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Abyssus Abyssum invocat

Chapter Text

„Und dann haben Mr. Schnuffel und ich Mummy beim Keksebacken geholfen“, plapperte das kleine Mädchen weiter. Mit stolzer Miene präsentierte sie ihrem Vater einen der kleinen Plastikteller, der zu dem quietschbunten Puppenservice gehörte und auf dem die besagten Kekse lagen.

„Hmm, die sehen wirklich unwiderstehlich aus. Darf ich?“

„Du musst erst Mr. Schnuffel fragen, ob er auch einverstanden ist“, erwiderte die Kleine. Ihre Miene war übertrieben feierlich, eine amüsante Nachahmung des Ernstes von Erwachsenen.

Moff Graver wechselte einen vielsagenden Blick mit seiner Frau, die leise lächelte. Sie saß neben ihnen auf dem großen Sofa, dessen Kissen und Polster aus schwerem, sündhaft teurem Brokat waren, und hatte die langen, schlanken Beine übereinandergeschlagen. Sie war nebenbei einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen – dem Durchblättern eines holographischen Modekatalogs – nachgegangen und hatte das Pad nun beiseitegelegt. Der Moff gestattete sich einen Moment, in dem er in ihrem Anblick schwelgte. Sie war wie alles hier eine Folge seiner tapferen Taten im vergangenen Krieg. Sein ehrenvoller Titel, sein luxuriöser Amtssitz, seine schlagfähige Flotte, seine blutjunge, bildschöne Frau mit nobelster Abstammung aus dem imperialen Adel – alles eine Folge seiner Verdienste in den Schlachten von Utapau, Agamar, Ord Ibanna und natürlich der Plünderung Coruscants, der großen Ruhmesstunde des Imperiums. Jahrzehnte hatte er gekämpft, Jahrzehnte hatte er nach oben gebuckelt und nach unten getreten, um jene Position zu erlangen, die er jetzt innehielt. Er sah es nicht mehr und nicht weniger als sein gutes Recht an, sich nun dem süßen ruhigen Leben hinzugeben, das er sich Dekade um Dekade verweigert hatte. Und mittlerweile hatte er daran großen Gefallen gefunden. Dementsprechend weich und nachsichtig – so verschieden zu dem harten Soldaten, der er einmal gewesen – war das Lächeln, das er seinem kleinen Töchterchen schenkte, bevor er sich an ihren Stoffhasen wandte. „Erlaubnis erteilt, mir einen Keks zu nehmen, Sir?“

Das kleine Mädchen kicherte beim militärischen Jargon ihres Vaters, der durch den neckenden Tonfall aufgelockert wurde. „Erlaubnis erteilt“, erwiderte sie, ihre helle Stimme so tief und dunkel, wie ihr möglich war.

„Hmm, die sind wirklich lecker …“, sagte er dann, noch während er kaute.

„Aber Daddy, Mummy hat doch gesagt, man darf nicht mit vollem Mund sprechen“, wurde er sofort von seinem Töchterchen gemaßregelt. Zur Strafe wurde ihm der restliche Keks abgenommen.

„Aber Plami, Schätzchen, du kannst doch nicht so mit deinem Vater umgehen“, ermahnte sie ihre Mutter sogleich.

Doch der Moff sprang augenblicklich für sie in die Bresche. „Wo sie Recht hat, hat sie Recht“, konstatierte er schlicht.

„Natürlich. Unter deinem Kommando wurden zwar Tausende von Soldaten ausgebildet, aber dein einziges Kind verziehst du.“ Um ihre Aussage zu unterstreichen, hatte sie demonstrativ die Augenbrauen erhoben.

Ihr Mann ahmte ihre gestrenge Miene so übertrieben nach, dass seine Tochter hinter vorgehaltener Hand hell kicherte. Seine Frau, aufgrund ihres jungen Alters selbst noch kindlicher, als sie eingestehen würde, konnte den gespielten Ernst nur wenige Augenblicke länger aufrechterhalten, bevor sie widerwillig grinste. Der Moff ergriff währenddessen ihre Hand, um einen sanften Kuss auf deren Rücken zu hauchen. „Hat man bei einem so süßen Spatz nicht das Recht, sie zu verziehen?“

„Unbedingt.“

Die Familie fuhr zusammen. Keiner von ihnen hatte die in Mantel und Kapuze gehüllte Gestalt bemerkt, die im Schatten des Türrahmens stand. Der Moff, als Veteran des letzten Krieges, fand seine Haltung jedoch augenblicklich wieder. „Identifizieren Sie sich! Sofort!“, fuhr er die Person an. Seine Hand fuhr instinktiv an seine Seite, wo er seine Blasterpistole trug. „Rayman“ bellte er in seinen Komlink am Handgelenk, seinen Adjutanten herbeirufend, während er seine Waffe zog.

„Sparen Sie sich Ihren Atem, Moff“, erwiderte der ungebetene Gast. Die Stimme verriet, dass es eine Frau sein musste. „Es wird niemand kommen.“

Doch Moff Graver wäre nicht so weit in der imperialen Hierarchie aufgestiegen, wenn er so einfach aus der Fassung zu bringen wäre. Als geübter Schütze, der er war, hob er die Pistole und entsicherte sie mit einer raschen Bewegung seines Daumens. Doch mit einer Bewegung, die zu schnell für seine Augen war, hatte die verhüllte Gestalt den Arm ausgestreckt. Der Moff konnte nur überrumpelt dreinblicken, als ihm eine unsichtbare Kraft die Waffe entriss und geradewegs in die Hand seines Gegenübers fliegen ließ. Ein klammes Gefühl machte sich in Gravers Brust breit, doch er bemeisterte seine aufkommende Furcht, gerade um seiner Frau und seiner kleinen Tochter willen. „Also schön“, sprach er, nachdem er ihre Person eindringlich gemustert hatte. Er nahm eine aufrechte, stolze Haltung ein. „Wer will meinen Tod?“

„Ich will ihn“, antwortete die junge Frau, während sie den Blaster locker in ihren Gürtel steckte.

„Natürlich wollt Ihr ihn“, gab er ältere Mann zurück. Ein verächtlicher Ausdruck kräuselte seine Lippen. „Ihr seid schließlich Attentäter, ein billiger Handlanger, der feige und hinterhältig zuschlägt. Doch wer ist Euer Meister? Ich kann mich nämlich nicht entsinnen, welchen Sith-Lord ich verärgert haben soll.“

Ein leises, sardonisches Lächeln wurde unter ihrer Kapuze sichtbar. „Sie haben mir nicht zugehört. Ich bin es, der Ihren Tod will. Ich allein.“

Die soldatisch harte Miene, die der Moff im Angesicht des bevorstehenden Todes aufgesetzt hatte, wich einem verunsicherten Ausdruck. „Aber … Dann verstehe ich nicht. Was soll ich Euch getan haben, dass Ihr mich töten wollt?“

Da schlug die Frau die Kapuze zurück. Der Moff, der mit allen Anzeichen gerechnet hatte, die für einen Sith so charakteristisch waren, den typisch gelben Augen und den schwärzlichen Adern, wurde von ihrem Anblick enttäuscht. Sie schien so normal wie jeder andere weibliche Angehörige der menschlichen Spezies. „Sie kennen mich nicht mehr, nicht wahr?“, fragte sie nach einigen Augenblicken, die sie ihm zum Nachdenken gewährt hatte.

„Sollte ich Sie– Euch denn kennen?“, gab der Moff zurück, unsicher, wie er sie nun ansprechen sollte. Nichts an ihr sagte ihm etwas, nicht ihr herzförmiges, blasses Gesicht, nicht ihr rabenschwarzes Haar, das zu einem hohen Knoten zusammengesteckt war, und auch nicht ihre klaren, blauen Augen unter dem langen Pony, die keine Sekunde von ihm wichen. Wieder verzerrte dieses gequälte Grinsen ihre Züge, denen noch etwas Kindliches anhaftete, obwohl er ihr Alter auf ungefähr Mitte Zwanzig schätzte. „Wagt es nicht, meiner –“, bellte er wieder, als sie zu seiner kleinen Tochter hintrat, die seine Frau beschützend auf den Schoß genommen hatte.

„Weißt du, ich kannte auch einmal ein kleines Mädchen, das von seinen Eltern Spatz genannt wurde. Willst du wissen, wer sie war?“, sprach sie mit leiser Stimme, die in der Stille des Salons erschreckend laut erklang, während sie vor dem Kind niederkniete. Ohne auf eine Antwort zu warten fuhr sie fort: „Es war eine Padawan-Schülerin, eine wahrhaft törichte. Sie war schon in jungen Jahren stark in der Macht, ohne es zu wissen, und weil sie so anders und seltsam erschien, fürchteten und mieden die anderen Menschen sie. Und als sie von den Jedi entdeckt und mitgenommen wurde, war ihre eigene Familie froh, sie losgeworden zu sein. Man bildete sie aus, obwohl sie schon zu alt war, um als Jüngling aufgenommen zu werden, und in den folgenden Jahren, unter der Ägide ihrer Meisterin, vervollkommnete sie ihre Fähigkeiten, bis sie überzeugt war, die Prüfungen zum Jedi-Ritter weit vor der Zeit ablegen zu können. Doch sie scheiterte …“ Sie hielt in ihrer Erzählung kurz inne. Ein Ausdruck der Melancholie, der schwermütigen Erinnerung huschte über ihre Miene. „Ihre Meisterin hieß sie daraufhin im Tempel zu bleiben und über ihr Versagen zu meditieren, bevor sie zu den Friedensverhandlungen nach Alderaan aufbrach. Aber sie wurden betrogen, die Schülerin und die Meisterin, die Jedi und die Republik, denn während letztere mit dem Imperium noch um ein Ende des Kriegs verhandelten, überfiel die Sith Coruscant und zerstörte den Tempel, nachdem sie dort eingedrungen und alle Jedi getötet haben, derer sie habhaft wurden. Während des Überfalls, bei dem die Padawan-Schülerin auch anwesend war, erhielt sie von einem Meister die Anweisung, die Jünglinge in Sicherheit zu bringen. Sie kämpfte tapfer, tötete zum ersten Mal in ihrem jungen Leben – und wurde schmählich besiegt. Sie hatte versagt und der Preis ihres Versagens war der Tod der Jünglinge. Man hatte sie gezwungen, jeden einzelnen Mord mitanzusehen, jeden Streich, jeden Stich, mit denen die Kinder abgeschlachtet wurden. Aber das war nicht ihr Ende – noch nicht. Man hatte herausgefunden, wer ihre Meisterin war, und beschlossen, ihren Tod als Spektakel zu inszenieren.“

Ihr Blick, der die ganze Zeit über auf dem kleinen Mädchen geruht hatte, dessen große, dunkle Augen sie so unschuldig wie verwirrt anstarrten, wanderte bei ihren letzten Worten zurück zu ihrem Vater. Hatte der Moff bisher nicht minder irritiert dreingeblickt, so dämmerte jetzt langsam die Erkenntnis in seinen Zügen herauf. „Nein“, sprach er leise, zu sich gerichtet, als er sie abermals musterte. Das Wiedererkennen erfolgte schließlich in Kombination mit einer Welle klar ersichtlicher Furcht. „Das ist nicht möglich …“

„Unglücklicherweise“, fuhr die junge Frau fort, während sie langsam aus ihrer knienden Position aufstand, den Moff nicht aus den Augen lassend, „hat die Padawan-Schülerin ihre Exekution überlebt und hegt nun das gerechtfertigte Verlangen, für das erlittene Unrecht Vergeltung einzufordern.“ Mit einer Bewegung, so schnell, dass sie für nicht-machtsensitive Personen nur als ein verschwommener Schemen wirkte, hatte sie den Blaster gezückt. Die Mündung zielte unmittelbar auf seine Brust.

„Darius“, stieß seine Ehefrau aus. Ihre Stimme war panisch-schrill und ihre Fingernägel tief in das Kleidchen ihrer Tochter gekrallt, als sie das kleine Mädchen an ihre Brust presste.

Der Moff signalisierte ihr mit einer militärisch knappen Handbewegung, die keinen Widerspruch zuließ, dass sie schweigen möge. Er atmete tief durch und nahm dann Haltung an, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Ihr habt Recht“, sagte er dann. „Ich erinnere mich an Euch. Ihr wart der Padawan von Meisterin Shan, nicht wahr?“ Dass seine Frage rein rhetorischer Natur war, zeigte das bittere Lächeln, dass seine Züge verdunkelte. Mit langsamen, gesetzten Schritte trat er zu der weiten Glasfront hin, die tagsüber einen weiten Blick über die felsigen Ebenen von Begeren gestattete. Jetzt aber spiegelte sich nur sein Abbild in den dunklen Scheiben wider. „Ich kann nachvollziehen, dass Ihr Rache für das wollt, was damals im Tempel geschehen ist. Dennoch könnt Ihr nicht erwarten, dass ich für meine Taten um Verzeihung biete. Ich war und bin Soldat, und Soldaten befolgen Befehle. Und wenn Ihr mich nun dafür töten wollt, so werde ich nicht um Gnade betteln.“ Er machte eine Pause. Die Stille im Raum wirkte dröhnend, vibrierend. „Aber … wenn Ihr noch nicht vergessen habt, dass Ihr einmal ein Jedi wart, dann bitte ich Euch darum, mich zumindest nicht vor den Augen meiner Familie zu töten.“ Seine dunklen Augen waren fest auf ihre blauen gerichtet. Für einen Moment blitzte ein Ausdruck in ihrer Miene auf, der jede Härte, jeden Hass in ihr verneinte. Der Moff glaubte gar schon erkennen zu können, dass sie den Blaster sinken ließ.

Instinktiv krümmte er sich zusammen, als sie dann aber zweimal den Abzug betätigte. Die Augen zusammengedrückt wartete er auf den Schmerz, der nicht kommen wollte, und so sah er auf. Sein Blick folgte ihrem Arm bis zu der Waffe, die nicht auf ihn, sondern zur Seite gerichtet war. Seine Frau hielt noch immer ihre Tochter in den Armen, der Kopf des kleinen Mädchens ruhte auf der Brust seiner Mutter, deren Körper nach hinten gegen die weichen Polster gesunken war. Beider Augen waren noch geöffnet, starr dreinblickend, während aus den Einschusslöchern an ihren Schläfen der Dampf der Plasmaladungen stieg. „Ich –“, stotterte er, „Ihr –“ Weitere Worte folgen, ohne Zusammenhang gestammelt, hilflose Versuche, das eben Geschehene nachzuvollziehen. Er zitterte, seine Beine knickten ihm mehr als einmal weg, als er zu seiner Familie hinüberstolperte. Wieder murmelte er Worte, die keine Kohärenz besaßen. Seine Stimme, zuvor so beherrscht und autoritär, war leise geworden, heiser, brüchig.

Die junge Frau, die den Blaster unterdessen wieder in den Gürtel gesteckt hatte, verfolgte jene seiner Regungen aufmerksam. Ihre Miene gab nichts zu erkennen, einzig ihre vormals klaren blauen Augen hatten ein fahles Leuchten bekommen. „Warum?“, stieß er schließlich aus, gefolgt von einem gequälten Laut, der sich als Aufschluchzen herausstellte.

„Sie baten mich darum, Sie nicht vor den Augen Ihrer Familie zu töten.“ Sie zuckte lapidar mit den Achseln. Einem sorgsamen Beobachter konnte aber nicht die Anspannung entgegen, die ihren Körper durchzog, und auch nicht den grausamen Ausdruck um ihre Mundwinkel herum, die langsam die Form eines bösen Lächelns annahmen.

Worte konnte nicht beschreiben, wie dieses Lächeln die Seele des Mannes vor ihr brach, und es gab auch keine Worte, die er ihr dafür hätte entgegenschleudern mögen. Es war reiner Instinkt, stumpf und blind, der ihn aufspringen und auf sie zurennen ließ. Es bedurfte nur einer knappen, herrischen Handbewegung, damit ihn eine unsichtbare Kraft von den Füßen riss und gegen die weite Glasfront schmetterte. Das Glas knirschte und splitterte unter dem Aufprall, ohne zu brechen. Stoßweise ein- und ausatmend versuchte Graver, sich vom Boden hochzustemmen. Er hätte es ebenso gut sein lassen können, da die junge Frau, deren Identität er zu spät erkannt hatte, abermals die Hand erhob, und wiederum wurde er, hilflos wie die Puppen seiner kleinen Tochter, in die Höhe gezogen. Sie betrachtete ihn einen Moment, den Kopf fragend zur Seite geneigt, doch lag nichts Neckendes oder Ironisches darin. „Sie haben wohl geglaubt, dass Sie so einfach davonkommen würden … Dass euch niemand dafür zur Rechenschaft zieht, was ihr in unserem Tempel getan habt, weder der Senat oder die verbliebenen Jedi …“ Ein bitterer, verbitterter Ausdruck verzerrte ihre Miene für einen Moment. „Aber ihr habt euch alle geirrt. Ihr habt uns betrogen und dafür werdet ihr bluten, ihr alle, ihr Imperialen und die Sith, und –“

„Erspart mir Euer selbstgerechtes Geschwätz!“, bellte der Moff. Sein Gesicht war aufgrund des Macht-Griffes, mit dem sie ihn gepackt hatte, rot angelaufen. „Sie hätten dir den Kopf abschlagen sollen, dir dreckigen Jedi-Abschaum, und dich mit ihren Blitzen zu einem Häufchen Asche verbrennen!“

Sein Ausbruch ließ sie zusammenzucken, ließ sie einen Schritt zurücktreten. Als sie aber den Schreck und die plötzliche Erinnerung, die seine Worte in ihr ausgelöst hatten, einen Moment später von sich abschüttelte und mit langsam ruhigen Schritten auf ihn zuging, war das Blau ihrer Iriden noch fahler und gelblicher geworden. „Das ist gut“, wisperte sie, vielleicht zu ihm, vielleicht zu sich selbst. „Oh, das ist gut. Ich hatte nämlich schon Sorge, dass Sie Ihre Taten möglicherweise bereuen könnten, jetzt, da Sie selbst Vater sind. Beziehungsweise“, sie warf einen Blick, der vor falschem Bedauern nur so triefte, auf sein totes Töchterchen hinüber, „waren.“ Wieder entstellte dieses Lächeln, durchfressen von Bosheit, ihr Gesicht. „Aber ich freue mich zu sehen, dass Sie sich so gar nicht verändert haben, Eure Exzellenz.“ Zusätzlich zu der korrekten Anrede deutete sie eine Verbeugung an, wie es das imperiale Gesetz als Respektsbekundung für einen Inhaber des Moff-Titels vorsah. „Es würde mir dann nicht halb so viel Freude bereiten, Sie zu töten. Sie wissen ja, wie man sagt: Den Guten Gutes und den Bösen Böses.“

„Und Ihr als Richter darüber, wem was zusteht?“ Gravers Stimme war ruhig geworden und zynisch, bevor er ein Schnauben ausstieß. „Seht Euch selbst an, seht, was aus Euch geworden ist, Violet Spes.“ Es hatte gedauert, bis er ihren unbedeutenden Namen aus den hinteren Winkeln seines Gedächtnis zusammengekratzt hatte, doch jetzt, endlich gefunden, spukte er ihn voller Verachtung heraus. „Was würde nur Großmeisterin Shan sagen, wenn sie sehen könnte, was aus ihrem einstigen Vorzeige-Padawan geworden ist?“

Sie erstarrte kurz, dann trat sie ihm mit voller Wucht ins Gesicht. „Wagen Sie es nicht, über meine Meisterin zu sprechen!“, schrie sie. Ihre schrille Stimme überschlug sich förmlich, als der letzte Rest ihrer Beherrschung von ihr abfiel.

Der Moff, der sich die gebrochene, blutende Nase hielt, stieß ein abgehaktes, keuchendes Lachen aus. „Ich dachte, es gebe keine Leidenschaft, sondern nur Gelassenheit?“ Seine Verspottung des Jedi-Kodex brachte ihm einen weiteren Tritt ins Gesicht ein.

Keuchend am Boden liegend, speiübel und schwindelig von der Gewalteinwirkung gegen den Kopf, schaffte er es dennoch, ihr einen Blick zuzuwerfen, der voll unbeugsamer Härte und Hass war. Ihr Atem ging nicht minder schwer als seiner, als sie auf ihn niedersah. Dann griff sie in ihren Mantel. Der Moff hatte erwartet, dass sie ihr Lichtschwert zücken würde, stattdessen zog sie langsam ein Jagdmesser aus seiner ledernen Scheide zog. „Heute ernten Sie, was Sie in Coruscant gesät haben, Moff“, flüsterte sie.

„Und heute seid Ihr zu dem geworden, das Ihr früher bekämpft habt“, zischte Graver zurück. „Ihr steht einem Sith in nichts mehr nach.“

Der fahle Glanz ihrer Augen verstärkte sich bei seinen Worten, bis er die brennend-gelbe Farbe eines Sonnenuntergangs angenommen hatte. „Ach, tue ich das?“ Ein weiterer Tritt ins Gesicht warf ihn rückwärts auf den Boden. „Dann brauche ich mich ja nicht mehr zurückzuhalten, nicht wahr?“ Mit einem zähnebleckenden Grinsen beugte sie sich über ihn und rammte ihm das Messer in den Abdomen.

Chapter Text

„Pah, was für ‘ne Sauerei.“ Der Forensiker der imperialen Militärpolizei zog eine angeekelte Miene, als er das glitschige, blutige Etwas vom Boden aufhob, das sich als menschliches Organ entpuppte.

„War das letzte Mal auch schon so“, gab sein Kollege gelangweilt zur Antwort, der die mit dem Blut des Moffs an der Wand geschriebenen Worte auf Fingerabdrücke abscannte. „Wirklich schade, was? Er hatte ‘n hübsches, kleines Frauchen“, plauderte er weiter, ohne sich um irgendeine Pietät gegenüber den Ermordeten zu bemühen. Er nickte zu den anderen Forensikern hinüber, die dabei waren, die Leichen abzutransportieren. „Apropos, wie geht’s eigentlich deiner Frau? Hat sie ihre Pseudodepressionen endlich überwunden?“

„Hey, damit ist nicht zu spaßen.“

„Ach komm‘ schon … Sind doch die gleichen Mätzchen wie vor drei Jahren, als sie angeblich einen Burn-out hatte. ‘nen Burn-out vom Aktensortieren.“ Er grinste breit in sich hinein, was ihm einen genervten Blick von Seiten des betroffenen Ehemanns einbrachte.

„Sie will sich jetzt einen Hund zulegen, zur Aufmunterung und zum Spazierengehen und so. Weil ich ja nie Zeit für sie hätte.“

Sein Kollege quittierte diese Neuigkeit mit einem weiteren Grinsen und Glucksen. Ihr triviales Geschwätz wurde von einem älteren Mann in grauer Militäruniform und mit den roten Abzeichen des Geheimdienstes am Kragen unterbrochen, der kurz zuvor den Raum betreten hatte. „Alle Mann zusammenpacken und abrücken. Der IND übernimmt.“

Beide Männer sahen sich halb fragend, halb neugierig an, doch taten es schließlich ihren Kollegen gleich. „Beeil‘ dich mal. Mit den Typen vom Geheimdienst soll nicht gut Kirschen essen sein“, zischte der Forensiker, als sein Kollege aus Neugierde absichtlich herumtrödelte.

Der Getadelte macht hingegen nur eine wegwerfende Handbewegung und ließ sich auch sonst nicht aus der Ruhe bringen. Er sah erst wieder auf, als ihm ein beklemmendes Gefühl den Rücken runterlief. Ein weiterer Mann – er vermutete anhand seiner Statur, dass es sich um einen Mann handelte, da sein Gesicht von einer vollkommen geschlossenen Maske bedeckt war – hatte den Raum betreten und betrachtete die Szenerie mit auf dem Rücken verschränkten Händen. Seine Ruhe strahlte eine eisige Kälte aus, als er mit gesetzten Schritten zur Wand hintrat, um den mit Blut geschriebenen Spruch zu lesen. Bisher hatte er die Forensiker ignoriert, die nun in panischer Eile, die einem unerklärlichen Angstgefühl entsprang, das seine Gegenwart in ihnen hervorrief, ihre verbliebenen Utensilien zusammenrafften und sich aus dem Staub machten.

„Man erntet, was man sät“, las Darth Jadus vor. Er nickte zu sich selbst, als er den Spruch von anderen Tatorten von ermordeten Imperialen wiedererkannte.

Der Aufseher, wie der andere ältere Mann offiziell genannt wurde, hatte sich unterdessen die Leichen angesehen. „Regelrecht geschlachtet, genau wie die anderen“, teilte er seinen Vorgesetzten mit. „Stich in den Abdomen, Schnitt hinauf bis zum Brustbein, aufgebrochener Brustkorb und das Herz herausgerissen … Was ist das nur für ein Tier …“ Er schüttelte den Kopf.

„Kein Tier, sondern ein Jäger.“

Der Tonfall seines Vorgesetzten, in welchem eine gewisse Bewunderung für das angerichtete Blutbad mitschwang, missfiel dem Aufseher, doch stand es ihm nicht zu, einem Mitglied des Dunklen Rats zu widersprechen. „Wenn nun publik wird, dass auch noch Graver ermordet wurde, könnte Panik in den Reihen der Veteranen von Coruscant ausbrechen“, fuhr er fort. „Ich schlage daher eine Neubewertung dieser Causa sowie die Hochstufung auf Geheimhaltungsstufe 5 vor, mein Lord. Es müssen außerdem Maßnahmen ergriffen werden, um die Sicherheit von Großmoff Kilran zu gewährleisten, da er als potentielles Ziel in Frage kommt, sofern es sich um die gezielte Ermordung von Coruscant-Veteranen handelt, wofür die Fakten klar sprechen.“

Ungeduldig, aber ohne Alternative wartete der Aufseher auf eine Antwort. Er konnte nur ahnen, worauf sich der Dunkle Lord fokussiert hatte – womöglich auf eine potentielle Machtaura des Täters, die diesem Ort noch anhaftete –, doch er wusste selbst, dass es besser war, den Künsten der Sith nicht in die Quere zu kommen. „Ja, tun Sie das“, antwortete Jadus schließlich. „Und schicken Sie auch eine Warnung an jene Sith, die die Operation damals anführten. Sie sollen sich auf einen möglichen Besuch eines Jedis einstellen.“

„Haltet Ihr das wirklich für das Werk eines Jedis? Könnte es nicht auch ein republikanischer Agent sein, der die Brutalität des Mords bewusst inszenierte?“, wandte der Aufseher ein.

„Natürlich“, antwortete der Darth, ohne dass seine Stimme etwas von seiner sanften Ruhe einbüßte. „Aber ein republikanischer Agent würde keine Machtsignatur seiner Person zurücklassen. Und diese Signatur …“ Er machte eine Bewegung mit seiner Hand, als wollte er die Luft selbst ergreifen. „So viel Zorn, so viel Schmerz … Das ist die Präsenz eines Jedis, der keinen Frieden und keine Gelassenheit mehr kennt, der sich in der Dunkelheit verloren hat.“

„Wie lauten Eure Anweisungen, mein Lord?“, hakte der Aufseher nach, als Jadus nicht weitersprach.

„Ich werde eine Sitzung des Dunklen Rats einberufen, um die anderen Ratsherren hiervon in Kenntnis zu setzen. Vielleicht überlassen wir diese Angelegenheit auch Ravage und seiner Sphäre. Sollen die Diplomaten sich ruhig in einen Krieg der schönen Worte mit der Republik verwickeln lassen … Wir widmen unsere Zeit und unsere Ressourcen wichtigeren Zielen als dem privaten Rachefeldzug eines abtrünnigen Jedis.“

Diese Vorgehensweise war einmal mehr nicht nach dem Geschmack des Aufsehers, doch er schwieg, wie er immer schwieg.

 

Zur selben Zeit flog ein alter Frachter corellianischen Typs durch den Hyperraum. Das Ziel: Nar Shaddaa, der Schmugglermond über der Thronwelt des Huttenraums Nal Hutta, verrucht und verrufen wie kein zweiter Ort in der gesamten Galaxis, wo das Verbrechen regierte und niemand Fragen stellte, wenn die Bezahlung passte. Sich um diese zu sorgen hätte nun, nachdem sie den letzten Imperialen auf ihrer Liste ausgeschaltet hatte, die oberste Priorität jener jungen Menschenfrau sein sollen, die hinten im Frachtraum zwischen den leeren Containern saß. Stattdessen hing Violet ihren Gedanken nach, die unzusammenhängend und sprunghaft kamen und gingen, während sie mit ihrem Messer spielte. Der Rausch des Mordens war mittlerweile vergangen, und die Ernüchterung, die darauf folgte – die immer darauf folgte – fühlte sich feucht und kalt an wie ihr durchgeschwitztes Shirt, das an ihrer Haut klebte. Es war surreal gewesen, als ihre Klinge in Gravers Bauch eintauchte und sich ihren Weg aufwärts bis zu seinem Brustbein fraß; ihr Bewusstsein hatte sich als getrennt von ihrem Körper angefühlt, als sie seinen Brustkorb aufbrach, sein noch schlagendes Herz herausgerissen und ihre Zähne hineingeschlagen hatte, und als sein heißes Blut, das sie aus dem Organ heraussaugte, ihrer Kehle hinabrann, war sie nicht länger der gefallene Padawan gewesen, der seit knapp zehn Jahren jenem imperialen Einsatzkommando nachjagte, das verantwortlich für die Plünderung Coruscants und die Zerstörung des Tempels war. Ihr Geist, verwirrt von der Vielzahl ihrer Gefühle, davongerissen vom Sturm des Hasses, zerfressen vom Gift der Lust an Qual und Zerstörung und zugleich gepeinigt von der Erkenntnis der Abscheulichkeit ihrer Taten, hatte sich in den Sphären der Macht verloren. Bilder von Ereignissen, von denen sie nicht wusste, ob sie schon stattgefunden hatten oder erst in einer fernen Zukunft stattfinden würden, waren vor ihren Augen aufgeflackert und wieder erloschen; Geräusche – Lachen, Weinen, Schreien, Stöhnen, Brüllen, Wimmern – waren aus den Weiten des Alls bis an ihr Ohr gedrungen. Und sie selbst hatte nicht länger um ihre eigene Identität gewusst, hatte nicht länger gewusst, ob sie noch die kleine Jägerin des Spes-Clans von Odessen war, der Vorzeige-Padawan der Satele Shan oder der abtrünnige Jedi auf seinem Rachefeldzug quer durch die Galaxis.

Violet zuckte zusammen, als schwere, polternde Schritte die Stufen zum Frachtraum herunterkamen. Rasch zog sie die Kapuze ihres Manteln bis tief ins Gesicht. Es war der Erste Offizier Jax, ein griesgrämig dreinblickender Houk. Er stoppte erst, als er unmittelbar neben ihr stand und nun mit verschränkten Armen auf sie niedersah. „Noch rund ‘ne halbe Stunde, dann sind wir da“, knurrte er schließlich, als sie weder mit Blicken noch mit Worten seine Anwesenheit zur Kenntnis nahm. „Der Boss will dann gleich sein Geld sehen, klar? Deine Anzahlung hat gerade mal für die erste Woche gereicht. Und denk‘ ja nicht daran, du könntest uns übern Tisch ziehen, verstanden?“

„Ich habe einen Deal mit deinem Boss, nicht mit dir. Ich schulde dir keine Rechenschaft. Also schwirr‘ ab.“ Sie streifte ihn mit einem verächtlichen Blick, bevor sie sich ihrem Spiel mit dem Messer wieder zuwandte.

Die kurzangebundene Art, mit der sie ihn abgefertigt hatte, brachte Jax‘ ohnehin cholerisches Temperament zum Kochen. Angedenkens ihrer tödlichen Fähigkeiten riss er sich aber widerwillig zusammen. Außerdem würde ihm die nächste Fracht – eine Ladung Sklaven für die Gewürzminen des Kessel-Systems – ausreichend Gelegenheit bieten, seine schlechte Laune abzubauen. Mit schweren Schritten stampfte er also wieder den Frachtraum hinauf und begab sich unverzüglich ins Cockpit, wo sich Captain Leikon Zhim, ein erfahrener tognathianischer Schmuggler und Kopf ihrer Bande, mit dem Zweiten Offizier, einem jungen Duro namens Snuff, der noch nicht einmal die Zwanzig überschritten hatte, aber so versiert im Umgang mit sämtlichen technischen Belangen des Schiffes war wie ein erfahrener Ingenieur, befand. Momentan hatten beide nichts zu tun, da der Schiffscomputer sie zielsicher durch den Hyperraum navigierte, also hatten sie eine Partie Sabacc über den Konsolen hinweg begonnen. „Was macht unser werter Gast?“, fragte Zhim beiläufig.

„Viel zu gut“, gab Jax grimmig zurück. „Hätte mir gefallen, wenn sie mal eins auf Maul bekommen hätte. Ihr Glück ist ja regelrecht unverschämt.“

„Ihr Glück ist unser Glück. Hätte man sie erwischt, hätte man auch uns erwischt. Zumindest könnten wir’s dann abschreiben, noch an unser Geld zu kommen“, erinnerte ihn sein Boss.

Der Houk schnaubte. „So langsam hab‘ ich sowieso meine Zweifel, ob wir jemals mehr sehen als die paar Credits von Anzahlung“, fuhr er fort. Da keiner der beiden Männer seinem Meckern weitere Beachtung schenkte, boxte er Zhim leicht gegen die Schulter. „Was machen wir, wenn sie sich weigert, uns zu bezahlen? Vielleicht hat sie die Credits auch gar nicht.“

„Kannst du deine Paranoia auch mal abstellen?“, mischte sich nun auch Snuff ein.

„Misch‘ dich nicht in Erwachsenengespräche ein, Jungchen!“ Jax versetzte ihm einen Schlag gegen den Hinterkopf. „Also?“, wandte er sich wieder an den Tognathianer.

Zhim kannte seinen Ersten Offizier lange genug, um zu wissen, dass er nicht eher Ruhe gäbe, bis das Thema zu seiner Zufriedenheit durchgekaut wäre. „Wenn sie sich weigert, uns zu bezahlen, dann drohen wir damit, sie bei der imperialen Vertretung gleich auf Shaddaa anzuzeigen. Die wird es nämlich ganz bestimmt interessieren, wer dafür verantwortlich ist, dass ihre Kriegshelden der Reihe nach den Löffel abgeben.“

„Und wenn sie abtaucht? Wenn man irgendwo vor den Behörden verschwinden will, dann ist Shaddaa doch der beste Ort der Galaxis dafür“, wandte Jax ein.

Die Miene des Captains, ohnehin halb unter dem Atemschutz verborgen, die seine Spezies innerhalb einer sauerstoffhaltigen Atmosphäre tragen musste, gab keine Regung preis, als er schließlich an seinen Gürtel griff, um ein kleines, sensorenähnliches Gerät zu zücken. „Peilsender“, sagte er lapidar. „An ihrem Stiefelabsatz. Schon seit fünf Wochen.“ Schließlich wurde ein durchtriebenes Grinsen unter seiner Maske ersichtlich, gefolgt von einem leisen, dunklen Lachen, in das seine Männer einstimmten.

Eine Dreiviertelstunde später landete der kleine, alte Frachter in einem Hangar der Exchange nahe dem Duros-Viertel. Jax verließ das Schiff als Erster, nur um gleich von einem Gamorreaner abgefangen zu werden, der im Auftrag des huttischen Bareesh-Clans die eindringliche Aufforderung zur Begleichung des letzten Kredits überbrachte. Ihren schnell hitzig werdenden Streit wollte Violet nutzen, um sich unbemerkt von Bord zu stehlen. Kaum die Rampe betreten, wurde sie aber schon von Captain Zhim abgefangen. So cholerisch sein Erster Offizier Jax und so unruhig-nervös sein Mechaniker Snuff waren, so unnahbar-kalt trat der Tognathianer auf, als er die junge Frau mit seinen kleinen, tiefliegenden Augen fixierte. „10.000 pro Woche, das macht bei den knapp fünf Wochen 50.000, wie vereinbart.“

„Ich weiß“, gab Violet knapp zurück.

„Wann und wo kriegen wir unser Geld?“

Sie überlegte einen Moment. „Ich muss es natürlich erst holen. In zwei Stunden?“

„Gut. Glatteis-Cantina?“

„Etwas weniger öffentlich wäre mir lieber“, wandte sie ein.

„Die Cantina hat auch Hinterzimmer“, entgegnete der Captain.

Eine der kleinen Spelunken und Kaschemmen im Rotlichtsektor wäre zwar eher nach Violets Geschmack gewesen, die öffentliche Orte nach Möglichkeit weiträumig mied, aber sie ahnte, dass der Tognathianer nicht darauf einginge. Sie konnte ihm sein Misstrauen nicht verdenken, argwöhnisch und immer mit dem Schlechtesten rechnend, wie sie selbst war. „Gut. Aber seid pünktlich.“

Damit war die Sache für Violet fürs Erste geklärt. Abermals hielt sie die schwere Hand des Captains zurück. „Nur damit wir uns klar verstehen“, sprach er eine Nuance leiser, eine Nuance dunkler. „Wenn du nicht zum Treffpunkt kommst, melden wir dich bei der imperialen Vertretung. Wenn du uns um unser Geld prellen willst, melden wir dich ebenfalls. Und versuch‘ erst gar nicht, dich aus dem Staub zu machen. Wir würden dich finden, kleiner Jedi, und dir würde nicht gefallen, was dann passiert.“ Violet lief ein Schauer über den Rücken, der ihr jede schlagfertige Antwort auf seine Drohung raubte. Sie hatte in ihrer Gegenwart nie die Macht verwendet und ein Lichtschwert, das Erkennungszeichen für schlichtweg jeden Jedi und Sith, trug sie seit jenem verhängnisvollen Tag von Coruscant nicht mehr. Die Antwort auf ihre stumme Frage, was sie verraten hatte, folgte auch unmittelbar. „Du hast es schlau angestellt, zugegeben. Hast für jede Mission ‘ne neue Crew, ‘n anderes Schiff gesucht, damit’s wie einzelne Mordaufträge ohne jeden Zusammenhang aussieht. Aber ich bin weder ein Dummkopf noch ein Anfänger. Ich habe Erkundigungen über dich eingezogen, bevor ich deinen Auftrag angenommen habe. War ganz schön interessant, was über dich herausgekommen ist, dass du ‘n Machtnutzer bist und die Imperialen jagst, die sich in den letzten Kriegstagen auf Coruscant ‘nen Namen gemacht haben.“ Leikon Zhim legte eine kurze Pause ein. Er warf einen knappen Blick auf seinen Ersten Offizier, der noch immer mit den Gamorreanern diskutierte, bevor er sich wieder an die junge Frau wandte. Ihre Miene war regungslos, ein perfektes Sabacc-Gesicht. „Der lange Rede kurzer Sinn: Sei du lieber pünktlich und bring‘ besser unser Geld mit, wenn du nicht willst, dass die hiesigen Imperialen von dir Wind bekommen.“

Abrupt ließ er ihrem Arm, den er eisern umgriffen hatte, los und stieß sie zur Seite. Violet starrte ihm hinterher. Als sich schließlich der Mechaniker und Zweite Offizier Snuff anschickte, das Schiff als Letzter zu verlassen, zog sie die Kapuze ihres Mantels noch ein Stück tiefer ins Gesicht und wandte sich ab. Niemand schenkte ihr mehr als einen flüchtigen Blick, als sie den Hangar und die daran anschließende große Frachthalle durchquerte, in der sich Gruppen und Waren freier Söldner und Exchange-Schergen tummelten, und den Turbolift hinunter zur Ebene des Transportwesens nahm. Sie hatte keinen einzigen Credit, also ging sie an den Shuttles vorbei und stieg stattdessen in einen der Schnellzüge ein, die die Sektoren miteinander verbanden. Sie verzichtete darauf, auf einem der versifften Sitze Platz zu nehmen. Es waren nicht viele Leute unterwegs, ein paar kleine, unterbezahlte Arbeiter, deren Schicht in den hiesigen Fabriken zu Ende war und die nur noch nach Hause wollten, und etliche Kleinkriminelle, die jede nur erdenkliche Droge an Interessenten veräußerten. Violet winkte ungeduldig ab, als eine der kläglichen Gestalten, ein junger, abgemagerter Twi’lek mit vernarbten Lekku an sie herantrat und leise fragte, ob sie ein wenig Spice, Luna-Gras oder Killersticks kaufen wolle. Als er erneut ansetzte, seine Waren anzupreisen, verpasst sie ihm einen groben Stoß, der ihn in die nächste Ecke schickte.

Zwei Stationen weiter konnte sie die fragwürdige Gesellschaft der anderen Passagiere hinter sich lassen. Ihr Weg führte sie zurück an die Oberfläche des Mondes, die aus tiefen Straßenschluchten bestand, die von den hoch in den trüben Himmel gebauten Wolkenkratzern verdunkelt wurden und wie in Coruscant die Heimat der Ärmsten der Armen und Brutstätte des Verbrechens waren. Schnellen Schrittes, ohne sich um irgendjemand anderes als sich selbst kümmernd, folgte sie den verdreckten Straßen, bis sie an einem der kleineren Hochhäuser ankam, das im Unterschied zu den Wolkenkratzern mit ihren vielen hundert Stockwerken gerade einmal über etwas mehr als dreißig verfügte. Es war wie so viele Unterkünfte hier in der untersten Ebene ein alter, schäbiger Betonbau, so funktional wie hässlich. Beim Betreten des Gebäudes stellte Violet fest, dass die Scheiben der Eingangstür noch wie vor fünf Wochen zerschlagen waren, sodass man von außen hineingreifen und sich somit ganz bequem Zutritt verschaffen konnte. Zu einem anderen Zeitpunkt, in einem anderen Leben hätte sie sich vielleicht darüber aufregen können, aber Nar Shaddaa hatte sie gelehrt, allem Schlechten mit dumpfer Teilnahmslosigkeit zu begegnen.

Keine zehn Minuten später kam sie im vierzehnten Stock an, wo sich ihr Einzimmerapartment befand. Eine leichte Handbewegung ausführend entriegelte sie das von innen versperrte Schloss und die vorgelegte Türkette mithilfe der Macht, was den Vorteil hatte, keinen Schlüssel mit sich führen zu müssen, der einem der zahlreichen Taschendiebe hätte zum Opfer fallen können. Und kaum dass die Wohnungstür hinter ihr wieder ins Schloss gefallen war, fiel auch jede Anspannung und jedes an Paranoia grenzendes Misstrauen von Violet ab. Müde, die Augen geschwollen und der Schädel dröhnend, ließ sie sich auf das Sofa plumpsen, das gleichzeitig als Bett diente. Sie gestattete sich einen Moment der Ruhe, dann sorgte eine weitere Handbewegung, deren Lässigkeit die Routine verriet, dafür, dass von der schmalen Küchenzeile an der gegenüberliegenden Wand eine Schachtel mit Keksen und eine kleine Wasserflasche zu ihr herüberflogen. Während sie aß und zwischendurch die Flasche mit raschen Zügen leerte, versank Violet in düstere Gedanken. Sie musste erst gar nicht die alte Sporttasche hinter dem Schrank hervorholen, um zu wissen, dass sie Leikon Zhim und seine Leute nicht bezahlen konnte. Schließlich war sie einmal nicht davon ausgegangen, dass sie rund einen Monat Aufklärungsarbeit auf Begeren brauchte, um einen Plan entwickelt zu haben, wie sie an Moff Graver herankäme. Als hätte dieser Hund geahnt, dass noch jemand eine Rechnung mit ihm offen hatte, war das imperiale Hauptquartier und seine Villa scharf bewacht und gesichert gewesen, wesentlich strenger, als man es für den Verwaltungssitz eines Moffs in einem abgelegenen System weit im imperialen Raum erwartet hätte. Genützt hatte es Graver trotzdem nichts, resümierte Violet. Andererseits steckte nun auch sie in nicht unerheblichen Schwierigkeiten, denn Zhims Worte waren zu ernst und seine Miene zu entschlossen gewesen, damit er nur bluffte. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass er nicht augenblicklich zum nächsten imperialen Posten laufen und sie verraten würde, wenn sie nachher mit nur einem Credit weniger als vereinbart auftauchte. Eine Lösung musste also her und zwar schnell.

Noch einen Moment dachte sie nach, ging die Möglichkeiten ihres Handelns durch, obwohl sie schon ahnte, dass es nur auf eine ganz einfache Lösung hinausgehen konnte. Dann stand sie auf, um doch noch ihre Credits durchzuzählen. Von der Viertelmillion, die sie im letzten Jahr einer Gruppe zygerrianischer Sklavenhändler gestohlen hatte, war kaum mehr als zwanzigtausend übrig. Damit der Haufen größer aussah, als er war, und ihre Auftraggeber nicht bereits beim Öffnen der Tasche misstrauisch werden würden, stopfte sie zwei alte Shirts in die Sporttasche und warf dann die größeren und kleineren Metallplättchen darüber. Genau diese Zeit, die sie brauchten, um das Geld durchzuzählen, würde sie dann nutzen, um ihnen den Hals aufzuschlitzen.

Ein Schauer rann Violet über den Rücken, ihre Hände fühlten sich auf einmal feucht und klamm an. Das Töten an sich war etwas, das ihr im Blut lag, das sie bereits getan hatte, noch bevor sie lesen und schreiben erlernte, und das sie in den letzten Jahren nicht selten bis zum Exzess betrieben hatte. Und doch hatte sie sich nie an das Töten von Menschen oder anderen intelligenten Spezies gewöhnen können, und so fühlte sich jede neue Tat wie die erste an, entsetzlich in ihrem Bewusstsein, ein Leben ausgelöscht zu haben, aber gleichzeitig ekstatisch wie ein gewaltiger Rausch, der ihre Sinne übermannte und ihren Organismus erschütterte und ihr mit aller Macht zeigte, dass sie noch immer am Leben war.

Bevor sie das schäbige Apartment verließ, zückte Violet noch einmal ihr Messer und zog dessen Schneide über einen alten Ledergürtel ab. Sie war makellos wie an jenem Tag, als sie mit ihrer zukünftigen Meisterin Satele von ihrem Heimatplaneten nach Coruscant aufgebrochen war und als Abschiedsgeschenk ihre eigene Jagdklinge erhalten hatte. Ihr Daumen fuhr über das in den Stahl eingravierte Emblem, das den Morgenstern symbolisierte, das Zeichen ihres Clans, das sie in jungen Jahren auch auf den linken Handrücken tätowiert bekommen hatte, dann schob sie die Klinge wieder zurück in das lederne Etui, das mit einer Schlaufe an ihrem Gürtel befestigt war. Die Sporttasche schulternd trat sie hinaus auf den heruntergekommenen, schlecht erleuchteten Flur und verschloss die Wohnungstür wieder mit einer schlichten Handbewegung.

Eine halbe Stunde später kam sie an der Promenade an und begab sich, obwohl sie viel zu früh dran war, unmittelbar zur Glatteis-Cantina. Sie war brechend voll mit Feierwütigen und Tagenichtsen, die ihr Geld versoffen, wie immer, und keiner kümmerte sich um den anderen, wie immer. Stattdessen war man beschäftigt, den beiden Twi’lek-Frauen zuzupfeifen, die nur mit einem glitzernden Bikini bekleidet einen sinnlich-erotischen Tanz aufführten, bei dem die kleinen Glöckchen und Schellen an Hand- und Fußgelenken leise klimperten. Violet würdigte sie eines kurzen Blickes, während sie zur Bar ging und den dunkelhäutigen Mann heranwinkte, der gerade eine weitere Runde Schnaps an eine Gruppe Rodianer ausschenkte. Morus-Lok, wie der Mensch hieß, musterte sie flüchtig. „Was darf’s sein?“, fragte er uninteressiert.

„Leikon Zhim. Ich soll ihn in einem Hinterzimmer treffen“, erklärte sie knapp.

„So“, machte er nur. Er musterte sie eindringlicher, was sie nur veranlasste, ihre Kapuze noch ein Stück tiefer ins Gesicht zu ziehen. „Hinten durch, die Treppe rauf und dann nach links. Lounge Nr. 5.“

Violet nickte und machte sich direkt auf den Weg. Im Obergeschoss, wo man durch eine weite Glasfront hinunter in die Cantina und insbesondere auf die dortige Bühne mit den Tänzerinnen blicken konnte, ließ sie sich in der genannten Lounge auf eine der Bänke sinken. Ihr Chronometer am Handgelenk zeigte ihr, dass es bis zur vereinbarten Uhrzeit noch eine halbe Stunde hin war. Tief durchatmend lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Sie wagte es dennoch nicht, sich der Macht zu öffnen; das Risiko, von einem anderen Machtnutzer wahrgenommen zu werden, war schlichtweg zu groß. Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihr Inneres, auf die Zügelung ihrer rasenden Gedanken, ihres wild pochenden Herz, bis die Ruhe, die sie inmitten dem großen Lärm und Chaos von Nar Shaddaa überkam, von jener Art war, die ein Jäger vor den unmittelbaren Angriff spüren musste.

So wartete sie, bis der vereinbarte Zeitpunkt herannahte, und als sie schwere, stampfende Schritte vernahm, die so typisch für den Houk Jax waren, öffnete sie den schmalen Lederriemen, der das Jagdmesser sicher in der Scheide hielt. Violet musterte sie eingehend, sobald sie vor ihr standen. Ihrer Bewaffnung nach zu urteilen, schienen sie definitiv mit Ärger zu rechnen: Leikon Zhim trug eine schwere Blasterkanone in einem Holster am Oberschenkel, außerdem baumelten etliche Thermaldetonatoren an seinem Gürtel; die Hände des Duro-Mechanikers Snuff zuckten schon nervös, jederzeit bereit, die beiden leichten Pistolen zu zücken, die er schlecht verborgen unter seiner Lederjacke mit sich führte; der Erste Offizier Jax hatte sogar eine Minigun geschultert. „Sieh‘ an“, murmelte Zhim unter seiner Atemmaske. „Hätte nicht wenig darauf gewettet, dass du dich eher aus dem Staub zu machen versuchst.“

„Bringen wir’s hinter uns“, erwiderte Violet. Mit einem Schwung warf sie die Sporttasche zwischen ihnen auf den Tisch.

„Mach‘ sie auf.“ Der Tognathianer, der sie nicht aus seinen tiefliegenden Augen ließ, schien sich zu sorgen, dass der Tascheninhalt nicht aus Credits, sondern aus etwas Gesundheitsschädlicherem bestehen könnte. Ihm war die Erleichterung förmlich ansehen, als sich herausstellte, dass die Taschen wirklich nur die kleinen Metallplatten enthielt, die quer und kreuz übereinandergeschichtet waren. Er machte sich augenblicklich daran, die Plättchen zu Bündeln zusammenzufassen und dabei zu zählen. Währenddessen hielten seine Männer Wache, damit sie offenkundig nicht auf dumme Gedanken käme.

Violet kämpfte unterdessen gegen den vertrauten Drang an, sie sofort anzugreifen. Es war dieselbe Spannung, die es jetzt auszuhalten galt, wie wenn man sich mit einem Bogen, einem Speer im Anschlag an seine Beute heranpirschte und den rechten Moment abpassen musste, in dem es zuzuschlagen galt. Wie in ihrem Plan vorgesehen, wurden die Männer desto ruhiger und entspannter, je mehr Geld ihr Captain aus der Tasche zog. Sie wiegten sich bereits in Sicherheit, was sich darin zeigte, dass Snuff seine Hände locker in den Gürtel gesteckt und Jax den Lauf seiner Minigun hatte sinken lassen. Sie wusste, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, an dem sie zuschlagen konnte, zuschlagen musste.

Vorsichtig zog sie ihr rechtes Knie an, bis ihr Fuß auf dem Sitzpolster einen Halt fand, während sie gleichzeitig ihre Klinge ein Stückchen hervorzog. Dann, für die Männer ohne jede Vorwarnung, sprang sie, verstärkt durch die Macht, in die Luft. Der Houk, von dem aufgrund seiner schweren Waffe, seiner massig-bulligen Statur und nicht zuletzt seines cholerischen Charakters wegen die meiste Gefahr ausging, wurde ihr erster Opfer, als sie ihn mit einem gezielten Stich in den Hals, der die Aorta durchtrennte, ausschaltete. Er stieß einen erstickten Schrei aus, während ihn ein Machtstoß in eine Ecke schickte, wo er zuckend liegenblieb und schließlich verblutete. Violet hatte sich unterdessen schon den beiden anderen Männer zugewandt. Sie hatte ihre Blaster gezückt und sandten mehrere Salven an Plasmaschüssen auf sie ab, die allesamt wirkungslos von ihrer ausgestreckten linken Hand absorbiert wurden. Ein wildes, finsteres Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie in ihren Mienen die Erkenntnis dämmern sah, dass ihre Schusswaffen, die ihnen sonst bei der Begegnung mit Huttenschlägern und Kopfgeldjägern gute Dienste leisteten, gegen diesen Gegner wirkungslos waren, und als Zhim nun einen Vibro-Dolch zückte, lachte sie auf. Wollte er etwa versuchen, sie in ihrer ureigenen Disziplin zu schlagen? Der Tognathianer war ihr nicht gewachsen, was sich an der Kürze ihres Kampfes zeigte. Sie brauchte nur die Bewegung eines Angriffs vorzutäuschen, damit er in die Offensive ging und mit einer weiten Schwungbewegung attackierte, die eher zu einer langen Klingenform als einem Messer gepasst hätte. Lässig duckte sie sich zur Seite, während sie gleichzeitig einen Stich in die Innenseite seiner Leisten vollführte, wo ebenfalls eine Hauptschlagader verlief. Mit einem Ruck riss ihr Messer wieder hervor, dessen Klinge von einer Welle an heißem, dunklem Blut verfolgt wurde. Der Captain, überrumpelt von ihrem schnellen Streich, blinzelte sie überrascht an. Er schwankte, taumelte, und als er zu einem erneuten Angriff ansetzte, stürzte er schließlich zu Boden, wo er in einer Lache seines eigenen Blutes liegenblieb.

Der Duro hatte unterdessen seine beiden Blasterpistolen weggeworfen und sank nun auf die Knie, die zitternden Hände erhoben, als Violet sich ihm näherte. „Bitte … bitte, tötet mich nicht“, stammelte er. „Ich werde auch nichts verraten und will auch kein Geld. Lasst mich nur leben, bitte … Es war ja gar nicht meine Idee, Euch an die Imperialen verraten zu wollen“, fuhr er fort, als Violet nicht auf sein Flehen einging. „Ich schwöre, dass ich das nicht vorhatte … Ich habe doch auch nur eine Familie zu versorgen, was soll ich denn mach-“

„Selbst wenn das stimmt und selbst wenn du nicht vorhast, mich zu verraten, kann ich dich nicht gehen lassen“, unterbrach sie seine zunehmend hysterischen Worte. „Du weißt jetzt, dass ich ein Jedi bin, und sollten die Imperialen dich aufspüren, dann wirst du reden, ob du willst oder nicht. Unter der Folter redet jeder irgendwann. Nur die Toten schweigen für immer.“

„Nein …“, keuchte er. Panisch kroch er zurück, bis die Wand seinem Fluchtversuch ein Ende bereitete. Seine roten Augen konnten sich nicht vom blutigen Stahl in ihrer Hand abwenden.

Sein Anblick war so erbärmlich, dass eine seltsame Anwandlung Violet kurz überkam. Es war ein Gefühl, das sie schon beinahe vergessen hatte: Empathie und Mitgefühl. „Ich … Es wird schnell gehen. Und du wirst keine Schmerzen haben“, sprach sie leise, da sie andernfalls befürchten musste, ihre Stimme könnte ihren Dienst verweigern. Bevor er ein weiteres Mal um sein Leben betteln konnte, steckte sie die Hand aus und riss ihn mithilfe der Macht in die Höhe. Er zappelte noch einen Moment in der Luft, dann durchschnitt ein lautes Knirschen und Knacksen den Raum, als sie ihm abrupt das Genick brach.

Tief durchatmend ließ sie dann seinen Leichnam zu Boden sinken. Es war still geworden, außer dem Lärm der Menge unten im Hauptraum war auch kein Stöhnen und Keuchen mehr zu hören, das Jax und Zhim zuvor noch ausgestoßen hatten. Langsamen Schrittes, um auf dem vor Blut glitschigen Boden nicht auszurutschen, stieg Violet über deren Leichen hinweg und begann, die zu Stapeln gezählten Credits wieder in die Sporttasche zu packen. Plötzlich fraß sich ein brennender Schmerz durch ihr rechtes Bein, das seinen Ursprung in ihrem Knöchel hatte. Als sie herumfuhr, begegnete sie dem Blick von Leikon Zhim, der sie hasserfüllt anfunkelte. „Glaub‘ nicht, dass du so einfach davonkommst“, zischte er, bevor er seine Vibro-Klinge aus ihrem Bein riss.

Violet schrie schrill auf. Zornentbrannt trat sie ihm mit dem anderen Fuß ins Gesicht, während sie ihr Messer, das sie an der Innenseite ihres Mantels abgewischt und schon wieder in die Scheide gesteckt hatte, zückte. „Du hättest schnell sterben können, es hätte nicht lange gedauert“, fauchte sie. Mit einem schnellen Streich, der ihr eine grausame Genugtuung verschaffte, schlitzte sie seine Hand auf, die die Stichwunde in der Leiste abgedrückt hatte. Dann, mit ihrer Linken seine Kehle umschließend, drückte sie ihn auf den Boden nieder. „Aber wenn du es auf die harte Tour willst …“ Langsam, versunken in den Anblick, stieß sie ihre Klinge in seinen unteren Bauch und drehte sie zur Seite. Der Tognathianer zischte unter seiner Atemmaske. Seine Versuche, ihre Hand von seiner Kehle zu reißen, waren allerdings ohne Erfolg, und so erlahmte seine Gegenwehr allzu rasch. Mit tiefer Zufriedenheit verfolgte Violet, wie sein Leben nun unmittelbar am Entschwinden war. „Schhh“, machte sie, als er nochmals eine Bewegung ausführte. „Du bist gleich tot.“

„Du … auch“, keuchte Zhim zur Antwort.

Sie verstand ihn erst zu spät, als sie nämlich das Blinken des Thermaldetonators an seinem Gürtel bemerkt, den er offenbar gerade aktiviert hatte. Sie versuchte noch, sich aus der Reichweite des Explosionsradium zu bringen, was ihr nur halb gelang. Die Druckwelle schleuderte sie gegen die gläserne Front, die für solch eine Belastung nicht gemacht war und unter ihrem Aufprall zersplitterte. Ihr Sturz endete rund zwei Meter weiter unten inmitten einer Partie Sabacc, die jene Rodianer spielten, die sich zuvor einige Drinks an der Bar genehmigt hatten. Hektisch und mit unkoordinierten Bewegungen rappelte sich Violet vom Boden auf – der Tisch war unter der unsachgemäßen Beanspruchung zusammengebrochen – und strich sich, ohne an die Folgen zu denken, die Kapuze vom Kopf, um instinktiv Gesicht und Kopf abzutasten, bevor an sich herabblickte. Bis auf ihren durchstochenen rechten Knöchel, von kleineren Schrammen und Prellungen abgesehen, schien sie unverletzt. Mühsam raffte sie sich dann auf, die wütenden Beschimpfungen der Rodianer aufgrund ihrer von Violet verschütteten Getränke ignorierend. Die anderen Besucher der Cantina waren unterdessen damit beschäftigt, wild durcheinander zu reden und zu rufen, unverhohlen auf die Stelle der Explosion zu zeigen oder sich ungeniert auf all die Credits zu stürzen, die wie ein Hagel über die versammelte Menge niedergegangen war. Ihr war das herzlich egal, als sie sich mit humpelnden Schritten zum Ausgang quälte und von dort aus hinaus auf die Promenade stolperte. Jetzt galt es, schnell in die unteren Bezirke, fort von den Augen der Öffentlichkeit zu kommen.

Violet hatte schon den halben Weg zu den Turbolifts zurückgelegt, da fiel ihr ein, dass sie gar nicht mehr verhüllt war. Schnell zog sie ihre Kapuze wieder über den Kopf. Sie konnte aber nicht wissen, dass ein huttischer Polizeidroide bereits ihr Gesicht gescannt hatte.

Chapter Text

„Großmeisterin Shan! Großmeisterin Shan! So wartet doch einen Augenblick.“ Bereits an der quietschenden Stimme und dem watschelnden Gang war der ortolanische Senator Flips zu erkennen, der so schnell, wie es seiner kleinen, korpulenten Spezies möglich war, der Jedi durch das weite Foyer des Senatsgebäudes gefolgt war.

Satele hielt inne und wartete, bis er zu ihr aufgeschlossen war. „Verzeihen Sie, Senator, doch der Oberste Kanzler erwartet mich und die Angelegenheit duldet keinen Aufschub“, sprach sie, bevor Flips wieder zu Atem gekommen war.

„Oh, ja, natürlich. Es ist nur so, dass man in den heutigen Tagen selten die Gelegenheit hat, ein Gesuch an den Jedi-Orden zu stellen.“

„Womit können wir denn helfen?“, erwiderte Satele nach einem tiefen inneren Aufseufzen. Senator Flips war mitnichten der erste Bittsteller, der sich mit einem Hilfsgesuch an sie gewandt hatte. Jeder Politiker schien offenkundig nur darauf gewartet zu haben, dass ein Mitglied des Hohen Rats wieder einmal nach Coruscant kam, denn seit die Jedi den Stadtplaneten nach der Zerstörung ihres Tempels und der Unterzeichnung des Friedensvertrags verlassen hatten, war es für die meisten der Volksvertreter schwierig geworden, eine direkte Verbindung mit ihnen aufzunehmen. Und auch wenn Satele seit ihrem Amtsantritt als Großmeisterin und Vorsitzende des Hohen Rats einen zurückhaltenden Kurs gegenüber dem politischen Tagesgeschäft der Republik verfolgte, da sie die Priorität des Ordens bei dessen Wiederaufbau und der Bewahrung des Friedens sah, hörte sie den ortolanischen Senator geduldig an. Es wurde vereinbart, dass die Botschaft von Orto, ihres Heimatplaneten, ein offizielles Gesuch an den Hohen Rat stellen wird, welcher dann über das Hilfegesuch der ortolanischen Regierung betreffs beunruhigender Aktivitäten mandalorianischer Clans in ihren angrenzenden Systemen entscheiden würde.

Satele vermied eine wortreiche Verabschiedung, zu der der Senator schon angesetzt hatte, mit einem entschiedenen Nicken und den abermaligen Verweis, dass sie im Büro des Obersten Kanzlers erwartet würde. Am Treppenaufgang eilte ihr schon die nervös dreinblickende Assistentin des Kanzlers entgegen. „Da seid Ihr ja“, flüsterte die Umbaranerin Nika Pinho. „Die Zusammenkunft hat bereits begonnen und der Sith scheint nicht gerade erfreut, dass man ihn warten lässt.“

Die Jedi-Meisterin sparte es sich, die Gründe für ihre Verspätung wortreich zu erläutern, schließlich galt es jetzt, in einem Zustand der tiefen Ruhe einzutreten, um sich für die Begegnung mit dem obersten imperialen Diplomaten zu wappnen. „Oh, wie schön, dass auch Ihr endlich eingetroffen seid, Großmeisterin. Ich wusste gar nicht, dass die Mode des Zuspätkommens nun auch bei den Jedi Einzug gehalten hat“, wurde sie auch sogleich von dessen Holoprojektion begrüßt.

„Darth Serevin.“ Satele grüßte den reinblütigen Sith-Lord mit einem knappen Nicken zurück, bevor sie sich an den Obersten Kanzler Dorian Janarus zuwandte. Ein stummer Blickaustausch vereinbarte, dass man weitere Diskussionen auf später verschob.  

„Nun, wie ich dem Kanzler in Eurer Abwesenheit bereits mitteilte, ist der Rat der Sith äußerst … verstimmt.“ Seine bedachte Wortwahl zeigte nur, wie maßlos er untertrieb. „Jene Serie von Morden an imperialen Offizieren, weswegen ich bereits letztes Jahr ein langes Gespräch mit Botschafter Oristea führte“, er würdigte den obersten Diplomaten der Republik, einen älteren, stoisch dreinblickenden Chagrianer, mit einer leichten Verbeugung, die einen spöttischen Unterton hatte, „scheint nicht ganz die Chimäre zu sein, wie die Republik uns gerne glauben machen wollte. Vor zwei Tagen würde nämlich ein weiterer hoher Würdenträger mitsamt seiner Familie tot aufgefunden. Moff Graver wurde dabei auf dieselbe brutale und bestialische Weise ermordet wie die vorherigen Opfer, und auch die forensischen Analysen ergaben, dass die Tatwaffe identisch mit jener der vorangegangenen Morde war. Ebenfalls war am Tatort derselbe Spruch mit dem Blut des Opfers an die Wand geschmiert: Man erntet, was man sät.“ Er machte eine wohlgewählte Pause, damit seine Worte auf die Anwesenden einwirken konnten. „Aber vielleicht sind diese Neuigkeit auch gar nicht so neu, zumindest für Sie, Direktor Trant“, setzte der Dunkle Lord schließlich an den Leiter des Strategischen Informationsdienst, des republikanischen Militärgeheimdienstes, gewandt nach.

Marcus Trant, der mit verschränkten Armen neben dem Obersten Kanzler stand, verzog keine Miene, während Botschafter Oristea sogleich Widerspruch einlegte. „Eure Anschuldigungen sind haltlos, Darth Serevin. Wie ich Euch schon bei unserem letzten Gespräch sagte, gibt es keinerlei Verbindung weder von Seiten der Republik noch der Jedi zu dieser Person, die die Morde begangen hat.“

„Sie verzeihen, Botschafter, wenn meine Zweifel Ihrer Beteuerung zum Trotz bestehen bleiben. Und auch die Zweifel des Dunklen Rates werden Sie damit kaum beruhigen können. Schließlich ist es offensichtlich, dass der Täter aus Rachemotiven handelte und es ist wohl kein Zufall, dass alle Opfer – Captain Tejat, Botschafter Wanyes, Major Espax, Colonel Patell und nun Moff Graver – ausgerechnet an der Schlacht von Coruscant teilgenommen haben, deren Ausgang wir alle kennen.“ Diese Spitze galt nun Satele. Es brauchte allerdings mehr, um ihre tiefe Ruhe zu zerstören.

„Wir streben keine Rache an, denn anstatt das Leid wiedergutzumachen, erzeugt Rache weiteres Leid“, erwiderte sie so schlicht wie überzeugt.

„Oh, ich bin gewiss, dass dieser Standpunkt auf Euch zutrifft, Großmeisterin, doch wir wissen, dass das nicht die Position eines jeden Jedi ist“, gab Serevin zurück.

„Wenn Ihr nun auf Aryn Leneer oder Dar’Nala referiert, so solltet Ihr Euch auch daran erinnern, dass beide ohne Zustimmung oder gar Wissen des Hohen Rats handelten. Ihre Taten können nicht den Jedi oder der Republik zur Last gelegt werden“, echauffierte sich Botschafter Oristea erneut.

„Gerade das tut aber der Rat der Sith in der aktuellen Causa. Alle Opfer waren hochrangige Militärs oder Würdenträger und dennoch hat es der Täter geschafft, nicht nur ihre jeweiligen Amtssitze aufzuspüren und dort einzudringen, sondern auch sämtliche dort stationierten Soldaten auszuschalten und darüber hinaus klugerweise die Überwachungsstationen zu sabotieren, sodass wir über seine Identität weiterhin im Dunkeln tappen. Es muss sich daher um einen durchaus erfahrenen Jedi-Ritter handeln.“

„Worauf stützt sich Eure Annahme, dass der Täter ein Jedi sei?“, wandte Satele ein. Oristea warf ihr einen kurzen Blick zu, der hinter seinem Stoizismus ein Aufseufzen enthielt. Er hätte die Strategie, alle Vorwürfe so höflich und so bestimmt wie möglich abzustreiten, bevorzugt.

„Darth Jadus begab sich persönlich zum letzten Tatort und konnte dort den Nachhall einer Machtpräsenz aufspüren, die zweifelsohne die eines Jedis sein muss. Und nun versichern Sie mir noch einmal, dass weder die Republik noch der Orden der Jedi von dieser Person Kenntnis hat, Botschafter.“

„Solch ein Hinweis ist längst noch kein Beweis“, entgegnete der Chagrianer. Seine zögerliche Antwort verriet aber, dass auch ihm mittlerweile Zweifel gekommen waren.

„Aber so manchmal können schon Hinweise genügen, um eine Kette unglücklicher Ereignisse anzustoßen … wie beispielsweise das Wiederaufflammen des Krieges aufgrund des Bruchs des Friedensvertrags von Seiten der Republik.“ Darth Serevin strich sich in scheinbarer Nachdenklichkeit über seine Gesichtstentakeln, doch jedem der Anwesenden war klar, dass es nicht weniger als eine indirekte und bestenfalls höfliche Drohung war.

„Mein Lord“, mischte sich nun endlich der Oberste Kanzler ein, der dem Disput zwischen den Diplomaten bisher schweigend gefolgt war. „Ihr wisst genau, wie gering unser Interesse an einer Wiederaufnahme der Kämpfe ist. Die Republik wird den Vertrag von Coruscant unter allen Umständen einhalten. Das kann Euch und den Dunklen Rat nun erfreuen oder enttäuscht, aber wir werden dem Imperium keinen Vorwand liefern, um den Frieden zu brechen. Allerdings – sollte der Täter wirklich ein Jedi sein“, fuhr Janarus fort, und in seinen folgenden Worten zeigte sein politisches Geschick, das ihn bis ins Kanzleramt befördert hatte, „so kann ich Euch zusichern, dass die Republik auf jedes Auslieferungsgesuch verzichten wird. Diese Person hat auch an republikanischen Gesetzen gemessen furchtbare Verbrechen begangen, an deren Aufklärung wir nicht minder interessiert sind als Ihr. Ich werde deshalb veranlassen, dass Direktor Trant“, er machte einen Wink in Richtung des Leiters des Geheimdienstes, „Euch alle Informationen zukommen lässt, die zur Aufklärung dieser Mordserie beitragen können.“

„Nun, das ist ein … Anfang.“ Serevin überlegte einen Moment, dann lächelte er auf seine charmante, durchtriebene Art. „Der Rat der Sith wird gewiss erfreut über das Entgegenkommen der Republik sein, so wie über eine weitere Zusammenarbeit.“

„Das könnt ihr euch schön abschminken“, knurrte Trant so leise, dass nur Satele ihn hörte.

„Da nun diese Angelegenheit vorerst geklärt ist“, sprach der Dunkle Lord weiter, „werde ich mich verabschieden. Oberster Kanzler, Botschafter Oristea, ich danke Ihnen für Ihr umsichtiges und kluges Agieren.“ Er verbeugte sich leicht. „Und wie immer war eine Ehre, Euch zu sehen, Großmeisterin.“ Er deutete eine weitere Verbeugung in Richtung Satele an.

„Möge die Macht mit Euch sein, Darth Serevin.“ Die Jedi-Meisterin beschränkte sich auf ein knappes Nicken zur Verabschiedung.

Man schwieg, bis sich die bläuliche Holoprojektor aufgelöst hatte und der Kom-Kanal geschlossen war. „Sir, halten Sie das für das richtige Vorgehen?“, warf Trant sogleich an den Kanzler gewandt ein. „Es widerstrebt mir prinzipiell und auch persönlich, einen unserer Leute auszuliefern, ungeachtet seiner Taten.“

Janarus strich sich über seinen kurzen, weißen Bart. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der ältere Mann in den letzten Jahren unter der Last seines Amts müde geworden war. „Das Wichtigste ist, dass wir Zeit gewonnen haben, Direktor, und zwar hoffentlich genug Zeit, damit wir diese Person zuerst aufgreifen. Ich hege nämlich wenig Zweifel daran, dass es einer unserer ehemaligen Agenten oder Militärs ist oder eben einen gefallenen Jedi, sofern Serevin bezüglich der Machtpräsenz am Tatort die Wahrheit sprach, denn darauf weist der Rachecharakter der Morde und die dafür benötigten Fähigkeiten nun einmal hin. Nichtsdestotrotz ändert das nichts daran, dass diese Person mit ihren Taten auch gegen republikanisches Recht verstoßen hat, und wir können uns nicht leisten, dass es den Anschein erweckt, die Republik habe weder ausreichende Kontrolle über ihre Exekutivorgane noch als sei sie nicht in der Lage, ihre eigenen Gesetze durchzusetzen. Das Aufspüren dieses Subjekts hat daher oberste Priorität für SID, Direktor.“ Marcus Trant wirkte nicht erfreut über die Anweisung, doch er begnügte sich mit einem Nicken. „Ich hoffe auch, dass der Hohe Rat unsere Bemühungen unterstützen wird, Großmeisterin. Es dürfte gewiss auch in Eurem Interesse sein, falls es sich um Mitglied Eures Ordens handeln sollte.“

„Natürlich.“

Man verabschiedete sich anschließend, da Satele so schnell wie möglich nach Tython zurückkehren wollte. „Sie wirkte heute kurz angebunden“, meinte Oristea, als sie und Trant gegangen waren. „Das ist sonst überhaupt nicht ihre Art.“

„Es dürfte sie getroffen haben, dass diese Morde von einem Ordensmitglied verübt sein könnten“, entgegnete Janarus. „Außerdem wird diese Causa wohl eine Menge unschöner Erinnerungen hervorgerufen haben. Meisterin Shan gehörte schließlich zur Delegation, die den Vertrag aushandeln musste, während Coruscant in Flammen stand, und so viel ich weiß, ist damals auch ihr Padawan ums Leben gekommen, der sich im Tempel befand.“

„Nun, dann ist es vielmehr bemerkenswert, mit welcher Ruhe sie heute Serevins Sticheleien und Drohungen begegnete. Damals auf Alderaan soll sie Lord Baras im Zorn beinahe enthauptet haben, als die Meldung in die Runde kam, dass Coruscant angegriffen worden war.“

„In der Tat“, murmelte der Kanzler.

 

Unterdessen hatten Satele und Trant schon den Weg zum Turbolift zurückgelegt. „Ihr könnt das Gebäude auch über unseren unteren, inoffiziellen Zugang verlassen. Dann bleibt Euch die Belästigung durch diese ganzen Senatoren und anderen Wichtigtuern erspart.“

„Was soll man von einem Jedi halten, der sich aus dem Senatsgebäude schleicht, nur um Hilfsgesuchen zu entkommen?“

Der Direktor grinste bei ihrem trockenen Tonfall. Ein kühler Sinn für Ironie war seit jeher eines der weniger bekannten Markenzeichen der Jedi-Großmeisterin gewesen. „Ich werde nachher veranlassen, dass in sämtlichen republikanischen Überwachungssystemen die Daten unserer verschollenen oder ausgestiegenen Agenten eingespeist wird“, sprach er, während er seine ID-Karte einsteckte und den Freigabecode eingab, der den Aufzug ohne Verzögerung hinunter in die Zentrale des Geheimdienstes brachte. „Übrigens habe ich schon das letzte Mal, als diese rothäutige Plage den Botschafter kontaktierte, Aryn Leneer überprüft, nur um sicherzugehen. Aber sie hält sich noch immer auf Dantooine auf, hat mittlerweile eine kleine Farm, einen Mann, sogar ein Kind. Ich glaube deshalb nicht, dass sie es gewesen war. Sie scheint mit ihrem früheren Leben als Jedi abgeschlossen zu haben.“

„Zu hören, dass sie nicht nur am Leben ist, sondern auch allem Anschein nach ihren Frieden gefunden, freut mich mehr, als Ihr euch vorstellen könnt“, erwiderte Satele leise. „Sie ist damals im Zorn von Alderaan aufgebrochen, nachdem sie den Tod ihres Meisters gespürt hatte. Und um die Friedensverhandlungen nicht zu gefährden, hat der Hohe Rat beschlossen, sie für abtrünnig zu erklären und den Sith zu melden.“ Nichts an ihrer Stimme, nichts an ihrer Haltung verrieten mehr als die Bemeisterung ihrer Gefühle, aber Trant wäre nicht im Geheimdienst alt geworden, wenn er sein Gegenüber nicht lesen könnte. Schmerz und Traurigkeit und gerechter Zorn lagen in der schmalen Falte zwischen ihren Augenbrauen und in der Art, wie sie ihre Mundwinkel zusammenpresste.

„Und wie werdet Ihr verfahren, wenn sich diese Person als gefallenes Ordensmitglied erweisen sollte? Werdet Ihr ihn auch den Sith ausliefern, um den Frieden zu wahren?“

„Man merkt Ihnen gar nicht an, wie sehr Sie die Anweisung des Obersten Kanzlers missbilligen.“ Beide wechselten einen kurzen Blick, was Trant sardonisch grinsen und sie die Augenbrauen heben ließ. „Sollte es wirklich ein Ordensmitglied sein, so werde ich ihm anbieten, nach Tython zu kommen, damit er zur Hellen Seite zurückfinden kann.“

Der Direktor nickte. „Haltet Ihr das auch für wahrscheinlich, nicht nur für möglich? Oder glaubt Ihr, dass Serevin einfach frech gelogen hat, um Zwietracht zu säen?“

„Beim Angriff auf dem Tempel sind viele verschollen geblieben, von denen wir nicht wissen, ob sie starben oder sich doch retten konnten. Und …“ Die Jedi-Meisterin legte eine Pause ein. In ihren Gedanken, wie in ihrem Traum in der vergangenen Nacht, tauchte unwillkürlich die Gestalt ihres ersten Padawans auf. Sie waren im zerstörten Tempel gewesen, nur sie und Violet, die stumm und anklagend auf sie zeigte. Satele schüttelte energisch den Kopf. „Ich werde Euch deren Daten zukommen lassen, damit ein eventueller Abgleich möglich ist“, sprach sie dann weiter, als sie sicher war, dass ihre Stimme so fest und entschlossen wie je klang.

„Danke. Und seid versichert, dass ich Euch zuerst informieren werden, falls es ein ehemaliges Ordensmitglied sein sollte.“ Stille herrschte für die verbliebene Zeit, die der Fahrstuhl nach unten benötigte. „Theron ist übrigens hier, falls Ihr ihn vor Eurer Abreise aufsuchen möchtet“, sagte er schließlich, als sie im Foyer ankamen.

Die Erwähnung ihres Sohnes verursachte ein weiteres Brennen in Sateles Brust. Theron – so viele Gefühle, die sie sich zu versagen entschlossen hatte, als sie ihren Sohn, gerade einmal ein halbes Jahr alt, einst in die Hände ihres alten Meisters Ngani Zho überantwortete. Ihn jetzt aufzusuchen, wenn sie durch die Erinnerungen an Violet ohnehin aufgewühlt war, wäre jedoch kontraproduktiv für ihre innere Ruhe. „Unser Archivar, Meister Gnost-Dural, wird sich mit Euch bezüglich der Daten in Verbindung setzen“, sprach sie daher, ohne auf den Verweis auf ihren Sohn einzugehen.

Beide nickten sich ein letztes Mal zu, dann trennten sich ihre Wege vorerst.

Chapter Text

„Macht dann alles zusammen 39 Credits“, fasste die Verkäuferin, eine junge Menschenfrau, zusammen.

„Ich habe schon bezahlt“, murmelte Violet, während sie unter den Tresen eine sachte Handbewegung vollführte.

„Sie haben schon bezahlt“, wiederholte sie mit glasigen Augen und einem leeren Gesichtsausdruck, der zeigte, dass sie unter dem Einfluss des Macht-Geistestricks stand. Sie begann erst langsam zu blinzeln und aus der Trance aufzuwachen, als Violet schon die Straße überquert hatte.

Rund fünfzig Meter weiter, wo ein freier Platz lag, an dem fliegende Händler ihre schäbigen Buden aufgeschlagen hatten, setzte sich Violet auf eine der Bänke und packte das Essenspaket aus, das sie sich in Ermangelung eines einzigen Credits mithilfe der Macht erschlichen hatte. Ihr Magen schmerzte mittlerweile, ihr war übel von den Nahrungsersatztabletten, mit denen sie die letzten drei Tage überbrückt hatte, während sie sich in ihrem Apartment verbarg und ihre Wunden leckte. Neben etlichen Prellungen und Blutergüssen, die sie sich beim Sturz zugezogen hatte, war die Stichwunde oberhalb ihres Knöchels am besorgniserregendsten. Obwohl sie die Wunde, kaum war sie zuhause gewesen, mit Koltopflaster versorgt hatte, waren die Schmerzen in den folgenden Tagen größer anstatt geringer geworden, ganz zu schweigen von dem tauben Gefühl, das sich dann und wann in ihren Zehen breitmachte. Sie vermutete deshalb, dass mindestens eine Sehne verletzt worden war. Sollten sich die Beschwerden nicht in den nächsten Tagen geben, würde sie einen jener Kurpfuscher und Quacksalber aufsuchen müssen, die ihre wenig seriös wirkenden Praxen hier auf der untersten Ebene hatte und alles und jeden behandelten, solange der Preis stimmte.

Während sie sich hungrig über die Nudeln mit gebratenem Gemüse und Shaakfleischstreifen hermachte, setzte sie in Gedanken die Betrachtung ihrer bisherigen Erfolge fort. Mit der Tötung Moff Gravers hatte sie die Liste an Imperialen, die maßgeblichen Anteil an der Plünderung Coruscants hatten, weitestgehend abgearbeitet, abgesehen vom Schlächter von Coruscant selbst, wie man seit diesem Tag Großmoff Rycus Kilran nannte. Und dann gab es noch eine andere Liste, eine Liste, von der nicht abzusehen war, ob sie auch nur einen von ihnen würde töten können. Es handelte sich dabei um jene Sith, die verantwortlich für das waren, was sie im Tempel hatte durchleben müssen. Kaum waren die Abbilder dieser Männer vor ihrem imaginären Auge erschienen, begann ihr Herz wild und unregelmäßig zu schlagen. Hass und noch mehr Angst durchfluteten ihren Körper. Sie fühlte sich wie gelähmt und ohne Vorwarnung überkam sie jene Hilflosigkeit und Verzweiflung, die sie an jenen Tag durchlitt. Tief durchatmend widmete sie sich wieder dem Essen, um sich abzulenken.

Nach einer Weile bemerkte Violet, dass sie bekannten Besuch bekommen hatte. Neugierige Augen hatten sie ins Visier genommen, die zu den Straßenkindern gehörten, die sie aus einem ganz bestimmten Grund heraus beobachteten. Ein Lächeln, schwach, aber ehrlich, erhellte ihre Miene für einen Moment. Aus einem spontanen Anfall von Mitleid, als sie einem der Kinder die Hälfte ihrer gefüllten Teigrolle überließ, hatte sich die Angewohnheit ergeben, dass sie während ihrer Anwesenheit auf Nar Shaddaa zum Essen hierherkam und den Kindern einen Teil davon abgab. Sie riss noch die Hälfte vom Fladen ab und nahm sich einen der Muffins, bevor sie die Kinder heranwinkte. Wie immer kam nur eines der Kinder, während die anderen Wache hielten, offenbar misstrauisch besorgt darum, andere Personen oder Gruppen könnten ihnen die Beute streitig machen. Heute war es ein kleines menschliches Mädchen, das schließlich neben ihr auf der Bank Platz nahm. Die Kleine sah derart zerlumpt und abgemagert aus, dass Violet es umso mehr bereute, keine Credits mehr zu haben, die sie bei früheren Gelegenheiten in die Essenstüten hineingesteckt hatte. „Danke, liebe Miss“, sprach sie mit ihrer feinen, hellen Stimme, als Violet ihr die Papiertüten und die Pappschachtel überreichte.

„Möge die Macht dich beschützen und geleiten“, erwiderte diese, während sie dem Mädchen über die blassen Wangen strich.

Die Kleine schaute sie irritiert an, doch Violet nickte ihr ermutigend zu, woraufhin sie ihre reiche Beute an die Brust presste und zu ihren Freunden hinüberlief. Die Gruppe verschwand wieder rasch zwischen den Buden der Händler, um in die Kanalisation zurückzukehren, wo die meisten Obdachlosen halbwegs sicher vor Kriminellen oder Sklavenjägern hausten.

Auch Violet machte sich nun auf den Weg nach Hause. Nach Hause in jenes heruntergekommene Apartment, das sie seit letztem Jahr bewohnte. Sie schüttelte den Kopf, wenn sie daran dachte, wie sich ihr Begriff von einem Zuhause in all den Jahren gewandelt hatte. Nach den weitläufigen Wäldern von Odessen, die sie einst stundenlang allein durchstreifte, hatte sie Coruscant mit seinen Milliarden Bewohnern als schrill, laut und erdrückend wahrgenommen. Auch im Jedi-Tempel, für coruscantische Verhältnisse ein Ort der Stille und Einkehr, war sie nie das klaustrophobische Gefühl losgeworden, das sie in großen Städten und in der Gegenwart zahlreicher Personen empfand. Heute, aus dem Abstand von Jahren, die zur Romantisierung der Erinnerungen wesentlich beigetragen hatten, erschien ihr der Tempel jedoch als schönster Ort der Galaxie.

Am Wohnblock angekommen humpelte sie in Ermangelung der Funktionstüchtigkeit des Fahrstuhls mehr schlecht als recht bis in den vierzehnten Stock hoch. Leise vor sich hinfluchend öffnete sie ihr Apartment mit der Macht und ließ sich dann erschöpft aufs Sofa sinken, wo sie ihren Stiefel auszog, um den verletzten Knöchel zu untersuchen. Die beiden Wunden nässten unter den Koltopflastern, die die letzten in ihrem Arsenal gewesen waren, daher holte sie eine Rolle frisches Mulltuch aus dem Erste-Hilfe-Kasten, das sie mit Schnaps durchtränkte und straff um den Knöchel wickelte. Das beißende Brennen ließ sie leise zischen. Wieder griff sie zur Schnapsflasche, die sie noch von ihrem letzten Geburtstag übrig hatte, und genehmigte sich selbst einen großzügigen Schluck.

Nachdem sie ihre Wunden verarztet hatte, machte sie es sich auf dem Sofa bequem und versank in düsteres Brüten. Sie würde noch einige Wochen warten müssen, bis sie ihren Feldzug weiterführen konnte. Automatisch, eingeübt durch die Routine der vergangenen Jahre, ging sie in Gedanken die Vorgehensweise durch, mit der sie ihre bisherigen Ziele gejagt hatte. Schritt 1: Sicherung der Finanzen, in der Regel durch den Diebstahl von Credits von Sklaven- oder Drogenhändlern. Ein schlechtes Gewissen hatte sie dabei nur das erste Mal gehabt und sich bei weiteren Raubzügen rasch abgewöhnt. Schritt 2: Aufspüren des Aufenthaltsorts ihrer Ziele, was bisher zu einfach gewesen war, um eigentlich wahr sein zu können. Die Vertretung des imperialen Geheimdienstes hier auf Nar Shaddaa war kein Geheimnis und sie hatte sie einst lange beobachtet, um die Verantwortlichen identifizieren zu können. Eines Abends war sie schließlich dem stellvertretenden Standortleiter nach Hause gefolgt. Seine mentale Stärke hatte sie überrascht, konnte sie aber nicht davon abhalten, seinen Geist unter ihre Kontrolle zu zwingen. Am nächsten Abend, als sie ihn erneut aufsuchte, hatte er ihr die gewünschten Informationen beschafft. Sie erschrak allerdings nicht wenig, als sie den Geistestrick wieder aufhob und sich herausstellte, dass der brutale Zwang, mit dem sie ihn unter ihren Willen gezwungen hatte, seinen Geist irreparabel beschädigt hatte. Er reagierte verwirrt, aggressiv, dann wieder weinerlich wie ein Kind und war nicht im Mindesten zu beruhigen gewesen. Die schiere Angst davor, aufzufliegen, hatte sie schließlich dazu bewegt, ihn erneut unter ihrem Willen zu zwingen und diesmal vom Balkon seines Luxusapartments in den Tod springen zu lassen. Danach hatte sie das schlechte Gewissen sehr geplagt, da sie sich ursprünglich einmal vorgenommen hatte, niemand anderen als ihre Ziele zu töten. Aber auch diese ethische Grenze hatte sie schnell hinter sich gelassen. Schritt 3: Anheuern einer Crew samt Schiff, die sie zu dem entsprechenden Ziel bringen würde. Das hatte sich mit Abstand als die leichteste Herausforderung entpuppt, immerhin war der Schmugglermond die Heimat zahlreicher illegaler Organisationen wie die Exchange und ebenso vieler freischaffender Söldner und Kopfgeldjäger, die sie mit dem gestohlenen Geld bezahlt hatte. Aber auch in diesem Punkt hatte sie vor vier Tagen schmerzhaft dazulernen müssen, nämlich dass diese Söldner längst nicht so kurzsichtig und leicht zu täuschen waren, wie sie gedacht hatte. Wenn das Gerücht, dass sie ein Jedi sei, unter ihnen schon die Runde gemacht hatte, wäre es klüger, sich künftig nach einer anderen Transportmethode umzusehen. Bisher hatte sie sich zwar gescheut, ein eigenes kleines Schiff zu erwerben, aber vielleicht wäre es nicht die schlechteste Idee. Die erforderlichen Credits würde sie sich zusammenstehlen können und ein Pilot wäre wohl auch zu finden.

Schritt 4 – das Observieren der Zielperson und Herausfinden eines geeigneten Zeitpunkts zum Zuschlagen – und Schritt 5 – das Töten des Ziels und Hinterlassen ihrer bekannten Botschaft ins Imperium – waren dann von Mission zu Mission unterschiedlich zu absolvieren gewesen und hatte teilweise ihre ganze Kreativität erfordert. Bei Major Espax hatte sie es geschafft, als sich Hauspersonal Zugang zu verschaffen, bei Captain Tejat war sie wiederum mit einer gestohlenen ID-Karte eingedrungen. Bei Botschafter Wanyes, welcher als Einziger nicht mehr im militärischen Dienst stand, war sie sogar soweit gegangen, sich als Escortdame auszugeben. Einige Drinks und einer subtilen Beeinflussung durch die Macht später hatte er sie voller Vorfreude eingeladen, ihre kleine Feier bei ihm unter vier Augen fortzusetzen. Sie war die Einzige gewesen, die diese Fortsetzung genossen hatte. Doch nun vermutete sie, dass diese Phase der Jagd nur der Einstieg gewesen war. Bisher hatte sie die Macht exklusiv auf ihrer Seite gehabt, doch das wäre bei der Begegnung mit den Dunklen Lords kein Vorteil mehr. Sie würden ihre Anwesenheit ab einer gewissen Nähe zweifelsohne spüren, und selbst wenn sie ihre Aura tarnen würde, was ein kräftezehrendes Unterfangen war, stünde die berechtigte Frage im Raum, ob sie ihnen gegenüber überhaupt bestehen könnte. Das letzte Mal war sie schmählich besiegt worden, vom einen wie vom anderen.

Plötzlich schreckte sie hoch. Ein Kribbeln, das ihr den Rücken hinunterlief, verriet ihr die Präsenz eines Machtnutzers, und zwar – zu Violets Verwunderung – die eines Jedis. Sie setzte sich aufrecht hin und öffnete sich ihrerseits der Macht, um die Aura zu ertasten. Die Einfachheit und schlichte Aufrichtigkeit, die in ihr lagen, kamen ihr bekannt vor. Dann, ohne Vorwarnung, ließ ein dröhnender Knall die Apartmenttür aus den Angeln fliegen. Es klimperte metallisch, gefolgt von einer dichten Wolke aus beißendem Rauch, der den Raum ausfüllte. Sie versuchte, ihr Gesicht abzuschirmen, während sie ein Hustenanfall in die Knie zwang. Um sie herum erklangen die Rufe von Männern, die die kleine Wohnung sicherten und sie auf den Boden warfen. Es klickte abermals metallisch, als ihr diesmal machtresistente Handschellen angelegt wurden. „Eine falsche Bewegung, Mädchen, und das war’s mit dir“, bellte einer der Männer sie an. Violet war von den Ereignissen derart überrumpelt worden, da sie nicht viel mehr tun konnte, als mit einer dümmlichen Miene auf dem Boden zu sitzen.

„Captain, das reicht“, mischte sich die Stimme eines Mannes ein, die sie nach all den Jahren sogleich wiedererkannte.

„Meister Din!“, rief sie überrascht. Unbeholfen kämpfte sie sich zurück auf die Beine und lief zu ihm hin. Die in Zivil gekleideten Männer, allesamt SID-Agenten, hoben schon ihre Blaster, doch der Jedi-Meister winkte ab. Violet blieb vor ihm stehen und starrte ihn ungläubig an. „Ihr lebt …“, flüsterte sie schließlich. „Wie habt Ihr Coruscant nur überlebt? Ihr wart doch im Senat, als die Imperialen mit der Landung begannen.“

„Ja …“ Orgus Din musterte sie seinerseits mit einigem Unglauben. Dann, als wollte er sich versichern, dass sie real war, strich er ihr sachte über die Wange. „Wir glaubten, du seiest mit all den anderen im Tempel gestorben“, sprach er dann. „Satele hat einen großen Schmerz gespürt, bevor die Verbindung zwischen euch abriss.“

Seine wenigen Worte genügten, um Violet den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Ein heftiges Zittern, das ihren ganzen Körper gefangen nahm, überkam sie beim Anblick ihres ehemaligen Lehrers für den Lichtschwertkampf und der Erwähnung ihrer Meisterin. „Was … Ich meine, wie habt Ihr mich überhaupt gefunden? Und … was wollt Ihr?“, brachte sie stockend hervor.

„Ich bin mir sicher, dass du das weißt“, antwortete der Jedi-Meister nach einem Moment des Zögerns.

Sie blinzelte überrascht, dann überzog eine Hitzewelle ihr Gesicht, als jene Mischung aus Angst und Scham, die jemand empfand, wenn er bei einer verbotenen Sache ertappte wurde, sie gefangen nahm. „Ich habe keine Ahnung, wovon Ihr redet, Meister Din“, erwiderte sie nichtsdestotrotz.

Orgus unterdrückte ein Seufzen. „Captain Miko hat den Auftrag, dich nach Coruscant zu bringen. Ich bitte dich daher, dich nicht zwischen ihm und seinem Befehl zu stellen. Du weißt, Violet, wir Jedi sind dem Frieden und der Gerechtigkeit verpflichtet. Wir müssen daher das Gesetz achten und mit dessen Vertretern kooperieren.“

„Der Gerechtigkeit bin ich auch verpflichtet, macht Euch deshalb keine Sorgen!“, erwiderte sie nun lauter und hitziger.

Bevor Orgus zu einer Antwort ansetzen konnte, mischte sich der besagte Captain ein. „Meister Din, wir haben keine Zeit für philosophische Erwägungen. Das Gebiet ist nicht sicher und meine Männer müssen noch ihre Spuren beseitigen.“

„Natürlich, Captain. Wir können auf dem Rückweg weiterreden. Verhalte dich bitte unauffällig, bis wir am Shuttle sind.“

Einen Moment dachte Violet darüber nach, ihm eine freche Bemerkung an den Kopf zu werfen und dann einfach loszulaufen, doch es wäre mit den machtresistenten Handschnellen absehbar, wie weit sie überhaupt käme. „Ihr tut mir Unrecht, Meister“, begann sie mangels einer Alternative. Sie wollte zumindest das letzte Wort behalten.

Der Jedi-Meister verzichtete in weiser Voraussicht, dass er sich mit einer Erwiderung auf eine fruchtlose Diskussion eingelassen hätte, auf eine Antwort. Stattdessen ergriff er ihren Oberarm und führte sie hinaus, während der Captain noch einen Augenblick zurückblieb, um einigen Agenten die Order zu geben, sämtliche von Violets Spuren diskret zu beseitigen. Es dauerte einige Zeit, bis sie die Treppenflut hinabgegangen waren, da ihr verletzter Knöchel gegen die fortlaufende Beanspruchung schmerzhaften Widerspruch einlegte. Stolz und Eigensinn hinderten Violet zuerst daran, Orgus Dins Hilfe anzunehmen, doch als ihr Bein ab dem sechsten Stockwerk seinen Dienst in Form eines Krampfes endgültig verweigerte, blieb ihr nichts anderes übrig, als seinen Arm als Stütze zu akzeptieren. „Danke“, flüsterte sie so leise, dass nur er es hören konnte, als sie das Erdgeschoss erreichen. Zur Antwort drückte er sachte ihre Hand, die sie ihm aber rasch entzog. „Also“, begann sie erneut und recht unterkühlt, als sie und Meister Din, begleitet von Captain Miko und noch einem seiner Männer, dessen Hand ununterbrochen auf seinem Blaster im Beinholster ruhte, in das kleine Shuttle gestiegen waren. „Was hat mich verraten?“

Doch Orgus antwortete nicht sofort, da er einen kleinen Komlink hervorgeholt hatte und gerade einige Daten eingab. Ein paar Sekunden später erschien das holographische Abbild einer älteren Togruta. „Bela, wir sind auf dem Rückweg. Der Lieutenant kann das Schiff ruhig abflugbereit machen.“

„Natürlich, Orgus. Seid ihr fündig geworden?“

Zur Antwort drehte der Jedi-Meister den Komlink in Violets Richtung, sodass sie von dessen Scan erfasst wurde. Und endlich erkannte sie die Frau, die ihr bereits seltsam bekannt vorgekommen war. „Meisterin Kiwiiks“, sprach sie leise. Der Anblick der Togruta, wie die vorherige unerwartete Begegnung mit Meister Din, löste ein Gefühl der Beklemmung in ihrer Brust aus. Wie viele Stunden hatte sie mit Bela Kiwiiks im kleinen Garten auf dem Dach des Tempels verbracht, wohin sie sich zurückzogen, nachdem die Jedi-Meisterin von Violets Affinität für Gedichte erfahren hatte und beschloss, sie in dieser Kunstform zu unterweisen. Das Dichten hatte sich als das effektivere Mittel gegen Leidenschaften jeder Art erwiesen, denn indem sie ihr Innerstes sorgsam erkundet und dessen oftmals wilde und unbändige Gefühle in sorgsam metrischer Form brachte, war es Violet in jenen Tagen zum ersten Mal gelungen, einen Zustand der kühlen Gelassenheit zu erlangen. Doch diese Tage lagen lange zurück. Zu lange.

„Violet“, entgegnete sie nach einigen Augenblicken des ungläubigen Schweigens. „Ich freue mich, dich zu sehen. Dich lebend zu sehen.“

„Ich mich auch“, gab Violet leise zur Antwort.

Die Meisterin nickte ihr und schließlich Orgus Din zu, bevor sie die Verbindung beendete. „Also?“, hakte sie ein weiteres Mal nach, begierig zu erfahren, was ihre Tarnung letztendlich hatte auffliegen lassen.

Der Jedi-Meister stieß ein leises Seufzen aus. Sie schien noch immer so hartnäckig und sturköpfig wie früher zu sein. „Vor vier Tagen wurde der Republik von Seiten des Imperiums ein indirektes Ultimatum gestellt. Der Grund hierfür war die Ermordung eines weiteren Veteranen der Plünderung Coruscants, und der oberste imperiale Diplomat hat durchblicken lassen, dass der Rat der Sith diese Mordfälle nur zu gerne zum Anlass nähme, den Friedensvertrag mit uns aufzukündigen.“

„Wäre das wirklich so eine Katastrophe?“, fiel ihm Violet ins Wort. Ihre Mundwinkel zuckten, während sich ein verächtlicher Ausdruck in ihre blauen Augen einschlich. „Wir wissen doch alle, dass der nächste Krieg kommen wird, und ob er nun früher oder später ausbricht, spielt auch keine Rolle mehr. Dieser Frieden ist ohnehin nur eine Farce.“

„Diese Farce, wie du es nennst, ist die Grundlage für das sichere Leben von Billionen republikanischen Bürgern“, wandte Meister Din ermahnend ein.

„Die Bürger der Republik würden noch wesentlich sicherer leben, wenn die Jedi sich endlich dazu aufraffen könnten, die Sith zu vernichten“, konterte sie wiederum.

„Und was dann, Violet? Hat uns nicht die Geschichte gelehrt, dass es immer wieder Machtnutzer gibt, die der Dunklen Seite verfallen? Die Jedi haben schon einmal geglaubt, sie könnten die Bedrohung durch die Sith dadurch beseitigen, indem sie während des Großen Hyperraumkriegs einen Genozid an ihrer Spezies verübten. Und das Resultat war, dass die Überlebenden tausend Jahre lang ihren Hass auf die Jedi und die Republik vergrößern und aus dem Verborgenen heraus ihre Rache planen konnten. Und bedenke weiter, dass weder Freedon Nadd noch Exar Kun noch Revan ursprünglich Sith waren. Sie waren alle Mitglieder unseres Ordens, die sich der Dunklen Seite zuwandten, ganz ohne Sith-Blut in ihren Adern.“

Violet fiel daraufhin nichts mehr ein, dass sie hätte erwidern können. Sie ließ ihren Blick einige Zeit über die Hochhäuser gleiten, die rasch an ihnen vorbeizogen. „Die Republik ist also gewillt, den Schandvertrag von Coruscant aufrecht zu erhalten. Wie schön.“ Sie schnaubte abfällig. „Und damit euer wertvoller Frieden bestehen bleibt, seid ihr hinter denjenigen her, der diese Imperiale nur der Gerechtigkeit zugeführt hat, nicht wahr?“

„Der Gerechtigkeit zugeführt? Empfindest du es wirklich als gerecht, was du diesen Männern und teilweise ihren Familien angetan hast?“

Wieder erschien dieses Grinsen auf ihrem Gesicht, das Orgus Din ganz und gar fremd war. Spott lag daran und ein Ausmaß von Grausamkeit, zu dem er sie nie für fähig gehalten hätte. „Empfände ich meine Taten als ungerecht, so hätte ich sie nie begangen“, sprach sie schließlich, die Stimme zu einem dunklen Flüstern gesenkt. Und als sie ihm ins Gesicht blickte, war das gelbliche Schimmern ihrer blauen Augen nicht mehr zu übersehen. Ihre Machtpräsenz, die er bisher noch als so ruhig wie schwach wahrgenommen hatte, schien gleichzeitig jedes Band, jede Fessel, jede Barriere zu sprengen. Einen Augenblick war Meister Din vollkommen überwältigt von der Dunkelheit, die aus ihr herausströmte, ein Gefangener des Mahlstroms aus Zorn, Hass, Arroganz, Missgunst und abgrundtiefer Verachtung. Keine dieser Emotionen hätte er Sateles früheren Padawan je zugeschrieben, die doch einst der Stolz ihrer Meisterin gewesen war und von der selbst der Hohe Rat eines Tages große Taten erwartet hatte. Und nun zu sehen, dass der strahlendste Stern des Ordens, ihre große Hoffnung für die Zukunft, all sein Licht und seine Wärme verloren hatte, gab ihm das schreckliche Gefühl, jenen verhängnisvollen Tag auf Coruscant erneut durchleben zu müssen. „Ich habe es gesehen“, sagte sie plötzlich. Noch immer beobachtete sie ihn. „Wie Bengel starb, begraben unter den Trümmern, die sie auf ihn herabstürzen ließen. Wie unsere Jünglinge abgeschlachtet wurden, weil ich sie nicht beschützen konnte. Wie einer nach dem anderen unseres Ordens fiel und die Sith alles schändeten, was uns heilig war!“ Obwohl ihre Stimme nicht lauter geworden war, rang sie nach Atem, kaum dass sie geendet hatte.

Orgus sammelte all seine Kraft, um den Schmerz zu unterdrücken, die die Erwähnung seines einstigen Padawans hervorrief. „Was geschehen ist, ist nicht deine Schuld, Violet“, antwortete er so ruhig wie nur möglich, denn er war davon überzeugt, dass das der wahre Grund ihres Handelns war.

„Doch, ist es. Meister Zallow gab uns den Auftrag, die Jünglinge in Sicherheit zu bringen, aber wir scheiterten. Ich … habe versagt.“ Sie schniefte leise und wischte sich rasch übers Gesicht. Als sie ihre Hände wieder sinken ließ, konnte der Jedi-Meister sehen, dass ihre Handflächen mit schwieligen Narben bedeckt waren.

Sie schwiegen, bis das Shuttle schließlich in den Sinkflug überging und letztlich in einem kleinen Hangar des Mezenti-Raumhafens landete. Orgus ergriff Violets Oberarm, als sie beim Aussteigen strauchelte. Auf dem dort geparkten Raumschiff, eine leichte Korvette der Defender-Klasse, saß eine junge Frau mit kinnlangen, roten Haaren und gekleidet in die typischen Roben der Jedi. Sie schien meditiert zu haben, da sie abrupt und mit desorientiertem Blick aufsah. „Meister Din!“, rief sie erschrocken. Mit einem schnellen Sprung, verstärkt durch die Macht, landete sie vor ihnen und zückte sogleich ihr grünes Doppellichtschwert. „Verfluchter Sith“, zischte sie Violet zu, als sie zum Schlag ausholte.

Ihrer Verletzung zum Trotz sprang diese nach vorne, um unter den Streich hindurchzutauchen. Nun in unmittelbarer Nähe zu dem Mädchen ergriff sie mit ihren gefesselten Händen deren Lichtschwert und riss es an sich, während ihr aufwärts gezielter Fuß die jüngere Frau hart am Kinn traf. Abrupt ließ diese ihr Schwert los und stolperte einige Schritte zurück. Violet grinste auf ihren Blick hin, als sich das Mädchen bewusst wurde, dass man ihr soeben die Waffe entwendet hatte. „Wäre ich ein Sith, dann wärst du jetzt tot, Kleine“, konterte sie arrogant. Sie genoss ihre Überlegenheit noch einen Moment, bevor sie ihr das Schwert zuwarf. Die junge Frau schien nicht zu wissen, was sie von Violets Reaktion halten sollte.

„Ist schon gut, Kira“, beruhigte sie Meister Din, als sie seinen Blick gesucht hatte. „Violet ist eine von uns.“

„Und da seid Ihr Euch auch sicher?“, erwiderte sie direkt und frech, die Hände in die Hüften gestemmt und die Augenbrauen erhoben.

„Kira“, erklang es ermahnend. Die Quelle des Tadels war Bela Kiwiiks, die die Rampe des Schiffs heruntergekommen war. „Solltest du nicht lieber meditieren?“ Der Padawan seufzte übertrieben, dann begab sie sich auf einen Verweis ihrer Meisterin ins Schiff. Die Togruta musterte Violet erneut, und erneut fiel es dieser schwer, ihre Miene zu entschlüsseln. Entgegen ihren Worten von zuvor, dass sie sich freue, sie wiederzusehen, reagierte Meisterin Kiwiiks verhalten auf die tatsächliche Begegnung, was Violet tiefer traf, als sie sich eingestehen mochte.

„Können Sie mir diese Dinger endlich abnehmen, jetzt, da wir am Schiff sind? Das Davonlaufen gestaltet sich momentan ohnehin schwierig …“, sagte sie dann zu Captain Miko, als dieser sie in Richtung Rampe schob, und hielt ihm schon auffordernd die gefesselten Hände entgegen.

„Nein“, erwiderte er kategorisch. „Nach dem, was Ihr getan habt sollt, seid Ihr ein Sicherheitsrisiko und werdet dementsprechend behandelt.“

„Ein Sicherheitsrisiko? Ich kämpfte bereits als Padawan in den Schlachten von Rhen Var und Dantooine Seite an Seite mit unseren Soldaten und rettete nicht wenigen das Leben! Und Sie wagen es allen Ernstes, mich ein Sicherheitsrisiko zu nennen?“

Der SID-Captain hielt ihrem zornigen Blick unbeeindruckt stand, und als sie noch immer keine Anstalten machte, das Schiff zu betreten, gab er zwei seiner Männer ein Zeichen, die sie daraufhin unter den Achseln hochhoben und sie mit sich zogen. „Meine Mission, meine Verantwortung“, sprach er zu Orgus Din, der gegen die grobe Behandlung von Violet schon Protest einlegen wollte, bevor er seinen Männern und der Gefangenen folgte.

Zurück blieben beide Jedi-Meister, die einen vielsagenden Blick austauschten. „Als euer Shuttle ankam, glaubte ich zuerst, ihr brächtet einen Sith mit“, sprach Meisterin Kiwiiks schließlich. „Ihre Präsenz ist so dunkel … grausam und kalt. Ich kann es Kira nicht verdenken, dass sie sogleich zur Waffe griff.“ Meister Din nickte langsam, zustimmend. „Meint Ihr, dass Violet zu diesen Morden wirklich fähig war, Orgus? Ich kann es ungeachtet ihrer Aura nicht glauben“, fuhr Bela fort.

„Ich auch nicht, und wenn ich ehrlich bin, dann will ich es auch gar nicht glauben. Aber sie hat mir gegenüber ihre Täterschaft gestanden, wenngleich auf indirekte Art.“ Er atmete tief durch und rieb sich über die pochenden Schläfen.

Die Togruta schüttelte den Kopf. „Es wird Satele das Herz brechen“, sprach sie leise, wie zu sich selbst. Der menschliche Jedi-Meister stimmte ihr mit einem weiteren stummen Nicken zu.

Chapter Text

Kaltes, weißes Licht erhellte die metallenen Wände des Raums, der mit nicht mehr als einem Tisch und zwei Stühlen ausgestattet war. Auf einem von ihnen saß Violet, die Augen geschlossen, während sie gegen die Müdigkeit ankämpfte. Ihre gestrige Verhaftung hatte ihre seit zehn Jahren gewohnte Welt abrupt auf den Kopf gestellt und ihr auf bittere Weise verdeutlicht, was sie geworden war. Als sie nämlich während der Reise nach Coruscant von Meisterin Kiwiiks aufgesucht wurde, die sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigte und sie darüber ein Gespräch zu entwickeln hoffte, hatte sie, wie schon zuvor in Meister Dins Gegenwart, eine Barriere zwischen ihnen gespürt, die aus ihrem eigenen Inneren kam. Es war wie eine Art Schutzschild gegen die hellen, reinen Auren der beiden Jedi-Meister, und selbst die Präsenz von Bela Kiwiiks‘ Padawan, dieser rotzfrechen Göre, die sie bei jeder Gelegenheit neugierig anstarrte, war für Violet nur unter mentalen Schmerzen zu ertragen gewesen. Die Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit, all ihre Selbstlosigkeit und die naive Hoffnung waren ihr wie ein Licht erschienen, dass ihr eigene Aura zu verbrennen drohte. Dementsprechend hatte sie sich in die Trance der Meditation zurückgezogen, bis sie in einer Zelle erwacht war. Immerhin hatte man ihr die Gelegenheit zu einer Dusche und einem Frühstück gegeben und sogar einen Medi-Droiden vorbeigeschickt, der ihren Knöchel scannte und professionell verarztete, bevor man sie in jenen Raum geführt hatte, in dem sie noch immer saß. Ein dunkelhäutiger Mann in seinen Vierzigern hatte sie bereits erwartet, der sich als Marcus Trant, Leiter des Strategischen Informationsdienstes, vorstellte.

Wie sie nicht anders erwartet hatte, war sie in der darauffolgenden Stunde von Fragen und schließlich Argumentationen überschwemmt worden, die sich allesamt um die von ihr ermordeten Imperialen drehten. Sie hatte nur drei Fragen beantwortet: Erstens, ob sie diese Taten begangen hatte, zweitens, was ihre Motive gewesen waren, und drittens, ob sie ihre Taten bereue. Die letzte Frage hatte sie grinsen und schließlich so laut lachen lassen, dass es von den schalldichten Wänden widerhallte. „Reue ist etwas für kleine Kinder und für Feiglinge, und ich bin weder das eine noch das andere“, erwiderte sie. In diesem Moment gelang es ihr auch nicht länger, ihre Machtpräsenz, die sie gewohnheitsgemäß unterdrückt hatte, noch länger im Zaum zu halten. Die Flut an Dunkelheit, gleich einer wilden, unbändigen Meereswoge, hatte sie selbst benommen gemacht. In diesem Augenblick wurde sie sich auch jener Aura bewusst, die sie bis dahin als verschwommen hinter dem großen Spiegel wahrgenommen hatte, von dem sie zu Recht vermutete, dass er durchgängig war und dem Zweck der Beobachtung diente. Es war die unverwechselbare Aura von Satele Shan. Die Nähe zu ihrer früheren Meisterin setzte ihrer Schadenfreude ein rasches Ende, als sie dem Gefühl von Scham wich.

Das Rücken des Stuhls, mit dem Direktor Trant aufstand, ließ sie aufsehen. Er warf ihr nochmals einen Blick zu, den sie nicht zu deuten vermochte, bevor er den Raum verließ. Es dauerte nicht mehr als einige Minuten, die Violet aber wie eine Ewigkeit vorkamen, bevor sich die Tür erneut öffnete.

„Meisterin …“, sprach sie leise, den Kopf gesenkt, als die ältere Frau den Raum betrat.

Langsamen Schrittes, doch ohne Zögern trat die Großmeisterin des Jedi-Ordens an ihren früheren Schützling heran. Sie musterte Violet von Kopf bis Fuß, bevor sie die rechte Hand erhob und behutsam über ihre Wange strich. Dieser physische Kontakt, so flüchtig er auch war, ließ den Panzer brechen, unter den sie ihr Inneres bis jetzt verborgen hatte. Violet schluchzte laut auf, wieder und wieder, kurzatmig, abgehackt und zunehmend hysterisch. Sie war unendlich froh, dass Satele kein Wort sprach, sondern sie einfach nur in die Arme nahm. Augenblicklich kamen in ihr all die Momente ihres Lebens als Sateles Padawan wieder hoch. Sie war erst acht Jahre alt gewesen, als ihre Meisterin sie von ihrem Heimatplaneten mitgenommen hatte und sie sogleich zu ihren Padawan machte, obwohl sie gemäß den Gepflogenheiten zu jung dazu war. Doch Satele hatte sich darüber wie über die Zweifel des Hohen Rats hinweggesetzt. Später erfuhr Violet, dass es das einzige Mal war, dass ihre Meisterin entgegen den Anweisungen des Rats gehandelt hatte, und im Gegenzug war Violet umso bemühter gewesen, Satele zu beweisen, dass ihre Aufnahme kein Fehler war. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie von verschiedenen Meistern, darunter von Orgus Din und Bela Kiwiiks, öffentlich gelobt und als Musterexemplar eines Padawans bezeichnet wurde, was ihren Ehrgeiz noch weiter antrieb. Lob und Anerkennung zu erhalten war in den darauffolgenden Jahren zu einer Sucht geworden und hatte Violet nicht ruhen lassen, bis sie als beste Duellantin in der Disziplin des einhändigen Schwertkampfes galt und die Prüfungen zum Jedi-Ritter teilweise schon absolviert hatte, bevor sie siebzehn geworden war. Und ein ums andere Mal fragte sie sich, wie sie bei ihrer letzten Prüfung, eine Woche vor der Schlacht um Coruscant, nur so hatte versagen können.

Währenddessen hatte ihr Schluchzen nachgelassen und war einem stummen Strom von Tränen gewichen, während sie sich an den Schultern ihrer Meisterin ausweinte. Satele, die ihr sanft über die Haare strich, überließ es ihr, das Gespräch zu beginnen. „Ich habe Euch vermisst“, flüsterte Violet nach ein paar Minuten.

Satele nickte langsam. Sie strich Violet die restlichen Tränen von den Wangen, bevor sie ihr ein Taschentuch reichte. Es kostete sie ihre gesamte Beherrschung, nicht von ihren Gefühlen übermannt zu werden, von der wilden Freude, ihren totgeglaubten Padawan wiederzusehen, und von der gleichzeitigen Trauer, erfahren zu müssen, was aus ihrer Schülerin geworden war. „Ich glaubte, du seiest damals im Tempel gestorben“, sagte sie dann aus dem Gefühl heraus, sich Violet gegenüber rechtfertigen zu müssen. „Ich konnte deine Angst und deinen Schmerz spüren …“ Ihre Hand berührte vorsichtig jene Stelle von Violets Brust, wo sie damals bei sich, mitten in den Verhandlungen auf Alderaan, eine so überwältigende Pein gespürt hatte, dass sie beinahe zusammengebrochen war.

Ihre Schülerin fuhr bei der Berührung zusammen und stieß ihre Hand grob weg. „Konntet Ihr das, ja?“ Ein verächtliches Zucken verzerrte ihre Lippen. „Das hat Euch aber nicht daran gehindert, die Verhandlungen fortzusetzen, nicht wahr?“

„Es ging in diesem Moment nicht darum, was ich persönlich wollte, sondern was zum Wohle der Republik getan werden musste“, gab Satele zurück. Ein Blick in Violets spöttische Miene ließ ihr die eigenen Worte hohl und klischeehaft erscheinen.

„Zum Wohle der Republik … einer Republik, die uns Jedi verraten hat. Erst haben sie uns ihren Krieg gegen das Imperium führen lassen und dann, in der Stunde unserer größten Not, ließen sie uns fallen und machten uns zum Gespött der Galaxis, indem sie so einfach hinnahmen, was die Sith uns antaten!“

„Wir Jedi sind die Beschützer der Republik. Ihr Krieg war auch unser Krieg“, wandte sie geduldig ein.

„Vielleicht … Aber wenn wir schon den Krieg anführen mussten, dann hätten wir auch das Sagen in der Republik haben sollen. Würden wir Jedi die führenden Positionen besetzt haben, dann hätten wir diesen Krieg gewonnen, anstatt uns durch interne Streitigkeiten schwächen zu lassen, weil sich jede Spezies und jedes System selbst das nächste waren. Geführt von einer starken Hand hätten wir den Sieg erlangt!“

„Dann wäre die Republik aber nicht länger eine Republik gewesen, sondern ein Imperium wie das der Sith, und die Freiheit wäre so schnell geschwunden wie die Partizipation des Volkes.“

„Aber wir wären stark gewesen … Stark und unbesiegbar.“

„Aus Tyrannenherrschaft kann niemals wahre Stärke entwachsen. Nicht für uns helle Machtnutzer zumindest. Unsere Stärke resultiert aus Ruhe, Geduld, Mäßigung und dem Streben nach Harmonie.“

„Aber manchmal ist das nicht genug!“, gab Violet aufgewühlt zurück. Ein paar Mal durchatmend setzte sie leiser nach: „Manchmal glaube ich, dass das nicht unsere größte Stärke ist, sondern unsere größte Schwäche.“

„Wenn du das glaubst, dann beschreitest du nicht länger den Pfad der Jedi“, entgegnete Satele langsam, nachdem sie tief ein- und ausgeatmet hatte.

Violet versuchte unterdessen, den Kloß in ihrer Kehle hinunterzuwürgen, den die Worte ihrer Meisterin verursacht hatten. Sich die Wahrheit ihrer Aussage einzugestehen, das lag ihr aber fern. Stattdessen gewannen Zorn und die altbekannte Arroganz, die sie schon als Padawan ausgezeichnet hatte, erneut die Oberhand. „Wenn eure Jedi-Lehren so wahr sind, weshalb haben sich dann die Sith als die Stärkeren erwiesen?“, sprach sie, die Stimme zu einem düsteren Flüstern herabgesenkt. Sie musterte ihre frühere Meisterin von oben bis unten. „Muss das dann nicht heißen, dass eure Lehren unwahr sind? Dass sie im wirklichen Leben nichts taugen?“ Die Lust an der Provokation und der Wunsch, sich für den gefühlten Verrat auf Coruscant zu revanchieren, gaben ihren blauen Augen einen fahlen Glanz. „Die Wahrheit ist doch, dass der Orden der Jedi zu einem feigen Pazifistenverein degeneriert ist. Ihr glaubt vielleicht, dass eure Hände rein sind, aber von ihnen trofft mehr Blut als von meinen, und aus Angst vor Gefühlen, aus Angst vor der Dunklen Seite bleibt ihr lieber apathisch und seht dem Treiben der Sith gleichgültig zu, nur um eure verfluchte Gelassenheit zu bewahren! Ihr seid erbärmlich und eure Scheinheiligkeit widert mich an! Vor allen anderen Tugenden preist ihr nämlich die Selbstlosigkeit, aber wenn es dann darum geht, euren Seelenfrieden zugunsten der Vernichtung unserer Feinde einzutauschen, dann verweigert ihr euch mit der Ausrede, dass der Kodex euch dieses oder jenes nicht gestatte! Ich aber, ich nehme das schlechte Gewissen auf mich, wenn ich einfach nur das tue, das getan werden muss, um das Imperium in seine Schranken zu weisen. Ich muss mit meinen Bluttaten leben und mit der Qual zu wissen, dass mir meine Menschlichkeit abhandenkommt. Aber wenn das der Preis ist, um unsere Feinde zu vernichten, dann ist er billig und ich bin gerne bereit, ihn zu zahlen. Das ist wahre Selbstlosigkeit, Meisterin Satele!“

Als Violet zu Ende gesprochen hatte, ging ihr Atem schnell, keuchend. Amberfarbene Streifen durchzogen mittlerweile ihre blauen Iriden und sie konnte an der heftigen Unruhe, die die Präsenz ihrer früheren Meisterin ausstrahlte, deutlich spüren, wie stark und unvorbereitet ihre Worte sie getroffen hatten. Stille herrschte zwischen beiden Frauen für einige Augenblicke. „Sag‘ mir, was damals im Tempel geschehen ist“, sprach sie dann.

Violet schnaubte. „Wozu? Wird dann alles wieder gut, nur weil wir darüber reden? Über diesen Punkt sind wir längst hinaus.“

„Ich bin hier, um dir zu helfen. Gib‘ mir die Möglichkeit, zu verstehen, was aus meinem Padawan geworden ist.“

Wieder verzerrte ein gequältes Lächeln Violets Lippen. Nach einem Moment des Zögerns begann sie schließlich, langsam die dünne, abgetragene Bluse aufzuknöpfen, die sie unter dem langen, ponchoartigen Mantel trug. Als sie dann den Stoff beiseite zog, atmete Satele scharf ein. In der Mitte ihrer Brust, halb von ihrem Büstenhalter verdeckt, befand sich eine kreisrunde Brandnarbe, deren Tiefe und Struktur sie als jenes Ergebnis kennzeichnete, das vom Durchstoßen des Leibs mit einem Lichtschwert resultierte. „Mit den liebsten Grüßen an Euch, soll ich ausrichten“, sagte Violet. Ihre Stimme war ganz ruhig, ganz kalt geworden.

„Grüße von wem? Wer hat dir das angetan?“ Es war schon lange her, dass die Großmeisterin sich überrumpelt gefühlt hatte.

„Bitte …“ Wieder besaß Violets Stimme diesen arroganten Klang, den Satele früher immer übergangen hatte, weil sie ihn nicht wahrhaben wollte. „Könnt Ihr Euch denn wirklich nicht denken, welcher Dunkle Lord noch eine Rechnung mit Euch offen hatte?“ Die Großmeisterin hatte schon zu der Erwiderung angesetzt, dass nicht wenige Sith zu ihren Feinden zählten, als eine Eingebung sie erstarren ließ. „Ihr wisst, wen ich meine, nicht wahr?“, fuhr Violet, die die Miene ihrer Meisterin scharf beobachtet hatte, fort. „Hättet Ihr ihn damals auf Alderaan nur getötet … Warum habt Ihr ihm nicht den Todesstreich versetzt? So viele Jedi würden dann heute noch leben, Meister Zallow und dutzende andere.“

Leise seufzend rieb die Jedi-Meisterin ihre rechte Schläfe, die in den vergangenen Minuten schmerzhaft zu pochen begonnen hatte. „Es ist nicht der Weg der Jedi, einen am Boden liegenden Gegner zu töten“, gab sie zurück.

„Ach so, natürlich. Ein Jedi würde sich nie die Hände schmutzig machen, nie auch nur eine kleine schlechte Tat begehen, um viele große Verbrechen zu verhindern.“

„Violet –“

„Fasst mich nicht an!“, fauchte sie, als Satele, die den Ausdruck der Schuld in ihrer Miene nicht länger unterdrücken konnte, ihren Arm zu ergreifen versuchte. Sie sprang abrupt auf, sodass ihr Stuhl nach hinten umkippte. „Seht lieber her!“ Sie riss sich den Mantel und die Bluse vom Leib. Die Arme ausgebreitet forderte sie Satele mit einem stummen Blick auf, ihren entstellten Körper zu begutachten. Neben der tiefen Wunde in ihrer Brust war ihre Haut von vielen weiteren weißen Narben bedeckt, kauterisiertes Gewebe als Folge von Verletzungen im Lichtschwertkampf. Die anderen großflächigen und tiefroten Narben zeigten, dass ihre Haut an diesen Stellen einst schwere Verbrennungen erlitten hatte. „Ihr glaubt, das sieht schlimm aus? Ihr hättet mich sehen sollen, bevor man mich in einen Kolto-Tank steckte!“, zischte Violet, als Satele sie langsam umrundete. „Ihr stellt Euch hierher und verurteilt mich für meine Taten, aber Ihr könnt Euch nicht im Mindesten vorstellen, was ich erlebt habe! Ich musste das Massaker an uns mitansehen, ich musste sterben, weil ich Euer Padawan war! Und dann haben sie mich im Tempel zurückgelassen, damit ich dort wie die anderen Jedi mein Grab finde! Ich lag unter den Trümmern begraben, als das Feuer auf mich herabregnete, und ich wäre dort erbärmlich verreckt, wenn Aryn Leneer mich nicht gefunden und gerettet hätte! Sie war es, die von Alderaan aufgebrochen ist, nicht Ihr! Sie hat Meister Zallow wirklich geliebt, während Euch das Wohl der Galaxis wichtiger war als Euer eigener Padawan!“ Kaum hatte sie geendet, gaben ihre zitternden Knie nach. Sie musste sich mit den Händen abstürzen, während sie hechelnd nach Atem rang, und als sie aufsah, als ihre brennend gelben Augen den Blick ihrer früheren Meisterin suchten, überkam Violet eine so gewaltige Welle an Hass, dass sie nicht mehr wusste, wen sie überhaupt noch hasste, die Sith für ihre Verbrechen, die Jedi für ihre Gleichgültigkeit, oder sich selbst für alles, was sie getan hatte, und für alles, was sie nicht getan hatte. „Ich habe meine Rache verdient“, flüsterte sie dann, als sie sich hochstemmte. „Und ich werde jeden als meinen Feind ansehen, der mich davon abzuhalten versucht.“ Eine Kraft durchfloss sie in diesen Augenblick, wie sie sie nur in den wenigen Momenten erahnt hatte, als sie sich ganz der Tötung der Imperialen hingab. Es war nicht die ruhige Kraft der Jedi, die aus emotionaler Gelassenheit und einer kühlen Distanz zu dem Geschehen entstand; es war etwas Rohes, Ungestaltes, eine rasende Blindheit, die nur ein klares Ziel zuließ: Die Vernichtung ihrer Feinde.

Noch immer stand Satele wie angewurzelt vor ihrer ehemaligen Schülerin und betrachtete sie mit einem Blick, aus dem Violet hätte herauslesen können, welche Qualen ihre Meisterin in diesem Moment durchlitt, wenn sie nur gewollt hätte. Doch Violet konnte und wollte dem Standpunkt der Jedi nicht länger folgen, und so verschloss sie sich jedem Einfluss der Hellen Seite, die sie in Form von Sateles Machtpräsenz zärtlich umschloss und zu beruhigen versuchte. „Lass‘ mich dir helfen, Violet. Gib‘ mir die Möglichkeit, meine Fehler wiedergutzumachen“, sagte sie in einem letzten, verzweifelten Versuch, zu jenen Mädchen durchzudringen, dass sie unter der Maske des gefallenen Jedi noch anzutreffen hoffte.

Doch als Violet auflachte, kalt, hämisch, boshaft, und Satele begriff, dass ihr Padawan von einst wahrhaftig gestorben war, brach etwas in ihr. „Wie naiv seid Ihr eigentlich, Meisterin? Es gibt Dinge, die kann man nicht mehr gutmachen. Man kann sie nur noch bedauern. Aber wenn Ihr mir wirklich helfen wollt, dann lasst mich gehen und Vergeltung üben.“

„Du weißt, dass ich das nicht tun kann.“

„Dann seid Ihr nur noch ein weiterer meiner Feinde.“ Nur mühsam konnte Satele den instinktiven Drang überwinden, nach ihrem Doppellichtschwert zu greifen. Violet, die die unwillkürliche Bewegung ihrer Hand richtig interpretiert hatte, grinste auf düstere Weise. „Vielleicht solltet Ihr das tun. Vielleicht solltet Ihr mich niederstrecken, wie es einst die Jedi-Meister von Taris mit ihren Padawanen taten, um zu verhindern, dass sie der Dunklen Seite anheimfielen.“

„Nein!“ Der Widerspruch der Großmeisterin fiel laut, energisch aus. Es war das erste Mal während dieses Gesprächs, dass Satele die Stimme erhob. Er war gegen Violets unerhörte Aufforderung gerichtet, aber auch gegen das finstere Raunen, das aus der Macht selbst zu ihr sprach und sie einer Traumstimme gleich zur Tötung ihrer früheren Schülerin aufforderte. „Ich bitte dich nochmals, mit mir nach Tython zu kommen. Meister Lom-Ki hat schon so manchem Jedi helfen können, zurück zur Hellen Seite zu finden. Gib‘ uns und auch dir Zeit, um deine Wunden heilen zu lassen.“

„Diese Zeit ist längst verstrichen“, gab Violet leise zurück. „Auch bin ich nicht länger ein Mitglied eures Ordens.“ Das gelbe Glühen ihrer Augen hatte nachgelassen. Müdigkeit, Resignation, Leere lagen stattdessen in dem trüben Blau ihrer Iriden.

„Violet, wenn du dich nicht freiwillig in den Gewahrsam des Ordens begibst, dann wird die Republik dich wie einen ganz gewöhnlichen Bürger behandeln, der gegen das Gesetz verstoßen hat“, setzte Satele eindringlich nach. „Du weißt, was das heißt? Es wird einen Prozess geben und sie werden dich der Morde anklagen, die du begangen hast. Im besten Fall wird dich nur eine lebenslange Gefängnishaft erwarten, aber so angespannt, wie die politische Situation augenblicklich ist, ist es vielmehr wahrscheinlich, dass dich die Republik ans Imperium ausliefern wird, um die Aufkündigung des Friedensvertrags zu verhindern.“

„Warum überrascht mich das nicht … In diesem Fall bliebe mir dann zumindest die lebenslange Haft erspart.“

„Du scherzt mit einem Messer an deiner Kehle …“ Violets Antwort bestand aus einem unbeugsamen Blick. Mit ihrer Weisheit am Ende ließ sich Satele auf ihren Stuhl sinken. Das Pochen in ihrer rechten Schläfe hatte sich zu einem pulsierenden Schmerz gesteigert, der ihre gesamte Gesichtshälfte überzog. „Direktor Trant hat mir vorhin mitgeteilt, dass sie dich heute Abend ins Zentralgefängnis verlegen werden, sofern du unser Angebot ablehnst.“ Wieder antwortete Violet mit einem Schweigen, das Satele deutlicher als alles andere zeigte, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Ein Gewicht von Tonnen schien sie niederzudrücken, als sie aufstand und ihre Robe glattstrich. Bevor sie sich zu einem Abschied, der wohl endgültig war, durchringen konnte, war Violet ebenfalls aufgestanden.

„Lebt wohl“, flüsterte sie kaum hörbar. Sie wandte sich dann rasch ab, um ihre Bluse und den Manteln wieder anzuziehen. Angespannt lauschte sie auf die Schritte ihrer Meisterin, die sich nicht entfernten, sondern näherkamen.

„Ich habe dich geliebt, als wärst du meine eigene Tochter“, wisperte Satele, als sie Violet auf die Stirn küsste. Ein letztes Mal war diese versucht, sich in die Arme ihrer Meisterin zu werfen und sie wie ein Kind anzuflehen, alles wieder gut werden zu lassen. Doch selbst, wenn es in Sateles Macht gestanden wäre, würde ihr Stolz eine solche Unterwerfung nicht verkraften. So wehrte sie noch einmal jeden Kontakt mit der Hellen Seite ab, die sie umfloss und ihre eigene Machtaura zu erweichen versuchte. Sie drehte ihrer früheren Meisterin den Rücken zu, als diese sich zum Gehen wandte. Das würde den Abschied für beide vielleicht einfacher machen.

Sie wartete noch einige Augenblicke, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, bevor sie ihren umgekippten Stuhl aufrichtete und Platz nahm. Die altgekannte Leere kam in ihrem Inneren auf, eine Art klammer Schmerz, der sie wie so manches Mal wünschen ließ, sie wäre damals gestorben, getötet vom Streich des Lichtschwerts, das ihre Brust durchbohrt hatte. Unwillkürlich strich sie über die tiefe Narbe zwischen ihren Brüsten. Sie sah auch nicht auf, als die Tür wieder geöffnet wurde und zwei Wachleute, eine Menschenfrau und ein Mon-Calamari-Mann, ihr die machtresistenten Handschellen anlegten und sie zurück in ihre Zelle führten. Für einen Moment war Violet der Gedanke gekommen, Widerstand zu leisten, einen Versuch zu unternehmen, notfalls mit Gewalt zu entkommen. Wozu?, war ihr aber dann durch den Kopf gegangen. Nur um sich weiter zu quälen, weiter abzumühen auf dem Pfad der Vergeltung, für den sie weder Zustimmung noch Achtung erntete? Sie wusste, dass es utopisch gewesen wäre, von Satele die Billigung ihrer Taten zu erwarten, doch insgeheim hatte Violet erhofft, auf mehr Verständnis zu treffen.

In der Zelle angekommen wurden ihr die Handschellen abgenommen und sie rollte sich auf dem schmalen Bett zusammen. Die Augen schließend döste sie vor sich hin, bis ihr das Abendessen, einige Sandwiches, einen Becher Joghurt und eine Tasse Tee, gebracht wurde. Sie gab keine Reaktion von sich, auch nicht, als einige Zeit später ihre Zellentür erneut geöffnet wurde und jemand hereinkam. Violet spitzte die Ohren, aber da sich nichts rührte und auch keine Schritte hinaus erklangen, musste diese Person einfach nur dastehen und sie beobachten. „Was?“, zischte sie genervt, als sie sich endlich aufsetzte.

„Für jemanden in Eurer Situation wäre es nicht von Nachteil, ein wenig entgegenkommender zu sein“, erwiderte Marcus Trant. Er hatte die Arme verschränkt, doch die Art und Weise, wie er sich gegen die Wand lehnte, zeigte, dass er nicht so schnell zu gehen beabsichtigte.

„Mir steht der Sinn momentan nicht nach einer Unterhaltung“, gab sie pampig zurück.

„Umso besser. Dann haltet einfach den Mund und hört zu.“ Violet funkelte ihn grimmig an, doch legte keine Widerrede ein. Der Direktor räusperte sich einige Male. „Dass Ihr in einer prekären Lage seid, muss ich wohl nicht weiter erläutern, das hat Eure Meisterin schon ausführlich getan“, begann er schließlich. „Offiziell gibt es zwei Szenarien, wie man mit Euch verfahren wird: Republikanisches Gefängnis für den Rest Eures Lebens oder gar die Auslieferung ans Imperium, und was Euch dann blüht, dass könnt Ihr Euch selbst denken. Ich unterstütze weder das eine noch das andere Szenario.“ Er legte eine kurze Pause ein, um ihre Aufmerksamkeit zu steigern, was ihm allzu gelang. Obwohl sie es sich nicht anmerken lassen wollte, konnte sie die Neugierde kaum aus ihrer Miene verbannen. „Ich habe Euer Gespräch mit der Großmeisterin verfolgt … Ihr werft den Jedi vor, zu feige zu sein, um das zu tun, was getan werden muss, um die Sith und das Imperium zu vernichten. Ich respektiere durchaus die Ideale des Jedi-Ordens, aber ich weiß sehr wohl, dass düstere Zeiten manchmal Maßnahmen erfordern, die … durchaus zweifelhaft sind. Moral ist etwas, das man sich leisten können muss, und ich in meiner Rolle als Direktor des SIDs kann es nicht. Ich bin der, der sich die Hände schmutzig macht, damit andere sich öffentlich hinstellen und jedermann ihre reinen Hände präsentieren können. Es steht mir daher nicht zu, Euch moralisch zu verurteilen. Allerdings war Eure Vorgehensweise so plump und stümperhaft, dass es mich ernsthaft wundern, dass wir erst jetzt über Euch gestolpert sind. Lasst mich ausreden“, wandte er ein, als Violet zu einer bissigen Antwort angesetzt hatte. Erneut versank er in der Betrachtung ihrer Person, musterte sie derart intensiv, dass sie verlegen und wütend zugleich den Blick abwandte. „Sagt mir: Wenn man Euch die Möglichkeit gäbe, dem Feind einen vernichtenden Schlag zu versetzen – nicht nur irgendwelche Imperiale zu ermorden, sondern die Führungsriege der Sith selbst zu treffen –, welchen Preis wärt Ihr bereit zu zahlen?“

Violet schluckte gegen den Kloß, der sich plötzlich in ihrer Kehle gebildet hatte. „Jeden, der notwendig wäre“, erwiderte sie flüsternd.

„Würdet Ihr im Zweifelsfall Euer Leben opfern? Eure Überzeugungen als Jedi?“

„Alles … Ich würde alles opfern.“

Der Leiter des Geheimdienstes nickte daraufhin langsam, dann zog er den Hocker unter dem kleinen Tisch hervor, das einzige Mobiliar der Zelle mit Ausnahme des schmalen Betts. „Hier“, er reichte Violet, kaum hatte er Platz genommen, das Tablett mit ihrem Abendessen. „Ihr solltet Euch stärken, die Nacht kann noch lange werden. Wir haben viel zu besprechen.“

Chapter Text

„Hey, aufstehen!“

Ein peitschender Schlag ließ Violet abrupt hochfahren. Sie sah sich desorientiert um, bis ihr Blick auf den Zygerrianer fiel, der sie so grob geweckt hatte. Da sie offenkundig zu langsam reagierte, packte er sie bei ihren langen Haaren und zog einmal kräftig daran. Sie zischte vor Schmerz auf, unterließ aber in Betracht ihrer neuen Rolle jede Gegenwehr.

„Du auch!“, fuhr der Sklavenaufseher die Twi’lek an, mit der sich Violet ein Lager teilte, und als sie ebenso langsam-verschlafen reagierte, bekam auch sie einen Hieb mit der Peitsche. „Los, macht gefälligst Frühstück“, schnauzte er sie an, bevor er zu seinen beiden Kumpanen zurückstapfte, die gegen die unbarmherzigen Sonnen Tatooines, die schon jetzt am frühen Morgen die Temperaturen rasch ansteigen ließen, ein Zelt aufgeschlagen hatten, wo sie mit ihrem Boss Rodnar Ill herumlungerten.

Beide Frauen rappelten sich schnell hoch und strichen ihre Kleider glatt, in denen sie mangels anderer Kleidungsstücke geschlafen hatten. Während Violet ihr Haar durchkämmte und zu einem hohen Zopf zusammenband, wusch sich die Leila, wie die junge Twi’lek hieß, schon Gesicht und Hände und – nach einem verschämten Blick in Violets Richtung – zwischen den Beinen. „Ich mache ihnen schon mal Kaffa, damit sie Ruhe geben“, murmelte sie, bevor sie sich auf den Weg ins Zelt machte.

Violet sah ihr hinterher. Sie hatte sich letzte Nacht schlafend gestellt, als einer der Zygerrianer gekommen war und Leila von ihrem gemeinsamen Lager fortgezerrt hatte. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass sie sich die junge Twi’lek holten, und es war genauso wenig nötig, dass Leila ihr erzählte, zu welchem Zweck sie sie geholt hatten. Ihr leises Weinen, als sie einige Zeit später zurückgekommen war, ihr kindliches Zittern, als sie unter die gemeinsame Decke kroch, und nicht zuletzt ihr unsicherer, steifer Gang, als sie barfuß durch den Sand stampfte, sprachen für sich. Anfangs hatte Violet darüber nachgedacht, ob sie sie trösten sollte, sie in den Arm nehmen, ihr gut zureden. Aber als sie merkte, wie groß die Scham der Twi’lek ungeachtet der Offensichtlichkeit des sexuellen Missbrauchs war, hatte sie lieber geschwiegen. Als ob ‘ne Umarmung oder schöne Worte auch etwas geändert hätten … Es gibt Dinge, für die gibt es keinen Trost, hatte sie nur gedacht.

Rasch wusch sie sich und machte sich daran, ihrer Leidensgenossin bei der Bewirtung ihres Besitzers und seiner Häscher zu helfen. Insgeheim wunderte sie sich, wie lange sie noch die Rolle der Sklavin würde spielen müssen, bevor der nächste Schritt jenes Plans in Kraft träte, in welchen sie Marcus Trant am Abend nach dem Besuch ihrer früheren Meisterin eingeweiht hatte.

„Hier“, er reichte Violet das Tablett mit ihrem Abendessen. „Ihr solltet Euch stärken, die Nacht kann noch lange werden. Wir haben viel zu besprechen.“ Violet hob spöttisch die Augenbrauen, doch nahm es nicht nur entgegen, sondern machte sich sogleich über die Sandwiches her. „Während des Krieges, um Zuge der Einschleusung von Agenten in die imperiale Kommandostruktur, kam mir über die Jahre hinweg die Idee, nicht nur das imperiale Militär und den Geheimdienst zu unterwandern, sondern auch die Sith selbst. Wie Ihr Euch aber denken könnt, ist das keine Aufgabe für einen meiner Leute. Ich bräuchte dafür einen Jedi, der bereit wäre, sich mitten ins Maul der Bestie zu stürzen. Als ich den Hohen Rat um deren Mithilfe ersuchte, wies jedoch Großmeister Zym meinen Plan als nicht umsetzbar zurück. Er könne es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, auch nur einen Jedi in die Situation zu bringen, seine Überzeugungen verleugnen und der sich Dunklen Seite hingeben zu müssen.“

„Es hätte auch aus einem weiteren Grund nicht funktioniert“, wandte Violet mit vollem Mund ein. „Wir Machtnutzer können uns gegenseitig spüren, sofern wir uns nicht gezielt tarnen. Die Sith hätten Euren Jedi-Spion also früher oder später bemerkt. Sie hätten die Helle Seite in ihm gespürt.“

Trant nickte. „Ja, so sagte man mir. Ohne die Zustimmung des Hohen Rates blieb mir dann auch nichts andere übrig, als diesen Plan ad acta zu legen. Aber vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, die imaginäre Aktenschublade wieder zu öffnen.“

Violet erwiderte seinen Blick schweigend, und je länger dieses Schweigen zwischen ihnen dauerte, desto sicherer war sie sich, dass er sie für diesen Jedi hielt, der sich ins Maul der Bestie stürzen sollte. „Der Hohe Rat würde dem nie zustimmen, vor allem nicht Großmeisterin Satele“, gab sie zurück.

„Der Hohe Rat muss davon nichts erfahren, und da sowohl sie wie auch Ihr Euch selbst nicht mehr als Mitglied des Ordens betrachtet, haben sie de jure auch gar nicht das Recht, sich in diese Angelegenheit einzumischen.“

„Und … was ist mit dem ausstehenden Haftbefehl?“

„Nun, er wurde immerhin vollstreckt und besitzt noch immer seine Gültigkeit. Aber … es gibt überall Gefangene, denen es gelingt, aus der sicheren Haft auszubrechen.“

„So so …“

„Hmm“, machte der Direktor bekräftigend.

„Mal angenommen, mir gelänge diese Flucht, mit wessen Hilfe auch immer … Wie sollte ich es schaffen, die Sith zu unterwandern?“

„Es mag den Anschein haben, dass die Sith den letzten Krieg gewonnen haben, aber Tatsache ist, dass ihre Verluste die unseren bei weitem überstiegen. Als Konsequenz wurde daraufhin die Akademie von Korriban auch für sogenannte Fremdlinge, das heißt Nicht-Sith und Nicht-Mensch, geöffnet, ebenso für Sklaven, die sich als machtsensitiv erwiesen.“

Diese Fakten waren Violet nicht bekannt gewesen. Sie nickte daher langsam. „Wie sieht der Plan also genau aus?“

„Solltet Ihr Euch dafür entscheiden, an dieser Operation teilzunehmen, würde der SID Euch aus dem republikanischen Raum bringen und Euch in die Sklaverei verkaufen. Da diese in der Republik bekanntermaßen verboten ist, würdet Ihr über kurz oder lang in den imperialen Raum gelangen, wo Ihr ebenfalls über kurz oder lang einem Sith über den Weg liefet. Ihr müsstet ihm gegenüber dann ein gewisses Maß Eurer Macht offenbaren, auf keinen Fall zu viel, da er schließlich glauben muss, dass Ihr Euch Eurer Machtsensitivität noch gar nicht bewusst seid, aber genug, dass man Euch für würdig hält, zur Akademie nach Korriban geschickt zu werden. Dort müsstet Ihr die Prüfungen zum Sith durchlaufen, und Ihr müsstet sie so erfolgreich durchlaufen, dass Ihr von einem Lord oder gar einem Darth als Schülerin angenommen würdet, denn nur so hättet Ihr überhaupt die Möglichkeit, in die Führungsriege der Sith aufzusteigen. Dort wärt Ihr dann unser Schläfer, bis wir Euch kontaktieren, wir Euch, nicht Ihr uns, verstanden? Ihr habt keine Erfahrungen in Sachen Geheimdienstarbeit, dementsprechend hoch wäre die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr selbst auffliegt, solltet Ihr uns zu kontaktieren versuchen. Wir stattdessen haben schon Agenten im Militär und im Geheimdienst, die zum passenden Zeitpunkt Kontakt mit Euch aufnehmen könnten. Ihr würdest unterdessen so viele Informationen wie nur möglich sammeln. Um aber an die richtig wertvollen Informationen zu kommen, jene, die die Sith nicht mit ihrem Handlangern teilen, wird Euch nichts anderes übrigbleiben, als selbst mindestens bis zum Sith-Lord aufzusteigen.“

„Hmm … wenn’s weiter nichts ist. Oder soll ich noch ganz nebenbei den Dunklen Rat vergiften oder dem Imperator ein Lichtschwert in den Rücken stoßen? So langsam verstehe ich, weshalb der vorherige Großmeister diesen Plan als Schnapsidee abgetan hat.“

„Weshalb?“ Trant blickte sie scharf an. „Nur weil die Wahrscheinlichkeit besteht, dass die eingeschleuste Person getötet wird, bevor sie die entsprechend hohe Position erreicht hat? Oder dass sie vielleicht doch auffliegt und dann eines qualvollen Todes stirbt? Diese Wahrscheinlichkeit besteht immer, auch bei unseren ausgebildeten Agenten. Aber wer sich auf diese Operation einlässt, der sollte sich natürlich im Klaren darüber sein, welches Risiko er eingeht. Solltet Ihr Erfolg haben und uns mit kriegswichtigen Informationen versorgen, können wir weder garantieren, dass Ihr Eure Karriere als Sith so einfach beenden könnt, noch ist völlig ungewiss, ob Ihr für Eure Verbrechen – nicht die Morde an den Imperialen, sondern die Taten, die Ihr als Sith notwendigerweise würdet begehen müssen, um Eure Tarnung aufrechtzuerhalten – eine Amnestie erhieltet. Es ist durchaus möglich, dass die Republik Euch dennoch hinrichten würde, weil Ihr vielleicht selbst zu einer zu großen Bedrohung geworden seid. Und solltet Ihr scheitern, so stünde es nicht in unserer Macht, Euch zu helfen. Solltet Ihr auffliegen, sollten die Sith dahinterkommen, dass Ihr ein Jedi seid, so würdet Ihr in den Folterkellern der imperialen Inquisition ein erbärmliches Ende finden. Die Republik würde nämlich jede Beteiligung grundsätzlich leugnen, es gäbe also keinen, der noch zu Euch stünde.“

„Gibt’s zumindest eine Prämie, falls ich es doch lebendig rausschaffen würde?“

„Es gibt hier niemanden, den Ihr mit Eurem Sarkasmus beeindrucken könnt“, antwortete Trant so kühl wie kategorisch. Nach einem kurzen Blick auf dem Chronometer an seinem linken Handgelenk erhob er sich vom Hocker. „Ich gebe Euch eine Stunde, um über meinen Vorschlag nachzudenken. Danach werde ich Euch ins Zentralgefängnis überstellen lassen.“ Damit verließ er ihre Zelle. Violet hatte geschwiegen, hatte getan, als müsste sie über sein Angebot erstmal gründlich nachdenken. In ihrem Inneren stand ihre Entscheidung allerdings schon lange fest.

Ein leichter Stoß von Leila ließ sie aufsehen und dann hektisch werden. Der Pfannkuchen war schon grenzwertig braun, die Spiegeleier waren hingegen nicht mehr zu retten. Und unglücklicherweise war ihr Fauxpas schon bemerkt worden. „Was treibst du da, Mädchen?“, rief Rodnar Ill vom Tisch herüber. Mit schweren, mühseligen Schritten – als Crolute machte ihm heiße, staubtrockene Klima Tatooines besonders zu schaffen und ließ seine Hände und Beine dick anschwellen – stampfte er herüber an den Tisch, wo Violet auf mobilen Kochplatten das Frühstück zubereitete. Als er das Resultat ihres unzureichenden Kochtalents entdeckte, brach sich sein ohnehin leicht reizbares Temperament die Bahn. „Du dummes Ding, was kannst du eigentlich?“, donnerte er, gefolgt von einigen Hieben mit seiner Peitsche. Obwohl sich Violet schon rechtzeitig geduckt hatte und ihr Rücken den Großteil der Schläge abbekam, traf einer sie im Gesicht. Sie schrie erschrocken auf und tastete dann über ihre Lippen. Ein dünnes Rinnsal Blut tropfte von dem Riss in ihrer Oberlippe. Währenddessen schimpfte und zeterte der Crolute weiter, was für eine miserable Köchin sie für eine Haushaltssklavin doch sei und dass er viel zu viel Geld für sie hingelegt habe. Violet schwieg zu alldem; gegen ihren eigenen Zorn anzukämpfen, war schwierig genug.

Sie sah erst auf, als Rodnar Ill ihr Kinn packte und sie zwang, den Kopf weit in den Nacken zu legen. Als er den Schaden in ihrem Gesicht sah, das im Gegensatz zu vielen anderen Stellen ihres Körpers rein und makellos war, begann er erneut zu schimpfen. Dass er diesmal auf sich selbst wütend war, steigerte nur die Vulgarität der Begriffe, mit denen er sie bezeichnete. Zum Schluss bekam sie – da es in seinen Augen schließlich ihre Schuld war, dass nun auch ihr Gesicht eine Schramme hatte – eine saftige Ohrfeige, bevor er ihr den Auftrag gab, ihm endlich das Frühstück zu servieren. Violet sandte ihm einen hasserfüllten Blick hinterher. Er war ihr seit ihrem ersten Aufeinandertreffen kein Deut sympathischer geworden.

Es klopfte sachte an der metallenen Schiebetür, die offen stand. „Alles klar?“, hakte Captain Miko nach.

„Hmm“, machte sie nur.

„Wenn du noch was brauchst, ‘ne Spritze gegen die Schmerzen oder so, dann geh‘ jetzt zum Doc. In ‘ner halben Stunde kommen wir nämlich an.“

„Schon gut“, wehrte sie ab. Auf dem schmalen Bett in der Mannschaftskabine sitzend tastete sie erneut über das Schockhalsband, das man ihr zuvor angelegt hatte, um ihren neuen Status als Sklavin auch optisch sichtbar zu machen. Während der letzten Jahre auf Nar Shaddaa, wohin sie unterwegs waren, hatte sie genug bedauernswerte Personen gesehen, die einen derartigen Apparat zu tragen gezwungen waren, aber sie hatte weder gedacht, dass das Anlegen eine so schmerzhafte Prozedur, noch dass das Tragen so unbequem war, denn um sicherzustellen, dass ein Sklave sich nicht so einfach seines Standeszeichen entledigte, waren diese Halsbänder durch ein Implantat mit den Halswirbeln verbunden, sodass es in der Regel nur durch einen operativen Eingriff entfernt werden konnte – oder eben durch einen brutalen Gewaltakt.

Die verbliebene Zeit nutzte sie, um sich noch umzuziehen – man hatte ihr ein Shirt und einen Rock bereitgelegt, die noch schäbiger als ihre jetzigen Kleider waren und geradeso den Großteil ihrer Narben verdeckten – und die restlichen Kleider in einen kleinen Jutebeutel zu stopfen. Es wären die einzigen Habseligkeiten, die sie als zukünftige Sklavin besitzen würde. Zwischen ihnen hatte sie sorgfältig ihre Jagdklinge verborgen, von der sie sich entgegen aller vernünftiger Argumente nicht trennen wollte. Sie wusste nicht, ob ihr potentieller Käufer ihre Kleider konfiszieren würde, aber sollte es so kommen, vertraute sie auf ihre Machtfähigkeiten, mit denen sie ihn ihrer mentalen Kontrolle unterwerfen würde. Schließlich ging die kleine zivile Korvette in den Sinkflug über und landete in einem kleinen Hangar. „Das ist aber nicht der offizielle Raumhafen der Republik“, meinte Violet mit fragendem Blick in Richtung des Captains, der sich ebenfalls zivil gekleidet hatte.

„Natürlich nicht“, erwiderte er unwirsch. Ihren Oberarm ergreifend führte er sie die Rampe herunter und hinüber zu zwei anderen Männern in Zivil, deren Haltung aber etwas zu steif und zu militärisch war, als dass sie wirklich Zivilisten hätten sein können. „Der Hafen gehört Bareesh, einem Hutten, der zu unseren längsten und treuesten Unterstützern innerhalb des Huttenkartells gehört. Er war es übrigens auch, der uns Zugriff auf die huttischen Überwachungssysteme ermöglichte, wodurch wir dann auf Euch stießen.“

Violet schnaubte. „Ein Grund mehr, warum ich ihn jetzt schon nicht leiden kann.“  

Der SID-Offizier ging auf ihre Worte nicht ein, sondern signalisierte ihr, hinter ihm auf dem Speeder Platz zu nehmen. „Sobald wir am Markt ankommen, müsst Ihr Euch dann auch wie eine Sklavin verhalten“, erinnerte er sie nochmals.

„Ich weiß.“ Da man sie während sämtlicher Besprechungen mehrfach darauf hingewiesen hatte, klang sie mittlerweile entnervt. „Was? Glaubt Ihr, dass ich abhauen will? Schon gut, ich weiß, dass Ihr das tut.“ Ihr Blick ruhte auf seine Hand, die auf der Waffe in seinem Oberschenkelholster lag.

„Ehrlich gesagt habe ich damit in jeden Moment gerechnet, nachdem wir von Coruscant abhoben sind.“

„Ich habe Trant mein Wort gegeben, die Situation nicht zu missbrauchen, und ich stehe zu meinem Wort. Außerdem haben wir ein gemeinsames Ziel.“

„Das haben wir“, bekräftigte er.

Der Flug dauerte rund eine halbe Stunde, dann parkte Captain Miko den Speeder am Rand des weiträumigen Platzes, den jeder nur den Markt nannte und wo nur eine einzige Ware gehandelt wurde: Sklaven. Kaum war er abgestiegen, packte er sie am Zopf, zu dem sie ihr langes, schwarzes Haar geflochten hatte, und zerrte sie grob vom Fahrzeug. Violet zischte vor Schmerz, aber schwieg. Das Schauspiel, dass sie würden abziehen müssen, hatte begonnen. Brav folgte sie dem Captain, der sich als ihr Besitzer ausgab. Auf ihrem Weg betrachtete sie die verschiedenen Händler mit gemischten Gefühlen. Vor zwei Jahren war sie das letzte Mal hier gewesen, um sich jene Gruppe herauszusuchen, von denen sie ihre letzten Credits gestohlen hatte. Seitdem hatte sich nichts geändert, weder die Händler noch ihre Ware. Gleich käfigeweise wurden die Arbeitssklaven – Menschen, Houks, Wookiees, die neben den Schockbändern noch schwere Ketten trugen – für Bau- und Minenarbeiten angepriesen, während jene Sklaven, die man unter der Rubrik Unterhaltungsindustrie präsentierte – überwiegend Twi’lek- und Menschenfrauen, aber auch einige Togruta und Nautolanerinnen –, hübsch herausgeputzt und äußerst knapp bekleidet waren.

Captain Miko schob sie an den großen Geschäftsmännern vorbei, die permanent und exklusiv auf Nar Shaddaa tätig waren, und näherte sich den vielen kleineren Händlern, die mit ihrer Ware quer durch die Galaxis zogen. Er schlenderte bewusst langsam an ihnen vorbei, sodass sie alle schon den ersten Blick auf Violet werfen konnten, die den aufkommenden Ekel tapfer hinunterwürgte. Schnell kam er mit einigen ins Gespräch, die allerdings genauso schnell einen Kauf ablehnten, als sie ihre Narben begutachteten. „Höchstens zweite Wahl, wenn nicht gar dritte“, hatte er von ihnen gemeint, ein älterer Mann, dessen ungepflegter Bart die tiefen Pockennarben auf seinen Wangen nur unzureichend verdeckte. „Aber Sie können mal zu Ill gehen, der hat sich auf beschädigte Ware spezialisiert.“ Er zeigte dem Captain einen anderen Händler zwei Stände weiter, ein korpulentes, amphibienartiges Wesen, das sich als Angehöriger der Spezies der Croluten entpuppte.

„Sind Sie Ill?“, hakte Miko nach, als sie näherkamen. Nebenbei zog er Violet erneut an ihrem Zopf zu ihm, den er wie eine Leine in seiner Hand hielt. Sie zischte erneut vor Schmerz auf. Zu gerne hätte sie sich mit einem Tritt gegen sein Schienbein revanchiert.

„Bin ich“, gab der Crolute mit seiner tiefen Bassstimme zurück. Mühsam erhob er sich von seinem Klappstuhl hinter dem Tisch, wo neben einem Pad noch mehrere Scangeräte und ein schmaler, biegsamer Stock befand, den er nun in die Hand nahm, als er auf sie zustampfte. Ungefragt packte er Violets Kinn, als er sie inspizierte. „‘n hübsches Gesichtchen hat sie ja“, meinte er dann. „Welchen Makel hat sie dann?“ Zur Antwort zog Miko ihr Shirt hoch. Instinktiv bedeckte Violet ihre Brüste, an denen der Sklavenhändler vorläufig weniger interessiert war als an ihren Brandnarben auf Rücken und Schultern. „Hmm, das ist natürlich eine eindeutige Wertminderung … Welche Tätigkeit hat sie ausgeübt? War sie Ihr Bettwärmer?“

Während Violet widerwillig errötete, blieb die Miene des Captains so ausdruckslos-stoisch wie immer. „Wir haben sie vor ein paar Jahren gekauft, damit sie sich um meinen alten Herrn kümmert“, antwortete er und gab damit jene Geschichte zum Besten, die sie vorher abgesprochen hatten. „Hat gesoffen und geraucht wie eine Fabrikratte, die er mal war, bis es ihn eines Tages umgehauen hat. Schlaganfall, konnte danach nicht mal mehr allein aus dem Bett. Und da ein ordentlicher Medi-Droide zu teuer war, haben wir uns nach etwas Günstigerem umgeschaut.“

„Verstehe. Also Haushalts- und Pflegetätigkeiten … Was hat sie zuvor gemacht?“

„Hat in ‘nem Bergwerk oder ‘ner Mine gearbeitet, wenn ich noch recht weiß. Da hat sie auch die Narben her, von einer Explosion oder ähnlichem.“

Der Crolute brummte zustimmend, bevor er Violet eindringlicher und mit dem professionellen Interesse eines Sklavenhändlers begutachtete. Er fuhr durch ihr langes, schwarzes Haar, drückte seine pummeligen Finger grob in ihre Wangentaschen, damit sie den Mund öffnete und ihre Zähne präsentierte, und schob nochmals ihr Shirt hoch, um ihren Büstenhalter zu öffnen. Scham, gefolgt von Zorn, ließ sie erröten, als er ihre vollen Brüste befühlte und dabei ein Grinsen nicht unterdrücken konnte. Es sollte aber noch demütigender werden, als er fragte: „Ist sie noch unbenutzt?“

„Unbenutzt?“, hakte der Captain. Violet hingegen ahnte, worauf der Sklavenhändler hinauswollte.

„Ob sie noch Jungfrau ist?“

Sie schloss ergeben die Augen, während Miko die erwartete Frage, deren Inhalt sie ebenfalls zuvor besprochen hatten, beantwortete. „Mein alter Herr dürfte nicht mehr in der Lage gewesen sein, sich mit ihr vergnügen zu können“, gab er schließlich so lapidar wie möglich zurück.

„Hmm“, brummte Ill. Seine tiefliegenden, kleinen Augen musterten sie prüfend, bevor er ihren Rock hochzog und seine große, schwere Hand in ihr Höschen schob. Obwohl sie sich schon mental auf das Unvermeidliche vorbereitet hatte, entfuhr ihr ein leiser Schmerzenslaut, als er mit einem Finger in sie eindrang. „Eng genug ist sie zumindest“, meinte er dann. Er gab ihr noch einen Klaps auf den Hintern, bevor er sich an den Captain wandte, um sich ihr Gesundheitszeugnis und die Besitzerurkunde ihrer Person – beides vom SID professionell gefälscht – aushändigen zu lassen. Violet kämpfte unterdessen gegen den emotionalen Sturm in ihrem Inneren an und dem instinktiven Drang, sich für die Demütigung schmerzhaft zu rächen. Mit starrem Blick auf den Boden lauschte sie dem anschließenden Aushandeln ihres Verkaufspreises. Rodnar Ill bot 2.000 Credits, was an der unteren Grenze für einen Haushaltssklaven war, während der Captain knapp 4.000 für sie wollte, was an der oberen Grenze lag. Beide Männer feilschten hartnäckig, bis sie sich bei etwas über 3.200 Credits einigten. 3.200 Credits, so viel ist also ein ganzes Leben wert, dachte sie bitter.

Sie sah auf, als Captain Miko ihr einen Stoß in Richtung des Sklavenhändlers gab, der sogleich ihren Oberarm mit einem schraubstockfesten Griff umschloss und sie zu einer Gruppe anderer Frauen hinüberzerrte, wo er ihr eine Fußfessel anlegte. Sie warf einen letzten Blick zurück. Er nickte ihr leicht zu. Sie verstand nur zu gut. Die Arbeit des SID war damit erledigt. Jetzt würde es auf sie ankommen, auf sie allein.

„Bitte, tu, was er sagt“, wisperte Leila ihr zu, als sie dem Sklavenhändler noch immer hinterherstarrte. „Du willst nicht herausfinden, wie es ist, wenn er richtig zornig wird.“

„Wie lange gehörst du ihm denn schon?“, gab sie leise zurück. Leila hatte schon damals auf Nar Shaddaa zu Ills Sklavenbestand gezählt und auch in den darauffolgenden Monaten war sie nicht verkauft worden. Nicht zum ersten Mal fragte sich Violet nach dem Grund dafür.

„Zu lange“, murmelte die Twi‘lek schließlich. Sie hätte ihr nicht den Rücken zuwenden müssen, damit Violet verstand, dass weitere Fragen nicht erwünscht waren.

Nachdem sie die Männer bedient und anschließend den Abwasch getätigt hatten, begann ein weiterer sinnloser, leerer Tag. Mit jeweils einer schweren Fessel am Fuß saßen sie beide neben Rodnar Ill im Sand, während er es sich in einem breiten Sessel bequem gemacht hatte, wo er auf seine Kundschaft wartete. So sehr ihr seine Nähe zuwider war, so hatten sie und Leila doch verglichen mit den Minensklaven, die in großen Käfigen zusammengepfercht waren, einen vergleichbar angenehmen Platz abbekommen, da sie so ebenfalls in den Genuss des Sonnenschirms kamen und er es ihnen mit herablassender Gnade gestattete, hin und wieder einen Schluck von dem sauberen, kalten Wasser zu trinken, das ansonsten ausschließlich für ihn reserviert war. Der Preis dafür war, dass sie ihm abwechselnd kühle Luft zufächeln und seine geschwollenen, flossenartigen Füße massieren mussten. Gerade letzteres ließ Violet jedes Mal aufs Neue mit ihrem Ekel kämpfen, auch wenn sie sehr gut wusste, dass es – verglichen mit allen anderen Tätigkeiten, die man von ihr als Sklavin verlangen könnte – noch eine sehr humane Aufgabe war.

Als Leila sie ablöste, setzte sich Violet, den Rücken an Ills Sessel gelehnt, in den Sand und schloss müde die Augen. Seit der SID sie auf Nar Shaddaa in die Sklaverei verkauft hatte, waren nun bereits Wochen vergangen, das neue Jahr war schon angebrochen und auch ihr Geburtstag war genauso unmerklich verstrichen wie in all den Jahren zuvor. Ein harter Ausdruck schlich sich in ihrem Blick ein, als sie ihr einmal mehr bewusst wurde, was eigentlich aus ihrem Leben geworden war. Vor zehn Jahren, mit siebzehn, war ihre Welt noch in Ordnung gewesen. Damals hatte sie eine Heimat gehabt, eine Familie, eine Mutterfigur. Und heute, mit siebenundzwanzig, war ihr Leben ein Trümmerhaufen. Sie war nicht gewillt gewesen, Tython als neue Heimat anzuerkennen, und die Begegnung mit Satele hatte ihr deutlich gemacht, dass sie nichts mehr mit den Jedi und auch nicht mit ihrer Meisterin gemein hatte. Sie hatte einfach alles verloren, das ihr einmal lieb und teuer gewesen war. Es war eine durch und durch bittere Bilanz, die sie an diesem Tag gezogen hatte.

Langsam floss die Zeit dahin, nur sichtbar am wandernden Schatten des Sonnenschirms. In ihrer freien Zeit hielt Violet die Augen geschlossen. Nach außen hin erweckte sie den Eindruck, in der Hitze vor sich hinzudösen; tatsächlich hatte sie sich der Macht geöffnet und ließ ihren Geist getrennt von ihrem Körper durch dem Raum wandeln. Sie zuckte zusammen, als sie, wie schon einige Zeit zuvor, eine dunkle Präsenz gleich einem Stich ins Auge wahrnahm. Anstatt sich instinktiv zurückzuziehen und ihre Aura wieder bis zur Unerkennbarkeit zu tarnen, wie sie es in den langen Jahren auf Nar Shaddaa getan hatte, gestattete sie ihrer Präsenz, sich gleich einer grimmigen Wolke um sie herum zu manifestieren, denn heute wollte sie schließlich gefunden werden.

Doch einstweilen sah es nicht daran aus. Der Abend kam heran und Rodnar Ill schickte Leila und sie dann fort, damit sie das Abendessen zubereiten würden. Da er heute einige lukrative Verkäufe an die Czerka-Corporation hatte tätigen können, war der Crolute so guter Stimmung, dass beide Frauen sich am frischen Essen bedienen durften, wodurch ihnen die übliche Sklavenkost, bestehend aus mit Wasser angerührten Nahrungspulver, erspart blieb. Sie waren noch beim Abwasch, als Violet erneut die dunklen Präsenzen abrupt und als nach ihr tastend wahrnahm. Es erstaunte sie daher nicht, dass wenige Minuten später einer der Zygerrianer, die bei den anderen Sklaven Wache hielten, ins Zelt kam. „Hey Boss“, fing er sogleich an, „da sind ‘n paar Imperiale im Anmarsch, Soldaten, vielleicht acht oder zehn, und zwei so Kerle in Kutten … Soll ich sie wegschicken? Ist immerhin schon spät.“

„Dummkopf“, fuhr Rodnar Ill ihn mit seiner tiefen Bassstimme an, während er mühsam aufstand und seine Flossenfüße wieder in die schweren Stiefel zwängte. „Kundschaft schickt man nie weg, egal, wann sie kommt. Du, Kleines“, er zeigte auf Leila, „zieh‘ dich um. Und du, Mädchen“, er deutete weiter auf Violet, „setzt Kaffa und Tee auf und bedienst uns dann. Los!“ Seine plötzliche Hektik war amüsant anzusehen, oder hätte es vielmehr sein können, wenn Violet selbst nicht so nervös gewesen wäre. Jetzt galt es, den ankommenden Sith – denn als nichts anderes offenbarte sie ihre Machtpräsenzen – erfolgreich vorzuspielen, nur eine Sklavin zu sein, die sich ihrer Machtsensitivität nicht bewusst war.

Rasch brühte sie den Tee auf und vermischte den feingemahlenen Kaffa mit Zucker und Gewürzen, bevor sie die Mischung mit heißem Wasser übergoss. Dann stellte sie beide Kannen und einige kleine Tassen auf ein Tablett und verließ das Zelt. Stumm schimpfend stapfte sie durch den tiefen Sand hinüber zu jenem zweiten Zelt, in das sich der Sklavenhändler stets mit seiner Kundschaft zurückzuziehen pflegte. Je näher sie kam, desto stärker, vibrierender wurden die Auren und ließen sie, als sie das Zelt betrat, kurz benommen taumeln. Obwohl ihre nackten Füße kein Geräusch gemacht haben konnten und die tanzende Leila in ihrem knappen, paillettenbesetzten Bikini ein Blickfang war, wandten sich beide Sith augenblicklich nach ihr um. Sie hielt den Blick gesenkt, als sie vor dem niedrigen Tisch zwischen den Sesseln niederkniete und ihnen die Getränke servierte. Stumm lauschte sie dann dem wieder aufgenommenen Gespräch.

„Nun“, fuhr der jüngere der Männer fort, der mit seinem dunklen Vollbart und den Dreadlocks einen wilden Eindruck machte, „wie ich bereits sagte, wünscht mein Meister“, er würdigte den älteren Sith mit einem kurzen Senken seines Kopfes, „neue Sklaven für unsere Ausgrabungen. Sie müssen gesund und kräftig sein und sollten die Wüste länger als ein paar Tage überleben. Hast du diesbezüglich etwas Passendes, Crolute?“ Sein herablassender Tonfall und die Anrede Rodnar Ills mit dem Namen seiner Spezies verriet, dass er den berüchtigten imperialen Spezifismus, nach welchem alle anderen Spezies denen der Sith und der Menschen unterlegen waren, teilte.

„Natürlich, mein werter Lord, natürlich.“ Die Unhöflichkeit des Siths ignorierend, setzte Ill eine dienstbeflissene Miene auf. „Für derartige Arbeit und in Anbetracht der klimatischen Bedingungen empfehle ich Euch Menschen und Wookiees. Gerade letztere könnten sich bei Bergungsarbeiten als sehr nützlich erweisen.“

„Wookiees, ernsthaft? Kriegen diese Viecher denn keinen Hitzeschlag in der Wüste?“, warf der Sith grinsend ein.

„Keine Sorge, mein Lord, ich werde sie vorher scheren lassen.“

Diese Aussage entlockte dem jüngeren Sith ein lautes Lachen. Violet hielt noch immer den Blick gesenkt. Sie konnte deutlich die Präsenz des anderen Siths, einem älteren Mann mit kurzen grauem Haar, spüren, die um sie herumströmte und ihrer eigene zu ertasten versuchte, und nicht zum ersten Mal überkam sie die Furcht, beide Sith könnten auf irgendeine Weise spüren, dass sie hier einen abtrünnigen Jedi vor sich hatten. Doch ihre Sorge schien sich als haltlos zu erweisen. Eine leichte Berührung ihres Haars ließ sie schließlich aufblicken und gleich wieder den Blick senken. „Nein. Sieh‘ mich an, Mädchen“, sprach er. Obwohl seine Stimme ruhig, beinahe sanft klang, erlangte er damit augenblicklich die Aufmerksamkeit seines Schülers und des Sklavenhändlers.

Während der jüngere der Sith seinem Meister einen fragenden Blick zuwarf, schien Rodnar Ill ein weiteres Geschäft zu wittern. „Gefällt sie Euch, mein Lord? Ich könnte sie Euch zu einem besonders günstigen Preis verkaufen“, begann er sogleich. „Ihre Mängel sind kaum der Rede wert, ein paar Brandnarben auf Schultern und Rücken von früherer Minenarbeit. Aber sie hat alle sonstigen Vorzüge einer Sklavin erster Wahl. Ihre Figur ist makellos und sie ist selbstverständlich noch Jungfrau.“ Violet konnte nicht verhindern, dass ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg, und zugleich konnte sie ihre Verachtung für Ill mit seinem anbiedernden Verhalten kaum mehr unterdrücken. Der ältere Sith schien dem Croluten hingegen überhaupt keine Beachtung geschenkt zu haben. Noch immer ruhte sein Blick auf Violet. Ein Ausdruck lag in seinen orangefarbenen Augen, der ihr deutlich zeigte, dass er sie als Machtnutzer erkannt hatte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, ihre Hände fühlten sich plötzlich kalt und feucht an. Sie wusste, dass es nun an der Zeit war, ihnen eine Probe ihrer Fähigkeiten zu demonstrieren. Der Sklavenhändler, der das Schweigen des älteren Sith als zögerliches Abwägen missdeutete, stieß Violet grob an. „Los, zieh‘ dich aus“, befahl er herrisch.

„Nein.“ Ihre Stimme klang ruhig und kalt, als sie Rodnar Ill durchdringend ansah.

Der Crolute starrte mit offenem Mund zurück, als könnte er nicht fassen, dass sie ihm in Gegenwart eines potentiellen Kunden so frech widersprochen hatte. Dann holte er aus, um sie mit einer saftigen Ohrfeige zu maßregeln. Seine Hand sollte nie ihr Ziel erreichen, sondern kam einige Zentimeter vor ihrer Wange in der Luft zum Halten. „Was geht hier vor?“, polterte Ill los. Das Dröhnen seiner Stimme konnte nicht über den Ausdruck der Furcht in seinen kleinen, tiefliegenden Augen hinwegtäuschen, die zwischen den beiden Sith hin- und herhuschten, die er offensichtlich für die Quelle der Machtausübung hielt. Violet hingegen ließ jede Barriere, die ihre Aura einschränkte, endgültig fallen, als sie ihre Hand zu einer Faust ballte und dem Sklavenhändler mit der Macht quer durch das Zelt schleuderte. Er schlug direkt auf dem Tisch auf, auf dem neben seinem Pad mit den Informationen zu sämtlichen Sklaven auch noch allerlei andere Materialien wie Schockhalsbänder und Implantatscanner herumlagen.

Ills Schrei und das Scheppern des Aufpralls riefen augenblicklich die Soldaten, die beide Sith eskortiert hatten, auf den Plan. „Ist alles in Ordnung, Darth Silthar?“, hakte einer der Männer nach, dessen Rüstungsabzeichen ihn als Lieutenant auswies.

Doch der ältere Sith lachte nur auf und gab Violet mit einer Geste zu verstehen, dass sie sich erheben möge. „Was habe ich dir gesagt, Hargrev? Ich wusste doch, dass sich jemand Vielversprechendes hier verbirgt.“ Als er diesmal ihr Kinn ergriff, damit sie ihn anblickte, sah Violet nicht weg. „Weißt du, was das gerade war?“ Sie schüttelte stumm den Kopf. „Es war die Macht, die du gewirkt hast … Wer waren deine Eltern, Mädchen?“

„Ich kannte nur meine Mutter, und sie war auch eine Sklavin“, erwiderte sie. Einmal mehr überkam sie die Angst, das ganze Lügengebilde könnte an ihrer mangelnden Glaubwürdigkeit scheitern. Doch entweder hatte sie ihre Rolle schon tiefer verinnerlicht, als sie dachte, oder sie hatte sich in all den Jahren der Heimlichkeit und der Verstellung schon so sehr an die Lügen gewohnt, die sie anderen und sich selbst erzählte, dass sie ihr nun wie selbstverständlich von den Lippen flossen.

„Dann wurdest du als Sklavin geboren?“, fragte der Silthar genannte Mann nach. Sie nickte ergeben.

„Vielleicht ist sie der Bastard irgendwelches Lords …“, warf der jüngere Sith ein.

„Ja, gut möglich … Diese Machtsensitivität ist schließlich ungewöhnlich hoch.“ Der Darth wandte sich an den Lieutenant, doch bevor er ihm befehlen konnte, die Gleiter startbereit zu machen, wurde seine Aufmerksamkeit auf Rodnar Ill gelenkt, der sich stöhnend aufsetzte. „Wie schön, dass du dich wieder unserer Runde anschließt, Crolute“, sprach Silthar. Seine Stimme war noch ruhiger, noch sanfter geworden, und offenbarte dadurch eine unterschwellige Grausamkeit. „Und um deine Frage von vorhin zu beantworten: Ja, sie gefällt mir. Sie gefällt mir so gut, dass wir sie hier und jetzt mitnehmen werden …“ Er wartete einen Moment, ob Ill Widerspruch dagegen einlegen würde. Doch der Sklavenhändler, dessen weiche, wabbelige Haut fahl war und vor Angstschweiß glänzte, starrte ihn nur mit geweiteten Augen an. „Was die anderen Sklaven betrifft, die wir benötigen … Wir könnten dir natürlich einen angemessenen Preis zahlen. Andererseits …“, seine schmalen Lippen deuteten ein Lächeln an, „bist du nichts anderes als ein unbedeutender Fremdling, der sich auf unserem Territorium befindet. Warum sollten wir uns nicht einfach nehmen, was wir wollen, und dich töten?“

Bei den letzten Worten lachte sein Schüler wiederum laut auf. „Oh ja, Meister, lasst es uns so machen. Erlaubt mir, Euch von seiner unwürdigen Gegenwart zu erlösen.“ Mit einer raschen Bewegung war er aufgesprungen und hatte schon sein Lichtschwert gezückt.

Doch Silthar erhob abwehrend die Hand. „Nein, Hargrev. So sehr ich deine Hingabe an die Brutalität schätze, glaube ich doch, dass es heute an jemand anderem ist, unser Imperium von einem weiteren Fremdling zu säubern.“ Violet überlief eine Kältewoge, die nicht mehr weichen wollte, als er sie ansah. „Ich spüre so viel Dunkelheit in dir, Mädchen. Jetzt hast du die Gelegenheit, deine Gefühle endlich herauszulassen. Lass‘ mich dir zeigen, wie.“ Er trat hinter sie, um den Raum zwischen ihr und Rodnar Ill freizugeben. „Schließe die Augen“, sprach er leise, nur für sie hörbar, „und konzentriere dich auf dein Innerstes. Spürst du die Wut in dir? Den Zorn, der durch deine Adern fließt? Die Missgunst, die dich zerfrisst? Das tiefsitzende Verlangen, andere zu bestrafen und leiden zu lassen? Ja, Mädchen, du bist ein offenes Buch“, setzte er nach, als sie ihn erschrocken anschaute.

Auf seinen Wink hin wandte sie sich wieder dem Croluten zu, der nun endlich verstanden hatte, dass er sein Ende durch die Hand eines eigenen Sklaven finden sollte. Als er sich unbeholfen-panisch hochkämpfte, zwang ihn eine leichte Geste von Seiten Silthars wieder zurück auf die Knie. „Bitte …“, keuchte er, die Hände an die Kehle gepresst, als wollte er eine unsichtbare Hand von dort wegziehen, „bitte … Ich habe dich doch nicht schlecht behandelt, Mädchen … Du hast zweimal am Tag Essen bekommen und musstest keinem von uns Männern zu Diensten sein …“

Sein erbärmlicher Anblick hätte in dem Padawan, der Violet einmal gewesen war, vielleicht noch Mitleid und Empathie erwecken können, doch ihr heutiges Ich, ihr Ich als gefallener Jedi, empfand nur noch Verachtung. „Schweig!“, fuhr sie ihn daher an. „Spar‘ dir dein Gewinsel! Es macht mich nur noch zorniger!“

„Gut, sehr gut“, lobte Silthar. „Lass‘ dich von deinen Leidenschaften führen, Mädchen. Gib‘ dich ihnen voll und ganz hin, lass‘ sie dein Denken, dein Fühlen übernehmen. Spüre, wie dich die Kräfte der Dunklen Seite durchfließen. Ja, das ist es …“ Er nickte zufrieden, als Violet abrupt schwankte und beinahe zusammengesunken wäre. „Wehre dich nicht gegen die Dunkelheit. Umarme sie, lass‘ sie deinen Körper durchströmen. Und jetzt … erhebe deine Hand und töte diese erbärmliche Kreatur.“

Zitternd richtete sie sich auf und strecke ihren Arm aus. Bis jetzt ging sie davon aus, dass sie den Sklavenhändler erdrosseln sollte. Stattdessen, als sie sich der Macht in ihrem Inneren ergab, die ein noch nie zuvor erlangtes Ausmaß angenommen hatte, entströmten ihren Fingern eine Kaskade an blauen Blitzen. Der Crolute stieß einen dumpfen, gequälten Schrei aus, als sie in seinen Körper einschlugen und als Resultat dunkelrot verbrannte Haut zurückließ, die Blasen warf. Auch Violet hatte vor Schreck aufgeschrien und war instinktiv zurückgewichen. Ihre Reaktion erntete lautes Lachen von Seiten Hargrevs und ließ Darth Silthar fein schmunzeln. „Nur weiter, mein Kind. Tu‘ dir keinen Zwang an“, ermutigte letztere sie.

Einen Moment zögerte sie, seinen Worten nachzukommen. Einen Moment, in welchem sie die altbekannten, wohlvertrauten Zweifel an dem überkam, das sie gerade tat. Tief in sich wusste sie, dass dieser Pfad nicht der richtige war. Doch sie wusste auch, dass es nun zu spät war, um einen Rückzieher zu machen. Und sie wusste ebenfalls, dass ihre Zweifel nicht lange andauern würden. Und so wandte sie sich erneut Rodnar Ill zu, streckte beide Hände und ließ abermals all jene dunklen Gefühle aus sich herausströmen, auf deren Bezähmung und Kompensation in der Jedi-Ausbildung so viel Wert gelegt wurde. Als sie dieses Mal schwer atmend die Arme sinken ließ, umfing sie der Gestank von verbranntem Fleisch. Verkrampft und heftig zitternd lag der Crolute auf dem Boden und wimmerte hilflos wie ein Kind. Seine weiche, gallertartige Haut war an vielen Stellen schwärzlich verkohlt und aufgeplatzt, während das rohe Fleisch Blut und Wundwasser absonderte. Zum dritten Mal streckte sie die Hände aus, um eine Folge von Machtblitzen zu wirken. Diesmal war Rodnar Ill verstummt, nur ein Zucken fuhr noch hin und wieder durch seinen Körper, der mittlerweile schwerste Verbrennungen aufwies. Es war offensichtlich, dass er unter Schock stand. Aber auch Violet befand sich in einem Ausnahmezustand. Es war eine Sache, jemanden zu töten, aber es war eine ganz andere Sache, jemanden langsam zu Tode zu martern. Der Geruch seines verbrannten Fleisches ließ sie würgen und mit dem Brechreiz kämpfen. Sie war daher beinahe dankbar, als Darth Silthar sprach: „Ausgezeichnet, Mädchen. Du lernst sehr schnell. Aber jetzt bring‘ es zu Ende.“ Abermals hob sie die Hand und umschloss jetzt die Kehle des Croluten. Eine Sekunde später durchschnitt ein lautes Knacken die Luft, als sie ihm das Genick brach.

„Hmm“, machte Hargrev dann, als sie den leblosen Körper des Sklavenhändlers zu Boden sinken ließ. „Ihn langsam zu erdrosseln, hätte mir besser gefallen.“ Die Worte galten seinem Meister, der jedoch abwinkte.

„Ach was. Der erste Mord ist ihr wohlgelungen. Mach‘ weiter so, mein Kind, und du wirst es unter uns Sith einmal weit bringen.“ Letzteres galt Violet, die leicht vornübergebeugt dastand und sich mit der Hand Luft zufächelte.

Ein leises, helles Klingeln ließ alle drei Machtnutzer aufsehen. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf Leila, deren Anwesenheit in Vergessenheit geraten war. Die Twi‘lek hatte versucht, sich so unauffällig wie möglich in eine Ecke des Zelts zurückzuziehen und war beim Rückwärtsgehen schließlich gestolpert und gestürzt, was die kleinen Schellen an Hand- und Fußgelenken klimpern ließ. Ihre angstgeweiteten Augen ruhten auf Violet, doch als der jüngere der Sith auf sie zukam, stieß sie einen panischen Laut aus. Ihr Fluchtversuch endete aber augenblicklich, als Hargrev sie bei ihren Lekku packte und grob zurückzog. „Ihr habt doch bestimmt nichts dagegen, wenn ich die Twi’lek für mich beanspruche, Meister. Schließlich habe ich noch immer keinen Ersatz für mein altes Spielzeug gefunden“, sprach er mit einem düsteren Grinsen.

„Meinetwegen“, erwiderte Silthar ungerührt. „Wenn du dann fertig bist, wirst du die Überführung der restlichen Sklaven in den Außenposten überwachen.“ Sein Schüler deutete eine leichte Verbeugung an, womit die Sache für den Darth erledigt war. Er signalisierte Violet mit einer Kopfbewegung, dass sie ihm folgen möge, bevor er das Zelt verließ, gefolgt vom Lieutenant und seinen Männern.

Sie hingegen konnte den Blick nicht von Leila losreißen, die Hargrev zu einem der Sessel hinübergezerrt hatte. Sie schluchzte laut auf, doch leistete keinen Widerstand, als seine Hände ihren schönen blauen Körper erkundeten und dabei das knappe Oberteil und ihr Höschen zerrissen. „Was?“, fragte er, als Violet noch immer dastand. „Willst du zusehen? Oder vielleicht gar mitmachen?“ Sein dreckiges Grinsen war ekelerregender als der Gestank von Ills verbrannten Körper. Die Hände zu Fäusten geballt überkam sie zuerst eine Hitze- und dann eine Kältewelle, als eine dunkle Flamme, angefacht von ihrem Abscheu und Hass, in ihrer Brust aufloderte. Hatte sie es zuvor nicht mehr über sich gebracht, den Sklavenhändler langsam zu Tode zu foltern, so war sie sich jetzt sicher, dass sie diesem Mann gegenüber keine Skrupel haben würde. Doch ihr war klar, dass sie nichts tun konnte, nichts tun durfte, um Leilas Peiniger in seine Schranken zu weisen. Das Gefühl der Hilflosigkeit, ein vertrauter Begleiter seit jenem Tag, als der Jedi-Tempel zerstört wurde und sie bei ihrer Aufgabe, die Jünglinge zu beschützen, versagt hatte, überkam sie aufs Neue. Das Brennen in ihrer Brust breitete sich weiter aus, bis es ihre Augen erreichte. Schnell wandte sie sich ab, um die Tränen wegzuwischen. Dann verließ sie das Zelt.

 

Chapter Text

„Verdammt nochmal! Kannst du das jetzt endlich lassen?“, fauchte Violet. Ihr zorniger Blick, den sie quer durch den Raum schoss, prallte erneut an der unbekümmerten Miene des jungen Mannes ab, welcher neben ihr der einzige weitere Anwesende im Archiv der Sith-Akademie war und der, obwohl beide am jeweils anderen Ende des Studienbereichs Platz genommen hatten, sie mit seiner unruhigen Art schier in den Wahnsinn trieb. Hatte er zuerst mit den Fingern auf den Tisch getrommelt und dann wieder geräuschvoll an deren Nägeln gekaut, so knirschte er seit geraumer Zeit immer wieder mit den Zähnen, was bei Violet jedes Mal eine Gänsehaut hervorrief. „Hey, bist du jetzt auch noch taub?“, setzte sie nach, als er ihr Schimpfen gekonnt ignorierte.

„Nun … ich wünschte, ich wäre es. Mir schmerzen bereits die Ohren von deiner Stimme, was zugegebenermaßen eine beachtliche Leistung ist, wenn ich bedenke, was ich so alles gewöhnt bin …“

„Oh bitte …“ Aus früheren Gesprächen und vor allem aus den Beleidigungen ihres Aufsehers wusste sie, dass der junge Mann ein Sklave gewesen und aufgrund seiner Machtsensitivität hierher nach Korriban geschickt worden war. „Halt‘ einfach deine dumme Klappe, ja? Dann bleibt dir auch mein Gemeckere erspart.“ Damit wandte sie sich wieder ihrer Rolle Flimsiplast und dem alten Werk zu, das ein Wörterbuch war und mit Hilfe dessen sie, ausgehend von ihrem Kodex, die alte Sprache der Sith erlernen sollte. Die Übersetzung des Kodex von seiner Ursprungssprache ins Basic war nicht gerade schwer gewesen, die Ableitung der morphologischen und syntaktischen Regeln hingegen schon. Und die Rückübersetzung eines kurzen Aufsatzes von Tulak Hord über den Hass als Grundemotion eines jeden Sith hatte sich als unsinnige und zeitraubende Arbeit entpuppt, die in erster Linie aus ununterbrochenem Wälzen im Wörterbuch bestand. Entsprechend schlechter war ihre Laune von Stunde zu Stunde geworden und als dann noch ihr Mitschüler auftauchte und sie seitdem mit seiner nervtötenden Art belästigte, war ihre Konzentration gänzlich dahin.

Als sie Schritte hörte, sah sie flüchtig auf. Sie hatte einen weiteren Mitschüler oder vielleicht auch einen Aufseher erwartet. Stattdessen war es einer der zahlreichen Sklaven, die sämtliche niederen Arbeiten erledigten, ohne die der tägliche Ablauf in der Akademie unweigerlich zusammenbräche. Da sie, abgesehen von Reinigungstätigkeiten, normalerweise keinen Zugang zum Archiv hatten, vermutete Violet, dass er geschickt war, um nach einen von ihnen zu suchen, womit sie Recht behalten sollte. „Seid Ihr Akolythin Viy?“, fragte er, als er im sicheren Abstand vor ihr stehenblieb. Sie nickte knapp. „Aufseher Harkun befahl, dass Ihr sofort zu ihm kommen sollt. Er befindet sich in seinem Büro.“

„Verstanden. Du kannst gehen.“ Der Sklave deutete eine Verbeugung an und machte sich dann rasch aus dem Staub, bevor sie irgendwelche potentielle Laune an ihm auslassen könnte. Das Verbot, jemanden körperlich anzugreifen, beschränkte sich nämlich nur auf die Akolythen untereinander. Gegenüber den Sklaven musste hingegen keine Rücksicht genommen werden.

Stumm packte Violet ihre Sachen zusammen und stopfte alles in den alten Jutebeutel, der seit ihrem Verkauf in die Sklaverei zum Aufbewahrungsort ihrer wenigen Habseligkeiten geworden war. Nur das Flimsiplast rollte sie sorgfältig zusammen und steckte den Stoff in den Gürtel, da sie davon ausging, dass Harkun sie zum Rapport über ihren Fortschritt bei der aufgetragenen Übung bestellte und daher auch ihre bisherige Arbeit sehen wollte. Der Weg zu seinem Büro führte sie vom Kellergewölbe hinauf und durch die gewaltige Eingangshalle, von der aus zahlreiche Treppen auf- und abwärts zu anderen Räumlichkeiten – weiteren Büros, zahlreichen Ausbildungsstätten und den Unterkünften der Akolythen – führten. Sie brauchte nicht lange, um das Büro des Ausbilders zu erreichen.

Bevor sie an der geschlossenen Tür klopfte, atmete sie nochmal tief durch. Bereits die erste Begegnung mit Harkun war für sie eine Begegnung zu viel gewesen, bei der sich gezeigt hatte, dass die Abneigung gegeneinander auf beiden Seiten bestand. Sie stieß seine arrogante, schadenfrohe Art ab, mit der er genüsslich das Scheitern jener Akolythen verfolgte, die es in seinen Augen nicht wert waren, ein Sith zu werden, während sich seine Geringschätzung ihrer Person in erster Linie darauf begründete, dass sie nur eine Sklavin war. Dass sie dennoch nicht zum Prellbock für seine konstant schlechte Laune geworden war, lag nur an dem besagten Anwärter, den sie gerade im Archiv zurückließ. Seine freche, vorlaute Art, mit der er auf jede von Harkuns Provokationen reagierte, war ihm durch nichts auszutreiben gewesen, weder durch die vielen Male des Essensentzugs noch durch all die körperlichen Züchtigungen, die der Aufseher wutschäumend über ihn verhängt hatte. Was der junge Mann damit bezwecken wollte, war Violet noch immer ein Rätsel. Sie wunderte sich ohnehin, wie er als Sklave mit dieser Haltung so lange hatte überleben können.

„Herein“, kam es von drinnen, nachdem sie endlich geklopft hatte.

Rasch trat sie ein und machte eine leichte Verbeugung. „Ihr wolltet mich sprechen, Aufseher?“, sprach sie dann. Verwirrt stellte sie fest, dass Harkun mitnichten allein war. Er hatte sich mit einem dunkelhäutigen Mann unterhalten, den Violet als einen weiteren Aufseher wiedererkannte.

„Schön, dass du auch einmal kommst. Wenn du mich nochmals so lange warten lässt, wird dir das Essen für den nächsten Tag gestrichen“, polterte Harkun sogleich los.

„Bitte verzeiht, Aufseher“, murmelte Violet mit gesenktem Haupt, wenngleich ihr Temperament schon wieder kurz vor dem Siedepunkt war. Sie wusste zu gut, dass seine Bemerkung als reine Schikane gedacht war, schließlich hätte sie kaum schneller hierher gelangen können.

„Hast du wenigstens deine Aufgabe erledigt, wenn du dir so viel Zeit gelassen hast?“, fuhr er fort. Mit einem stummen Nicken zückte sie die Flimsiplastrolle und überreichte sie ihm. „Na, dann wollen wir uns das Elend mal ansehen …“ Er nahm an seinem Schreibtisch Platz und vertiefte sich in die Übersetzung. Stille senkte sich über die Anwesenden, die nur vom leisen Ticken eines antik anmutenden Chronometers durchbrochen wurde. Die Minuten verstrichen. Während Harkuns Miene zunehmend grimmiger wurde, beobachtete sie der andere Aufseher, der mit verschränkten Armen neben dem Fenster lehnte, mit einem kühlen Ausdruck in seinen dunklen Augen, der nicht verriet, was er gerade dachte. „Das nächste Mal schreibst du gefälligst ordentlicher, hast du verstanden? Deine Sauklaue kann man ja kaum lesen“, schimpfte Harkun schließlich. Dass er die Rolle ohne eine weitere Würdigung ihrer Arbeit beiseitelegte, war für sie ein klarer Hinweis, dass er keinen Fehler hatte finden können, was sie einerseits flüchtig grinsen ließ, andererseits aber zu der Befürchtung Anlass gab, dass sie sich mit ihrer guten Leistung ein weiteres Mal seine Missgunst zugezogen hatte. Er musterte sie einen Moment, strich sich nachdenklich über seinen Spitzbart. Dann grinste er hinterlistig. „Nun gut, wenn du dich schon so schlau gibst, dann kannst du bestimmt auch erläutern, warum es ausgerechnet der Hass ist, den Tulak Hord als grundsätzlichen Gemütszustand eines jeden Sith propagiert.“

Seine Worte waren wie ein Schlag in die Magengegend. Ihre Aufgabe hatte schließlich aus einer reinen Übersetzungsübung bestanden, weswegen sie annahm, der Inhalt des Textes sei vernachlässigbar. Dementsprechend hatte sie sich auch nicht damit aufgehalten, sich in Hords Philosophie einzulesen. „Weil Hass … uns stärker macht“, sprach sie dann zögerlich.

„Wirklich?“, erwiderte Harkun. Er täuschte eine erstaunte Miene vor, die vor Spott nur so triefte. „Sieht wohl so aus, dass wir uns in Gegenwart eines wahren Genies befinden, Tremel.“

Letzteres galt seinem Kollegen, der Violet noch immer kühl und von oben herab betrachtete. „Was du sagst, ist nicht falsch, Akolythin“, sagte dieser dann. „Doch warum ist es ausgerechnet der Hass, der uns Sith so sehr beflügelt, und nicht Wut oder Zorn?“

„Wut … ist nur ein unkonkretes Gefühl, es richtet sich nicht gegen jemanden oder etwas Spezifisches. Wut dient nicht dazu, seine Leidenschaften zu bündeln; stattdessen verschwendet man sie oftmals bei ziellosen Temperamentausbrüchen.“

Tremel nickte kaum merklich. „Und was ist mit dem Zorn?“

„Zorn … richtet sich im Unterschied zur Wut spezifisch auf eine Person oder eine Sache. Dadurch kann man seine Leidenschaften sammeln und vereinen, um gezielt gegen die Quelle des Zorns vorzugehen.“

Wieder nickte Tremel leicht. „Was unterscheidet den Zorn dennoch vom Hass?“

Violet, die ihre Hände nervös ineinander verschlungen hatte, biss sich auf die Unterlippe. „Hass ist gänzlich destruktiv“, sprach sie nach einigen Augenblicken. „Jemanden zu hassen, heißt diesen nicht einfach töten zu wollen. Man will ihn demütigen, verletzen. Man will ihn brechen und vernichten. Man will, dass nicht nur seine unwürdige Existenz ausgelöscht wird, man will auch alles zerstören, das nach seinem Tod an ihn erinnern könnte. Hass … ist das dunkelste Gefühl, das wir kennen“, setzte sie leiser nach.

„Ein Gefühl, das dir offenkundig nicht fremd ist“, entgegnete Tremel, wofür er einen erschrockenen Blick ihrerseits erntete. „Schon gut, Akolythin. Wir sind hier schließlich nicht bei den Jedi, dass wir Euch für derlei Gefühle tadelten.“ Er tauschte einen Blick mit Harkun, der noch unzufriedener als zuvor wirkte.

„Warte draußen“, fauchte er sie an. Er sah ihr nach, bis sie sein Büro verlassen hatte. „Irgendwann kriege ich diese kleine Sklavin noch einmal dran“, murmelte er schließlich.

„Aber nicht für diese Aufgabe“, entgegnete Tremel, der in der Zwischenzeit Violets Übersetzungsübung genommen und studiert hatte.

„Ich kann es mir einfach nicht erklären“, begann Harkun aufs Neue. „Sie ist ein Nichts, ein Niemand! Mit welchem Recht nimmt sie sich heraus, zu den Besten des Jahrgangs zu zählen? Sie beleidigt damit die Herkunft der Schüler aus alteingesessenen, hochangesehenen Sith-Familien!“

„Mit dem Recht des Stärkeren, dem einzigen Recht, das unter uns Sith Geltung besitzt“, gab sein Kollege ungerührt zurück, was Harkun einen ungläubigen Blick zur Seite entlockte.

„Wirklich, Tremel, Ihr seid der Letzte, von dem ich eine Unterstützung dieser kleinen Sklavin erwartet hätte.“

„Ihr irrt Euch, alter Freund. Ich bewundere lediglich die Tatsache, dass sie es innerhalb eines Vierteljahres geschafft hat, ihre Fähigkeiten so weit auszubilden. Sie musste sich überall durchbeißen, während unsere reinblütigen Anwärter in der Regel von Haus und Kindesbeinen an mit der Macht vertraut gemacht wurden. Sie hatte es denkbar schwer und ist dennoch so weit gekommen, dass wir eigentlich verpflichtet wären, sie einem Lord als Schülerin vorzuschlagen. Dafür hat sie sich meine Achtung verdient. Das ändert aber nichts an dem Fakt, dass sie nur eine Sklavin unbekannter Herkunft ist und ihre Aufnahme an der Akademie eine Beleidigung unserer alten Bräuche und Grundsätze darstellt.“

„Und ich hegte schon für einen Moment die Befürchtung, Ihr könntet klammheimlich zu einem Parteigänger der Progressiven geworden sein …“, erwiderte Harkun mit einem spöttischen Grinsen, das an Tremels ernster Miene abprallte.

„Ich habe sämtliche Strippen gezogen, um einen angemessenen Ersatz für diesen Halbblutbastard Vemrin hierher zu holen, eine junge Dame, deren Stammbaum sich bis in die Tage von König Adas zurückführen lässt. Glaubt Ihr da wirklich, ich würde nun auf einmal jemanden wie diese Sklavin fördern?“ Er schnaubte abfällig. „Man sollte auch meinen, dass die Lords höhere Ansprüche an ihre künftigen Schüler stellen. Stattdessen scheint Baras ausschließlich an Vemrins Kampfesfähigkeiten interessiert zu sein.“

„Immerhin hat er Ansprüche. Aus Zash werde ich hingegen nicht schlau. Sie hat explizit nach einem dieser Sklaven als Schüler gefragt, nach diesem frechen Kerl, von dem ich dir erzählt habe. Es ist eine Schande …“ Harkun schüttelte den Kopf.

„Was unternehmen wir nun gegen das fortwährend sinkende Niveau der Akolythenschaft? Ihr sagtet, Ihr hätte bereits einen Plan für die Kleine“, hakte Tremel nach.

Sein Kollege grinste wieder auf seine schadenfrohe Art. „Ich habe mir als ihre Abschlussaufgabe etwas ganz Besonderes ausgedacht. Etwas, das noch keiner vor ihr geschafft hat.“

 

Währenddessen wartete Violet noch immer im Flur vor Harkuns Büro. An die Wand gelehnt, die Arme verschränkt, starrte sie gedankenverloren auf den Boden. Auch heute hatte Harkun nicht anderes auf den erfolgreichen Abschluss ihrer zugewiesenen Aufgabe reagiert als sonst, und so langsam fragte sie sich, wie lange sie nicht nur seine Launen ertragen sollte, sondern sich auch noch beweisen musste, seit sie sich mit ihren Fähigkeiten im Kampf und in der Macht die Aufmerksamkeit der Aufseher gesichert hatte. Als jemand, der es beinahe bis zum Jedi-Ritter gebracht hatte, waren ihr die Übungen in der Macht – das Bewegen von Objekten, das Schleudern von Macht-Blitzen und die Unterstützung im aktiven Kampf – nach einigen Anläufen nicht mehr schwergefallen, und auch die Lektionen im Kampf erwiesen sich als zu einfach, denn schließlich hatte man nichts erklärt und vorgeführt, das ihr aus den Unterweisungen mit Meister Din unbekannt wäre. Als Grundlage war das Shii-Co gelehrt worden, das auch als der Standardstil in der Jedi-Ausbildung galt. Dabei hatte man es aus zwei Gründen belassen: Erstens war es die Aufgabe ihres zukünftigen Meister, sie in den schwierigeren Form des Lichtschwertkampfes zu unterweisen, und zweitens wäre es ohnehin eine Verschwendung, Zeit mit der Ausbildung von Akolythen zu vergeuden, von denen man nicht wusste, ob sie ihre Prüfungen überhaupt bestünden. Unnötig zu sagen, dass dieser Grundsatz all jene benachteiligte, die man aus Aufsteiger bezeichnete, Sklaven und selbst junge Imperiale, die nicht-machtsensitiven Familien entstammten, und all jene bevorzugte, die sich mit Namen altehrwürdigen Sith-Familien schmücken konnten und schon von Kindesbeinen an den Weg zum Sith beschritten hatten. Um daher nicht aufzufallen, hatte Violet zu Beginn der Unterweisungen wesentlich schlechter kämpfen müssen, als sie konnte. Sie genoss es dann zutiefst, als sie nach ein paar Wochen ihre Tarnung aufgeben konnte und die anderen Akolythen – besonders jenen mit Sith-Abstammungen, die sie aufgrund ihres Status als ehemalige Sklavin oft verspottet hatten – im Kampf besiegen zu dürfen, ohne aus der Rolle zu fallen. Als Folge ihrer unerwarteten Fähigkeiten war sie schließlich auf Anweisung der Aufseher aus der großen, namenlose Masse der Anwärter herausgelöst worden und mit einem anderen Akolythen – jenen ehemaligen Sklaven, der sie zuvor im Archiv genervt hatte – dem wohl übellaunigsten und missgünstigstem Aufseher zugeteilt worden, den die Akademie zu bieten hatte.

„Sieh‘ an, sieh‘ an, wer wartet denn hier wie ein Bittsteller?“

Violet sah abrupt auf und seufzte augenblicklich entnervt auf, als ihr Blick auf zwei junge Männer fiel, einen Menschen und einem reinblütigen Sith. „Habt ihr nichts anderes zu tun, als einem auf die Nerven zu gehen?“, fauchte sie beide an.

„Oho, ganz schön vorlaut, was? Solltest du dich nicht vor uns verbeugen? Immerhin bist du nicht mehr als eine kleine Sklavin“, fuhr der Sith, der Mortos Kesh hieß, fort.

„Eine dreckige, kleine Sklavin“, ergänzte der Mensch namens Turak Ax. Ein verächtlicher Ausdruck lag in seinen dunklen Augen, als er sie feindselig anstarrte. „Es ist eine Schande, dass solcher Schmutz in die Akademie aufgenommen wird. Deine einzige Aufgabe sollte hier daraus bestehen, die Böden zu schrubben.“

„Wobei … mit diesem hübschen Gesichtchen und diesen Kurven gäbe es auch noch ein paar andere Dinge, für die sie zu gebrauchen wäre“, wandte Kesh ein. Er lehnte sich betont lässig neben sie, wobei er sie aufdringlich begaffte.

Ax schnaubte hingegen abfällig, während sie sich zu ihrer anderen Seite positionierte, sodass sie von beiden Männern umkreist war. „Von der würde ich mir nicht einmal das Bett wärmen lassen. Es wäre unter meiner Würde, mich mit einer Frau ihrer Stellung einzulassen.“

„Erzähl‘ mal, was willst du mit deinen markigen Sprüchen eigentlich kompensieren?“, gab Violet zurück. „Dass deine Haut nicht rot genug ist oder dass dein Schwanz zu klein ist?“ Sie kicherte hämisch.

„Du dreckiges Flittchen! Das büßt du mir!“, polterte Ax los, bevor er ausholte, um ihr einen frontalen Faustschlag zu versetzen.

Doch Violet, die aus früheren Begegnungen sein leicht reizbares Temperament kannte, hatte sich geduckt und mit einer Rolle nach vorne schon einmal vorsorglich aus der Reichweite beider Männer gebracht. So traf der Faustschlag auch nicht sie, sondern seinen Kumpanen direkt im Gesicht. „Spinnst du? Kannst du nicht aufpassen, du Trottel?“, fuhr Kesh den Menschen an. Der reinblütige Sith revanchierte sich mit einem Tritt in Ax‘ Unterleib, der ihn leise stöhnend zusammensinken ließ. Violet konnte daraufhin nicht anders, als laut aufzulachen.

„Was geht hier vor?“, erklang eine herrische Stimme. Als sich alle drei umdrehten, begegneten sie dem strengen Blick von Tremel, der mit verschränkten Armen in der geöffneten Bürotür stand.

„Die beiden haben sich geprügelt“, sagte Violet schnell, bevor einer von ihnen eine andere Vision der Ereignisse erzählen könnte.

Tremel hob zwar die Augenbrauen, doch der Zustand der beiden Männer – Kesh hielt sich die blutende Nase, während Ax noch immer auf den Knien lag und schnappweise nach Atem rang – sprach deutlich für sich. „Harkun möchte dich noch einmal sprechen“, sagte er dann zu ihr. „Und ihr beide“, er deutete auf die jungen Männer, „kommt mit.“

Violet grinste ihnen schadenfroh hinterher. Sie war sich ziemlich sicher, dass er ihnen eine Strafe für den gegenseitigen Angriff aufbrummen würde. Auch wenn sie vermutlich nicht besonders hart ausfallen würde – beide gehörten nämlich zu der Gruppe der auserlesenen Akolythen, die von der Aufseherschaft protegiert wurde –, so gönnte sie ihnen auch jeden noch so kleinen Denkzettel. Es gab schließlich genug Gerüchte, wonach beide für die Tode von mehreren anderen Akolythen, vornehmlich ehemalige Sklaven oder Anwärter aus niederen, nicht-machtsensitiven Familien, verantwortlich seien, und Violet hatte nach ihren eigenen Erfahrungen mit ihnen keinen Grund anzunehmen, dass die Gerüchte falsch waren. Dass sie damals den rein zufällig auf sie herabstürzenden Felsen in Ludo Kresshs Grab mit der Macht abwehren konnte, hatte schließlich erst dazu geführt, dass sich beide erst recht auf sie eingeschossen hatten und bei jeder Gelegenheit versuchten, ihr das Leben schwer zu machen. „Ja, Aufseher?“, sagte sie dann, als sie eingetreten war.

Er winkte sie zu sich heran. „Ich habe eine Aufgabe für dich. Es wird deine letzte Aufgabe hier an der Akademie sein“, begann er. „Wenn du sie bestehst, dann kannst du die Akademie verlassen, vielleicht sogar als Schülerin eines Lords. Wenn du hingegen versagst, wirst du sterben. Sofern du nicht schon bei der Mission selbst stirbst.“ Sie nickte stumm. „Nun“, fuhr Harkun fort, „deine Aufgabe lautet wie folgt: Alten Überlieferungen zufolge befindet sich in Ajunta Palls Grab der erste Kodex der Sith, niedergeschrieben von Sorzus Syn persönlich. Er soll auf Ajuntas Wunsch mit dem Dunklen Lord begraben worden sein, um ihn auch noch im Tod vor jeder Beeinflussung durch die Helle Seite mit ihren Jedi-Häresien zu schützen. Unglücklicherweise“, seine Mundwinkel deuteten ein Grinsen ein, von dem Violet nur zu gut wusste, dass es nichts Gutes bedeuten konnte, „gilt die Ruhestätte von Ajuntas Sarg als mittlerweile verschollen. Immerhin sprechen die Überlieferungen davon, dass sich auf der untersten Ebene seines Grabmals Hinweise in den Wandmalereien und -gravuren finden lassen. Du begibst dich also in die Pyramide, suchst diese Hinweise, mit denen du hoffentlich seinen Sarg findest, und bringst mir dann diesen ersten Kodex. Wenn du das schaffst, hast du die Prüfungen zum Sith bestanden, verstanden?“

„Verstanden“, antwortete sie. „Ich werde morgen in aller Frühe aufbrechen.“

„Morgen?“ Ein schadenfrohes Grinsen verzog seine Mundwinkel. „Du wirst sofort aufbrechen. Morgen früh will ich den Kodex auf meinen Tisch liegen haben oder zumindest von deiner Gegenwart erlöst sein.“ Er musterte sie noch einmal von oben bis unten. „Worauf wartest du dann noch? Verschwinde.“ Mit einer unwirschen Handbewegung, als wollte er eine Fliege verscheuchen, schickte Harkun sie fort.

Mit einem Pochen in den Schläfen und einem Kribbeln in den Fingerspitzen – jenen physischen Symptomen, die sie immer dann in Gegenwart einer Person empfand, der nicht zu trauen war – verließ sie sein Büro.

Chapter Text

So ‘n blöder Arsch, dachte sie wütend, während sie durch die langen Gänge schritt. Nach und nach kamen ihr kleinere und größere Gruppe von Akolythen entgegen, die auf dem Weg in den Hauptraum der Cantina waren, wo es mittlerweile das Abendessen gab. Es würde wahrscheinlich weder besser als an den anderen Tagen noch in ausreichender Menge vorhanden sein, aber es war immerhin besser als das mit Wasser angerührte Lebensmittelpulver, das sie als Sklavin bekommen hatte. Dank Harkun würde sie aber jetzt mit leeren Magen losziehen dürfen. Die Aussicht darauf, die ganze Nacht hungrig in einem Grab herumzuirren, war nichts, das ihre Laune steigen ließ.

Als sie hinaus auf den freien Platz schritt, der auf einer hohen Ebene über dem Tal der Gräber lag, umfing sie der kalte Nachtwind, der sie in der dünnen Trainingskleidung augenblicklich frieren ließ. Wie bei so vielen anderen Dingen wurde auch hier einmal mehr der Unterschied zwischen den Privilegierten und jenen, die ihre Aufnahme an der Akademie einzig ihrer Machtsensitivität verdankten, klar ersichtlich: Während die Anwärter, die aus Sith- oder zumindest imperialen Familien stammten, in der Regel gut ausgestattet auf Korriban ankamen, wurde jene, die mit leeren Händen anreisten, von der Akademie mit Kleidung und Ausrüstung versorgt, die mehr schlecht als recht das Minimum deckte, das man benötigte. Und da man die Stücke von Akolyth zu Akolyth weitergab, wenn ersterer starb, waren die Dinge in der Regel alt, abgetragen und – wenn man Pech hatte – nicht mal vorher gewaschen worden. Unnötig zu sagen, dass die Aufseher so auch sofort alle Akolythen ohne imperiale Abstammung erkannten, während den anderen Anwärter häufig ein Anlass geboten wurde, sich über ihre Mitschüler lustig zu machen.

Sie zog die Jacke enger um sich, als sie dann die weiten Treppen hinunterstieg, die direkt am Eingang des pyramidenartigen Grabmals endete. Die oberen Ebenen waren ihr vom ersten Tag vertraut, da man sie, gerade erst auf Korriban angekommen, ins Grab hinunterschickte, um sich eine sogenannte Kriegsklinge zu besorgen, die sich als antike Version eines Vibroschwertes erwiesen hatte. Diese trug sie seitdem in einem ledernen Holster auf dem Rücken und zog sie nun vorsichtshalber, da man nie sicher sein konnte, wer oder was hinter der nächsten Ecke lauern konnte. Die sinkende Sonne sorgte für ein rötliches Zwielicht, das mit der zunehmenden Entfernung vom Eingangsportal schwächer wurde, bis die Dunkelheit, die nur von den Strahlern punktuell erleuchtet wurde, in deren grellweißem Licht die namenlosen Sklaven in primitiver Handarbeit Steine aus den Wänden und dem Boden herausschlugen, sie verschluckte. Violet musterte die Zwangsarbeiter mit einem kurzen Blick, bevor sie weiterging, beobachtet von den imperialen Soldaten, die die Sklaven bewachten. Als sie die Stufen zur unteren Ebene hinabstieg, ließ sie die letzte Lichtquelle hinter sich. Ihre Schritte wurden langsamer, instinktiv hatte sie die Arme ausgestreckt, um mit den Fingerspitzen über die Wände zu tasten, während sie versuchte, ihr schnell schlagendes Herz zu beruhigen. Als Kind war sie die Dunkelheit gewohnt gewesen, als sie zu Abend- und Nachtzeiten durch die endlosen Wälder ihres Heimatplaneten streifte. Damals hatte sie sich auf ihre Instinkte verlassen, ohne zu wissen, dass es eigentlich die Macht gewesen war, die sie unfehlbar durch die unwirtliche Flora von Odessen geführt hatte. Doch Wälder waren auch zur tiefsten Nachtzeit niemals so dunkel wie diese Katakomben, in denen tagsüber zumindest ein Dämmerlicht herrschte, das durch die tiefen Schächte nach unten fiel. Ihr war jetzt klar, dass es sich bei Harkuns Anweisung, mitten in der Nacht das Grab aufzusuchen, um eine weitere seiner Bosheiten handelte, die diesmal das Potential hatte, sie wirklich scheitern zu lassen.

Sie hielt inne, als ein flüchtiger Lichtstrahl hinter einer Ecke aufblitzte. „Sag‘ jetzt bloß nicht, du hast vergessen, die Munitionpacks aufzufüllen“, schimpfte eine Männerstimme los.

„Du hättest ja auch daran denken können“, gab ein anderer Mann zurück.

„Hey, ich habe alles andere vorbereitet. Was hast du eigentlich gemacht, als ich die Blaster gereinigt habe? ‘n Bierchen gekippt und die Eier gewärm–“ Das Gezanke verstummte abrupt, als Violet um die Ecke schritt. Beide Soldaten zückten intuitiv ihre Blaster. „Scheiße, Mädchen, was schleichst du hier herum? Wir hätte dich fast abgeknallt“, sprach dann der Mann, der zuvor geschimpft hatte. Die Abzeichen in ihren Rüstungen wiesen sie beide als Privates aus.

„Ich wurde hierher geschickt“, erklärte Violet knapp.

„So so …“ Der Wortführer musterte sie flüchtig und wandte sich dann ab, um seinen Tornister nach weiterer Munition zu durchsuchen.

„Kann ich eine davon haben?“, fragte sie dann mit einem Nicken in Richtung des Bündels an Leuchtstäben, die sie neben den Taschenlampen mit sich führten.

„Akolythen ist keine Hilfe zu gewährleisten“, gab der Angesprochene zurück.

Sie warf dem anderen Soldaten, der sie neugierig musterte, einen Blick zu. Der vollständig geschlossene Helm verriet nichts von seiner Miene. Der Gedanke, sich einfach mit Gewalt zu nehmen, was sie benötigte, schoss ihr durch den Kopf, und als sie zögerte, war sie von sich selbst überrascht. Es wäre nur eine weitere notwendige Tat, die sie beginge, um einfach nur zu überleben. Sie hatte so viele auf Nar Shaddaa getötet, die Drogen- und Sklavenhändler, die sie bestohlen, und ihre letzte Crew, die sie um ihre Bezahlung betrogen hatte, und so viele mehr im Zusammenhang mit der Ermordung der Imperialen, Soldaten, Hauspersonal und zuletzt die Familie wie bei Moff Graver, nur weil sie ihr im Weg gestanden waren. Warum sollte sie also jetzt zögern, diese beiden kleinen, unbedeutenden Soldaten zu töten, damit sie zumindest ein Licht hätte, um das Grab erkunden zu können? Die Wahrheit war, dass sie sich von all dem Morden abgestoßen fühlte, die nur Mittel zum Zweck waren. Zu töten war ihr nur dann ein Vergnügen, wenn der Tod die Strafe für ein entsprechendes Fehlverhalten darstellte. Und ihr unbestechlicher Gerechtigkeitssinn konnte beiden Soldaten kein solches Fehlverhalten attestieren. Also wandte sie sich ab und ging weiter. Kaum um die Ecke gebogen, kam ihr die Dunkelheit wie eine geschlossene Wand entgegen. Ihre Schritte wurden wieder langsamer, als ihr Fuß ins Leere trat und dann auf eine Stufe auftrat, die so schmal und ausgetreten war, dass sie kaum Halt fand. Als ihr eine Idee kam, hob sie die linke Hand und schoss einen Machtblitz voraus, der die Umgebung grell erhellte. Die Treppe vor ihr schien endlos hinab in eine Dunkelheit zu führen, die ihr so finster und dicht wie schwarzer Stoff erschien.

„Hey, du! Warte doch mal …“ Violet drehte sich um. Ein paar Meter von ihr entfernt stand einer der Soldaten, den sie anhand seiner Stimme als den Gescholtenen erkannte. Er schien zu zögern, dann zog er seinen Helm herunter. Das Gesicht eines jungen Mann, käsig-blass und mit einer Vielzahl von Sommersprossen unter zerzausten rötlichen Haar, blickte ihr entgegen. Dann löste er einen der Leuchtstäbe von seinem Gürtel und reichte ihn ihr.

„Danke“, murmelte sie perplex. Er nickte ihr knapp zu und wandte sich dann zum Gehen. „Warum?“, rief sie ihm hinterher.

Der Soldat zögerte mit seiner Antwort. „Ich … habe schon genug tote Akolythen für heute gesehen“, sagte er schließlich. „Nichts dagegen, dass man sich bewähren muss, aber das hier …“, er machte eine schwache, resignierte Geste. „Das ist einfach sinnlos.“

„Das ist der Weg der Sith“, erwiderte sie mit einem kalten, zynischen Lächeln.

„Ja, das stimmt …“, murmelte er. Er setzte an, noch etwas zu sagen, doch schüttelte dann den Kopf und wandte sich ab. „Pass‘ auf, dass du dich da unten nicht verläufst, ja? Es sind schon viele Anwärter nicht mehr zurückgekehrt“, rief er ihr noch zu, bevor er hinter der nächsten Ecke verschwand.

„Danke“, murmelte sie. In der Stille und Dunkelheit wurde ihr plötzlich bewusst, dass ihr Herz schmerzhaft schnell pochte und ihre Augen brannten. Sie konnte nicht leugnen, dass die so unerwartete, freiwillige Hilfe etwas in ihr berührte, das im Begriff war, ihre ganze Fassade zum Bröckeln zu bringen. Also atmete sie tief durch, um jedes sentimentale Gefühl in sich zu ersticken. Dann knickte sie den Leuchtstab und machte sich daran, im Schein des grünlichen Lichts die schmale, schadhafte Treppe hinabzusteigen, von der sie aus der ersten Erkundung des Grabes wusste, dass sie auf die unterste Ebene hinunterführte, wo neben einer Waffenkammer ein verrückter, alter Kauz namens Spindrall in einem der Nebengräber hauste und sich zudem die Hinweise auf den Ort von Ajunta Palls Sarg finden lassen sollte, sofern Harkun die Wahrheit gesprochen hatte.

Unten angekommen sah sie sich kurz um. Der Weg zur Waffenkammer war anhand der beiden Sithkrieger-Statuen einfach zu erkennen, die den Eingang dorthin säumten, und die frisch ausgebrannten, noch schwach glimmenden Fackeln einem anderen Gang entlang zeigten ihr zumindest, dass dort erst kürzlich jemanden entlanggegangen war. Dieser Weg würde daher wohl zu diesem Einsiedler führen. Damit verbliebe auch nur noch ein anderes Portal, über welchem einige Worte in Kittât, dem Sith-Alphabet, eingraviert waren, die jedoch so verblichen waren, dass man sie nicht entziffern konnte. Hinter dem Portal hielt sie erstmal ratlos inne, da sich der Weg in drei schmalere Gänge aufteilte, die sich alle in der Dunkelheit verloren. Sie hob den Leuchtstab ein Stückchen höher, um die Wände nach möglichen Hinweisen abzusuchen. Über jede Abzweigung war eine kleine Statue in den Stein geschlagen, die sich nach einer eindringlichen Musterung als Götterfiguren der alten Sith offenbarten. Eine davon war Typhojem, der sogenannte linkshändige Gott, als dessen physische Manifestation Ajunta Pall von den Kissai angesehen worden war, während die anderen Götter in keiner Beziehung zu ihm standen. Damit war für sie klar, welchen Weg sie wählen würde. Andererseits wollte sie sich nicht nur auf ihre logischen Überlegungen verlassen und holte daher sie ihre Jagdklinge aus der ledernen Scheide, die sie mittlerweile im rechten Stiefel trug, und zog sie nach kurzem Zögern quer über die Fläche ihrer linken Hand. Das Messer war so scharf, dass sie nicht mehr als leichtes Brennen spürte, während das Blut augenblicklich hervorquoll. Sie wartete noch einen Moment, dann wischte sie mit der Handfläche über die massiven Steinquarter. Sollte sich der Weg als der Falsche erweisen und sie gezwungen sein, wieder umzukehren, würde sie später wissen, dass sie hier schon einmal vorbeigekommen war.

Der gewählte Weg führte sie um etliche Kurven und Ecken herum, bevor er sich erneut in drei Abzweigungen aufteilte. Wieder ging sie nach demselben Prinzip vor, indem sie jenen Durchgang wählte, über dessen Portal die Figur des Typhojem in den Stein geschlagen war, und den genommenen Weg mit einem blutigen Handabdruck markierte. Die Zeit verstrich, während das Labyrinth schier kein Ende nehmen wollte und sie immer tiefer unter die Berge Korribans zu führen schien. Die Luft war mittlerweile so dumpf und stickig, dass sie mit offenem Mund tief ein- und ausatmen musste, um nicht zu kollabieren. Endlich trat sie aus dem bedrückend engen und niedrigen Gang hinaus in einen weiten Raum, der so hoch war, dass sich der grünliche Schimmer des Leuchtstabs in der Dunkelheit beinahe verlor. In der Mitte des Gewölbes, auf einer Erhöhung, zu der einige Stufen hinaufführten, ragte aus einem Stück Felsen ein Kyberkristall heraus, der so tiefschwarz war, dass er selbst in dieser Finsternis förmlich wie ein schwarzes Loch erschien. Ein Kribbeln schoss durch ihren Körper und alle Härchen stellten sich auf, als sie die Machtpräsenz spürte, die dem Kristall innewohnte.

So gerne sie ihren müden Füßen eine Pause gegönnt hätte, wusste sie doch, dass ihr die Zeit davonlief und das lag nicht nur an Harkuns Anweisung, bis zum Morgen zurück zu sein. Der Leuchtstab würde ihr nicht ewig Licht spenden und die sauerstoffarme Luft sorgte schon jetzt für Übelkeit und Kopfschmerzen. Und so machte sie sich ohne Zögern daran, die Wände, die mit primitiv anmutenden Malereien und Gravuren verziert waren, abzusuchen. Mit dem Wissen um die Entstehung der Sith als Orden von Machtnutzern ergaben die Bilder auch rasch Sinn: Das metallene Flugobjekt, von dessen Rampe mehrere in Mänteln gehüllte Gestalten herabschritten und sich umsahen, stellte offensichtlich die Ankunft jener Dunklen Jedi da, die von ihren Ordensbrüder nach ihrer gescheiterten Revolte verbannt worden waren; die Gestalt mit roter Haut, die vor einem Mann mit schwarzen Haar und schwarzer Robe kniete, welcher wiederum ein rotes Lichtschwert schwang, zeigte wohl die Enthauptung des letzten Sith-Königs Hakagram Graush durch Ajunta Pall; die Frau mit kurzem blonden Haar und groben Gesichtszügen, die mit einem Federhalter eine Rolle Flimsiplast beschrieb, bildete vermutlich Sorzus Syn ab, wie sie den von ihr entwickelten Kodex niederschrieb, der seitdem die Grundlage der Sith-Philosophie war. Das letzte Bildnis ließ sie innehalten. Es zeigte die zwölf abtrünnigen Jedi, wie sie im Kreis um den schwarzen Kyberkristall knieten und anscheinend meditierten.

Wieder trat sie in die Mitte des Raums und je näher sie dem Kristall kam, desto stärker legte sich die Machtaura, die er ausstrahlte, um sie. Eine bittere Kälte wirkte auf ihre physische Hülle ein, der sich noch gegen die Einwirkung der Dunklen Seite zur Wehr setzte. Sie wimmerte, als die Kälte schließlich zu einem beißenden Schmerz wurde, der ihren Körper gefangen nahm, bis sie glaubte, jeder einzelne Knochen müsste unter dem eisernen Griff brechen. Und doch war dieser Schmerz erträglich, wie jeder physische Schmerz für einen Machtnutzer zu ertragen war, wenn er sich der Macht öffnete und die materielle Welt ausblenden konnte. Nun aber umschlang die Machtpräsenz des schwarzen Kristalls nicht nur ihrem Körper, sondern auch ihren Geist, und Violet sah sich plötzlich von ihren eigenen Gefühle – ihrem Zorn, ihrem Hass, ihrer Arroganz, ihrer Schadensfreude und Rachsucht – konfrontiert, die sie selbst hier an der Akademie unter einer kalten, stillen Hülle versteckte, denn sie wusste, dass sie diese Gefühle nicht mehr im Zaum halten könnte, wenn sie erst einmal an die Oberfläche dringen würden, wie es nun geschah und sie mit dem blinden, alles verdrängenden Wunsch nach Vernichtung erfüllte, nach der völligen Auslöschung alles Leben an diesem Ort, auf diesem Planeten, in der ganzen Galaxis. Sie stieß einen gellenden Schrei aus, als etwas in ihr brach. In diesem Moment spürte sie ihren Körper wieder, bevor sie kraftlos in sich zusammensank. Keuchend lag sie auf dem steinernen Boden, bis sie das Zittern in ihren Gliedern wieder halbwegs unter Kontrolle gebracht hatte. Der Kristall pulsierte im selben schnellen Rhythmus wie ihr Herz schlug, als sie sich aufraffte, und ihr rann ein seltsames Gefühl den Rücken runter, als ihre linke, blutende Hand den Kristall berührte. Zum ersten Mal schämte sie ihr ihrer dunklen, destruktiven Gefühle nicht mehr; stattdessen erschien es ihr, als dass der dunkle Abgrund, der nach ihr rief, im Grunde ihr wahres Zuhause war. Und als sie die Worte sprach, die so viele Generationen dunkler Machtnutzer vor ihr rezitierten, war ihr, als sei das der wahre Kodex, dem sie sich schon immer verpflichtet gefühlt hatte. „Es gibt keinen Frieden, nur Leidenschaft“, flüsterte sie. „Durch Leidenschaft erlange ich Stärke. Durch Stärke erlange ich Macht. Durch Macht erlange ich den Sieg. Durch den Sieg zerbersten meine Ketten. Die Macht wird mich befreien.“

Ein Knirschen erklang und keine Sekunde später rieselte Staub von den Wänden, als sie sich teilten und den Eingang zu einem weiteren Raum freigaben. Den Leuchtstab wieder in die Hand nehmend, betrat Violet langsam die Grabkammer. Sie staunte nicht schlecht, als sich mit jedem Schritt weitere prächtige Gegenstände, aus Gold oder Edelhölzern gefertigt, aus der Dunkelheit schälten, die offensichtlich Grabbeigaben waren. Am Ende des langen Raumes führte eine Treppe zu einem monumentalen Sarkophag hinauf, vor dem sich ein weiterer Kyberkristall befand, der allerdings strahlend weiß war. Wie sein schwarzes Pendant spürte Violet beim Näherkommen, dass der Kristall eine intensive Machtquelle darstellte. Verwirrt stellte sie fest, dass diese Aura von ganz anderer Natur war. Sie war warm und tröstend, legte sich wie ein Wundverband um die Narben ihres Körpers und ihrer Seele, linderte ihren Schmerz und versuchte, ihr brennendes Herz zu beruhigen. Gegen letzteres wehrte sich Violet vehement. Sie konnte nicht zulassen, dass all ihre dunklen Leidenschaften, die sie gerade akzeptiert hatte, wieder absterben würden, dass all die Stärke und Entschlossenheit wieder den Zweifeln wich, die sie in den vergangenen Jahren innerlich zerfressen hatten, die Zweifel darüber, ob der Weg der Jedi der richtige war. Erinnerungen kamen in diesem Moment in ihr hoch, von denen sie gar nicht mehr gewusst hatte, dass sie sie besaß, Erinnerungen an ihre Kindheit auf Odessen, Erinnerungen an das harte, raue Leben in der unwirtlichen Wildnis. Hunger, Kälte, Tod waren alltägliche Bestandteile dieses Lebens gewesen, ohne dass es ihr jemals als ungerecht oder grausam erschienen war. Es gab keine Ungerechtigkeit oder Grausamkeit in der Natur, sie war gewesen, wie sie nun einmal war. Die Starken und Harten überlebten, die Schwachen und Weichen wurden durch die natürliche Selektion ausgelesen. Eine moralische Bewertung hatten diese Vorgänge für sie erst erhalten, als Satele sie in die Pflichten eines Jedis eingewiesen hatte. Mitgefühl und Hilfe für die Schwachen, Geduld und Nachsicht mit den Weichen, dienen anstatt zu herrschen, das war es, was einen Jedi ausmachte. Warum hatte sie damals nicht auf ihr Gefühl vertraut, das ihr sagte, dass die Worte ihrer Meisterin nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hatten? Natürlich, sie war ein Kind gewesen, ein siebenjähriges Mädchen, das zu diesem Zeitpunkt einfach nur froh war, jemanden gefunden zu haben, der ihr aufgrund ihrer Machtfähigkeiten nicht ängstlich oder feindlich gesonnen war, sondern sie stattdessen akzeptierte und ermutigte, diese Fähigkeiten weiter auszuüben und zu verfeinern. Zu gerne hatte sie sich deshalb vom schönen Schein und von den edelmütigen Worten der Jedi umgarnen lassen, und solange sie auf Coruscant im Tempel lebte, in dieser Atmosphäre der zivilisierten Manieren, der bewussten Rücksichtnahme und dem kultivierten, vielleicht auch dekadentem Streben nach innerer Vervollkommnung, hatte es keinen Grund gegeben, die Richtigkeit des Wegs der Jedi anzuzweifeln. Diese heile Welt war gleichermaßen mit der Zerstörung des Tempels zerbrochen, und die langen Jahre auf Nar Shaddaa, dem größten Sündenpfuhl der Galaxis, hatten sie wieder daran erinnert, aus was das Leben wirklich bestand: Aus einem rücksichtslosen Kampf ums Überleben, aus der Macht des Starken und der Ohnmacht der Schwachen, aus der Vorteilhaftigkeit des Egoismus und fehlenden Gewissens und aus einem Tod, den jeder für sich allein sterben musste. „Sie haben nicht Recht …“, flüsterte sie dann. „Es sind Heuchler, nicht mehr …“

„Urteile nicht zu hart über unsere Ordensbrüder, Kind. Ihr aufrichtiger und ehrlicher Charakter lässt sie besser von der Welt denken, als sie ist.“

Als die Stimme, die ernste Stimme eines Mannes, hinter ihr erklang, schrie Violet vor schierem Schreck auf und sprang mithilfe der Macht ein ganzes Stück zur Seite. Ihr panischer Blick traf dann auf die Person, die für ihren Beinahe-Herzinfakt verantwortlich war. Der nächste Schock kam augenblicklich, als sie feststellen musste, dass es sich mitnichten um ein physisches Wesen handelte. Stattdessen war der Mann, in altmodische, aber unverkennbar typischen Jedi-Roben gekleidet, nicht nur durchsichtig wie eine Holo-Projektion, sondern sandte einen bläulichen Schimmer aus. „Ich … was …“, stotterte sie. „Bei der Macht … Was seid Ihr?“

„Was ich bin?“, wiederholte das Wesen. Ein warmes, aber trauriges Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Ich war einmal ein Jedi, so wie du, bevor ich starb und schließlich eins mit der Macht wurde.“

„Wirklich, ja?“ Violets Stimme klang aufgrund ihrer abrupten, schnappähnlichen Atmung noch immer schrill und pfeifend. „Und wer seid Ihr?“

„Ich glaube, das weißt du bereits. Es ist schließlich so, wie der Kodex uns lehrt: Es gibt keine Unwissenheit, nur Wissen.“

Wieder lächelte er auf diese Weise, die etwas in Violet berührte. Sich bemühend, ihre Atmung wieder zu beruhigen, musterte sie ihn erneut. Er schien noch nicht alt zu sein, da sein schulterlanges Haar tiefschwarz war und die helle Haut seines Gesichts noch nicht allzu viele Falten aufwies, und während sie seine Gestalt eindringlich betrachtete, wurde sie das Gefühl nicht los, ihn schon einmal gesehen zu haben. „Nein, das kann nicht sein“, entwich es ihr, als die Erkenntnis über sie gekommen war.

„Warum nicht? Es ist immerhin mein Grab, in dem du dich befindest.“ Darauf wusste Violet keine Antwort. Stumm verfolgte sie, wie der Machtgeist Ajunta Palls sie seinerseits eindringlich betrachtete. „Es ist lange her, dass ein Jedi mein Grab aufsuchte“, sprach er schließlich. „Weswegen bist du gekommen?“

„Ich suche den ersten Kodex der Sith“, antwortete sie zögerlich.

„Ah ja …“ Er nickte wissend. „Schon viele haben schon danach gesucht. Sie standen hier, genau wie du“, er verwies auf den weißen Kyberkristall, „aber sie erkannten nicht, was sie vor sich hatten. Sie erkannten nicht die Helle Seite. Aber Revan erkannte sie einst und du erkanntest sie ebenfalls.“

„Ihr meint … den Revan? Darth Revan?“, fragte sie ungläubig.

„Er war bereits zur Hellen Seite zurückgekehrt, als wir uns begegneten. Ich … ich hauste hier in der Dunkelheit, Jahr und Jahr, so viele Jahrhunderte, Jahrtausende, zerfressen von Hass, Hass auf meine alten Meister, die meine Lehren als Häresie verwarfen, Hass auf meine verräterischen Gefährten, die mich schließlich ermordeten, und am meisten von Hass auf mich selbst. Als Revan dieses Grab schließlich betrat, da spürte ich das Licht in ihm, dieses Licht, das ich einst so verleugnete und nachdem ich mich nun verzehrte. Ich gab mich ihm zu erkennen und er … er machte mir Hoffnung. Er erinnerte mich daran, dass der Weg der Jedi für jeden Barmherzigkeit und Vergebung bereithält, der nur aufrichtig bereut. Und ich bereute so viel und so sehr …“ In Erinnerungen versunken schüttelte er leicht den Kopf, während Violet ihn stumm anstarrte. Dass die ersten Dunklen Lord der Sith ursprünglich Jedi gewesen waren, war ihr wohlbekannt. Dass aber der Gründer des Ordens der Sith selbst seiner eigenen Lehre den Rücken gekehrt hatte, war eine so ungeheure Entdeckung, dass es ihr schier die Sprache verschlug. „Ich habe es Revan zu verdanken, dass ich letzten Endes Frieden mit mir schließen konnte. Endlich konnte ich eins mit der Macht werden.“ Als er geendet hatte, musterte er Violet aufs Neue. Sie erstarrte, als er ihre Wange berührte, was sich wie ein warmer Lufthauch anfühlte. „Ich mag wieder zur Hellen Seite zurückgefunden haben, aber du stehst davor, der Dunkelheit anheimzufallen, Padawan.“

„Ich bin kein Padawan“, brachte sie schließlich hervor. „Ich bin überhaupt kein Jedi mehr …“

„Doch, das bist du. Ungeachtet all deiner Taten weißt du noch immer, was richtig und was falsch ist, und du hegst nach wie vor eine tiefe Abscheu gegen Ungerechtigkeit jeder Art. Aber du hast deinem Verlangen nach Rache nachgegeben. Du bist vom Opfer zum Täter geworden, weil du glaubst, dass der Schmerz, den du erlitten hast, dir das Recht gibt, nun anderen Schmerz zuzufügen.“

„Ich übe Gerechtigkeit!“ Violets Stimme war beim letzten Wort so laut geworden, dass ihr Echo durch das lange Gewölbe hallte, und hatte jenen arroganten, von sich selbst überzeugten Klang, den sie auch Meisterin Satele gegenüber angeschlagen hatte, als sie ihre Taten rechtfertigte. „Und wagt es ja nicht, mich über die Dunkle Seite belehren zu wollen! Wenn ich mich der Dunkelheit ergebe, dann nur, um stark genug zu sein, um die Sith zu vernichten!“

Ihre wilden Worte prallten an der Miene des Machtgeistes ab, die Ruhe, aber auch ein gewisses Maß an Traurigkeit ausdrückte. „Du irrst dich, Kind“, erwiderte Ajunta dann. „Deine Dunkelheit würde ihre Dunkelheit nicht besiegen, sondern nur ersetzen, und sobald du sie vernichtet hättest, würdest du ihren Platz einnehmen.“

Seine Worte, die sie in ihrer Weisheit beschämten, riefen augenblicklich ihren Widerstand hervor, der sich in einem hämischen Lachen äußerte. „Ich wäre nie wie die Sith. Ich würde einfach nur tun, was notwendig ist, wie es ein wahrer Jedi tun sollte. Ich würde wahrhaft selbstlos handeln!“

„Wir wissen beide, dass das nicht stimmt“, gab der frühere Jedi-Meister und Sith-Lord zurück.

„Hört auf! Ihr habt als Letzter das Recht, mich zu verurteilen. Ihr kennt mich überhaupt nicht!“

„Oh doch, Kind. Wir sind uns im Grunde sehr ähnlich. Von Anfang an mit einer überdurchschnittlichen Begabung in der Macht gesegnet, haben wir in unserer Ausbildung als Jedi niemals einer wirklichen Herausforderung gegenüber gestanden. Wir mussten uns nie anstrengen, mussten weder die Geduld derer aufbringen, die weniger machtbegabt waren, noch mussten wir lernen, mit Enttäuschung und Rückschlägen umzugeben. Wir waren verwöhnt von unserem Erfolg und selbst der Gedanke daran, eines Tages einmal scheitern zu können, erschien uns absurd. Wir waren die Besten, und auch wenn wir nach außen hin einen gleichgültigen Eindruck erwirkten, so waren wir eifersüchtig darauf bedacht, dass es niemanden neben uns geben würde, denn allein die Vorstellung, wir könnten nicht mehr an erster, höchster Stelle stehen, war uns unerträglich.“

Seine entlarvenden Worte ließen sie erröten, was ihr schon sehr lange nicht mehr passiert war. „Ehrgeiz ist keine Schande“, gab sie trotzig zurück.

„Natürlich nicht“, räumte er ein. „Aber unser Ehrgeiz, unser unbedingter Wille, sich beweisen zu wollen, hat uns arrogant und selbstgerecht werden lassen und dazu verleitet, uns selbst für das Maß aller Dinge zu halten. Ich habe mich dazu verleiten lassen, die Lehren meiner Meister zu missachten, ihre Warnungen vor der Dunklen Seite als feiges Geschwätz alter Männer und Weiber abzutun. Du hingegen hältst dich für über alle anderen moralisch erhaben, was dich zur Selbstjustiz verführte, die neben den Schuldigen so viele unschuldige Leben gefordert hat.“

Seine letzten Worte lösten das vertraute Brennen der Scham in ihr aus. „Ich tue den Guten Gutes und den Bösen Böses“, erwiderte sie heiser. „Daran ist nichts falsch.“

„Wenn daran nichts falsch ist, woher kommt dann der Aufruhr in deinem Herzen?“, drang er weiter auf sie ein. „Im Grunde weißt du, dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige ist. Oder hat der Schmerz, den du deinen Peinigern bereitet hast, deinen eigenen lindern können?“

Beide kannten die wahre Antwort auf seine Frage. „Es gibt nichts, das diesen Schmerz lindern könnte. Es gibt nichts, was die Erinnerung auslöschen könnte. Und weil es nichts gibt, das Abhilfe schaffen könnte, dann sollen sie wenigstens mitleiden“, flüsterte sie, während sich ihre Hände zu Fäusten ballten. „Ich bereue nichts.“

„Ja, dieselben Worte stieß auch ich aus, als meine physische Hülle mit dem Tod rang, den ich doch bezwungen zu haben glaubte“, entgegnete er mit einem wissenden Nicken. „Auch wenn mir schon die ersten Zweifel an der Richtigkeit unserer Rebellion und unserer Hingabe an die Dunkle Seite gekommen sind, so verbot es mir mein Stolz, Reue zu empfinden. Aber als die Zeit verstrich, Dekade und Dekade und Jahrhundert um Jahrhundert, in denen ich hier gefangen war, verurteilt dazu, durch die Macht mitzuerleben, welches Unheil ich, Ajunta Pall, über die Galaxis gebracht hatte …“ Wieder schüttelte er in stummer Erinnerung den Kopf. „Es schmerzt mich, dass meine Taten, so lange sie zurückliegen möchten, dir solches Leid beschert haben. Kannst du mir verzeihen, Padawan?“

Doch Violet, deren Inneres durch dieses so somnambul anmutende Gespräch in wilden Aufruhr versetzt, brachten seine ruhigen, gelassenen Worte nun ganz aus der Fassung. „Ihr wollt Verzeihung?“, brüllte sie los, bis sich ihre Stimme förmlich überschlug. „Dann geht doch hin und bittet all die Millionen um Verzeihung, die je unter der Herrschaft der Sith gelitten haben! Eure Reue ist ein verdammter Dreck wert, wenn Ihr nicht wiedergutmachen könnt, was Ihr angerichtet habt! Ihr … Ihr habt es einfach nicht verdient, Frieden zu finden!“

Ajunta Palls Machtgeist erwiderte nichts darauf, sondern musterte mit einem Blick, der voll aufrichtigen Bedauern war. Doch sie konnte nicht verzeihen und sie wollte es auch nicht, und als der Hass glühend durch ihre Adern pumpte, öffnete sie sich der Macht und sandte eine gewaltige kinetische Welle auf ihn, die durch ihn hindurchging und stattdessen den monumentalen Sarkophag traf. Der dunkle Stein zerbarst unter der Machteinwirkung in tausend Splitter, während eine Staubwolke die Grabkammer ausfüllte. Violet musste gar die Hände ausstecken und sich mit einem durch die Macht gewirkten Schild vor den scharfen Bruchstücken schützen, die auf sie niederregneten. Als sich der Staub wieder legte, wurde das Gewölbe nur noch vom grünlichen Licht des Leuchtstabs erhellt. Der Machtgeist war hingegen verschwunden; stattdessen zog ein schwacher, bläulicher Schimmer ihre Aufmerksamkeit auf sich. Unter den Trümmern des Sarkophags lag ein würfelähnliches Objekt, das eine eigene Machtpräsenz ausstrahlte. Widerwillig, aber zu neugierig, um es ignorieren zu können, grub sie es aus, kurz innehaltend, als ein Knirschen durch die Wände der Kammer ging. Sie staunte nicht schlecht, als sie schließlich feststellte, dass es sich bei ihrem Fund um ein Holocron handelte. Um ein Holocron, dessen Form an einem Würfel und zugleich an vielen Pyramiden erinnerte und dessen Flächen mit altertümlichen Runen in Aurebesh verziert war. Frieden las sie da, und auf der gegenüberliegenden Seite stand Gefühle. Wissen stand auf einer anderen Fläche, und Stärke gegenüber. Eine Inspektion des Holocrons ergab weitere Gegensatzpaare wie Gelassenheit und Leidenschaft, Bestimmung und Freiheit, Harmonie und Chaos. Ein weiteres Knirschen ließ sie aufsehen. Wieder regnete Staub auf sie nieder und plötzlich brach ein Steinquarter einige Meter von ihr entfernt aus der Decke. Offensichtlich hatte ihre Machtwelle nicht nur den Sarkophag zerstört, sondern auch das alte Grabmal destabilisiert. Violet zögerte keinen Moment länger damit, die Beine in die Hand zu nehmen. Ihre rennenden Schritte, die in der Stille zuvor noch so erschreckend laut widergehallt waren, gingen nun im Knacken und schließlich Krachen unter, als das Gewölbe nach und nach zusammenbrach. Sie glaubte schon, die Gefahrenzone hinter sich gelassen zu haben, als sie etwas Schweres und Spitzes direkt und so hart auf den Schädel, dass ihre Zähne knirschten und alles schwarz wurde.

Das Erste, das Violet beim Erwachen aus der Ohnmacht verspürte, war eine Woge der Übelkeit, gefolgt von etwas Heißem, Flüssigen, das unter ihrem Haar hervorquoll und ihr übers Gesicht lief. Sie brauchte sich erst gar nicht über die Lippen zu lecken, um zu wissen, dass es Blut war. Träge blinzelnd versuchte sie, etwas von ihrer Umgebung zu erkennen. Als sie aber nichts als Dunkelheit ausmachen konnte – wohin der Leuchtstab gekommen war, den sie zuvor noch in der Hand gehalten hatte, wusste sie nicht mehr –, stemmte sie ihren Rücken gegen die steinerne Platte, die sie flach auf den Boden drückte. Zu ihrem Entsetzen schaffte sie es nicht im Mindestens, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Panik brach in ihr aus, eine so wilde, blinde Panik, die aus der Erinnerung an das letzte Mal gespeist wurde, als sie unter Trümmern begraben lag, die Brust durchbohrt vom Lichtschwert jenes Dunklen Lords, der mit ihrer Meisterin noch eine Rechnung offen gehabt und sie an Violet beglichen hatte. Sie hatte damals den Tod angefleht, endlich zu kommen und sie von ihrer Qual zu erlösen, doch anstelle des Todes war nur das Feuer gekommen, langsam herangekrochen von den brennenden Trümmern, die von der Sprengung des Tempels herrührten. Es hatte nichts gegeben außer Enge, beißenden Rauch, der Schmerz von ihren Wunden im Lichtschwertkampf und der Schmerz durch die Flammen, die ihre Kleidung am Rücken und an den Oberarmen entzündeten und ihre Haut schwer verbrannten, bis sie es endlich geschafft hat, sie mit ihren bloßen Händen zu ersticken. Die rauen Schwielen, die ihre Handflächen bedeckten, legten noch heute Zeugnis davon ab. Damals hatte sie es nicht geschafft, sich aus eigener Kraft zu befreien, sondern war dazu verurteilt, Stunde um Stunde dort zu liegen, bis so unerwartet Hilfe in Form einer jungen Jedi-Ritterin gekommen war. Auf der Suche nach ihrem Meister Ven Zallow, der bei der Verteidigung des Tempels so tapfer gekämpft hatte, war Aryn Leneer nach Coruscant zurückgekehrt, als Einzige von allen Jedi, wofür sie vom Hohen Rat letzten Endes als abtrünnig gebrandmarkt wurde. Violet würde den Moment nie vergessen, als von jenseits der Trümmer auf einmal ein mechanisches Summen und Pfeifen, gefolgt von menschlichen Stimmen, erklang. Mit letzter Kraft hat sie aufgeschrien, einfach nur geschrien, und ihre Stimme war vor Angst und Schmerz zu einem Heulen geworden, das mehr einem verletzten Tier als einem Menschen glich. Gemeinsam mit einem Mann, der wie ein ehemaliger Soldat gewirkt hatte, und Meister Zallows treuem, klugen Astromech-Droiden T7 hatte die Ritterin sie schließlich aus den Trümmern befreit. Es war noch rechtzeitig gewesen, um ihren geschundenen Körper zu retten, doch etwas war in diesen Stunden, als sie zwischen Leben und Tod schwebte, in ihr zerbrochen. Etwas, das sie bis dahin zu dem Menschen gemacht hatte, der sie gewesen war, und das jetzt unwiederbringlich fort war. Und dass sie nie wieder derselbe Mensch würde sein können, wusste sie in dem Augenblick, als das Licht des neuen Tages auf sie niederschien, sie aber keine Helligkeit mehr darin finden konnte, während dieser Soldaten sie zum nächsten Krankenhaus brachte. Es war dunkel in ihr geworden.

Violet stieß einen erstickten Laut aus, als diese Erinnerungen sie übermannten. Zu gut wusste sie, dass es hier auf Korriban niemanden gäbe, der ihr zur Hilfe eilen würde. Sollte ihr Leben nun doch so enden, begraben unter Zentnern an Steinen und in Form eines langsamen Todes durch Ersticken oder Verdursten? In diesem Fall wäre es eine grausame Ironie des Schicksals, gegen die sie sich noch zur Wehr setzte. Würde sie jetzt sterben, wofür hätte sie dann die Jahre der körperlichen Regeneration auf sich genommen und die vielen weiteren Jahre, in denen sie die imperialen Handlager gejagt hatte, ohne doch an die Sith herangekommen zu sein, die verantwortlich für all ihr Leid und Elend waren? Wenn sie jung sterben musste, dann wollte sie diese gefällig mit sich nehmen, denn ihr Verlangen nach Rache war zu tief und brannte zu leidenschaftlich, um einfach aufzugeben. Und außerdem war sie nicht mehr das Mädchen von einst, war nicht mehr der schwache Padawan, der so naiv auf die Kraft der Hellen Seite vertraut hatte. Sie war jetzt etwas anderes. Was sie war, das wusste sie selbst nicht recht, aber sie spürte, dass es etwas anderes war. Sie vertraute nicht länger auf die Ruhe der Seele und der Gelassenheit des Gemüts, das für sie vielmehr Feigheit und Apathie bedeutete. Sie vertraute jetzt auf die Macht ihres Zorns, auf dem Feuer ihres Hasses und auf das Gift ihrer Missgunst, die ein Kind ihrer Rachsucht und Arroganz war. Violet seufzte leise auf, als eine unbändige Kraft sie in diesem Augenblick durchströmte, eine dunkle, gefährliche Kraft, die einem Strudel glich, der einen hinab in die Tiefen zog. Und endlich, endlich ließ sie sich gänzlich fallen, gab sich gänzlich der Dunklen Seite hin, deren Sirenenrufen sie nicht länger widerstehen wollte. „Ja … ja …“, flüsterte sie in der tiefen Dunkelheit, ohne dass man hätte sagen können, ob sie mit jemanden, mit etwas oder nur mit sich selbst sprach. Dann, als sie ihre aufgeschlagenen, blutigen Hände ausstreckte, wurden die Trümmer durch einen gewaltigen Energieausstoß nach allen Seiten weggeschleudert.

Zurück blieb nur Violet, die langsam und unsicher wankend aufstand. Sie war von oben bis unten mit Staub und Dreck bedeckt, während die rechte Hälfte ihres Gesichts mit dem dunklen Blut beschmiert war, das von der Platzwunde knapp hintern Haaransatz hervorquoll. Eine Geste ließ den Leuchtstab in ihre ausgestreckte Hand fliegen. Er glomm zwar noch schwach vor sich hin, doch sie brach ihn mit einem verächtlichen Grinsen auseinander. Die endlose Nacht der Katakomben umhüllte sie nun vollkommen, doch sie fürchtete sich nicht länger. Eine weitere Geste ließ schließlich das Holocron in ihre Hand fliegen, das sie in die Innentasche ihrer Jacke steckte, bevor sie sich auf den Rückweg machte. Diesmal benötigte sie weder Licht noch eine Orientierung durch ihre physischen Sinne. Verbunden mit der Macht, vertieft in die Dunkle Seite ließ sie sich von ihr zielsicher durch die Dunkelheit führten. Das schwache Licht der Fackeln brannte sich schließlich schmerzhaft in ihre Netzhaut, als sie jenen Kreuzweg erreichte, von dem weitere Pfade zu anderen Kammern im Grab führten. Bis hierher hatte sie schon zuvor ohne Schwierigkeiten gefunden, und entsprechend einfach gestaltete sich der restliche Rückweg.

Sie war bereits im Begriff, um die Ecke in die Säulenhalle zu biegen, von der aus die lange, breite Treppe hinauf zur Akademie führte, als sie Stimmen hörte. Prahlerische, männliche Stimmen. Stimmen, die ihr verdächtig bekannt vorkamen. Und als sie um die Ecke spähte, entdeckte sie niemand anderen als ihre Mitakolythen Mortos Kesh und Turak Ax, die auf den Stufen saßen und sich unterhielten. Nur einen Moment war Violet erstaunt darüber, sie hier anzutreffen, bevor sie begriff. Ein unheilvolles Grinsen, das ihre obere Zahnreihe entblößte, verzerrte ihr blutiges Gesicht, als sie tief durchatmete und dann um die Ecke schritt. „Na, Jungs, was treibt ihr denn hier?“, rief sie ihnen keck entgegen. Beide jungen Männer schossen in die Höhe. Beide schienen so perplex zu sein, dass sie kein Wort herausbrachten. Violet nutzte die ungeteilte Aufmerksamkeit, um sich lasziv zu strecken und ihnen dann mit Bewegungen, denen eine nie dagewesene Eleganz und Feminität innewohnte, entgegenzuschreiten. Das Resultat ihrer ostentativen Weiblichkeit spiegelte sich in ihren Mienen wider, als sie Violet mit einem dümmlichen und zugleich gierigen Ausdruck begafften. Einige Schritte vor ihnen blieb sie stehen, die Hände betont in die Hüften gestemmt. „Also, dann erzählt mal: Wer hat euch geschickt, damit ihr mich aufhaltet? Es kann doch nur dieser blöde Arsch Harkun gewesen sein, oder?“

Während der reinblütige Sith von ihrem so unerwarteten wie auch ungewohnten Auftritt noch immer überrumpelt wirkte, hatte sich Turak Ax wieder gefangen. „Gut geraten, kleine Sklavin“, gab er mit dem gewöhnlichen, arroganten Lächeln zurück. Mit einer schnellen Bewegung zog er beide seiner Kriegsklingen, was Violet einmal mehr auflachen ließ.

„Darauf habe ich lange gewartet …“ Ihre Stimme war leise und heiser-rau. Zu Ax‘ Verwirrung machte sie aber keine Anstalten, ihre eigene Waffe zu ziehen, sondern steckte und reckte sich ein weiteres Mal gleich einem Raubtier kurz vor der Pirsch, bevor sie näherkam.

„Vorsicht!“, warnte Mortos Kesh, als Ax sich nicht einmal die Mühe machte, eine Verteidigungsposition einzunehmen. Im Gegensatz zu seinem menschlichen Mitschüler hatte er nicht nur seinen Kampfstab gezückt, sondern betrachtete Violet mit einem Blick, der jeden Hochmut verloren hatte. „Etwas an ihr ist anders … Bei der Macht …“ Kesh atmete scharf ein, als er ihr ins Gesicht sah. Augen, die strahlend gelb waren, blickten ihm entgegen. In Verbindung mit dem dunklen Blut, das ihr Gesicht verschmierte, bot sie einen wilden, rasenden Anblick. Vorsichtig machte er einige Schritte rückwärts, was sie wieder raubtierartig grinsen ließ. Sein zögerlicher Fluchtversuch wurde nicht nur von ihr bemerkt.

„Was wird das? Willst du etwa abhauen?“, wurde Mortos von Turak angeherrscht. Der Mensch schien nicht glauben zu können, dass sein Spießgeselle einen Rückzug machen wollte.

„Nein … Aber ich will auch nicht draufgehen“, gab der junge Sith nuschelnd zurück.

„Wovon redest du? Sie ist nur eine Sklavin, eine kleine, unbedeutende Sklavin, die glaubt, sie könnte ein Sith werden!“, herrschte Ax zurück.

„Nicht glaubt. Sie ist es schon. Kannst du ihre Macht nicht spüren? Oder zumindest sehen, wie die Dunkle Seite sie durchdringt?“

„Die Dunkle Seite allein macht noch keinen Sith.“

„Die Dunkle Seite allein ist es, die mich zu dem macht, was ich bin“, unterbrach Violet die streitenden Akolythen.

„Und was ist es, was du bist?“ Ax machte noch immer keine Anstalten, seine beiden Schwerter zu heben. Er war entweder so von seiner eigenen Überlegenheit überzeugt oder schien die Gefahr, von der Violets wölfisches Lächeln zeugte, gänzlich zu unterschätzen. Dementsprechend unvorbereitet traf ihn der Sturm aus Machtblitzen, den sie in diesem Moment entfesselte, direkt in die Brust. Sein Körper wurde von spasmischen Zuckungen hin- und hergeworfen und brach kraftlos zusammen, als sie die Hände sinken ließ.

„Willst du deinem Freund nicht zur Hilfe eilen?“, fragte sie Kesh spöttisch, der ohne Einzuschreiten den Angriff beobachtet hatte.

„Es gibt keine Freundschaft unter uns Sith“, erwiderte er mit einem überraschend kühlen, ernsten Tonfall, während er Turak beäugte.

„Du feiger Scheißkerl!“, keuchte dieser auf, während er versuchte, sich hochzurappeln. Auf dem halben Weg verließ ihn die Kraft und ließ ihn auf den Steinboden zurücksinken. „Glaubst du, dass du mich so in der Gunst der Aufseher ausstechen kannst? Das Einzige, das dich zum Sith macht, ist doch deine rote Haut!“

Mortos schnaubte auf. „Eine rote Haut wiegt noch immer jeden Makel auf. Und lieber bin ich ein lebender Feigling als ein toter Narr. Wenn Harkun nicht will, dass sie zurückkehrt, dann soll er sich doch selbst darum kümmern. Ich bin weg.“

„Nicht so schnell“, sprach Violet. Sie packte ihn mit der Macht an der Kehle und drückte erbarmungslos zu. Panisch würgend, versuchte der reinblütige Akolyth sich gegen ihren Machtgriff zu wehren. Doch Violet ließ ihn erst los, als er halb ohnmächtig zu Boden sank.

„Du hättest ihm gleich das Genick brechen soll“, zischte Turak, als er sich aufsetzte. Die Strangulation seines Mitschülers hatte er währenddessen mit einem hämischen Grinsen quittiert.

„Wo bleibt denn dann der Spaß?“, gab sie leise zurück. Ax‘ Grinsen schwand und ein Keuchen, diesmal von ganz anderer Art, entwich seinen Lippen, als sie sich rittlings auf ihn setzte und das Gewicht ihres Schoßes auf seinen Unterleib drückte.

„Spaß, mhh?“ Seine Hände strichen wie zufällig ihren Schenkeln entlang und als sich ihre Mundwinkel anhoben, umfasste Turak ihren Busen. Er stieß ein tiefes Stöhnen aus, als er ihre vollen Brüste knetete. „Als ich gestern Abend sagte, ich würde dich nicht einmal in mein Bett lassen …“ Er leckte sich über die Lippen, dann kniff er ihr in die Brustwarzen. „Ich wollte dich seit dem Tag, als ich dich zum ersten Mal sah, aber wie hätte es ausgesehen, wenn ich als Sohn einer angesehenen Sith-Familie einem Sklavenmädchen nachgelaufen wäre?“, wisperte er dann. Während seine Linke auf ihren Busen verblieb, wanderte seine Rechte weiter über ihren Körper und massierte schließlich ihre Hinterbacken. „Sie werden nie zulassen, dass ein Lord dich zur Schülerin nimmt, weißt du? Harkun und Tremel und die anderen Aufseher, meine ich. Sie halten dich nicht für … würdig genug. Und was wäre deine Alternative? Dich als kleiner Attentäter für irgendeinen unwichtigen Lord oder gar nur Moff zu verdingen, die dich ohne mit der Wimper zu zucken abservieren würden, wenn du ihnen nicht mehr dienlich wärst?“ Er legte eine kurze Pause ein, bevor er fortfuhr. „Ich aber habe meine Prüfungen schon bestanden und soll noch heute einem Darth als Schüler zugeteilt werden. Außerdem ist meine Familie vermögend. Ich könnte dir also ‘n schönes Leben bieten, wenn du meine Geliebte werden würdest. Temperament hast du jedenfalls schon mal und das gefällt mir.“ Turak schwieg erneut, um ihr die Möglichkeit einzuräumen, über sein Angebot nachzudenken. Er zweifelte noch immer nicht daran, dass er ihr überlegen war und sie ohne Schwierigkeiten besiegen könnte, wenn er nur wollte. Doch warum einen Kampf riskieren und sie töten, wenn er sie mit solch einfachen Mitteln dazu bewegen könnte, sich zu unterwerfen und ihm das zu geben, von dem er schon in so manchen Nächten geträumt hatte. Und sollte sie sich als weniger gefügig erweisen, als man von einer Konkubine erwarten durfte, so könnte er sie immer noch beseitigen. Und als Violet nach einem nachdenklichen Blick in die Ferne ein verführerisches Lächeln aufsetzte, glaubte er sich am Ziel seiner Wünsche. Mochte sein Körper noch immer von dem heftigen elektrischen Schlag schmerzen, den sie ihm zuvor zugefügt hatte, so war er in Gedanken schon dabei, sie langsam und genüsslich zu entkleiden.

„Dein Angebot ist verlockend, eingestandenermaßen. Doch ich befürchte, dass ich ablehnen muss. Es gibt tatsächlich nur ein Gefühl, dass ich für Sith hege: Nämlich Hass.“ Damit rammte sie ihm ihre Jagdklinge, die sie mit einer schnellen Bewegung zückte, direkt in die Brust. Ax schrie erstickt auf. Er versuchte, sie von sich zu stoßen, doch Violet drückte ihn mithilfe der Macht zurück auf den Steinboden. „Du wolltest doch wissen, was es ist, zu dem mich die Dunkle Seite macht.“ Sie trieb ihr Messer noch ein wenig tiefer in seine Brust, bis nur das Heft herausragte. Als seine Schreie nicht aufhörten, sondern immer lauter und hysterischer wurde, drückte sie ihm kurzerhand die Kehle zu, um ihn zum Schweigen zu bringen. Seine weitaufgerissenen, dunklen Augen verfolgten, wie sie sich dann über ihn beugte. „Ich“, flüsterte sie ihm ins Ohr, „bin ein Jedi. Ein wahrer Jedi. Ein dunkler Jedi, der euch Sith vernichten wird.“ Diesmal wartete sie vergeblich auf eine Reaktion seinerseits. Ihre Worte hatten ihm die Sprache verschlagen und ihn sogar von dem physischen Schmerz abgelenkt, an den er wieder erinnert wurde, als sie das Heft der Klinge ergriff und sich daran machte, seinen Brustkorb aufzuschneiden. Wieder versuchte Turak, gegen ihren Machtgriff anzukämpfen, doch die blinde Panik in Verbindung mit der körperlichen Qual und dem raschen Blutverlust ließen ihn allzu schnell entkräftet aufgeben. Violet hatte unterdessen schon ihre Hand in seinen Leib getaucht und ließ sie nun zielsicher von unten in den Brustkorb greifen, bis sie sein Herz erreichte. Ein eigentümliches Gefühl durchfuhr sie, als sie den harten, glitschigen, schnell schlagenden Muskel umschloss, ein Gefühl, dass ihre Brustwarzen steif und ihr Geschlecht feucht werden ließ. Im Rausch des Tötens versunken widerstand sie auch nicht länger dem Drang ihres Körpers, ihr Becken noch fester auf seinen Schritt zu pressen und es rhythmisch zu bewegen. Mit einem Ruck riss sie schließlich das Herz heraus und schlug ihre Zähne in das noch pochende Organ. Heißes, dunkles Blut füllte ihren Mund; der vertraut metallische Geschmack ließ sie leise seufzen und die Augen schließen. Blut – die Essenz des Lebens, die die Geburt und den Tod eines Menschen einleitet, das ihr nach der Tradition ihres Clans noch vor der Muttermilch zu trinken gegeben wurde und das sie ein weiteres Mal trank, nachdem sie ihr erstes Tier mit gerade einmal sieben Jahren getötet hatte.

Leises Keuchen rissen sie aus den Erinnerungen, die flüchtig wie Nebelfetzen gekommen und gegangen waren. Der Blick aus ihren Augen, deren goldgelbe Farbe einen Stich ins Orange bekommen hatte, fiel auf Mortos Kesh, der wieder aus seiner vorübergehenden Bewusstlosigkeit erwacht war und nun mehr schlecht als recht versuchte, sich aufzurappeln, was an seinem haltlosen Zittern und den flapsig-panischen Bewegungen scheiterte. Der nackten Angst in seiner Miene nach zu urteilen, schien er nämlich schon lange genug wach zu sein, um die Ermordung seines Mitschülers mitangesehen zu haben. Langsam, sehr langsam wie ein anpirschender Jäger stand Violet aus der Hocke auf und stieg über Ax‘ Leichnam hinweg. „Lass‘ uns sehen, ob dein Blut genauso rot wie deine Haut ist, ja?“, sprach sie leise. Sie leckte ihre Klinge ab, bevor sie auf ihn zuschritt.

Chapter Text

 

Es war ein Morgen wie jeder andere, an dem sich die Akolythen nach und nach in die Halle begaben, wo das Frühstück auf langen Tischen serviert wurde. Die meisten Anwärter saßen in den kleinen Gruppen beisammen, zu denen sie sich zum Schutz vor anderen Mitschülern und zur Erhöhung der eigenen Überlebenschance zusammenschlossen; die wenigen, die abseits einen Platz gefunden hatten, waren entweder Sonderlinge oder so gut, dass sie den Neid der anderen nicht zu fürchten brauchten. Das Geplauder der Akolythen war all ihrer Lebensumstände zum Trotz – oder vielleicht gerade deswegen – ein meist oberflächliches Geplänkel, das sich um jene Themen drehte, die für Jugendliche und junge Erwachsene relevant waren, manchmal durchbrochen vom Kichern der Mädchen oder vom lauten Lachen der jungen Männer, von denen nicht wenige, ungeachtet der Konkurrenz mit ihren weiblichen Mitakolythen, bemüht waren, die Damenwelt durch ihre Fähigkeiten oder auch nur prahlerischen Worte zu beeindrucken. Ruhiger und ernsthafter ging es an der Kopfseite der Tische vor sich, wo auf einer Estrade, eine horizontale Linie bildend, die Tafel stand, an der sämtliche Aufseher saßen und von dort aus einen Überblick über die Akolythenschaft hatten. Als das pubertäre Schwatzen nach und nach abflaute und einer beklemmenden Stille wich, sah einer nach dem anderen von ihnen auf.

Schritte, die für gewöhnlich im allgemeinen Lärm untergegangen wären, hallten nun laut von den Wänden und der hohen Decke wider. Sie waren ruhig und gesetzt, was einen harten Kontrast zu dem wilden Aussehen der jungen Frau bot, die so tödlich-gelassen die Halle durchschritt. Sie war von Kopf bis Fuß mit Staub und Dreck bedeckt, während ihr Gesicht und ihre Hände von Blut förmlich trieften. All dies konnte aber nicht über etwas hinwegtäuschten, dass bei den anderen Akolythen für Getuschel und bei den Ausbildern für Erstaunen sorgte. Wen immer sie ansah, dem blickte ein Augenpaar entgegen, dessen Iriden in einem tiefen Gelb strahlten, einem gefährlichen, einem brennenden Gelb, das an das Feuer eines Sonnenuntergangs gemahnte. Sie schritt die Estrade hinauf und blieb unmittelbar vor einem Mann mit kurzem, rotem Haar und Spitzbart stehen. „Aufseher …“, sprach Violet mit rauer Stimme, gefolgt von einer spöttischen Verbeugung. Bevor Harkun oder die anderen Ausbilder etwas sagen konnten, stellte sie das gefundene Holocron vor ihm auf den Tisch.

„Was soll das sein?“, gab Harkun dann pampig zurück. Seine übellaunige Miene konnte aber nicht die Überraschung übertönen, für die ihr Erscheinen gesorgt hatte. Violet antwortete ihm nur mit einem Grinsen, bei dem sie wie ein Wolf die Oberlippe zurückzog und ihre obere Zahnreihe entblößte. Stumm beobachtete sie, wie Harkun, der einen verächtlichen Laut ausstieß, schließlich das Holocron ergriff, um es zu untersuchen. Darauf hatte sie nur gewartet, und so hob sie ihre linke Hand, die sie bis dahin zu einer Faust geballt hielt, und ließ zwei weitere Objekte auf den Tisch plumpsen, die alles mit dunklem Blut besudelten. Vor Schreck rutschte er mit seinem Stuhl ein ganzes Stück nach hinten. „Was fällt dir ein?“, fauchte er. „Was ist das eigentlich für eine Schweinerei?“

„Sind das … Organe?“, fragte stattdessen Aufseher Rance, der neben Harkun gesessen und sich nun erhoben hatte, um die beiden Fleischklumpen besser inspizieren zu können.

„Solltet Ihr nicht zwei Eurer Schützlinge vermissen?“, sprach Violet weiter, ohne auf Rances Worte einzugehen. Sie warf einen demonstrativen Blick nach links und rechts. Die aufziehende Erkenntnis in Harkuns Miene quittierte sie mit einem weiteren wölfischen Grinsen.

„Du weißt, welche Strafe auf die nicht-autorisierte Ermordung anderer Akolythen steht“, sagte er dann, während er langsam aufstand. Als er nach seinem Lichtschwert griff, konnte er seiner Wut zum Trotz die sadistische Freude darüber, endlich einen Grund gefunden zu haben, sie töten zu können, nicht unterdrücken.

Doch eine schnelle Geste ihrerseits ließ sein Lichtschwert geradewegs in ihre ausgestreckte Hand fliegen. Das Summen durchschnitt die Stille wie ein Messerschnitt, als Violet die Waffe aktivierte. „Ein paar letzte Worte, bevor ich Euren Schädel spalte?“, flüsterte sie mit rauchig-dunkler, verführerischer Stimme. Übermütig ließ sie die Klinge einmal kreisen, bevor sie die Ausgangsposition des Ataru-Stils einnahm. Ihr Herz raste, ihre Hände waren vor Aufregung feucht und klamm, aber all das konnte die Euphorie darüber nicht trüben, endlich wieder, nach all den Jahren, ein Lichtschwert in der Hand zu halten. Und das grenzenlose Erstaunen, mit dem Harkun und die anderen Aufseher sie anstarrten, war ihr eine tiefe Befriedigung.

„Genug.“ Eine herrische Stimme ließ alle in der Halle aufsehen und den Blick auf den Mann richten, der den Platz in der Mitte der Tafel innehatte. Jeder der Anwärter wusste, wer er war, doch keiner würde es wagen, seinen Blick, sollte er einen zufällig treffen, zu entgegnen oder gar ein Wort an ihn zu richten, denn schließlich lag es ganz in der Macht dieses Sith-Lords, über Wohl und Wehe eines jeden einzelnen Akolythen zu entscheiden. Und Darth Ferious, der Leiter der Akademie, war sich seiner Macht wohlbewusst. „Aufseher Harkun, ich möchte Euch in meinem Büro sprechen“, sprach er nach einem Moment des Schweigens, bevor er sich Violet flüchtig zuwandte: „Du, Akolythin, wartest hier, bis ich dich rufen lasse.“

Ihr blieb nichts anderes übrig, als dem reinblütigen Lord mit einer stummen Verbeugung zu antworten. Zumindest empfand sie ein gewisses Maß an Schadensfreude darüber, dass auch Harkun keine andere Wahl hatte, als der Anweisung seines Vorgesetzten mit einer Verbeugung nachzukommen. Wenn sie daran dachte, wie er sich den neuangekommenen Akolythen gegenüber aufgespielt hatte, wie er auf sadistische Weise seine Macht am Schwächsten der jeweiligen Gruppe demonstrierte, dann freute sie es ungemein, ihn nun selbst so demütig zu sehen. Mit einem verächtlichen Grinsen warf sie ihm sein Lichtschwert zu. Er konterte mit einem giftigen Blick, bevor er es wegsteckte und dem Obersten Aufseher mit beleidigter Miene folgte.

Die Stille hielt solange an, bis Darth Ferious und Harkun die hallengroße Cantina verlassen hatten. Nur langsam setzte das Geplauder der Anwärter und die leisen Unterhaltungen der Aufseher wieder ein; allerdings schienen sich die Gespräche um das gerade Vorgefallene zu drehen. Violet, die sich schließlich recht dumm vorkam, wie sie vor der Tafel der Aufseher stand, schritt die Estrade hinunter und nahm an einem der Tische Platz, direkt gegenüber einer jungen reinblütigen Sith-Frau, die Violet auf ein paar Jahre jünger als sich selbst schätzte. Noch während sie sich auf die Bank setzte, konnte sie die Machtaura dieser jungen Akolythin wie einen Mahlstrom spüren, der sie wirbelnd umgab. Es überrascht sie auch nicht, dass alle anderen Anwärter ihre Plätze neben ihr verließen, mit Ausnahme dieser jungen Frau, die keine Anstalten machte, das Feld zu räumen. Ihr Wille, sich zu behaupten, imponierte Violet nicht wenig. „Was gibt’s da zu schauen?“, fragte sie schließlich, als die junge Sith sie unverwandt anstarrte.

„Nichts. Nur ein weiterer toter Akolyth“, gab sie unbeeindruckt zurück.

„Das glaube ich nicht. Der Oberste Aufseher hätte mich längst niedergestreckt, wenn ihm meine Taten wirklich missfielen.“

„Hmm“, machte sie nur. Endlich wandte sie sich ab und wieder ihrem Pad zu, auf dem sie nebenher las. „Wolltest du ihn beeindrucken?“, fragte sie dann beiläufig.

„Wen? Den Obersten Aufseher?“

„Den Darth, der heute Morgen eingetroffen ist.“

Violet blinzelte verwirrt, bis ihr Turak Ax‘ Gerede wieder einfiel, dass er heute einem offenkundig bedeutsamen Sith-Lord als Schüler zugeteilt werden solle. Beziehungsweise sollte, dachte sie höhnisch. Auch jetzt, als ihr Körper vom Rausch des Tötens langsam herunterkam und ihr Verstand die Lenkung ihres Handelns wieder übernahm, empfand sie kein Bedauern und keine Reue über die beiden Morde. Sie wusste sehr gut, dass sie beide nicht hätte töten müssen. Aber die Wahrheit war, dass sie es gerne getan hatte. Es hatte sich gut angefühlt. Es fühlte sich noch immer, auch jetzt, als beider Blut auf ihrer Haut am Trocknen war, gut an. Violet tastete über ihr Gesicht und besah dann ihre Hände, die schon überall auf dem Tisch blutige Abdrücke hinterlassen hatten. Ein trockenes Schnauben, ein zynisches Schmunzeln entwich ihr dann, bevor sie sich über das Frühstück hermachte. Sie sah erst wieder auf, als jener dunkelhäutige, ernst dreinblickende Aufseher, der gestern in Harkuns Büro dabei gewesen war, an den Tisch kam und sich herabbeugte, um der jungen Sith-Frau etwas zuzuflüstern. Sie nickte daraufhin und schaltete ihr Pad aus. „Man sieht sich. Oder auch nicht“, sagte sie noch, bevor sie dem Aufseher folgte.

Violet quittierte ihre Worte mit einem gleichgültigen Schulterzucken und schaufelte weiter den Grießbrei in sich hinein. Er schmeckte wie an den meisten Tagen in Ermangelung von Gewürzen und Kompotten fade, aber wenigstens war heute genug übriggeblieben, im Gegensatz zu den Toasts und den Rühreiern. Langsam leerte sich die Halle, während die akademieeigenen Sklaven damit begannen, die Tische abzuräumen. „Der Oberste Aufseher lässt Euch rufen“, wurde ihr schließlich durch einen weiteren Sklaven mitgeteilt.

Sie nickte knapp und machte sich unverzüglich auf den Weg in das Obergeschoss der Akademie. Ihre Hand zitterte nun doch leicht, als sie den Lift rief, der ins dritte Stockwerk führte, dessen Betreten für sämtliche Akolythen strikt verboten war, da dort neben dem Büro des Akademieleiters auch die Räumlichkeiten des Dunklen Rats lagen. Wie sollte sie nun reagieren, wenn ihr eines dieser Mitglieder begegnete? Von ihren Unterweisungen wusste sie, wie man sich in Gegenwart von Dunklen Räten zu verhalten hatte: Niederknien, den Blick gesenkt halten und darauf warten, dass man entweder mit ihrer Aufmerksamkeit beehrt oder einfach nur ignoriert werden würde. Oben angekommen war sie gerade einmal aus dem Lift ausgestiegen, da ließ ein herrisches „Stehenbleiben!“ sie in Ort und Stelle innehalten. Der Befehl war von einem Mann in blutroter Rüstung gekommen, der anscheinend Wache gestanden war. „Akolythen haben hier keinen Zutritt. Du gehst also besser, Mädchen“, wies er sie knapp an.

„Darth Ferious ließ mich rufen“, antwortete sie rasch.

Der Gardist musterte sie daraufhin von Kopf bis Fuß, aber sagte nichts. Stattdessen gab er ihr den Wink, ihm zu folgen. Der Weg führte um einige Ecken und an mehrere Türen vorbei. „Mein Lord“, sprach er, als er schließlich an einer weiteren Tür geklopft und mit Violet eingetreten war. „Ihr wolltet diese Akolythin sprechen?“

„Das stimmt, Commander. Sie können gehen.“ Noch während der Gardist eine Verbeugung andeutete, sah sich Violet neugierig um. Der weitläufige Raum war nicht nur mit kostbaren Möbeln und schweren Teppichen ausgestattet, was einen frappierenden Kontrast zur Kargheit und reinen Funktionalität der üblichen Ausstattung der Akademie bildete, sondern beherbergte auch etliche Vitrinen, in denen Holocrone, Bücher und Schriftrollen sowie Kampfmasken und Lichtschwerter ruhten. Ihr Blick wanderte zu Darth Ferious, der hinter seinem Schreibtisch saß, und zu Harkun, der neben ihm stand und die übellaunigste Miene zog, die sie je bei ihm gesehen hatte. Eine dritte Person erregte kurz ihre Aufmerksamkeit. Ihnen den Rücken zugewandt, stand der Mann an der weiten Fensterfront und schien die weiten, zerklüfteten Ebenen Korribans zu betrachten. Bis auf seine Statur, die groß und breitschultrig war, konnte Violet kaum mehr von ihm erkennen, da der lange, schwarze Umhang seiner Rüstung und die Kapuze, die er übergezogen hatte, alles weitere verbarg. Ein Zucken durchfuhr ihre rechte Hand, ein unwillkürlicher Reflex, als wollte sie ein Lichtschwert aktivieren, während sich ihre Handflächen plötzlich schwitzig-feucht anfühlten. Ihre Betrachtung dieses Mannes endete abrupt, als Darth Ferious, der bis dahin ihr Holocron studiert hatte, aufsah. „Akolythin, dir wurde die Aufgabe erteilt, den ersten Kodex der Sith aus Ajunta Palls Grab zu bergen“, sprach er dann. „Ist das der erste Kodex der Sith?“ Er präsentierte ihr das Holocron, das er in der Hand hielt.

Die Frage überrumpelte Violet im ersten Moment. Bis jetzt hatte sie keinerlei Zweifel daran gehegt, dass das Holocron das zu findende Objekt gewesen war, nicht zuletzt deshalb, weil sich in Ajuntas Grabmal und unter den Trümmern seines zerborstenen Sarkophags kein anderer Gegenstand gefunden hatte. Aber als sie das Holocron betrachtete, fielen ihr wieder jene Wörter ein, die die Flächen zierten und in ihrer Bedeutung jeweils kontradiktorische Paare bildeten. „Wenn er es ist …“, antwortete sie zögerlich, „dann war der Kodex der Sith ursprünglich ein anderer.“

„Was erlaubst du dir, Sklavin? Das ist eine Frechheit. Nein, das ist Häresie“, schimpfte Harkun sofort los.

„Das ist nur Logik, nicht mehr“, gab sie zurück. „Auch wenn anscheinend nicht jeder dazu in der Lage ist …“ Sie versuchte, nicht zu breit zu grinsen, als Harkuns Gesicht zornesrot anlief. Als er um den Schreibtisch herumkam, die Hand schon auf den Griff seines Lichtschwerts gelegt, atmete sie tief durch und ergab sich der Dunkelheit in ihrem Inneren, die wie ein niedergebranntes Feuer vor sich dahinschwelte, stets bereit, durch Zorn, Hochmut oder Missgunst neu entfacht zu werden.

Als habe er die von ihr ausgehende Gefahr gespürt, blieb er einige Schritte vor ihr stehen und lieferte sich stattdessen ein stummes Blickduell mit ihr, das er letztlich verlor. „Es spielt keine Rolle, ob sie ihre Prüfungen mit dieser Aufgabe bestanden hat“, sagte er dann Darth Ferious zugewandt. „Mit der unerlaubten Tötung von Turak Ax und Mortos Kesh hat sie gegen die Regeln der Akademie verstoßen, und die Strafe für diesen Regelverstoß lautet der Tod.“

„Ihr könnt es ja versuchen. Und wieder Euer Lichtschwert verlieren …“ Wieder huschte ein Grinsen über ihre Miene. Sie gab sich nicht sonderlich Mühe, es zu unterdrücken.

„Schweig!“, brüllte Harkun sie an. Doch stattdessen prustete Violet los, als nun sein Gesicht die dunkelrote Farbe seines Haars angenommen hatte.

 „Es reicht.“ Im Gegensatz zu Harkun blieb Darth Ferious‘ Stimme so ruhig wie zuvor. Er machte gar einen desinteressierten Eindruck. „Ihr solltet wissen, dass die Regeln, die für die Akademie gelten, im Tal und in den Gräbern keine Gültigkeit haben“, sagte er dann dem Aufseher zugewandt. „Ich bin daher gewillt, sie nicht zu bestrafen.“

„Mein Lord!“ Sprachlos blickte Harkun einige Male zwischen seinem Vorgesetzten und Violet hin und her. „Das … das könnt Ihr nicht machen! Beide Akolythen waren Söhne altehrwürdiger Sith-Familien und gehörten zu unseren besten Anwärtern! Besonders Ax war ein exzellenter Duellant und wäre ein mehr als würdiger Schüler gewesen!“

„Wäre er das gewesen, hätte er sie ohne Schwierigkeiten ausgeschaltet“, mischte sich nun der fremde Lord ein, der ihnen noch immer den Rücken zugewandt hatte. „Stattdessen ist sie es, die siegreich aus dem Kampf zurückkehrte. Euer Akolyth kann daher nicht viel getaugt haben, Aufseher.“ Darth Ferious quittierte seine Worte mit einem sardonischen Schmunzeln, während Harkun einmal mehr einen Schmollmund zog, es aber nicht wagte, Widerspruch einzulegen. Violet, der sich mit seiner Bemerkung eine weitere Gelegenheit zum spöttischen Lachen geboten hätte, blieb stumm. Diese Stimme, diese tiefe, raue Stimme, der ein mechanischer Klang anhaftete … Ein Zittern überkam Violet, ihre Handflächen waren wie ihr Rücken feucht von Schweiß und ihr Herz schlug so wild, als wollte es ihren Brustkorb sprengen. Diese Stimme … Sie kannte sie. Irgendwoher kannte sie sie.

„Was sollen wir jetzt mit dir machen, Mädchen?“, fuhr Darth Ferious an sie gewandt fort. „Den Vermerken deiner Aufseher und Lehrer entnehme ich, dass du zu den zehn Prozent unserer besten Anwärter gehörst, obwohl du erst seit …“, er rief ihre Akte auf seinem Pad auf, „seit vier Monaten hier an der Akademie bist. Dennoch hat dich noch kein Aufseher als potentielle Schülerin vorgeschlagen … Fragst du dich nicht nach dem Grund?“

„Sie hassen mich … weil ich ein Niemand bin“, antwortete Violet nach kurzem Zögern.

Der Leiter der Akademie nickte langsam, zustimmend. „So ist es. Du hast deine Entlassung aus der Sklaverei nur deinen Machtfähigkeiten zu verdanken, die du von wem weiß wen geerbt hast. Ich persönlich glaube zwar, dass zumindest dein Erzeuger kein Sklave war, sondern eher ein Sith und vielleicht sogar ein Lord. Da er dich aber nicht anerkannt hat, kann ihm deine Sklavenmutter nicht viel bedeutet haben. Du bist also nicht mehr als ein weiterer illegitimer Abkömmling, der es seinem Erzeuger offenkundig nicht wert war, dessen Familiennamen zu tragen und eine angemessene Ausbildung zu erhalten. Es stimmt, Mädchen: Du bist – ein Niemand.“ Er machte eine Pause, um seine letzten Worte zu unterstreichen. „Nun gibt es aber auch Lords“, fuhr er mit einem Blick in Richtung des fremden Sith-Lords fort, „die der Abstammung ihrer Schüler keine große Bedeutung zumessen, solange sie die Leistung erbringen, die man für gewöhnlich von jungen Sith von Rang und Namen erwartet. Wenn ich recht weiß, dann gehört Ihr doch auch zu jenen mit einer … progressiveren Einstellung. Oder irre ich mich, Darth Malgus?“

Der Angesprochene drehte sich herum und zog seine Kapuze herunter. Den Anwesenden begegnete der durchdringende Blick aus tiefgelben, blutunterlaufenen Augen. „Das richtige Verständnis des Kodex ist das, das uns zu Sith macht oder nicht. Stammbäume, Ahnentafeln und dergleichen sind nur schmückendes Beiwerk“, erwiderte er schließlich.

„Ich hörte schon davon, dass Ihr in zentralen Fragen unseren Kodex und unsere Gesellschaft betreffend oftmals eine … abweichende Meinung vertretet, mein Lord“, konterte Darth Ferious, dessen Mundwinkel ein herablassendes Lächeln andeuteten. Auch Harkun, der die Arme missmutig verschränkt hatte, stieß ein verächtliches Schnauben aus.

Violet bekam von alledem nichts mit. Wie das Kaninchen im Angesicht der Schlange starrte sie mit schreckgeweiteten Augen jenen Dunklen Lord an, dessen Identität sie zu spät erkannt hatte. Das Zittern, das ihre Hände befallen hatte, breitete sich in Sekundenbruchteile über ihren ganzen Körper aus, synonym zu jener nackten, blinden Angst, die ihren Verstand wie einen Virus infizierte. Er. Er ist es. Was –? Er ist hier. Leibhaftig. Und er – Wie er mich ansieht … Ob –? Ja. Er weiß es. Er sieht mich an. Er muss es wissen. Ja. Er sieht mich direkt an. Er wird mich erkennen. Er wird mich erkennen und töten. Er wird mich töten. Schon wieder. Schon wieder. Schon wieder.

Die letzten Worte wiederholten sich wie ein Mantra in Violets Kopf, sodass sie Darth Ferious erst zu spät hörte, wie er fortfuhr: „Nun, ich lege ihr Schicksal in Eure Hände. Sie hat Euch immerhin um einen vielversprechenden Anwärter gebracht. Bestraft sie, wie Ihr es für angemessen erachtet. Oder Ihr könnt sie natürlich an Turak Ax‘ Stelle zu Eurer neuen Schülerin machen. Ich weiß, Ihr wolltet unbedingt einen Schüler“, er betonte bewusst die zweite Silbe. „Außerdem besitzt sie gerade einmal so viel, wie sie am Leibe trägt, und jeder weiß, dass es sehr schnell sehr teuer werden kann, wenn man einen Schüler erst einmal mit allem Notwendigen ausrüsten muss … Die Entscheidung liegt bei Euch, Malgus.“

Ein Moment verging, in dem sie glaubte, unter seinem Blick verbrennen zu müssen. „Ich bin geneigt, Letzterem den Vorzug zu geben“, antwortete er schließlich.

„Dann wäre ja alles geregelt.“ Darth Ferious klatschte zufrieden in die Hände, während Harkun demonstrativ empört dreinblickte. Doch das war nichts im Vergleich zu dem, das in Violet vorging. Das Bedürfnis, laut aufzuschreien, wuchs in ihrer Brust heran, bis sie nicht mehr atmen zu können glaubte. Doch kein Laut entwich ihren Lippen, als Harkun an ihr vorbeischritt, um das Büro zu verlassen, und sie dabei grob zur Seite stieß.

„Ich wünsche zuvor noch eine Unterredung mit meiner neuen Schülerin. Unter vier Augen.“

Letzteres schien dem Leiter der Akademie nicht recht zu gefallen, da es einem Rauswurf aus seinen eigenen Büro gleichkam, doch Malgus‘ Tonfall hatte einen befehlenden Klang, gegen den man besser keinen Widerspruch einlegte. „Ich wollte ohnehin einen Rundgang über die Trainingsanlagen vornehmen“, sagte er, um seine Autorität zumindest dem Schein nach zu wahren.

Stille senkte sich über beide, nachdem die Tür hinter Darth Ferious ins Schloss gefallen war. „Sieh‘ mich an.“ Mechanisch hob sie den Kopf und starrte ihn an. Er musterte sie von Kopf bis Fuß. Seine Miene, halb verborgen unter seiner Atemmaske, verriet nichts von dem, was er dachte. Oder ob er sie wiedererkannte. „Deine Taten zeugen von Zorn, von Leidenschaft, aber alles, was ich in dir spüre, ist Angst“, sprach er schließlich. „Was ist es, das dir so viel Angst macht?“

Violet bewegte ein paar Mal ihre Lippen, bevor sie eine Antwort zusammenbrachte. „Eure Stärke“, flüsterte sie dann.

„Demnach weißt du, wer ich bin?“

„Ja … Ihr seid Darth Malgus. Ihr habt Korriban zurückerobert und den Überfall auf den Jedi-Tempel angeführt, damals in der Schlacht von Coruscant. Ihr seid eine Legende.“

Er quittierte ihre Worte mit einem sardonischen Schnauben. „Und wer bist du?“

„Niemand … Ich bin nichts.“ Ihre Stimme versagte ihr gegen Ende des Satzes.

„Wenn du nichts bist, dann sollte ich dich besser gleich hier und jetzt von deiner erbärmlichen Existenz erlösen, nicht wahr?“ Eine herrische Geste ließ sie eine Sekunde später in der Luft hängen, als er mit der Macht ihre Kehle umschloss. Mit aufgerissenen Augen, die Pupillen vor Todesangst geweitet, verfolgte sie, wie er sein Lichtschwert zog und gegen ihren Brustkorb drückte. „Keine letzten Worte, mit denen du um Gnade flehen willst?“, hakte er nach, als sie selbst im Angesicht des Todes stumm blieb.

„Ihr gewährt keine Gnade“, gab sie atemlos zurück.

Er hob spöttisch-fragend die Augenbrauen. „Woher willst du das wissen?“ Seine Entgegnung irritierte sie nun so sehr, dass sie sogar ihren Blick von der Mündung seines Lichtschwerts löste und ihn ansah. Auch jetzt konnte sie nicht erraten, was ihm durch den Kopf ging. „Aber du hast Recht, Mädchen. Diejenigen, die um Gnade flehen, verdienen sie auch nur im seltensten Fall. Es ist nun einmal das Schicksal der Schwachen, dass sie ausgemerzt werden.“ Dann, ohne Vorwarnung, hob er seinen Machtgriff auf und ließ sie zu Boden sinken. Sie musste ein paarmal husten, bevor sie sich hochkämpfte. Er hatte währenddessen sein Lichtschwert wieder am Gürtel eingehakt. „Du hast dich bisher als stark erwiesen. Erweise dich weiterhin als stark und es wird eines Tages nichts mehr geben, das du noch fürchten musst.“ Noch während er sprach, tippte er einige Befehle in seinen Komlink am linken Handgelenk. „Wie heißt du überhaupt?“, fragte er dann.

„Viy“, murmelte sie, was nicht einmal eine Lüge war. Neben ihrer Jagdklinge war ihr Geburtsname das Einzige gewesen, das sie aus ihrem früheren Leben in die Sklaverei und an die Akademie mitgebracht hatte, wenngleich Trant und der SID es nicht guthießen. Nur die Begründung, dass sie ohnehin niemand außer Satele unter diesen Namen kenne, konnte den Direktor schließlich zur Zustimmung bewegen. Viy? Viy wie Vivian? Oder wie Violet?, hatte Satele damals gefragt, als sie sich zum ersten Mal auf Odessen begegnet waren. Und das kleine Mädchen, das sie zu dieser Zeit gewesen war und das sich für so viel klüger und reifer als die anderen hielt, hatte in ihrem kindischen Stolz ihren simplen, praktischen Namen gegen einen eingetauscht, der wesentlich erwachsener und glamouröser erschien. Und so war aus der kleinen Viy vom Spes-Clan der Padawan Violet Spes geworden. Doch heute, in dieser Stunde, war ihr die Einfachheit und Schlichtheit ihres Geburtsnamens mehr als willkommen.

„Nur Viy? Keinen Familiennamen?“, riss seine Stimme sie aus ihren Erinnerungen.

„Nur Viy.“

Er nickte knapp. Erneut betrachtete er sie von Kopf bis Fuß, musterte ihr blutverschmiertes Gesicht, bevor er ihr Kinn packte und ihren Kopf abrupt zur Seite drehte. Violet begriff nicht, was seine Aufmerksamkeit erregt haben könnte, bis das lederartige Material seines Handschuhs über die breite Narbe strich, die das Schockhalsband in ihrem Nacken hinterlassen hatte, das man ihr noch auf Tatooine entfernt hatte. Die Berührung ließ sie zusammenzucken, was ihm nicht entging. „Für gewöhnlich legen Sith ihren Geburtsnamen ab und nehmen einen neuen Namen an, sobald sie zum Sith geworden sind. Und du hast deine Prüfungen bestanden, wodurch deine Wandlung zum Sith vollzogen wurde.“ Wieder ergriff er ihr Kinn, um es diesmal anzuheben, damit sie nicht länger seinem Blick ausweichen konnte. „Aspera …“, sprach er schließlich. „Das wird ab heute dein Name sein. Er wird alles Raue und Bittere in dir widerspiegeln und deinen Feinden eine Warnung sein, sich nicht von deinem hübschen Gesichtchen blenden zu lassen.“ Sein Komlink piepste, als eine neue Nachricht einging. „Ich gebe dir eine halbe Stunde, deine Sachen zu packen. Komm‘ dann hinunter zur Shuttlezone. Dort wirst du einen Abfangjäger der Fury-Klasse vorfinden. Du kannst gehen“, setzte er nach, als sie nur stumm genickt hatte.  

„Ja … Meister.“ Ihre Stimme kam ihr monoton vor, als sie ihn mit jenem Titel ansprach, der doch Satele Shan gebührte, und ihre Bewegungen kamen ihr mechanisch wie die eines Droiden vor, als sie sich leicht verbeugte und anschließend den Raum verließ. Auch auf den ganzen Weg durch die Akademie bis hinunter in die Kellergewölbe, wo die Quartiere der Akolythen lagen, fühlte sie sich wie fremdgesteuert. Die Schockstarre fiel erst von ihr ab, als sie die Tür zum Schlafsaal hinter sich schloss, der jetzt während des Tages leer war. Den Rücken an die Tür gepresst, endlich eine Barriere zwischen sich und der Welt da draußen gebracht, zerbrach ihre Fassade. Laut aufschluchzend sank sie auf den Boden, wo sie mit angezogenen Beinen zusammengekauert liegenblieb. Sie war auf alles vorbereitet gewesen, darauf, die Prüfung zu bestehen und ihren Dienst als neuer Schüler irgendeines Lords anzutreten, oder wider Erwarten doch für ihren unerlaubten Doppelmord selbst sterben zu müssen. Aber sie war nicht darauf vorbereitet, ihrem eigenen Mörder von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.

Sie war sich nicht sicher, wie lange sie auf dem kalten Steinboden gelegen hatte – letztendlich konnten es nicht mehr als ein paar Minuten gewesen sein. Als Violet sich hochkämpfte, schien ihr Schädel vor Schmerz förmlich zu explodieren und eine heftige Welle der Übelkeit übermannte sie. Sie schaffte es gerade noch in den Waschraum, wo sie sich in eines der Waschbecken erbrach. Ihr Magen gab nicht eher Ruhe, bis sie das gesamte Frühstück wieder hochgewürgt hatte. Erschöpft verharrte sie noch einige Momente in der nach vornüber gebeugten Haltung, dann drehte sie den Wasserhahn auf und spülte ihren Mund aus. Als sie dann aufsah und ihr Abbild im Spiegel betrachtete, schien ihr diese Person so fremd wie nie zuvor zu sein. Was es wirklich das, was aus ihr geworden ist? Dieses grausame, brutale Wesen, das vor Blut und Dreck nur so starrte und dessen Augen– Violet hielt in ihrer Betrachtung abrupt inne und beugte sich näher heran. Vorsichtig zog sie ihre Augenlider weiter auseinander, blinzelte ein paar Mal und rieb sich letztlich energisch die Augen, bevor sie wieder einen Blick riskierte. Doch die Farbe ihrer Iriden blieb nach wie vor glühend-gelb. Obwohl die Zeit drängte, konnte Violet den Blick von ihrem Spiegelbild nicht abwenden. Langsam, ungläubig betastete sie ihr Gesicht, ihr Gesicht, das endgültig nichts mehr mit dem jenes Mädchens gemein hatte, das sie einmal gewesen war, und ebenso langsam begriff sie, warum er sie nicht augenblicklich wiedererkannt hatte. Sie war nicht mehr der siebzehnjährige Padawan mit den noch kindlich runden Zügen, den großen blauen Augen und den kurzen, lila gefärbten und zu einem frechen Bob geschnittenen Haaren; sie war nun eine erwachsene Frau von siebenundzwanzig Jahren, deren Gesichtszügen ein harter und bitterer Ausdruck innewohnte, der von der gelben Farbe ihrer Augen noch unterstrichen wurde. Ja, sie war in der Tat nicht mehr das Mädchen von einst. Was immer noch von ihm in ihr übrig gewesen, es war nun dort unten in Ajunta Palls Grab gestorben.

Sie hatte keine weitere Kleidung, die sie einpacken müsste, so gönnte sie sich noch einige Minuten der Stille, in denen sie bewusst ein- und ausatmete, um sich zu beruhigen. Ihr Leben hing schließlich davon ab, dass sie ihre neue Rolle als seine Schülerin nun so überzeugend wie nur möglich spielen würde. Sie hatte schon zuvor ihre Angst nicht unterdrücken können und es würde ihn gewiss misstrauisch machen, wenn sie sich weiterhin derart aufgelöst verhielt. Aber wie er mich angesehen hat , schoss es ihr erneut durch den Kopf. Wenn er mich nun doch– Abrupt wandte sie sich ab. Ihre Hände begannen wieder wie bei einem Spice-Abhängigen zu zittern, doch dann verpasste sie sich selbst eine saftige Ohrfeige. „Reiß‘ dich zusammen, verdammt nochmal“, zischte sie. Als das hysterische Schluchzen wieder aus ihrer Kehle aufzusteigen drohte, schlug sie sich erneut auf die Wange. Einige Ohrfeigen später war der brennende Schmerz, der ihr Gesicht überzog, so intensiv geworden, dass ihr das Weinen verging und eine dumpfe, betäubende Wut an Stelle ihrer Todesangst getreten war. Sie atmete ein letztes Mal tief durch und wischte sich die tropfende Nase am Ärmel ab. Dann verließ sie den Raum.

Chapter Text

 

Neugierige Blicke und leises Getuschel verfolgten sie auf den ganzen Weg durch die Akademie; Akolythen steckten die Köpfe zusammen und zeigten teils ungeniert auf sie, und selbst die Aufseher und Ausbilder, die ihr entgegenkamen, musterte sie auf eine Art und Weise, die anders als zuvor war. Die latente Herablassung war nicht selten einer widerwilligen Anerkennung gewichen und der eine oder andere, darunter Aufseher Rance, der das Kampftraining geleitet, und Lord Cestus, der sie in der Geschichte und Kultur der Sith unterwiesen hatte, nickten ihr gar flüchtig zu. Gestern hätte sie diese Anerkennung noch mit einer gewissen Befriedigung entgegengenommen. Jetzt hatte sie aber anderen Sorgen. Genauer gesagt hatte sie nur eine einzige Sorge, und die wartete unten am Shuttleplatz. Ein Teil von ihr konnte noch immer nicht glauben, dass die gerade eben erfolgte Begegnung real war. Darth Malgus … So viele Jahre, die sie in Furcht allein vor diesen Namen gelebt hatte, und so viele Nächte, in denen sie sich schlaflos auf ihrem Lager hin- und hergewälzt hatte und dabei an nichts anderes als dem erbarmungslosen Ausdruck in seinen Augen denken konnte, als er sie mit seinem Lichtschwert durchbohrte. Es kam ihr nun wie ein grausamer Streich des Schicksals oder der Macht selbst vor, ihm als Schülerin zugeteilt zu werden.

Als sie aus dem großen Portal der Akademie schritt, blendete sie das rötliche Licht des Sterns Horuset, der Sonne Korribans, die zu dieser frühen Morgenstunde noch tief am Himmel stand. Sie ließ den Blick ein letztes Mal über das weite Tal schweifen, das sie aller Voraussicht nach wohl viel früher vermissen würde als sie jemals angenommen hatte. Dann, obwohl sich alles in ihr dagegen sträubte, machte sie sich auf den Weg zum Landeplatz, den die Fähren von der hiesigen Orbitalstation und die privaten Schiffe der Sith-Lords für gewöhnlich ansteuerten. Dort angekommen stach ihr sofort ein Schiff ins Auge, das sich sowohl vom Design als auch von der Größe von den kleinen Fähren unterschied.

„Hey, Sith’ika“, erklang eine männliche Stimme, und zwar über ihr. Keine Sekunde erklang ein Zischen und ein schimmernder Schemen rauschte an ihr vorbei. „Ah ah ah“, machte die hochgewachsene, martialisch aussehende Gestalt, die von Kopf bis Fuß in einer silberfarbenen Rüstung steckte, als Violet schon nach ihrer Kriegsklinge gegriffen hatte. Sein Gesicht war unter einem Helm verborgen, dessen Visier das typische T-förmige Design der Mandalorianer aufwies, und nicht zuletzt hatte er zwei Blasterpistolen gezückt, deren Mündungen direkt auf ihre Brust zielten. „Ganz schön langsam für einen Sith“, sprach er dann. „Dabei brauche ich nicht mal die Macht.“ Seine Stimme hatte jenen süffisanten Unterton, der auf ein selbstgefälliges Grinsen hindeutete.

„Und ich brauche keine Waffe“, zischte Violet. Sie streckte beide Hände aus und ließ ihren Fingerspitzen ein Sturm an Machtblitzen entströmen. Doch anstatt zu versuchen, sich mit Hilfe seines Jetpacks außer Reichweite zu bringen, zückte der Mandalorianer ein Heft, aus dem summend eine tiefschwarze Klinge entsprang, mit der er die Blitze zurück auf sie reflektierte. Violet war davon so überrascht, dass ihr nichts anderes übrigblieb, als diese mit Tutaminis abzuwehren, der ersten Machtfähigkeit, die sie einst von Satele gelernt hatte. „Nicht schlecht“, kommentierte der Mann, als er die Klinge wieder deaktivierte und wegsteckte. „Du musst die Kleine von Lord Malgus sein.“

„Kleine?“, gab sie zurück, empört über seine respektlose Art, während der Mandalorianer sie von oben bis unten musterte.

„Na, dir die Hände schmutzig zu machen scheint schon einmal kein Problem für dich zu sein, was?“, sagte er stattdessen mit einem Nicken in Richtung ihrer verdreckten, blutverschmierten Kleidung.

„Fall‘ doch in eine Sarlacc-Grube, du Blödmann.“

Ihre bissige Erwiderung ließ ihn nur laut auflachen, bevor er den Helm abnahm. Das Gesicht eines Mannes, der ungefähr ihr Alter haben musste, blickte ihr entgegen, das aufgrund seines kantigen Kinns, des militärisch kurzen Haarschnitts und nicht zuletzt der Narbe, die sich schräg über seine linke Wange dahinzog, einen markanten Eindruck machte. „Kandosii. Du gefällst mir“, meinte er dann, bevor er ihr die Hand hinhielt. „Lex Vizla“, stellte er sich vor.

„Vi- Aspera“, antwortete sie. „Was für ein Ding ist das? Ein Lichtschwert?“, hakte sie mit einem Wink in Richtung des Hefts nach.

Er nickte, während er es erneut zückte und aktivierte. Violet konnte nicht anders, als die tiefschwarze Klinge, die einer normalen Lichtschwertklinge so ähnlich oder doch so fremd sah, neugierig zu betrachten. „Ein Erbstück meines Clans“, erklärte er währenddessen. „Ein Vorfahre, noch vor den Mandalorianischen Kriegen, hatte einst den Jedi angehört, die nach seinem Tod die Frechheit besaßen, seine Waffe mit seinem Leichnam einzubehalten, anstatt sie unserem Clan zurückzugeben, damit er auf Mandalore seine Ruhestätte gefunden hätte. Aber letzten Endes haben wir uns zurückgeholt, was uns rechtmäßig gehört.“ Er bedachte die Klinge mit einem kurzen, nachdenklichen Blick, bevor er sie wegsteckte. „Lord Malgus wartet schon, also komm‘.“

Zögerlich folgte Violet ihm die Rampe zum Shuttleeingang hinauf. Als sie um die Ecke des Eingangsbereich bogen, bohrte sich das bläuliche Licht der Holoprojektion, das in der düsteren Umgebung von dunklen Stahlwänden und einer schwachen rötlichen Beleuchtung strahlend hell war, schmerzhaft in ihre Augen, sodass sie ein paar Mal blinzeln musste, bis sie die Person wahrnehmen konnte. Es war ein älterer Mann, bestimmt schon jenseits der Sechzig, in schlichter, aber eleganter schwarzer Kleidung, der Malgus aufmerksam zuhörte, während dieser ihm Instruktionen erteilte. „Der Flug dürfte kaum mehr als zwei Stunden dauern. Es sollte daher reichen, wenn Sie um 1130 am Raumhafen sind.“

„Jawohl, mein Lord“, erwiderte der unbekannte Mann mit einer leichten Verbeugung. „Berit ließ bereits fragen, ob Ihr diesmal länger zu bleiben beabsichtigt und ob Gäste zu erwarten sind. Ihr wisst doch, sie ist gerne auf alle Eventualitäten vorbereitet.“

„Bis jetzt ist es nur meine neue Schülerin, die mich begleiten wird.“ Ein leichtes Drehen seines Kopfes in ihre Richtung verriet, dass er sie schon bemerkt hatte.

„Natürlich. Wir freuen uns bereits auf Eure Ankunft.“

Der Dunkle Lord nickte leicht, woraufhin sich der Mann ein weiteres Mal verbeugte und das Hologespräch beendete. „Bereit?“, fragte er sie dann.

„Ja“, antwortete sie nicht minder knapp, auch wenn ihr Innerstes noch immer schrie und sich dagegen wehrte, nun ausgerechnet ihm Gefolgschaft leisten zu müssen.

„Ist das alles, was du besitzt?“, fuhr er mit einem Wink auf den kleinen Stoffbeutel fort, den sie über die Schultern trug.

„Ja“, murmelte sie erneut. Obwohl es für die Glaubhaftigkeit ihrer Rolle als ehemalige Sklavin unerlässlich war, so empfand sie doch einmal mehr Scham darüber, als armer Bittsteller angesehen zu werden.

Ein leises Summen, gefolgt von einem konzentrierten Strahl rötlichen Lichts, ließ sie nach rechts blicken, wo ein imperialer Schiffsdroide gerade dabei war, sie zu scannen. „Herr, mein Medi-Scan hat bei der jungen Frau neben etlichen Schnitt- und Schürfwunden sowie Hämatomen eine Kopfverletzung registriert, die behandelt werden sollte“, teilte er schließlich mit.

„Dann kümmere dich darum. Komm‘ ins Cockpit, wenn du verarztet bist.“

Gehorsam nickte sie und wartete, bis er an ihr vorbeigeschritten war. Seine leibhafte Anwesenheit und vor allem die Tatsache, wie gänzlich unbehelligt sie sich in seiner Gegenwart bewegen könnte, kam ihr noch immer so unreal vor wie die düsteren Träume, die sie einst als Kind gehabt hatte, bevor sie lernte, ihre Machtfähigkeiten zu kontrollieren.

Ein plötzlicher Schlag auf den Hintern ließ sie aufschrecken. „Falls du eine helfende Hand brauchst, beim Ausziehen des Oberteils oder so, dann musst du nur rufen“, meinte der Mandalorianer mit einem frechen Grinsen.

Violet war so perplex, dass ihr erst eine Antwort einfiel, als er schon längst ins Cockpit verschwunden war, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als dem Droiden in eine kleine Kabine zu folgen, die als Notfall-Medistation samt Koltotank ausgestattet war. „Bitte, nehmt Platz, Herrin“, sprach er, bevor er sich daran machte, Desinfektionsmittel und Kompressen bereitzulegen. „Die Platzwunde und der Schnitt in Eurer Hand müssen genäht werden. Wünscht Ihr eine Betäubung, bevor ich mit der Desinfektion beginne?“

„Warum nicht?“, erwiderte sie achselzuckend. Eine große Müdigkeit überkam sie binnen weniger Sekunden, als sie auf dem Untersuchungstisch lag und der Droide überraschend behutsam die blutverkrustete Platzwunde knapp hinter ihrem Haaransatz reinigte. Nur mit Mühe schaffte sie es, nicht der Versuchung nachzugeben, die Augen zu schließen und einfach einzuschlafen. „Du siehst gar nicht aus wie ein Medi-Droide“, murmelte sie dann.

„Oh, technisch betrachtet verfüge ich nur über eine Standardprogrammierung zur Behandlung kleinerer Verletzungen. Mein Hauptaufgabengebiet liegt in der Wartung des Schiffes und der Sorge um das Wohlergehen der Besatzung“, antwortete er. „Ich bin übrigens 2V-B4, doch selbstverständlich könnt Ihr mich nennen, wie Ihr wünscht. Ihr dürft außerdem versichert sein, dass ich meine Pflichten stets mit voller Prozessorleistung zu erfüllen trachte. Solltet Ihr nach der Behandlung einen weiteren Wunsch hegen, dann zögert bitte nicht, ihn mir mitzuteilen. Wenn Ihr hungrig seid, kann ich Euch bei der maximalen Kombinationsvariation der verfügbaren Zutaten acht verschiedene Snacks sowie Tee oder Kaffa zubereiten. Oder falls Ihr eine Verspannung verspürt, kann ich Euch –“

„Ganz ruhig, Droide“, unterbrach sie sein nervöses Gebrabbel. „Nicht dass deine Schaltkreise überhitzen.“

„Oh ja, ähm … Ich versuche nur, mein System auf alle möglichen Flugmanöver vorzubereiten, für die Commander Vizla berüchtigt- ähm, wohlbekannt ist, meine ich.“

Als wäre seine Worte ein Omen gewesen, gab es in diesem Moment einen heftigen Ruck, der sie wissen ließ, dass sie gerade in den Hyperraum gesprungen waren. Wohin auch immer sie unterwegs waren, Korriban lag nun endgültig hinter ihr. Das Bewusstsein darüber ließ sie beinahe wehmütig werden. So sehr sie die Kälte dieses Planeten und seinen körnigen Staub, der die unangenehme Eigenschaft besaß, sich in Kleidern und Haaren abzusetzen, verflucht hatte, und so sehr ihr die Mehrzahl der Aufseher und der Akolythen zuwider gewesen waren, so kam ihr der Aufenthalt auf Korriban im Rückblick nun als Ruhepunkt vor, als ein Ort mit einfachen Regeln und einem festen Rhythmus nach all den Jahren auf Nar Shaddaa, wo der einzige sie bestimmende Vorsatz die Suche nach dem nächsten Ziel auf ihrer Mordliste gewesen war. Unweigerlich kam in ihr die Frage hoch, wie es nun weitergehen sollte, weitergehen würde. Natürlich, ein Schüler hatte seinem Meister zu folgen und ihm zu dienen, das wusste sie aus den zahllosen Ermahnungen und Belehrungen der Aufseher. Allerdings sagte es nichts darüber aus, was sie nun als Schülerin von Darth Malgus erwarten würde. Und die Unsicherheit darüber lastete auf ihr wie einst die Trümmer des Jedi-Tempel.

Sie wartete ab, bis der Droide ihre Platzwunde am Kopf und die Schürfwunden und nicht zuletzt den tiefen Schnitt in ihrer linken Handfläche versorgt hatte. Auf die Frage, ob er auch ihr Gesicht, das mit Blut und Dreck bedeckt war, reinigen solle, nickte sie nur knapp, auch wenn sie sich danach kaum sauberer fühlte. Danach blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf den Weg ins Cockpit zu machen. „Doch keine helfende Hand gebraucht, Sith’ika?“, wurde sie sogleich vom Mandalorianer empfangen. Da seine Navigationsfähigkeiten augenblicklich nicht benötigt wurden, hatte er seinen Sitz ein Stück nach hinten gerückt und die Beine lässig übereinandergeschlagen.

Auf sein dreistes Grinsen antwortete sie ihm mit einem stumm erhobenen Mittelfinger. Wie zuvor schien ihn ihre bissige Erwiderung eher zu amüsieren als zu ärgern. Sein unbekümmertes Lachen bewirkte schließlich, dass Malgus von seinem Pad aufsah. Als sein Blick sie traf, blinzelte sie nervös und schlug schnell die Augen nieder. „Geben Sie Acht, wen Sie ärgern, Vizla“, sprach der Dunkle Lord dann. „Sie hat erst heute Morgen zwei Akolythen über die Klinge springen lassen, im wortwörtlichen Sinn.“

„Schon möglich, aber was sind schon Akolythen gegen einen echten mandalorianischen Krieger?“, gab Vizla mit einem Selbstbewusstsein zurück, um das Violet ihn aufrichtig beneidete. „Wer von uns Mando’ade anerkannt werden will, muss sich diese Anerkennung erst verdienen.“ Damit sah er sie herausfordernd an.

Unsicher, welches Maß an Freiheit sie sich in Gegenwart ihres neuen Meisters erlauben konnte, konterte sie dann: „Welchen Wert kann schon die Anerkennung eines Volkes haben, das sich als Söldner und Kopfgeldjäger verdingt?“

„Vorsichtig, Sith’ika. Was für andere mandalorianische Clans gilt, gilt nicht für den Clan Vizla. Wir sind freie Männer und Frauen und kämpfen ausschließlich für die Ehre.“

„Und dennoch verbeugt ihr euch vor den Sith und nehmt ihre Credits …“ Violet hob spöttisch-kühl die Augenbrauen. Dass dem Mandalorianer darauf erst nichts einfiel und er sie nur mit grimmiger Miene und verschränkten Armen anfunkelte, war ihr eine Befriedigung.

Ihr leises Lächeln verblasste aber, als er grob antwortete: „Na, bei dir wird es nicht nur beim Verbeugen geblieben sein, oder? Schließlich kann sich jeder denken, wofür man sich so ‘ne hübsche Sklavin hält.“

Dabei führte er eine eindeutige und überaus obszöne Geste aus, die Violet sprachlos machte. Mit zu Fäusten geballten Händen und vor Scham über seine Bemerkung geröteten Wangen funkelte sie feindselig an, doch so schnell ihre Wut entflammt war, so augenblicklich verpuffte sie und hinterließ das vertraute Gefühl der Beklemmung in ihrer Brust, als Malgus‘ raue Stimme erklang. „Sie haben den Sith Respekt zu erweisen, und meine Schülerin ist keine Ausnahme. Andernfalls werde ich ihr doch noch gestattet, Sie in die Schranken zu verweisen“, wies er den Mandalorianer scharf zurecht. „Und du“, fuhr er an Violet gerichtet fort, die unter seinem bohrenden Blick von der zornentbrannten Amazone zu einem schüchternen Mädchen zusammenschrumpfte, „steh‘ gefälligst aufrecht und stolz da, wie es sich für einen Sith geziemt. Wenn du dich weiterhin wie eine Sklavin verhältst, brauchst du dich nicht wundern, dass dich jeder wie eine behandelt.“

Er signalisierte ihr dann ungeduldig, dass sie sich setzen möge. Obwohl Violet den Sitz am liebsten zur Seite in Richtung der Navigationskonsole gedreht hätte, um alles, nur nicht ihn ansehen zu müssen, hielt sie diesmal tapfer seinem Blick stand. Ihr war gar, als versuche er, ihre Machtpräsenz zu durchdringen, um ihre innersten, tiefsten Gefühle und Gedanken erkunden zu können. „Wohin fliegen wir … Meister?“, fragte sie dann, um die beklemmende Stille zu brechen.

„Dromund Kaas.“

Sie nickte stumm, doch eine Erklärung zum Sinn und Zweck der Reise blieb aus. Als er sie dann aus dem Fokus seiner giftig gelben Augen entließ und seine Aufmerksamkeit wieder auf das Pad in seinen Händen richtete, atmete sie langsam und tief durch. Je länger sie nun da saß und in den blau-weißen Strudel des Hyperraums starrte, desto stärker brannten ihre Lider. Wieder überkam sie eine große Erschöpfung und die Versuchung, einfach die Augen zu schließen und der Müdigkeit nachzugeben, wurde übergroß. Ihr Kampf dagegen blieb nicht unbemerkt, als Malgus ihr einen flüchtigen Blick zuwarf, bevor er mit dem Studium ihrer Akte fortfuhr, die voller scheinbarer Widersprüche war. Neben der widerwilligen Anerkennung ihrer Fähigkeiten im Kampf und in der Verwendung der Macht befand sich dort ein langer Eintrag über ihre Person, der vor boshaften Spitzen nur so strotzte und deutlich die Handschrift jenes missgünstigen Schwächlings trug, der ihr Aufseher gewesen war. Nach einer langatmigen Auslassung darüber, wie wenig sie sich als Person nicht-imperialer Herkunft als Sith-Schülerin eigne, wurden ihr im Folgenden alle möglichen negativen Charaktereigenschaften attestiert, deren Ursachen laut dem Verfasser in ihrer Sklavenherkunft bestünden. So sei sie durchwegs antisozial, was sich in der Tatsache äußere, dass sie während all der Monate an der Akademie mit keinen anderen Akolythen verbündet hatte. Ferner sei sie heimtückisch mit einem Hang zur unterschwelligen Aufsässigkeit und habe sich bei bestimmten Gelegenheiten als äußerst halsstarrig erwiesen, insbesondere dann, wenn es um die Grundfesten des Sith-Kodex gehe. Und überhaupt habe sie zu jeder Zeit mit ihrem reservierten Verhalten eine unweigerliche Sklavenmentalität an den Tag gelegt. Damit endete die Zusammenfassung, die Malgus nur mit einem verächtlichen Schnauben würdigte. Es war schließlich deutlich, dass die Bewertung weniger über sie als über die Gesinnung des Aufsehers aussagte, die so reaktionär wie die der meisten Lehrmeister an der Akademie war.

Er deaktivierte das Pad, doch sah noch nicht auf. Stattdessen vertiefte er sich in die Macht, durch deren Verbindung er nach ihrer Aura tastete. Im Augenblick erschien sie ruhig, träge und schläfrig. Als er aber weiter vorstieß, nach einer Schwachstelle in ihrer Präsenz suchend, die ihm gestatten würde, in ihre Gedanken- und Gefühlswelt vorzustoßen, entwich sie ihm plötzlich und zog sich in sie zurück, gleichsam einem Stern, der anstatt seine Energie in Form von Licht abzustrahlen, diese in seinem Kern zurückhielt. Und wie bei einem dieser massereichen, hochenergetischen Sternen vibrierte auch sie förmlich vor Energie, die, sollte sie sich abrupt und unkontrolliert entfalten, dasselbe zerstörerische Potential einer Supernova haben würde. Ihre misstrauische Reaktion, sich ihm zu entziehen, belustigte ihn allerdings. „Du traust mir nicht“, sprach er dann.

Ihr ruhiger Gesichtsausdruck, der jede normale Person hätte annehmen lassen, dass sie schliefe, veränderte sich nur unmerklich, als sie die Augen öffnete, die doch ihrer offensichtlichen Müdigkeit zum Trotz einen aufmerksamen Eindruck machten. „Es gibt kein Vertrauen unter den Sith“, erwiderte sie leise und emotionslos.

„Wie wahr …“, gab er nicht minder gesetzt zurück. Seine Antwort, die man als Bestätigung ihrer Aussage interpretieren konnte, lösten keine Reaktion bei ihr aus. „Aber ich erwarte auch nicht, dass du mir vertraust“, fuhr er schließlich fort. „Ich erwarte nur deinen Gehorsam und deine Loyalität, und im Gegenzug wirst du meine rechte Hand sein und mit meiner Autorität sprechen und handeln.“ Wieder nickte sie auf jene Art, wie sie es schon zuvor getan hatte, auf diese bestimmte Art, die nur eine oberflächliche Bestätigung war und dahinter Widerwillen, Arroganz oder Launenhaftigkeit – oder alles zusammen – verbarg. „Als Darth Ferious mich über das unerwartete Ableben meines zukünftigen Schülers unterrichtete“, sprach er weiter, „ließ er im selben Atemzug rund ein halbes Dutzend anderer Akolythen rufen, um sie von mir begutachten zu lassen. Sie alle konnten sich mit einer ruhmreichen Abstammung schmücken und wären für das Privileg, als mein Schüler angenommen zu werden, nur allzu bereitwillig vor mir niedergekniet. Ich aber wollte jene Akolythin, der sich aus der Sklaverei bis an die Spitze der Akademie gekämpft hat. Ich wollte dich zur Schülerin haben.“ Auch hierauf blieb sie stumm und erwiderte seinen Blick mit einem Gesichtsausdruck, der einer glatten Oberfläche bar jeder Gefühlsregung gleichkam. Ihr Widerstand dagegen, mehr als unbedingt nötig von sich und von dem, was ihr durch den Kopf ging, preiszugeben, hatte sein Interesse geweckt, wenngleich Darth Malgus gewöhnlich nicht dafür bekannt war, einen Sinn für Ränke und Geheimniskrämereien zu haben, die unter den anderen Sith üblich waren. Der Versuche, sie aus der Reserve zu locken, überdrüssig, fragte er gradlinig und ohne Umschweife: „Kümmert es dich gar nicht, wen du zum Meister bekommen hast? Du wusstest immerhin, wer ich bin, und damit sollte dir klar sein, welches Privileg es ist, von mir ausgebildet zu werden.“

Eine so direkte Frage konnte auch sie nicht länger ausweichen. „Wenn Ihr wünscht, dass ich vor Euch katzbuckle, dann kann ich auch niederknien und ein Loblied auf Eure Ruhmestaten anstimmen. Ihr müsst es nur befehlen“, setzte sie in einem so frechen Tonfall nach, dass sie, kaum hatte sie ausgesprochen, über sich selbst erschrocken schien.

Dieser Schreck steigerte sich in echte Furcht und schließlich zu jener blinden, kopflosen Angst, mit der sie ihn im Büro des Akademieleitern angestarrt hatte, als Malgus sich aus seinem Sitz erhob. Es war offensichtlich, dass sie jeden Moment eine wütende Faust um ihren Hals oder den elektrischen Schlag eines Machtblitzes erwartete. Sklavenmentalität hatte ihr Aufseher ihr attestiert, und vielleicht war er damit doch nicht ganz falsch gelegen. Zumindest hatte sie so viel Stolz, nicht um Nachsicht zu betteln. Das hatte ihm schon zuvor imponiert, was aber nicht hieß, dass er ihr mit Langmut begegnen würde. Doch dann, als er von oben auf sie herabblickte, zog die blaue Tätowierung auf ihrem linken Handrücken seine Aufmerksamkeit auf sich. Die waagrechte Linie, über der sich ein Halbkreis entspann, gemahnte an die auf- oder untergehende Sonnenscheibe am Horizont, und der stilisierte, achtzackige Stern darüber verwies auf ein entsprechendes Pendant am realen Himmel. Ein unwillkürliches Zucken durchfuhr Malgus‘ Hand, der instinktive Drang danach, den Griff seines Lichtschwertes zu umschließen. Ihm war, als habe er diese Tätowierung schon einmal gesehen. Er wusste nicht mehr, wo oder wann er es gesehen hatte, aber dass ihm dieses Motiv heute nicht zum ersten Mal begegnete, dessen war er sich innerhalb einiger Sekunden sicher.

Noch weniger Zeit brauchte Violet, um zu begreifen, was ihn so vollkommen abgelenkt hatte. Eine Woge der Übelkeit überkam sie, das somatische Symptom ihrer überreizten Nerven, als es in ihr schrie, dass nun alles verloren war. Wenn er sie jetzt nicht erkannt hatte, wann dann? War es nicht das gewesen, mit dem er sie damals im Tempel verspottet hatte, ihren aufsässig lila Haaren und dem auffälligen Tattoo, mit denen sie so viel mehr einer rasenden Amazone als einem gefassten Jedi-Schülerin geglichen hatte? Doch dann warf er ihr nur einen durchdringenden Blick zu. „Achte auf deinen Ton, Schülerin“, wies er sie zurecht, während er wieder Platz nahm.

„Ja, Meister“, flüsterte sie dumpf. Seine harte, emotionslose Miene gab keinen Aufschluss darüber, ob nun ein Wiedererkennen stattgefunden hat oder nicht. Wenn nicht, dann hatte sie einmal mehr Glück als Verstand gehabt. Wenn doch, dann konnte es nur heißen, dass er vorhatte, ein sadistisches Spiel mit ihr zu spielen. Der Gedanke daran ließ sie bis in ihr Innerstes frösteln.

Chapter Text

Die kommende Stunde verbrachte Violet damit, mit gesenktem Blick vor sich hinzustarren und ihre Gedanken ohne Ziel schweifen zu lassen. „Austritt aus dem Hyperraum in 3 – 2 – 1“, sprach der Mandalorianer dann, was sie aufsehen ließ. Ein Ruck ging durch das Schiff, dann verblasste der weiß-blaue Strudel des Hyperraums abrupt und enthüllte einen blaugrünen Planeten. Violet blinzelte, doch ein zweiter, genauerer Blick zeigte, dass die kleinen Lichtblitze keine Erschöpfungsreaktion ihrer Augen waren, sondern dass auf dem ganzen Planeten offenbar heftige Gewitter tobten. „Anschnallen, Kleines. Mein Sith-Lord, meinte ich natürlich“, setzte er an sie gerichtet nach. Sein spöttisches Grinsen quittierte sie mit einer Grimasse. Als das Schiff aber dann ohne Vorwarnung absackte, schrie sie vor Schreck auf und klammerte sich an die Armlehnen ihres Sitzes.

„Sie müssen niemanden etwas beweisen, Vizla“, erklang Malgus‘ Stimme hinter ihr. Ob der Mandalorianer ihn nicht gehört hatte oder sich entschloss, seine Worte zu ignorieren, wusste sie nicht. Tatsache war aber, dass der Abfangjäger sich dem Planeten im atemberaubenden Sturzflug näherte, dessen Oberfläche mit jeder Sekunde erkennbarer wurde. Gerade, als Violet schon glaubte, das Schiff würde in den Lotsenturm des weitläufigen Raumhafens krachen, riss der Mandalorianer das Steuer herum, zog eine enge Schlaufe, raste in halsbrecherischen Zackzackbewegungen zwischen startenden und landenden Schiffen und Fährten hindurch und schlug zu guter Letzt noch einen Looping, um senkrecht vom Himmel kommend in einen Hangar einzufliegen. Als der Abfangjäger schließlich so sanft wie eine zivile Fähre aufsetzte, war ihr Shirt am Rücken durchgeschwitzt und sie selbst einem Nervenzusammenbruch nahe. Nur mit Mühe brachte sie ihre zitternden Hände wieder unter Kontrolle, um sich abzuschnallen, und auch ihre Beine fühlten sich wie aus Gummi an, als sie sich aus dem Sitz hochkämpfte. „Benötigt Ihr Hilfe, mein Sith-Lord?“, fragte Vizla frech grinsend von seinem Platz aus, wo er das Herunterfahren der Triebwerke und der Systeme einleitete.

„Kannst mir mal ‘nen Schuh aufblasen, du Arsch“, flüsterte sie tonlos, während sie ihrem Meister nach draußen folgte.

In einiger Entfernung zum Landeplatz hatte ein hochgewachsener Mann gewartet, der sich ihnen nun näherte. Violet erkannte ihn schnell als denjenigen wieder, mit dem Malgus vor dem Abflug über den Holokommunikator gesprochen hatte. Er war allerdings wesentlich älter, als sein holographisches Abbild vermuten ließ, denn das bläuliche Licht hatte sein Gesicht deutlich glatter wirken und sein Haupthaar voller und dunkler erscheinen lassen. Dafür war seine schwarze Robe längst nicht so schlicht, wie es den Anschein gehabt, sondern bestand aus einem feinen, seidig glänzenden Stoff, der mit Sicherheit alles anderes als günstig gewesen sein konnte. Ungeachtet der tiefen Verbeugung, die er vor dem Dunklen Lord schließlich machte, konnte dieser Mann wohl kaum ein Sklave sein, resümierte sie. „Lord Malgus“, begrüßte er ihn dann. „Es ist wahrhaft eine Freude, Euch endlich wieder auf Dromund Kaas begrüßen zu dürfen.“

Violet verblüffte die aufrichtige Freude dieses Mannes, noch mehr überraschte sie aber Malgus‘ Reaktion: Für einen kurzen Moment wurde seine düstere, harte Miene von etwas aufgehellt, was an ein Lächeln erinnerte, bevor er dem älteren Mann die Hand entgegenhielt, welcher dieser mit einer weiteren Verbeugung ergriff. „Es ist gut, Sie endlich wieder persönlich zu sehen, Pattow“, antwortete er, bevor er ihr einen Blick über die Schulter zuwarf. „Das ist Aspera, meine neue Schülerin.“ Der ältere Mann verbeugte sich nun auch vor Violet, die ihm ihrerseits leicht zunickte. „Ich verlasse mich darauf, dass Sie sich um alles kümmern. Es dürfte auch erst später am Abend werden, bis ich eintreffe, aber ich werde mich diesbezüglich noch einmal melden. Schülerin“, fuhr er an sie gewandt fort, „das ist Nestor Pattow, mein Verwalter. Er und seine Frau werden sich darum kümmern, dass du neue Kleidung und eine Rüstung bekommst. Ich erwarte, dass du dich benimmst. Die Pattows sind meine Diener, aber sind auch freie Bürger des Imperiums. Verstanden?“

„Ja, Meister“, gab sie mit gesenktem Haupt zurück.

Wieder gab es weder eine Erklärung noch Rechtfertigung, warum er sie nicht begleiten würde. Stattdessen schloss sich ihm der Mandalorianer an, der in der Zwischenzeit sämtliche Systeme des Abfangjägers heruntergefahren hatte. Dass er nicht abziehen konnte, ohne Violet noch einen demonstrativen Kuss zuzuwerfen, war so vorhersehbar wie überflüssig gewesen. Einmal mehr schnitt sie ihm eine Grimasse, bevor sie sich dem Diener zuwandte. „Der Gleiter parkt draußen, mein Sith-Lord. Wenn Ihr mir folgen möchtet?“

Nachdem sie den Aufzug hinunter auf die Hauptebene genommen hatten, staunte Violet nicht schlecht. Eine enorme Kuppel aus Glas und Durastahl entspann sich über ihnen, die in ihrer hypermodernen Form und Konstruktion den größtmöglichen Kontrast zur archaischen Architektur Korribans bildete und sie viel eher an das Stadtbild Coruscants erinnerte. Was hingegen fehlte, war die Diversität der anwesenden Personen. So begegnete sie auf dem Weg nach draußen kaum einer anderen Spezies als der menschlichen; die rothäutigen Nachfahren der ursprünglichen Sith bildeten nur wenige und weit verstreute Farbpunkte innerhalb der Menschenmasse, genau wie die Ladungen an Sklaven verschiedener nichtmenschlicher Spezies, die wie Tiere aneinandergekettet entweder von Händlern in Empfang genommen wurden oder auf ihren Abtransport auf andere Welten des Sith-Imperiums warteten. Als der Verwalter und sie an einer dieser Kolonne vorbeiliefen und ihnen dabei ausweichen mussten, weil der Weg von einigen Frachtladungen verengt war, trieb der aufgeschreckte Häscher die Sklaven unter Peitschenhieben und unflätigen Ausdrücken an die Wand, wo sie sich stumm aufzureihen hatten, damit insbesondere Violet ungehindert passieren konnte. Als sie an ihm vorbeischritt, machte der Sklaventreiber eine tiefe Verbeugung, wobei er nuschelnd um Verzeihung für den Anblick dieser erbärmlichen Kreaturen bat. Sie würdigte diesen Mann nur eines flüchtigen Blickes, der vor Verachtung triefte, woraufhin er sich nochmals verbeugte und dann seine Fracht mit Hieben und Tritten weitertrieb.

Als sie aus der gewaltigen Halle ins Freie schritten, vergaß Violet für einen Moment alle Empörung und Abneigung gegen das, was sie bisher von der Hauptwelt des Imperiums gesehen hatte. „Wie herrlich …“, flüsterte sie, als ihre Augen, groß von Freude und kindlicher Sehnsucht, über den Wald wanderten, der sich um das Areal des Raumhafens schloss und sich bis an den Horizont erstreckte, wo sich die Türme einer Stadt abzeichneten.

„Verzeiht, mein Lord?“, hakte Nestor nach, der mit ihrer Begeisterung nichts anzufangen wusste.

„Ich … ich wusste nicht, dass es auf Kaas Wälder gibt“, erwiderte sie. „Ich habe so lange keinen Wald mehr gesehen.“

Der Verwalter schien nicht ganz zu wissen, ob er mit Verwunderung oder Belustigung auf ihre Antwort reagieren sollte. „Ich werde den Gleiter holen, wenn Ihr gestattet.“

Violet nickte abwesend. Anstatt unter dem weiten Vordach zu warten, wo ankommende Gleiter ihre Fahrgäste aufnahmen oder absetzten, schritt sie über den Platz bis an dessen Rand, wo ein hoher, elektrisch geladener Zaum eine scharfe Grenze zwischen dem hochmodernen Raumhafen und dem wilden, dunklen Wald bildete. Ein Lächeln, ein breites, kindliches, staunendes Lächeln erhellte ihre Miene, als sie ungeachtet des Zaunes die Flora inspizierte. Die hohen Bäume standen so dicht, dass ihre Kronen ein schweres Dach bildeten, unter denen nur ein Dämmerlicht herrschte, in dem Violets geübte Augen allerlei wildwuchernde Pflanzen erkannten, deren dürre Halme und scharfkantigen Blätter von den unbarmherzigen Regentropfen, die unablässig vom bleigrauen Himmel fielen, immer wieder in den aufgeweichten Boden gedrückt wurden. Neben dem Rauschen des Regens und dem Pfeifen des kalten Windes konnte sie scharfe Rufe ausmachen, die von Vögeln stammen mussten, und dazwischen ein kurzes, weit entferntes Fauchen und Brüllen, wie es auch von den Nebelluchsen hätte stammen können, die zu den größten Gefahren in den Wäldern von Odessen gezählt hatten und eine sprichwörtlich todsichere Gefahrenquelle für alle Jäger gewesen waren. In diesem Moment, versunken in die Erinnerung an ihre frühe Kindheit und im Bewusstsein dessen unwiederbringlichen Verlustes, überkam sie ein so großes Heimweh, das es sich in Form eines physisch erfahrbaren Brennens in ihrer Brust äußerte.

Ein Huben ließ sie aufschrecken. „Mein Sith-Lord?“, rief ihr der Verwalter zu, was beinahe von einem gewaltigen Donnern übertönt wurde. Erst jetzt bemerkte sie, dass der stürmische Regen sie bis auf die Knochen durchnässt hatte. Rasch stieg sie daher in den Gleiter. „Wir werden rund eine halbe Stunde unterwegs sein“, sprach er dann, nachdem er den Gleiter wieder gestartet hatte und auf einen Highway eingebogen war. „Nach Kaas City würde es nur eine wenige Minuten dauern, aber das Anwesen liegt etwas abseits in den Wäldern.“ Violet nickte nur und so senkte sich die Stille über beide. Müde, aber nicht müde genug, um nicht neugierig zu sein, beobachtete sie aufmerksam, wie die Metropole am Horizont immer näher rückte, doch bevor sie größere Details sehen konnte, verließen sie den Highway schon wieder und bogen auf einen schmalen Weg ein, der als solcher weniger durch eine ordentliche Straße als durch hohe, schmale Wegsteine zu erkennen war, die ihn in großen Abständen säumten. „Wenn ich fragen darf: Kommt Ihr aus dem Imperium?“, erkundigte er sich schließlich.

„Nein.“ Er hakte nicht weiter, sondern schien darauf zu warten, dass sie die Güte hätte, ihm von sich aus zu unterrichten. Stattdessen fragte sie: „Hat Lord Malgus Ihnen nichts von mir berichtet?“

„Leider nicht. Bis heute Morgen sind wir auch davon ausgegangen, dass seine Lordschaft einen Schüler mitbringen würde. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, wie spontan er sich anscheinend umentschieden hat. Darth Malgus ist nämlich kein Mann, der voreilige Entscheidungen trifft. Wohl aber gerne einmal … unorthodoxe“, setzte er etwas zögerlich nach.

„Was meinen Sie mit unorthodox?“ Seine Worte hatten Violets Neugier erweckt und so setzte sie sich etwas aufrechter hin.

Nestor Pattow schien seine Antwort abzuwägen. „Nun ja, es hätte mich nun auch nicht überrascht, wenn er sich einen Fremdling oder einen ehemaligen Sklaven zum Schüler genommen hätte. Er vertritt schließlich die Ansicht, dass allein die Leistungen einer Person über deren gesellschaftliche Stellung entscheiden solle, worin ihm nicht viele zustimmen.“

„Sie stimmen ihm demnach auch nicht zu?“, fragte sie erstaunt. 

Wieder zögerte er, offenbar um eine möglichst unverfängliche Wortwahl bemüht. „Ich stimme zu, dass die persönlichen Leistungen im Zweifelsfall den Ausschlag geben sollten. Am klügsten es aber sicherlich, wenn man die ganze Person betrachtet, und das geht nicht, wenn man der Herkunft keine Bedeutung einräumt. Manche Position erfordern schließlich Charaktereigenschaften, die unbewusst eingeübt und gelebt werden, und die man entweder besitzt oder nicht. Ich halte es daher nicht für falsch, wenn man ehemaligen Sklaven die Gelegenheit gibt, im Militär aufzusteigen, schließlich teilen sich Sklaven und Soldaten die gute Eigenschaft des Gehorsams. Aber diese Reformen, nach denen nun auch Sklaven in die Position von Sith-Lords aufsteigen können … Diese Leute mögen vielleicht eine Begabung haben, aber ihnen fehlt das, was echte Sith ausmacht.“

„Was wäre das?“, hakte sie nach.

„Das Maß an Selbstsicherheit, an Willen zum Aufstieg und zur Macht. Denn seien wir einmal ehrlich“, setzte er mit einem Blick in ihre Richtung nach, der von Nachdenklichkeit geprägt war, „woher wollen diese armen Leute denn Selbstbewusstsein nehmen, wenn sie ihr ganzes Leben lang nur Knechte waren?“

Violet hatte an der Akademie viele Gründe gehört, warum Sklaven so ungeeignet wären, zu Sith ausgebildet zu werden, doch dieses Argument war ihr neu und traf sie unerwartet, was nicht zuletzt an der Art und Weise lag, wie er es gesagt hatte. Als empfände er nämlich Bedauern, wenn nicht gar Mitleid mit Sklaven. „Nun ja“, entgegnete sie dann, „wir werden sehen, ob ich dieses gewisse Maß an Selbstsicherheit erlangen werde.“

Wie von ihr erwartet, verstand er ihre Andeutung sogleich. Mit seiner Antwort ließ er sich aber einige Augenblicke Zeit. „Man könnte sagen, dass ein derart offensiver Umgang mit seiner eigenen Vergangenheit bereits jetzt von dieser Selbstsicherheit zeugt“, gab er schließlich zurück. „Verzeiht, wenn ich Euch gekränkt haben sollte, mein Lord.“ Er beugte einmal mehr das Haupt, was ihr jetzt schon zu viel an Ehrerbietung war.

„Sie müssen mich nicht ständig als Lord anreden“, sprach sie daher. „Ich bin ja nicht einmal einer. Ich bin nur eine Schülerin.“

„Aber der Titel steht Euch zu, denn Ihr werdet einmal ein Lord sein. Jeder Schüler wird schließlich früher oder später zum Lord ernannt.“

„Sofern man solange überlebt“, warf sie ein.

„Es gibt einen Konsens, dass Schüler, die wie wahre Sith kämpften und fielen, von ihren Meistern posthum zum Lord ernannt werden. Einen ehrenhaften Tod zu sterben ist schließlich eine hohe Auszeichnung. Aber ich glaube nicht, dass das Euer Schicksal sein wird. Da Darth Malgus Euch aus so vielen Akolythen erwählt hat, müsst Ihr Euch schon als fähig erwiesen haben.“ Was als Kompliment gemeint war, empfand Violet keineswegs als schmeichelhaft, und so senkte sich ein bedrückendes Schweigen über sie.

Nachdem sie gut eine halbe Stunde lang dem verschlungenen Weg gefolgt waren, was auch an der niedrigen Geschwindigkeit lag, mit der der Gleiter aufgrund der begrenzten Sichtweite und den Wetterverhältnissen fliegen musste, passierten sie ein schmiedeeisernes Tor. „Willkommen, mein Lord“, sprach der Verwalter mit einem leisen Lächeln, als er den Gleiter parkte. Voller Neugierde besah Violet das Haus, das in seiner Größe einer Villa gleichkam und keineswegs ein modernes Gebäude war, sondern ähnlich der Architektur von Korriban aus rotem Sandstein bestand. Sie folgte Nestor Pattow die Stufen zur großen Eingangstür hoch, die geöffnet wurde, bevor er den Schlüsselbund aus seiner Tasche ziehen konnte.

„Ihr wart aber schnell“, wurde er von einer Frau empfangen. Sie schenkte ihm ein mildes Lächeln, dann wanderte ihr Blick zu Violet weiter, die sie ihrerseits musterte. Die Dame – denn als das wies sie ihre aufrechte, stolze Haltung aus – schien wie der Verwalter in ihren späten Fünfzigern bis frühen Sechzigern zu sein, denn ihr dunkles, zu einem hohen Knoten frisiertes Haar war beinahe vollständig ergraut und einige Falten zierten ihre Augen- und Mundwinkel. Anders als er strahlte sie allerdings weder Bescheidenheit noch gehorsame Dienstbeflissenheit aus, sondern durch und durch die Gewohnheit, das Heft des Handelns selbst in Händen zu halten und anderen zu gebieten. Ihr langes, schwarzes, hochgeschlossene Kleid unterstrich diesen Herrschaftsanspruch noch, und der Blick, mit dem sie Violet begutachtete, war von einer kühlen Distanz geprägt. „Berit Pattow“, stellte sie sich dann mit einem formvollendeten Knicks vor. „Willkommen auf Dromund Kaas, mein Lord. Ich freue mich, Euch in Eurem neuen Heim willkommen zu heißen. Wie Ihr vielleicht schon wisst, sind mein Mann und ich Lord Malgus‘ Verwalter und wurden von ihm beauftragt, uns um Eure Ausstattung zu kümmern. Der Rüstungsbauer wird heute Nachmittag kommen und die Maße nehmen, damit Ihr so rasch wie möglich Eure Rüstung erhaltet. Wenn Ihr möchtet, werde ich Euch nun Euer Zimmer zeigen, damit Ihr Euch … ein wenig erfrischen könnt“, setzte sie mit einer eindringlichen Musterung von Violets verdreckter Erscheinung nach.

Die Aussicht, sich endlich von all dem Staub und Blut befreien zu können, bewirkte in der Tat, dass sich Violets Mundwinkel hoben und gar ein Lächeln andeuteten. Zustimmend nickend folgte sie der Haushälterin der Treppe hinauf, wobei sie das überdimensionale Gemälde neugierig betrachtete, das sich gegenüber der Eingangstür befand und so jedem Besucher ins Auge stach. Möglicherweise war dessen Thema eine Szene aus der Geschichte oder Mythologie, denn es zeigte durch und durch reinblütige Sith als Könige und Kriegsherrn, die ihre Herrschaft über die Galaxis wortwörtlich auf dem Rücken zahlloser Sklaven der unterschiedlichsten Spezies errichtet hatten. Ungeachtet der Kunstfertigkeit, der feinen Maltechnik und den satten Farben, fand sie das Gemälde geschmacklos, was nicht zuletzt an seiner eindeutigen Botschaft von der angeblichen Inferiorität von Fremdlingen lag. Als sie Mrs. Pattow dann den Flur entlang und in ein Zimmer folgte, war sie zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit überrumpelt. Der Raum war größer als der gesamte Schlafsaal, den sie sich mit neun anderen Akolythen hatte teilen müssen, und strahlte durch das dunkelrote Holz, mit dem Boden und Wände getäfelt waren, eine düstere Pracht aus. Mit ungläubigem Staunen, dass das nun ihr Zimmer sein sollte, wanderte ihr Blick über die eleganten Möbel und ließ sie schließlich unwillkürlich grinsen, als sie das luxuriös große Bett entdeckte. „Wir scheinen Euren Geschmack getroffen zu haben“, meinte die Haushälterin, als sie Violets Lächeln bemerkte.

„Es ist … wirklich sehr schön“, murmelte sie.

„Das Bad befindet sich gleich hier.“ Ein drittes Mal konnte Violet nicht anders, als sich bewundernd umzusehen. Die schwarz-weißen Mosaike und vergoldeten Armaturen hoben sich angenehm von dem dunklen Rot ab, das das bisherige Interieur dominierte. Als sie sich wieder Mrs. Pattow zuwandte, bemerkte sie einmal mehr, wie sie von dieser eindringlich gemustert wurde. „Ist das wirklich Euer ganzes Gepäck?“, erkundigte sie sich mit einem Wink in Richtung des Stoffsackes. Auf Violets Nicken hin zog sie ein kleines, schmales Pad aus der Rocktasche und reichte es ihr. „Wenn Ihr mir Euren Größen notieren wollt, werde ich mich um die Besorgung neuer Kleidung kümmern. Habt Ihr diesbezüglich irgendwelche Wünsche oder Vorlieben?“

„Nein, eigentlich nicht“, murmelte sie. „Es sollte halt praktisch sein. Und hochgeschlossen“, fügte sie, ihrer vielen und großen Narben gedenkend, hinzu.

„Gerne“, entgegnete sie, während sie den Blick durchs Zimmer streifen ließ, als wollte sie sich nochmals versichern, dass alles in bestmöglicher Ordnung sei. „Übrigens“, fuhr sie fuhr, während sie die schweren Brokatkissen des Sofas nochmals glattstrich, „wenn Ihr eine Stärkung wünscht, einen Snack und eine Tasse Kaffa, kann ich Euch gerne etwas hochbringen lassen.“ Violets leerer Magen knurrte bei ihrer Frage so laut auf, dass es sogar ihr Gegenüber hören konnte. Ihre so ehrliche und menschliche Reaktion ließ die Haushälterin leise und diesmal herzlich-warm lächeln. „Schon verstanden, mein Lord.“ Sie machte noch einen Knicks, dann verließ sie das Zimmer.

Violet konnte es hingegen kaum erwarten, endlich unter die Dusche zu springen. Ins Bad zurückkehrend leerte sie ihren Stoffbeutel und legte die saubere Kleidung, die aus einem zweiten Paar Unterwäsche sowie einem weiteren roten Trainingsanzug bestand, auf einem Hocker ab, bevor sie sich auszog und in die ausladend große Badewanne stieg. Ein leises Seufzen entwich ihren Lippen, als das heiße Wasser schließlich über ihren Körper rann. Sie wusch den gröbsten Dreck ab und brauste dann die Wanne aus, bevor sie nochmals das Wasser aufdrehte und sich diesmal ein Vollbad einließ. Während sie Haare und Haut einschäumte und dann genüsslich im heißen Wasser lag, ging Violet die Fläschchen und Flakons durch, die den Rand der Wanne säumten und verschiedene Badezusätze und Pflegemittel enthielten. Es versetzte ihr einen Stich, als ihr in diesem Augenblick bewusst wurde, wie lange sie sich elendig durch die Welt geschlagen hatte, wie viele Jahre sie auf Nar Shaddaa in billigen und heruntergekommenen Absteigen gehaust und in den Monaten ihrer Sklaverei und schließlich Anwärterschaft an der Akademie mehr schlecht als recht gelebt hatte, einsam, verlassen, physisch und psychisch verwahrlost. Und nun sollte es ausgerechnet das Heim ihres ärgsten Feindes sein, das ihr ein Heimstätte bot, das in seiner Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft nur ihrem einstigen Zuhause im Jedi-Tempel glich? Die Ironie hätte sie in lautes Lachen ausbrechen lassen können, wenn sie nur nicht so bitter gewesen wäre, und so klang der Laut, der ihrer Kehle entwich, heiser und gequetscht.

Doch einmal mehr unterdrückte sie ihre Gefühle, und um nicht untätig sein zu müssen, brauste sie sich ab und stieg aus der Wanne. Noch während sie sich abtrocknete, erklang aus dem Zimmer plötzlich ein dumpfes Poltern. Schnell hüllte sie sich in den weißen Morgenmantel und öffnete die Badezimmertür einen kleinen Spalt. „Ach du meine Güte“, hörte sie eine mechanische Stimme klagen. Aus dem Bad tretend fiel ihr Blick schließlich auf einen goldfarbenen Droide, der vollkommen mit dem Entzünden des Kamins beschäftigt war, wobei er recht ungeschickt vorging. „Oh, mein Lord, bitte verzeiht, dass ich Euch nicht sogleich bemerkte“, plapperte er dann erschrocken, als sie sich durch ein Räuspern bemerklich gemacht hatte. „Ich bin SE4-O9, Haushalts- und Butlerdroide. Mistress Pattow hat mich angewiesen, Euch den gewünschten Snack zu bringen und den Kamin zu entzünden. Leider entsteht bei letzterer Anweisung regelmäßig ein Konflikt zwischen der gewünschten Tätigkeit und meiner Sicherheitsprogrammierung, die das Entfachen von offenem Feuer eigentlich untersagt. Ähm … ich werde mich wieder meine Aufgabe widmen“, brabbelte er weiter, als sie seine Erläuterung unkommentiert ließ und stattdessen auf dem Sofa Platz nahm. Mit unterschlagenen Beinen, sich eine Tasse Kaffa einschenkend, sah sie dem Droiden zu, bis es ihm endlich gelang, das Feuer zu entzünden. Das helle Licht der Flammen steigerte noch die warme Atmosphäre des Raumes und ließ das rötliche Holz, mit dem Wände und Boden bedeckt war, dunkel schimmern. „Habt Ihr noch einen Wunsch, mein Lord?“, fragte der Droide, und als sie stumm den Kopf schüttelte, zog er sich mit einer ungelenken Verbeugung zurück.

Violet seufzte leise und kuschelte sich dann in die dicken Polster, während sie die Sandwiches förmlich in sich hineinstopfte. Nachdem sie sich eine weitere Tasse Kaffa gegönnt hatte, rollte sie sich katzengleich zusammen und schloss die Augen. Die Wärme des Feuers, die sie durchdrang und endlich die klamme Kälte vertrieb, die auf diesem Planeten zu herrschen schien, tat ihr übriges, und so versank sie rasch in einen unruhigen Zustand zwischen Wachen und Schlafen, in dem sie noch immer das Knistern des verbrennenden Holzes hörte und die samtene Weichheit der Kissen unter sich spürte, während verschwommene Bilder in ihrem Bewusstsein auftauchten, zu schnell, um sie eindeutig zu erkennen, doch immer lange genug, um ein Gefühl der Beklemmung in ihrer Brust zu hinterlassen. Ich sehe dich, erklang auf einmal eine Stimme. Ich sehe dich, kleiner Jedi … Violet gefror beinahe das Blut in den Adern, als sie diese Stimme vernahm, diese Stimme, so stumpf, so abgestorben, bar jeder Empfindung und Emotion. Sie wollte aufwachen, aufspringen, davonlaufen wie sie es als Kind immer getan hatte, wenn die unsichtbaren Stimmen sie heimgesucht hatten, doch sie konnte nicht. Jemand, etwas verhinderte, dass sie erwachen konnte. Lange war dein Weg hinab in die Dunkelheit, Violet Spes. Er ist noch nicht vollendet, doch ich kann warten. Zeit hat keine Bedeutung für mich, und am Ende werden alle von der Dunkelheit verzehrt.

Abrupt riss sie die Augen auf und schoss hoch. Alles schien so ruhig und friedlich wie zuvor, ausgenommen sie selbst, wie sie zitternd, die Stirn und der Rücken mit kaltem Schweiß bedeckt, auf dem Sofa saß. Da erklang ein zurückhaltendes Klopfen. „Mein Sith-Lord?“, fragte die Stimme Nestor Pattows von draußen. „Der Rüstungsbauer wäre da. Wir werden unten im Salon auf Euch warten.“

„Ja … ich komme gleich“, gab sie etwas desorientiert zurück.

Sie fühlte sich noch erschöpfter als zuvor, während sie sich aufrappelte und zurück ins Bad ging, um sich endlich anzuziehen. Auf den Weg hinunter ins Erdgeschoss konnte sie schon die Stimmen von zwei Männern hören, darunter die leise, ruhige des Verwalters und eine wesentlich lautere, die lebhaft, wenn nicht gar aufdringlich war. „Ah, mein Lord, es ist mir eine Ehre“, wurde sie, kaum dass sie eingetreten war, von einem fremden Mann empfangen, der sogleich eine tiefe Verbeugung versuchte, aber an seiner eigenen Körperfülle scheiterte. „Horax Cox mein Name. Im Namen unseres Unternehmens möchte ich ausdrücken, dass es uns eine große Freude ist, mit der vertrauensvollen Aufgabe bedacht zu werden, Eure Rüstung anzufertigen.“ Erneut versuchte er sich an einer Verbeugung, und erneut scheiterte er, was seiner dienstbeflissenen Mienen keinen Abbruch tat. „Wenn Ihr gestattet, werden wir zuerst einen 3D-Scan Eurer Person anfertigen, anhand dessen wir dann die individuellen Maße ermitteln können.“ Noch etwas desorientiert durch den unheimlichen Traum nickte Violet langsam und zuckte dann zusammen, als der korpulente Mann jemanden hinter ihr mit einem ganz anderen Tonfall anherrschte, er solle gefälligst den Scanner holten. Als sie sich herumwandte, fiel ihr Blick auf einen jungen Twi’lek, der bis jetzt stumm und mit gesenktem Kopf in der Ecke des Raums gestanden hatte. Auch als er nun einen der großen, flachen Koffer öffnete, die auf dem niedrigen Tisch bei der Sitzgruppe abgelegt waren, und ein klobig aussehendes Messgerät heraussuchte, vermied er es tunlichst, ihren Blick zu erwidern. Nicht wer, sondern was er war, machte das Schockhalsband, der seinen Nacken bedeckte, unmissverständlich deutlich. „Wenn ich fragen darf: Welchen Kampfstil verwendet Eure Lordschaft?“, sprach Cox weiter, als er das Messgerät entgegennahm und Violet langsam und von allen Seiten scannte.

„Ataru. Und einige Defensivmanöver des Makashi“, gab sie knapp zurück. „Warum?“

„Danach wird sich die Form und auch das Material der Rüstung richten, mein Lord. Hey Bursche, hol‘ das Muster Nr. 4. Verzeiht bitte“, er lächelte schmeichlerisch, während der junge Sklave ein Rüstungsmodell aus Plastoid auspackte und ihm reichte. Während sie hineinschlüpfte und er ihr behilflich war, die einzelnen Komponenten miteinander zu verbinden, redete er ununterbrochen weiter: „Würdet Ihr beispielsweise einen schweren Kampfstil wie Djem So verwenden, dann wäre ein geschlossener Brustpanzer die beste Wahl. Angesicht der Schnelligkeit und Akrobatik, die der Ataru-Stil aber erfordert, bestünde Eure Rüstung, wie Ihr hier sehen könnt, aus mehrere kleineren Panzerplatten, die in ein flexibles Untergewebe eingebettet werden, wodurch auch die benötigte Bewegungsfreiheit gewährleistet wäre.“ Anhand der Musterrüstung führte er weitere Details aus, so den Verzicht auf eine ausladende und schwere Schulter- und Oberarmpanzerung zugunsten aufwendiger Unterarmschienen, in die man bei Bedarf ein Komlink und weitere digitale Funktionen integriert kann, um auch auf dem Schlachtfeld größere Truppen noch befehligen zu können. Als er nach mehreren Minuten zum ersten Mal seinen Redeschwall unterbrach, um Luft zu holen, war er sichtlich außer Puste, während Violet der Kopf schwamm. Als sie weitere Teile des Probemodells anlegte, um es weiter auf seine Eignung zu testen, begann er erneut zu schwatzen und kam schließlich beiläufig auf ganze andere Dinge zu sprechen, wie einen Sklavenaufstand, den das imperiale Militär einfach nicht unter Kontrolle brächte oder mit welch großer Feier man das anstehende Jubiläum begehen wolle und ob dies der Anlass für ihre neue Rüstung sei.

Violet, die sein Gerede ohne Regung über sich ergehen ließ, sah bei seinen letzten Worten auf. „Welches Jubiläum denn?“, fragte sie verwirrt.

„Unseren glorreichen Sieg über die Republik natürlich“, gab Cox nicht minder erstaunt zurück. „In vier Tagen jährt sich doch die Schlacht von Coruscant zum zehnten Mal, in der die Republik endlich in die Knie gezwungen hatte.“

„Ja … stimmt“, murmelte sie.

„Wie ich schon sage, unsere Auftragsbücher sind momentan derart voll, dass wir nicht garantieren können, dass Eure Rüstung bis dahin fertig ist. Viele Lords hatten nämlich den Einfall, sich zu diesem Ereignis die Rüstung aufpolieren zu lassen oder haben gleich eine neue in Auftrag gegeben. Man merkt richtig, wie schwer die lange Friedenszeit ihnen aufs Gemüt schlägt.“

Violet erwiderte mitnichten sein Grinsen und auch Nestor Pattow, der bis jetzt eine Miene der feinen Ironie aufgesetzt hatte, schien den Worten des Rüstungsbauers so langsam nicht mehr viel abgewinnen zu können. „Lord Malgus wünscht ausdrücklich, dass ihre Rüstung spätestens bis zum Tag des Jubiläums angefertigt wird. Als seine Schülerin wird sie bei der Ehrung seiner Person schließlich anwesend sein und sich somit im Blickpunkt der Öffentlichkeit befinden.“

Ein protestierender Aufschrei schwoll in ihrem Inneren an und verhallte ungehört, während beide Männer ihre Unterhaltung weiterführten. „Ich werde den Auftrag als dringend verbuchen“, gab Cox nach einigen Überlegen zurück. „Noch bezüglich der Ausstattung: Wünscht Ihr, dass die Platten aus Durastahl anstatt normalem gefertigt werden?“

„Ähm …“, machte sie und suchte dabei den Blick des Verwalters.

„Ja. Und eine dreifache Cortosislegierung“, setzte dieser nach.

„Das wird den Preis aber ordentlich in die Höhe treiben.“

Doch Pattow winkte ab. „Die Anweisungen von Lord Malgus waren unmissverständlich. Die Rüstung soll schließlich kein Zierwerk sein, sondern auch für den Fronteinsatz taugen.“

Noch während weitere kleinere Details zwischen dem Rüstungsbauer und dem Verwalter besprochen wurden, begann Violet, sich aus der Modellrüstung herauszuschälen. Sie sah auf, als man ihr ungefragt zur Hand ging. Für einen Moment traf ihr Blick den des jungen Twi‘lek, bevor er wieder die Augen niederschlug. Horace Cox war ihr nicht gerade sympathisch, doch die Gegenwart des Sklaven erfüllte sie mit einem weitaus schlimmeren Gefühl, dem Gefühl der Scham und des schlechten Gewissens, spätestens jetzt ebenfalls zu den Nutznießern der Sklaverei zu gehören. Sie war deshalb mehr als froh, als Nestor Pattow den Rüstungsbauer endlich verabschiedete und hinausbegleitet. Lange hatte sie aber keine Ruhe, als dann aus der Eingangshalle die laute Stimme der Haushälterin drang, die etwas atemlos klang. Als Violet aus dem Salon hinausspähte, sah sie gerade, wie Mrs. Pattow ihrem Mann ein Küsschen auf die Wange drückte und währenddessen fortfuhr, ihren Mantel abzulegen. „Ich sage dir, man könnte man, dort gibt es etwas umsonst“, erzählte sie dabei weiter. „Ja, bring‘ es gleich noch oben auf ihr Zimmer“, wies sie den Haushaltsdroiden an, der hinter ihr eingetreten war und eine wahre Flut an Einkaufstüten und Kartons trug. „Hast du alles mit diesem Cox geregelt? War er auch ja pünktlich? Und hast du eigentlich schon Ragnos gesehen?“ Ihr Mann hatte schon einige Male zu einer Erwiderung angesetzt hatte, doch bevor er nun endlich zu Wort kam, hatte die Haushälterin Violet erspäht. „Mein Lord, wie Ihr sehen könnt, habe ich einige Sachen für Euch besorgt. SE4 wird sie Euch hochbringen, damit Ihr sie anprobieren könnt. Und was Euch nicht gefallen sollte, das könnt Ihr einfach beiseite legen. Ich werde mich dann um die Rückgabe kümmern. Übrigens“, damit wandte sie sich wieder an ihren Mann, „hat sich seine Lordschaft schon gemeldet, wann genau er nun kommen wird?“

Seine demonstrative Ruhe und Gelassenheit hätten keinen größeren Kontrast zu ihrer rastlosen Betriebsamkeit bilden können, als er erwiderte: „Hat er. Er wird bis ungefähr 19 Uhr da sein.“

„Ungefähr …“ Diese unpräzise Zeitangabe rief bei ihr ein kritisches Stirnrunzeln hervor, was Violet unwillkürlich grinsen ließ. Dann folgte sie dem Droiden hinauf in ihr Zimmer.

Was ihr beim Anblick der Menge an Tüten und Kartons durch den Kopf ging, fasste SE4 treffend zusammen. „Du meine Güte, ich frage mich, wie viele Geschäfte die Mistress wohl aufgesucht hat“, brabbelte er vor sich hin.

„Du kannst gehen“, erwiderte Violet dann, als er zuerst keine Anstalten machte, den Raum zu verlassen.

„Oh, natürlich, wie Ihr befehlt. Ich dachte nur, dass Ihr vielleicht Hilfe bei der Auswahl wünscht. Neben einer umfangreichen Programmierung hinsichtlich der Regeln des gehobenen gesellschaftlichen Verkehrs kann ich Euch auch bezüglich einer vorteilhaften Farbauswahl passend für Euren Typus beraten, außerdem –“

„Danke, aber du kannst gehen“, fiel sie ihm ins Wort.

„Natürlich, wie Ihr wünscht.“ Mit einer steifen, unbeholfenen Verbeugung zog sich der Droide zurück.

Die eintretende Ruhe nutzte sie erst einmal, um sich inmitten der Tüten aufs Bett fallen zu lassen und für einige Minuten die Augen zu schließen. Viel und dann noch fremde Gesellschaft war etwas, womit sie als Einzelgänger noch nie hatte gut umgehen können, und all der gewissenhaften Fürsorge der Pattows ungeachtet sehnte sich danach, sich erst einmal zurückziehen zu können, um sich an ihre neuen Lebensumstände gewöhnen zu können. Schließlich raffte sie sich auf und ging die Einkäufe durch. Mit jeder Tüte und jedem Karton, die sie öffnete, staunte sie ein wenig mehr, was nicht nur der schieren Menge an Kleidung geschuldet war, sondern auch der hohen Qualität. Die leichten Tuniken und Roben, die sie einst als Padawan getragen hatte, waren ganz nach dem Prinzip der Bescheidenheit aus ungefärbten Leinen gewesen, was weder besonders elegant noch besonders modisch gewesen war. Insgeheim hatte sie daher so manches Mal die vornehmen Senatorengattinnen in ihren kostbaren Roben bewundert. Nun schien sie aber selbst in den Genuss dieses Luxus zu kommen, als sie die einzelnen Stücke durchging und dabei feststellte, dass beinahe alles aus Seide oder Veda-Stoff bestand, von dem selbst sie wusste, dass er sündhaft teuer war. Ihre Befürchtung, die Haushälterin habe bei der Auswahl wohl jeden praktischen Aspekt hintenangestellt, bewahrheitete sich glücklicherweise nicht, als sie dann auch Artikel wie leichte und sportlich geschnittene Kleidung auspackte und in den Kartons schließlich auch festes Schuhwerk vorfand.

Die nächste Stunde war sie damit beschäftigt, sämtliche Kleidungsstücke anzuprobieren und entsprechend ihrer Präferenz auszusortieren. Nur bei der schlichten, schwarzen Robe hielt sie inne und betrachtete sich ausführlich im großen, freistehenden Spiegel. Als sie dann noch die Kapuze über ihren Kopf zog, wirkte sie nun endgültig wie jeder andere Sith. Von Kopf bis Fuß in tiefstes Schwarz gehüllt, mit strahlend gelben Augen, die aus dem Schatten unter der Kapuze hervorfunkelte, erschien sie so finster wie tödlich. Als sie dann aufsah, bemerkte sie, dass sie draußen bereits dunkel geworden war, was dem Regen und dem Wind, die gegen die hohen Fenster peitschten, keinen Abbruch tat. Sie warf noch einige Holzscheite in den Kamin, dann sie nahm davor auf dem Boden im Schneidersitz Platz. Die Augen schließend atmete sie bewusst langsam tief ein und aus, bis sie spürte, dass ihr Körper taub wurde und ihren Geist endlich freigab. Augenblicklich, so wie sie sich der Macht geöffnet hatte, schlug die Dunkle Seite wie eine brechende Welle über sie zusammen. Violet versuchte, ruhig weiterzuatmen und keine Gegenwehr zu leisten, sondern sich wie heute Morgen in Ajunta Palls Grab vollkommen fallen zu lassen. Doch es gelang ihr nicht, denn anders als auf Korriban war die hier herrschende Dunkelheit der Macht so alldurchdringend und so allgegenwärtig, dass sie ihr physische Schmerzen bereitete und ihren Geist mit Blindheit schlug, bis sie nichts anderes als Angst empfand, Angst vor dieser Dunkelheit und noch mehr Angst vor jener Stimme, die aus der Dunkelheit zu ihr gesprochen hatte.

Sie zuckte dann zusammen, als sich eine Aura aus der Dunkelheit herausschälte, die kaum heller erschien, aber ihr mittlerweile vertraut war. Darth Malgus. Ihr neuer Meister. Es klang noch immer wie ein einziger Widerspruch. Ein zweites Mal zuckte sie zusammen, als ein donnerndes Bellen von draußen erklang, das plötzlich sehr viel lauter wurde und sich wie im Haus befindend anhörte. Sie warf noch einen letzten Blick in den hohen, freistehenden Spiegel, um ihre neue Erscheinung zu mustern, bevor sie in den Flur hinaustrat, von wo aus sie direkt hinunter in den Eingangsbereich sehen konnte. Und was sie sah, versetzte sie für einen Moment in eine Mischung aus ungläubigem Staunen und gelöster Heiterkeit, als ein gewaltiger, schneeweißer Wolfshund außer Rand und Band um den Dunklen Lord herumtollte und dann mit hohen, winselnden Fiepen dessen Handschuhe abzulecken begann. Noch größer war allerdings ihr Erstaunen über Malgus, als er in die Knie ging, um das schöne Tier zu streicheln und seinen pelzigen Ohren zu kraulen.

„Mich trügen wohl meine Augen“, stieß Berit Pattow aus, die in diesem Moment in der Eingangshalle erschien. Sie hatte die Hände gebieterisch in die Hüften gestemmt, während ihr Blick direkt auf die schlammigen Pfotenabdrücke fiel, die der Hund auf dem tiefroten Teppich hinterlassen hatte.

„In Bezug auf Ragnos oder auf mich?", gab Malgus zurück. Ungeachtet seiner Atemmaske konnte man erkennen, dass er darunter zu lächeln schien.

Die Haushälterin hob die Augenbrauen, doch noch während sie einen Knicks machte, hielt ihr der Dunkle Lord freimütig die Hand entgegen, die sie ohne Zögern ergriff. „Es ist lange her, mein Lord“, sprach sie dann. Etwas Melancholisches lag dabei in ihrer Stimme.

„Zu lange, möchte ich beinahe sagen“, erwiderte er. Auch in seiner Stimme schwang etwas mit, das Violet zu ihrer Überraschung als Wehmut und Resignation identifizierte.

„Sagt das nicht“, wandte sie leise ein. „Das hier ist noch immer Euer Zuhause.“

Er ließ seinen Blick durch die Eingangshalle schweifen und schüttelte dann den Kopf. „Nein. Was es dazu gemacht hat, ist lange fort.“

Anstatt einer Antwort drückte sie sachte seine Hand. „Das Abendessen wäre bereit“, sprach sie dann. „Soll ich Eure Schülerin rufen lassen?“

„Nicht notwendig. Sie dürfte es schon gehört haben.“

Violet zuckte zusammen, als er ohne Vorwarnung direkt zu ihr hochblickte. Ihre Wangen röteten sich darüber, dass sie beim Lauschen ertappt worden war. Doch er gab ihr nur mit einem Wink zu verstehen, dass sie hinunterkommen möge, und folgte dann, ohne auf sie zu warten, seiner Haushälterin. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich hinunter ins Erdgeschoss zu begeben, von wo aus sie einfach den Stimmen und dem gelegentlichen Bellen nachgehen musste. Der Weg führte sie durch den Salon in ein großes Speisezimmer, in dessen Einrichtung ebenfalls eine tiefrote Farbgebung dominierte. Doch anstatt einen Blick für den kunstvollen Stil der Möbel zu haben, starrte sie Malgus mit großen Augen an, als er seine Atemmaske abnahm und sein schwer vernarbten Gesicht entblößte. „Hässlich, nicht wahr?“, meinte er dann, als er ihren Blick bemerkt hatte, und sprach damit aus, was sie dachte. „Eine dauerhafte Erinnerung daran, die Jedi nicht zu unterschätzen. Sie mögen Narren sein, aber das heißt nicht, dass es nicht einige von ihnen zu einer respektablen Stärke in der Macht bringen.“

Noch bei seinen letzten Worten bellte sein tierischer Begleiter erneut auf, als er Violets ansichtig wurde, und als er vor sie hintrat und ein drohendes Knurren ausstieß, wurde ihr klar, dass es mitnichten nur ein Wolfshund, sondern ein Tuk’ata war. Auch wenn er schneeweiß und erheblich kleiner als seine Artgenossen von Korriban waren, so belegten die knochigen Auswüchse über seinen Augen, wie sie auch bei reinblütigen Sith vorhanden waren, und nicht zuletzt der lange, reptilienartige Schwanz, dass es sich hier um ein Exemplar der berüchtigten Sith-Hunde handelte, die schon so vielen Akolythen im Tal der Dunklen Lords das Leben gekostet hatten. Ihr ganzer Körper versteifte sich, als das Knurren des Tuk’ata immer lauter wurde und schließlich in ein donnerndes Bellen ausbrach. Sie wusste jedoch genau, was geschähe, wenn sie ihrem Fluchtinstinkt nachgäbe, und so blickte sie dem Hundewesen unbeirrbar und fest in die blutroten Augen, während sie ihre eigene Machtaura aussandte. Als machtsensitiv, wie es alle Lebewesen von genuinen Sith-Welten waren, hielt der Tuk’ata plötzlich inne. Er schien verwirrt zu sein, was sich in seinem Verhalten zeigte, als er neugierig Witterung aufnahm und dann immer wieder ein warnendes Bellen ausstieß, dass sie sich gefälligst auf Distanz halten solle. Schließlich kam er ganz nahe, um vorsichtig ihre Hände zu beschnüffeln. Dann, in dem Moment, als er ihre Haut abzulecken begann, packte ihn Violet mit einem festen Griff im Nacken und drückte ihn flach auf den Boden. Er bellte zuerst einige Male auf, doch brach letztendlich in ein hohes Fiepen aus und wedelte unterwürfig mit seiner Rute, als er Violets Dominanz über ihn anerkannte. Sie lockerte ihren Griff, doch hielt ihn noch zurück, um seine Ohren zu kraulen.

„Interessant. Die meisten, selbst Sith, wären vor einem Tuk’ata eher davongelaufen, anstatt ihn zu zähmen.“

Malgus‘ Worte hatten sie aufsehen lassen. Er hatte sich die ganze Zeit über auf die Rolle des Beobachters beschränkt, und Violet fragte sich unwillkürlich, ob er genauso wenig eingeschritten hätte, wenn sie vom dem Tuk’ata angefallen worden wäre. „Ich bin mit Jagdhunden aufgewachsen und weiß, wie man mit ihnen umgehen muss“, gab sie daraufhin zurück. „Ich dachte, Tuk’ata gibt es nur auf Korriban“, sprach sie weiter, nachdem sie das Tier losgelassen hatte und aufstand.

„Er stammt auch von Korriban“, erwiderte Malgus. „Aber er ist vermutlich ein Albino. Verglichen mit den normalen Exemplaren ist er nämlich auch recht klein.“

Klein ist gut, dachte sie. Mit einer Rückenhöhe über einen Meter war dieses Tier schließlich größer als jeder normale Hund, während sein großer, wolfsähnlich langer Kopf durch die Knochenauswüchse und langen Fangzähnen so imposant wie furchteinflößend wirkte. Als Schritte und die energische Stimme der Haushälterin erklang, die ihrem Mann etwas zurief, setzte sich Violet dann zur Linken ihres Meisters, der an der Stirnseite der langen Tafel Platz genommen hatte, die schon reichlich mit Platten und Schüsseln gedeckt waren. Kaum hatte Mrs. Pattow das Speisezimmer betreten, da sprang der Tuk’ata auch schon auf und lief ihr schwanzwedelnd entgegen.

„Also wirklich …“, schimpfte sie, als das Hundewesen sie umkreiste und schließlich an ihr hochsprang, um das Stück Roastbeef zu erhaschen, das sie hereinbrachte. „Pfui! Aus! Sitz!“, befahl sie ihm, ohne dass das Tier ihr im Geringsten gehorchte. Erst als Malgus kurz und herrisch pfiff, ließ es von ihr ab und setzte sich wie ein braves Schoßhündchen neben seinem Herrn. „Und genau deshalb darf er nicht mehr ins Haus. Er weiß sich einfach nicht zu benehmen“, sprach sie mit einem strengen Blick auf sowohl den Tuk’ata als auch den Dunklen Lord.

Dessen aufgerissenen, vernarbten Lippen deuteten ein Grinsen an. „Ich sehe schon, wenn ich das nächsten Mal nach zehn Jahren Abwesenheit nach Hause komme, werde ich wohl auch ausquartiert.“

„Nun ja, Ragnos‘ Hütte ist schließlich recht geräumig, mein Lord.“ Violet glaubte im ersten Moment, nicht recht gehört zu haben. Ungläubig starrte sie Berit Pattow an, während diese seelenruhig das Bratenstück transchierte und schließlich noch die Nerven hatte, ein kleines, mokantes Lächeln auf ihrem Gesicht erscheinen zu lassen.

Doch Malgus‘ ganze Reaktion bestand aus einem düsteren Schmunzeln. „Schlagfertig wie eh und je.“

Nachdem sie das Roastbeef aufgeschnitten und jedem eine Portion servierte hatte, zog sie sich mit einem eleganten Knicks zurück. Schweigend begannen beide zu essen, und einmal mehr musste sie der Haushälterin oder wer immer gekocht hatte ihre stille Anerkennung aussprechen. Sie konnte sich nämlich nicht mehr erinnern, wie lange sie schon kein ordentliches Essen mehr gehabt hatte, denn selbst während ihrer Zeit auf Nar Shaddaa hatte sie mangels eigener Kochkünste von billigem Fastfood und Süßigkeiten gelebt. Ausgehungert wie sie war, nahm sie sich keine Zeit zum ruhigen, gesitteten Dinieren, sondern schlang das zarte, noch leicht blutigen Fleisch gleich in großen Stücken hinunter, woran sie auch seine Gegenwart, so bedrückend sie sie empfand, nichts ändern konnte. Plötzlich bemerkte sie, wie sie von ihm beobachtet wurde. „Ist das Essen an der Akademie noch immer so schlecht?“, fragte er dann.

„Man hatte Hunger, also hat man es einfach runtergewürgt“, antwortete sie schlicht. „Es war nur immer zu wenig.“

„Natürlich war es das. Es ist Kalkül, um den Wettstreit zwischen den Akolythen zu fördern.“

Aus dieser Perspektive hatte es Violet noch nie gesehen. „Es ist aber nicht fair“, entgegnete sie, und für einen Moment konnte sie ihren Gerechtigkeitssinn, der in den letzten Monaten sehr gelitten hatte, nicht mehr unterdrücken. „Manche Akolythen, die Bessergestellten und Aufseherlieblinge, die haben sich von Zuhause Proviantpakete schicken lassen. Und natürlich groß damit angegeben.“ Sie konnte nicht verhindern, dass sich ein bitterer Ton in ihre Stimme einschlich.

Ihre Worte ließen ihn nachdenklich nicken. „Das gab es schon zu meiner Zeit und durfte es wohl seit jeher gegeben haben. Das Sith-Sein hat schließlich nichts mit Gerechtigkeit zu tun, sondern damit, jeden gegebenen Vorteil zu nutzen.“

„Und welchen Vorteil erhofft Ihr Euch davon, mich als Schülerin angenommen zu haben? Ich habe Euch bisher nur einen Haufen Credits gekostet und Darth Ferious meinte auch, Ihr wolltet einen Schüler“, sprudelte es aus ihr heraus „Warum dann ich?“

„Abgesehen davon, dass du zwei Akolythen besiegt hast, die über wesentlich mehr Erfahrungen als du verfügten?“ Er hielt inne und lehnte sich zurück. Im direkten Fokus seiner tiefgelben, blutunterlaufenen Augen überkam sie das vertraute Gefühl der Beklommenheit, doch sie hielt seinem Blick tapfer stand. „Ich will keinen Hehl daraus machen“, fuhr er schließlich fort, „als ich heute Morgen auf Korriban ankam und erfuhr, dass mein zukünftiger Schüler getötet wurde, war ich erzürnt. Ich bin niemand, der Überraschungen mag, und hatte fest mit Turak Ax als meine rechte Hand gerechnet, auch wenn seine Vita vermuten ließ, dass ihm bisher alles in den Schoß gefallen war. Ebenso waren alle anderen Akolythen, die Darth Ferious mir anschließend präsentierte, im Grund ihres Herzens weich und schwach. Du warst das nicht.“ Das unerwartete Lob irritierte sie. „Deine Furcht war offensichtlich, aber ich konnte noch etwas anderes in dir spüren. Etwas Hartes, etwas Unerbittliches, wie einer, der dem Tod ins Angesicht blickte und ihm standhielt.“ Wieder legte er eine Pause ein, bis die Stille zwischen ihnen zum Zerreißen gespannt war. „Es gibt im Grunde nur zwei Sorten von Menschen“, sagte er schließlich mit leiserer Stimme und einem Blick, der ihr durch und durch ging. „Die vielen, die an diesem Schrecken zerbrechen, und die wenigen, die ihm standhalten und dadurch wachsen. Du bist Letzteres. Und das konnte ich in dem Moment spüren, als ich dich ansah. Das ist etwas, worauf du stolz sein solltest.“

Darauf wusste sie nichts zu erwidern und begnügte sich so mit einem zurückhaltenden Nicken. Stumm aß sie weiter, während sie es tunlichst vermied, seinem Blick zu begegnen. Ihr war nicht bewusst, wie sehr sie äußerlich schon wieder in die Rolle der unterwürfigen Sklavin zurückgefallen war. Dementsprechend irritiert war sie, als er sich vom Tisch erhob und ihr befahl, ihm zu folgen. „Hol‘ deine Kriegsklinge und komm‘ dann nach draußen“, wies er sie an, als sie die Eingangshalle erreichten.

„Ja, Meister“, murmelte sie mit einer leichten Verbeugung. Auf ihrem Zimmer schlüpfte sie in die schwarze Robe und zog die Kapuze über den Kopf, bevor sie ihre Waffe schulterte. Ein kalter, stürmischer Wind empfing sie, als sie schließlich das Haus verließ und in den wartenden Gleiter stieg. „Wohin fliegen wir?“, fragte sie mangels einer Erklärung zu diesem offenkundig ungeplanten Ausflug.

„Zu deiner ersten Lektion“, lautete seine kryptische Antwort.  

Chapter Text

Violet wusste nicht, wie lange sie unterwegs waren, doch die Stille zwischen ihnen lastete schwer auf ihr. Er hatte ihr keine weiteren Erklärungen darüber gegeben, wohin sie nun am späten Abend unterwegs waren noch was sie dort erwartete. Als der Gleiter endlich landete und sie ausstiegen, riss der wiedererwachte Sturm an ihrem Mantel und peitschte den bitterkalten Regen in ihr Gesicht, der sich auf ihrer Haut wie kleine Nadelstiche anfühlte. Sie zog ihre Kapuze noch ein wenig weiter vor, während sie sich umblickte. Sie befanden sich in einem kleinen, aber schwer befestigten Militärlager mit Stellungen von schweren Repetierblastern und gewaltigen Flutscheinwerfer nach allen Seiten, überschattet von provisorisch errichteten Wachtürmen, auf denen Scharfschützen patrouillierten. Aus einem der Zelte, in dem gerade ein Stab an Offizieren anscheinend eine Beratung abgehalten hatten, kamen ihnen drei Männer entgegen, die die typischen schwarzgrauen Uniformen des imperialen Militärs trugen. „Darth Malgus …“, stieß dann der Ranghöchste sichtlich überrascht aus und verbeugte sich tief, bevor er Haltung annahm. „Colonel Trespo, mein Lord. Bitte verzeiht, aber ich wurde gar nicht darüber informiert, dass Ihr Euch dieser unbedeutenden Sache annehmt.“

Die Worte des Offiziers ließen Malgus, der zum Schutz gegen den Sturm ebenfalls die Kapuze über seinen kahlen Schädel gezogen hatte, verächtlich schnauben. „Unbedeutend?“, gab er scharf zurück. „Wie ich hörte, tobt dieser unbedeutende Aufstand seit mehr als zwei Monaten und hat bereits mehrfach zu Revolten anderer Sklaven in den Rüstungsfabriken geführt.“

„Mein Lord …“, erwiderte der Colonel auf jene duckmäuserische Art, die schon eine nachfolgende Ausrede einleitete. „Ich muss bestätigen, dass der Bekämpfung des Aufstands zu Beginn keine hohe Priorität beigemessen wurde. Diese Einschätzung wurde aber bereits revidiert und –“

„Ich bin nicht hier, um Ihre kleine Revolte niederzuschlagen, Colonel“, fiel Malgus ihm brüsk ins Wort. Trespo zuckte leicht zusammen und machte dann schnell eine weitere Verbeugung, als könnte er so den Zorn des Dunklen Lords beschwichtigen. Doch alles, was seine unterwürfige Art bei Malgus hervorrief, war ein weiteres verächtliches Schnauben. „Erläutern Sie mir Ihre Strategie“, fuhr er fort. „Nehmen Sie noch Gefangene oder sind Sie zur ausnahmslosen Tötung der Aufständischen übergegangen?“

„Mein Lord, bis vor zwei Tagen haben wir noch die Sklaven in Gewahrsam genommen, die wir festnehmen konnten oder die sich ergaben, um sie neu aufzuteilen und wieder anderen imperialen Einrichtungen als Arbeitskräfte zuzuweisen. Die neue Order aus dem Kriegsministerium besagt aber, dass alle Aufständischen, deren wir in Zukunft habhaft werden, exekutiert werden sollen“, rasselte Trespo herunter.

Malgus nickte langsam, nachdenklich. „Wurden schon alle Gefangenen abtransportiert?“

„Nein, mein Lord, eine Gruppe ist noch hier, unter der sich einer ihrer Rädelsführer befindet. Sie sollen morgen früh abgeholt werden.“

„Gut. Lassen Sie sie antreten.“

Colonel Trespo und sein Stellvertreter sahen einen Moment drein, als hätte sie nicht recht verstanden. Zögerlich befahl er seinen Adjutanten dann, der Anweisung des Darths Folge zu leisten. Violet beobachtete stumm, wie sie nach nur wenigen Augenblicken, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, mit einer Schar Sklaven verschiedenster Spezies zurückkamen, die in einer langen Reihe aneinandergekettet waren. Während die Offiziere ihnen befahlen, sich gesittet aufzustellen, wandte Malgus sich an sie. „Diese Sklaven hier“, begann er, die Hände auf dem Rücken verschränkt, „haben es gewagt, gegen das Imperium zu rebellieren. Sie als Arbeitskräfte wieder einzusetzen hat längst nicht jene hohe Priorität, als ihnen ihren Platz im Imperium zu verdeutlichen. Du wirst daher ein Exempel an ihnen statuieren. Die Vorgehensweise überlasse ich dir, und jeder Befehl, den du gibst, wird so umgesetzt, als hätte ich ihn gegeben.“ Damit trat er ihr aus dem Weg und gesellte sich zu den Offizieren.

Violets Herz schlug schmerzhaft schnell, als sie sich zu den Sklaven herumwandte. Sie konnte förmlich den Blick ihres Meisters in ihrem Rücken spüren, und mit ihm spürte sie seine wachsame Erwartung. Ihre Gedanken rasten, als sie überlegte. Er hatte ihr befohlen, ein Exempel zu statuieren, doch was genau wollte sehen? Er würde sie wohl kaum hierher mitgenommen haben, nur damit sie die paar Sklaven einfach tötete. Was war es also, das er wirklich von ihr erwartete? Sie wusste es nicht. Aber sie wusste, dass es ein Test werden würde.

Tief durchatmend ging sie zu den Sklaven hinüber und schritt dann die Reihe ab, während sie jeden einzelnen eindringlich musterte. Menschen, Twi’leks, einige Weequays und Duros und sogar ein schmächtiger Rodianer, dessen Kopftentakeln amputiert waren. Keiner von ihnen machte auch nur im Entferntesten den Eindruck eines geborenen Rebellen oder Aufrührers; stattdessen wirkten die meisten von ihnen erschöpft und resigniert. Niemand wagte, ihren Blick zu erwidern. Sie setzte ihren Weg fort, doch stoppte dann abrupt, als der Nächste in der Reihe ihr direkt vor die Füße spukte. Innehaltend richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen renitenten Häftling, der ihr direkt und provozierend ins Gesicht blickte. „Du stehst einem Sith gegenüber. Also senke deinen Blick, Sklave“, sprach sie dann, die Stimme gefährlich leise und ruhig.

Ein verächtliches Grinsen überzog das Gesicht des Menschen. Mit seiner rauhen Miene, den kurzrasierten Haaren und nicht zuletzt dem todesverächtlichen Ausdruck in seinen Augen wirkte der stämmige Mann wie ein ehemaliger Militärangehöriger. „Einem Sith, ja?“, entgegnete er dann. Er musterte sie spöttisch von oben bis unten. „Du hast ja nicht einmal ein Lichtschwert, Mädchen.“

Für einen Moment war Violet sprachlos, bis sie sich wieder fing. Dieser Mann musste jener Rädelsführer sein, von dem der Colonel gesprochen hatte. „Du scheinst mir klug genug zu sein, damit du dir denken kannst, welche Konsequenzen deine Frechheit nach sich zieht. Nicht nur für dich, sondern auch für deine Mitsklaven.“ Demonstrativ sah sie die Reihe auf und ab. Die anderen Sklaven standen noch immer mit gesenktem Kopf stumm dar, doch an den Mienen Einiger war abzulesen, dass sie aufmerksam lauschten.

Doch der Mann stieß ein Schnauben aus. „Du kannst mir keine Angst einjagen, kleine Sith. Wir haben euer Imperium schon einmal geschlagen und werden es wieder tun. Ihr könnt unsere Republik vielleicht demütigen, aber ihr werdet uns nie besiegen.“

„Eure Republik?“ Ihr Blick wurde schärfer, musterte ihn nochmals von Kopf bis Fuß. „Du gehörst dem Chaostrupp an“, sprach sie dann erstaunt, als sie die Tätowierung auf seinem rechten Handgelenk identifizierte. „Warum bist du dann nicht in Kriegsgefangenschaft?“

Wieder schnaubte er auf seine verächtliche Art. „Eurer Lügenvertrag hat doch erst dazu geführt, dass unsere Einheit aufgelöst wurde. Und dann wurden wir zurück nach Hause geschickt, wo euer Imperium unsere Heimatplaneten schon erobert und versklavt hatte!“

„Verstehe … Und jetzt führst du deinen Kleinkrieg mit dem Imperium eben aus der Gefangenschaft heraus weiter.“

„Wer von etwas überzeugt ist, wird nie aufhören, dafür zu kämpfen“, gab er mit stolz erhobenem Kopf zurück. „Na los, tötet uns schon.“ Doch Violet tat nichts, außer ihn stumm in die Augen zu blicken, was ihn sichtlich irritierte „Worauf wartet Ihr?“, fragte er daher mit Stirnrunzeln. „Ach, verstehe. Wahrscheinlich müsst Ihr vorher noch Euer Ego aufblasen. Vielleicht wollt Ihr auch noch Eure kranke Fantasie ein wenig ausleben und uns foltern? Nur zu. Aber keiner von uns wird um Gnade betteln, das versichere ich Euch.“ Wieder verschränkte er trotzig die Arme und starrte sie frech an.

„Sprich nur für dich, ja?“, zischte es daraufhin rechts neben ihn.

Beide sahen sich um. „Ruhe“, herrschte der Soldat den hageren Weequay an, der ihm zu widersprechen gewagt hatte. „Wir waren uns einig, dass wir uns dem Imperium nicht beugen werden. Sieg oder Tod, das ist unser Ziel!“

„Dein Ziel“, gab der Fremdling zurück, und als er den Blick hob, funkelte er ihn zornig an. „Du hast uns in diese Sache reingezogen, wir hatten mit diesem Aufstand zu Beginn gar nichts zu tun.“ Letzterer Satz war an Violet gerichtet, die den Streit der Männer regungslos verfolgt hatte. „Wärst du nicht gewesen, dann würden wir erst gar nicht in diesem Schlamassel stecken.“

„Sieht nicht so aus, als stünden deine Leute hinter dir“, sagte sie dann zum Soldaten, die Lippen zu einem leisen, höhnischen Lächeln verzerrt. Der offene Widerspruch seiner eigenen Leute hatte ihn schmerzlich getroffen, das konnte Violet in seinen Augen erkennen. Sie trat einen Schritt näher an ihn heran. „Wie fühlt es sich an, schon wieder fallen gelassen zu werden?“, sprach sie weiter, die Stimme zu einem Flüstern gesenkt. Seine dunkelbraunen Augen huschten hin und her, musterten sie aufgebracht und zornig.

„Soll ein Sarlaac dich verschlingen“, zischte er schließlich zurück.

„Das haben sie nämlich“, fuhr sie unbeirrt fort, während sie in Richtung der anderen Sklaven nickte, „und das hat der Senat. Sie haben dich kämpfen lassen, haben dir alles abverlangt, was du geben konntest. Und wofür? Als es ernst wurde, als es hieß, zu seinen Überzeugungen zu stehen, da haben sie dich hintergangen.“

„Halt endlich dein Maul!“, bellte er sie an, was aber nur seine Mitgefangenen zusammenzucken ließ.

Violets gelbe Augen glommen hingegen mit einem brennenden Feuer. Sie trat so nahe an den Soldaten herab, dass ihre Lippen beinahe die seinigen berührten. „Ich weiß, wie es ist, von denen verraten zu werden, denen man Treue gelobt hat“, flüsterte sie so leise, dass nur er sie verstehen konnte. „Es ist schlimmer als alles, was deine Feinde dir antun könnten. Mit einer festen Überzeugung und dem Rückhalt seiner Verbündeten gibt es nichts, was man nicht erdulden könnte. Egal, wie viel Schmerz du ertragen müsstest, es würde dich nicht brechen, wenn du weißt, dass du für etwas Größeres kämpfst. Aber zu wissen, dass all deine Opfer umsonst waren … Nicht, weil deine Feinde letztlich triumphiert haben, sondern weil deine eigenen Verbündeten aufgaben und ihre Überzeugungen zugunsten eines feigen Friedens opferten …“ Ein schmerzlicher Ausdruck verzerrt für einen Moment ihr Gesicht, während sie den Kopf leicht schüttelte. Als sie aufsah, stellte sie fest, wie sehr sich der Blick des Soldaten verändert hatte. Sie konnte in seinen dunklen Augen dieselbe Verzweiflung erkennen, die sie selbst einmal empfunden hatte. „Im Grunde deines Herzens weißt du, dass ich recht habe, oder?“, bohrte sie weiter. „Du weißt, dass deine geliebte Republik dich verraten hat, nicht wahr?“

Ihre Worte, kaum ausgesprochen, ließen den Damm seiner Selbstbeherrschung endgültig zu brechen. Weit ausholend zielte seine Faust nach ihrem Gesicht, das sie nie erreichen sollte, denn Violet, die seine Reaktion schon erahnt hatte, war schräg zur Seite ausgewichen. Als er einen erneuten Versuch unternahm, sie körperlich anzugreifen, hob sie einfach ihre Hände und ließ ihnen einige blaue Machtblitze entströmen, die den renitenten Chaostruppler direkt in die Brust trafen. Sein ganzer Körper bebte unter den Zuckungen, die ihn durchfuhren, bevor er an Ort und Stelle zusammenbrach. Erschrockene Laute waren von den anderen Sklaven zu vernehmen, mitleidvolles Seufzen und hohes Schluchzen, das wohl der Angst entsprang, nun als Nächster an der Reihe zu sein. Mit ruhig-gesetzten Schritten ging sie zu ihm hinüber und setzte dann, mit in den Hüften gestemmten Händen, ihren Fuß auf seine Brust. Der Soldat versuchte, sich nichtsdestotrotz aufzusetzen, doch sie drückte ihn unerbittlich zurück in den Schlamm. „Na los!“, keuchte er dann. „Töte mich schon! Bring‘ es zu Ende!“

„Nein“, erwiderte sie kalt. Groß und stumm stand sie über ihn gebeugt, während der Regen auf sie herunterprasselte. „Ich werde dir gewiss nicht den Gefallen tun, dich von deiner sinnlosen Existenz zu erlösen und noch zum Märtyrer im Kampf gegen das Imperium zu machen“, fuhr sie schließlich fort. „Was war es, wofür du wirklich gekämpft hast? Hast du für die Republik gekämpft, weil du einfach in sie hineingeboren worden warst? Oder hast du für sie gekämpft, weil du an die Ideale glaubst, für die sie stehen will? Ja, du bist kein Söldner, der seine Loyalität für ein paar Credits verkauft, nicht wahr? Du willst für etwas Größeres kämpfen und wärst auch bereits, dafür zu sterben, ohne Selbstmitleid und ohne Reue.“ Sie nickte leicht, wie zu sich selbst, als sie ihm in die Augen sah und dort die stumme Bestätigung ihrer Worte erkannte. „Auch das Imperium hat Ziele, für die es sich zu kämpfen lohnt, weißt du? Die Republik reklamiert für sich, für Recht und Ordnung einzutreten, aber was tut sie in Wirklichkeit? Sie ist schwach und passiv, nach innen gelähmt durch den Egoismus ihrer einzelnen Systeme, die sich selbst stets am Nächsten sind, und nach außen hin feige und verlogen durch ihre Toleranz des Huttenkartells und von Czerka, den größten kriminellen Organisationen der ganzen Galaxie.“ Sie machte eine wohlgewählte Pause, um ihre Worte ihre Wirkung entfalten zu lassen. „Welchen Rang hatten Sie während Ihrer Zeit im Chaostrupp, Soldat?“

„Sergeant“, sprach er leise und nach einem Moment des Zögerns setzte er ein respektvolles „Ma’am“ hinterher.

„Sergeant“, wiederholte sie nickend. „Die Republik mag keine Verwendung mehr für Sie gehabt haben, aber im Imperium kann jeder Ruhm und Anerkennung gewinnen, der Mut und Loyalität beweist. Mut und Loyalität, die Sie besitzen. Lassen Sie Ihre Vergangenheit hinter sich, schließen Sie sich uns an, und ich gebe Ihnen den Rang eines Offiziers und Ihrem Leben einen neuen Sinn.“

Die Stille, die sich über die Anwesenden legte, erschien plötzlich derart körperlich greifbar zu sein, dass Violet sich plötzlich ihres wild pochenden Herzens bewusst wurde. Es war ein riskantes Spiel, das sie hier trieb, ein Pokern, in dem sie alles auf seine Wut und seine Enttäuschung setzte. Jene Wut und Enttäuschung, die sie selbst empfunden hatte, als ihr Orden den Friedensvertrag mit dem Imperium billigte. Als sich das Schweigen in die Länge zog und sie schon fast glaubte, sich bezüglich der Gefühle des Soldaten geirrt zu haben, sah er plötzlich zu ihr auf. Sein Blick, voller Wut und gleichzeitiger Resignation und so abgrundtief unglücklich, schnitt ihr ins Herz. Doch dann nickte er und murmelte ein gehorsames „Jawohl, Ma’am.“

Violet fiel ein sprichwörtlicher Stein vom Herzen. Sie wollte sich lieber nicht ausmalen, wie grenzenlos sie sich blamiert hätte, wäre der Soldat letztendlich nicht auf ihr Angebot eingegangen. „Dann stehen Sie auf“, sprach sie dann, nachdem sie den Kloß in ihrem Hals hinuntergewürgt hatte. Noch während sich der Soldat aus dem Schlamm hochkämpfte, wandte sie sich zu den Offizieren herum und deutete auf den Stellvertreter des Colonels. „Sie. Name und Rang.“

„Commander Pritch, mein Lord“, antwortete dieser mit einem zackigen Zusammenschlagen der Stiefelabsätze.

„Commander, Ihren Blaster.“ Pritch sah irritiert drein, doch trat dann zu ihr hin, um ihr gehorsam seine Waffe zu überreichen. „Nicht mir. Ihm“, befahl sie streng.

„Mein Lord, seid Ihr sicher, dass –“ Er verstummte augenblicklich, als sich ihre glühendgelben Augen ihm zuwandten, und überreichte dem anderen Mann den Blaster.

„Ich möchte, dass Sie Ihre neue Loyalität demonstrieren“, fuhr sie mit einem Nicken zu den anderen Sklaven hinüber fort. Er verstand sofort, was sie meinte, das konnte sie an seinem erschrockenen Blick erkennen, mit dem er sie anstarrte. Sie trat wie zuvor so nahe an ihn heran, dass ihre Lippen beinahe die seinen berührten. „Denken Sie daran: Der Tod ist für viele von uns eine Gnade, keine Strafe. Und für diese Sklaven ist er es umso mehr.“

Er schluckte, doch nickte dann leicht. Den Blaster zückend ging er zu den anderen Sklaven hinüber, die ihn teils ungläubig, teils offen entsetzt anstarrten. Als endlich der Schuss fiel, wurde er von dem kollektiven Aufschreien und Aufstöhnen begleitet. Auch Violet kostete es einiges an Beherrschung, eine kalte, regungslose Miene zu bewahren, als sie langsam zu dem Soldaten hinüberschritt. Sie folgte seinem Blick hinunter auf die Leiche der Twi’lek, die er mit einem direkten Kopfschuss getötet hatte. Als sie den leicht gewölbten Bauch der jungen Frau bemerkte, wurde ihr selbst kalt. „Sie haben sie schon so oft missbraucht. Die Aufseher, meine ich“, murmelte er. „Und das Kind hätte nie etwas anderes als Leid erfahren.“

Violet würgte den Kloß in ihrer Kehle hinunter, dann ging sie zu Commander Pritch hinüber. „Commander, die imperiale Armee erhielt gerade einen neuen Zugang. Weisen Sie den frischbeförderten Lieutenant in seine Pflichten ein und schicken Sie ihn dann ins Gefecht. Er wird hier solange die Bekämpfung des Sklavenaufstandes anführen, bis sie vollständig und ohne Überlebende niedergeschlagen wurde. Danach wird er die Erlaubnis erhalten, sich seine künftige Dienststelle selbst zu wählen.“

„Sehr wohl, mein Lord.“

Während der Commander salutierte, stieß Colonel Trespo, den sie bisher konsequent ignoriert hatte, nun ein leises, pikiertes Räuspern aus. „Nun, mein Sith-Lord, man darf Euch wohl gratulieren. Ihr habt es geschafft, diesen Rädelsführer auf eine sehr elegante Art auszuschalten und die restlichen Sklaven wieder gefügig zu machen. Wirklich sehr gerissen, mein Lord.“ Er verbeugte sich auf dieselbe anbiedernde Art, wie er es vor Malgus getan hatte. Seine glatte, dienstbeflissene Miene brach dann aber, als er zu husten und schließlich zu würgen begann. Verzweifelt bemüht, den Kragen seiner Uniform zu lockern, sah er auf. Seine Augen weiteten sich, als sein Blick auf Violets rechte Hand fiel, die sie so langsam wie unerbittlich zur Faust ballte. „Mein Lord, bitte …“, krächzte er.

Weitere Worte blieben ihm in der Kehle stecken, als sie ihre Faust noch enger schloss. „Wie würden Sie es nennen, Colonel, wenn ein Mann Ihres Ranges es in zwei Monaten nicht schafft, diese Sklaven zu brechen?“, sprach sie. „Richtig. Sie haben versagt.“

Colonel Trespo war währenddessen in die Knie gesackt und hatte beide Hände um den Hals gelegt, als könnte er den unsichtbaren Griff so lockern. Geplatzte Äderchen durchzogen schon das Weiß seiner Augäpfel, Speichelfäden fingen von seinen Lippen, die er stumm und mit sichtbarer Verzweiflung bewegte, zweifelsohne in einem letzten Versuch, um Gnade zu flehen. Doch Violet ballte ihre Hand nun vollständig zur Faust. Ein Knacken verkündete, dass sie ihm das Genick gebrochen hatte. „Commander Pritch, hiermit sind Sie der ranghöchste Offizier. Ich erwarte, dass Sie sich der Aufgabe der Bekämpfung dieses Aufstands mit wesentlich mehr Leidenschaft verschreiben als Ihr unglückseliger Vorgänger. Vergessen Sie nicht: Leidenschaft ist der Grund, weswegen wir den Sieg erlangen werden.“

Ihre Stimme klang ruhig und kalt, als sie sprach, und ließ sie dem Commander und dem jungen Adjutanten des Colonels gegenüber eine derartige Autorität ausstrahlen, dass beide Männer augenblicklich und stocksteif salutierten, sowie Violet ihnen mit einer herrischen Geste zu verstehen gab, dass sie wegtreten möchten. Dann fiel ihr Blick auf den ehemals republikanischen Sergeant, der den Leichnam des Colonels betrachtete. Ein grimmig-entschlossener Ausdruck lag dabei auf seiner Miene. „Mein Lord“, sprach er dann mit einem zackigen Salut, „Lieutenant Archer meldet sich ab.“ Sie nickte ihm zu, woraufhin er sich Commander Pritch anschloss.

Zurück blieben nur Malgus und sie. Der scharfe Blick unter seiner Kapuze hervor gab nicht zu erkennen, was ihm durch den Kopf ging. So blieb ihr nichts anderes übrig, als seinem stummen Wink, ihm zu folgen, nachzukommen. Auch als sie in den Gleiter stiegen und dieser abhob, sprach er noch immer kein Wort. Sein fortdauerndes Schweigen war für Violet schier nervenzerreißend. „Seid Ihr unzufrieden, Meister?“, fragte sie schließlich, als sie es nicht mehr aushielt.

„Ich hatte angenommen, dass du es dir leicht machen würdest. Dass du dir einen von ihnen herausgesucht hättest, um an ihm ein Exempel zu statuieren. Es wäre das gewesen, was die meisten Sith getan hätten.“

„Also seid Ihr unzufrieden“, schlussfolgerte sie.

„Ich bin erstaunt, im besten Sinn. Von deiner Zurückhaltung und noch mehr von deiner Gerissenheit.“ Das kam so unerwartet, dass Violet ihn nahezu ungläubig anstarrte, was ihm nicht entging. „Es war sehr umsichtig, den Rädelsführer nicht nur auszuschalten, sondern ihn für das Imperium zu gewinnen. Ihn einfach zu töten, hätte den Kampfgeist der anderen Sklaven nicht ausgelöscht und im schlimmsten Fall nur noch angefacht. Aber so hast du dieser Rebellion einen Dolchstoß versetzt, der sie langsam ausbluten lassen wird.“ Was offensichtlich als Lob gemeint war, verursachte nur ein schmerzhaftes Pochen in Violets Brust. Es war nur eine Rolle gewesen, die sie gespielt hatte, die sie hatte spielen müssen. Trants Worte davon, dass sie früher oder später Taten begehen müsste, die den Interessen der Republik und ihren eigenen Überzeugungen zuwiderliefen, um ihre Tarnung als Sith aufrecht zu erhalten, kamen ihr plötzlich wieder in den Sinn. „Du weißt, worum es hier eigentlich ging?“

„Ihr wolltet sehen, ob ich Führungsqualitäten besitze?“, antwortete sie zögerlich.

„Ich wollte, dass du verstehst, was es heißt, ein Sith zu sein.“

„Ich habe die Akademie bestanden, sogar mit Erfolg“, widersprach sie.

„In deinem Fall macht dich das aber noch nicht zum Sith.“ Ihre Reaktion, ein grimmig-launisches Stirnrunzeln, ließ Malgus unter seiner Atemmaske flüchtig grinsen. „Dein Aufseher hat bei dir schlechte Arbeit geleistet. Er hat dich nicht auf dein neues Leben vorbereitet, dich nicht abgehärtet.“

„Mir wurde nichts geschenkt. Gar nichts“, wandte sie erneut ein.

„Das meinte ich auch nicht. Dieser Narr hat es versäumt, dich dem Kodex entsprechend auszubilden.“

„Ich kenne den Kodex sehr gut.“

Doch ihre eigensinnigen Widersprüche beeindruckten ihn nicht im Geringsten. „Nun, dann erläutere mir die Bedeutung des Sieges, der die Ketten zerbricht. Was ist damit gemeint?“

„Der Sieg über unsere Gegner, insbesondere“, sie zögerte kurz, „den Jedi.“

„Ja und nein. Die Republik in die Knie zu zwingen und den Orden der Jedi mit ihren Irrlehren zu vernichten ist nur das augenblickliche Ziel, aber langfristig betrachtet muss das Ziel eines jeden Sith sein, den Sieg über sich selbst zu erlangen, über seine Schwächen, seine Zweifel, über all die Zwänge, die ihn gefangen nehmen und daran hindern, sein volles Potenzial zu entfalten. Und wie ich dich einschätze, wird letzteres für dich das wirklich schwierige Unterfangen werden. Wenn du die Ketten zerbrechen willst, die dich noch fesseln, wenn du wahre Freiheit erlangen willst, dann wirst du dem Sieg alles opfern müssen“, sprach er mit einem durchdringenden Blick.

„Ich hänge nicht übermäßig an meinem Leben“, gab sie zurück, diesmal mit leiserer, gedrückter Stimme.

Er nickte leicht, als habe er eine ähnliche Antwort schon erwartet. „So wie alle, die über wahre innere Größe verfügen. Aber dein Opfer wird noch größer sein. Ich spreche von deiner Vergangenheit, die du hinter dir lassen musst.“

„Habe ich zuvor etwa wie eine Sklavin gehandelt?“

„In der Tat, das hast du nicht. Dafür hast du dein Handeln, deine Entscheidungen von etwas anderem beeinflussen lassen.“ Er machte eine wohlgewählte Pause, die Violets Nervengeflecht dünn werden ließ. „Entgegen deiner Behauptung warst du nicht immer eine Sklavin, nicht wahr? Du wurdest in Freiheit geboren und warst einst ein Kind der Republik“, sagte er dann.

„Ich –“, stotterte sie, bevor ihr die Stimme versagte. Sie brauchte einige Augenblicke, um den Drang ihrer Lungen zur Hyperventilation schmerzhaft zu unterdrücken. „Wie kommt Ihr darauf?“, flüsterte sie schließlich, die Stimme hoch und dünn.

„Was glaubst du, wie vielen anderen Sith es ebenfalls gelungen wäre, diesen republikanischen Soldaten auf die Seite des Imperiums zu locken?“, antwortete er mit erhobenen Augenbrauen. Hilflos zuckte sie mit den Achseln. „Keinem. Es konnte nur dir gelingen, weil du genau um all den Zorn und die Verbitterung in ihm wusstest, den ich auch in dir spüren kann. Auch du bist von der Republik enttäuscht, auch dich hat sie im Stich gelassen.“

Seine scharfsinnige Analyse ihrer Handlungen ließ sie in Angstschweiß ausbrechen. War ihr Schicksal damit nicht schon besiegelt? „Was werdet Ihr nun tun?“, fragte sie atemlos, innerlich bereits überzeugt davon, innerhalb der nächsten Sekunden eins mit der Macht zu werden.

„Was sollte ich deiner Meinung nach tun?“, erwiderte er stattdessen, was die Woge der Übelkeit verstärkte. Was sollte das werden? Beabsichtigte er etwa, vor ihrem Tod noch mit ihr zu spielen? Ihr noch einen Hauch Hoffnung zu lassen, damit der Tod umso schlimmer für sie wäre? Wollte er gar, dass sie um Gnade flehte? Dabei hatte er heute Morgen doch noch klargestellt, dass gerade diejenigen, die um Gnade flehen, sie in seinen Augen am wenigsten verdienten.  

„Mich töten. Schließlich bin ich der Feind. Das wäre es, was wohl die meisten Sith täten“, wisperte sie schließlich. Wenn sie damit nun ihr Todesurteil unterschriebe, so wollte sie wenigstens stolz und nicht als Bittstellerin sterben.

„Mich kümmert nicht, was die meisten Sith tun oder lassen. Ich bin nicht wie sie, also vergleiche mich nicht mit ihnen.“ Seine schroffe Erwiderung überrumpelte sie einmal mehr. Einige Augenblicke herrschte Stille zwischen ihnen, bevor er fortfuhr: „Wenn du als republikanische Bürgerin geboren wurdest, dann kann deine kleine Geschichte, die du dem Akademieleiter erzählt hast, nicht stimmen. Woher kommst du also wirklich?“

„Balmorra“, antwortete sie nach einem Moment, in dem ihre Gedanken rasten und in aller Eile eine Geschichte konstruierten. „Ich wuchs in einem kleinen Dorf auf, abseits irgendwelcher Städte. Über meine Kindheit gibt es nichts Bedeutsames zu sagen, außer dass ich schon damals ein Einzelgänger war. Ich hatte oft seltsame Träume und hörte auch im Wachen manchmal Stimmen, die sonst niemand wahrnehmen konnte. Kein Wunder, dass die anderen mich für … wunderlich hielt. Und natürlich mieden.“ Sie machte eine kurze Pause. Die Schilderung ihrer Kindheit hatte mit Ausnahme des Heimatplaneten bis hierher der Wahrheit entsprochen. „Als Balmorra dann ans Imperium fiel, gerieten wir auch in die Hände von Sklavenfängern“, erzählte sie dann weiter, selbst überrascht, wie flüssig und schamlos ihr die Lügen über die Lippen kamen. „Das war das letzte Mal, als ich meine Familie gesehen habe. Einige Zeit war ich dann noch auf Balmorra und arbeitete in einer der Rüstungsfabriken, die nun unter imperialer Kontrolle standen. Nach einem Unfall war mit mir nicht mehr viel anzufangen und man verkaufte mich an einen wandernden Sklavenhändler. Auf Nar Shaddaa erwarb mich dann eine Familie als Haushaltshilfe, bei der ich bis vor einem halben Jahr lebte. Aufgrund von Spielschulden ihres Oberhaupts hat man mich dann wieder verkauft und … schließlich wurde ich als machtsensitiv entdeckt. Und als ich an die Akademie kam und ich schon auf genug Ablehnung stieß, weil man mich als ehemalige Sklavin für unwürdig befand, da hielt ich es für klüger, nicht noch zu erzählen, dass ich aus der Republik stammte.“

„Es spielt für mich keine Rolle, als wer oder was du geboren wurdest“, entgegnete Malgus schließlich, nachdem beide etliche Minuten geschwiegen haben. „Es zählt nur, dass du dieses Leben hinter dir lässt und zu einem Sith wirst. Und dafür musst du alles in dir ausmerzen, was von diesem früheren Leben übrig ist. Du musst dem Sieg alles opfern, was du einmal geliebt hast.“

„Es klingt furchtbar, wie Ihr das sagt.“

Er nickte. „Nur auf rauen Pfaden gelangt man zu den Sternen, sagt ein altes Sprichwort.“

Seine Bestätigung ließ sie aufmerksam den Kopf heben. „Und was habt Ihr dem Sieg geopfert, Meister?“, hakte sie nach.

Seine gelben Augen bohrten sich in ihre, als er ihr einen scharfen Blick zuwarf. „Nichts, was dich etwas angeht, Schülerin.“

Rund eine Viertelstunde später passierten sie das Tor zu seinem Anwesen. Der Sturm war abgeflaut, der Regen strömte nun ruhig und geschlossen wie ein Wasserfall auf sie herab, als sie aus dem Gleiter stiegen und die Treppe zur Eingangstür hinaufschritten, die ihnen von einer dezent misslaunigen Mrs. Pattow geöffnet wurde. „Die Dessertkuchen sind jetzt kaltgeworden“, sprach sie mit einem Tonfall, den für gewöhnlich eine Mutter gegenüber unbotmäßigen Kindern anschlug. „Und die Tafel wurde auch schon abgeräumt.“

Doch der Dunkle Lord winkte brüsk ab. „Lassen Sie mir einen Tee in die Bibliothek bringen. Das wäre alles.“ Damit schritt er einfach an ihr und dem Haushaltsdroide vorbei, der dabei war, den Teppich von Ragnos‘ schlammigen Pfotenabdrücken zu reinigen. Violet zuckte mit den Schultern, als die Haushälterin sie fragend erblickte, und folgte ihm dann hinauf in den ersten Stock. Am Ende des Flurs hielt er vor einer Tür inne. „Ich habe etwas für dich“, sprach er. Zu ihrer Überraschung signalisierte er ihr, zuerst einzutreten. Schon bevor ihre Hand den Türknauf berührte, durchfuhr sie ein Kribbeln und Vibrieren, das sich verstärkte, als sie den dunklen Raum betrat. Noch während sie ihre mentalen Barrieren sinken ließ, spürte sie die intensive Konzentration der Macht, die sie umgab und die verschiedenen Quellen zu entströmen schien. Als Malgus die Tür hinter sich schloss, umgab sie vollständige Dunkelheit. „Kannst du es spüren?“, fragte er leise.

„Ja“, flüsterte sie. „Was ist das?“

Sie spürte noch, wie ihr Meister eine Handbewegung machte, bevor das charakteristische Summen eines entzündeten Lichtschwertes die Stille durchschnitt und den Raum in ein rotes Licht tauchte. Da verstand Violet. Mit ungläubigem Staunen drehte sie sich einmal um sich selbst, während ihre Augen über all die Lichtschwerter wanderten, die entlang den Wänden in Halterungen ruhten. Rund ein Dutzend der Griffe verrieten mit ihrer schwarzen, martialischen Gestaltung, dass es die Waffen von Sith sein mussten, aber der Großteil deutete mit ihren schlichten Formen und Materialien einen anderen Ursprung an. Ein pochender Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus, als ihr klar wurde, dass es sich dabei um die Lichtschwerter von Jedis handelte. Jedis, die durch seine Hand den Tod gefunden haben mussten und deren Waffen er danach als Trophäen an sich nach, gemäß jener alten Sith-Tradition, nach der schon der legendäre König Adas die Waffen seiner Feinde gesammelt haben soll. Es waren so viele Schwerter … so viele Jedi, die ihr Leben an ihn verloren hatten.

„Aspera?“ Sie sah auf, als sie ihren Sith-Namen hörte. Malgus hielt ihr die Klinge entgegen, die er in der Rechten hielt. Vorsichtig nahm sie das Doppellichtschwert entgegen und aktivierte die zweite Klinge. Dabei spürte sie deutlich die dunkle Energie, die der Kristall ausströmte, was ein Beweis für die Stärke jenes Machtnutzers war, der ihn erschaffen hatte. „Es ist schon alt, aber sein einstiger Besitzer war zu seiner Zeit einmal ein großer Lord der Sith. Es wird dir gute Dienste leisten“, erklärte er, während sie das Schwert eingehend musterte. Erneut spürte sie das Pulsieren des Kristalls, dessen Machtpräsenz, wie sie für alle Objekte, die von der Dunklen Seite durchdrungen wurden, charakteristisch war, nach ihr zu tasten schien. Die Augen schließend konzentrierte sie sich auf diese Machtquelle, umfing sie mit ihrer eigenen Präsenz. Das Pulsieren wurde kräftiger, beinahe zornig, wild wie der Versuch, sich der Unterwerfung durch ihre Person zu entziehen. Doch im Wissen, dass ein Sith-Lichtschwert erst dann sein volles Potenzial entfaltete, wenn man seinen Kristall dem eigenen Willen unterworfen hatte, wandte sie schließlich ihre ganze Kraft auf, um dessen Machtaura zu durchbrechen. Gleich einer Schlinge um den Hals, packte Violet sie mit einem unerbittlich harten Griff, den sie desto fester schloss, je stärker der Kristall sich gegen die Inbesitznahme durch sie wehrte. Dann plötzlich brach dessen Widerstand in sich zusammen und ohne Vorwarnung wurde ihr Geist von einer dunklen Woge übermannt.

Als sich die Dunkelheit vor ihren Augen verzog, offenbarte sich ihr eine vollkommen andere Umgebung. Sie befand sich in einem weitläufigen Raum, der sich als Hangar eines Schiffes oder einer Station herausstellte. Eine Schneise der Verwüstung umgab sie, überall brannten kleinere und größere Feuer, während die Elektrizität wohl ausgefallen war und nur noch die rötliche Notbeleuchtung ein schwaches Licht ausstrahlte. Das Geräusch von schweren Schritten, die in dem weiten Hangar laut widerhallten, ließ sie ihre Aufmerksamkeit auf zwei Männer richten, die die einzig anwesenden Personen waren. Einer von ihnen, ein reinblütiger Sith mittleren Alters, lag auf den Knien vor einer weiten Fensterfront, die den Blick auf einen roten Planeten freigab, der sie instinktiv an Korriban erinnerte. Ein anderer Mann, groß, kahlköpfig und in einer schweren Rüstung, trat langsamen Schrittes an ihn heran. „Sie sind entkommen, Meister. Ihr habt versagt“, sprach dieser schließlich.

Doch der ältere Sith schüttelte den Kopf. „Nein, Malgus“, erwiderte er schwer atmend. „Das ist erst der Anfang.“

Abrupt riss Violet bei der Nennung dieses Namens den Kopf herum. Mit ungläubigem Blick betrachtete sie den jüngeren Mann ein weiteres Mal, musterte sein kantiges Gesicht, das noch frei von Narben und der Folgen der Korruption durch die Dunkle Seite war. Es traf sie wie ein Schlag, so unvermittelt dem jungen Ich ihres Meisters gegenüberzustehen, denn ihr wurde in diesem Moment bewusst, dass Malgus nicht immer schon dieser finstere, verunstaltete Schlächter war, als den sie ihn seit Coruscant kannte, sondern einst selbst einmal jung gewesen war. Gebannt verfolgte sie jede Regung seiner Miene, als er antwortete: „Ja … Nach tausend Jahren ist Korriban endlich wieder in unseren Händen.“ Sein Blick ruhte noch einen Moment auf dem roten Planeten, dann zückte er sein Lichtschwert. „Willkommen zuhause, Meister.“ Und mit einem verächtlichen Lächeln schlug er dem älteren Mann mit einem Hieb den Kopf ab.

Der ganze Streich geschah so schnell, dass Violet nur sprach- und fassungslos dreinblicken konnte, und keinen Moment später löste sich die Machtvision vor ihren Augen auf. Sie blinzelte ein paar Mal, noch während sie das Doppellichtschwert in ihrer Hand begutachtete. „Dieses Schwert …“, murmelte sie dann. „Es gehörte Eurem eigenen Meister.“

Malgus, der sie nachdenklich betrachtet hatte, nickte. „Ja. Darth Vindican war ein Meister der Dunklen Seite, wenngleich er es auch nicht bis in den Dunklen Rat geschafft hat. Vielleicht hätte sich ihm nach der Rückeroberung Korribans eine Gelegenheit aufgetan, doch er fiel durch die Hand des legendären Kampfmeisters Kao Cen Darach.“

Da sah Violet auf, suchte seinen Blick. Im Nachhinein wusste sie selbst nicht, was sie dazu bewegt hatte, ihm zu widersprechen. „Nein“, entgegnete sie mit einer plötzlichen Gelassenheit, die sie sich selbst nicht erklären konnte. „Ihr wart es, der ihn getötet hat. Ihr habt ihm den Kopf abgeschlagen.“

Ihre Worte bewegte den Dunklen Lord dazu, fragend die Augenbrauen zu heben. „Es ist nicht gerade klug, sein Wissen unbedarft zu offenbaren“, meinte er dann. Violet widerstand tapfer dem Drang, zurückzuweichen, als er so nahe an sie herantrat, dass beider Gesichter nun wenige Handbreit voneinander entfernt waren. „Der Kristall hat es dir gezeigt, was?“, sprach er schließlich.

„Ja.“

„Natürlich.“ Er grinste unter seiner Maske flüchtig. Erneut wanderten seine tiefgelben Augen über sie, musterte sie, als träfe er sie das erste Mal. „Man muss schon über eine gewisse Begabung in der Macht verfügen, um Informationen aus adeganischen Kristallen zu ziehen, weißt du?“

Sein erneut unerwartetes Lob ließ sie widerwillig erröten, bevor sie den Blick niederschlug. Doch er umschloss ihr Kinn mit einem eisernen Griff und zwang sie, ihn wieder anzusehen. „Sei nicht bescheiden. Sei stolz, sei zornig, sei leidenschaftlich. Denk‘ daran: Frieden gibt es nicht. Frieden ist nur eine Lüge, die die Jedi sich selbst erzählen. Und es ist ein Irrglaube, den die Republik jeder politischen Realität zum Trotz fortwährend propagiert. Du solltest mittlerweile selbst erkannt haben, wie falsch beide liegen.“

„Das habe ich“, antwortete sie mit leiser Stimme.

„Und das macht dich traurig.“ Es war weniger eine Frage als einer Feststellung.

„Früher einmal. Es tut immer weh, wenn man langgeglaubte Gewissheiten aufgeben muss. Aber ich habe nun die Wahrheit erkannt und akzeptiert“, murmelte sie.

Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, wie er leicht nickte. „Dann hast du den ersten Schritt auf dem Weg zum Sith gemacht.“

„Ja, Meister“, gab sie zurück.

„Du darfst dich für heute zurückziehen.“

Violet verbeugte sich daraufhin stumm und wandte sich zum Gehen. „Meister“, sprach sie innehaltend, „warum habt Ihr gesagt, dass Euer Meister im Kampf gefallen sei? Es gibt doch so viele Sith, die sich geradezu damit brüsten, ihre Meister erfolgreich hintergangen und getötet zu haben.“ Innerlich bis zum Zerbersten gespannt wartete sie auf seine Antwort.

Wieder verzerrte dieses flüchtige Grinsen Malgus‘ Gesicht unter der Atemmaske. „Darth Vindican stand hoch in der Gunst des Dunklen Rats und es wäre nicht absehbar gewesen, wie die Dunklen Lords auf die Tötung eines der ihrigen durch die Hand eines Schülers reagiert hätten. Will man seinen Meister hintergehen, dann sollte man zuvor sicherstellen, dass es keinen anderen Lord oder Darth mehr gibt, der ihn unterstützt und seinen Tod später rächen könnte“, erklärte er mit auf dem Rücken verschränkten Händen. „In deinem Fall darf man dich beglückwünschen. Ich kann diejenigen, die mich unterstützen, an einer Hand abzählen. Du wirst also auf keinen nennenswerten Widerstand innerhalb der Führungsriege der Sith stoßen, wenn du mich eines Tages zu hintergehen versuchst.“

Sein letzter Satz war wie ein Paukenschlag. „Ihr … erwartet schon jetzt, dass ich Euch einmal zu töten versuche?“, fragte sie mit erschrocken hoher Stimme. Da war sie wieder, diese blinde und wilde Angst davor, schon längst von ihm durchschaut worden zu sein und nur noch als Ball in einem psychologischen Spielchen zu fungieren.

„Du bist kein kleiner Handlager oder Vollstrecker. Du hast das Potenzial, eines Tages zum Darth aufzusteigen. Früher oder später wird der Zeitpunkt kommen, an dem du dich für ebenbürtig hältst. Ob du es dann auch bist, wird sich in dem Kampf zeigen, den wir uns dann liefern werden, so wie unser Kampf gegen Kao Cen Darach einst gezeigt hat, dass ich vermochte, woran mein eigener Meister scheiterte. Wie hätte ich danach noch sein Schüler sein und ihn als meinen Meister anerkennen können? Mit seiner Niederlage hatte er seine Autorität über mich eingebüßt. Sein Tod war lediglich der Preis seines Versagens, die Folge seiner Unfähigkeit, den Sieg zu erlangen.“ Noch während er sprach, war sein Blick in eine imaginäre Ferne gewandert.

„Nur den Sieg über die Jedi oder auch den Sieg als Voraussetzung, um seine Ketten zu brechen?“, hakte Violet, seiner früheren Worte gedenkend, nach.

Ihre Frage ließ Malgus düster grinsen, als er leicht nickte. „Beides.“

„Dann habt Ihr ihn nicht aus Missgunst oder Machtgier getötet, sondern aus Prinzip?“ Auch das war weniger eine Frage als eine Erkenntnis.

„Sein Tod hatte natürlich auch zur Folge, dass der Ruhm der Rückeroberung Korribans mir zufiel. Aber das war in diesem Augenblick nebensächlich. Es hat mich erzürnt und angewidert, dass er nicht nur scheiterte, sondern sich sein Scheitern nicht einmal eingestand und so zumindest den Grundstein gelegt hätte, um den Sieg zu einem späteren Zeitpunkt zu erlangen. Er hatte unseren Kodex nicht länger befolgt und war des Titels eines Sith-Lords somit nicht mehr würdig.“

Nun nickte auch Violet. „Habt Ihr den Kodex stets befolgt, Meister?“, fragte sie, einer unwiderstehlichen Eingebung der Neugier folgend, weiter.

„Hat man dir schon einmal gesagt, dass du sehr neugierig bist, meine Schülerin?“, konterte er mit erhobenen Augenbrauen.

Sie biss sich kurz auf die Unterlippe, bevor sie so selbstbewusst wie möglich erwiderte: „Es wäre doch töricht, nicht so viel wie möglich von Euch zu lernen, bevor ich es Euch eines Tages gleichtun werde?“

Wieder verzerrte ein düsteres Schmunzeln sein vernarbtes Gesicht. „Kluges Mädchen“, murmelte er. Noch einmal musterte er sie eindringlich, ganz als wollte er feststellen, ob ihre erste Lektion auch gefruchtet hatte. „Geh‘ jetzt schlafen. Du siehst erschöpft aus.“

Diesmal widersprach Violet nicht. Dass sie nach diesem Tag, der an Sonderlichkeiten nicht gerade arm gewesen war, nunmehr mit ihren Kräften ans Ende gelangte, konnte sie selbst nicht leugnen, und so verbeugte sie sich, bevor sie den Raum verließ. Das Gewicht des Doppellichtschwerts stellte sich als überraschend schwer heraus, als sie schließlich in ihrem Zimmer ankam und es behutsam auf ihrem Nachttisch ablegte. Was sie davon halten sollte, die Waffe seines einstigen Meisters bekommen zu haben, den er doch selbst getötet, wusste sie noch immer nicht. Sie wusste ebenso nicht, durch welch seltsame Wendungen des Schicksals sie ihren Weg ausgerechnet in die Position als seine Schülerin gefunden hat. In dem Augenblick, als sie sich auszog und nackt ins Bett schlüpfte, war ihr das zum ersten Mal an diesem Tag auch herzlich egal. Ein Grinsen stahl sich über ihr Gesicht, als sie die Bettdecke höher zog und sich wie eine Katze zusammenrollte. Es war schon sehr lange her, dass sie in einem richtigen Bett geschlafen hatte, und sie konnte sich nicht entsinnen, schon einmal in einem so weichen und großen Bett gelegen zu haben. Vielleicht hat das Sith-Leben auch seine Vorteile, schoss es ihr durch den Kopf. Dabei musste sie erneut grinsen, doch es lag ein bitterer Ausdruck darin.

Chapter Text

Laut hallten ihre Schritte von den hohen Wänden wider, während sie langsam die Eingangshalle des Jedi-Tempels durchschritt. Ein schimmerndes Zwielicht herrschte, wie die ersten Sonnenstrahlen, die den Morgennebel durchbrachen. Sie war nicht allein; Hunderte von Jedi säumten den breiten Korridor, den sie entlangschritt, und auch auf der Balustrade, von der aus man von den oberen Stockwerken die weitläufige Halle überblicken konnte, stand ein Jedi neben den anderen Jedi. Kein einziger ließ sie aus den Augen, jeder von ihnen hatte die Hand auf sein Lichtschwert gelegt. Dennoch ging Violet weiter. Jeder Schritt unter dieser vollkommenen Überwachung fühlte sich schwer wie Durastahl an und kostete sie von Mal zu Mal mehr Kraft. Schwer keuchend, der Erschöpfung nahe, erreichte sie schließlich das Ende der Eingangshalle, wo die Schale mit dem Ewigen Feuer vor den gewaltigen Statuen der Ordensgründe brannte, jenem Feuer, das in der Philosophie der Jedi die Macht repräsentierte, die man wie eine Flamme von einem zum anderen weiterreichen und somit die Stärke der Macht in der Welt erhöhen konnte. Vor der Feuerschale standen die Mitglieder des Hohen Rates, die ihr gefasst entgegenblickten. Ihre Mienen verrieten, dass sie sie wiedererkannt hatten, doch sie konnte kein Wohlwollen in ihren Blicken erkennen, sondern nur den unerbittlichen Entschluss, sie hier nicht mehr willkommen zu heißen. Der Schmerz, der Violet in diesem Moment überkam, bohrte sich wie ein Messer in ihre Brust, und die klaffende Wunde, die diese Ablehnung verursacht hatte, verbreitete sich zu einem Abgrund in ihr, aus der eine Dunkelheit entströmte, die das zarte, weiche, schimmernden Licht, das die Halle erleuchtet hatte, gierig verschlang.

Als sie die Stufen erklommen hatte und dem Hohen Rat nun von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, suchte sie instinktiv den Blick ihrer einstigen Meisterin. Doch auch in Satele Shans Miene lag der harte Ausdruck der Ablehnung. „Du hättest nicht hierherkommen sollen“, sprach sie. Dabei klang ihre Stimme wie aus weiter Ferne und hallte wie ein Echo von den hohen Wänden wider.

„Ich hatte solche Sehnsucht“, flüsterte Violet. „Ich habe Euch so vermisst.“ Sie schniefte, als erste Tränen über ihre Wangen rannen.

„Warum hast du mein Angebot, mich nach Tython zu begleiten, dann zurückgewiesen?“

Das sichtbare Unverständnis in ihrem Blick ließ Violet verzweifelt den Kopf schütteln und schließlich vor Satele auf die Knie sinken. „Ich liebe Euch wie eine Mutter, aber ich kann nicht vergessen, was das Imperium uns angetan hat. Ich …“, ihr Atem stockte für einen Moment, „ich kann mir selbst nicht verzeihen, dass ich versagt habe und die Jünglinge nicht beschützen konnte.“

Zwar schwieg Satele daraufhin, doch immerhin wich ihre strenge Miene einem weicheren Blick, als sie die Hand hob und Violets Wange berührte. Die zärtliche Geste ließ letztere die Augen schließen und leise seufzen, als sie sich dem flüchtigen Gefühl der kindlichen Geborgenheit hingab. Erst ein erschrockener Laut aus dem Mund ihrer früheren Meisterin ließ sie wieder aufsehen, und voller Entsetzen starrte auch sie Sateles Hand an. Innerhalb von Sekundenbruchteilen wurde die Haut gräulich-fahl wie bei einer Leiche und ihre Adern traten schwärzlich unter der Haut hervor. Damit nicht genug, bereitete sich dieser Effekt immer weiter ihrem Arm entlang aus. Was auf den ersten Blick wie eine Krankheit wirkte, war tatsächlich die physischen Folgen der Korruption durch die Dunkle Seite. „Was hast du nur getan?“, sprach die Großmeisterin, die Augen in wilder Panik geweitet. „Was hast du uns nur angetan?“

Violet war unterdessen von ihr zurückgewichen und sah sich nun panisch um. Die Verderbnis, die von ihr ausging, hatte nicht nur die Großmeisterin und die anderen Mitglieder des Hohen Rats erfasst, sondern auch sämtliche anwesende Jedi. Ein Meer aus gequältem Stöhnen umgab sie, als ein Jedi nach dem anderen von der Dunkle Seite verschlungen wurden. Vielen stürzten letztlich tot zu Boden, doch einige erhoben sich nach einigen Augenblicken wieder, das Gesicht totenbleich und mit glühend gelben Augen. „Meisterin …“, wisperte sie in ihrer Hilflosigkeit.

Nicht länger in der Lage, gegen die Macht der Dunklen Seite anzukämpfen, sank Satele letztlich auf die Knie. Instinktiv wollte Violet ihr zur Hilfe eilen, doch eine unbekannte Macht, gleich zwei schweren Händen auf ihren Schultern, hielt sie zurück. Wieder keuchte die Großmeisterin entsetzt auf, doch diesmal war ihr Blick auf Violet gerichtet. Genauer gesagt, auf die Stelle unmittelbar hinter Violet. „Bei der Macht …“, flüsterte sie tonlos. In diesem Moment wurde sich auch Violet einer anderen Präsenz bewusst, einer Präsenz, die solch tödliche Kälte und lähmende Furcht ausstrahlte, dass sie zu keiner Bewegung mehr fähig war. Mit letzter Kraft streckte Satele ihre Hand aus, Violets Ärmel ergreifend, und versuchte, sie dieser Aura zu entreißen. Doch ihre Bemühungen waren vergeblich, und so starb die Großmeisterin des Jedi-Orden einen stummen Tod. Währenddessen hatten sich all jene Jedi genähert, die die Verderbnis durch die Dunkle Seite überlebt hatten und zu Sith geworden waren, und knieten vor Violet nieder.

Unterdessen kämpfte diese verzweifelt gegen die fremde Präsenz an, die ihren Geist und Körper zu überwältigen drohte. Das Gelächter, das daraufhin in ihren Ohren erklang, war so stumpf und gefühllos, als käme es aus einem Grab. „Dein Widerstand ist sinnlos, kleiner Jedi, genau wie dein Bestreben, die Sith und das Imperium zu vernichten. Stattdessen wirst du mein Werkzeug sein, um die Galaxis in Schmerz und Tod zu ertränken. Unzählige Leben wirst du in meinem Namen auslöschen und ich werde mir ihr Leid und ihre Qual einverleiben, bis die Galaxis ein toter Ort ist. Dann werde ich dir die Erlösung des Todes schenken, nach der es dir im tiefsten Winkel deines Herzens so sehr verlangt, und ich werde ewig sein.“

„Niemals“, keuchte Violet. Doch das Gefühl der Hände auf ihren Schultern wurde schwerer und schwerer, bis sie glaubte, unter der Last zermalmt zu werden. Mit letzter Kraft versuchte sie, zumindest ihren Kopf zu drehen, um das Wesen, was auch immer ihren Körper und Geist in Besitz nahm, erkennen zu können. Es knirschte und knackte, als würden unter der Anstrengung sämtliche ihrer Halswirbel brechen, als sie ihren Kopf zur Seite wandte. Nach dem, was sich wie eine Ewigkeit unter tausend Qualen anfühlte, schaffte sie es endlich, über ihre Schulter zu lugen.

Und als sie des Gesichtes ansichtig wurde, das sich hinter ihr aus den Schatten schälte, ein Gesicht, das eine Manifestation aller Verdorbenheit der Dunklen Seite war, da stieg ein so entsetzter Schrei in ihrer Kehle auf, dass sie ihn noch zu hören meinte, als sie aus dem Schlaf hochfuhr. Erschrocken sah sie sich um, doch konnte nichts Ungewöhnliches feststellen. Ihre Kleider vom Vortag lagen noch immer unordentlich auf dem Sofa, wo sie sie gestern Abend hingeworfen hatte, und ihre neue Waffe ruhte unbewegt auf dem Nachttisch neben dem Bett. Noch einige Minuten blieb sie im Schneidersitz auf dem Bett sitzen, wartete, bis sich ihre Atmung wieder beruhigt hatte, dann stand sie langsam auf und streckte sie schläfrig. Zu ihrer Ernüchterung musste sie feststellen, dass es noch immer oder schon wieder regnete, als sie die langen Vorhänge aufzog und einen grau-trüben Tag enthüllte.

In aller Ruhe begab sie sich dann ins Bad, und als sie wieder zurückkam, setzte sie sich nochmals aufs Bett, wo sie mit leerem Blick ihre Gedanken wandern ließ. An ihren Traum konnte sie sich bereits jetzt nur noch bruchstückhaft erinnern und die Geschehnisse des gestrigen Tages kamen ihr im Rückblick wie eine endlose Abfolge von Episoden vor, von der sich eine so absurd wie die andere angefühlt hatte. Was das alles wirklich so passiert, wie sie es in Erinnerung hatte? War sie wirklich von ausgerechnet dem Mann zur Schülerin erwählt worden, der sie einst hingerichtet hatte? Es klang einfach zu unglaublich, um wirklich wahr sein zu können, und doch war es so. Und noch etwas hatte sich unmerklich verändert, das ihr erst jetzt ins Bewusstsein trat: Hatte sie zuvor eine Mischung aus glühenden Hass und blinder Angst gelähmt, sobald sie an Darth Malgus dachte, so waren diese Empfindungen einem anderen Gefühl gewichen: Nämlich Verwirrung. Sie hatte stets ein bestimmtes Bild vor Augen gehabt, wie sich ein Dunkler Lord der Sith wohl Untergebenen gegenüber verhalten würde, das Bild eines brutalen Herr über gequälte Sklaven und das eines Tyrannen gegenüber allen nicht-machtsensitiven Imperialen. Die Realität – die Abwesenheit von geknechteten Zwangsarbeitern, der befehlende, aber ansonsten nicht unfreundliche Ton, den er den Pattows gegenüber anschlug, und nicht zuletzt seine allem Anschein nach aufrichtige Zuneigung zu seinem Tuk’ata – hatte Violets Vorstellung über seine Person gründlich durcheinandergebracht. Es irritierte sie zutiefst, festzustellen zu müssen, dass auch er nur ein Mensch war.

Sie gähnte nochmals laut auf und war schon versucht, sich noch für eine halbe Stunde ins Bett zu kuscheln, als sie des Chronometers ansichtig wurde, das auf dem Kamin stand und die Uhrzeit in holographischer Form über sich projizierte. Es war kurz vor 11 Uhr. Sie blinzelte, doch die Uhrzeit änderte sich keineswegs. Dann sprang sie wie von einem kowakianischen Echsenaffen gekniffen auf und schlüpfte in Windeseile in die schlichte schwarze Hose und den schwarzen, hochgeschlossenen Pullover. Sie nahm sich keine Zeit mehr, ihre Haare wie gewöhnt zu einem Knoten zusammenzustecken, sondern zog nur noch geschwind die hohen Stiefel an. Im Hinauslaufen rief sie noch ihr neues Lichtschwert mithilfe der Macht in ihre Hand und hackte es in ihren Gürtel ein.

Mit fliegenden Schritten rannte sie den Flur entlang und schwang sich dann über das Geländer, um freiweg hinunter ins Erdgeschoss zu springen. Ihre unkonventionelle Abkürzung ließ den Haushaltsdroide, der in aller Ruhe Staub gesaugt hatte, mit seinem steifen Gestell vor Schreck beinahe nach hinten umfallen. „Mein Sith-Lord, ich … ich …“, stammelte er mit erhobenen Händen.

„Wo ist Lord Malgus?“, unterbrach ihn Violet hektisch.

„Oh, ich weiß nicht, mein Sith-Lord. Man hielt es offenbar nicht für notwendig, mich darüber in Kenntnis zu setzen. Aber vielleicht kann Euch Mistress Pattow –“

Doch Violet war schon weitergelaufen, an Salon vorbei und ins Esszimmer, wo sich noch eine weitere Tür befand, hinter der sich die Anwesenheit nicht-machtsensitiver Lebewesen spüren konnte. Als sie sich näherte, hörte sie zudem Stimmen, die sie als die der Pattows erkannte. In ihrer Eile nahm sie sich keine Zeit, der Höflichkeit halber anzuklopfen, sondern stürmte direkt hinein. „Wo ist Darth Malgus?“, keuchte sie, gefolgt von einem hilflosen „Ich hab‘ verschlafen.“

Nestor, der am Küchentisch saß und auf einem Pad seine Zeitung gelesen hatte, und Berit, die eine Schürze trug und dabei war, einen Kuchen zu backen, warfen sich einen halb erschrockenen, halb überrumpelten Blick zu, bevor sie beide auflachten. „Oh, keine Sorge, mein Lord“, sprach die Haushälterin dann. „Obwohl ich zugeben muss, dass ich schon einmal versucht war, Euch von SE4 wecken zu lassen.“

Ihre Heiterkeit sprang keineswegs auf Violet über, an die sich nun ihr Mann wandte. „Mein Lord“, sagte er mit einer leichten Verbeugung, „Darth Malgus hat mich angewiesen, Euch heute nach Kaas City zu begleiten, um alle notwendigen Formalitäten zu regeln, wie Eure Einbürgerung ins Imperium und die Eröffnung eines Bankkontos. Als Sith-Schüler müsst Ihr schließlich solvent sein“, setzte er auf ihren irritierten Blick nach.

„Aber … ich habe gar keine Credits“, erwiderte sie perplex. Doch Nestor hob nur beschwichtigend die Hand. „Es ist mir nicht recht, dass …“, fing sie aus Verlegenheit an und geriet dann ins Stocken.

„Einen Schüler mit allen Notwendigkeiten auszurüsten, gehört zu den Pflichten eines jeden Meisters“, kam der Verwalter jeden Einwand ihrerseits zuvor. „Wenn es Euch recht ist, werden wir in gut einer Stunde aufbrechen?“

„Natürlich“, nickte sie zustimmend.

„Was möchtet Ihr frühstücken? Omelett? Sandwiches? Pfannkuchen?“, fragte Mrs. Pattow dann, noch während ihr Mann sein Pad zusammenpackte und ins Büro hinüberging.

Violet zuckte mit den Schultern. „Eigentlich … am liebsten alles. Und … einen starken Kaffa?“, sagte sie zögerlich.

Die Haushälterin schmunzelte daraufhin auf ihre feine, elegante Art. „Sehr gerne. Geht doch ruhig schon ins Speisezimmer hinüber, mein Lord, ich bringe Euch dann das Frühstück.“

Sie nickte und begab sich in den angrenzenden Raum hinüber. An der langen Tafel Platz nehmend kam sie sich seltsam verloren vor. Nach dem ersten Schreck über die Annahme, verschlafen zu haben, überkam sie jene Müdigkeit und Trägheit, mit der sie schon immer unmittelbar nach dem Aufstehen zu kämpfen hatte, und so genoss sie es, stumm und ungestört dasitzen zu können, während sie geistig noch ein wenig döste. Allerding fuhr sie zum zweiten Mal heute zusammen, als ein schriller, weiblicher Schrei die friedliche Stille durchschnitt. Der Stuhl fiel freiweg um, als Violet hektisch aufsprang. „Was ist?“, fragte sie atemlos, das Lichtschwert gezückt und schon entzündet, kaum hatte sie die Küche betreten.

Mrs. Pattow, ein wenig fahl im Gesicht, winkte ab, während sie sich mit einem feinen, kleinen Stofftaschentuch Luft zufächelte. Violet folgte ihrem Blick hinüber zur Tür, die nach draußen hinters Haus führte. Auf der Schwelle lag ein ausgerissener menschlicher Arm mit blutigem Stumpf und deutlichen Beißspuren, und davor saß Ragnos, das schneeweiße Fell voller Schlamm und Dreck, doch ansonsten so zahm und gehorsam wie das bravste Schoßhündchen. Kaum hatte er Violet entdeckt, fiepte er wie ein Welpe, bevor er den Arm packte und ihn ihr treuherzig vor die Füße legte. Dann setzte er sich und wartete hechelnd und mit zur Seite geneigten Kopf darauf, nun ausgiebig gelobt zu werden. „Dieser Hund“, murmelte Mrs. Pattow stattdessen, während sie sich einige Schweißperlen abtupfte, die sich auf ihrer Stirn gebildet hatten.

„Ich hoffe, das war nicht der Postbote?“, fragte Violet, als sie den Arm vorsichtig, aber ohne Ekel hochhob und wieder zur Hintertür hinauswarf. Ragnos bellte auf und rannte ihm hinterher. Er schien es offenkundig für ein Spiel zu halten, da er nur wenige Augenblicke später zurück in die Küche kam und ihr erneut den Arm zu Füßen legte.

„Ihr habt einen makabren Humor, mein Lord.“ Berit sah ihr zu, wie sie dem Arm erneut wie ein Stöckchen zur Tür hinauswarf. Bevor Ragnos aber wieder hereinkommen konnte, hatte Violet die Tür geschlossen.

„Die Frage war eigentlich nicht als Scherz gedacht“, erwiderte sie dann, obwohl sie noch immer damit kämpfte, ein Grinsen zu unterdrücken. Die Situation war zu absurd gewesen, um nicht einen boshaften Witz zu reißen. Ihre Neigung zum Zynismus war eine weitere Charaktereigenschaft gewesen, die sie in den Augen vieler Meister für einen Jedi disqualifizierte. Nun, von den moralischen Zwängen des Jedi-Ordens befreit, sah sie keinen Grund mehr, diese Eigenheit weiter zu unterdrücken.

Berit atmete tief durch, bevor sie antwortete. „Nun, ich vermute, dass das entweder einer von Grathans Männer war oder zu jener Einheit gehört, die Grathan belagern. Lord Grathan widersetzt sich augenblicklich offen dem Dunklen Rat und hat sich selbst zum dreizehnten Ratsmitglied ernannt. Sein Anwesen liegt nicht weit von hier, ein paar Meilen in westlicher Richtung, jenseits des Kaas Rivers“, fügte sie auf Violets fragenden Blick hinzu.

„Für eine Belagerung ist es aber ziemlich ruhig.“

„Wartet nur ab, bis sie wieder die Artillerie einsetzen. Dann werdet Ihr nachts kein Auge mehr zu–“ Sie unterbrach sich, als ihnen ein verbrannter Geruch in die Nase stieg, die von der Pfanne auf dem Herd herrührte. „Dieser fürchterliche Hund“, schimpfte die Haushälterin erneut, während sie den mittlerweile schwarzen Pfannkuchen entsorgte. „Verzeiht, mein Lord. Für gewöhnlich funktionieren alle Haushaltsabläufe tadellos.“ Sie seufzte dabei und tupfte sich mit ihrem Taschentuch die Stirn ab. Diese so distinguierte Geste ließ Violet erneut breit grinsen. „Bitte, Ihr müsst hier nicht warten, ich werde Euch gleich den Kaffa ins Speisezimmer hinüberbringen“, setzte sie nach, als Violet am Küchentisch Platz nahm und die dort stehenden Tassen zusammenräumte.

„Es macht mir nichts aus, hier zu essen“, erwiderte sie schlicht. „Sofern es Sie nicht stört.“

„Ihr seid sehr rücksichtsvoll. Für einen Sith, meine ich“, antwortete Berit dann, nachdem sie sich für einen Moment erstaunt gemustert hatte.

„Ich wusste nicht, dass ein Sith zwangsweise unhöflich sein muss. Lord Malgus scheint Sie auch … normal zu behandeln.“

Mrs. Pattow nickte schmunzelte, während sie sich daran machte, neue Pfannkuchen auszubacken. „Das stimmt. Wir können uns diesbezüglich keineswegs beklagen, gerade wenn man bedenkt, dass viele Lords bei ihren Bediensteten nur selten einen Unterschied zwischen Sklaven und uns imperialen Bürgern machen. Es liegt sicher auch daran, dass zumindest ich schon länger in diesem Haus lebe als Seine Lordschaft.“

„Wie das?“, hakte Violet erstaunt nach.

„Meine Eltern waren bereits für Darth Vindican, den Meister Seiner Lordschaft, als Verwalter tätig. Dieses Haus ist damit sozusagen auch mein Elternhaus. Und nach Lord Vindicans Tod haben zuerst meine Eltern und dann Nestor und ich Lord Malgus gedient.“ Ein nachdenkliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, während sie den Blick in die Ferne richtete, als dächte sie an ein lang zurückliegendes Ereignis.

„Ehrlich gesagt habe ich das Gefühl, dass Sie hier mehr zu sagen haben, als der Meister selbst.“

Da lachte Berit auf. „Nun … ich will nicht leugnen, dass ich jemand bin, der gerne das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Außerdem habe ich damals, als Seine Lordschaft als Schüler in dieses Haus kam, gleich klargestellt, wer hier das Sagen hat, indem ich ihn ziemlich streng und direkt darauf verwies, dass hier Zucht und Ordnung herrscht und er sich gefälligst daran zu halten habe.“

„Und das hat er sich bieten lassen?“, sagte Violet dann, die Augenbrauen ungläubig erhoben.

„Er war fünfzehn und ich schon neunzehn. Damit lag die Autorität eindeutig auf meiner Seite.“

Nun lachte auch Violet auf. „Ich habe mir das Heim eines Sith immer ganz anders vorgestellt“, sprach sie dann. „Als eine Art düstere Festung mit vielen Soldaten und Kriegern und dazwischen unzählige Sklaven …“ Sie zuckte mit den Schultern und schüttelte dabei den Kopf. „Hatte der Meister denn nie Sklaven?“

„Doch, es gab hier Sklaven, aber das ist lange her. Seit Miss Eleena …“ Da brach die Haushälterin abrupt ab. „Aber das ist eigentlich auch nicht so wichtig“, gab sie dann zur Antwort. Gerade das glaubte ihr Violet aber nicht, und die Erwähnung dieses Namens hatte ihr Interesse geweckt, das sie in diesem Moment aber zügelte. Sie konnte es schließlich nicht riskieren, dass die Haushälterin bei allzu direkten Fragen nach den Lebensumständen ihres Meisters misstrauisch werden und ihr im schlimmsten Fall noch unterstellen würde, etwas im Schilde zu führen. Also richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Teller mit den Pfannkuchen, die sie mit Marmelade und Schlagsahne zu füllen begann, während Mrs. Pattow ihr noch Speck und Spiegeleier herausbriet. Stille herrschte zwischen beiden Frauen, während Violet aß und Berit dann ebenfalls am Tisch Platz nahm und sich wieder ihrer Handarbeit widmete. Beiläufig folgte Violet den geübten Bewegungen ihrer Hände, doch blinzelte dann, als sie sich des Kloßes in ihrem Hals und des beklemmenden Gefühls in ihrer Brust bewusst wurde. „Ist alles recht, mein Lord?“, fragte die Haushälterin nach, als Violet sie nur unverwandt anstarrte.

Diese nickte rasch und würgte den Bissen hinunter. „Ich … Sie haben mich gerade an meine Mutter erinnert …“ Ein Lächeln bildete sich langsam auf Berits Gesicht, so warm und herzlich, dass das Gefühl der Beklemmung in Violets Brust nur noch zunahm. „Haben Sie eigentlich Kinder?“, fragte sie plötzlich.

Mrs. Pattows Lächeln schwand daraufhin. Es verblasste nicht, doch bekam einen bitteren Zug. „Wir haben … hatten … haben vielleicht noch eine Tochter“, antwortete sie schließlich. So neugierig Violet auch war, so deutlich spürte sie, dass sie hier auf einen wunden Punkt getroffen war, der die Fassade der ansonsten stolzen und selbstbewussten Frau zum Bröckeln bringen würde. „Ihr erinnert mich an sie“, erzählte sie plötzlich. „Avril hatte auch die Macht, wisst Ihr. Sie war vierzehn, als wir sie nach Korriban schicken mussten … Aber das ist lange her, mehr als fünfundzwanzig Jahre …“

„Haben Sie … nichts mehr von ihr gehört?“, fragte Violet vorsichtig nach.

Berit schüttelte leicht den Kopf. „Aber das muss nichts heißen. Sith, die nicht-machtsensitiven Familien entstammen, kehrten in der Regel nicht mehr zu ihren Familien zurück, wenn sie einmal ihren Sith-Namen angenommen haben und in die Gemeinschaft der Sith aufgenommen worden sind. Wer weiß, ob unsere Avril mittlerweile vielleicht sogar ein hochrangiger Sith-Lord ist …“

„Bestimmt ist sie das“, entgegnete Violet. Das Lächeln, das sie ihr schenkte, war so gänzlich verschieden von ihrem vorherigen Grinsen. Statt des spöttischen Untertons war es warm, weich, sogar freundlich und sanft. Hätte Berit Pattow um ihre Vergangenheit gewusst, so hätte sie nun erkannt, dass sie in diesem Moment dem wenigen begegnete, das von der einstigen Padawan-Schülerin übrig war. Violet hingegen verschwieg bewusst die Tatsache, wie unwahrscheinlich es war, dass ihre Tochter die Ausbildung auf Korriban überlebt hatte, denn durchschnittlich bestanden nur rund dreißig Prozent aller Anwärter die Prüfungen und von diesen wurde wiederum nur jeder Dritte und Vierte von einem Lord oder einem Darth als Schüler angenommen.

Stumm aß sie dann weiter, während sich Berit wieder ihrer Handarbeit widmete, nachdem sie sich die Augenwinkel abgetupft hatte, die feucht glänzten. „Vielen Dank“, sprach Violet dann, nachdem sie bis zum Platzen gefüllt das Besteck beiseite legte. „Es war köstlich.“  

„Es freut mich, dass zumindest einer meine Bemühungen zu schätzen weiß.“ Da war es wieder, dieses vornehme Lächeln, das sie so stolz und elegant wirken ließ. „Mein Mann wird sich wohl im Büro befinden. Geht einfach von der Eingangshalle aus an der Bibliothek vorbei.“

„Bis später“, verabschiedete sich Violet. Sie holte zuvor noch ihren langen, schwarzen Mantel aus dem Zimmer, bevor sie sich wieder hinunter ins Erdgeschoss begab.

„Mein Lord …“ Nestor Pattow nahm seine Brille ab und verbeugte sich leicht, als er sich bei Violets Eintritt vom Schreibtisch erhob. Neugierig sah sie sich um, musterte dabei die vielen Akten in den hohen Schränken. „Wenn es Euch recht ist, dann können wir in ungefähr zehn Minuten aufbrechen.“

„Natürlich …“ Sie blickte sich erneut um und verfolgte dann leise seufzend, wie der Regen noch immer gegen die hohen Fenster prasselte. „Wenn ich fragen darf: Was ist Ihre genaue Aufgabe?“, sprach sie dann neugierig.

„Konkret kümmere ich mich um alle administrativen Belange von Lord Malgus‘ Vermögen und Besitz“, antwortete er, noch während er ein Dokument las. „Wenn Ihr es wünscht, werde ich auch für Euch die Verwaltung Eurer zukünftigen Besitztümer übernehmen. Eure Dienste für das Imperium werden schließlich mit Prämien belohnt, die wiederum wie alle Kapitelerträge besteuert werden müssen. Allerdings kann man diese Abgaben mit einer sorgfältigen Vermögensplanung auch entsprechend minimieren“, setzte er mit einem leisen Lächeln nach. „Außerdem könnt Ihr später als Lord auch Lehen erhalten, Grundbesitz oder auch Eigentumsanteile an staatlichen Wirtschaftsunternehmen. Meist sind diese Lehen nicht vererblich, aber es gibt auch Schenkungen, die für außergewöhnliche Leistungen vom Imperator selbst gewährt werden.“

All das war Violet nicht bekannt gewesen, und sie hatte sich bis jetzt auch noch nie gefragt, woher das Vermögen eines Sith-Lords konkret rührte. Wieder etwas, dass sie nicht gewusst hatte, wieder etwas, das so ganz anders als früher bei den Jedi war. In diesem Moment kam Violet ihr früheres Leben wie ein ferner Traum vor, dessen Erinnerungen immer schneller verblassten. „Es ist so komisch“, murmelte sie plötzlich.

„Mein Lord?“, hakte der Verwalter erstaunt nach.

„Ich meine, alles hier …“, sie machte eine raumergreifende Geste, „wirkt so ruhig, beinahe friedlich … normal eben.“

Mr. Pattow schmunzelte daraufhin auf seine zurückhaltend-ruhige Art. „Ihr hattet wohl eine recht abenteuerliche Vorstellung davon, wie das Imperium im Inneren funktioniert?“

„Die hatte ich wohl …“, gestand sie nachdenklich. „Aber wie kommen Sie darauf?“

„Seine Lordschaft hat uns heute Morgen darüber informiert, woher Ihr ursprünglich kamt.“

Ein kurzes, freudloses Grinsen verzog für einen Moment ihr Gesicht. „Denken Sie jetzt besser oder schlechter von mir, wenn Sie nun wissen, dass ich nicht immer eine Sklavin war, dafür aber aus der Republik stamme?“

„Mein Lord …“, murmelte der Verwalter. Ihre forsche Frage hatte ihn sichtlich überrumpelt. „Ich habe zuvor nicht schlecht von Euch gedacht und denke nun ebenso wenig schlecht von Euch.“

„Auch nicht, solange Sie glaubten, ich sei eine ehemalige Sklavin? Die meisten imperialen Bürger scheinen für Sklaven nicht viel übrig zu haben …“

Mr. Pattow zuckte daraufhin mit den Schultern, aber nicht auf die Art und Weise, die Langeweile und Teilnahmslosigkeit ausdrückte. Etwas Resigniertes lag in dieser Geste, als wollte er ebenfalls damit sagen, dass er diese Haltung nicht nachempfinden könne. „Sie weichen mir mit einer Antwort aus“, sagte Violet, die ihn scharf beobachtet hatte, dann.

„Nun …“ Wieder zögerte er, als wollte er zuerst genau überlegen, was er erwidern würde. „Ihr müsst wissen, dass ein Elternteil von mir ebenfalls der Sklaverei entstammt.“

Diese Nachricht sorgte, wie wohl von ihm erwartet, für einiges Erstaunen bei Violet. „Und dennoch haben Sie es so weit geschafft? Ich meine, als Verwalter für einen Sith-Lord zu arbeiten, scheint keine schlechte Stelle zu sein …“

„Ich hatte Glück. Viel Glück, muss man wohl sagen. Meine Mutter war ihrerseits bereits als Sklavin geboren, während mein Vater ein freier Bürger und stolzer Offizier war. Sie war viele Jahre jünger als er und ist ihm von seinem Sith-Vorgesetzten …“, er suchte nach einem passenden Ausdruck, „nun, geschenkt worden. Als sie schließlich schwanger wurde – was sicherlich so nicht geplant war –, hat mein Vater aber dann Courage bewiesen und ihr nicht nur die Freiheit gegeben, sondern sie auch geheiratet. Aus karrieretechnischer Sicht war es natürlich der größte Fehler seines Lebens, denn sein Vater entzog ihm aufgrund der Mesalliance wutentbrannt jede Unterstützung und verwies ihn des Hauses. Als Major war er natürlich nicht schlecht gestellt, aber er erlangte niemals mehr einen höheren Rang. Dafür, so könnte man einwenden, hatte er ein glückliches Privatleben. Zumindest machte er einen glücklichen Eindruck, wenn er bei uns war, was nicht oft vorkam.“ Noch während er erzählte, hatte Nestor seine Lesebrille abgenommen. Sein Blick, schwer von Erinnerungen, war in die Ferne gewandert. „Dennoch muss es für ihn schwer gewogen haben, dass sein einziger Sohn nicht in seine Fußstapfen hatte treten können. Damals, vor dem Ausbruch des Großen Krieges, wurden wesentlich höhere Anforderungen an die Anwärter gestellt, die zum imperialen Militär wollten. Sie mussten unter anderem auch ihre legitime Abstammung von freien Bürgern nachweisen, andernfalls – wenn ein Elternteil der Sklaverei entstammte – war es nur möglich, die Mannschaftsränge bis zum Sergeant aufzusteigen. Dementsprechend war für mich schon sehr früh klar, dass ich einen anderen Weg einschlagen würde, also habe ich lieber studiert. Und dabei dann meine Berit kennengelernt. Ihre Eltern waren wiederum weniger begeistert, als ihre einzige Tochter schließlich einen Sklavenabkömmling, wie sie mich nannten, heiraten wollte. Aber wenn sich Berit etwas in den Kopf gesetzt hat, dann bringt sie keiner davon ab.“ Wieder schüttelte er leicht den Kopf. Diesmal zierte aber ein warmes Lächeln seine Miene und ein Funkeln lag in seinen Augen, was diesen blassen und so biederen Mann auf einmal zehn Jahre jünger wirken ließ. „Verzeiht, mein Lord“, unterbrach er sich und auch Violet, in der er eine aufmerksame Zuhörerin gefunden hatte. „Noch einen Moment, dann wäre ich fertig. Das ist übrigens der Antrag für Eure Einbürgerung. Den anderen Antrag für Eure Kontoeröffnung habe ich schon ausgefüllt. Wenn Ihr nur noch unterschreiben würdet …“ Violet nahm den Füller entgegen und signierte nach kurzem Zögern die Flut an Dokumenten mit ihrem Sith-Namen. „Es ist wirklich ein Kreuz mit dieser Bürokratie …“, murmelte er dabei.

„Seien Sie lieber froh. Ohne sie wären Sie schließlich arbeitslos.“

Er sah sie irritiert an, bis sie langsam, aber dann übers ganze Gesicht grinste. „Ihr … könnt sehr desillusionierend sein, mein Lord“, gab er dann, ebenfalls leise grinsend, zurück.

„Dabei war ich früher mal ein wahrer Idealist …“ Sie zuckte mit den Achseln. Für einen Moment blickte etwas Ernstes, Hartes und schließlich Unglückliches in ihrer Miene auf. Doch bevor Mr. Pattow darauf hätte eingehen können, hatte sie sich schon auf den Weg zurück in die Eingangshalle gemacht.

 

Chapter Text

„Ich sage Euch, mein Lord, das ist nur die Spitze des Eisberges“, fuhr Nestor Pattow eifrig fort, während Violet noch immer über die Anekdoten kicherte, die er ihr nun schon während der gesamten Rückfahrt von Kaas City berichtete. Es hatte sie letztlich sehr erstaunt festzustellen, welch spitze Zunge und welcher Sinn für Ironie sich hinter der Fassade des nach außen hin so brav und bieder wirkenden Mannes verbargen. „Ihr müsst wissen“, sprach er weiter, „in der Schule, die ich als Kind besuchte, befanden sich ebenfalls an allen Ecken und Ende Tafeln und Banner, die den Ruhm des Imperiums priesen und damit die öffentliche Moral fördern sollten. So stand auch über den Eingang in großen Lettern: Das Imperium siegt! Und als ich an meinem ersten Tag nach Hause kam und mein Vater mich fragte, was ich heute gelernt habe, da sagte ich doch glatt: Das Imperium siecht! Verständlich, dass mein Vater nicht gerade begeistert darüber war“, setzte er nach, als sie erneut zu lachen begonnen hatte.

„Ich bin wirklich entsetzt, Mr. Pattow“, erwiderte sie daraufhin, ohne dass es ihr gelang, die strenge Miene aufrechterhalten zu können. „Sie sind ja ein wahrhaft subversives Element, das die Moral und die Autorität untergräbt. Weiß eigentlich mein Meister, wie Sie in Wahrheit über das Imperium denken?“

„Lord Malgus ist selbst jemand, der seine Meinung recht deutlich vertritt, wie Ihr noch feststellen werdet. Und wenn es jemanden gibt, der es wagt, öffentlich Kritik am Imperium zu üben, dann ist es ganz gewiss Seine Lordschaft.“

 „Er … kritisiert das Imperium?“, wiederholte Violet, die den Verwalter nun irritiert anstarrte. „Ich dachte immer, er sei einer der größten Helden des Imperium und stünde exemplarisch für alles, was das Imperium verkörpert.“

„Das ist soweit schon richtig“, bestätigte Nestor. Er drosselte das ohnehin gemächliche Tempo des Gleiters, als dieser das eiserne Tor zu Malgus‘ Anwesen passierte. „Und dennoch lässt Seine Lordschaft nur selten ein gutes Haar an den vielen Bräuchen und Traditionen der Sith. Er hält sie für antiquiert und den Grund, weswegen das Imperium es nicht schafft, die Republik in die Knie zu zwingen.“

Darauf antwortete sie nur mit einem nachdenklichen Brummen, während Pattow den Gleiter parkte. Eins ums andere Mal prasselte der kalte Regen auf sie nieder, den die Tatsache, dass auf dieser Hemisphäre von Dromund Kaas eigentlich Frühsommer herrschte, nicht zu interessieren schien. Im Gegensatz zum Verwalter, der noch einige Besorgungen auslud, die er für seine Frau gemacht hatte, beschränkte sich bei Violet das Ergebnis der heutigen Erledigungen auf zwei Kärtchen, die sie nun in einem kleinen Ledermäppchen mit sich führte. Das erste war ihr Ausweis, der sie als neue imperiale Bürgerin sowie als neues Mitglied des Sith-Ordens identifizierte, wie ihr von einem kleinen Beamten der Kaas-City-Verwaltung mitgeteilt worden war, den ihre Anwesenheit als Sith-Schülerin so nervös machte, dass er beinahe nur gestottert und sich immer wieder verhaspelt hatte. Die zweite Karte war dagegen etwas, das Violet auch persönlich die Bedeutsamkeit ihrer neuen Position empfinden ließ: Es war die Karte ihres neu eröffneten Bankkontos, auf das – wie Nestor Pattow ihr vertraulich versicherte – schon eine nicht geringe Menge an Credits transferiert worden war. Als zukünftige rechte Hand von Darth Malgus müsse sie schließlich solvent sein. Man stelle sich vor, welchen Eindruck es schinden würde, wenn sie als Schülerin eines so bedeutsamen Dunklen Lords und Repräsentanten des Imperiums mit leeren Taschen dastünde. Es gefiel ihr nicht, nach all den Wohltaten, die ihr gestern erwiesen worden waren, einmal mehr bei Malgus in der Schuld zu stehen, auch wenn Mr. Pattow ihr mehrfach versichert hatte, dass er damit schlicht und einfach seine Pflicht als ihr Meister erfülle. Andererseits war es auch ein erhebendes Gefühl, nach all den Momenten der Besitz- und Machtlosigkeit wieder in der Lage zu sein, über eigenes Geld ganz nach ihrem Belieben verfügen zu können.

Kaum waren sie die Türschwelle überschritten, die ihnen der treue Haushaltsdroide geöffnet hatte, wurde sie abrupt aus ihren Gedanken gerissen. „Mein Lord“, sprach Berit Pattow, die ihnen mit schnellen Schritten entgegenkam. Sie machte einen flüchtigen Knicks und auch die rötlichen Flecken auf ihren Wangen verrieten, dass sie etwas in Aufregung versetzt hatte. „Wie gut, dass Ihr wieder da seid! Ein anderer Sith-Lord ist in Eurer Abwesenheit angekommen und wollte Seine Lordschaft sprechen, der ebenfalls noch abwesend ist. Ihr müsst Euch daher des Gastes annehmen.“

„Ich?“, gab Violet überrumpelt zurück. „Aber … was soll ich denn sagen?“

„Ihr seid Lord Malgus‘ Schülerin. Als solche ist es Euer Recht und Eure Pflicht, im Namen Eures Meisters zu handeln und seine Interessen zu vertreten“, erklärte ihr Nestor, der sich von der Unruhe seiner Frau keineswegs anstecken ließ. „Begrüßt den Lord und erkundigt Euch dann höflich nach dem Grund seines Besuches. Ihr schafft das schon“, fügte er auf ihren unsicheren Blick hinzu.

Violet teilte diese Gewissheit keineswegs, aber ihr blieb nichts anderes, ihrer neuen Pflicht nachzukommen. Sie legte noch den Mantel ab und rückte das Doppellichtschwert, das sie stolz am Gürtel mit sich führte, so zurecht, dass es deutlich sichtbar war. Ihre langen, schwarzen Haare, die sie heute offen trug und die der Wind und Regen zerzaust hatten, gaben ihr in Verbindung mit ihren gelben Augen ein Aussehen, an das sie sich noch nicht gewöhnt hatte: Stolz, leidenschaftlich und sehr feminin. Einen Moment noch betrachtete sie sich im Spiegel, dann machte sie sich tief durchatmend auf den Weg in den Salon. „Bitte verzeiht, mein Lord, wenn Ihr warten musstet“, sprach sie, kaum dass sie eingetreten war. „Ich –“ Sie verstummte schlagartig, als sich der schlanke Mann, der bis dahin nachdenklich in die Flammen des Kamins gestarrt hatte, zu ihr herumwandte. Das Gefühl der Taubheit ergriff von ihr Besitz, als sie in das Gesicht blickte, das sie in vielen Nächten heimgesucht hatte, jenes Gesicht, das in der Dunkelheit vor ihrem inneren Auge immer dann aufgetaucht war, wenn sie ihr eigenes, bis heute unterdrücktes sexuelles Verlangen in aller Stille und Heimlichkeit befriedigt hatte.

Sein feines, elegantes Lachen, als er ihrer ansichtig wurde, ließ sie bis in ihr Innerstes beben. „Das also ist Malgus‘ neue Schülerin?“, sprach er. Starr wie ein Kaninchen im Angesicht der Schlange stand sie da, während er sie von Kopf bis Fuß musterte. Er ist es … Bei der Macht, auch noch er! Warum auch noch er? Das ist nicht gerecht … Bitte, ich kann nicht mehr … Warum hört es nicht auf? Warum werde ich so gequält? Ich will nur Frieden, es soll einfach aufhören … Ihre Sicht verschwamm, als Tränen in ihren Augen aufstiegen. Irgendwie schaffte sie es, sie wieder wegzublinzelten. „Nun“, fuhr der Sith-Lord mit einem Räuspern fort, als er unaufgefordert auf einem der Sofas Platz nahm, „ich bin Darth Adraas und überbringe eine Nachricht von Darth Angral, meinem Meister und Gönner. Er wünscht eine Unterredung mit Lord Malgus am morgigen Tag und werde ihm daher am frühen Nachmittag aufsuchen, sofern es ihm recht ist.“

„Ich … ich weiß nicht, ob mein Meister Zeit hat“, antwortete sie, nachdem sie den Kloß in ihrer Kehle hinuntergewürgt hatte. Das Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen gelang ihr aber nicht. „Aber ich werde es ihm ausrichten.“

„Als gehorsame Schülerin wirst du das ganz gewiss tun“, erwiderte er mit einem zweideutigem Lächeln. Sein Tonfall hingegen ließ Violet heiß-kalte Schauer über den Rücken rinnen. Als Schritte erklangen und Berit Pattow mit einem Tablett in Händen eintrat, wurde sie für kurze Zeit aus dem scharfen Fokus seiner tiefgelben Augen entlassen. „Ah, ich danke Ihnen, Madam“, fuhr er fort, als sie ihm und Violet Kaffa und kleine Dessertkuchen servierte. Wieder zierte dieses Lächeln sein Gesicht, das so charismatisch wie ironisch war.

„Meine Lords …“ Die Haushälterin machte vor beiden Sith eine eleganten Knicks, bevor sie sich zurückzog. In diesem Moment wäre Violet ihr am liebsten nachgelaufen, doch daran war nicht zu denken. „Es geziemt sich wohl für einen Schüler, in Gegenwart eines Dunklen Lords der Sith zu stehen“, sprach er weiter. „Allerdings wäre das höchst ungehörig bei einem so hübschen Mädchen. Bitte“, er wies sie mit einer Geste an, sich neben ihn auf das Sofa zu setzen.

Diese vermeintliche Höflichkeit steigerte bei Violet nur das Entsetzen. Mit Schritten, so langsam, als steckte sie in zähem Morast fest, ging sie auf ihn zu und nahm schließlich auf der äußersten Kante Platz. Ihr Verhalten, das man als Verlegenheit interpretieren konnte, ließ Adraas erneut leise lächeln. In ostentativer Ruhe nippte er erst einmal an seinem Kaffa, während er sie ein weiteres Mal derart eingehend musterte, dass Violet sich nunmehr sicher war, dass er sie zweifelsohne wiedererkannt haben musste. In so unmittelbarer Nähe betrachtete sie nun auch ihn. Und verdammt, er war noch immer dieser schöne Mann, als den sie ihm das erste Mal begegnet war, an jenen Tag, an dem sie mit ihrem alten Leben beinahe gestorben war. Damals verbarg sich unter seiner Maske ein Gesicht, das noch immer relativ jugendlich erschienen war. Heute, zehn Jahre später, war die Jugend markanten männlichen Zügen gewichen, unterstrichen durch den eleganten, feinen Bart, der Kinn und Oberlippe zierte. Sein kinnlanges, strohblondes Haar trug er hingegen noch immer auf diese lässige Art, als habe sie ein Windstoß gerade erst ein wenig durcheinandergebracht, und Violet überkam der instinktive Drang, wie damals ihre Hand auszustrecken und ihre Finger durch die Strähnen gleiten zu lassen. Nur seine Augen hatten damals wie heute dieselbe intensive, goldgelbe Farbe.

Ihre Betrachtung seiner Person endete abrupt, als er schließlich fortfuhr: „In der guten Gesellschaft von Kaas City hat man sich schon das Maul darüber zerrissen, dass Darth Malgus sich endlich einen Schüler genommen hat, seinen ersten überhaupt. Und dann entpuppt sich dieser Anwärter nicht als dumpfer Schläger, wie man es sich bei einem Mann wie Malgus vorgestellt hätte, sondern als kleine Schönheit.“ Eine rötliche Färbung kroch daraufhin über ihre Wangen. „Du stammst aus keiner Sith-Familie, nicht wahr? Andernfalls hätten wir uns bestimmt schon kennengelernt. Auch … wenn ich sagen muss, dass ich im ersten Augenblick den Eindruck hatte, wir seien uns schon einmal begegnet.“

So schnell sie errötet war, so schlagartig wurde sie bleich. „Ich komme nicht … aus dem imperialen Raum“, gab sie stockend zurück.

„Wirklich?“, fragte er rhetorisch. Violets Augen wurden groß, als er sich vorbeugte und ihr offenes Haar zur Seite strich. „So so … eine ehemalige Sklavin also“, sprach er grinsend. Sie begann am ganzen Leib zu zittern, als ihr behutsam über die breite Narbe strich, die das Sklavenhalsband auf ihrem Nacken hinterlassen hatte. „Nun, das wiederum passt haargenau zu Malgus, keine Rücksicht auf die Herkunft eines Schülers zu nehmen, auf das Blut, das durch seine Adern fließt.“ Als Adraas wieder ihren Blick suchte, wich Violet ihm sogleich aus. Stumm und flach atmend, den Blick starr auf ihre Hände gerichtet, konnte sie deutlich spüren, wie er durch die Macht nach ihr tastete und ihre eigene Aura erkundete. Instinktiv zog sie sich zurück, schwächte ihre eigene Machtpräsenz bis zur Unkenntlichkeit ab, wie sie es in all den Jahren auf Nar Shaddaa getan hatte, um ungewollte Aufmerksamkeit zu vermeiden. Ihre Reaktion ließ den Sith-Lord hingegen nur schmunzeln. „Dein Meister ist dafür wohlbekannt, den althergebrachten Sitten und Gebräuchen der Sith keine große Bedeutung zuzumessen, weißt du? Das hat ihn ungeachtet all seiner militärischen Errungenschaften zu einem Außenseiter mit nur wenigen Verbündeten gemacht. Du wirst es also alles andere als leicht haben, uns alteingesessenen und einflussreichen Sith von deinem Wert zu überzeugen.“

„Darth Malgus‘ Erwartungen scheine ich so weit zu erfüllen“, antwortete sie nach einem Moment des Zögern leise.

„Nur vergisst du, dass dein Meister zwar ein großer Krieger sein mag, es ihm aber an politischen Einfluss erheblich mangelt“, warf Adraas sogleich ein. Wieder zierte dieses arrogante, von sich selbst überzeugte Lächeln seine Miene, und wieder ließ die Schönheit seiner Züge ihr Herz schmerzhaft schnell schlagen. „So und so viele getötete Jedi mögen das Prestige eines Sith unterstreichen, doch alle Siege nutzen nichts, wenn man aus ihnen kein Kapital schlagen kann. Und Malgus ist nicht sonderlich begabt darin, Verbündete zu gewinnen, um seine Machtbasis auszubauen. Seine Ideen bezüglich Struktur und Gesellschaft unseres Imperiums sind den meisten, selbst den progressiv Gestimmten, dann doch zu radikal, und sein Charakter … nun ja, er ist nicht der Charme oder die Liebenswürdigkeit in Person selbst. Ich befürchte daher, dass du heute Abend in den zweifelhaften Genuss seiner schlechten Laune kommen wirst. Meines Wissens nach steht er dem Rat der Sith gerade Rede und Antwort darüber, was er in all den Jahren weg abseits des imperialen Raumes getrieben hat.“

„Ihr … wusstet, dass mein Meister bei Eurem Besuch abwesend ist? Warum seid Ihr dann überhaupt gekommen?“, entgegnete sie unvermittelt.

Adraas hob daraufhin die Augenbrauen. Er wirkte aber nicht verärgert, sondern vielmehr amüsiert. „Ah … Nicht nur hübsch, sondern auch schlau.“ Er rückte ein Stück an sie heran, und als Violet schon ansetzte, aufzuspringen, hielt sie seine Hand zurück, die er auf ihre Schulter gelegt hatte. „Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Mein Besuch dient neben der Überbringung von Angrals Botschaft auch dem Ziel, dich, Malgus‘ designierten Nachfolger, genau in Augenschein zu nehmen. Wir wollen wissen, mit wem wir es unter Umständen zu tun bekommen.“

„Ihr wisst gar nichts von mir“, gab sie schnell zurück, zu schnell, als dass ihr Widerspruch glaubwürdig gewesen wäre.

„Ich weiß bereits eine Menge …“, erwiderte er gedämpft. „Dass Malgus einen Akolythen mit Sklavenherkunft erwählt hat, zeigt einmal mehr, dass er noch immer der Überzeugung ist, die Abstammung sei bei der Ausbildung zum Sith irrelevant. Und dass er keinen jungen Mann auswählte, sondern ein so hübsches Ding wie dich, verrät mir, dass er noch immer dieselbe Schwachstelle wie früher hat.“ Noch während er sprach, war seine Hand, die noch auf ihrer Schulter geruht hatte, weiter abwärts gewandert, und lag nun auf ihrem Bein. Der Kloß in Violets Kehle war zurückgekehrt, doch noch ein anderes Gefühl sorgte plötzlich dafür, dass ihr heiß wurde, als seine Finger mit spielerischer Leichtigkeit der weichen Innenseite ihrer fülligen Oberschenkel entlangstrichen. „Es würde mich nicht wundern, wenn …“, seine Stimme war tiefer, rauer geworden, und das Gelb seiner Iriden brannte nun so intensiv wie der Sonnenuntergang, „er in dir mehr als nur eine Schülerin sieht.“ Als sich der Griff um ihren Schenkel bei seinen letzten Worten verstärkte, sprang Violet auf.

„Das … das ist absurd“, keuchte sie.

In aller Ruhe hatte er beobachtete, wie sie auf Distanz zu ihm gegangen war, bevor er, leise schmunzelnd, seine karmesinrote Robe glattstrich. „Ich kenne deinen Meister schon viele Jahre und weiß wesentlich besser über ihn Bescheid als du“, sprach er, sich ebenfalls vom Sofa erhebend. Violet war unterdessen bis zur Wand zurückgewichen, an die sie sich nun fest presste, als er derart nahe an sie herantrat, dass ihre Körper sich fast berührten. Ohnmächtig und innerlich gelähmt ließ sie zu, dass er ihr die offenen Haarsträhnen aus dem Gesicht strich und schließlich ihr Kinn anhob, damit sie seinem Blick nicht länger ausweichen konnte. „Und glaub‘ mir“, wisperte er, „er ist nicht der Einzige, bei dem du Eindruck hinterlassen hast. Sollte dein Meister einmal in Ungnade fallen, dann darfst du stets auf meine Protektion und Fürsprache vertrauen.“ Als sein heißer Atmen ihr Gesicht traf, gaben Violets Beine endgültig nach. Nur sein Körper verhinderte, dass sie zu Boden gesunken wäre. Sie spürte gar die Vibration seines Brustkorbs, als er leise in sich hineinlachte. „Offensichtlich habe ich auch bei dir Eindruck hinterlassen …“ Ein letztes Mal betrachtete er sie, musterte eindringlich ihr Gesicht. Dann räusperte er sich vernehmlich. „Bis morgen, meine Hübsche.“

Dass sie ihren Atem angehalten hatte, merkte Violet erst, nachdem er den Salon verlassen hatte. Ihre Lungen lechzten nach Luft, ihr Brustkorb hob und senkte sich so schnell und flach, dass es ihre Übelkeit nur noch verstärkte. Als der beißend-bittere Geschmack von Magensäure in ihrer Kehle aufstieg, presste sie die Hand auf den Mund und eilte aus dem Raum. „Oh mein Lord …“, plapperte der Haushaltsdroide los, der in der Eingangshalle gestanden und offenbar Darth Adraas gerade verabschiedet hatte. Doch sie ignorierte ihn, als sie mit fliegenden Schritten die Treppe hinaufrannte. Sie schaffte es gerade noch bis in ihr Zimmer und das anschließende Bad, wo sie sich ins Waschbecken erbrach. Am ganzen Leib zitternd sank sie dann auf den Boden, wo sie, die Augen schließend, ihre Beine anzog und die Arme um sich schlang. Gestern, nach ihrer ersten Begegnung mit Malgus, war es überlebensnotwendig gewesen, dass sie die Erinnerungen an den Tag der Zerstörung des Jedi-Tempels weitgehend unterdrückt hatte, dass sie schnell wieder ihre Fassung zurückerlangt und sich nach außen hin beruhigt hatte, um kein Misstrauen ob ihres Verhaltens zu erwecken. Doch das Treffen am heutigen Tag, diese zweite unmittelbare Konfrontation mit der Vergangenheit innerhalb so kurzer Zeit, hatte ihr sprichwörtlich die Beine weggezogen, und die Erinnerungen an diesen fatalen Tag übermannt sie wie eine dunkle Woge.

Chapter Text

Coruscant im Jahr 3653 VSY …

 

„Hey, Violet, du auch hier?“ Violet antwortete nicht, sondern blieb stumm und mit geschlossenen Augen im Geäst des Baumes sitzen. „Was machst du denn da?“ Wieder gab sie keine Antwort. Die kleine Falte zwischen ihren Augenbrauen verriet aber, dass sie nicht nur die Abwesenheit des jungen Nautolaners bemerkt hatte, sondern bereits jetzt genervt war. „Meditierst du?“, hakte der fünfzehnjährige Junge nach.

„Ich habe es versucht, doch eine gewisse Person lenkt mich ununterbrochen ab“, fauchte sie giftig zurück. Mit einem waghalsigen Sprung landete das siebzehnjährige Mädchen so knapp vor seinen Füßen, dass der Padawan vor Schreck zurückwich.

Ohne ein weiteres Wort ließ sie ihn auf der Dachterrasse des Tempels stehen und machte sich auf den Weg in die Bibliothek. Doch der junge Nautolaner folgte ihr wie ein getreues Hündchen, womit sie schon gerechnet hatte. Im Stillen hatte sie schon so öfters den Tag bereut, an dem sie Orgus Dins Bitte, seinen noch neuen Padawan in seiner kriegsbedingten Abwesenheit unter ihre Fittiche zu nehmen, nachgegeben hatte. Immerhin hatte er sie neben Meister Jaric Kaedan im Lichtschwertkampf ausgebildet, wie hätte sie ihm da diesen Gefallen verweigern können? Nur hatte sie damals noch nicht ahnen können, wie anstrengend Bengel Morr sein würde, und das lag nicht an einem zu wilden Temperament, sondern am offensichtlichen Fehlen desselben. Mit seiner Sanftmut und seiner Gutgläubigkeit ist ihr der junge Nautolaner schon so manchmal wie aus einer anderen Welt stammend vorgekommen, einer Welt, die vom Krieg gegen das Imperium noch nie gehört hatte.

„Violet, was hast du denn? Bist du traurig, weil du die Prüfungen nicht bestanden hast?“, fragte Bengel mit gesenkter Stimme, als er ihr durch die hohen Regale folgte, wo das gesamte Wissen des Jedi-Ordens auf verschiedenen Medien abgespeichert ruhte. Seine naive Frage traf exakt jenen wunden Punkt, der ihr seither keine Ruhe mehr finden ließ. „Du solltest dir das nicht so zu Herzen nehmen. Immerhin darf man die Prüfungen zum Ritter nochmal wiederholen, wenn man beim ersten Mal noch nicht gut genug war –“

Er verstummte augenblicklich, als Violet abrupt herumfuhr. „Ich war gut genug“, zischte sie. „Ich war schon immer gut genug! Ich bin immer die Beste! Die Beste, verstehst du?“

Von ihrem scharfen Tonfall eingeschüchtert, nickte der Junge rasch. „Meister Din hat dich auch oft gelobt und immer gesagt, wie gut du bist“, sagte er dabei. „Er hat auch gesagt, dass du ein Vorbild für uns andere Padawane wärst.“

Aber auch sein Lob konnte die junge Frau nicht recht zufriedenstellen. Im Grunde wäre es ihr sogar lieber gewesen, er hätte ihr durch eine weitere naive und gutgläubige Bemerkung einen Grund gegeben, ihn einmal mehr zusammenzustauchen. In ihrem gereizten Zustand war ihr nämlich jeder Anlass recht, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Doch da sich der junge Nautolaner nun ausgerechnet in der Tugend des Schweigens zu üben schien und sie nur mit seinen großen, pechschwarzen Augen fragend anstarrte, blieb auch ihr nichts anderes übrig, als zu schweigen. Als sie weiter durch die Flucht der Regale schritt, zielstrebig auf dem Weg in die Abteilung, die der Historie des Jedi-Ordens gewidmet war und wo sie schon so manchen Tag verbracht hatte, lief er ihr erneut nach. „Weißt du was, Bengel“, wisperte sie entnervt. „Tu‘ mir den Gefallen und such‘ dir ‘ne Beschäftigung. Möglichst eine, bei der du dich nicht in meiner Gegenwart aufhältst.“

Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da konnte sie schon sehen, wie sehr ihre scharfen Worte den jüngeren Padawan verletzt haben. Diesmal nickte er nur schweigend; dass sie seiner Person überdrüssig war, hatte sie schließlich mehr als deutlich gemacht. Violet hatte sich schon abgewandt und war einige Stufen der Leiter hinaufgestiegen, um ein Werk zur Frühgeschichte des Ordens zu holen, das sich mit dem ersten Schisma und den anschließenden Machtkriegen befasste. Sie hatte gerade die Hand ausgestreckt, als sie innehielt. Plötzlich wurde sie sich einer Präsenz bewusst, die sie noch nie zuvor wahrgenommen hatte, und es war unmöglich die Präsenz eines Jedis. Es lag so viel Zorn und ein solcher Wille zur Vernichtung darin, dass ihr selbst kalt ums Herz wurde. Instinktiv sah sie sich um. Auch Bengel, der sich in der Zwischenzeit einige Schritte entfernt hatte, hatte dem fragenden Ausdruck in seinen Augen nach diese Präsenz gespürt. Ihr Blick fiel nun auf den Jedi, der am Tisch am Ende der langen Regale saß und den Inhalt einer Holodisk studiert hatte. Der Carthar war bereits aufgestanden und signalisierte nun beiden Padawanen mit einer leichten Geste, dass sie an Ort und Stelle bleiben sollten. „Was ist das?“, flüsterte Bengel, als sie die Leiter wieder heruntergestiegen war.

Violet kam zuerst zu keiner Antwort, denn sie machten zwei weiteren Jedi Platz, die ebenfalls in der Bibliothek studiert hatten und jetzt dem Ausgang zustrebten. Ihre ernsten, besorgten Mienen verriet, dass etwas im Gange war. „Keine Ahnung“, antwortete sie ihm dann, was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Sie hatte, als sie mit Satele Shan auf Außeneinsätzen gewesen war, schon durchaus die Präsenzen von dunklen Machtnutzern zu spüren bekommen. Und diese Präsenz war definitiv die eines Sith. Nur welchen Sinn diese Präsenz an diesem Ort, dem Herz des Jedi-Ordens, machte, konnte sie sich nicht im Mindesten erklären. Doch noch ehe sie oder er noch dazu kam, etwas zu sagen oder zu tun, erschütterte ein gewaltiger Knall den ganzen Raum, der sogar die Regale schwanken und beide Padawane zu Boden stürzen ließ. Gegen die herabfallenden Folianten und anderen Speichermedien schützte Violet Bengel und sich durch einen rasch gebildeten Machtschild. „Wa-was war das?“, fragte er dann erneut, als sie ihm die Hand hinhielt, um ihm aufzuhelfen. Vor Aufregung und Schreck zitterte gar seine Stimme.

„Das werden wir gleich wissen.“

„Aber … sollen wir hier nicht besser warten?“, warf er ein, als sie sich mit entschlossener Miene, die Hand schon auf den weißen Griff ihres Lichtschwerts gelegt, sich auf den Weg machte.

Der spöttische Ausdruck ihrer Miene, als sie sich im Gehen herumwandte, war Bengel schon unangenehm vertraut. „Komm‘ schon“, rief sie, laut und bestimmend. „Oder hast du Angst, kleiner Padawan?“ Die Häme in ihren Zügen war nun unübersehbar, und der junge Nautolaner wollte es sich daher nicht nehmen lassen, seine Entschlossenheit zu demonstrieren.

Mit fliegenden Schritten rannten sie los, hinaus aus der Bibliothek und dann die langen Gänge entlang, die alle sternförmig zur zentralen Eingangshalle führten. Schon auf dem Weg konnten sie den Lärm eines Kampfes hören, Blasterschüsse und Explosionen von mutmaßlichen Granaten, nur unterbrochen von Schreien. „Bei der Macht …“, sprach Violet, als sie schließlich von der hohen Balustrade hinabblickten. Ein Szenario, wie sie es sich nie hätte träumen lassen, bot sich ihnen: Die hohen Säulen der Halle waren auf einer Seite komplett zerschmettert worden, offensichtlich von der republikanischen Fähre, die ebenfalls das Eingangsportal aufgesprengt hatte. Doch das wirklich Unglaubliche waren die mehreren Dutzenden von Sith, allesamt in dunkle Roben gewandt, die sich in einem harten Gefecht mit ebenso vielen Jedi befanden. Dazwischen und um sie herum hatten sowohl imperiale als auch republikanische Soldaten, die die reguläre Wache des Jedi-Tempels bildete, das Feuer auf einander eröffnet und sorgten so für ein noch größeres Chaos. Violet, deren wilder, emotionaler Charakter sogleich von der Atmosphäre der brutalen Schlacht mitgerissen wurde, zog nun ihr Lichtschwert. Mit einem scharfen Summen erwachte die tiefblaue Klinge zum Leben, als sie es aktivierte. „Los, komm‘!“, brüllte sie Bengel zu und sprang dann freiweg über die hohe Balustrade hinunter in die Halle.

Den Fall mit der Macht abbremsend, landete sie geschickt und brauchte nur einen Moment, um sich zu orientieren. Als einer der Sith beiläufig ihren Blick traf, schleuderte sie mit einem Brüllen ihr Lichtschwert in dessen Richtung. Der Sith wehrte es mit einem zwar effektiven, aber hektischen und uneleganten Schlag ab und Violet rief das Schwert daraufhin zurück in ihre Hand. Beide beäugten sich, während sie ihre Ausgangspositionen einnahmen. Violet umschloss ihr Lichtschwert dabei gemäß der Angriffshaltung des Ataru-Stils mit beiden Händen, und kaum machte ihr Gegner den ersten Schritt, da ging auch sie schon in die Offensive. Sie wirbelte mit ausgestrecktem Schwert einmal um ihre Achse, um die Energie der Bewegung in einen Sprung umzuleiten. Beide Klingen blitzten auf, als sie aufeinandertrafen. Während der Sith sich aber offenkundig auf ein direktes Kräftemessen eingestellt hatte, machte Violet einen erneuten um sich wirbelnden Sprung, bei dem sie aus einer erhöhten Position herabschlagen konnte. Ein Grinsen, aufgeregt und wild, kroch über ihr Gesicht, als sie nach wenigen weiteren Schlägen merkte, dass die Schnelligkeit und Aggressivität ihres Kampfstils, der für einen Jedi eher untypisch war, den Sith überforderte. Sie nutzte einen weiteren wirbelnden Sprung, um ihrem Gegner frontal ins Gesicht zu treten, und noch als der Sith zurückstolperte und sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte, zog sie ihm mit einer fließend-leichten Bewegung ihre Klinge über die Brust.

Violet stieß einen wilden Schrei aus und reckte siegestrunken die Faust in die Höhe, wie sie es schon so manchmal getan hatte, wenn sie einen ihrer Mitpadawane im Übungsduell besiegt hatte. Noch einen Moment wankte ihr Gegner, bevor seine Beine nachgaben und er zusammenbrach. Beim rückwärtigem Aufprall auf dem Boden verrutschte die Maske und offenbarte das Antlitz einer reinblütigen Sith-Frau, die nur wenige Jahre älter als sie selbst war. Ihre gelb-orangenen Augen wanderte von der klaffenden Wunde in ihrer Brust hinauf zu Violet, die nur wenige Schritte entfernt war. Dieser wurde mit einem Mal eiskalt um Herz, als die Erkenntnis in ihr aufstieg, dass sie nun zum ersten Mal getötet hatte. Zwar war es für sie als Kind vor ihrer Entdeckung durch die Jedi normal gewesen, der Schlachtung der erjagten Tiere beizuwohnen, und schließlich war sie selbst, bewaffnet mit einem eigenen Speer und ihrer Klinge, mit den Jägern ausgezogen, wo sie selbst ihr erstes Tier erlegt hatte. Diese Tötungen hatten sie sich zu keiner Zeit als schuldig empfinden lassen, denn sie entstammten der Notwendigkeit der Sicherung der eigenen Existenz und sie waren nun einmal ein Bestandteil der natürlichen Ordnung, nach der der Stärkere über den Schwächen triumphierte. Nun aber ein Wesen getötet zu haben, das kein Tier war, sondern sich seiner selbst bewusst, und in dessen Augen die Erkenntnis zu sehen, dass es nun unwiderruflich und weit vor seiner Zeit würde sterben müssen, ergriff Violet, deren pragmatischer Charakter bisher durch nichts zu erschüttern gewesen war, mit einer solchen Gewalt, dass sie nicht mehr in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fallen.

Der Lärm der sich umgebenden Schlacht drang gedämpft wie aus großer Entfernung stammend an ihr Ohr, während sie den Blick nicht von der jungen Sith-Frau abwenden konnte, deren Kopf schließlich nach hinten sank, die Augen weit aufgerissen, in denen sich noch der Ausdruck von Entsetzen und Furcht widerspiegelte. Als sich dann ein rötliches Glühen in den Bereich ihres Sichtfeldes drängte, wandte sie unwillkürlich den Kopf, nur um sich der Klinge eines anderen Sith gegenüberzusehen, der, ihre Benommenheit ausnutzend, angesetzt hatte, ihr mit einem Strich den Kopf abzuschlagen. Sie blinzelte, doch weder ihr Körper noch ihr Geist reagierte, und nun selbst voller Entsetzen merkte sie nur, wie die Taubheit ihrer Glieder und die Leere in ihrem Kopf desto stärker wurden, je näher die Klinge herankam. Erst, als ein grünlich glühender Schemen an ihr vorbeischoss und die Waffe des Sith blockte, erwachte sie aus ihrer Schreckensstarre. Ihr Körper reagierte diesmal schneller als ihr Verstand, als sie sich zuerst mit einem rückwärts gewandten Überschlag aus der unmittelbaren Gefahrenzone zurückzog und dann mit einem weiteren Wirbelsprung um die eigene Achse dem Sith ihren ausgestreckten Fuß frontal ins Gesicht rammte. Durch die Macht verstärkt wurde ihr Gegner mehrere Meter nach hinten geschleudert und prallte gegen einer der gewaltigen Säulen, wo er erst einmal schlaff zusammensackte.

Violets Blick folgte dann dem grünen Lichtschwert, als es zurück in die Hand seines Besitzers gerufen wurde. „Meister Zallow“, rief sie, und es erschrak sie selbst, wie kläglich und schwach ihre Stimme klang. Raschen Schrittes lief sie zu ihm hinüber.

„Was tut ihr hier? Ihr seid doch noch Padawane“, erwiderte er mit einem Blick zwischen ihr und Bengel, der die weite Treppenflucht hinuntergelaufen und zu ihnen aufgeschlossen war. Ungeachtet des ganzen Schlachtgetümmels, inmitten dem sie sich befanden, strahlte der Jedi-Meister eine derartige Gelassenheit, dass Violet es schlicht und einfach nicht fassen konnte. Es kostete sie ihre ganze Beherrschung, nicht all ihre Angst und Panik Ven Zallow ins Gesicht zu schreien, damit er aus seiner tiefen Ruhe erwachen würde. „Geht jetzt. Nehmt den unteren Ausgang in die Hüttenstadt. Wir werden die Sith aufhalten.“

Noch bevor er ausgesprochen hatte, schüttelte Violet heftig den Kopf. „Ich kann kämpfen, Meister Zallow!“, rief sie.

Doch er legte ihr nur die Hand auf die Schulter. „Nein, Violet. Das ist nicht euer Kampf. Aber“, setzte er nach, als sie schon wieder angesetzt hatte, Widerworte zu geben, und wehrte nebenbei mit einem eleganten Schlag eine Salve Blasterschüsse ab, „ihr könnt die Jedi unterstützen, die die Jünglinge in Sicherheit bringen. Sie müssten sich unten in den Trainingsanlagen befinden. Und jetzt geht.“ Ein Schwung seiner grünen Klinge wehrte eine weitere Salve und konterte in einer durchgehend fließenden Bewegung wie nebenbei das Lichtschwert eines Sith-Kriegers, der geglaubt hatte, die scheinbare Ablenkung des Jedi-Meisters zu seinem Vorteil ausnutzen zu können.

„Violet, komm‘ schon“, rief Bengel mit dünner Stimme, als sich Zallow mit einem Machtsprung wieder ins Gefecht gestürzt und Violet schon angesetzt hatte, ihm zu folgen. Nur mit Mühe gelang es dem Nautolaner, die junge Frau zurückzuhalten. Sie stieß schließlich einen frustrierten Schrei aus und boxte dem jüngeren Knaben dann hart gegen den Brustkorb, als sie herumfuhr.

„Dann los!“, brüllte sie. Der jüngere Padawan blieb hinter ihr zurück, als sie losrannte, die weite und mittlerweile stark beschädigte Treppe hinauf und die langen Gänge ins Innere des Tempels entlang. Währenddessen ließ sie ihre mentalen Schilde sinken, als sie mit der Macht in Verbindung trat. Augenblicklich sah sie sich mit tiefer Dunkelheit geschlagen, die über ganz Coruscant hereingebrochen war. Umso stärker beschleunigte sie ihre Schritte, bis ihre Umgebung schließlich zu einem Strom verschwommen an ihr entlangflog. Ihr Weg führte sie um zig Ecken herum, wo sie plötzlich abbremste. „Verdammt“, flüsterte sie. Langsam beugte sie über die Körper von zwei Jedi-Rittern, die im weiten Flur lagen. Sie musste nicht erst nach einem Puls tasten, um zu wissen, dass sie tot waren, denn sie konnte kein Zeichen ihrer Machtpräsenzen mehr spüren.

„Was – ist – denn – passiert?“, keuchte Bengel stoßweise, als er sie endlich eingeholt hatte.

„Was wohl? Hast du keine Augen im Kopf?“, gab sie scharf zurück, wobei sie eine knappe Handbewegung zu all den Kampfspuren an Boden und Wänden machte. „Verdammt nochmal!“, fluchte sie erneut. Sie gab ihm den Wink, ihr zu folgen, und eilte weiter. Wenn das die Ritter gewesen waren, die die Jünglinge hätten in Sicherheit bringen sollen, dann befürchtete sie das Schlimmste.

Und in der Tat, sie waren gerade in der inneren Halle angekommen, die mit ihren Springbrunnen und dem künstlich angelegten Garten einen Ort zum Rückzug und zur Meditation bog, als sie unverwandt einem Trupp imperialer Soldaten gegenüberstanden. Ihr Zugführer brüllte noch den Befehl, in Deckung zu gehen und das Feuer zu eröffnen, als ihm Violets blaue Klinge die Körpermitte vertikal aufschlitzte. Keine Sekunde später hatte sie ihr geworfenes Schwert wieder zurück in ihre Hand gerufen und stürzte sich nun mit einem Schrei in den Kampf, der höchst unausgewogen war. Die Geschwindigkeit und akrobatischen Sprünge des Ataru-Stils und nicht zuletzt die Tatsache, dass das Überraschungsmoment auf ihrer Seite gelegen hatte, mochten die Ursache sein, weshalb es den Soldaten kein einziges Mal gelang, sie anzuvisieren und mit einer Salve zu treffen. Violet hingegen erlebte diesen Kampf wie einen Rausch, schnell, hart, und als sie sich nach dem letzten Soldaten, den sie mit ihrer Klinge durchbohrt hatte, in der Halle umsah, als einen entsetzlicher Albtraum. Leise Schmerzenslaute lenkten ihren Blick auf Bengel, der sich den linken Arm hielt. Er hatte offenbar einen Blasterschuss abbekommen, was sie nun wirklich nicht erstaunte, denn nach dem zu urteilen, was sie gesehen hatte, war er alles andere als ein geschickte Kämpfer. „Jammern kannst du später, verstanden?“, herrschte sie ihn an, als er zum Reden angesetzt hatte. Der junge Nautolaner nickte kleinlaut. Ihr entging nicht, wie sehr er zitterte, als er über die Leichen der imperialen Soldaten stieg, und auch nicht, wie fahl seine blaue Haut geworden war. Er machte den Eindruck, kurz vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen, was sie nur noch ungeduldiger werden ließ. „Jetzt hör‘ mal, ich kann mich nicht auch noch mit dir belasten, klar? Wir sind Jedi, also reiß‘ dich zusammen“, schärfte sie ihn ein.

Als er wiederum nur schwach nickte, schüttelte sie ihn kräftig an den Schultern. „Ja, ja!“, stieß er keuchend aus. Dass seine Antwort aber vielmehr ein Hilfeschrei war, war ihr nicht bewusst. Zu sehr nahm sie immer noch die Tatsache gefangen, zum ersten Mal in ihrem Leben getötet zu haben. Sie hatte jetzt Blut an ihren Händen, sie war nun auch zu einem jener Friedenshüter geworden, die um des Friedens willen Blut vergossen.  

Sie liefen weiter, durch die Meditationshalle und noch zwei breite Treppen hinunter in die unteren Ebenen des Tempels, wo sich die weitläufigen Übungsareale für die Kampfausbildung befanden und wo nun wie immer am Nachmittag die Lektionen der Jünglinge stattgefunden haben mussten. Das wiederentzündete Lichtschwert erhoben, betätigte sie vorsichtig den Mechanismus der großen Eingangstür. Nichts rührte sich, was Violet auch nicht besonders überraschte. Den dunklen, stillen Fluren nach zu urteilen, durch die sie schon gelaufen waren, musste die zentrale Energieversorgung ausgefallen sein. Kurzerhand stieß sie ihre Klinge in das Metall der Tür und begann, langsam ein ovales Loch auszuschneiden. Ein leises Summer erklang hinter ihr, als auch Bengel sein blaues Lichtschwert vorsichtshalber aktivierte und sich bereit machte, ihr im Fall der Fälle Rückendeckung zu geben. „Was meinst du?“, flüsterte er. „Glaubst du, jemand hat die Jünglinge schon evakuiert? Oder könnten sie noch dadrinnen sein?“

„Entweder sind sie schon in Sicherheit oder sie sind darin eingeschlossen. Die Übungsschwerter haben nicht genug Energie, um Metall zu durchtrennen, wie du eigentlich wissen solltest“, antwortete sie knapp. Einmal mehr war sie von seinen Fragen genervt, ohne zu begreifen, dass diese seiner kopflosen Angst und grenzenloser Unsicherheit entsprangen. Doch die Gefühle anderer nachzuvollziehen, war noch nie ihre Stärke gewesen. „Endlich“, flüsterte sie, als sie das ausgeschnittene Stück der Metalltür nach innen trat und flink hindurchkletterte. Obwohl es auch hier dunkel und still war, spürte Violet sehr deutlich rund zwei Dutzende anderer Machtpräsenzen, unschuldig-hell und schwach. „Ihr könnt rauskommen“, rief sie dann laut.

Langsam schälten sich die kleinen Gestalten der Jünglinge aus der Dunkelheit, Knaben und Mädchen, Menschenkinder und Sprösslinge anderer Spezies, als sie hinter den Trainingsgeräten und Hindernissen hervorkamen. „Wo sind die Meister Lin-Do und Quandida? Sie sagten, wir sollen hier warten und in Deckung gehen“, sprach dann ein kleiner Togruta-Junge.

Violet wechselte mit Bengel einen flüchtigen Blick. „Weiß ich nicht“, entgegnete sie dann knapp. „Aber das ist jetzt auch egal. Wir sollen euch hier rausbringen. Anweisung von Meister Zallow. Also kommt mit.“

„Was geht da überhaupt vor?“, fragte nun ein Miraluka-Mädchen, während beide Padawane den Jünglingen durch das in die Tür geschnittene Loch hinaushalfen.

Wieder warf Violet dem jungen Nautolaner einen Blick zu. Sollten sie die Kinder wirklich über die tatsächliche Lage aufklären? Wäre eine blinde Panik nicht dann die unweigerlicher Folge? Zu behaupten, dass aber alles in Ordnung sei, würden ihr nicht einmal diese so naiven Seelen abkaufen. „Der Tempel wird angegriffen“, antwortete sie schließlich. „Aber ihr müsst keine Angst haben. Die Meister kümmern sich darum.“ Letzteres war eine glatte Lüge, denn nach allem, was Violet gesehen hatte, stand es nicht besonders gut um die Jedi. Doch sie lächelte so tapfer, dass niemand Verdacht schöpfte. Bengel, der zum Sprechen angesetzt hatte, bekam nebenbei einen Stoß mit ihrem Ellenbogen, damit er über die wahre Situation schweigen würde. „Also, folgt uns. Und seid schnell und leise, wir wollen keine Aufmerksamkeit erregen.“

Sie ging mit langen Schritten voraus, gerade so schnell, dass die Jünglinge ihr gut folgen konnten. Obwohl alles soweit still und ruhig war, machte Violet sich Sorgen. Um den Zugang zur Hüttenstadt nehmen zu können, würde sie bis zur inneren Halle zurückkehren müssen, und wenn die Imperialen schon zuvor den Weg dorthin gefunden hatten, war nicht abzusehen, ob sie nicht wieder auf Gegner stießen. Sie konnte nur hoffen, dass es Meister Zallow und die anderen Jedi geschafft hatten, die Sith mit ihrem Gefolge in der Eingangshalle aufzuhalten. „Wartet kurz“, meinte sie dann, als sie am Durchgang der inneren Halle angekommen waren. Vorsichtig, um kein Geräusch zu machen, huschte sie zu den Bäumen des Meditationsgartens hinüber und spähte von dort aus in Richtung des Flurs, von wo Bengel und sie gekommen waren. Bis auf den Trupp der von ihnen getöteten imperialen Soldaten war jedoch nichts zu sehen. Fokussierte sie sich aber auf die Macht, konnte sie deutlich spüren, wie sich aus der sie allgemein umgebenden Dunkelheit eine Präsenz herausschälte, die langsam näherkam.

Hektisch gab sie daher Bengel das Zeichen, mit den Jünglingen zu ihr aufzuschließen. „Spürst du es?“, fragte sie leise. Während er stumm nickte, rasten schon ihre Gedanken, als sie ihre Möglichkeiten abwog. „Pass‘ auf: Führ‘ du die Jünglinge hinunter die Hüttenstadt, ich bleibe hier und halte die Sith auf.“

„Auf keinen Fall“, erwiderte Bengel laut. Sie gab ihm ein ungeduldiges Zeichen, leiser zu reden.

„Wir haben keine Wahl. Und auch keine Zeit zum Diskutieren. Ich bin bei weitem der bessere Duellant von uns, also bleibe ich“, zischte sie.

Bengels Blick war zweifelnd, doch der junge Nautolaner hatte es aufgegeben, ihr zu widersprechen. „Möge die Macht mit dir sein, Violet“, sprach er daher und nickte dabei feierlich.

Damit schaffte nun er es, sie sprachlos zu machen. Mit plötzlich trockenem Mund nickte sie ebenfalls und sah ihm dann hinterher, als er die Jünglinge zu einem anderen Durchgang hinüberführte. Als sie außer Sicht waren, ging Violet, die Augen schließend, in die Hocke, machte sich so klein und unauffällig wie möglich, während sie sich erneut auf die Macht konzentrierte. Die dunkle Aura, die sie schon zuvor gespürt hatte, war mittlerweile so nahe, dass dessen Kälte sie physisch zittern ließ. Und tatsächlich, als sie die Ohren spitzte, konnte sie Schritte wahrnehmen, die rasch näherkamen, Schritte von nicht einer, sondern mindestens zwei Personen. Sie zückte ihr Lichtschwert, doch wartete noch einen Moment, um das Überraschungsmoment voll ausnutzen zu können. „Von wegen, dass alle Jedi in der Halle sind“, erklang dann eine Stimme, die Stimme eines Mannes. Aus ihrer Deckung lugte sie soweit hinaus, um sehen zu können, wie ein Sith die Leichen der imperialen Soldaten untersuchte. Ein weiterer Sith, vom ersten weder durch seine Rüstung noch seine Maske wesentlich unterscheidbar, stand neben ihm, allerdings den Kopf erhoben, als lauschte er auf etwas. Violet spürte bereits, wie seine Machtaura die Umgebung abtastete. Es wäre nur noch eine Frage von Sekunden, bis er sie wahrnähme, also aktivierte sie ihr Schwert und schleuderte es keinen Augenblick später in seine Richtung.

Sie hatte sich bezüglich des Überraschungsmoments nicht verschätzt, denn nur ein ungelenker, grober Abwehrschlag bewahrte den Sith davor, den Kopf zu verlieren. „Jedi!“, brüllte er los. Sein Lichtschwert zückend rannte er auf sie zu, gefolgt von seinem Kameraden.

Violet hatte die Ausgangsstellung des Ataru-Stils eingenommen und blockte den ersten frontalen Angriffsschlag seitlich ab. Den Schwung der halben Drehung ausnutzend, wirbelte sie einmal um sich selbst und führte einen Doppelschlag mit der Vorder- und dann der Rückhand durch. Letzterer lenkte durch seine aufwärts geführten Richtung das Lichtschwert des Sith ab, unter dem sie nun schnell hindurchtauchte. Ihr Gegner hatte noch nicht ganz begriffen, dass sie plötzlich hinter ihm war, und als er sich zu ihr herumwandte, zog sie ihm ihr Schwert über die Brust. Mühelos glitt die kalt-blaue Klinge durch seinen Brustpanzer und hinterließ binnen Sekunden den Geruch von versenkter Kleidung und verbranntem Fleisch. Ein Röcheln drang noch unter der Maske hervor, als er zusammenbrach, doch das bekam Violet gar nicht mehr. Das Adrenalin, das durch ihren Körper pumpte, die Angst und die dumpfe Wut, die die Gegenwart der Sith in ihr auslösten, ließ sie auf nichts anderes als ihren nächsten Gegner achten. Der andere Sith riss gerade sein Schwert in die Höhe, um all seine Stärke in den kommenden Schlag zu bündeln, als Violet, seine mangelnde Verteidigung ausnutzend, einen Machtstoß in Richtung seiner Beine sandte, der ihm glatt den Boden unter den Füßen wegzog. Doch anstatt sich sogleich wieder auf einen Zweikampf einzulassen, hob der Sith nun beide Hände und entfesselte einen Sturm an Machtblitzen, die sie mit der Klinge ihres Lichtschwerts abfing. Als sie ihre Klinge wieder sinken konnte, fühlten sich ihre Arme vor Anstrengung aber bleischwer an, und sie spürte mit jeder Sekunde mehr, wie ausgelaugt sie war. Jeder bisherige Übungskampf war nichts im Vergleich zu den heutigen Gefechten gewesen, und noch nie hatte sie ihre mentale Konzentration unter einem derartigen Ansturm der Dunklen Seite aufrechterhalten müssen. Das furchtbare Bewusstsein, wie wenig all ihre Ausbildung sie hierauf vorbereitet hatte, bohrte sich in ihre Brust wie ein Dolchstoß.

Ihr Gegner hatte unterdessen sein Lichtschwert zurückgerufen und attackierte sie nun mit einem tiefen Schlag, der nach ihren Beinen gerichtet war und nur schwierig zu blocken gewesen wäre. Violet brachte sich mit einem machtverstärkten Überschlag in Sicherheit, dessen kinetische Energie sie nutzte, um sich sogleich wieder vom Boden abzustoßen und wie ein Pfeil mit gerade ausgestreckter Klinge auf den Sith zuzufliegen. Er wich ihr mehr aus, als dass er sie blockte, und setzte sogleich zu einem weiteren Schlag an, der sein Ziel finden sollte. Sie schrie auf, als ein glühender Schmerz sich in ihrem Arm fraß. Instinktiv tastete sie über die Stelle. Die Klinge des Sith hatte den dünnen Stoff ihrer leichten Trainingsjacke durchtrennt und einen langen Streifen in ihre Haut gebrannt. Allerdings schien es sich nur um eine Fleischwunde zu handeln, die zwar schmerzhaft, aber ansonsten unkritisch war.

Als sie dann aufsah und des Sith wieder ansichtig wurde, stieß sie einen Schrei aus, der wild und rasend war. Ihre Schläge, mit denen sie nun ihren Gegner angriff, waren so unberechenbar wie gewalttätig, ein Spiegelbild ihres aufgewühlten Herzens, das in diesem Moment von Schmerz und Wut überschwemmt wurde. Rücksichtslos, entgegen allem, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte, schlug sie die Deckung des Sith nieder und als dieser erneut das Schwert in einer defensiven Stellung erhob, sandte sie einen Machtstoß gegen seine Hände aus und packte gleichzeitig seinen Kopf, um ihn mit der Macht nach vorne zu ziehen. Das Resultat war eine hässliche Begegnung seines Gesichtes mit der Klinge seines aktivierten Schwerts, die es gleich in zwei Teile spaltete.

Heftig keuchend, die Hände unkontrolliert bebend, ließ sie seinen Leichnam dann zu Boden sinken. Die darauffolgende Stille war so vollkommen und betäubend, als sei sie plötzlich mit Taubheit geschlagen. Doch keinen Moment später wurde sie durch ein leises Lachen durchbrochen, das Lachen eines Mannes, fein, kultiviert, elegant, als lache er über ein geistreiches Wortspiel. „Nicht übel, Mädchen, gar nicht übel“, sprach er dann, als er langsam in die Hände klatschend näherkam. Violet hatte sich erneut die Ausgangsstellung eingenommen und verfolgte nun jede seiner Bewegungen mit Argusaugen. Ihr war jetzt klar, dass es seine Machtpräsenz gewesen war, die sie zuvor so deutlich gespürt hatte, und obwohl man es ihrer Miene nicht ansehen konnte, kam Angst in ihr auf. Noch nie hatte sie die Dunkle Seite so stark und mächtig in einer Person gespürt, weder bei der Sith-Frau, die sie zuvor in der Halle tötete, noch bei denen, die sich ihr nun gerade in den Weg gestellt hatten. Das hier war nicht irgendein Sith, kein kleiner Handlanger, Schüler oder Gehilfe. Er mochte sich mit seiner schwarzen Robe über der Rüstung und der silbernen, verzierten Kampfmaske rein äußerlich nicht von seinen bisherigen Ordensbrüdern unterschieden, doch bestand kein Zweifel daran, dass er einer von jenen war, die sich selbst als Lords der Sith bezeichneten.

Chapter Text

„Hast du den Anschluss an deine Herde verloren, kleiner Padawan?“, sprach der Sith-Lord dann weiter, nachdem auch er sie ausgiebig gemustert hatte.

Obwohl sein Gesicht verborgen war, konnte Violet anhand seiner Stimme erkennen, dass er grinsen musste. „Das geht Euch einen feuchten Dreck an!“, fauchte sie zurück.

Doch statt wütend zu werden, stieß der Sith ein weiteres Lachen aus. „Wie unhöflich und aufbrausend … Ist das etwa der Ton der selbsternannten Verteidiger der Republik?“, neckte er sie erneut. Zur Antwort hob sie einen gewaltigen Pflanzkübel mit der Macht empor und schleuderte ihn in seine Richtung. Diesmal zog er sein rotes Lichtschwert und wehrte das Objekt mit einem lässigen Schlag ab. „Vorsicht, meine Kleine“, sprach er dann. „Ich spüre Leidenschaft in dir, Wut, Zorn, Verwirrung. Was ist nur aus deiner Gelassenheit geworden, kleiner Jedi?“

„Haltet Eure Klappe!“, schrie sie nun zurück. Rasend ergriff sie den nächsten Pflanzenkübel und ließ ihn wie ein Artilleriegeschoss auf ihn zufliegen.

Und wieder kostete ihm die Abwehr nur eine leichte Handbewegung. ,„Welch ein Temperament … Bist du sicher, dass du hier bei den Jedi am rechten Platz bist?“

„Was wollt Ihr eigentlich? Lasst endlich Euer Geschwätz und kämpft lieber!“

„Nun, wenn du darauf bestehst, Mädchen.“ Und einen Sekundenbruchteil später flog schon sein entzündetes Lichtschwert in ihre Richtung. Sie wehrte es geschickt ab, doch der Augenblick, in dem sie sich auf seine Klinge fokussierte, hatte genügt, damit er seiner Linken einen gewaltigen Machtblitz entströmen ließ, der seitlich in ihren Körper einschlug. Sie konnte sich weder bewegen noch überhaupt schreien, als dessen dunkle Energie sie durchströmte und nichts außer weißglühenden Schmerz zurückließ. Als dieser endlich nachließ, knickten ihre Beine ein und sie sank auf die Knie, begleitet von seinem spöttischen und doch so eleganten Lachen. Doch noch war sie nicht besiegt, noch brannte das Feuer ihres Stolzes und ihrer Wut hell genug, um sich schnell wieder auf die Füße zu kämpfen und sich mit einem Schrei ins Gefecht zu stürzen. Ihren Wirbelschlag wehrte er geschickt ab und wich ebenso schnell ihren ausgestreckten Fuß aus, der nach seinem Gesicht zielte. Violet ging zu einer erneuten Angriffssequenz über, wirbelte um ihre eigene Achse, schlug zu, vollführte einen akrobatischen Überschlag, schlug wieder zu, gefolgt von einem weiteren Überschlag auf seine andere Seite, wo sie diesmal einen tiefen Wirbelschlag ausführte, dessen Ziel seine Füße waren. Doch schon zuvor merkte sie, dass dieser Gegner um einiges fähiger als die bisherigen Sith war, ungeachtet der Tatsache, dass er einen Stil kämpfte, der ihr nicht vertraut und definitiv nicht der Stil eines Duellanten war, wie es auf Ataru und Djem So zutraf. Seine Schläge waren wesentlich komplexer als beim Shii-Cho, aber auch aggressiver als beim Soresu. Da er in erster Linie ihre Angriffe abwehrte und nur bei einer günstigen Gelegenheit zuschlug, kam ihr schließlich, dass er vermutlich im Niman-Stil kämpfte, jenen Stil, den auch die Jedi wählten, die primär Gelehrte waren oder als Diplomaten fungierten. Und dass er offenbar mühelos in der Lage war, ihre Angriffe abzublocken, während er immer wieder die Macht verwendete, um sie wegzustoßen oder ihr schmerzhafte Blitzschläge zuzufügen, machte den Kampf nicht leichter. Der letzte Machtstoß ließ sie schließlich so unglücklich stürzen, dass sie mit dem Hinterkopf ungebremst auf den Marmorboden aufschlug. Eine Welle der Übelkeit überkam sie und die Sicht vor ihren Augen verschwamm, und obwohl ihr Geist förmlich schrie, aufzuspringen und weiterzukämpfen, verweigerte ihr Körper ihr den Dienst.

„Du solltest deine Gefühle annehmen, anstatt sie zu unterdrücken. Sie zu deinem Vorteil nutzen und nicht warten, bis sie dich überrumpeln“, erklang seine Stimme von irgendwoher. Violet hielt den Atem an, als er sich schließlich über sie beugte. Sie konnte auf nichts mehr als sein Lichtschwert starrten, das in der Totenstille bedrohlich summte und dessen Spitze er dann senkrecht herabstieß, um ihre Brust zu durchbohren. In diesem Moment war ihr Kopf vollkommen leer und sie konnte nicht einmal mehr Angst oder Bedauern über ihren nahenden Tod empfinden. Umso fassungsloser war sie aber dann, als er die Klinge rechtzeitig deaktivierte und einzig das Heft zwischen ihren Brüsten landete. Sie blinzelte. Was sollte das? Was ging hier vor? Warum tötete er sie nicht einfach?

Verwirrt sah sie auf, als er dann auch noch die Strähnen ihres dunklen, kinnlangen Haares vorsichtig aus dem Gesicht strich. Ihr Kinn ergreifend nötigte er sie schließlich, ihn unmittelbar anzusehen. Von seinem Tun und noch mehr von der Behutsamkeit, mit der er sie berührte, vollkommen überrascht, ließ sie es geschehen, und als er letztlich seine silberne Kampfmaske abnahm, hielt Violet den Atem an.

Noch nie zuvor hatte sie einen so schönen Mann gesehen.

Mit Erstaunen wanderte ihr Blick über sein Gesicht, über sein blondes, kinnlanges Haar, dass von Maske und Kapuze leicht verstrubbelt war, über seine aristokratischen und noch jugendlichen Zügen, die so fein und elegant wie von einem Künstler gemeißelt wirkten, über seine Augen, die eine intensive goldgelbe Farbe hatten, über seine Lippen, die für einen Mann so weich und rot waren, dass man …

Violets Wangen röteten sich, als eine Hitzewelle sie plötzlich überkam und ihren Körper in einen Zustand versetzt, wie sie ihn noch nie zuvor erlebt hatte. Alle Muskeln spannten sich auf einmal an, ihre Brustwarzen verhärteten sich und schmerzten, und als sie spürte, wie sich zwischen ihren Schenkeln eine heiße Feuchte ausbreitete, hätte sie vor Scham sterben können. In ihrer jugendlichen Unschuld verstand sie nicht, was mit ihr geschah, und das machte ihr auf eine Art und Weise Angst, wie sie sie noch nie empfunden hatte. Sein leises, kultiviertes Schmunzeln erweckte sie aus ihrem somnambulen Zustand. „Du starrst mich an, als habest du noch nie einen Mann gesehen, meine Kleine“, raunte er dann, sein Gesicht nur eine Handbreit von ihrem entfernt. Sein heißer Atem auf ihrer Haut peitschte einen kalten Schauer durch ihren Körper, gefolgt von einen sehr leisen, sehr sanften Laut, der ihren Lippen entwich, eine Mischung aus Seufzen und Stöhnen. Doch auch er starrte sie an, als habe er noch kein weibliches Wesen gesehen. Ein seltsamer Ausdruck lag dabei in seinen Augen, den sie nicht zu deuten wusste.

Die sich nähernden Schritte hatte sie nicht wahrgenommen und zuckte nun zusammen, als eine Männerstimme erklang. „Lord Adraas?“, sprach der Offizier in der typisch grau-schwarzen Uniform zögerlich, was zweifelsohne der zweideutigen Situation geschuldet war, in der er beide vorfand, sie flach auf dem Rücken liegend und er so dicht über ihr kniend, dass man meinen könnte, sie würden …

Violet stieß einen weiteren leisen Laut aus, doch diesmal verriet sie damit eindeutig, wie erschrocken sie über das war, was sie zwischen ihnen abspielte. Der Sith-Lord hingegen ließ sich durch den Imperialen überhaupt nicht stören. „Colonel Graver“, antwortete er schließlich und klang dabei höchst gleichgültig. „Sprechen Sie weiter.“

„Mein Lord“, der Offizier schlug zackig die Stiefelabsätze zusammen, als er strammstand. „Angriffstrupp 1 des Imperialen Gebietssicherungskorps konnte erfolgreich die Halle sichern, Trupp 2 und 3 haben das Archiv und den unteren Shuttleplatz eingenommen. Wir konnten außerdem eine Gruppe Jünglinge gefangen setzen. Der junge Jedi, der sie begleitete, hat einige Soldaten niedergestreckt, doch wir konnten ihn letztendlich unschädlich machen.“

„Sie haben sie also schon hingerichtet?“, hakte Adraas ohne sonderliches Interesse nach. Sein Blick verfolgte jede Regung in Violets Miene, die bei der Erwähnung der Jünglingsgruppe und Bengels bleich geworden war.

„Nein, mein Lord“, entgegnete Graver. „Ich wollte mich zuerst erkundigen, ob Ihr möglicherweise abweichende Befehle für uns habt.“

„Nein, Colonel, Sie können sie exekutieren. Aber ich glaube, wir werden Ihnen dabei Gesellschaft leisten“, setzte er nach, nachdem Violet einen Laut ausgestoßen hatte, der ganz nach einem unterdrückten Aufschluchzen klang.

„Nein … nein …“, keuchte sie abgehakt, als der Sith-Lord sie vom Boden hochzog. Im Nachhinein konnte sie sich nicht mehr erinnern, wie sie den Weg zurückgelegt hatten, ob sie ihm wirklich brav gefolgt war oder ob er ihre streikenden Füße mit der Macht mitgezogen hatte. Ebenso wenig konnte sie sich entsinnen, wie lange sie unterwegs gewesen waren. Waren es Minuten? Stunden? Waren es nicht eigentlich Jahre gewesen, ein ganzes Zeitalter, das sie die langen Gänge des Tempels entlangschritten? Auch das wusste sie nicht mehr.

„Achtung!“, brüllte Graver, als sie zu jener Truppe aufschlossen, die die Jünglinge abgepasst hatten. Die Soldaten nahmen augenblicklich Haltung an, während sich die Sith-Krieger vor Adraas verbeugten. Violets Blick wanderte währenddessen über die verängstigten Kinder, die die Soldaten in einer Ecke zusammengetrieben hatten, und traf dann schließlich auf Bengel. Der junge Nautolaner lag schwer atmend auf dem kalten Marmorboden, der etliche blaue Blutlachen aufwiesen, welche vermutlich von den Einschusslöchern in seinem Körper stammten. Ein paar Schritte weiter lagen mehrere Leichen imperialer Soldaten, die seinem Lichtschwert zum Opfer gefallen waren. Sie schluchzte erneut leise auf, als sie den Ausdruck von tiefen Bedauern und dem Flehen um Vergebung in seinen großen, schwarzen Augen bemerkte.

Dann plötzlich zuckte sie zusammen und wurde aus der Betrachtung ihres Mitschülers gerissen, als sie spürte, wie sie etwas berührte. Zuerst glaubte sie, sich zu irren, sich irren zu müssen. Doch als sie sich hilflos umsah, signalisierte ihr Adraas‘ süffisantes Grinsen, dass es tatsächlich seine Hand war, die über ihren Oberschenkel gestrichen hatte und nun die Konturen ihrer Hinterbacken nachfuhr. Eine tiefrote Farbe legte sich binnen Sekunden über ihre Wangen, und augenblicklich war jenes Gefühl in ihren Unterleib zurückgekehrt, das sie so verwirrte und beschämte, und sie schließlich regelrecht durchbohrte, als sein Brustkorb, an dem er sie mit ihrem Rücken presste, mit einem leisen, tiefen Brummen vibrierte. Sie konnte nicht anders, als erneut seinen Blick zu suchen, und sie schauderte, als sie feststellte, dass seine glühenden Augen auf ihr ruhten. „Willst du dir das Spektakel etwa entgehen lassen, meine Kleine?“, neckte er sie. „Willst du denn nicht hinsehen, wie deine Ordensbrüder und -schwestern gleich eins mit der Macht werden?“

Diese Worte gemahnten sie wieder an die Situation, in der sie sich befanden und die Violet in der Verwirrung ihrer Gefühle schon wieder ausgeblendet hatte. Als sie nun sah, wie die imperialen Soldaten unter den Kommandos des Colonels ihre Blaster hoben und anlegten, wuchs ein Schrei in ihrer Kehle heran, der aber nie ihren Mund verlassen sollte. Plötzlich fühlte sich alles taub und wie aus einer großen Entfernung kommend an, die Vorgänge schienen in Zeitlupe abzulaufen und dennoch konnte sie sich nicht dazu aufraffen, etwas, irgendetwas zu tun.

Als sich dann der Dampf der Blaster legte, wurden nach und nach die Leichen der Kinder sichtbar, die von dem Feuerhagel förmlich durchlöchert waren. Ein Röcheln durchschnitt auf einmal die tiefe Stille. Einer der Jünglinge, das kleine Miraluka-Mädchen, wand sich noch in den letzten Todesqualen. Emotional unbeteiligt und routiniert zog Colonel Graver seinen Blaster aus dem Beinholster und tötete das Kind mit einem gezielten Kopfschuss. Als habe sich nichts Besonderes ereignet, wandte er sich dann zu Lord Adraas herum, ihn nach seinen Befehlen für beide Padawane fragend. Violet bekam davon nichts mit. Noch immer starrte sie gebannt ins Gesicht der kleinen Miraluka, deren Schleier verrutscht war und die darunterliegenden leeren Augenhöhlen offenbarte, die sie direkt anzusehen schienen. Ihr könnt die Jedi unterstützen, die die Jünglinge in Sicherheit bringen, erklang dabei Meister Ven Zallows Stimme in ihrem Kopf. Die Jedi unterstützen, die die Jünglinge in Sicherheit bringen. Die Jünglinge in Sicherheit bringen. Die Jünglinge – in Sicherheit bringen! „Nein“, keuchte sie schließlich auf, so laut, dass sie diesmal die Aufmerksamkeit des Sith-Lords und des Colonels auf sich zog. „Nein“, flüsterte sie nochmals, gefolgt von einer ganzen weiteren Salve an verzweifelten Neins, als könne sie das eben Geschehene dadurch rückgängig machen.

„Gute Arbeit, Colonel“, sprach Adraas dann, ihr Gestammel ignorierend. „Waren das alle Jünglinge?“

„Jawohl, mein Lord“, antwortete Graver mit einem zackigen Salut.

„Ausgezeichnet. Sammeln Sie dann ihre Männer und durchkämmen Sie den Tempel nach weiteren verstreuten Jedi. Es dürften nicht mehr viele sein, sofern überhaupt noch welche am Leben sind.“

„Zu Befehl, mein Lord. Sollen wir zuvor noch diese beiden exekutieren?“ Graver machte dabei eine knappe Geste in Violets und Bengels Richtung.

„Nein“, gab Adraas jedoch zurück. „Die Padawane übernehmen wir. Wie es scheint, sind meine Männer ganz erpicht darauf, die Galaxis von diesen Ketzern zu befreien“, setzte er grinsend nach, als er den anderen Sith zunickte, die Bengel schon umzingelt hatten.

„Wie Ihr wünscht.“ Der Colonel salutierte ein weiteres Mal, bevor er mit seinen Soldaten abrückte.

„Habt Ihr einen bestimmten Wunsch, wie wir mit ihm verfahren sollen, Lord Adraas?“, fragte dann einer von ihnen, nachdem er Bengel einen Tritt ins Gesicht gegeben hatte, um ihn aus seiner halben Ohnmacht aufzuwecken.

„Nein“, antwortete er mit jenen ennuyierten Tonfall von zuvor. „Obwohl ich gerade von Euch erwartet habe, eine …“, seine Mundwinkel zuckten und verzogen seine schöne Miene zu einem noch schöneren Lächeln, „etwas kreativere Folter und Hinrichtung als durchschnittlich zu sehen. Ihr habt da so einen gewissen Ruf.“

In Adraas‘ Lachen stimmten nun auch die anderen Sith ein. Der Angesprochene musterte Bengel einmal von Kopf bis Fuß, bevor er dann wieder auflachte, kalt und grausam. „Ich denke, ich wüsste da etwas, um Eure Lordschaft zu erheitern. Außerdem gibt es mir die Möglichkeit, ein Gerücht zu überprüfen, das ich vor einiger Zeit gehört habe.“ Er kniete ging neben Bengel in die Knie, bevor er eine Vibro-Klinge aus einem schmalen Holster am Bein zog. „Das Gerücht handelt davon, dass diesen Viechern – Nautolaner, Twi’lek, Togruta und wie dieses Geschmeiß noch heißt – ihre Kopftentakeln wieder nachwachsen, sollten sie sie in einem Kampf oder durch einen Unfall verlieren. Das heißt aber auch, dass ihre Tentakeln gar nicht so überlebenswichtig sind, wie man häufig denkt.“ Bevor er aber fortfahren konnte, wurde er von den anderen Sith unterbrochen.

„Kommt zum Punkt, Zolek“, sprach einer genervt, während ein anderer spottete: „Seit wann seid Ihr unter die Xenobiologen gegangen?“

Letzterer Kommentar löste ein heiteres Lachen aus, in das Adraas so kultiviert wie auch zurückhaltend einstimmte. Violet nahm das Gelächter nur entfernt war. Es war nicht notwendig, dass der Sith mit seiner Absichtserklärung fortfuhr. Sie wusste bereits mit schrecklicher Gewissheit, was er vorhatte. Und als er schließlich einen der Kopftentakeln des jungen Nautolaners ergriff und seine Klinge ansetzte, konnte Violet nicht anders, als mit weit aufgerissenen Augen das grauenhafte Spektakel zu verfolgen. Sie wollte schreien, um sich schlagen, davonlaufen, doch ihr Körper verweigerte ihr konsequent den Dienst, und obwohl sie nichts sehen konnte als die Ströme von Bengels blauen Blut, das seinem Kopf hinunterrann, und nichts hören konnte als seine entsetzlichen Schreie, konnte sie sich nicht abwenden. Das Grauen nahm sie vollständig gefangen, und als Adraas‘ Hand erneut die Rundungen ihrer Hüfte und ihres Hintern nachfuhr, flehte sie zum ersten Mal darum, nur noch schnell sterben zu können. Denn das Gefühl seiner Berührungen, die unbekannten, aufregenden Emotionen, die er in ihr auslöste … Violet glaubte in diesen Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, den Verstand zu verlieren. Trotz – oder vielleicht wegen? – der brutalen Folter ihres jüngeren Mitschülers, die sie voller Grauen und mit einer dunklen Faszination verfolgte, schien ihr Blut mittlerweile zu kochen, und mit jedem Zucken ihres Beckens, jedem leisen Laut, der ihren Lippen entwich, verriet sie ihr Körper mehr. Das schmerzhafte Pochen und Ziehen in ihrem Unterleib wurde schließlich so stark, dass sie dem Drang nicht länger widerstehen konnte und sich schließlich gegen ihn presste. Seine augenblickliche Reaktion – leises, tiefes, gutturales Aufstöhnen – ließ sie gleichzeitig vor Scham vergehen und vor unbewusster sexueller Erregung beben.

Plötzlich wurde sie sich der Stille gewahr, die sich über sie gelegt hatte. So schnell ihre Lust entflammt war, so schnell wich sie nun dem Entsetzen und der Fassungslosigkeit, als ihr Blick wieder auf Bengel fiel. Er war mittlerweile verstummt und schien sich dem haltlosen Zittern seines Körpers nach zu schließen im Delirium zu befinden, während er in einer Lache aus seinem eigenen Blut lag, umgeben von den Stücken seiner abgeschnittenen Kopftentakeln. „Nun, Zolek, wie lautet Euer Resultat?“, fragte Adraas. Das eben Geschehene hatte keinen Einfluss auf sein charmantes Lächeln gehabt, das er nun einmal mehr zur Schau stellte.

„Er lebt noch, mein Lord, scheint aber kurz vorm Krepieren zu sein. Schwer zu sagen also, ob diese Viecher nun wirklich ohne ihre Tentakeln weiterleben können“, antwortete der Angesprochene.

„Vielleicht müsst Ihr einfach weitere Feldstudien anstellen“, warf ein weiterer Sith ein, was erneut für ein Auflachen sorgte.

„Sollen wir es zu Ende bringen, mein Lord?“, sprach Zolek dann aber.

„Nur zu.“ Adraas machte eine elegant-herablassende Geste, woraufhin sich der Sith vor ihm verbeugte. Mit einem Summen entzündete er dann sein Lichtschwert und hatte schon zum Todesstoß angesetzt, als ein heller Schrei ihn innehalten ließ.

Alle Augen richtete sich auf Violet. „Nein … nein …“, keuchte sie und wiederholte damit, was sie geschrien hatte. „Bitte … Lasst ihn einfach …“

Verwirrt suchte der Sith daraufhin Adraas‘ Blick, der seinerseits das Mädchen in seinen Armen eindringlich beobachtete. Es gab in ihr keinen Stolz mehr, als sie ihm in die glühenden Augen blickte und erneut flehte: „Bitte …“

Nichts regte sich in der Miene des Sith-Lords, allerdings gab er auch nicht den Befehl zum Töten, was Bengels Folterer schließlich ungeduldig werden ließ. „Mein Lord, Ihr wollt ihr doch nicht nachgeben?“, sprach er dann empört. „Ihr könnt doch nicht zulassen, dass Euch ein Padawan sagt, was Ihr tun sollt! Das könnt Ihr nicht –“

Er verstummte, als ihn ein Machtblitz direkt in die Brust traf, den Adraas mit einer lässigen Bewegung seiner Hand gewirkt hatte. „Was ich kann oder nicht, liegt ganz allein in meinem Ermessen“, erwiderte er. Seine Stimme war noch genauso ruhig wie zuvor, doch hatte ihren ironischen Unterton zugunsten einer unüberhörbaren Drohung verloren. Dem gemaßregelte Sith blieb nichts anderes übrig, als die Demütigung mit einer weiteren Verbeugung zu akzeptieren, doch brannten seine Augen dabei mit Hass. Eine knappe Geste von Seiten Adraas‘ gab seinen Männern dann zu verstehen, dass sie gehen durften.

Violet, die er mittlerweile losgelassen hatte, war neben Bengel auf die Knie gesunken. Mit bebenden Händen berührte sie vorsichtig seinen Kopf, betastete die Stümpfe seiner abgeschnittenen Kopftentakeln. Er gab keine Regung mehr von sich, und als sie versuchte, über die Macht hinweg eine mentale Verbindung aufzubauen, war seine Präsenz kaum mehr zu erkennen. Es war die letzte grausame Gewissheit der Tatsache, dass er im Sterben lag. „Vorsicht, meine Hübsche“, hörte sie den Sith-Lord sprechen. „Wir wollen doch nicht, dass sein dreckiges Blut dich befleckt, nicht wahr?“

Seine Worte waren das Ventil für das letzte Rest an Widerstand, das sie noch aufbringen konnte. Mit einem rauen Schrei sprang sie auf und zielte mit der Faust nach seinem Gesicht. Unnötig zu sagen, dass diese ihr Ziel niemals erreichte. Der Sith-Lord brauchte nicht einmal die Macht, um ihren Schlag abzuwehren, sondern fing ihre geballte Faust in seiner Hand ab, während er mit seinem anderen Arm ihre Taille umschlag und an sich presste. „Wie impulsiv und leidenschaftlich du doch bist … wie eine kleine Raubkatze …“, raunte er und presste dann seine Lippen auf ihre.

Violet stieß einen hohen, fiependen Laut aus, der von ihrem Kuss gedämpft wurde. Sie wand sich in seinen Armen, schlug noch ein paar Mal gegen seine Brust. Es waren hilflose und willensschwache Abwehrversuche, die ihn in seinem Tun vielmehr bestärkten, und als seine Zunge ihren Mund in Besitz nahm, brach der letzte Rest ihres Widerstands zusammen. In seine Arme sinkend ließ sie ihm freie Hand, ließ zu, dass er ihren Körper erkundete, sie dort berührte, wo noch niemand sie je zuvor berührt hatte. Er unterbrach den Kuss erst, als ihr stummes Weinen nicht mehr aufhören wollte. „Schhh …“, flüsterte er. „Hab‘ keine Angst, meine Kleine. Du hast von mir nichts zu befürchten.“ Währenddessen hatte er ihre Tränen weggewischt und hob nun ihr Kinn an, damit sie ihm in die Augen blicken musste. „Ja, in deinem Herzen bist du kein Jedi“, fuhr er dann leise fort, nachdem er das zitternde Mädchen betrachtet hatte. „Du hast so viel Potenzial für die Dunkle Seite, dass es eine Schande wäre, dich nicht mitzunehmen. Oder willst du hier sterben?“, setzte er nach, als sie den Kopf geschüttelt hatte. Daraufhin schwieg sie. „Ich werde dein Meister sein und du meine Schülerin. Und wer weiß …“ Seine Hand war ihrer Rückseite hinabgewandert und umfasste ihre Hinterbacken. Ihr leises Stöhnen verschlang sein Mund, als er sie in einen weiteren Kuss verwickelte. „Es gibt keinen Frieden, nur Leidenschaft. Aber ich glaube, das hast du schon für dich erkannt.“ Er drückte ihr noch einen flüchtigen Kuss auf die Wange, bevor er sie, den Arm um ihre Taille gelegt, mit sich zog.

Wieder konnte sie sich später nicht mehr entsinnen, ob sie ihm bereitwillig gefolgt war oder ob er sie mit der Macht mitgezogen hatte. Aber was sie nie vergaß, war der Anblick, der sich ihr bot, als sie die Eingangshalle erreichten. Jetzt, wo sich die Kämpfe gelegt hatten, wurde das Ausmaß der Zerstörung erst vollkommen sichtbar. Das zerschmetterte Portal des Eingangs gab auf den Blick auf ein Coruscant preis, wie es bis heute Nachmittag noch undenkbar gewesen wäre: Feuer erstreckten sich bis zum Horizont über die planetenweiten Stadtgebiete, der Himmel war schwarz vom Rauch der aufsteigenden Brände, nur durchbrochen vom dunklen Silber der imperialen Jägerstaffeln, die noch immer Bombenangriffe flogen. Einige davon mussten schon ebenfalls den Tempel getroffen haben, da auch das Dach mittlerweile schwer beschädigt war und schon überall Stein- und Betonbrocken herausgebrochen waren, die die Eingangshalle in ein Trümmerfeld verwandelt hatten. Und dazwischen, daneben, überall lagen die zahllosen Leichen von Jedi und republikanischen Soldaten. Die wenigen Sith-Krieger, die im Kampf gefallen waren, waren bereits von imperialen Einheiten geborgen worden und wurden nun stumm und ohne großes Pathos in Leichensäcke verpackt und in eine wartende Fähre eingeladen, die zum Abtransport der Verletzten schon bereitstand. Die anderen, darunter auch jene Sith, die Bengel folterten, und Colonel Graver mit seinen Männern, hatten ihre Aufmerksamkeit auf einen weiteren Sith gerichtet, einem Hünen in einer düsteren Rüstung aus schweren Panzerplatten und einem langen, weiten Umhang, der die Autorität seiner Person noch unterstrich. Schließlich stimmten erstere einen Jubelschrei an, während die Imperialen stocksteif salutierten. „Ihr seid Diener des Imperiums“, verkündete der Sith-Lord dann mit düsterem Stolz. „Und der Macht.“  

Noch während die anderen Sith wiederholt zu einem Siegesgeheul anstimmten, wanderten die glühenden Augen dieses Mannes über die Menge und blieben an Adraas hängen, der schweigend die Arme verschränkt hatte. Diese Geste war eine stumme Verweigerung der Autorität dieses Sith-Lords und wurde von diesem auch als solche erkannt. „Lord Adraas …“, ertönte seine Stimme rau und mit einem mechanischen Klang unter der metallenen Atemmaske hervor, die die untere Partie seines Gesichts bedeckte. Die anderen Sith gaben augenblicklich den Weg frei, als er mit schweren Schritten und wellenden Umhang auf Adraas zuschritt. Dieser wich hingegen keinen Stückchen zurück, sondern behauptete seine Position. „Habt Ihr Eure Zeit etwa damit vergeudet, kleine Padawane zu jagen, während hier die Schlacht stattfand?“, sprach er dann, nachdem sein Blick Violet flüchtig gestreift hatte. Deren Füße waren, sobald Adraas sie losgelassen hatte, eingeknickt, sodass sie nun als kläglich zusammengesackter Haufen auf dem marmornen Boden saß und zitternd die Arme um sich geschlungen hatte. Als sie aber den Blick aus seinen blutunterlaufenen, tiefgelben Augen erwiderte, wurde ihr kalt ums Herz. Sie wusste genau, wer dieser Mann war. Held von Korriban, Dunkler Lord der Sith, berüchtigter General der imperialen Streitkräfte in den gefährlichsten und riskantesten Operationen … es gab noch viele Titel, ruhmreiche und weniger schmeichelhafte, die man ihm gegeben hatte, abhängig von der jeweiligen Loyalität. Doch unabhängig der Zugehörigkeit zu Republik und Imperium war man sich über eine Sache im Klaren: Wenn es jemanden gab, der die Jedi-Ritterin Satele Shan über alles hasste, dann war es dieser Mann.

„Darth Malgus …“, entgegnete der Angesprochene mit einem so charmanten wie spöttischen Lächeln. „Nun, im Gegensatz zu Euch habe ich mein Augenmerk auf langfristigere Ziele als den flüchtigen Ruhm im Gefecht gerichtet. So ist es mir und meinen Leuten gelungen, den hier anwesenden Nachwuchs der Jedi vollständig auszulöschen. Dank meiner Voraussicht wurde das Fundament des Jedi-Ordens selbst erschüttert. Dieser Verlust wiegt weit schwerer als ein einzelner Meister, und heiße er auch Ven Zallow.“ Er nickte in Richtung eines Leichnams in schlichter, brauner Robe, der ganz in der Nähe lag. Violet, die Adraas‘ Wink instinktiv gefolgt war, schluchzte laut und abgehackt auf, als sie in das Gesicht des toten Jedi-Meisters blickte. Meister Zallow … hatte er ihr nur das Leben gerettet, um so wenig später selbst zu sterben? Worin lag hier der Sinn? Worin lag hier die Gerechtigkeit? War diese grausame Ironie etwa der Wille der Macht? Diese Fragen schossen ihr durch den Kopf, ohne je beantwortet zu werden.

„Wie es aussieht, habt Ihr schlechte Augen, Adraas“, sprach Malgus dann mit einem weiteren, scharfen Blick in Violets Richtung. „Einen Padawan habt Ihr am Leben gelassen.“

„Die Kleine hier?“ Adraas bedachte sie für einen Moment mit einem nachdenklichen Lächeln. „Ich werde sie nach Dromund Kaas mitnehmen. Sie hat Potenzial gezeigt, Feuer, sogar Leidenschaft. Vielleicht lassen sich die Irrlehren der Jedi bei ihr noch korrigieren. Immerhin ist sie noch jung.“

Noch während er sprach, konnte Violet eine Veränderung in der hässlichen, entstellten Miene des älteren Sith-Lords wahrnehmen, eine so dunkle, unheilverkündende Veränderung, dass sie instinktiv nach hinten in Adraas‘ Richtung zurückwich. Doch er war schneller und packte sie mit der Macht bei der Kehle, um sie in die Luft zu reißen. Panisch nach Luft schnappend, konnte sie nur verzweifelt um sich treten. „Mit diesem Gedanken braucht Ihr Euch gar nicht anzufreunden“, fauchte Malgus währenddessen. „Das Mädchen geht nirgendswo hin.“

Adraas‘ charmantes Lächeln war noch immer nicht verblasst, doch hatte einen dunklen Unterton bekommen. Unauffällig, wie zufällig strich er seine Robe zurück und platzierte seine Hand auf dem Griff seines Lichtschwerts. „Das Mädchen rechne ich zu meiner Kriegsbeute, Malgus. Ich werde nicht auf sie verzichten. Also lasst sie los.“

„Das Mädchen ist der Padawan eines Jedis, mit dem ich noch eine Rechnung offen habe“, gab Malgus zurück. Ob als Demonstration seiner Macht oder einfach aus Zorn verstärkte sich sein Machtgriff um Violets Kehle, die nun laut aufröchelte.

„Eure Fehden kümmern mich nicht.“ Im Gegensatz zu seinem Kontrahenten war Adraas‘ Stimme so ruhig und beherrscht wie zuvor, doch seine zur Faust geballten Hände verrieten, wie viel Kraft ihm diese Beherrschung kostete. Malgus hatte unterdessen sein Lichtschwert gezückt und entzündet. „Wollt Ihr mir drohen? Dann seid Ihr ein größerer Narr, als ich gedacht habe“, fuhr Adraas fort. Beide Sith-Lords lieferten sich ein stummes Blickduell, dass die anderen Sith atemlos verfolgten. „Ich verspreche Euch eins: Darth Angral wird hiervon erfahren“, zischte er dann, nachdem Malgus keinerlei Anstalten machte, auf seine Forderung einzugehen. „Und er wird nicht gutheißen, dass Ihr meine Autorität missachtet habt.“

Sein letzter, trotzig klingender Satz ließ den Dunklen Lord trocken auflachen. „Wenn Ihr es nicht selbst schafft, dass man Euch Respekt entgegenbringt, dann habt Ihr auch keinen verdient“, erwiderte er dann schroff. „Lauft doch schon zu Eurem Meister und jammert bei ihm wie das Kind, das Ihr noch seid, Adraas.“

„Das wird Konsequenzen haben, Malgus“, gab der jüngere Sith-Lord zurück. Sein schönes Lächeln war nun endlich einer Miene aus Zorn und verletztem Stolz gewichen. Malgus‘ letzter Satz schien ihn getroffen zu haben, umso mehr, als dass er in der Tat noch so jung wirkte, dass er vermutlich noch nicht einmal die Dreißig überschritten hatte.

Violet, bereits einer Ohnmacht nahe, war von Malgus unterdessen losgelassen worden. Flach, abgehakt atmend lag sie bäuchlings auf dem Boden und bekam wie durch einen Schleier mit, wie Adraas sich schließlich abwandte und auf dem Weg zur Fähre machte. Nur langsam, tröpfchenweise drang die Erkenntnis zu ihr vor, was gerade geschah. „Bitte … Lasst mich nicht hier …“, krächzte sie mit rauer Kehle.

„Ich hätte dich nur zu gerne mitgenommen, Kleines“, entgegnete er. „Es ist eine Schande …“ Damit wandte er sich von ihr ab. Die anderen Sith, die dem verbalen Schlagabtausch fasziniert gefolgt waren, traten ihm bewusst aus dem Weg, als er zu der Fähre hinüberging. Zeitlebens würde das Gefühl der Schmach nicht vergessen, derart erbärmlich und stolzvergessen um ihr Leben gebettelt zu haben.

Sie stieß dann einen hohen Schmerzenslaut aus, als Darth Malgus, der den Abzug seines Kontrahenten nicht ohne eine gewisse Befriedigung verfolgt hatte, sie an ihren Haar auf die Beine hochzog. „Wo ist deine Meisterin, Mädchen? Wo ist Satele Shan?“, fragte er dann.

„Sie ist nicht hier … Sie ist nicht hier“, gab sie keuchend zur Antwort.

„Wo ist sie dann?“

„Alderaan …“

„Alderaan … Welche Ironie“, nickte Malgus mit bitterem Grinsen. „Ich hatte gehofft, sie hier anzutreffen. Aber nun werde ich ihr einen guten Grund geben, zu kommen und sich mir zu stellen.“ Er stieß sie so abrupt von sich, dass Violet ungebremst auf dem Marmorboden aufschlug. Ein scharfer Schmerz schoss dabei durch ihre Brust und ihre Schulter und ließ sie leise wimmern. Das Summen eines entzündeten Lichtschwerts ließ sie dann aber erstarren. „Beweis‘ mir deinen Wert, junger Jedi. Zeig‘ mir, ob du deiner Meisterin würdig bist“, sprach er weiter, als er ein Jedi-Lichtschwert mit der Macht heranzog und ihr dann zuwarf.

Ihre Hände zitterten unkontrolliert, als sie das schlichte Schwert ergriff und sich dann mehr schlecht als recht auf die Beine kämpfte. Die Möglichkeit, ihm das Duell zu verweigern, kam ihr dabei zu keiner Zeit in den Sinn. Im Grunde gab es kaum noch etwas, das ihr bewusst durch den Kopf ging. Eine Leere und Taubheit hatte sie ergriffen, ihre Augen sahen nichts anderes als seine rote Klinge, und als diese dann auf sie zuraste, reagierte ihr Körper einmal mehr schneller als ihr Verstand. Sie rollte sich zur Seite ab und parierte dann den frontalen, von oben herabsausenden Schlag. Die Wucht ließ aber ihre Arme beben und sie einige Schritte nach hinten stolpern, was von den anderen Sith mit einem höhnischen Lachen begleitet wurde. Malgus‘ Miene hingegen war hart und regungslos, nur das Feuer in seinen gelbglühenden Augen verriet seine Wut, seinen Hass, seinen Willen, sie und alles, was von den Jedi übrig war, zu vernichten.

Wie ihr Charakter kannte auch ihr Kampfstil kein Form der Verteidigung, sondern nur des Angriffs, und so setzte sie mit dem Mut der Verzweiflung zu einem Wirbelsprung um ihre eigene Achse an, um genügend Kraft für einen Angriffshieb zu sammeln. Es kostete Malgus nicht mehr als eine müde Bewegung des Handgelenks, um den Schlag abzuwehren, genau wie den nachfolgenden, den sie mit der Hinterhand durchführte. Ihrem zweiten Sprung, bei dem sie mit dem Fuß nach seinem Gesicht zielte, wich er ebenso lässig aus und nutzte schließlich den Moment, als sie auf dem Boden aufkam, um ihr den Griff seines Lichtschwerts gegen die Schläfe zu rammen. Violet hatte das Gefühl, von einer Abrissbirne getroffen zu sein und sackte an Ort und Stelle zusammen. Augenblicklich war ihr Mund von dem Geschmack von Blut erfüllt, das von einem linken Backenzahn stammte, der nur noch lose im Kiefer wackelte. Von fern nahm sie wahr, wie erneut das laute Lachen der anderen Sith aufbrandete und dann abrupt abbrach, als Malgus seine Stimme erhob. „Ist das die Stärke deiner Republik, kleiner Padawan?“, fragte er laut und mit einem verächtlichen Tonfall. „Dann ist sie noch erbärmlicher, als ich überhaupt dachte.“ Seine Worte wurden von einem Siegesschrei der anderen Sith untermalt.

Ein letztes Mal bäumte sich ihr Stolz, durch diese Demütigungen entflammt, auf und ließ sie mit Schwung zurück auf die Beine springen und sogleich zu einem Machtsprung ansetzen. Er blockte ihren Schlag, doch musste nach hinten ausweichen, als sie in einer durchgehenden Bewegung nach seinen Beinen schlug, sogleich einen Salto machte, um seine linke Deckung zu testen, und sich gleich wieder überschlug, um die Energie in einen Schlag auf seine rechte Seite umzuleiten. Die Schnelligkeit ihrer Angriffe gab ihm keine Gelegenheit, selbst zu einem Schlag auszuholen, weshalb er ihr einen Machtstoß versetzte, der die Abfolge ihrer Schläge durchbrach und sie stolpern und schließlich aufschreien ließ, als seine Klinge ihr Ziel fand und einen langen Schnitt in ihren Oberschenkel brannte. Mehr vor Schreck als vor Schmerz ließ sie jede Deckung fallen, um nach der Wunde zu tasten, was ihm die Gelegenheit zu einem weiteren Treffer war, der ihre Seite traf. Diese Wunde, die nun wesentlich tiefer ging, ließ sie nun voller Schmerzen aufstöhnen und in die Knie sinken.

Doch als Malgus an sie herantrat und zum finalen Schlag ausholte, hob sie den Kopf und spuckte ihm das ganze Blut, das sich in ihrem Mund angesammelt hatte, direkt ins Gesicht. Womit er auch gerechnet haben mochte, mit einem Parierschlag oder vielleicht einem Ausweichmanöver, so traf ihn dieser Zug nun völlig unerwartet. Instinktiv schloss er die Augen und wich zurück. Violet hingegen nahm all ihre verbliebene Kraft zusammen und zielte mit ihrer Klinge frontal auf seine Brust. Es erforderte eine sehr viel größere Geschicklichkeit und Konzentration, einen Stich anstelle eines Schlags abzuwehren, und so konnte sie Malgus‘ Irritation zur ihren Gunsten nutzen und tatsächlich seinen linken Oberarm treffen. Der Sith-Lord zischte unter seiner Atemmaske, doch gab sonst kein Zeichen des Schmerzens von sich. Einzig das gelbe Glühen seiner Augen wurde dunkler und bekam einen orangenen Stich. „Nicht schlecht, kleiner Jedi“, sprach er dann in der Totenstille, die sich über sie gelegt hatte. Aber ich werde kein zweites Mal darauf hereinfallen.“

Die harte Ton seiner mechanisch klingenden Stimme und der erbarmungslose Ausdruck in seinen Augen ließen daran keinen Zweifel, und hatte Violet geglaubt, sie sei Zeugin des Kampfgeschicks von Darth Malgus geworden, so wurde sie nun eines Besseren belehrt. Er attackierte sie mit einem von oben herabzielenden Schlag, der ihre Defensivstellung sogleich zerschmetterte, schlug ihr mit einem seitlichen Manöver das Schwert aus der Hand und riss sie dann mit gezielte Tritt gegen ihre Brust von den Füßen. Es war zum zweiten Mal, dass Violet glaubte, von einem Schnellzug oder einer Raumfähre gerammt zu werden. Die Wucht quetschte ihr die Luft aus den Lungen und ließ sie einige Meter nach hinten fliegen, bis sie gegen eine der Säulenstümpfe prallte und wie ein nasser Sack in sich zusammensank. Alles in ihr, jedes einzelne Glied ihres Körpers schrie mittlerweile vor Schmerzen, und als sie versuchte, sie wieder aufzurappeln, versagte er ihr den Dienst. Stoßweise nach Luft schnappend, konnte sie nicht mehr tun, als mit großen Augen zu verfolgen, wie schwere Schritte näher kamen und schließlich gepanzerte Stiefel in ihr Sichtfeld traten. Es kostete sie eine enorme Anstrengung, den Kopf so weit zu drehen, dass sie Malgus ansehen konnte. Eine leichte Geste seinerseits riss sie in die Höhe, als er mit der Macht ihre Kehle umschloss und hochhob. Vernarbt, entstellt durch die Korruption der Dunklen Seite und nun noch mit ihrem Blut bedeckt, war sein Gesicht ein fürchterlicher, abscheulicher Anblick. „Deine Meisterin hat dich nicht schlecht ausgebildet, Violet Spes.“ Sie zuckte zusammen, als er sie mit ihrem Namen ansprach. Er musterte sie von oben bis unten, bevor er sein Schwert zückte und aktivierte. „Aber sie hat dich nicht gelehrt, gegen jemanden wie mich zu bestehen. Sie hat dich nicht gelehrt, der Dunkelheit entgegenzutreten und sie zu besiegen.“ Mit der freien Hand ergriff er ihr Kinn und hob es an. Sie wusste nicht, was er in ihren Zügen suchte, die er kurz, aber eindringlich betrachtete. „Bestell‘ deiner Meisterin einen Gruß von mir, kleiner Padawan“, sprach er dann, leise, ernst, kalt.

Doch Violet hörte diese letzten Wort nicht mehr. So wie ihr Blick automatisch den Weg zu seiner Klinge gefunden hatte, nahmen ihre Ohren nichts anderes mehr als das Summen des Schwerts wahr, und als er zu einem Stoß ansetzte, explodierte ihr Kopf förmlich vor Gedanken, zersprang ihr Herz fast vor Emotionen, und doch konnte sie später keinen einzigen Gedanken, kein einziges Gefühl rekapitulieren. Alles, was sie wusste, alles, woran sie sich erinnerte, war die Qual des Schmerzes, als seine Klinge ihre Brust durchbohrte. Hitze, Kälte, dann wieder Hitze, wieder Kälte, die sie empfand und die ihr Nervensystem schier lahmlegte. Sie konnte nicht schreien, sich nicht wehren, konnte nicht einmal mehr atmen. Die Umgebung verschwamm vor ihren Augen und kippte in eine seltsame Richtung weg, bis sie auf einmal nur noch das zerschmetterte Dach des Tempels sah. Die Ruinen wurden vom rötlichen Widerschein der brennenden Stadtgebiete erleuchtet, doch sie nahm dieses Licht hingegen als Schein der niedergehenden Abendsonne war, und plötzlich sah sie ein ganz anderes Bild vor ihren Augen, sah die Ruinen am Bergsee, der oberhalb des Dorfes gelegen hatte, wo sie einst aufgewachsen war und wohin es sie als Kind immer gezogen hatte, getrieben von einem unerklärlichen, unhörbaren Ruf.

Dann verschlang sie die Dunkelheit.

Chapter Text

„Mein Lord?“ Ein behutsames Klopfen riss sie aus ihren Erinnerungen. Sie blinzelte ein paar Mal, dann sprang sie hoch und verließ das Bad. „Ist … ist alles in Ordnung?“, erklang die Stimme Berit Pattows gedämpft durch die Zimmertür.

„Ja“, brachte Violet hervor, erschrocken darüber, wie rau und heiser ihre Kehle war. Rasch wischte sie ihr Gesicht am Ärmel ab, das nass von ihren Tränen war.  

Ein Moment herrschte Stille. „Wünscht Ihr … dass ich Euch etwas anderes bringe? Ihr habt den Kaffa und den Kuchen nicht angerührt“, fragte sie weiter.

Violet verstand zuerst nicht, wovon sie sprach. „Nein … Ist schon gut“, gab sie dann zurück.

Wieder herrschte für einen langen Moment Stille. „Nun gut … Ich werde Euch dann alleinlassen.“

Violet erwiderte nichts und einige Momente später konnte sie die Schritte hören, als die Haushälterin sich entfernte. Sie war sich inzwischen sicher, dass es Mrs. Pattow nicht wirklich um den Kaffa und irgendwelche Dessertküchlein gegangen war. Dieser Frau entging nichts, und so wird sie auch sogleich ihr gänzlich verändertes Verhalten bemerkt haben. Doch das war jetzt nebensächlich, viel schlimmer war der derangierte Zustand, in dem sie sich befand und der jedem sofort verriet, dass sie heftig geweint haben musste. Auch wenn die Sith davon überzeugt waren, ihre Kraft aus Emotionen zu gewinnen, so bezweifelte sie doch, dass man Trauer und Verzweiflung für wünschenswerte Gefühle eines Sith hielt. Zumindest hatte ihr Meister keinen Hehl daraus gemacht, dass er sie nicht derart schwach zu sehen wünschte.

Die nächsten Stunden verbrachte sie deshalb damit, immer wieder ein Handtuch mit kalten Wasser zu tränken und sich aufs Gesicht zu legen, um ihre vom Weinen geschwollenen Augenlider zu kühlen, während sie nebenbei das HoloTV eingeschalten hatte. Es war draußen bereits dunkel geworden, als sie inmitten der allgemeinen Gegenwart der Dunklen Seite die sich nähernde Machtpräsenz von Darth Malgus spürte. Rasch schaltete sie den Projektor ab, der das Bild dreidimensional abgebildet hatte, und lauschte auf die gedämpften Stimmen, die von der Eingangshalle zu vernehmen waren. Doch keinen Moment später erklang das mittlerweile schon vertraute donnernde Bellen Ragnos‘. Unwillkürlich verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem kläglichen Lächeln, als es dann an ihrer Tür kratzte und schließlich ein hohes Fiepen hörbar wurde. Kaum hatte sie aber die Zimmertür geöffnet, sprang sie ein gewaltiges Fellbündel, schneeweiß und dreckig braun, an. Violet ging leicht in die Hocke, damit Ragnos seine Pfoten auf ihre Schultern legen konnte. Ein Lachen, so leise und abhackt, dass man es nicht von einem Schluchzen unterscheiden konnte, entwich ihrer heiseren Kehle, während der Tuk’ata ihr Gesicht ableckte und sich dann ausgiebig streicheln und knuddeln ließ. Sein langes, weichen Fell zwischen ihren Fingern zu spüren, ihr Gesicht an dem pelzigen Kragen um seinen Hals zu reiben und zu versenken, gab ihr für einen Moment die Illusion, sie sei wieder ein kleines Mädchen und schmuse mit den Jagdhunden ihres Stiefvaters. „Na, mein Junge“, murmelte sie dann mit Blick auf ihre Schultern, wo ihr schwarzer Pullover vor Dreck nur so starrte, „hast du wieder schön deine Pfotenabdrücke überall hinterlassen?“

Ragnos bellte schwanzwedelnd auf und sprang dann zur Seite weg, bevor er aus dem Zimmer rannte. Als sie ihm aber nicht folgte, blieb er am Treppenabsatz stehen und bellte einige Male auf. „Ich soll dir folgen?“, fragte sie mit erhobenen Augenbrauen. Zur Antwort bellte der Wolfshund ein weiteres Mal auf. Auf einen scharfen Pfiff hin spitzte er aber dann die großen Ohren und rannte die Treppe hinunter. Als sie ihm folgte, konnte sie schon von der Balustrade aus sehen, dass es Malgus gewesen war, der ihn zurückgepfiffen hatte. „Meister …“, grüßte sie ihn leise, als sie unten in der Eingangshalle angekommen war und sich nun vor ihm verbeugte.

„Schülerin …“, erwiderte er, während er Ragnos‘ pelzige Ohren kraulte, respektive es vielmehr versuchte, da der Tuk’ata stattdessen bemüht war, seine Hände abzulecken. „Was? Hast du heute noch keine Leckerchen bekommen?“, sprach er an Ragnos gewandt.

„Leckerchen der ganz besonderen Art, möchte ich beinahe sagen“, erklang Berit Pattows Stimme zur Antwort. Sie musste aus dem Speisezimmer gekommen sein, denn sie hielt eine silberne Platte mit Roastbeef in Händen. Sie wirkte, gelinde gesagt, etwas verstimmt. „Es fehlte nicht viel und ich hätte heute Morgen eine Herzattacke erlitten, da Ragnos meinte, er müsste mir einen menschlichen Arm als Spielzeug bringen.“

„Wieder einen von Grathans Leuten?“, fragte er wie nebenbei.

„Das ist zu vermuten.“ Die Haushälterin hatte demonstrativ die Augenbrauen erhoben.

Malgus hingegen zuckte mit den Schultern. „Wenn sie sich auf meinem Grund und Boden herumtreiben, dann geschieht es ihnen ganz recht.“

„Diese Aussage trifft nicht meine Zustimmung“, gab Berit sogleich zurück. „Mein Lord“, fügte sie mit einem deutlichen zeitlichen Abstand hinzu.

Wie schon gestern überging Malgus diese unterschwellige Insubordination wortlos und machte sich stattdessen auf den Weg ins Speisezimmer. Ragnos, der wieder einmal an der Haushälterin hochspringen wollte, packte er nebenbei am Halsband und gab ihm mit einem kurzen, aber energischen Zug zu verstehen, dass er ihm gehorsam zu folgen habe. „Hast du mit Pattow alles geregelt?“, fragte er dann, als er seine Atemmaske abnahm.

„Ja, Meister“, murmelte sie nur. Sie nahm zu seiner Linken Platz und wartete stumm ab, bis Berit neben dem Braten auch die Beilagen serviert hatte und sich schließlich mit einem Knicks zurückzog.

Schweigend begannen sie essen, und da er keine Anstalten machte, die Stille zu durchbrechen, konzentrierte sich Violet ausschließlich auf ihren Teller, doch im Gegensatz all ihren Mahlzeiten zuvor fehlte ihr jetzt jeder Appetit. Und darüber hinaus ließ sie der scharfe Blick, mit dem Malgus sie eindringlich musterte, vermuten, dass er ihre verräterisch geschwollenen und geröteten Augen bemerkt haben musste. „Mrs. Pattow hat sich ausführlich darüber ausgelassen, dass ein Sith heute hier war, um mich aufzusuchen. Sie habe es dir überlassen, die Sache zu regeln“, sprach er dann.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu nicken. „Er überbrachte eine Botschaft seines früheren Meisters, Darth Angral. Dieser wolle Euch morgen Nachmittag aufsuchen.“

„Und warum?“

Seine so logische Nachfrage ließ sie innehalten. Die Begegnung mit Adraas hatte sie zu sehr erschüttern, um sich über dieses Detail Gedanken zu machen. „Ich … weiß es nicht. Das hat er mir nicht gesagt“, konnte sie darauf nur erwidern.

„Nun, bei Angral kann ich mir den Grund für seinen Besuch schon denken.“ Dass er das in der Tat konnte, verriet der grimmige Ausdruck, der bei der Erwähnung von Angrals Namen sein vernarbtes Gesicht noch weiter verdunkelt hatte. Er wirkte einige Momente derart nachdenklich, dass Violet schon hoffte, diese Nachricht würde ihn genug beschäftigen, um ihrem derangierten Zustand kein weiteres Interesse beizumessen. Doch als er dann aufsah und die Augen zusammenkniff, wusste sie, dass diese Hoffnung vergeblich war. „Was ist los?“, fragte er ohne Umschweife und nicht sonderlich geduldig klingend. Dass sie seinem Blick nicht nur ausgewichen war, sondern unterwürfig nach unten sah, schien ihn zu ärgern.

„Nichts“, murmelte sie.

Er schnaubte. „Wenn du schon lügst, dann lüg‘ wenigstens glaubwürdig.“

Sie atmete kurz durch und hob den Kopf. „Dann habe ich Euch nichts zu sagen“, entgegnete sie so dreist und trotzig, dass sie selbst über sich erschrak. Einige Sekunden verstrichen, doch da er schwieg und auch keine Anstalten machte, sie für ihre Antwort zu maßregeln, wandte sie sich einmal mehr ihrem Teller zu, ohne nochmals aufzusehen, obwohl ihr nicht entging, dass Malgus sie scharf beobachtete, der hinter seiner grimmigen Miene von ihrem sonderbaren Verhalten in Wahrheit irritiert war. Jede Selbstsicherheit, die sie gestern noch ausgestrahlte, als sie die rebellischen Sklaven mittels des Überläufers aus ihren eigenen Reihen gebrochen und dann den unfähigen Colonel Trespo hingerichtet hatte, schien verschwunden zu sein, als sei es nur eine Maske gewesen, die sie sich notgedrungen übergezogen hatte. Auch ihre freche Antwort war nicht mehr als der schlechte Versuch, sich hart und unbeugsam zu geben. Sie täuschte ihn keineswegs darüber hinweg, dass etwas diesen harten Panzer zerstört hatte, unter dem sich ein allzu weicher und verletzlicher Kern befand. Diese Erkenntnis, gepaart mit ihrer ganzen Haltung, die die einer hilflosen und schutzbedürftigen jungen Frau war, löste ein seltsames Gefühl in Malgus aus. Nur zu gut wusste er, dass es als ihr Meister nun seine Aufgabe wäre, ihr diesen Moment der Schwäche keineswegs durchgehen zu lassen, dass er in der Wunde ihrer verletzten Seele weiter bohren müsste, bis sie selbst entweder brach oder alle Schwäche in sich ausgemerzt hatte. Wie man einen Schüler demütige und brach, oblag den eigenen Vorlieben eines jeden Meisters und reichten von verbalen Demütigungen bis zu dem, was man gut und gerne als eine Art Folter bezeichnen konnte. Das Ziel war dabei immer das Gleiche: Die Schwäche – ob nun Zweifel, Gutherzigkeit oder einfach nur Faulheit – aus dem Schüler zu tilgen und an ihrer Stelle Wut und Hass zu schüren, die den Anwärter letztendlich stärker, dunkler machen würden. Dies wäre nun seine Pflicht, doch aus einem sonderbaren Grund konnte sich Malgus nicht dazu durchringen, dieser Pflicht nachzukommen. Etwas, irgendetwas an ihr verursachte tief in ihm ein Brennen, ein Pochen, einen Schmerz von einer Art, wie nur eine einzige Sache in dieser Welt ihn heraufbeschwören konnte.

Eleena …

Unwillkürlich zitterte seine Hand, als ihr Bild seine Gedanken kreuzte. Seine Hand, die einst das Schwert geführt hatte, das ihr Herz durchbohrte.

Eleena …

Ihm war plötzlich, als müsste er ersticken. Nur mit großer Beherrschung widerstand er dem Drang, aufzustehen und nach seiner Atemmaske zu greifen. Es würde ohnehin nichts nützen, denn es waren nicht seine gequetschten Lungen, die nach Sauerstoff riefen. Es war etwas anderes. Etwas, das er schon lange besiegt zu haben glaubte; etwas, das er so standhaft vor aller Welt und vor sich geleugnet hatte, bis er es zeitweise selbst glaubte.

Als könnte er sich von all diesen verwirrenden Gefühlen, die keine Stärke, sondern nur Schwäche brachten, befreien, atmete Malgus langsam und tief durch. Dabei entging ihm nicht, dass seine Schülerin aufgesehen hatte und ihn nun eindringlich musterte. Konnte sie spüren, welcher Aufruhr in ihm herrschte? Dem wachsamen Ausdruck in ihren goldgelben Augen nach zu schließen, konnte sie es zweifelsohne, auch wenn sie es mit keinem Wort kundtat. „Also, was ist zwischen euch passiert?“, fragte er dann auf seine gewöhnlich direkte Art, um die Aufmerksamkeit wieder auf sie zurückzulenken. Außerdem war in der Tat gespannt auf das, was vorgefallen sein musste, um sie derart aus der Bahn zu werfen.

„Was … meint Ihr?“, fragte sie ausweichend.

„Was zwischen dir und Angrals Schüler passiert ist“, wiederholte er eine Spur ungeduldiger.

„Nichts, das von Bedeutung für Euch wäre.“

„Diese Antwort ist nicht akzeptabel.“

Sie seufzte leise auf. Es klang so entnervt wie erschöpft. „Ich … wusste einfach nicht, wie ich reagieren sollte. Als Frau auf die Annäherungsversuche eines Mannes, meine ich.“

Auch wenn er es weder durch Worte noch Gesten zeigte, so erstaunte diese ihre Aussage Malgus doch. Mit ihrem hübschen Gesichtchen und ihrer attraktiven Figur musste sie doch an die Aufmerksamkeit von Männern gewohnt sein, oder? Doch nur einen Augenblick später dämmerte ihm, was wohl der tiefere Sinn ihrer Aussage war. Ja, als Sklavin war sie es sicher gewohnt gewesen, männliche Aufmerksamkeit bekommen zu haben, Aufmerksamkeit hinsichtlich einer Sache: Nämlich Sex. Plötzlich war ihm, endlich den Grund für ihr zuweilen seltsames Verhalten erkannt zu haben, für ihren abrupten Wechsel von einer harten, erbarmungslosen Vollstreckerin, die Akolythen aufschlitzte und Offiziere zu Tode würgte, zu jenem kläglichen Häufchen, das nun vor ihm saß, zu jenem hilflosen Wesen, das lang vergessene, lang verleugnete Gefühle in ihm auslöste. „Du weißt hoffentlich, dass du nicht erst meiner Erlaubnis bedarfst, um dich zu wehren“, sprach er schließlich. Jemanden zur Verteidigung seiner Person zu ermahnen, der so kaltblütig war, einem anderen das Herz herauszureißen, würde auch ihm für gewöhnlich als absurd erscheinen, doch Malgus hatte in diesem Moment den aufrechten Drang, sie zu ermutigen. Ermutigen, wie er einst Eleena ermutigt hatte. Wie er versucht hatte, sie zu ermutigen, und doch gescheitert war.

„Ich weiß“, erwiderte sie leise.

Wieder setzte dieses unbehagliche Schweigen zwischen ihnen ein. „Ich vermute, dass es nicht Lord Praven war, den du heute getroffen hast“, fuhr er dann fort. „Praven ist ein wahrer Sith-Krieger, der einem strikten Ehrenkodex folgt. Eine erstaunliche Ausnahme unter all jenen, die Angral ihren Meister nennen.“

„Nein, das war er nicht. Er …“ Sie atmete tief durch. „Es war ein gewisser Darth Adraas.“

Die Stille, die jetzt zwischen ihnen aufkam, war von ganz anderer Natur. Sie machte sich unter dem brennenden Blick, den Malgus ihr jetzt zuwarf, instinktiv ein Stückchen kleiner. „Du meinst Lord Adraas“, sprach er leise, beinahe flüsternd, obwohl er einen Wutschrei hätte ausstoßen können.

„Er stellte sich mir als Darth Adraas vor“, antwortete sie vorsichtig, offensichtlich besorgt darum, sie könnte ihn noch mehr verärgern. Denn dass er wütend war, dass er vor Zorn raste, verriet ihr zweifelsohne seine Machtaura.

Er schnaubte abfällig. „Dann hat er es also doch noch geschafft, sich bis zum Darth hochzuschmeicheln …“ Er konnte sich diese Spitze gegenüber jenen Mann, der einst zu seinen ärgsten Rivalen zählte, nicht verkneifen.

Während Malgus noch alten Erinnerungen nachhing, die ihm mit Hass und Bitterkeit erfüllte, nahm ihre Unbehaglichkeit noch weiter zu. „Meister, darf ich mich zurückziehen?“, fragte sie letztendlich.

Da war sie wieder, die Schwäche in ihrem Blick, die Schwäche in ihrer ganzen Haltung, die ihn erzürnen und für die er sie bestrafen sollte. In seinem gegenwärtigen Zustand hatte sie aber einen gegenteiligen Effekt für sein Gemüt, den er sich nicht recht erklären konnte, ihm aber auf unangenehme Art vertraut war.

Eleena …

„Du darfst gehen“, gab er schroff zurück, wesentlich schroffer, als er es wirklich meinte. „Aber nutze die Zeit und meditiere. Werde dir über deine Gefühle im Klaren, erkundete sie und ihre Ursachen. Und dann wandle deine Schwäche und deine Bitterkeit in Zorn und Hass um, damit du eines Tages all jene vernichten kannst, die dir einmal Leid zugefügt haben.“

„Ja, Meister“, erwiderte sie mit einer gehorsamen Verbeugung.

Sie war schon fast zur Tür hinaus, als er nachsetzte: „Ich werde wissen, ob du meditiert hast. Du bist nämlich nicht gut darin, deine Gefühle zu verbergen.“

Da zuckte es in ihrer Miene. „Das seid Ihr auch nicht.“

„Ist das so?“ Ihre Widerworte hatten sein Interesse wieder erwachen lassen. „Nun dann, Schülerin. Was kannst du spüren?“

Sie trat einige Schritte heran, bevor sie die Augen schloss und ihre Hände in einer andächtigen Geste faltete. Es war nicht gerade das, was Malgus von einem jungen Sith erwartet hatte, doch es wurde noch seltsamer. Anstatt seine Machtpräsenz brutal zu attackieren, wie ein dunkler Machtnutzer es tun würde, um Zugang zu den Gefühlen und Gedanken zu bekommen, legte sich ihre eigene Aura wie ein Schleier oder ein Nebel um ihn, umschlang ihn, tastete förmlich seine Präsenz ab. „Ihr bebt vor Wut“, wisperte sie dann. „Und Ihr seid verbittert … Aber … da ist noch etwas anderes.“ Ihr Gesichtszüge verloren jede Spannung, wurde vollkommen still und apathisch, als sie sich der Macht nun in vollem Maße öffnete und hingab. Mit Erstaunen verfolgte Malgus ihre augenblickliche Verwandlung. So schwach und emotional instabil sie auch gerade noch gewesen sein mochte, so vollkommen ruhig und gelassen schien sie nun zu sein. Wüsste er es nicht besser, würde ihre eigene Aura nicht so dunkel und kalt sein, so konnte man sie glatt für einen Jedi halten. Dann plötzlich stieß sie einen leisen Laut aus, ein Art mitleidvolles Seufzen. „Ihr seid traurig“, sagte sie unvermittelt. „Unter all dieser Wut und Verbitterung seid Ihr traurig, so traurig …“ Wieder seufzte sie auf, doch ihr entrückter Gesichtsausdruck wirkte diesmal schmerzverzerrt, als sie ihre eigene Brust betastete. Konnte sie etwa seinen eigenen seelischen Schmerz derart intensiv nachvollziehen? „Und Ihr seid einsam … Ihr fühlt Euch so einsam und verlassen wie –“

„Das reicht!“ Seine Schülerin war zusammengezuckt und aus ihrer Meditation aufgeschreckt. Sie blinzelte ein paar Mal, als habe sie vergessen, wo sie sich befindet, und wich dann instinktiv zurück, als Malgus sich vom Tisch erhob. „Geh“, knurrte er. Dass jede weitere Sekunde in seiner Gegenwart ein potenzielles Risiko für Leib und Leben gewesen wäre, begriff sie augenblicklich und keine Sekunde später war sie auch schon verschwunden.

Zurück blieb Malgus, der noch immer dastand, die Hände zu Fäusten geballt, während in seinem Inneren ein Orkan tobte. Ein leises, hohes Fiepen ließ ihn dann zur Seite sehen, wo Ragnos‘ Kopf unter dem Tisch hervorragte. Der Tuk’ata hatte aufgrund seiner Machtsensitivität wohl ebenfalls Malgus‘ brodelndes Temperament gespürt und war vorsichtshalber in Deckung gegangen. Doch nun kam er hervor und begann eifrig und unterwürfig, Malgus‘ Hände abzulecken. Dessen Mundwinkel zuckten, bevor seine aufgerissenen, rauen Lippen jenes leise Lächeln andeuteten, das bisher niemand außer seine beiden Diener und Eleena zu Gesicht bekommen hatten.

Eleena …

Er atmete tief durch. Es klang verdächtig nach einem schweren Seufzen. Mit trägem Blick verfolgte er, wie Ragnos mit erhobener Schnauze schnüffelte und schließlich, die Pfoten auf die Tischkante stützend, Männchen machte, um an seinen Teller zu kommen. „Wenn Berit das sehen würde …“, sprach er leise tadelnd. Der Wolfshund ließ sich davon allerdings überhaupt nicht stören, als er das Fleisch vom Teller stibitzte und dann nach dem Teller seiner Schülerin schielte, dessen Essen kaum angerührt worden war. Als Ragnos leise fiepte und ihn mit großen Augen und einem unschuldig-treuherzigen Blick anstarrte, stahl sich ein weiteres Lächeln über Malgus‘ Gesicht. Er warf ihm das restliche fein aufgeschnittene Roastbeef zu, dass der Tuk’ata geschickt auffing, bevor er sich von der Tafel erhob. Einen Moment noch sah er sich im Raum um. Genau das hatte er befürchtet, als er nur wenige Tage nach dem Ende der Schlacht von Coruscant und der Unterzeichnung dieses Schandfriedens für sich beschlossen hatte, nie wieder hierher zurückzukehren. Nicht nach dem Verlust, den er erlitten hatte, nicht nach der traurigen Pflicht, die ihm einen letzten Aufenthalt abnötigte, um seiner Eleena die würdevolle Bestattung zu geben, die sie verdient hatte. Er hatte sie im Leben nicht auszeichnen können, also war das Begräbnis die letzte Gelegenheit gewesen, seiner Gefühle für sie Ausdruck zu verleihen. Keine Stunde später war er abgereist und hatte bis gestern keinen Fuß mehr auf Dromund Kaas gesetzt.

Eleena …

Wieder kreuzte das Bild seiner Geliebten seine Gedanken. Alles, einfach alles in diesem Haus erinnerte ihn an sie. Wie sie hier immer gemeinsam gespeist und Eleena allzu oft versucht hatte, an seine Sanftmut zu appellieren. Wie sie so oft im Salon oder der Bibliothek gesessen hatten, wo sie, während er über Militärstrategien grübelte, eifrig lesen und schreiben gelernt hatte. Wie sie morgens zu ihm ins Büro gekommen war, nur den seidenen Morgenmantel über ihren zarten und doch fraulichen Körper gezogen, um ihm eine Tasse Kaffa zu bringen, versüßt von einem sanften Kuss. Und wie sie dann nachts, wenn beide vom Liebesakt verschwitzt und erschöpft und doch so glücklich beieinander lagen, ihre Arme um ihn gelegt und sich an seine Brust geschmiegt hatte, als sei es der einzige Ort in der ganzen Galaxis, der ihr Schutz böte. Wie Recht sie gehabt hatte.

Wie Unrecht sie doch gehabt hatte.

Sie hatte ihm vertraut.

Er hatte sie betrogen.

Sie hatte ihm ihr Leben gewidmet.

Er hatte ihr dafür den Tod gebracht.

Sie waren beide verdammt gewesen, dessen war sich Malgus nunmehr sicher. Sie hätten zusammen sein können, doch das Imperium hatte es nicht gewollt. Sie hätten miteinander glücklich sein können, doch die Macht hatte es nicht gewollt. Also hatte er das getan, was das Imperium, was die Macht von ihm verlangt hatte. Seine Tat war eine Tat der Notwendigkeit gewesen. Als Diener der Macht war es seine Pflicht gewesen, sich ganz ihrem Willen zu beugen, der Konflikt lautete. Und Eleena hatte diesem Willen entgegengestanden, hatte ihn besänftigt, hatte sein Herz mit heimlichen Träumen von Frieden und einem stillen, abgeschiedenen Leben zu zweit erfüllt. Ja, was er getan hatte, war notwendig gewesen. Und es war barmherzig gewesen, denn sein Lichtschwert hatte sie davor bewahrt, zur Zielscheibe der Missgunst und Vergeltung seitens seiner Rivalen zu werden. Sein Lichtschwert hatte sie vor weitaus Schlimmeren als den Tod bewahrt.

Ihr Leben war letztendlich der Preis gewesen, den er für seine Stärke und sein tieferes Verständnis der Macht hatte zahlen müssen.

Doch … war der Preis dafür nicht hoch gewesen?

Zu hoch?

Nein, kein Preis war zu hoch, wenn es um das Verständnis der Macht ging. Denn die Macht war alles.

Das hatte sich Darth Malgus seit jenem Tag immer wieder gesagt. Nur etwas tief in seinem Innersten verhinderte, dass er selbst daran glaubte.

Er sah auf, als etwas gegen sein Bein stupste, und begegnete Ragnos‘ treuherzigem Blick. Der Tuk’ata hatte fragend den Kopf zur Seite geneigt, als ahnte er, dass sein Herrchen unglücklich war, und begann dann eifrig, sein Gesicht abzulecken, als Malgus sich zu ihm herabbeugte, um ihn zu streicheln. „Na, alter Junge“, murmelte er dabei. „Jetzt sind wir allein, was?“

Zur Antwort fiepte der Wolfshund in hohen, kindlichen Tönen, als könnte er den Schmerz seiner Seele nachvollziehen.