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Abyssus Abyssum invocat

Chapter Text

Laut hallten ihre Schritte von den hohen Wänden wider, während sie langsam die Eingangshalle des Jedi-Tempels durchschritt. Ein schimmerndes Zwielicht herrschte, wie die ersten Sonnenstrahlen, die den Morgennebel durchbrachen. Sie war nicht allein; Hunderte von Jedi säumten den breiten Korridor, den sie entlangschritt, und auch auf der Balustrade, von der aus man von den oberen Stockwerken die weitläufige Halle überblicken konnte, stand ein Jedi neben den anderen Jedi. Kein einziger ließ sie aus den Augen, jeder von ihnen hatte die Hand auf sein Lichtschwert gelegt. Dennoch ging Violet weiter. Jeder Schritt unter dieser vollkommenen Überwachung fühlte sich schwer wie Durastahl an und kostete sie von Mal zu Mal mehr Kraft. Schwer keuchend, der Erschöpfung nahe, erreichte sie schließlich das Ende der Eingangshalle, wo die Schale mit dem Ewigen Feuer vor den gewaltigen Statuen der Ordensgründe brannte, jenem Feuer, das in der Philosophie der Jedi die Macht repräsentierte, die man wie eine Flamme von einem zum anderen weiterreichen und somit die Stärke der Macht in der Welt erhöhen konnte. Vor der Feuerschale standen die Mitglieder des Hohen Rates, die ihr gefasst entgegenblickten. Ihre Mienen verrieten, dass sie sie wiedererkannt hatten, doch sie konnte kein Wohlwollen in ihren Blicken erkennen, sondern nur den unerbittlichen Entschluss, sie hier nicht mehr willkommen zu heißen. Der Schmerz, der Violet in diesem Moment überkam, bohrte sich wie ein Messer in ihre Brust, und die klaffende Wunde, die diese Ablehnung verursacht hatte, verbreitete sich zu einem Abgrund in ihr, aus der eine Dunkelheit entströmte, die das zarte, weiche, schimmernden Licht, das die Halle erleuchtet hatte, gierig verschlang.

Als sie die Stufen erklommen hatte und dem Hohen Rat nun von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, suchte sie instinktiv den Blick ihrer einstigen Meisterin. Doch auch in Satele Shans Miene lag der harte Ausdruck der Ablehnung. „Du hättest nicht hierherkommen sollen“, sprach sie. Dabei klang ihre Stimme wie aus weiter Ferne und hallte wie ein Echo von den hohen Wänden wider.

„Ich hatte solche Sehnsucht“, flüsterte Violet. „Ich habe Euch so vermisst.“ Sie schniefte, als erste Tränen über ihre Wangen rannen.

„Warum hast du mein Angebot, mich nach Tython zu begleiten, dann zurückgewiesen?“

Das sichtbare Unverständnis in ihrem Blick ließ Violet verzweifelt den Kopf schütteln und schließlich vor Satele auf die Knie sinken. „Ich liebe Euch wie eine Mutter, aber ich kann nicht vergessen, was das Imperium uns angetan hat. Ich …“, ihr Atem stockte für einen Moment, „ich kann mir selbst nicht verzeihen, dass ich versagt habe und die Jünglinge nicht beschützen konnte.“

Zwar schwieg Satele daraufhin, doch immerhin wich ihre strenge Miene einem weicheren Blick, als sie die Hand hob und Violets Wange berührte. Die zärtliche Geste ließ letztere die Augen schließen und leise seufzen, als sie sich dem flüchtigen Gefühl der kindlichen Geborgenheit hingab. Erst ein erschrockener Laut aus dem Mund ihrer früheren Meisterin ließ sie wieder aufsehen, und voller Entsetzen starrte auch sie Sateles Hand an. Innerhalb von Sekundenbruchteilen wurde die Haut gräulich-fahl wie bei einer Leiche und ihre Adern traten schwärzlich unter der Haut hervor. Damit nicht genug, bereitete sich dieser Effekt immer weiter ihrem Arm entlang aus. Was auf den ersten Blick wie eine Krankheit wirkte, war tatsächlich die physischen Folgen der Korruption durch die Dunkle Seite. „Was hast du nur getan?“, sprach die Großmeisterin, die Augen in wilder Panik geweitet. „Was hast du uns nur angetan?“

Violet war unterdessen von ihr zurückgewichen und sah sich nun panisch um. Die Verderbnis, die von ihr ausging, hatte nicht nur die Großmeisterin und die anderen Mitglieder des Hohen Rats erfasst, sondern auch sämtliche anwesende Jedi. Ein Meer aus gequältem Stöhnen umgab sie, als ein Jedi nach dem anderen von der Dunkle Seite verschlungen wurden. Vielen stürzten letztlich tot zu Boden, doch einige erhoben sich nach einigen Augenblicken wieder, das Gesicht totenbleich und mit glühend gelben Augen. „Meisterin …“, wisperte sie in ihrer Hilflosigkeit.

Nicht länger in der Lage, gegen die Macht der Dunklen Seite anzukämpfen, sank Satele letztlich auf die Knie. Instinktiv wollte Violet ihr zur Hilfe eilen, doch eine unbekannte Macht, gleich zwei schweren Händen auf ihren Schultern, hielt sie zurück. Wieder keuchte die Großmeisterin entsetzt auf, doch diesmal war ihr Blick auf Violet gerichtet. Genauer gesagt, auf die Stelle unmittelbar hinter Violet. „Bei der Macht …“, flüsterte sie tonlos. In diesem Moment wurde sich auch Violet einer anderen Präsenz bewusst, einer Präsenz, die solch tödliche Kälte und lähmende Furcht ausstrahlte, dass sie zu keiner Bewegung mehr fähig war. Mit letzter Kraft streckte Satele ihre Hand aus, Violets Ärmel ergreifend, und versuchte, sie dieser Aura zu entreißen. Doch ihre Bemühungen waren vergeblich, und so starb die Großmeisterin des Jedi-Orden einen stummen Tod. Währenddessen hatten sich all jene Jedi genähert, die die Verderbnis durch die Dunkle Seite überlebt hatten und zu Sith geworden waren, und knieten vor Violet nieder.

Unterdessen kämpfte diese verzweifelt gegen die fremde Präsenz an, die ihren Geist und Körper zu überwältigen drohte. Das Gelächter, das daraufhin in ihren Ohren erklang, war so stumpf und gefühllos, als käme es aus einem Grab. „Dein Widerstand ist sinnlos, kleiner Jedi, genau wie dein Bestreben, die Sith und das Imperium zu vernichten. Stattdessen wirst du mein Werkzeug sein, um die Galaxis in Schmerz und Tod zu ertränken. Unzählige Leben wirst du in meinem Namen auslöschen und ich werde mir ihr Leid und ihre Qual einverleiben, bis die Galaxis ein toter Ort ist. Dann werde ich dir die Erlösung des Todes schenken, nach der es dir im tiefsten Winkel deines Herzens so sehr verlangt, und ich werde ewig sein.“

„Niemals“, keuchte Violet. Doch das Gefühl der Hände auf ihren Schultern wurde schwerer und schwerer, bis sie glaubte, unter der Last zermalmt zu werden. Mit letzter Kraft versuchte sie, zumindest ihren Kopf zu drehen, um das Wesen, was auch immer ihren Körper und Geist in Besitz nahm, erkennen zu können. Es knirschte und knackte, als würden unter der Anstrengung sämtliche ihrer Halswirbel brechen, als sie ihren Kopf zur Seite wandte. Nach dem, was sich wie eine Ewigkeit unter tausend Qualen anfühlte, schaffte sie es endlich, über ihre Schulter zu lugen.

Und als sie des Gesichtes ansichtig wurde, das sich hinter ihr aus den Schatten schälte, ein Gesicht, das eine Manifestation aller Verdorbenheit der Dunklen Seite war, da stieg ein so entsetzter Schrei in ihrer Kehle auf, dass sie ihn noch zu hören meinte, als sie aus dem Schlaf hochfuhr. Erschrocken sah sie sich um, doch konnte nichts Ungewöhnliches feststellen. Ihre Kleider vom Vortag lagen noch immer unordentlich auf dem Sofa, wo sie sie gestern Abend hingeworfen hatte, und ihre neue Waffe ruhte unbewegt auf dem Nachttisch neben dem Bett. Noch einige Minuten blieb sie im Schneidersitz auf dem Bett sitzen, wartete, bis sich ihre Atmung wieder beruhigt hatte, dann stand sie langsam auf und streckte sie schläfrig. Zu ihrer Ernüchterung musste sie feststellen, dass es noch immer oder schon wieder regnete, als sie die langen Vorhänge aufzog und einen grau-trüben Tag enthüllte.

In aller Ruhe begab sie sich dann ins Bad, und als sie wieder zurückkam, setzte sie sich nochmals aufs Bett, wo sie mit leerem Blick ihre Gedanken wandern ließ. An ihren Traum konnte sie sich bereits jetzt nur noch bruchstückhaft erinnern und die Geschehnisse des gestrigen Tages kamen ihr im Rückblick wie eine endlose Abfolge von Episoden vor, von der sich eine so absurd wie die andere angefühlt hatte. Was das alles wirklich so passiert, wie sie es in Erinnerung hatte? War sie wirklich von ausgerechnet dem Mann zur Schülerin erwählt worden, der sie einst hingerichtet hatte? Es klang einfach zu unglaublich, um wirklich wahr sein zu können, und doch war es so. Und noch etwas hatte sich unmerklich verändert, das ihr erst jetzt ins Bewusstsein trat: Hatte sie zuvor eine Mischung aus glühenden Hass und blinder Angst gelähmt, sobald sie an Darth Malgus dachte, so waren diese Empfindungen einem anderen Gefühl gewichen: Nämlich Verwirrung. Sie hatte stets ein bestimmtes Bild vor Augen gehabt, wie sich ein Dunkler Lord der Sith wohl Untergebenen gegenüber verhalten würde, das Bild eines brutalen Herr über gequälte Sklaven und das eines Tyrannen gegenüber allen nicht-machtsensitiven Imperialen. Die Realität – die Abwesenheit von geknechteten Zwangsarbeitern, der befehlende, aber ansonsten nicht unfreundliche Ton, den er den Pattows gegenüber anschlug, und nicht zuletzt seine allem Anschein nach aufrichtige Zuneigung zu seinem Tuk’ata – hatte Violets Vorstellung über seine Person gründlich durcheinandergebracht. Es irritierte sie zutiefst, festzustellen zu müssen, dass auch er nur ein Mensch war.

Sie gähnte nochmals laut auf und war schon versucht, sich noch für eine halbe Stunde ins Bett zu kuscheln, als sie des Chronometers ansichtig wurde, das auf dem Kamin stand und die Uhrzeit in holographischer Form über sich projizierte. Es war kurz vor 11 Uhr. Sie blinzelte, doch die Uhrzeit änderte sich keineswegs. Dann sprang sie wie von einem kowakianischen Echsenaffen gekniffen auf und schlüpfte in Windeseile in die schlichte schwarze Hose und den schwarzen, hochgeschlossenen Pullover. Sie nahm sich keine Zeit mehr, ihre Haare wie gewöhnt zu einem Knoten zusammenzustecken, sondern zog nur noch geschwind die hohen Stiefel an. Im Hinauslaufen rief sie noch ihr neues Lichtschwert mithilfe der Macht in ihre Hand und hackte es in ihren Gürtel ein.

Mit fliegenden Schritten rannte sie den Flur entlang und schwang sich dann über das Geländer, um freiweg hinunter ins Erdgeschoss zu springen. Ihre unkonventionelle Abkürzung ließ den Haushaltsdroide, der in aller Ruhe Staub gesaugt hatte, mit seinem steifen Gestell vor Schreck beinahe nach hinten umfallen. „Mein Sith-Lord, ich … ich …“, stammelte er mit erhobenen Händen.

„Wo ist Lord Malgus?“, unterbrach ihn Violet hektisch.

„Oh, ich weiß nicht, mein Sith-Lord. Man hielt es offenbar nicht für notwendig, mich darüber in Kenntnis zu setzen. Aber vielleicht kann Euch Mistress Pattow –“

Doch Violet war schon weitergelaufen, an Salon vorbei und ins Esszimmer, wo sich noch eine weitere Tür befand, hinter der sich die Anwesenheit nicht-machtsensitiver Lebewesen spüren konnte. Als sie sich näherte, hörte sie zudem Stimmen, die sie als die der Pattows erkannte. In ihrer Eile nahm sie sich keine Zeit, der Höflichkeit halber anzuklopfen, sondern stürmte direkt hinein. „Wo ist Darth Malgus?“, keuchte sie, gefolgt von einem hilflosen „Ich hab‘ verschlafen.“

Nestor, der am Küchentisch saß und auf einem Pad seine Zeitung gelesen hatte, und Berit, die eine Schürze trug und dabei war, einen Kuchen zu backen, warfen sich einen halb erschrockenen, halb überrumpelten Blick zu, bevor sie beide auflachten. „Oh, keine Sorge, mein Lord“, sprach die Haushälterin dann. „Obwohl ich zugeben muss, dass ich schon einmal versucht war, Euch von SE4 wecken zu lassen.“

Ihre Heiterkeit sprang keineswegs auf Violet über, an die sich nun ihr Mann wandte. „Mein Lord“, sagte er mit einer leichten Verbeugung, „Darth Malgus hat mich angewiesen, Euch heute nach Kaas City zu begleiten, um alle notwendigen Formalitäten zu regeln, wie Eure Einbürgerung ins Imperium und die Eröffnung eines Bankkontos. Als Sith-Schüler müsst Ihr schließlich solvent sein“, setzte er auf ihren irritierten Blick nach.

„Aber … ich habe gar keine Credits“, erwiderte sie perplex. Doch Nestor hob nur beschwichtigend die Hand. „Es ist mir nicht recht, dass …“, fing sie aus Verlegenheit an und geriet dann ins Stocken.

„Einen Schüler mit allen Notwendigkeiten auszurüsten, gehört zu den Pflichten eines jeden Meisters“, kam der Verwalter jeden Einwand ihrerseits zuvor. „Wenn es Euch recht ist, werden wir in gut einer Stunde aufbrechen?“

„Natürlich“, nickte sie zustimmend.

„Was möchtet Ihr frühstücken? Omelett? Sandwiches? Pfannkuchen?“, fragte Mrs. Pattow dann, noch während ihr Mann sein Pad zusammenpackte und ins Büro hinüberging.

Violet zuckte mit den Schultern. „Eigentlich … am liebsten alles. Und … einen starken Kaffa?“, sagte sie zögerlich.

Die Haushälterin schmunzelte daraufhin auf ihre feine, elegante Art. „Sehr gerne. Geht doch ruhig schon ins Speisezimmer hinüber, mein Lord, ich bringe Euch dann das Frühstück.“

Sie nickte und begab sich in den angrenzenden Raum hinüber. An der langen Tafel Platz nehmend kam sie sich seltsam verloren vor. Nach dem ersten Schreck über die Annahme, verschlafen zu haben, überkam sie jene Müdigkeit und Trägheit, mit der sie schon immer unmittelbar nach dem Aufstehen zu kämpfen hatte, und so genoss sie es, stumm und ungestört dasitzen zu können, während sie geistig noch ein wenig döste. Allerding fuhr sie zum zweiten Mal heute zusammen, als ein schriller, weiblicher Schrei die friedliche Stille durchschnitt. Der Stuhl fiel freiweg um, als Violet hektisch aufsprang. „Was ist?“, fragte sie atemlos, das Lichtschwert gezückt und schon entzündet, kaum hatte sie die Küche betreten.

Mrs. Pattow, ein wenig fahl im Gesicht, winkte ab, während sie sich mit einem feinen, kleinen Stofftaschentuch Luft zufächelte. Violet folgte ihrem Blick hinüber zur Tür, die nach draußen hinters Haus führte. Auf der Schwelle lag ein ausgerissener menschlicher Arm mit blutigem Stumpf und deutlichen Beißspuren, und davor saß Ragnos, das schneeweiße Fell voller Schlamm und Dreck, doch ansonsten so zahm und gehorsam wie das bravste Schoßhündchen. Kaum hatte er Violet entdeckt, fiepte er wie ein Welpe, bevor er den Arm packte und ihn ihr treuherzig vor die Füße legte. Dann setzte er sich und wartete hechelnd und mit zur Seite geneigten Kopf darauf, nun ausgiebig gelobt zu werden. „Dieser Hund“, murmelte Mrs. Pattow stattdessen, während sie sich einige Schweißperlen abtupfte, die sich auf ihrer Stirn gebildet hatten.

„Ich hoffe, das war nicht der Postbote?“, fragte Violet, als sie den Arm vorsichtig, aber ohne Ekel hochhob und wieder zur Hintertür hinauswarf. Ragnos bellte auf und rannte ihm hinterher. Er schien es offenkundig für ein Spiel zu halten, da er nur wenige Augenblicke später zurück in die Küche kam und ihr erneut den Arm zu Füßen legte.

„Ihr habt einen makabren Humor, mein Lord.“ Berit sah ihr zu, wie sie dem Arm erneut wie ein Stöckchen zur Tür hinauswarf. Bevor Ragnos aber wieder hereinkommen konnte, hatte Violet die Tür geschlossen.

„Die Frage war eigentlich nicht als Scherz gedacht“, erwiderte sie dann, obwohl sie noch immer damit kämpfte, ein Grinsen zu unterdrücken. Die Situation war zu absurd gewesen, um nicht einen boshaften Witz zu reißen. Ihre Neigung zum Zynismus war eine weitere Charaktereigenschaft gewesen, die sie in den Augen vieler Meister für einen Jedi disqualifizierte. Nun, von den moralischen Zwängen des Jedi-Ordens befreit, sah sie keinen Grund mehr, diese Eigenheit weiter zu unterdrücken.

Berit atmete tief durch, bevor sie antwortete. „Nun, ich vermute, dass das entweder einer von Grathans Männer war oder zu jener Einheit gehört, die Grathan belagern. Lord Grathan widersetzt sich augenblicklich offen dem Dunklen Rat und hat sich selbst zum dreizehnten Ratsmitglied ernannt. Sein Anwesen liegt nicht weit von hier, ein paar Meilen in westlicher Richtung, jenseits des Kaas Rivers“, fügte sie auf Violets fragenden Blick hinzu.

„Für eine Belagerung ist es aber ziemlich ruhig.“

„Wartet nur ab, bis sie wieder die Artillerie einsetzen. Dann werdet Ihr nachts kein Auge mehr zu–“ Sie unterbrach sich, als ihnen ein verbrannter Geruch in die Nase stieg, die von der Pfanne auf dem Herd herrührte. „Dieser fürchterliche Hund“, schimpfte die Haushälterin erneut, während sie den mittlerweile schwarzen Pfannkuchen entsorgte. „Verzeiht, mein Lord. Für gewöhnlich funktionieren alle Haushaltsabläufe tadellos.“ Sie seufzte dabei und tupfte sich mit ihrem Taschentuch die Stirn ab. Diese so distinguierte Geste ließ Violet erneut breit grinsen. „Bitte, Ihr müsst hier nicht warten, ich werde Euch gleich den Kaffa ins Speisezimmer hinüberbringen“, setzte sie nach, als Violet am Küchentisch Platz nahm und die dort stehenden Tassen zusammenräumte.

„Es macht mir nichts aus, hier zu essen“, erwiderte sie schlicht. „Sofern es Sie nicht stört.“

„Ihr seid sehr rücksichtsvoll. Für einen Sith, meine ich“, antwortete Berit dann, nachdem sie sich für einen Moment erstaunt gemustert hatte.

„Ich wusste nicht, dass ein Sith zwangsweise unhöflich sein muss. Lord Malgus scheint Sie auch … normal zu behandeln.“

Mrs. Pattow nickte schmunzelte, während sie sich daran machte, neue Pfannkuchen auszubacken. „Das stimmt. Wir können uns diesbezüglich keineswegs beklagen, gerade wenn man bedenkt, dass viele Lords bei ihren Bediensteten nur selten einen Unterschied zwischen Sklaven und uns imperialen Bürgern machen. Es liegt sicher auch daran, dass zumindest ich schon länger in diesem Haus lebe als Seine Lordschaft.“

„Wie das?“, hakte Violet erstaunt nach.

„Meine Eltern waren bereits für Darth Vindican, den Meister Seiner Lordschaft, als Verwalter tätig. Dieses Haus ist damit sozusagen auch mein Elternhaus. Und nach Lord Vindicans Tod haben zuerst meine Eltern und dann Nestor und ich Lord Malgus gedient.“ Ein nachdenkliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, während sie den Blick in die Ferne richtete, als dächte sie an ein lang zurückliegendes Ereignis.

„Ehrlich gesagt habe ich das Gefühl, dass Sie hier mehr zu sagen haben, als der Meister selbst.“

Da lachte Berit auf. „Nun … ich will nicht leugnen, dass ich jemand bin, der gerne das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Außerdem habe ich damals, als Seine Lordschaft als Schüler in dieses Haus kam, gleich klargestellt, wer hier das Sagen hat, indem ich ihn ziemlich streng und direkt darauf verwies, dass hier Zucht und Ordnung herrscht und er sich gefälligst daran zu halten habe.“

„Und das hat er sich bieten lassen?“, sagte Violet dann, die Augenbrauen ungläubig erhoben.

„Er war fünfzehn und ich schon neunzehn. Damit lag die Autorität eindeutig auf meiner Seite.“

Nun lachte auch Violet auf. „Ich habe mir das Heim eines Sith immer ganz anders vorgestellt“, sprach sie dann. „Als eine Art düstere Festung mit vielen Soldaten und Kriegern und dazwischen unzählige Sklaven …“ Sie zuckte mit den Schultern und schüttelte dabei den Kopf. „Hatte der Meister denn nie Sklaven?“

„Doch, es gab hier Sklaven, aber das ist lange her. Seit Miss Eleena …“ Da brach die Haushälterin abrupt ab. „Aber das ist eigentlich auch nicht so wichtig“, gab sie dann zur Antwort. Gerade das glaubte ihr Violet aber nicht, und die Erwähnung dieses Namens hatte ihr Interesse geweckt, das sie in diesem Moment aber zügelte. Sie konnte es schließlich nicht riskieren, dass die Haushälterin bei allzu direkten Fragen nach den Lebensumständen ihres Meisters misstrauisch werden und ihr im schlimmsten Fall noch unterstellen würde, etwas im Schilde zu führen. Also richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Teller mit den Pfannkuchen, die sie mit Marmelade und Schlagsahne zu füllen begann, während Mrs. Pattow ihr noch Speck und Spiegeleier herausbriet. Stille herrschte zwischen beiden Frauen, während Violet aß und Berit dann ebenfalls am Tisch Platz nahm und sich wieder ihrer Handarbeit widmete. Beiläufig folgte Violet den geübten Bewegungen ihrer Hände, doch blinzelte dann, als sie sich des Kloßes in ihrem Hals und des beklemmenden Gefühls in ihrer Brust bewusst wurde. „Ist alles recht, mein Lord?“, fragte die Haushälterin nach, als Violet sie nur unverwandt anstarrte.

Diese nickte rasch und würgte den Bissen hinunter. „Ich … Sie haben mich gerade an meine Mutter erinnert …“ Ein Lächeln bildete sich langsam auf Berits Gesicht, so warm und herzlich, dass das Gefühl der Beklemmung in Violets Brust nur noch zunahm. „Haben Sie eigentlich Kinder?“, fragte sie plötzlich.

Mrs. Pattows Lächeln schwand daraufhin. Es verblasste nicht, doch bekam einen bitteren Zug. „Wir haben … hatten … haben vielleicht noch eine Tochter“, antwortete sie schließlich. So neugierig Violet auch war, so deutlich spürte sie, dass sie hier auf einen wunden Punkt getroffen war, der die Fassade der ansonsten stolzen und selbstbewussten Frau zum Bröckeln bringen würde. „Ihr erinnert mich an sie“, erzählte sie plötzlich. „Avril hatte auch die Macht, wisst Ihr. Sie war vierzehn, als wir sie nach Korriban schicken mussten … Aber das ist lange her, mehr als fünfundzwanzig Jahre …“

„Haben Sie … nichts mehr von ihr gehört?“, fragte Violet vorsichtig nach.

Berit schüttelte leicht den Kopf. „Aber das muss nichts heißen. Sith, die nicht-machtsensitiven Familien entstammen, kehrten in der Regel nicht mehr zu ihren Familien zurück, wenn sie einmal ihren Sith-Namen angenommen haben und in die Gemeinschaft der Sith aufgenommen worden sind. Wer weiß, ob unsere Avril mittlerweile vielleicht sogar ein hochrangiger Sith-Lord ist …“

„Bestimmt ist sie das“, entgegnete Violet. Das Lächeln, das sie ihr schenkte, war so gänzlich verschieden von ihrem vorherigen Grinsen. Statt des spöttischen Untertons war es warm, weich, sogar freundlich und sanft. Hätte Berit Pattow um ihre Vergangenheit gewusst, so hätte sie nun erkannt, dass sie in diesem Moment dem wenigen begegnete, das von der einstigen Padawan-Schülerin übrig war. Violet hingegen verschwieg bewusst die Tatsache, wie unwahrscheinlich es war, dass ihre Tochter die Ausbildung auf Korriban überlebt hatte, denn durchschnittlich bestanden nur rund dreißig Prozent aller Anwärter die Prüfungen und von diesen wurde wiederum nur jeder Dritte und Vierte von einem Lord oder einem Darth als Schüler angenommen.

Stumm aß sie dann weiter, während sich Berit wieder ihrer Handarbeit widmete, nachdem sie sich die Augenwinkel abgetupft hatte, die feucht glänzten. „Vielen Dank“, sprach Violet dann, nachdem sie bis zum Platzen gefüllt das Besteck beiseite legte. „Es war köstlich.“  

„Es freut mich, dass zumindest einer meine Bemühungen zu schätzen weiß.“ Da war es wieder, dieses vornehme Lächeln, das sie so stolz und elegant wirken ließ. „Mein Mann wird sich wohl im Büro befinden. Geht einfach von der Eingangshalle aus an der Bibliothek vorbei.“

„Bis später“, verabschiedete sich Violet. Sie holte zuvor noch ihren langen, schwarzen Mantel aus dem Zimmer, bevor sie sich wieder hinunter ins Erdgeschoss begab.

„Mein Lord …“ Nestor Pattow nahm seine Brille ab und verbeugte sich leicht, als er sich bei Violets Eintritt vom Schreibtisch erhob. Neugierig sah sie sich um, musterte dabei die vielen Akten in den hohen Schränken. „Wenn es Euch recht ist, dann können wir in ungefähr zehn Minuten aufbrechen.“

„Natürlich …“ Sie blickte sich erneut um und verfolgte dann leise seufzend, wie der Regen noch immer gegen die hohen Fenster prasselte. „Wenn ich fragen darf: Was ist Ihre genaue Aufgabe?“, sprach sie dann neugierig.

„Konkret kümmere ich mich um alle administrativen Belange von Lord Malgus‘ Vermögen und Besitz“, antwortete er, noch während er ein Dokument las. „Wenn Ihr es wünscht, werde ich auch für Euch die Verwaltung Eurer zukünftigen Besitztümer übernehmen. Eure Dienste für das Imperium werden schließlich mit Prämien belohnt, die wiederum wie alle Kapitelerträge besteuert werden müssen. Allerdings kann man diese Abgaben mit einer sorgfältigen Vermögensplanung auch entsprechend minimieren“, setzte er mit einem leisen Lächeln nach. „Außerdem könnt Ihr später als Lord auch Lehen erhalten, Grundbesitz oder auch Eigentumsanteile an staatlichen Wirtschaftsunternehmen. Meist sind diese Lehen nicht vererblich, aber es gibt auch Schenkungen, die für außergewöhnliche Leistungen vom Imperator selbst gewährt werden.“

All das war Violet nicht bekannt gewesen, und sie hatte sich bis jetzt auch noch nie gefragt, woher das Vermögen eines Sith-Lords konkret rührte. Wieder etwas, dass sie nicht gewusst hatte, wieder etwas, das so ganz anders als früher bei den Jedi war. In diesem Moment kam Violet ihr früheres Leben wie ein ferner Traum vor, dessen Erinnerungen immer schneller verblassten. „Es ist so komisch“, murmelte sie plötzlich.

„Mein Lord?“, hakte der Verwalter erstaunt nach.

„Ich meine, alles hier …“, sie machte eine raumergreifende Geste, „wirkt so ruhig, beinahe friedlich … normal eben.“

Mr. Pattow schmunzelte daraufhin auf seine zurückhaltend-ruhige Art. „Ihr hattet wohl eine recht abenteuerliche Vorstellung davon, wie das Imperium im Inneren funktioniert?“

„Die hatte ich wohl …“, gestand sie nachdenklich. „Aber wie kommen Sie darauf?“

„Seine Lordschaft hat uns heute Morgen darüber informiert, woher Ihr ursprünglich kamt.“

Ein kurzes, freudloses Grinsen verzog für einen Moment ihr Gesicht. „Denken Sie jetzt besser oder schlechter von mir, wenn Sie nun wissen, dass ich nicht immer eine Sklavin war, dafür aber aus der Republik stamme?“

„Mein Lord …“, murmelte der Verwalter. Ihre forsche Frage hatte ihn sichtlich überrumpelt. „Ich habe zuvor nicht schlecht von Euch gedacht und denke nun ebenso wenig schlecht von Euch.“

„Auch nicht, solange Sie glaubten, ich sei eine ehemalige Sklavin? Die meisten imperialen Bürger scheinen für Sklaven nicht viel übrig zu haben …“

Mr. Pattow zuckte daraufhin mit den Schultern, aber nicht auf die Art und Weise, die Langeweile und Teilnahmslosigkeit ausdrückte. Etwas Resigniertes lag in dieser Geste, als wollte er ebenfalls damit sagen, dass er diese Haltung nicht nachempfinden könne. „Sie weichen mir mit einer Antwort aus“, sagte Violet, die ihn scharf beobachtet hatte, dann.

„Nun …“ Wieder zögerte er, als wollte er zuerst genau überlegen, was er erwidern würde. „Ihr müsst wissen, dass ein Elternteil von mir ebenfalls der Sklaverei entstammt.“

Diese Nachricht sorgte, wie wohl von ihm erwartet, für einiges Erstaunen bei Violet. „Und dennoch haben Sie es so weit geschafft? Ich meine, als Verwalter für einen Sith-Lord zu arbeiten, scheint keine schlechte Stelle zu sein …“

„Ich hatte Glück. Viel Glück, muss man wohl sagen. Meine Mutter war ihrerseits bereits als Sklavin geboren, während mein Vater ein freier Bürger und stolzer Offizier war. Sie war viele Jahre jünger als er und ist ihm von seinem Sith-Vorgesetzten …“, er suchte nach einem passenden Ausdruck, „nun, geschenkt worden. Als sie schließlich schwanger wurde – was sicherlich so nicht geplant war –, hat mein Vater aber dann Courage bewiesen und ihr nicht nur die Freiheit gegeben, sondern sie auch geheiratet. Aus karrieretechnischer Sicht war es natürlich der größte Fehler seines Lebens, denn sein Vater entzog ihm aufgrund der Mesalliance wutentbrannt jede Unterstützung und verwies ihn des Hauses. Als Major war er natürlich nicht schlecht gestellt, aber er erlangte niemals mehr einen höheren Rang. Dafür, so könnte man einwenden, hatte er ein glückliches Privatleben. Zumindest machte er einen glücklichen Eindruck, wenn er bei uns war, was nicht oft vorkam.“ Noch während er erzählte, hatte Nestor seine Lesebrille abgenommen. Sein Blick, schwer von Erinnerungen, war in die Ferne gewandert. „Dennoch muss es für ihn schwer gewogen haben, dass sein einziger Sohn nicht in seine Fußstapfen hatte treten können. Damals, vor dem Ausbruch des Großen Krieges, wurden wesentlich höhere Anforderungen an die Anwärter gestellt, die zum imperialen Militär wollten. Sie mussten unter anderem auch ihre legitime Abstammung von freien Bürgern nachweisen, andernfalls – wenn ein Elternteil der Sklaverei entstammte – war es nur möglich, die Mannschaftsränge bis zum Sergeant aufzusteigen. Dementsprechend war für mich schon sehr früh klar, dass ich einen anderen Weg einschlagen würde, also habe ich lieber studiert. Und dabei dann meine Berit kennengelernt. Ihre Eltern waren wiederum weniger begeistert, als ihre einzige Tochter schließlich einen Sklavenabkömmling, wie sie mich nannten, heiraten wollte. Aber wenn sich Berit etwas in den Kopf gesetzt hat, dann bringt sie keiner davon ab.“ Wieder schüttelte er leicht den Kopf. Diesmal zierte aber ein warmes Lächeln seine Miene und ein Funkeln lag in seinen Augen, was diesen blassen und so biederen Mann auf einmal zehn Jahre jünger wirken ließ. „Verzeiht, mein Lord“, unterbrach er sich und auch Violet, in der er eine aufmerksame Zuhörerin gefunden hatte. „Noch einen Moment, dann wäre ich fertig. Das ist übrigens der Antrag für Eure Einbürgerung. Den anderen Antrag für Eure Kontoeröffnung habe ich schon ausgefüllt. Wenn Ihr nur noch unterschreiben würdet …“ Violet nahm den Füller entgegen und signierte nach kurzem Zögern die Flut an Dokumenten mit ihrem Sith-Namen. „Es ist wirklich ein Kreuz mit dieser Bürokratie …“, murmelte er dabei.

„Seien Sie lieber froh. Ohne sie wären Sie schließlich arbeitslos.“

Er sah sie irritiert an, bis sie langsam, aber dann übers ganze Gesicht grinste. „Ihr … könnt sehr desillusionierend sein, mein Lord“, gab er dann, ebenfalls leise grinsend, zurück.

„Dabei war ich früher mal ein wahrer Idealist …“ Sie zuckte mit den Achseln. Für einen Moment blickte etwas Ernstes, Hartes und schließlich Unglückliches in ihrer Miene auf. Doch bevor Mr. Pattow darauf hätte eingehen können, hatte sie sich schon auf den Weg zurück in die Eingangshalle gemacht.