. Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich da so konzentriert rangehen kann wie du, Joko, für dich ist das was Neues.“
„Aber ich habe die Folge doch auch gehört!“, wehrte der Blonde ab.
Die braunen Augen blitzten auf und forderten Klaas stumm auf, nicht das zu sagen, was sich hier gerade anbahnte. Sie hatten doch eben noch gesagt, dass sie es andersrum machen würden und jetzt war Klaas schon wieder auf der Spur in Richtung Aushalten.
„Ich will aber diese Punkte haben, denn wenn du dich umschaust, die nächsten beiden Aufgaben sehen nicht gerade vielversprechend schön aus.“
„Klaas, du hast gerade zweimal Aushalten hintereinander gehabt, deine Hand ist halb abgestorben im Moment und davor hast du dich fast übergeben. Und jetzt willst du noch das Eisspray nehmen?“
„Als ob das ein Wollen ist!“, rief Klaas frustriert und warf die Arme in die Luft.
„Ich brauche jetzt eure Entscheidung, wer was macht“, funkte Steven dazwischen und blickte die beiden Moderatoren abwechselnd an. In seinem Blick war schon das Mitleid zu sehen, dass er für Klaas hatte, denn seine Argumentation war wirklich schlüssig und nachvollziehbar.
„Ah, das gefällt mir gar nicht“, zischte Joko mit über den Kopf zusammen geschlagenen Armen.
„Früher hattest du kein Problem damit, mich einen Wasserfall runter fallen zu lassen und jetzt darf ich kein Kältespray abbekommen?“
Das laute Ja in Jokos Augen ließ Klaas kurz sanft lächeln, doch er schüttelte nur den Kopf. Wenn sie diese Runde und auch die nächste gewinnen würden, brauchten sie nicht mehr die letzte zu machen. Die war die kleinste von allen, also wahrscheinlich die fieseste.
„Ich mache das Kältespray, Joko zählt. Er hat doch gerade bewiesen, dass er so gut mit Zahlen kann.“
„Das war ja mal was ganz anderes“, murrte Joko, doch nickte dann unwillig Steven zu, dass er fortfahren konnte. Klaas war das auch bewusst, aber er war um jede Ablenkung dankbar. Sein Körper wurde gerade ganz schön in Mitleidenschaft gezogen.
„Klaas, dann bitte ich dich einmal zu unseren beiden Zahnärzten Marc und Jens.“
„Ich hasse Kälte. Und jetzt schon zum zweiten Mal, ihr seid solche Wichser!“, empörte sich Klaas in einem letzten Aufruhr vor seinem gefühlten Todesurteil.
„Knie dich am besten hin, im Stehen wird das nichts“, sagte Dr. Prothmann ruhig, der nun beide Geräte in den Händen hielt. Dr. Fritz hockte sich neben ihn auf den Boden und legte eine Hand zwischen seine Schulterblätter, wahrscheinlich um ihn ruhig zu halten, und hielt die andere dann auf Brusthöhe.
„Wenn du aufhören willst, schlag auf meine Hand. Geräusche und Wörter sind kein Abbruch, die sind nicht wirklich zuverlässig, weil du zwischendurch gar nicht mehr still sein kannst. Zum Aufhören musst du auf meine Hand schlagen, verstanden?“
Klaas nickte und blickte kurz zum einen, dann zum anderen.
„Aber das kann nicht irgendwas langanhaltend schädigen, oder?“
Marc schüttelte mit einem kleinen Lächeln den Kopf. „Wir werden davor aufhören, einerseits weil du es nicht mehr aushalten wirst und andererseits weil wir einen Eid abgelegt haben, niemanden zu schaden. Und das ändern wir nicht für eine Fernsehshow.“
Ein bisschen beruhigt atmete Klaas aus und nickte nochmal. Dann spürte er eine weitere Hand auf seiner Schulter, die kurz zudrückte. Joko sah ihn zweifelnd an. Die Frage, ob sie nicht doch tauschen sollten, schwebte glasklar und unausgesprochen zwischen ihnen.
„Steven, wann geht‘s los?“, lenkte der Dunkelhaarige aber ab und wandte sich wieder den Ärzten zu.
Als Antwort kam das Tröten und ein „Jetzt“. Dann hörte er das Zischen und sah den Nebel des Kältesprays, wie es auf dem Wattestäbchen landete, und ergeben öffnete den Mund.
„Hier Joko.“
Sofort begann sein Freund zu murmeln. Klaas sah im Augenwinkel, wie ein Finger nach dem anderen ausgestreckt wurde zum Zählen, dann kam die Kälte an seinem Zahn in seinem Gehirn an und er stöhnte auf.
Jokos Kopf schoss herum und Klaas wedelte nur schnell mit der Hand, weiter zu machen.
Ahhhhhhhhhhhhh…
Als ob sich eine Nadel bis in seinen Kopf bohrte.
Sein Atem wurde schneller und schneller und der Blick von Marc wurde immer finsterer. Die Ärzte tauschten einen Blick aus.
Scheiße, ein Schmerzlaut kämpfte sich aus der Kehle durch den weit geöffneten Mund.
Nein, es ging nicht.
Panisch klatschte er zur Seite, da musste doch irgendwo diese Hand sein. Sein Rettungsring aus dieser verdammten eisigen Hölle.
Er hatte die Hand noch zehnmal mehr getroffen, bis er merkte, dass das Wattestäbchen schon lange nicht mehr in seinem Mund und an seinem Zahn war. Doch der Schmerz und die Kälte zog immer noch durch den Kiefer übers ganze Gesicht.
Sich nach vorne fallen lassend kniete er mit ausgestreckten, auf dem Boden liegenden Armen und versteckte den Kopf vor den Kameras. Einzelne Tränen flossen die Wangen herunter. Sein Kiefer spannte sich immer wieder reflexartig an und er musste sich dazu zwingen, ihn kontrolliert zu öffnen und zu schließen, damit das Zähneklappern nicht wieder anfing.
Stevens Stimme im Hintergrund, die verkündete, dass diese Runde vorbei und verloren war, war ihm in diesem Moment so was von egal. Er hätte doch Joko das Aushalten machen sollen. Er spürte doch, wie sein Körper immer starrer wurde vor Kälte, er immer mehr Energie verlor.
Zwei warme Hände fuhren von seinen Schultern über seinen Rücken, zeichneten große Kreise und Klaas atmete tief ein und aus, konzentrierte sich für einen Augenblick nur auf Jokos beruhigende, warme Berührungen.
„Es tut mir leid, es tut mir leid“, murmelte Joko neben seiner Schulter und Klaas schüttelte nur stumm den Kopf.
Was für ein Scheißtag.
Eine feste Hand drückte seinen Oberkörper hoch und er blickte in das Gesicht der beiden Ärzte, die kurzerhand seinen Mund öffneten, einmal reinleuchteten und mit einem Nicken ihm einen Becher Wasser in die Hand drückten und einen kleinen Eimer daneben hielten
„Ausspülen und ausspucken“, wurde er aufgefordert.
Er merkte, wie Joko neben ihm aufstand und sich mit Steven unterhielt, um ihm so noch einen kleinen Moment zum Runterkommen zu schaffen, bevor sie weiter machen mussten.
Die Ärzte wurden mit brennendem Applaus verabschiedet, Joko und Klaas bekamen einen Trostapplaus und schon führte Steven sie zur nächsten Station.

„Ganz ehrlich, ich traue mich fast gar nicht, die Aufgabe vorzustellen, ne. Es tut mir so leid, Klaas.“
Die Stimme ihres Moderators klang wirklich entschuldigend und der Angesprochene verschränkte die Arme. Joko trat hinter ihn und schlang die Arme um seinen Bauch, zog den Kleineren an seine Brust und legte das Kinn auf seine Schulter. Es war ihm sogar egal, was die Zuschauer dachten, so langsam wurde es einfach zu viel und er lehnte sich leicht gegen die Stütze hinter ihm.
„Hör mir mal zu, wir müssen das Spiel nicht gewinnen, wir haben noch weitere Spiele und dich so kaputt zu machen mit dem ganzen Aushalten bringt rein gar nichts“, murmelte Joko leise direkt an Klaas‘ Ohr und schickte einen warmen Schauer über seinen Rücken, verjagte die Kälte, die immer noch in seinen Knochen steckte, ein bisschen weiter und kurz ließ Klaas es zu, dass er einfach die Augen schloss.
„Wir wollten doch den Jackpot.“
„Und jetzt will ich, dass du hier auf beiden Beinen stehend rausgehst heute Abend.“
„Wir müssen aber spielen, weigern geht ja wohl nicht.“
Leicht drehte er den Kopf zur Seite und starrte in die warmen Augen, die ihn gefangen hielten. Es war schön zu hören, dass Klaas Joko wichtiger war als der Sieg. Auch wenn er das natürlich auch vorher schon gewusst hatte. Aber es zu hören und die Wärme zu spüren, die zwischen ihnen beiden immer öfter gewann, war einfach nur schön.
„Dann gib schneller auf, ist doch egal.“
Das war ihm natürlich auch schon durch den Kopf gegangen, aber dafür war sein Stolz dann doch wieder zu groß.
„Steven, erzähl bitte erstmal“, richtete Klaas sich wieder an den Dritten im Bunde, konnte aber nicht verstecken, wie müde seine Stimme schon so früh in der Aufnahme klang.
Besorgt warf Steven einen Blick von Klaas über Joko zu Thomas, doch der deutete nur an, solange weiterzumachen, bis die beiden Stars der Sendung etwas anderes sagten und das Safeword fiel. Das galt natürlich auch für diese Show.
„Und ganz ehrlich“, gewann Klaas doch nochmal etwas mehr Energie und richtete sich auf, um in die Kameras zu zeigen, „ihr Schweine in der Redaktion, nochmal so bescheuerte Aufgaben und ihr seid allesamt gefeuert!“
Joko gluckste hinter ihm und zog ihn nur wieder zurück, damit sie Steven, der auch ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen hatte, zuhören konnten.
„Ganz knapp: Die Aufgabe ist Suchen. Irgendjemand im Publikum hat einen kleinen ProSieben-Schlüsselanhänger bekommen, den er sich auf den Schoß legen sollte. Die Person darf ihn nicht verstecken, aber der Anhänger ist klein und es sind sehr viele Leute hier“, zuckte Steven mit den Schultern, bevor er fortfuhr, „Aushalten ist Hampelmann machen mit Gewichten an Armen und Beinen, auf einen vergegebenen Beat, der so klingt.“
Ein Schlagzeug-Beat hallte durch das Studio und Klaas nickte kurz mit.
„Okay“, begann Klaas und trat einen Schritt vor, mit dem Jokos Arme von ihm abfielen. Die wurden aber gleich von dem Blonden in die Hüfte gestemmt, der mit ungläubigen Blick zum Jüngeren sah.
„Nein“, unterbrach Joko ihn sofort. „Ernsthaft, du hältst nicht nochmal aus.“
„Komm schon, ob ich nun durchs Studio renne oder Hampelmann mache.“
„Klaasi, du bist wahnsinnig. Da besteht ein klarer Unterschied.“
„Ja, und zwar der, dass ich beim Suchen Treppen rauf und runter rennen muss und so klar im Kopf sein sollte, auf kleine Details wie einen verkackten ProSieben-Schlüsselanhänger zu achten“, erbost zeigte Klaas in Richtung der Zuschauertribüne, den Kopf leicht vorgestreckt und Joko nicht aus den Augen lassend. „Ich habe gerade Räucherkammer, Eisbad und eine Nadel in meinem Kopf durch, glaubst du, da bin ich geistig noch fit genug, um irgendwas zu erkennen, was nicht direkt vor meiner Nase ist!?“
Er hatte es satt. Dieses Spiel, ihren Streit, den besorgten und gleichzeitig verärgerten Blick von Joko, die Schwere, die seinen Körper runterzog…
„Klaas, bitte.“
„Nein, ich sage dir, es bringt nichts, wenn ich suchen gehe. Du bist noch frisch da, dein Kopf ist schon heiß gelaufen mit Mathe und Zählen. Sorry, aber da diskutieren wir nicht weiter drüber.“
„Klaas, du machst einen verdammten Fehler.“
Joko klang mit jedem Satz ein Stück verzweifelter und sah immer wieder zu Thomas, Jakob und Steven, die alle nur mit verschränkten Armen da standen. So waren die Regeln des Spiels, ja, der ganzen Show. Sobald die Aufgaben bekannt gegeben war, war es die Entscheidung von Joko und Klaas. Da hatten die anderen nichts zu melden, auch wenn alle eindeutig und mit zusammen gepressten Lippen etwas gegen diesen Entschluss einzuwenden hatten.
„Das ist aber meine Entscheidung. Steven, ich mache Hampelmann.“
Der Dunkelhaarige wendete sich ihrem Moderator zu und schüttelte verbissen den Kopf. Konnte Joko das nicht einfach akzeptieren? Vielleicht war sein Siegeswille jetzt auch zu groß, aber er ließ sich sicher nichts von der Giraffe an seiner Seite vorschreiben. Auch wenn der es vielleicht nur gut meinte. Zu gut, er konnte sein Gewicht in diesem Kampf sehr wohl alleine halten. Und wenn das nun mal mehrfach Aushalten heute bedeutete, dann war das so. Er würde Joko eh nur enttäuschen, wenn er suchen und nichts finden würde. Da konnte er lieber dafür sorgen, dass der Blonde möglichst viel Zeit hatte.
„Bist du dir überhaupt sicher, dass du noch Hampelmann machen kannst?“, wendete Steven mit Falten auf der Stirn ein und Klaas warf ihm einen kühlen Blick zu, der dem Eiswasser aus Runde 2 Konkurrenz machte.
„Verarsch‘ mich nicht. Schnallt mir die verdammten Gewichte an und lasst uns loslegen, bevor ich irgendwen schlage, weil der sich dieses ätzende Spiel ausgedacht hat. Derjenige gehört auf den Mond geschossen, ganz ehrlich, ohne Anzug oder Luft. Halt das mal aus!“
Sich immer weiter in Rage redend, sah er zwei Crewmitglieder auf sich zu laufen, die ihm gleich darauf mit Sand gefüllte Bänder um Unterarme und Beine schnallten.
„Erwähnte ich schon mal, dass mir das nicht gefällt?“, meldete Joko sich wieder zu Wort. Der Frust war deutlich zu hören und das Publikum blieb glücklicherweise still. Klaas war sich nicht sicher, was er gemacht hätte, wenn sie jetzt gelacht oder gespielt mitleidend reagiert hätten. Wahrscheinlich wäre er aus dem Studio gerannt. Oder gehumpelt.
„Ja, mir auch nicht. Aber wir wissen beide, dass wir die Punkte brauchen“, antwortete er schnippisch ohne den anderen anzusehen. Er wusste, dass der Anblick der bettelnden, braunen Augen nicht gut für sein Gemüt wäre, das nur noch weiter hochfahren würde. In ihm tobte eh schon der Kampf zwischen Vernunft und Flucht.
Er hatte es einfach alles satt. Er wollte nach Hause.
Sie hatten in ihrer Karriere doch eigentlich schon schlimmeres hinter sich gebracht, nur heute war wirklich nicht sein Tag und er wollte sich am liebsten nur ins Bett legen und die Decke über den Kopf ziehen, um diese böse, böse Welt nicht mehr sehen zu müssen.
„Euer Startsignal und dann dein Beat, Klaas. Joko, viel Erfolg.“
Was Klaas gesagt hatte, stimmte auch, er hatte nicht gelogen. Er war viel zu fahrig und sein Körper zu unruhig, um sich so weit zu konzentrieren, einen kleinen Gegenstand zu finden. Joko hatte da bessere Chancen.
Ein Blick in Thomas‘ mitleidende Augen ließ ihn nachdenken, während er seine Hampelmänner anfing. Klaas war sich inzwischen ziemlich sicher, dass die Redaktion einfach unterschätzt hatte, wie lange die Aufgaben brauchten und dass das Aushalten komplett unverhältnismäßig war. Dass er nur wegen diesem Fehler gerade so leidete. Das machte die Situation für ihn natürlich auch nicht besser.
Diese Aufgabe war doch schon zum Scheitern verurteilt. Sein ganzer Körper schrie ihn an, als er gerade mal fünf Hampelmänner vorgeführt hatte.
„Schön oben die Hände zusammen klatschen und wieder bis ganz unten ran an die Oberschenkel“, korrigierte Steven seine Ausführung.
„Halt die Klappe“, schnaufte Klaas nur und sah Joko dabei zu, wie er die erste Treppe zwischen den beiden linkesten Blöcken empor sprang, den Blick jede Reihe entlang rasend.
Der Jüngere biss die Zähne zusammen. Er konnte das schaffen, sie mussten einfach einmal Glück haben. Er hoffte so sehr, dass Joko nur durch Zufall an der richtigen Ecke angefangen hatte.
„Joko, ich bin mal so nett“, richtete Steven das Wort an den Suchenden, „ich gebe dir einen Tipp, du bist gerade sehr kalt.“
„Oh Shit.“
Der Ältere raste die Treppe wieder runter und einmal an Klaas vorbei, der ihn gezwungen anlächelte und ein weiteres Mal die Arme hochstemmte.
„Es wird wärmer.“
Dankend blickte Klaas zu ihrem Freund, der ihm zuzwinkerte. Das war definitiv nicht so geplant gewesen, dass das ein Spiel von Heiß-Kalt werden sollte. Aber jeder mit Augen im Kopf sah die Qual auf Klaas‘ Gesicht. Der bemühte sich weiterhin, im Takt zu bleiben und den Hampelmann ordnungsgemäß auszuführen.
Seine Arme brannten. Der Schweiß auf seiner Stirn und die Hitze in seinen Wangen passten so gar nicht zu der Kälte, die immer noch seinen Körper beherrschte.
Das Pochen in seinen Ohren lenkte ihn gut ab von den weiteren „heißer“-„kälter“-„ganz heiß“-Ansagen. Sein Blickfeld wurde kleiner, kleiner, kleiner. Die schwarzen Flecken vor seinen Augen versuchte er wegzublinzeln – mit nur mäßigem Erfolg.
„Macht Platz, ich seh ihn, lasst mich durch, hier!“
Auf Jokos triumphierenden Jubelschrei ließ Klaas sofort die Arme sinken und spürte, wie das Blut durch seine Venen schoss, sein Puls sich an seinem Hals viel zu kräftig bemerkbar machte und wie er schlicht weg nur zur Seite wegkippen wollte. Bevor er das aber machen konnte, hatten sich zwar kräftige Arme um ihn geschlungen und hielten ihn wie einen Schraubstock fest.
„Sehr gut gemacht“, flüsterte Klaas erschöpft und spürte, wie Joko den Kopf schüttelte. Dann wurde ihm ein Kuss in die Haare gedrückt und er sah erschrocken hoch zu seinem Freund, der ihn nur ungläubig ansah und seine Arme nicht einen Zentimeter lockerte.
„Halt einfach die Klappe, du bist viel zu stur.“
Wahrscheinlich ließ der Größere ihn deswegen nicht los, weil er bemerkte, wie schlaff sein Körper war und wie sehr er an Joko hing anstatt selbstständig zu stehen. Seine Beine waren Wackelpudding, seine Arme zwei Fackeln. Jetzt gerade würde er sich nicht mal hinsetzen wollen, weil das Bewegung hieß und Bewegung hieß Schmerz.
Zwei Crewmitglieder zerrten schon an ihm, um die Gewichte abzunehmen, aber Klaas vergrub einfach die Nase in Jokos Nacken.
„Sehr schön gemacht, das sind 4 weitere Punkte. Mit Runde 1 und 2 zusammen sind wir also bei 7 Punkten.“
Steven schlug ihnen beiden auf die Schulter und lenkte sie ohne weitere Pause zur letzten Station. Klaas hätte ihn gerne angemotzt, aber sein Level an Überschreitungen ihrem Moderator gegenüber war schon gefährlich hoch und er wollte es sich nicht letztendlich mit ihm verscherzen. Also zwang er sich, sich aufzurichten, kniff die Pobacken zusammen und drückte das Kreuz durch, um das Kinn nach oben zu recken.
Joko ließ ihn fast los, eine Hand blieb aber an seiner Hüfte kleben, während sie beide die Station für Runde 5 begutachteten.
„He he, also, falls jemand aufs Klo muss, der kann sich hier das Toilettenpapier abholen“, wedelte Joko lachend mit zwei einzelnen Stücken Toilettenpapier in der Luft, die er sich von der Säule geschnappt hatte und die ihm gleich darauf wieder aus der Hand genommen wurden.
„Erstmal zuhören, dann antatschen!“, maßregelte Steven ihn.
Klaas stand nur still daneben und fuhr mit seinen Händen über seine Oberarme. Ob wegen der Kälte oder wegen der Muskelschmerzen konnte er gerade nicht mehr ganz einschätzen. Der Schmerz verschmolz einfach zu einem Dauerbegleiter.
Der jämmerliche Anblick von ihm ließ Steven nun frustriert auflachen und ihn umarmen.
„Och Klaas, entschuldige. Ich weiß, das Spiel läuft gerade nicht optimal für dich.“
„Ach, wieso? So ein Stinke-Saunabesuch mit Eiswasserabkühlung und Intensivtraining plus kostenloser Zahnarztbehandlung ist doch ein wundervoller Start in die Show!“, gab er gekünstelt lächelnd zurück und auch Joko beteiligte sich an der Gruppenumarmung.
„Das muss man mal dazu sagen, bei keinem Aushalten bisher hat einer von euch viermal ausgehalten!“
„Dieses Mal sind die Kombis halt immer so doof, dass es nur so rum Sinn macht“, antwortete Klaas schnell, denn er merkte schon, wie Joko innerlich anfing, eine kleine Rede zu schwingen und die Redaktion anzuprangern. Er war zwar dankbar, dass Joko ihn in Schutz nehmen wollte und die Ungerechtigkeit sah, aber das nützte jetzt nichts. Sie würden das schon in der Nachbesprechung durchkauen und dann klären, dass so etwas nicht nochmal vorkam. Inzwischen hatten sich die drei wieder voneinander gelöst und schauten auf die vorbereitete Säule.
„Und jetzt mache ich mir Sorgen, dass es wieder darauf hinausläuft“, schob Klaas bei diesem Anblick noch zerknirscht hinterher.
„Ehm, tja, also Aushalten ist dieses Mal Kopfhörer aufsetzen und möglichst lange den Geräuschpegel von 120 Dezibel aushalten. Um euch das zu verdeutlichen, das ist die Lautstärke eines startenden Düsenflugzeugs. Da haben wir dann noch einen schönen Tinitus-Fiepton und laute Rockmusik druntergelegt, damit es ein bisschen Abwechslung gibt.“
„Ist es wenigstens gute Musik?“, fragte Klaas erschöpft und Joko fing an, seine Schultern durchzukneten.
„Das wirst du gleich hören.“
„Auch schön, dass wir ohne das wirklich zu klären, schon festgelegt haben, dass ich auch das letzte Aushalten machen muss.“
„Entschuldige, dass ich das jetzt so entschieden habe, aber mit deiner zitternden Eishand würdest du die Aufgabe nie lösen können und ihr braucht die Punkte von dieser Runde.“
„Ja ja“, meckerte Klaas und schüttelte Jokos Hände ab. Das war doch alles scheiße. Die Kopfhörer schon in der Hand sah er dabei zu, wie der Blonde nach dem Klopapier griff und Steven abwartend ansah.
Dass Joko jetzt sogar keine Widerworte mehr einlegte, zeigte nur, wie resigniert der Blonde war. Ein Blick zwischen den beiden reichte und es war klar, Klaas würde wieder seinen Kopf durchsetzen und Steven hatte Recht. Es führte nichts an diesem letzten, fünften Aushalten vorbei.
„Dein Aufgabe, Joko, ist es, die einzelnen Lagen des Toilettenpapiers auseinander zu ziehen, ohne dass ein Riss da reinkommt. Ich entscheide, ob so kleine Risse an der Kante zu groß werden oder nicht, also lieber nachfragen, ja? Jedes Blatt hat drei Lagen, wir wollen am Ende 30 einzelne Lagen haben, also 10 Blätter auseinander nehmen. Irgendwelche Fragen?“
Joko schüttelte den Kopf.
Klaas schüttelte den Kopf.
„Beeil dich bitte, ja?“
An sich war Lautstärke ja kein Ding, sie haben schon in so vielen Kunstflugzeugen oder sonstigen Gerätschaften gesessen, in denen sie von einer ähnlichen Geräuschkulisse umgeben gewesen waren, aber das so konzentriert ohne Ohrschützer war doch was anderes.
„Hier ist euer Startsignal“, das Tröten setzte ein, „und dann könnt ihr loslegen.“
Schnell fanden sich ihre Blicke ein weiteres Mal und Klaas nickte seinem Freund im gleichen Moment zu, in dem er sich die Kopfhörer aufsetzte.
Am liebsten wäre er wieder auf die Knie gegangen, aber er stützte sich stattdessen auf der Säule ab, auf der Joko sofort anfing, Blätter auseinander zu reißen. Den Kopf kurz abwendend kniff er wieder die Augen zusammen, sein Schädel brummte nur noch stärker, als die Geräusche um ihn gefühlt auch noch lauter wurden.
„Sag mal, dreht ihr das auch noch hoch?“, schrie er und sah, wie Joko und Steven beide einen kleinen Satz zur Seite machten bei seiner Lautstärke. Steven zeigte mit Händen ein klares ‚Nein‘, doch Klaas traute ihrer Regie gerade alles zu.
„Joko, wie viele hast du schon?“
Klaas sah zwar, dass er antwortete, dass seine Lippen sich bewegten, doch über Düsenjet, Musik und Pfeife war nichts zu hören.
„Was? Ich kann dich nicht hören, du Idiot!“
Zum Zeigen hatte Joko natürlich keine Hände frei, weshalb Steven ihm auf die Schulter tippte. Klaas wandte seinen Blick ab, um zu ihrem Moderator zu schauen. Der zeigte einmal alle zehn Finger und dann nochmal 8 – 18 also. Das klang schon mal gut. Doch als er wieder zu Joko blickte, schmiss der nur mit gebleckten Zähnen ein Papier auf den Boden, was längs über die Hälfte gerissen war.
Mit jedem weiteren Blatt wurden Jokos Finger angespannter und immer wieder riss das dünne Papier.
Klaas schrie ihn an, hockte sich hin, drückte die Handballen in die Augen – als ob das irgendwas bringen würde. Seine Ohren fingen an zu klingeln, noch über den ganzen anderen Lärm.
Und dann war da Ruhe, der Ton brach ab und Klaas blickte hoch, sah durch tränenverschwommene Augen zwei hochgestreckte Daumen von Steven. Gleich darauf war Joko bei ihm, riss die Kopfhörer runter und drückte ihn an sich. Eine Hand in die Haare geschoben, die anderen im Nacken liegend presste Joko seinen Freund vollkommen still an sich und drückte, abgewandt von der Kamera, einen zweiten kleinen Kuss in die dunklen Haare.
„Wir haben‘s geschafft. Du hast es geschafft, Klaasi!“
„Ja super“, gab er erschöpft zurück und verließ sich darauf, dass Joko sein Körpergewicht gerade trug.
Steven verkündete, dass Runde 5 ihnen gehörte, sie 12 Punkte hatten und damit Spiel eins gewonnen war, aber Klaas rührte sich keinen Zentimeter. Viel zu angenehm war die feste Umarmung seines Kollegen, die ihn im Hier und Jetzt hielt. Er spürte, wie sich sein Körper entspannte und seine Gedanken ganz weit abdrifteten. Er versuchte, die letzten paar Minuten Dauerschmerz zu verdrängen, und ließ einfach zu, gerade schwach zu sein. Er hatte fünf Runden Aushalten hinter sich, wenn da irgendjemand was von ihm erwartete, konnte der ihn getrost am Arsch lecken.
„Du bist der Wahnsinn, Klaas. Wirklich, du hast das so gut gemacht. Ich bin stolz auf dich. Wie geht es dir? Deinem Kopf, deiner Hand? Sollen wir Pause machen?“
Zu Beginn war Jokos Stimme noch von der Siegesfreude getränkt, doch als er merkte, wie schlapp Klaas in seinen Armen hing, siegte die Sorge hörbar über den Sieg im Spiel. Die Hände an die Wangen des Kleineren legend drückte er sie beide etwas auseinander und blickte in die halb geschlossenen, müden blauen Augen, die sonst so belustigt und lebensfroh strahlten.
„Gib mir eine Minute, dann bin ich wieder da“, nuschelte er und kurzerhand schoben die beiden sich zur Pausenbank am Rand des Spielfeldes.
„Klaas, du kriegst gleich deine Pause. Wir werfen nur ganz kurz einen Blick auf die Tabellenübersicht und sehen: Nach einem Spiel, steht es 1:0 für Joko und Klaas gegen ProSieben.“
„Yay“, lachte Klaas benommen und auch Joko ließ einen Freudelaut heraus, der aber nicht so ganz ehrlich klang. Grund dafür war wahrscheinlich das tote Gewicht seines Freundes, der sich an ihn gelehnt niedergelassen hatte und die Flasche mitsamt dem darum gewickelten Handtuch fest an seine Brust drückte, als ob das sein Rettungsanker wäre.
„Wir gehen damit gleich zu Spiel 2. Und das hat schon vor ein paar Wochen stattgefunden. Ganz gut für euch jetzt, dann hat Klaas ein paar Minuten, um wieder Kraft zu tanken. Joko, willst du uns dann vielleicht kurz erzählen, was ProSieben euch da aufgetragen hat?“
„Ja, natürlich gerne“, sprach der Größere mit einer Freude in der Stimme, die Klaas sonst gerne geteilt hätte, aber jetzt gerade fehlte sie irgendwie. „Vor ein paar Wochen wurden wir von ProSieben gekidnappt und in die Stadt Marl in Nordrhein-Westfalen gefahren, so 20, 30 Kilometer von Gelsenkirchen entfernt. Diese Stadt veranstaltet im Sommer ein Festival mit, mh, künstlerischer Ader. Und unsere Redaktion dachte sich wohl, um den kulturellen Beitrag dieser Show anzuheben, uns da mal reinzuwerfen. Sehen Sie also nun das kreative Geschick des Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt.“
„Viel Spaß!“, warf Klaas noch hinterher und grinste zwar etwas gezwungen, aber dafür breit genug, um glaubwürdig genug zu sein.
Dann fuhren die Lichter ein, dass Spielfeld zeigte die große Zwei und Klaas atmete durch. Die MAZ ging bestimmt zwanzig Minuten.
Zwanzig wundervolle Minuten, in denen er sich hinlegen und ausruhen könnte, bevor sie wieder aktiv ran mussten.